20. Kapitel




Als sie in dem Bad verschwunden war, setzte sich Josh erst einmal aufs Bett und legte den schmerzenden Kopf in seine Hände. Er hatte alles falsch gemacht, was er nur hätte falsch machen können. Er hatte bei Charly versagt und dann hatte Derek auch noch Cassandra in seine Gewalt bekommen. Ihre Schmerzensschreie würde er so schnell nicht mehr vergessen. Sie war, seit er wieder zu sich gekommen war, etwas reserviert ihm gegenüber gewesen. Ob sie ihn für alles die Schuld gab? Außerdem war sie auch noch eine Prinzessin! Das war etwas, mit dem er nicht so recht umzugehen wusste. Würde sie ihn jetzt immer noch haben wollen, nachdem sie wusste, dass sie vom Stand her höher war als er? Ihr gehörte jetzt auch dieses Rudel. Dieses Haus.
Großer Gott. Ihr gehörte jetzt das ganze Territorium.
Sie könnte jeden Mann haben, den sie wollte.
Dann stand sie plötzlich wieder in der Tür. Mit einem breiten Grinsen auf den Lippen sagte sie: "Will mir mein Diener nicht den Rücken waschen?" Er schüttelte alle Bedenken ab und sprang auf. Mit einem sehr sexy Lächeln auf den Lippen erwiderte er: "Von wegen Diener!" Damit folgte er ihr ins Bad und schloss sich freudestrahlend ihrer Dusche an. Anscheinend war doch noch nicht alles verloren. Und später würde er sich um eine Schadensbegrenzung kümmern.

"Ich muss mich bei dir entschuldigen." Cassandra hob ihren Kopf von seiner Brust und sah ihn verdutzt an.
"Wofür denn?" Er konnte ihr nicht in die Augen sehen, was in ihr ein noch schlimmeres Gefühl erweckte.
"Ich konnte Charly nicht beschützen, obwohl ich es dir versprochen hatte."
"Meine Güte. Du hast es mir einen Tag vor seinem Tod versprochen. Das konntest du nun wirklich nicht ändern. Außerdem..." Sie sah mit Tränen in den Augen an die Decke. "... denke ich, dass es für ihn das Beste ist. Er ist an Carmens Tod zugrunde gegangen. Ich weiß, wie er früher war und nach ihrem Tod war er nichts mehr als eine Hülle, die nur noch existierte um für Charlott zu sorgen." Josh stützte sich auf seinen Ellbogen und sah ihr ins Gesicht.
"Sie ist jetzt die Einzige, die dir von deiner Familie geblieben ist. Was willst du tun?" Sie drehte sich ihm zu und legte ihre kleine zarte Hand auf seinen gebräunten Oberkörper. Sie wusste es selbst nicht. Wenn sie an das kleine Mädchen dachte, zog es ihre das Herz voller Kummer zusammen. Nun hatte Charlott keine Eltern mehr, nur noch ihre Tante, die mit ihrem eigenen Leben haderte.
"Sie ist mein Fleisch und Blut. Ich werde immer für sie da sein und ich möchte sie in meiner Nähe haben." Mit einem fragenden Blick sah sie ihm in die Augen.
"Wenn es dir nichts ausmacht." Er nahm sie in den Arm und küsste sie liebevoll.
"Ich würde gar nichts anderes von dir erwarten." Dann drückte sie ihn leicht von sich. Sie musste es noch einmal sagen, damit er verstand, wie sie sich fühlte. Er musste sie verstehen und Verständnis zeigen, wenn er sie wirklich als Gefährtin haben wollte.
"Außerdem wird es meine einzige Möglichkeit sein Mutter zu spielen. Du weißt ja, dass ich..."
Von der Tür erklang ein leises Klopfen. Die beiden zogen die Decke etwas höher und riefen fast gleichzeitig: "Herein!" Susan hatte den Arm voll mit Kleidungsstücken und legte sie fein säuberlich auf die Truhe am Bettende.
"Das sind ein paar Sachen von Carla, die ich noch gefunden habe. Für Euren... Leibwächter habe ich auch etwas gefunden." Das Wort Leibwächter sprach sie lächelnd aus und vermied es betont zum Bett zu sehen. Als sie wieder an der Tür war, sagte Cassandra zögernd: "Susan, ich würde mir gern das Haus ansehen. Ist das möglich?" Die Zofe nickte.
"Jetzt gleich?" Als Cassandra diese Frage bejahte, trat Susan vor die Tür und wartete, bis sich die Beiden angezogen hatten. Sie war neugierig auf das Heim ihrer Mutter und wahrscheinlich auch ihres Vaters. Das Herz klopfte ihr voller Vorfreude bis zum Hals und ihre Finger zitterten, als sie die Knöpfe ihrer Bluse schließen wollte.
"Komm, ich helfe dir." Er strich ihr wie nebenbei über die Brust und widmete sich dann den Knöpfen. Obwohl sie eben miteinander geschlafen hatten, erwachte das Verlangen von neuem in ihr. Aber nicht jetzt. Sie wollte sich das Haus ansehen. Mit den Leuten reden, die ihre Mutter gekannt hatten.
Ob sie ein netter Mensch... Wolf gewesen war? Oder war sie als Prinzessin hochmütig und eitel gewesen?

