1. Kapitel
Heute in Alexandria - Virginia / USA
Josh, der Anführer der Alexandria-Wölfe, saß missmutig in einer verrauchten Bar und hielt sich an seinem dritten Bourbon fest. Er war frustriert. Seit Wochen hatten sie erhebliche Probleme mit den Silver-Spring-Wölfen aus dem angrenzenden Revier, oberhalb des Potomac Rivers. Immer wieder kamen sie ohne ersichtlichen Grund in sein Gebiet und stifteten Unfrieden, töteten Menschen und brachen in diverse Gebäude ein. Er und sein Rudel hatten die letzten Wochen jeden Abend nach ihnen Ausschau gehalten, aber nichts und niemanden gesehen oder überhaupt wahrgenommen.
Wie machen sie das nur?
Seine zwei jüngeren Brüder hielten heute auf der Brücke des Potomac Rivers wache, hatten sich aber noch nicht bei ihm gemeldet. Was wohl bedeutete, dass auch bei ihnen tote Hose herrschte. Josh hatte sich in der Gegend umgesehen und sich dann völlig niedergeschlagen in diese Bar gesetzt.
Seine Laune war auf einem neuen Tiefpunkt und er ließ die Schultern nach vorne sinken. Durch den ganzen Stress hatte auch sein Liebesleben gelitten. Es fühlte sich schon wie eine Ewigkeit an, dass er keine Frau mehr hatte.
Wenn er an Ivonne dachte, seine letzte Geliebte, jagte ihm das immer noch Wonneschauer über den Rücken. Sie war sehr spontan und für alles offen. Allerdings war sie an einer rein sexuellen Beziehung nicht interessiert. Nach vier Wochen war Schluss. Seine Überlegungen drifteten zu Dettys Etablissement. Eine ihrer kleinen Nymphen könnte ihn bestimmt ablenken.
Nein.
Das würde er heute Abend nicht tun. Das letzte Mal konnte er sich
kaum noch von den hübschen Dingern los reißen und er hatte immer
noch das Problem mit den Silver-Spring-Wölfen.Er stellte das leere Glas scheppernd auf den Tresen und wollte gerade aufstehen, als er angerempelt wurde.
"Kannst du nicht aufpassen?" Seine Stimme war mehr ein Knurren und klang sehr ungehalten. Er drehte sich herum und hielt in seiner Schimpftirade inne. Dort stand eine atemberaubend, rothaarige, schlanke Frau die ihn mit ihren smaragdgrünen Augen aufmerksam musterte.
"Sorry!" Sie ging, mit einem schmunzeln auf den Lippen, an ihm vorbei und lehnte sich über den Tresen. Normalerweise schmachteten ihn Frauen an. Wenn er wütend war, wie in diesem Moment, gingen sie ihm aus dem Weg. Aber sie schien weder das eine noch das andere im Sinn zu haben. Sie so vor sich zu sehen, die Arme auf dem Tresen, den Oberkörper darüber gebeugt und den Po keck in der Luft, ließ seine Hose auf einmal unangenehm eng werden.
"Hey Mike. Bring dem großen, bösen Wolf hier noch einen Drink auf meine Rechnung. Und für meine Mädels noch eine Runde Cosmopolitan." Der Barkeeper, mit den dunkelblonden, zerwühlten Haaren, zwinkerte ihr zu und machte sich an die Arbeit. Sie drehte sich zu Josh um und sah ihn herausfordernd an.
"Ich bin Cassandra. Tut mir Leid wegen dem Rempler." Sie hatte ein bezauberndes, schmales Gesicht mit einer hübschen kleinen Nase und einem roten, vollem Schmollmund. Ein Mund, der zum küssen gemacht war. Und ihre Augen. Sie schienen durch ihn hindurch zu sehen und ihn lesen zu können, wie ein offenes Buch. Und sie schien zu erkennen, dass er kein Mensch war.
Der große, böse Wolf.
Grölendes Gelächter zog seine Aufmerksamkeit auf eine Meute gackernder Frauen in der Mitte der Bar. Cassandra lächelte ihn verwegen an und zuckte mit den Schultern.
"Weiberabend" war ihre Erklärung, als sie sich die Drinks schnappte, die Mike auf den Tresen gestellt hatte und wieder zu ihren Freundinnen ging.
