8. Kapitel
Annika saß in ihrem Lieblingssessel und las ein Buch. Ein erotischer Roman. Sie liebte diese Romane. Vor allem die Männer, die darin vor kamen. Und sie stellte sich die Szenen natürlich auch sehr gern vor. Mit sich selbst in der Hauptrolle.
Ein Seufzen wich von ihren Lippen. Ihr letzter Sex war schon viel zu lange her. Sie zog die Beine an und drückte das Buch an ihre Brust.
"Oh Lachlan!" Ihre nackten Füße vergruben sich im roten Plüsch des Sessels und sie lehnte ihren Kopf gegen die Rückenlehne. Sie wollte auch einen Wolf ganz für sich allein. Einen leidenschaftlichen Mann, der nicht mehr die Hände von ihr lassen konnte. Der ihre Schwächen verstand und sie nicht wegen ihres Fluches verurteilen würde. Einen starken Mann, der sich ihrer Mutter stellen würde. Und dazu braucht es einiges an Mut.
Nichtmal Ann selbst hatte die Kraft, ihre Mutter anzurufen geschweige denn, ihr Vorhaltungen wegen ihrer Abwesenheit zu machen. Sie verwandelte sich jedes Mal in ein kleines Mädchen, dass sich über jede kleine Liebesbekundung freute. Alles, ein kurzes streifen ihres Kopfes, ein kleines Lächeln, eine Karte zu ihrem Geburtstag... Alles, nur nicht diese Distanziertheit und diese kühlen Blicke.
Ein Klingeln ertönte von der Tür und als sie hörte, wie Jeanette zur Tür eilte, versank sie wieder in ihrem Buch. Ihre Cousine, bei der sie seit ein paar Jahren wohnte, war eine starke Hexe. Und sehr alt. Ab und zu machte sie ihr wirklich Angst, aber im großen und ganzen war sie gern mit ihr zusammen. Sie leitete seit zwei Jahren einen kleinen Hexenzirkel, der aus ein paar jungen Hexen bestand, deren Eltern Jeanette für eine gute Ausbildung bezahlten. Sicher war das jetzt wieder eine der kleinen Hexen. Diese Anfängerinnen kamen zu jeder Tages- und Nachtzeit.
Aber sie mochte die kleinen, unschuldigen Dinger. Das letzte Mal, als Ann mit ihnen und Jeanette unterwegs gewesen war, hatten Bauarbeiter den Mädchen nachgepfiffen und schmutzige Sachen gerufen. Die Köpfe der Mädchen hätten nicht leuchtend roter sein können. Aber die waren ja auch alle erst siebzehn. Die Erfahrung und das Selbstbewusstsein würden später noch kommen. Nach den ersten zwei oder drei Männern.
Hexen waren im Wesen sehr wollüstige Frauen. Einer der Gründe, warum mächtige Hexen immer in der oberen Liga der Politik vertreten waren. Früher als Königinnen und Mätressen, heute als Geschäftsfrauen und Politikerinnen. Weniger starke oder talentierte Hexen landeten auf dem Strich oder im Bordell.
Auf dem Scheiterhaufen hatte jedoch noch nie eine echte Hexe ihr Leben gelassen. Außer ein oder zwei Ausnahmen, die sich durch ihre eigene Dummheit in diese Lage gebracht hatten. Außerdem zog die magische Aura und Schönheit der Hexen Männer aller Art wie ein Magnet an.
Perfekt, wenn man mit Männern turteln
durfte.
Plötzlich wurde zögerlich an ihrer Tür geklopft und als sich diese öffnete, stand eine in Tränen aufgelöste Cassandra vor ihr.
"Schatz! Was ist denn los?" Annika warf das Buch zur Seite und nahm Cass in die Arme, die schon wieder schluchzte.
"Josh..." Annika führte sie zum Bett und ließ sie darauf Platz nehmen. Leider hatte sie kein Sofa mehr. Es war ihrem letzten misslungenem Anti-Rausch-Zauber zum Opfer gefallen. Und dabei hatte sie es geliebt.
"Was ist mit ihm?" Cassandra hob ihr Handy hoch und zeigte ihr seine letzte Nachricht:
Es war wirklich toll mit dir. Aber wir kommen
aus unterschiedlichen Welten.
