19. Kapitel
Etwas außer Puste kam Josh bei Dereks Villa an. Sie hatte nicht viel Ähnlichkeit mit seiner Eigenen und wirkte kühl und verlassen. Sie schien irgendwie zu Derek zu passen. Er schlich sich ums ganze Haus und suchte nach einem Eingang, der nicht bewacht wurde.
Am Haupteingang stand ein bewaffneter Mann und der Hintereingang war durch eine Alarmanlage gesichert. Außerdem vermutete er hinter der Tür einen weiteren Wachmann. An Dereks Stelle wäre Josh auch übervorsichtig.
Plötzlich hörte er vor sich ein Geräusch und versteckte sich hinter einer Hecke. Ein Junge, geschätzte vierzehn Jahre alt, drückte eine versteckt gelegene Tür auf und verschwand im Gebüsch, nachdem er sie wieder geschlossen hatte. Josh sah sich um. Vielleicht war es auch eine Falle. Aber als nach ein paar Minuten immer noch niemand zu sehen war, ging er zu der Geheimtür und öffnete sie. Als er den alten Gang betrat, musste er sich die Nase zuhalten. Es roch vermodert und verschimmelt.
Lag da etwa auch der Geruch von Verwesung in
der Luft?
Er wollte gar nicht daran denken. Seine Augen gewöhnten sich recht
schnell an die Dunkelheit und er begann mit seiner Suche.Überall waren kleine Spalten oder Löcher, durch die er in die jeweiligen Räume sehen konnte. Aber alle waren leer. Am Ende des Ganges war eine kleine schmale Wendeltreppe, die nach oben führte. Er stieg langsam und vor allem leise hinauf. Er war sich sicher, dass er trotz des Versteckes gehört und auch gewittert werden konnte. Er seufzte. Wenn doch Cass einen eigenen Geruch hätte. Dann bräuchte er nicht alle Räume zu überprüfen. Ihr Geruch würde ihn sofort zu ihr führen.
Im dritten Raum des Obergeschosses sah er Licht. So leise wie möglich schlich er sich zu dem Spalt in der Wand und spähte hindurch. Vor Erleichterung wäre er beinahe in die Knie gegangen. Dort stand seine Cassandra. Zusammen mit ihrer Nichte. Ihnen ging es gut. Dann hörte er sie wütend sagen: "Warum musste meine Mutter sterben?" Sie drückte Charlott fest an ihre Brust, als sich Derek ihr näherte. Josh konnte ihn nur von hinten sehen, aber seine Statur und sein Geruch waren unvergesslich in sein Gehirn eingebrannt. Kurz vor Cass blieb er stehen.
"Sie war bildhübsch und verstand es, einem Mann den Kopf zu verdrehen. Als sie einwilligte mich zu heiraten wurde ich von allen beneidet. Mein Vater überließ mir die Leitung des Rudels und beglückwünschte mich zu der ersten guten Entscheidung in meinem Leben." Seine Worte klangen abfällig und sarkastisch.
"Aber ich hatte mich in Carla getäuscht. Sie war aufmüpfig und temperamentvoll und noch nicht mal mehr Jungfrau! In unserer Hochzeitsnacht musste ich sie mir gefügig machen und stellte gleich ein paar Regeln auf. Jedes Widerwort wurde sofort bestraft. Ich wollte ein scheues, dummes Mädchen, dass sich im Hintergrund hielt und nicht versuchte, sich in meine Politik einzumischen. Mit der Zeit wurde sie lästig, also erfand ich die Liason mit einem Menschen. Es gibt in einem Rudel nichts schlimmeres. Als ich sie verbannte, gab sie kein Widerwort von sich, was mich damals noch erstaunte. Hätte ich zu diesem Zeitpunkt gewusst, dass sie schwanger war, hätte ich sie auf der Stelle getötet. Aber zum Schluss hat sie ihre gerechte Strafe bekommen." Er trat noch näher an sie heran und hob die Hand, um ihr Gesicht zu berühren.
"Du bist ihr wie aus dem Gesicht geschnitten..." Sie funkelte ihn böse an und wich einen Schritt zurück.
"Wage es nicht, mich anzufassen!" Er grinste höhnisch.