Ihr Gang hatte etwas betörendes. Ihre wiegenden Hüften. Ihre hohen, gelben Schuhe. Das überaus kurze, gelbe Kleid. Josh hätte beinahe angefangen zu sabbern. Erst jetzt bemerkte er, dass er nicht ein Wort mit ihr gewechselt hatte, außer dem Rüffel für den Zusammenstoß. Sie musste ihn für total bedeppert halten.
Mike stellte einen neuen Bourbon vor Josh und sah ihn wissend an.
"Keine Chance, Alter. Die Kleine ist in festen Händen."
Wieder gackerten die Frauen los. Es waren sechs, falls er sich nicht verzählt hatte. Sein Blick glitt immer wieder zu Cassandra. Sie schien ihn magisch anzuziehen. Mike setzte seine Erläuterung fort und sah ebenfalls zu den Frauen.
"Sie treffen sich jeden Freitag hier und besaufen sich bis sie nicht mehr laufen können." Er lachte und als sich Josh wieder zu ihm drehte sah er ihn gespannt an.
"Ist sie verheiratet?" Nachdenklich und auch etwas sorgenvoll musterte er Josh von oben bis unten, als ob er erst abwägen müsste, wie seine Antwort ausfiel.
"Soviel ich weiß ja. Und sie scheint wohl auch ein Kind zu haben. Zumindest hab ich sie mal mit einem kleinen Mädchen gesehen, dass ihr wie aus dem Gesicht geschnitten war." Josh sah wieder zu Cass und nippte an seinem Bourbon.
"Hey Alter. Lass den Kopf nicht hängen. Viele waren schon scharf auf Cass, aber sie lässt jeden Abblitzen. Ihr Mann muss echt der Oberhammer sein. Aber zwei ihrer Freundinnen sind noch Single. Versuch doch bei denen mal dein Glück." Mit diesen Worten richtete er seine Aufmerksamkeit auf ein junges Pärchen, das gerade an die Bar gekommen war und etwas bestellen wollte. Josh hatte eben für sich beschlossen, dass er diese Bar noch etwas im Auge behalten sollte. Er grinste und sah wieder zu den Frauen hinüber. Wobei sein Blick an Cassandra geheftet war.
Als Cass an ihren Tisch zurück kam, sahen die anderen Frauen neugierig und viel zu auffällig zu dem Mann an der Bar.
"Hey Cass. Was wollte denn
Mister Groß und Dunkel
von dir?" Amanda gackerte dazwischen: "Hat er dir seinen Namen
verraten?" Annika wedelte sich aufgeregt Luft zu, eine Geste, die
sie gar nicht von ihrer besten Freundin kannte."Du hast ihm hoffentlich deine Nummer gegeben, oder?"
Cass stellte die Drinks ab, setzte sich seelenruhig zu den anderen Frauen und antwortete gelassen: "
Mister Groß und Dunkel
ist wahrscheinlich stumm. Oder total dämlich. Intelligenz und gutes
Aussehen passen selten zusammen." Doch Amanda ließ nicht locker.
"Hat er gar nichts zu dir gesagt?" Cass legte ihren Kopf genervt
schief und entgegnete: "Er ist mich angegangen, weil ich ihn
ausversehen angerempelt hab." Wieder schnellten die Köpfe zu dem
Mann an der Bar."Und wie ist seine Stimme?" Als er sie angesprochen hatte, war ihr ein wohliger Schauer über den Rücken gelaufen, bis hin zwischen ihre Beine. Er hatte die perfekte Stimme um einem unanständige Worte während des Aktes ins Ohr zu flüstern.
"Unanständig." Mehr sagte sie nicht und war froh, als Sarah ein neues Gesprächsthema einwarf.
"Habt ihr schon gehört, dass unsere Jesika heiraten wird?" Die Frauen kreischten fast gleichzeitig auf und sahen die schüchterne Jesika an. Sie trug wie immer ihre Bürokluft, eine weiße Bluse, einen knielangen, schwarzen Rock und eine leichte, schwarze Strickjacke. Sie zog sich nie extra für die Weiberabende um wie die Anderen. Ihre aschblonden Haare waren streng zu einem Dutt zusammengebunden, sie schminkte sich so gut wie nie und trug meist nur ein blumiges, unaufdringliches Parfüm.
Die Frauen beglückwünschten sie alle nacheinander und bestürmten sie mit Fragen über alle Details der Verlobung und der geplanten Hochzeit, vor allem wer Brautjungfer werden sollte. Aber da Sarah schon Bescheid wusste, stand fest, dass sie die Brautjungfer war. Cass freute sich aufrichtig für Jesika.
