13. Kapitel




Josh und die anderen standen vor der alten Fabrik. Die Nacht war pechschwarz, als er zum Himmel blickte und den Mond suchte.
Heute wäre doch eigentlich Vollmond gewesen.
Das Licht hätten sie gut brauchen können. Dann fiel ihm wieder ein, dass in der Zeitung etwas von einer Mondfinsternis gestanden hatte.
Er drehte sich zu seinem Rudel um und machte ein Zeichen Richtung Eingang. Auf einmal klingelte Sylvesters Handy.
Warum hatte er es noch an? Das war bei solchen Missionen untersagt!
Aber schon als er Sylvesters Blick auf die Nummernanzeige sah, wusste er, dass der Anruf wichtig war.
"Maya? Alles in Ordnung?" Mit weit aufgerissenen Augen sah er zu Josh.
"Eine Bombe in der Fabrik? Bist du dir sicher?" Josh trat sofort einen Schritt von der Tür zurück.
"Wir müssen verschwinden." Sylvester nickte und zog sich mit den anderen zurück.
"Wo bist du?" Josh sah nur noch, wie Sylvester das Mobiltelefon fallen ließ und zur Fabrik zurück rannte. Er verfolgte ihn und warf ihn zu Boden.
"Lass mich los. Sie ist noch da drinnen!" Er hatte es noch nicht ganz ausgesprochen, da flog die Fabrik in die Luft. Ein paar Sekunden lang lag Sylvester völlig reglos auf dem Boden, dann begann sich plötzlich seine Wolfsaura zu erheben.
"Nicht. Die ganze verdammte Fabrik ist zerstört! Sie lebt nicht mehr!" Doch Sylvester hörte ihn nicht. Er riss sich los, stand auf und rannte zur Fabrik.

Alles lag in Schutt und Asche.
Nein! Das kann nicht sein!
Wie ein Wahnsinniger durchforstete er einen Haufen nach dem anderen. Das Feuer konnte ihm nichts anhaben, nur seine Kleidung verbrannte.
Nichts.
Er brüllte vor Schmerzen auf. Sie war tot! Das konnte nicht sein. Sie war noch so jung und sie waren so verliebt ineinander.
Liebe.
Er hätte ihr sagen sollen, dass er sie geliebt hatte.
Sie war nicht mehr da. Er würde sie nie wieder sehen. Nie wieder über ihre Scherze lachen können. Nie wieder ihr schönes Haar und ihren Körper berühren können. Sie nie wieder küssen können.
Josh kam mit erhobenen Händen auf ihn zu.
"Sylvester. Wir müssen hier weg. Die Polizei und die Feuerwehr wird gleich hier auftauchen." Er schüttelte den Kopf und hob Eisenträger und andere Sachen zur Seite. Er konnte es nicht glauben. Erst wenn er es glauben würde, wäre sie wirklich tot. Josh konnte genau wie Sylvester die Sirenen hören, als er weiter auf seinen Bruder zu kam. Aber dieser nahm ihn gar nicht wahr.
Ich muss sie finden!

Josh packte ihn am Oberarm und versuchte ihn wegzuziehen. Doch Sylvester schüttelte ihn wieder ab und knurrte lautstark.
"Wir müssen los!" Sylvester war vollkommen weggetreten. Wie ein irrer wiederholte er immer wieder ihren Namen. Auf einmal spürte er einen kleinen Schmerz im Oberschenkel und ihm wurde etwas schwindelig. Nach ein paar Sekunden folgte ein weiterer Schmerz und noch einer. Als er zu seinem Oberschenkel sah, steckten dort drei Betäubungspfeile. Ihm wurde schwarz vor Augen und fiel vorn über auf den dreckigen Boden.
Maya!