"Was willst du dagegen tun?" Sie wich weiter zurück und sah Charlott in ihren Armen an. Josh konnte ihr ansehen, was in ihr vorging. Das Baby war die einzige Familie, die sie noch hatte.
Sie wollte kämpfen.
Alle seine Nackenhärchen stellten sich auf, als Josh das klar wurde
und suchte nach einer Möglichkeit in den Raum zu kommen.
Derek würde sie töten.
Cass drehte in diesen Moment Derek den Rücken zu und rannte zu dem
großen Schreibtisch. Sie legte Charlott vorsichtig darunter ab und
wollte gerade wieder aufstehen, als Derek in ihre lange Mähne griff
und sie daran hoch riss."Ihr werdet beide sterben. Du brauchst gar nicht erst versuchen die Kleine zu beschützen. Carmen hat sich auch nur anfangs gewehrt, dann ist sie mit einem Lustschrei auf den Lippen gestorben." Ihre Augen sprühten vor Hass.
"Du lügst! Sie hatte einen Autounfall." Derek lachte aus vollem Hals und knallte ihr Gesicht auf den Tisch. Als er ihren knielangen Rock langsam nach oben schob, sagte er: "Der Unfall war gestellt. Ich habe sie erst getötet und dann das Auto abbrennen lassen. Es war so einfach." Cass ballte ihre Hände zu Fäusten und wand sich unter ihm. Alles was auf der Tischplatte gelegen hatte, wurde auf den Boden verteilt.
"Du Schwein! Du Hurensohn! Das wirst du bereuen!" Ohne mit der Wimper zu zucken, schlug er ihren Kopf so stark auf den Tisch, dass sie Sterne sah.
"Du bist genau wie Carla! Es wird mir eine große Freude sein, ihre zweite Tochter ebenfalls zu töten. Aber vorher will ich sehen, ob dein Körper auch so geschmeidig ist wie ihrer. Eng und zierlich. Ich will hören wie du schreist, wenn ich in dich eindringe und dich ficke. Carmen hat nicht mehr all zu viel Gegenwehr geleistet, als ich in ihr war. Ihr hat es gefallen, genau wie der Hure, die eure Mutter war." Ungeduldig nestelte er an ihrem Rock und zerriss ihn dabei. Cass schrie auf und trat um sich. Endlich hatte Josh den Durchgang in den Raum gefunden und stieß ihn auf.
"Lass die Finger von meiner Frau!" Mit weit aufgerissenen Augen drehte sich Derek zu Josh um, der plötzlich im Raum stand. Jetzt wird dir gleich kräftig in den Arsch getreten. Anscheinend wusste er nichts von den Geheimgängen in seinem eigenen Haus. Als Josh näher kam, ließ Derek Cassandra los und nahm eine Verteidigungshaltung ein. Er schien zu wissen, dass Josh stinksauer war, auch wenn sein Äußeres vor Ruhe nur so strahlte.
"Was zum Teufel tust du hier?" Joshs Miene blieb ungerührt.
"Glaubst du wirklich, ich lasse meine Frau in deinen dreckigen Händen?" Cass rutschte vom Tisch und versteckte sich dahinter. Sie war unendlich froh, Josh zu sehen. Schon bei dem ersten Wort, dass er gesagt hatte, war ihr Herz stehen geblieben. Charlott war unbeeindruckt von dem Spektakel und spielte seelenruhig mit einem Stift unter dem Tisch.
Immerhin etwas
, dachte Cassandra. Dann sah sie wieder zu den zwei Männern. Derek
hatte wohl schon einen Schlag einstecken müssen, da seine linke
Wange etwas dunkler war als der Rest seines bleichen Gesichtes und
aus seinem Mundwinkel Blut lief. Nicht viel, aber Cass freute sich
unheimlich darüber.Er hatte ihr so viel genommen. Ihre Mutter. Ihre Schwester. Charly. Wenn er jetzt nicht gestoppt würde, könnte er ungestraft weiter machen können.
Jedes Mal, wenn die beiden Männer zusammen trafen, ertönte ein tiefes grollen. Oder war es ein Knurren? Sie lehnte sich weiter vor, um mehr zu sehen. Soweit sie das beurteilen konnte, waren die beiden sich ebenbürtig, wobei Josh nicht ganz ausgeruht schien.