Ihr Verlobter war ein Kollege von Cass und sie kannte ihn schon seit ihrer Ausbildung. Er war vom Charakter ähnlich wie Jesika und ein liebevoller und zuvorkommender Mann. Noch nie hatte sie ein schlechtes Wort aus seinem Mund gehört und er war bei all seinen Kollegen sehr beliebt. Rein äußerlich erschien er immer als ein unscheinbarer Streber. Brille, die Haare immer fein säuberlich gekämmt, keine Falte in seinen Sachen und seine Arbeiten waren immer perfekt. Jesika konnte sich glücklich schätzen.
Wenn man eine langweilige Beziehung führen
wollte.
Cass seufzte. Sie dürfte eigentlich nicht abfällig über Jesikas Beziehung denken. Ihre bisherigen Beziehungen waren alle katastrophal gewesen.
Am Anfang war alles aufregend und neu. Man lernt sich kennen und mit der Zeit schläft die Beziehung ein. Ihre Eltern hatten dagegen einen Glücksgriff gemacht. Bis vor ihren Unfall hatten sie sich leidenschaftlich geliebt. Sie schienen förmlich vor Liebe zu strahlen. Nachdem Cass einmal ohne anzuklopfen in ihr Schlafzimmer gestürmt war und die beiden beim "toben" erwischt hatte, gab es für sie keine Zweifel mehr daran, dass es wirkliche Liebe geben musste. Sie hatte sich damals so sehr in diese Idee verrannt, dass sie mit Rick aufs Ganze gegangen war.
Stopp!
Sie würde jetzt nicht daran denken und sich den restlichen Abend im
Selbstmitleid suhlen. Sie freute sich für ihre Freundin, wie sie
sich für jede Andere freuen würde.Überhaupt hatten alle von Cassandras Freundinnen recht nette Männer. Nur Amanda und Annika waren noch Single. Manchmal schien es Cass, als würden die Beiden gar nicht auf eine feste Beziehung aus sein, sondern nur auf ihren Spaß. Aber bei Ann brauchte sie das Thema Männer gar nicht erst anschneiden und Amanda ignorierte Fragen in diese Richtung einfach.
Cass sah noch einmal verstohlen an Jesika vorbei zu dem Platz, wo der hübsche Mann gesessen hatte. Seine dunkelbraunen, kurzen Haare hatten im Licht der Bar golden geschimmert, als sie vor ihm gestanden hatte und sein Körper sah muskulös aus. Seine Augenfarbe hatte sie nicht genau deuten können. Aber sie hatte ihm lange genug in die Augen gesehen um einen leichten, braunen Schimmer im Schwarz seiner Iris feststellen können. Aber sicher war sie sich nicht.
Leider trug er nur schwarz, - einen Anzug, der sehr teuer aussah - was für sie nicht sehr aufregend war. Sie liebte knallige Farben. Außerdem schien er nicht richtig in diese Bar zu gehören. Wenn sie ihn so ansah, würde er viel eher in ein Büro oder zumindest in ein Restaurant passen. Alle anderen Männer, die hier waren, trugen nur Jeans und T-Shirt.
Ob er solche Kleidungsstücke überhaupt
besaß?
Er faszinierte sie aus irgendeinem Grund.
Oh Mann!
Sie wusste ja noch nicht einmal seinen Namen. Wenn sie ehrlich war,
beneidete sie ihre beiden Single-Freundinnen. Sie konnten sich in
leidenschaftliche Abenteuer stürzen, ohne Konsequenzen befürchten
zu müssen. Cass hatte Verantwortung und eine schwere Bürde, die ihr
niemand abnehmen konnte.Etwas später, als die meisten Frauen vom Weiberabend schon weg waren, versuchte Josh noch einmal sein Glück bei Cass. Er nahm seinen Bourbon und setzte sich zu ihr an den Tisch. Er hatte sie den ganzen Abend beobachtet, sie keinen Moment aus den Augen gelassen. Selbst als sie nebenbei ihre hohen Stöckelschuhe ausgezogen hatte, waren ihr seine Augen gefolgt. Bei jeder noch so kleinen Bewegung, die eigentlich völlig nebensächlich war, sind ihm die erotischsten Bilder durch den Kopf gegangen. Wie sie mit diesen kleinen Händen über seinen Körper streicheln würde. Wie sie diese endlos langen Beine um seine Hüfte schlingen würde. Und vor allem, wie sie ihn mit diesem herrlichen Mund küssen würde. Mittlerweile nippte sie, mit eben diesen sexy Lippen, gedankenverloren an einer Bloddy Mary und starrte ins Nichts.