Es gibt zu vieles was nicht angesprochen wurde.
Das würde auf lange Sicht nicht funktionieren. Josh.
Es gibt zu vieles was nicht angesprochen wurde.
Das würde auf lange Sicht nicht funktionieren. Josh.
Annika durchfuhr plötzlich das sengende Gefühl der Wut.
"Er hat per SMS mit dir Schluss gemacht?" Wimmernd nickte Cass und holte ein frisches Papiertaschentuch hervor.
"Was hab ich denn falsch gemacht? Gestern waren wir im Fitnessclub und heute nach der Arbeit bekomme ich diese SMS." Annika wusste genau, dass Cassy bei Männern immer äußerst vorsichtig war.
Damals in der Highschool hatte ein Junge das Gerücht in die Welt gesetzt, sie wäre leicht zu haben. Dabei war sie zu diesem Zeitpunkt noch Jungfrau gewesen! Seitdem war sie nur mit wenigen Männern aus. Und die wenigen, mit denen sie aus gewesen war, haben sich auch nicht gerade als die beste Wahl herausgestellt.
Außerdem schreckte ihr Reinlichkeitstick viele Männer ab.
Wer putzt schon jeden Tag seine Wohnung? Und
desinfiziert alles? Darüber hinaus duscht sie mindestens zwei mal
am Tag und hat wahrscheinlich das größte Putzmittelarsenal der
ganzen Stadt.
Und seit Rick hatte sie sich sowieso nicht mehr mit Männern getroffen.
Josh war der Erste seit Jahren, dem sie mehr als nur Freundschaft angeboten hatte. Sie hatte ihm ihr Herz geöffnet. Das er jetzt einfach so Schluss machte, konnte sie nicht verstehen. Er war verrückt nach Cassy, dass hatte sie sehr deutlich gespürt. Was war also geschehen? Sie strich Cass abwesend über den Rücken um sie zu beruhigen und dachte nochmal über alles nach. Aber es wollte einfach nicht in ihren Kopf.
Dieser dumme Wolf!
Plötzlich hob Cass ihren Kopf und versuchte ihre Tränen mit einem Lachen zu überspielen.
"Jetzt sitze ich mal wieder hier bei dir und heule dir die Ohren voll. Tut mir Leid." Ann drückte Cassandra wieder an sich.
"Du bist meine beste Freundin. Ich werde immer für dich da sein. Egal was passiert. Du hast die offizielle Erlaubnis, immer und zu jeder Zeit, zu mir zu kommen und mir die Ohren voll zu heulen."
Sie spürte, dass Cass sie ebenfalls fester umarmte und so bewegte sie sich nicht. Cass brauchte diese freundschaftliche Zuneigungsbekundung, genau so wie sie selbst.
An Cassandras Atmung erkannte Ann, dass sie sich wieder beruhigt hatte und wuschelte ihr durchs Haar.
"So. Und nun wirst du nach Hause gehen, duschen und dich schick machen. Dann gehst du zu Josh und ihr zwei sprecht euch aus." Als Cass zu einer Widerrede ansetzen wollte, hob Ann den Zeigefinger.
"Wehe du widersprichst mir! Du tust genau das, was ich eben gesagt habe."
Ein Lächeln erhellte Cassandras Gesicht und sie stand langsam auf.
"Ok. Ich versuch es." Als sie an der Tür war, drehte sie sich noch einmal zu ihrer besten Freundin um.
"Kann ich dich heute Abend noch mal anrufen?" Ann lächelte.
"Natürlich. Ich will doch wissen, wie die Geschichte ausgegangen ist."
Nachdem Cassandra das Haus verlassen hatte, nahm Annika ihr Handy und tippte Joshs Nummer ein. Wenn sie etwas konnte, dann sich Nummern merken. In Geschichte war sie immer ein Ass gewesen. Im Gegensatz zu allen anderen Fächern, die bedeutend wichtiger waren als Geschichte.
Als Josh am anderen Ende der Leitung war, sagte sie in ihrem furchteinflößensten Singsang: "Wenn du mir nicht auf der Stelle einen sehr wichtigen und logischen Grund nennst, warum du meiner Cassy das Herz gebrochen hast, werde ich die schlimmsten Seuchen der Menschheit über dich ergießen."