Als er einen harten Treffer von Derek einstecken musste, schrie Cassandra kurz auf. Sie hätte hinter dem Tisch bleiben und den Kampf nicht beobachten sollen. Josh sah besorgt in ihre Richtung und Derek schlug ihm mit voller Kraft in den Magen. Es sah so aus, als würde alle Luft aus Josh weichen und er sank auf die Knie. Dann verpasste Derek ihm noch einen heftigen Schlag mit einem Stück Kaminholz, das neben ihm auf dem Boden gelegen hatte und Josh ging komplett zu Boden.
Im nächsten Moment stürzte sich Derek mit einem wütenden Schrei auf Cassandra, die schon auf halben Weg zu Josh war. Erschrocken ging sie ein paar Schritte zurück und stolperte, sodass sie rücklings zu Boden fiel.
"Du kleine Hure! Du bist genau wie deine Mutter. Und du wirst genau wie sie sterben!" Er kniete sich über sie und begann sie zu würgen. Seine großen Hände waren kräftig und sie bekam kaum noch Luft.
"Nachdem du Ohnmächtig geworden bist, werde ich dich von deinem hübschen Hals bis zu deinem Bauchnabel aufschneiden und dein Herz mit meinen bloßen Händen heraus reißen." Völlig verzweifelt griff sie nach allem was sie in die Finger bekam und schlug es ihm gegen den Kopf. Aber irgendwann machte sich der Sauerstoffmangel bemerkbar und schwarze Flecken tanzten über ihr Blickfeld.
"Na, wie ist es, kurz bevor man stirbt? Dein Freund und das Baby werden dir bald folgen und ich kann mir sein Gebiet aneignen. Immerhin hat er mich überfallen. In meinem eigenen Haus." Ein lautes Lachen wich aus seinem Hals, dann fuhr er fort: "Mit seinem Gebiet werde ich der mächtigste Mann der Welt sein. Das jungfräuliche Alexandria." Mit letzter Kraft bekam sie etwas metallisches in die Hand und stieß zu.
Keuchend wich er vor ihr zurück und sah sich seine Rippen an. Sie hatte ihm einen Brieföffner in den Leib gerammt. Das Silber verbrannte regelrecht das Fleisch um die Einstichwunde herum und sein Gesicht war schmerzverzerrt.
Als sie nach einem heftigen Hustenanfall wieder etwas zu Luft gekommen war, rappelte sie sich auf und sah ihn ängstlich an. Er zog den Brieföffner aus seinem Körper und stürzte sich damit brüllend auf Cass. Ein kurzes Handgemenge folgte, indem sich Cass tapfer hielt und ihn so gut wie möglich abwerte. Seine Kraft hatte durch die Verletzung gelitten. Plötzlich war vor der Tür ein lauter Tumult zu hören. Derek erhob seinen Kopf und brüllte: "Verschwindet! Ich brauche eure Hilfe nicht!" Doch draußen waren immer noch laute Stimmen zu hören. Eine Frau antwortete mit tiefer Stimme: "Wir wollen dir nicht helfen, sondern dich aufknüpfen! Wir haben alles gehört. Wie du uns getäuscht und Carla getötet hast!" Derek sprang auf. Cass konnte plötzlich Angst in seinen Augen erkennen.
"Nein!" Er sah sich um und entdeckte die Geheimtür, durch die Josh eingetreten war.
Er warf Cass einen mörderischen Blick zu und sagte: "Wir sind noch nicht fertig miteinander!" Damit verschwand er in den Geheimgang. Cass blieb noch einen Moment sitzen, um den Schock zu verdauen, bevor sie zu Josh eilte.
Die Kopfwunde war nur oberflächlich, zum Glück. Es hatte sogar schon wieder aufgehört zu bluten und das alte Blut war getrocknet. Behutsam streichelte sie über seine Stirn und gab ihm einen zärtlichen Kuss. Er war nur wegen ihr in ein fremdes Gebiet eingedrungen und hatte sie gerettet. Er hatte sein Rudel riskiert. Na ja. Eigentlich hatte sie sich schlussendlich selbst gerettet. Aber ohne ihn hätte sie wahrscheinlich keine Chance gehabt. Durch den Kampf war Derek soweit geschwächt gewesen, dass sie das Handgemenge ohne Verletzungen überstehen konnte.