"Wo ist denn der Rest des Weiberabends?" Cass sah ihn verwundert an.
"Eine kotzt sich gerade auf der Toilette die Seele aus dem Leib und die anderen sind schon weg." Plötzlich schmunzelte sie.
"Und du mein Hübscher? Darfst du so spät noch draußen herumstreunen?" Er erwiderte ihr Grinsen und lehnte sich etwas näher zu ihr.
"Ich jaule gerne den Mond an." Sie lachte lauthals los. Ihr Lachen war bezaubernd, wie alles an ihr. Was war das für ein Gefühl in seiner Brust? Warum war er nicht einfach nach Hause gegangen? Er war wie eine Motte und sie war sein Licht.
Ihm war schon vorher aufgefallen, dass sie kein bisschen beschwipst wirkte. Und dabei hatte sie den ganzen Abend nicht gerade wenig getrunken. Hauptsächlich Cocktails, und nicht nur einen. Als er sie wieder betrachtete suchte er direkt nach den Anzeichen von Trunkenheit. Rote Wangen, rote Nase, glasige Augen, vielleicht ein Lallen. Aber sie war perfekt. Wie konnte das sein?
"Du hast den ganzen Abend getrunken und bist kein bisschen angeheitert. Wie kommt das?" Von einem Moment zum anderen war ihr Gesicht wie versteinert. Der Blick, aus diesen durchdringenden grünen Augen, schien ihn zu durchbohren. Was sollte das denn auf einmal? Hatte er etwas falsches gesagt?
"Ich vertrage viel. Mehr als andere." Sie sah sehr auffällig auf ihre Armbanduhr und zog dann unterm Tisch ihre Schuhe an.
Sie wollte schon weg. Das durfte sie
nicht.
Was war plötzlich mit seiner Anziehungskraft los? Wieso verwandelte
sie sich nicht wie andere Frauen in eine willige und anhängliche
Schmusekatze?"Du willst doch noch nicht nach Hause, oder?" Sie sah ihn lächelnd an, doch das Lächeln reichte nicht bis zu ihren Augen, die eine eisige Kälte ausstrahlten.
"Warum?" Er griff plötzlich nach ihrer zierlichen Hand und zog sie ein Stück zu sich. Ihre Haut war so zart wie die eines Pfirsiches und ihre Fingernägel waren weiß lackiert. Ihre langen Finger waren feingliedrig und graziös. Sie war einfach zu perfekt für einen Menschen.
"Die Nacht ist noch jung und ich dachte, wir jaulen den Mond gemeinsam an." Sie entzog sich etwas zu ruppig seinem Griff und stand auf.
"Vielleicht sehe ich so aus, aber ich bin keine Frau, die leicht zu haben ist." An ihrem giftigen Ton erkannte er, dass er sie wohl gekränkt haben musste. Aber wie? Er hatte doch nichts schlimmes gesagt, oder? Er begann ans ich selbst zu zweifeln.
Sie nahm ihren Mantel von der Stuhllehne und winkte Mike zu. Dieser nickte und schrieb etwas auf. Wahrscheinlich hatte sie bei ihm Kredit und konnte anschreiben lassen. Ohne sich noch einmal umzudrehen, ging sie von ihm weg und wieder fiel ihm auf, dass sie nicht wie eine Betrunkene wirkte. Ihr Gang war sicher und entbehrte jedes Taumeln. Und das auf diesen Schuhen. Als sie am Ausgang angekommen war, hörte er noch wie sie sagte: "jaul doch deinen beschissenen Mond allein an. Dämliche Töle!"
Josh musste lächeln, und doch wusste er nicht, was eben passiert war. Intuitiv spürte sie, dass er ein Wolf war. Seine natürliche Anziehungskraft auf Menschen schien aber bei ihr nicht zu funktionieren. Sie hatte noch nicht einmal ansatzweise darauf reagiert. Andere Frauen hätten schon vor seiner Berührung zu seinen Füßen gelegen. Doch nicht Cassandra. Irgendetwas in ihm stand in Flammen. Sein Jagdinstinkt war geweckt.