Cassandra schrieb die letzte fehlende Zahl in Joshs Bücher und schloss sie. Er war ein miserabler Buchhalter. Ein Wunder, dass das Rudel noch nicht pleite war.
Als sie, nun wieder gut gelaunt, seine Bibliothek verließ und in die obere Etage ging, hörte sie ein paar Zimmer weiter ein Baby schreien. Ihr Herz zog sich zusammen und sie eilte sofort hin. Sie öffnete die Tür einen Spalt und sah Emily, die mit einem Säugling durch das Zimmer lief und versuchte, ihn zu beruhigen. Cassandra klopfte leise an und fragte zögernd: "Kann ich dir helfen?" Emily nickte und ging auf sie zu. Cass streckte die Arme nach dem Säugling aus und nahm ihn Emily ab, die schon den Tränen nahe war.
"Du bist meine Rettung. Ich brauch einen Kaffee. Kannst du eine Minute...?" Cass nickte und setzte sich mit dem Säugling in einen Schaukelstuhl.
"Hallo mein Kleiner. Ich bin Cassandra. Ich passe jetzt ein paar Minuten auf dich auf." Plötzlich wurde es still im Raum und Emily sah verwundert um die Ecke. Dann lächelte sie Cassandra an und verschwand wieder in der Küche. Das kleine Baby sah glucksend zu Cassandra auf und spielte mit ihren langen Haaren. Dabei schaukelte sie ihn langsam und begann ein leises Lied zu singen.
Sie liebte Kinder über alles. Diese kleinen Finger und dieses kleine perfekte Gesicht. Emily kam mit zwei Tassen wieder in den Raum.
"Danke! Wie hast du das nur geschafft?" Cass zuckte mit den Schultern und lächelte freundlich zurück. Emily war eine hübsche junge Frau. Schätzungsweise Anfang oder Mitte zwanzig, schulterlange, blonde Haare und graue Augen. Dafür, dass sie Joshs Schwester war, hatten sie nicht viel Ähnlichkeit miteinander.
"Das ist ein hübsches Kinderzimmer." Emily schmunzelte.
"Mein Mann hat mir freie Hand beim Einrichten gelassen. Ich war die Schwangerschaft über etwas... schwierig. Die Ablenkung hat mir gut getan." Verträumt sah Cass wieder zu dem Baby.
"Eine Schwangerschaft kann ganz schön anstrengend sein." Emily sah Cass fragend an.
"Du warst schwanger?" Sie sah betrübt zur Seite.
"Ich habe es verloren und bin danach nie wieder schwanger geworden. Ich liebe Kinder über alles, aber es scheint mir nicht vergönnt zu sein, ein eigenes Baby im Arm zu halten." Sie sah nochmals zu dem Säugling.
"Ich glaube, er ist eingeschlafen." Emily nickte und nahm ihr das Baby aus dem Arm.
"Du hast eine beruhigende Aura, die die kleinen Lebewesen spüren." Cass lächelte Emily zustimmend an.
"Meine Nichte weiß das auch sehr zu schätzen." Emily stand auf und legte das Baby behutsam in sein Bettchen. Cassandra folgte ihr aus dem Raum nach nebenan.
Es war ein hübsches Wohnzimmer mit einem großen Kamin. Die Wände waren gelb gestrichen und das große Sofa war in einen hellen Schokoladenbraun bezogen. Überall standen Bilder von Emily und ihrem Mann. Und der Boden war voller Spielzeug, Kuscheldecken und Kissen. Ein Raum der Behaglichkeit. Und ihre Finger juckten, das Chaos zu beseitigen. Cass ließ sich auf das Sofa fallen und sah sich weiter um.
"Hübsch" ließ sie verlauten. Emily errötete leicht.
"Unordentlich trifft es wohl eher." Sie stellte Cass ihren Kaffee auf den kleinen Beistelltisch vor dem Sofa.
"Du scheinst deinen Mann sehr zu lieben. Überall stehen Fotos von euch beiden." Emily schaute sich im Raum um.
"Das ist mir noch gar nicht aufgefallen." Dann wurde ihr Blick weich und liebevoll.
"Ja, ich liebe ihn sehr. Wir haben vor zwei Jahren geheiratet und zuvor haben wir drei Jahre in wilder Ehe gelebt." Sie schmunzelte.
"Ich hab ihn lange Erprobt. Und das hat ihn fast in den Wahnsinn getrieben." Cassandra runzelte die Stirn.
"Erprobt?" Emily sah ihr tief in die Augen.
"Bei uns gibt es eine Regel. Die Ehe wird nicht aus Spaß eingegangen. Sie ist etwas ernstes. Aus diesem Grund steht es uns frei, so viele Männer zu erproben wie wir wollen. Immerhin ist bei uns die Ehe sprichwörtlich
für immer
." Neugierig musterte Cass die junge Mutter.
"Wie viele Männer hast du... erprobt?" Eine leichte Röte überzog ihr Gesicht als sie antwortete: "Nur drei. Bei Ben bin ich irgendwie hängen geblieben. Er hat so eine tolle Art und so ein gewisses Etwas, was mir immer wieder die Knie weich werden lässt." Sie seufzte und sah verträumt auf eine Tür, die ins andere Nachbarzimmer führte.
Garantiert das Schlafzimmer.

"Das klingt toll. Er scheint perfekt für dich zu sein." Emily nickte und nahm einen Schluck von ihrem Kaffee. Dann sah sie verstohlen zu Cassandra hinüber.
"Und du bist also mit meinem Bruder zusammen?" Cass wurde etwas unwohl.
"Nun ja. Wir hatten eine kleine Affäre."
"Hatten?" Sie nippte an ihrem Kaffee.
"Er vertraut mir nicht und Vertrauen ist für mich das Wichtigste in einer Beziehung." Emily nickte.
"Aber du empfindest etwas für ihn?" Cass nahm einen weiteren Schluck Kaffee und nickte ebenfalls verhalten.
"Diese ganze Wolf-Geschichte ist mir nicht ganz geheuer. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll." Emily legte ihre Hand freundschaftlich auf ihre Schulter.
"Ich habe gesehen, wie er dich ansieht und glaube mir: seit er Rudelführer ist, hat er noch nie eine Frau
so
angesehen. Lass dich einfach von deinen Gefühlen leiten."
Rudelführer? Heißt das, er ist hier der Chef?
Cass rutschte der Magen in die Knie.
Sie erschrak fürchterlich, als plötzlich ihr Mobiltelefon klingelte. Sie holte es aus ihrer Tasche und sah auf das Display. Mit einem Lächeln nahm sie den Anruf entgegen.
"Hallo Derek. Schön von dir zu hören." Sie hörte gespannt zu.
"Natürlich kann ich kommen. Ich muss nur schnell meine Sachen holen. Ich bin in einer viertel Stunde da."
Mit einem "Tschüss" verabschiedete sie sich von Derek und steckte das Handy wieder in ihre Tasche.
"Danke für den Kaffee. Ich muss los." Sie sprang regelrecht auf und verließ das Zimmer. Emily sah ihr nachdenklich hinterher.