Augenblicke später wurde die Tür aufgebrochen und fünf Männer stürmten in das Zimmer, gefolgt von einer kleinen, rundlichen Frau mit dunklen Haaren.
"Wo ist Derek?" Cassandra zeigte zu dem Geheimgang und sah die Fremden argwöhnisch an. Die kleine Frau schickte zwei Männer in den Gang und trat dann zu Cass, die immer noch bei Josh saß.
Auf einmal machte die Frau einen Knicks vor Cassandra, ebenso wie die restlichen drei Männer, die sich allerdings verbeugten. Keiner, außer der Frau, sah ihr in die Augen.
"Prinzessin. Wir sind froh, euch gesund und unverletzt zu sehen. Mein Name ist Susan, ich war die Zofe eurer verstorbenen Mutter." Cass hatte sich doch verhört, oder?
"Prinzessin?" Susan hob den Kopf und nickte. Kein Lächeln lag darin, nur Argwohn und Zurückhaltung.
"Eure Mutter stammte von einem alten Königsgeschlecht ab. Da sie nun nicht mehr ist, erbt ihr ihren Titel." Josh regte sich langsam und öffnete blinzelnd die Augen. Mit einer Hand betastete er seinen Kopf und verzog das Gesicht vor Schmerz.
"Wo..." Nach dem zweiten Anlauf brachte er einen kompletten Satz heraus: "Wo ist dieser Bastard?" Cass strich ihm über den Kopf.
"Er ist geflohen." Die Zofe beugte sich über Josh und sah sich die Kopfwunde an.
"Unser Arzt kann sich um Euren Diener kümmern. In der Zwischenzeit bringe ich euch auf euer Zimmer, Prinzessin." Josh traten fast die Augen aus dem Kopf.
"Diener? Prinzessin? Hab ich was verpasst?" Cass lächelte ihn selig an.
"Wie es scheint bin ich blaublütig." Zu Susan sagte sie im autoritären Ton: "Er kommt mit in mein Zimmer. Er ist mein... Leibwächter." Ihr Grinsen wurde immer breiter, als Josh sie fragend ansah. Dann sprang sie plötzlich auf und lief zu dem großen Schreibtisch. Charlott war eingeschlafen.
Unglaublich.
Bei diesem ganzen Gerangel und Geschrei.Cass nahm sie langsam in ihre Arme und ging wieder zu Susan. Diese streckte liebevoll lächelnd die Arme nach dem kleinen Mädchen aus. Cass wusste nicht, ob sie ihr vertrauen konnte und zögerte.
"Ich werde mich gut um die kleine Lady kümmern, versprochen." In ihrem Gesicht sah sie etwas, dass wie innige Mutterliebe aussah. Obwohl sie noch ihre Zweifel hatte, legte sie ihr behutsam die Kleine in den Arm.
"Wenn ihr auch nur ein Haar gekrümmt wird, werde ich wie ein tödlicher Tornado durch dieses Haus ziehen und Rache verüben!" Susan sah sie einen Moment verwirrt an, doch dann lächelte sie. "Gewiss."
Nachdem Josh provisorisch verbunden worden war und sie im Herrenhaus die völlig hysterische Emily beruhigt hatten, begleitete Susan die Beiden in ein Zimmer. Sie zeigte dem Paar das Schlafzimmer und das Bad. Im Kleiderschrank waren saubere Bademäntel und ein paar T-Shirts sowie Jogginghosen. Nichts was Cass passen könnte, aber sie würde es trotzdem anziehen. Alles war besser als diese blutbesudelten Sachen, die sie momentan trug.
"Wenn sie noch etwas benötigen", sie zeigte auf eine Schnur neben dem Bett, "dann Klingeln sie einfach." Charlott schlief immer noch wie ein kleiner Engel in Susans Armen. Cass bedankte sich und als die Tür geschlossen war, begann sie so schnell wie möglich ihre blutigen Klamotten auszuziehen.
"Ich brauch jetzt so schnell wie möglich eine Dusche, sonst sterbe ich!" Und das war ernst gemeint.