Er ging, immer noch grinsend, zur Bar zurück und bezahlte seine Rechnung. Danach verließ er die Kneipe und ging nach Hause. Es war das allererste Mal, dass er sich so sehr nach dem Körper einer Frau sehnte. Er brauchte ganz dringend einen Rat. Obwohl es ihm nicht leicht fiel und er sich die nächsten Jahrzehnte das Gelächter seines Bruders anhören durfte.
Vor einem hübschen Einfamilienhaus stieg Cassandra aus dem Taxi und bezahlte den Fahrer. Mittlerweile war es schon nach elf Uhr und sie wollte nur noch ins Bett. Und raus aus diesen mörderischen Schuhen. Sie sahen wirklich super aus und waren auch nicht gerade billig gewesen, aber die dreizehn Zentimeter Absätze war sie einfach nicht gewohnt. Ihre normalen Arbeitsschuhe hatten gerade mal acht, höchstens zehn Zentimeter Absätze. Dabei hatten diese gelben Schuhe so wunderbar zu ihrem neuen Kleid gepasst. Sie seufzte, als sie sie Auffahrt entlang lief.
Im Wohnzimmer brannte noch Licht und sie schloss leise die Tür auf, damit Charlott nicht wach wurde. Als sie die Mörder-Schuhe ausgezogen und die Tasche auf der Garderobe abgelegt hatte, ging sie ins Wohnzimmer und betrachtete Emily, ein junges Mädchen aus der Nachbarschaft. Sie war gerade in ein Buch vertieft und machte sich nebenbei Notizen. So wie es aussah, waren schon mehrere Seiten voll geschrieben. Neben ihr stand das Babyphone, das die Temperatur im Kinderzimmer anzeigte. Cassandra liebte Technik.
Emily war zierlich und hatte glatte schwarze Haare, die ihr bis zum Kinn reichten. Ihre Augen schimmerten immer in einem hübschen grau, wenn sie jemanden ansah und mit ihm sprach. Leider war sie sehr schüchtern, was ihr nur wenig Freunde einbrachte. Und sie war eine Streberin.
In ihrem Alter hätte Cass sie eigentlich mit einem Jungen erwischen müssen, aber da brauchte sie sich wohl keine Sorgen machen. Das einzige, was dieses Mädchen interessierte, waren Bücher und gute Noten. Einmal hatte sie sich Cass anvertraut und gesagt, dass sie auf eine Elite-Uni gehen und Jura studieren wollte. Aber ihre Eltern hatten nicht das Geld dafür, obwohl sie beide hart schufteten. Darum lernte Emily wie eine Verrückte und arbeitete sich so Stück für Stück an ein Stipendium heran. Nebenbei verdiente sie sich ein kleines Taschengeld mit Babysitten und sie konnte wirklich gut mit Babys umgehen. Charlott liebte das Mädchen abgöttisch.
"Emily?" Das Mädchen erschrak und drehte sich zu Cassandra um. "Hallo Mrs Weedman. Charlott schläft seit acht ganz friedlich in ihrem Bettchen." Das hatte sie auch nicht anders erwartet. "Sehr gut." Sie ging zu Emily, die ihre Notizen zusammen sammelte und kramte in ihrem Geldbeutel einen Geldschein heraus. Cass lächelte freundlich und reichte ihr einen fünfzig Dollar Schein.
"Aber das ist doch viel zu viel." Sie drückte es dem Mädchen in die schlanke Hand und erwiderte: "Wenn du nicht so kurzfristig zugesagt hättest, wäre mein Abend den Bach runter gegangen. Sieh es als kleines Extra." Emily nickte schüchtern und steckte das Geld in die Hosentasche ihrer Jeans.
"Sie können ruhig immer fragen. Ich mag Charlott. Sie ist ein ganz liebes Baby." Nachdem Emily ihre Sachen zusammen gepackt hatte, brachte Cass sie noch zur Tür und beobachtete, wie sie über die Straße in ihr Elternhaus ging. Das machte sie immer so. Als eine Art Sicherheit. Sie wollte nicht, dass Emily etwas passierte, auch wenn das hier eine ruhige Gegend mit einer sehr geringen Verbrechensquote war. Man konnte nie ausschließen, dass sich ein Junkie oder ein Perverser in diese Gegend verirrte. Als Emily die Haustür geschlossen hatte, ging auch Cass zurück ins Haus.
Bevor sie ihr Schlafzimmer betrat, sah sie in Charlotts Kinderzimmer und beobachtete das kleine Mädchen einen Moment. Sie war so ein hübsches Baby. Ihre Brust hob und senkte sich regelmäßig und ihre kleinen Händchen schlossen sich ab und zu zu kleinen Fäustchen. Sie liebte die Kleine über alles. Leise schloss sie wieder die Tür und begab sich in ihr Schlafzimmer. Nachdem sie ihre Nachttischlampe eingeschaltet hatte, ging sie ins angrenzende Bad und sah sich im Spiegel an. Ja, ja. Der Typ aus der Bar hatte einen guten Geschmack. Sie grinste und schminkte sie sich schnell ab. Dann zog sie ihren Pyjama an und putzte die Zähne.
Erschöpft vom Tag schleppte sie sich zu ihrem großen Bett und ließ sich darauf fallen. Dieser Mann aus der Bar ging ihr einfach nicht mehr aus dem Kopf. Er sah so gut aus und irgendetwas schien sie zu ihm hin zu ziehen.
Diese dunkle und gefährliche Aura. Und dieser
Knackpo...
Cass hatte ihn nicht ausversehen angerempelt. Er war ihr schon den ganzen Abend aufgefallen. Genau wie ihren Freundinnen. Sie musste sich ihn aus dem Kopf schlagen. Das konnte nicht gut gehen. Außerdem hatte er ihr weder seinen Namen noch seine Nummer gegeben. Wahrscheinlich war er nur auf ein kleines Abenteuer auf dem Herrenklo aus. Und trotzdem hatte er sie die ganze Zeit beobachtet, statt sich an eine andere heran zu machen.
Er hatte bemerkt, dass sie sehr viel Alkohol vertrug und Cass wusste nicht, ob sie das gut oder schlecht finden sollte. Sie zog sich die warme Decke über den Körper und schaltete die Nachttischlampe aus.
Der wird bald vergessen sein. Genau wie die
anderen vor ihm.
Im Herrenhaus des Rudels angekommen, ging Josh sofort in die erste Etage und klopfte an eine Tür. "Ja?" Es war eine dunkle, männliche Stimme, der die Begeisterung, über eine so späte Störung, deutlich anzuhören war.
"Ich bin es." Josh öffnete die Tür und trat rasch in das große Zimmer. Sylvester starrte ihn fragend an und sprang sogleich vom Sofa, auf dem er gerade gesessen hatte.
"Hast du sie erwischt?" Josh runzelte die Stirn und wusste nicht gleich, worauf sein Bruder hinaus wollte. "Die Silver Spring Wölfe." Josh winkte uninteressiert ab.
"Nein. Tote Hose. Ich muss dringend mit dir reden."
Sylvester stieß resigniert Luft aus, setzte sich wieder hin und führte das Handy in seiner Hand wieder ans Ohr. Er musste wohl gerade telefoniert haben, als Josh geklopft hatte.
"Ich muss Schluss machen. Ich klingel dann nochmal durch." Mit wem hatte sein Bruder wohl eben gesprochen? Eine neue Flamme? Oder ein Makler, der ihm wieder ein altes Haus zuspielte, dass er dann restaurieren konnte? Bei Sylvester gab es nur diese beiden Möglichkeiten. Er war genau so ein dunkler Typ wie Josh und seine Mutter. Erik, Emily und Danielle, seine jüngeren Geschwister, kamen eindeutig nach seinem Vater, der wie ein nordischer Gott aussah. Und sich auch so benahm.
Josh setzte sich ihm gegenüber auf einen Sessel und begann die Situation zu erklären.
"Ich hab heute Abend eine Frau kennengelernt." Sylvester sah ihn fragend an, was wohl der kleinen, unsicheren Pause geschuldet war, die er eingelegt hatte, um die richtigen Worte für diese Situation zu finden.
"Und wo ist das Problem?" Josh kratzte sich verlegen am Kopf und sah ihm geradewegs in die Augen.
"Sie ist wohl immun gegen meine Anziehungskraft." Sylvester lachte lauthals los.
"Das ich das noch erleben darf! Du hast Probleme eine Frau rum zu kriegen?" Als er versuchte, sich wieder etwas unter Kontrolle zu bekommen, sah er zum wütend drein blickenden Josh. Schließlich fuhr er etwas ernster fort: "Endlich hat es mal eine Frau geschafft, dir den Kopf zu verdrehen. Ich an deiner Stelle würde sie so schnell wie möglich zu meiner Gefährtin machen und sie in mein Bett holen."
Wenn das nur so einfach wäre!
Josh sah betroffen zur Seite und murmelte schließlich: "Sie ist kein Wolf..." Sylvester wurde ganz still und sah ihn an. Überlegte sein Bruder eben, was er ihm raten sollte? Und warum schien er so betroffen von dem Thema? Dann trat wieder der uninteressierte Sylvester zu Tage und lehnte sich zurück.
"Wo ist dann das Problem? Verführe sie." Josh stand schnell auf, bevor er noch mit der Faust den grazilen Beistelltisch vor dem Sofa zertrümmerte. Als ob er nicht schon selbst daran gedacht hatte! Aber diese Frau reagierte nicht so, wie sie müsste. Seine Bewegungen waren ruppig und angespannt, als er durch das Zimmer lief. Sylvester konnte sicher die unterdrückte Wut in seinem Auftreten sehen, und die mühsame Kontrolle, die er versuchte aufrecht zu erhalten. Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare.
"Ich sagte doch schon, dass sie gegen mich immun ist. Ich muss sie haben. Sie ist..." Er hielt inne und sah an die Decke. Ihm kam wieder in den Sinn, wie sie vor ihm gestanden hatte und sich über den Tresen lehnte. Dieses kurze, gelbe Kleid. Die hohen Schuhe.
"... unglaublich. Leidenschaftlich. Wunderschön. Aber wohl leider verheiratet und auch Mutter." Nun zog Sylvester die Augenbrauen hoch und seufzte.
"Klingt problematisch." Josh drehte sich blitzartig zu ihm um.
"Verstehst du nun endlich? Ich brauch deine Hilfe. Du kennst dich mit solchen Sachen besser aus. Ich muss sie haben und wenn es nur für eine Nacht ist."
Sylvester legte den Kopf schief. Der amüsierte Gesichtsausdruck war jetzt komplett verschwunden und Josh dachte darüber nach, was seinem Bruder wohl durch den Kopf ging. Sylvester war zwar ein paar Jahrzehnte jünger als er, aber er war der Frauenschwarm der Familie. Wo Josh nur kurze Liebeleien zuließ und schnell das Interesse an einer Frau verlor, war Sylvester der bodenständige Typ, der Langzeitbeziehungen favorisierte. Was ihn zu einem oft gesehenen Gast auf dem Friedhof machte. Josh hatte das nie verstehen können. Frauen waren interessant, wenn sie jung und hübsch waren. Er persönlich suchte sich fast ausschließlich Frauen in den zwanzigern aus, die keine festen Beziehungen wollten. Das war für beide Seiten ein gutes Arrangement. Außerdem war er ein Mann, der nicht an die Ehe glaubte. Er sah, was die Ehe aus seiner Mutter gemacht hatte und wie schlimm sein Vater ihr immer wieder mitspielte. Er wollte keine Gefährtin. Und vor allem keine Kinder. Sylvester und Erik waren schließlich noch da, um das Rudel zu vergrößern. Emily hatte bereits einen kleinen Sohn. Lydia ließ keinen Mann an sich heran. Also von dieser Seite keine Wölfchen. Aber seine Männer würden auch irgendwann ihre Gefährtinnen finden und dann eine Familie gründen. Auf ein Kind mehr oder weniger kam es da ganz bestimmt nicht an.
Sylvester unterbrach ihn in seinen Gedankengängen, als dieser aufstand und seinem Bruder die Hand in den Rücken legte.
"Warte erst mal ab. Vielleicht ist es nur eine kleine Verirrung und wenn du darüber geschlafen hast, wird sie wieder aus deinem Kopf verschwinden." Josh nickte widerwillig und ließ sich von ihm zur Tür begleiten. Sein Bruder wollte ihn los werden! Hing das mit dem Telefonat zusammen, das er vorhin geführt hatte? Er musste sich dennoch seine Unterstützung sichern.
"Aber wenn nicht, hilfst du mir dann?" Sylvester verdrehte theatralisch die Augen und bejahte die Frage. Zufrieden und doch nicht so zufrieden wie er sein wollte, verließ der das Zimmer seines Bruders.