Als die Tür von Cass geöffnet wurde, war Susan sprachlos und dann schienen Tränen in ihren Augen zu glitzern.
"Ihr seid ihr so ähnlich." Mit diesen Worten ging sie voran. Für Cassandra war das schon einmal die erste positive Reaktion auf ihr hier sein. Würden die anderen auch so reagieren? Oder hatten sie einfach nur Respekt vor ihrem Stand? Hatte sie nun eigentlich Verpflichtungen? In ihrem Kopf wurden immer mehr Fragen laut, die sie zu gern beantwortet bekommen hätte. Aber Susan unterbrach ihre Grübeleien.
"Leider gibt es nicht sehr viel zu sehen. Unser erster Herr, der das Haus erbauen ließ, war sehr spartanischen Gemüts. Prunk und Schönheit werden sie hier nicht finden." Cass lächelte.
"Das ist nicht schlimm. Können wir mit dem Zimmer meiner Mutter anfangen?" Susan ging mit ihnen den Gang entlang zu dem letzten Zimmer im zweiten Obergeschoss.
Abgeschieden. Weit weg von den anderen Bewohnern des Hauses.

Cass öffnete die Tür und trat ein. Als sie sich umsah wurde ihr schwer ums Herz. Im Raum waren nur ein unbezogenes Messingbett, ein alter klappriger Sekretär, ein Holzstuhl und eine verblichene Kommode. Nichts zeugte davon, dass hier eine junge Frau gewohnt hatte.
"Derek ließ damals alle ihre Sachen verbrennen. Noch nicht einmal vor den Vorhängen hatte er halt gemacht. Nur die Möbel sind verschont worden." Cass ging an das große Fenster neben dem Bett und sah hinaus. Der Ausblick war wunderschön. Sie konnte den Garten des Hauses sehen und inmitten von vielen Blumen und Bäumen stand ein hübscher Pavillon. Ihr Blick wurde wässrig. Tränen liefen über ihre Wangen.
Wie oft wohl ihre Mutter an diesem Platz gestanden hatte und diese kleine Idylle beobachtet hatte? Hatte sie hier geträumt und sich eine andere Zukunft mit einem anderen Mann gewünscht?
Susan räusperte sich leise. Nachdem Cassandra die Tränen weggewischt hatte, drehte sie sich wieder zu der kleinen Frau um.
"Ich habe damals ein paar Sachen versteckt. Erinnerungsstücke, verstehen sie?" Cassandra wischte die neuerlich fließenden Tränen weg und folgte Susan mit den Augen durch das Zimmer. Diese ging in die äußerste Ecke des Raumes und öffnete eine kleine Tür in der Wand. Dieses ganze Haus schien nur aus Geheimgängen zu bestehen. Als Cassandra ihr folgte, traute sie ihren Augen kaum. Der kleine Raum, etwa so groß wie eine Abstellkammer, war voll mit Gemälden, Büchern und Schallplatten. Susan bekam einen schwärmerischen Ausdruck und ihre Stimme wurde sanft.
"Carla lag nie viel an Schmuck oder Mode. Sie liebte die bildenden Künste und umgab sich sehr gerne mit ihnen. Ich war es ihr schuldig, zumindest einen Teil davon zu retten." Cass ging in die kleine Kammer und sah sich begeistert und gleichzeitig gerührt um.
"Wie sehr das Carmen gefallen hätte. Sie war auch ein Kunstliebhaber." Mit den Fingerspitzen streifte sie ein altes Grammophon. Zu ihren Füßen lagen hunderte Bücher, alle noch recht gut erhalten aber mit einer dicken Staubschicht bedeckt. Und die Schallplatten waren durchgehend alte Klassiker. Ihre Mutter musste ein guter und intelligenter Mensch gewesen sein. Und Derek hatte sie einfach getötet, nur weil sie ihm nicht in den Kram gepasst hatte. Wieder schossen ihr Tränen in die Augen.
Sie folgten Susan wieder aus dem Zimmer und setzten den Rundgang fort. Sie zeigte Cass auch das Kinderzimmer, indem Charlott schlief. In der Ecke leuchtete das Licht eines Babyphones und Susan hielt das Gegenstück dazu in die Luft.
"Ist alles noch vom letzten Baby da gewesen. Sie brauchen sich also wirklich keine Sorgen um die kleine Lady machen."
Hatten in diesem Haus schon viele Kinder das Licht der Welt erblickt? Wo waren diese Kinder?
Obwohl es schon gegen neun Uhr war, rührte sich im Haus nichts.
Susan hatte für jedes Zimmer im Haus einen eigenen Schlüssel an einem dicken Schlüsselbund.
Wie konnte sie nur genau wissen, welcher Schlüssel zu welcher Tür gehörte?
Cass fand heraus, dass in dem großen Haus nicht viele Leute untergebracht waren. Ein kleiner Sicherheitsdienst von vier Männern, ein Koch, eine Putzfrau, ein Arzt und Susan. Der Rest war nach ihrer Aussage geflohen. Niemand wollte freiwillig unter Derek im Rudel stehen. Die Männer, mit denen er immer wieder in Alexandria eingefallen war, waren bezahlte Söldner, die nicht hier lebten. Der Mann, der sie uns Charlott aus den Kerker geholt hatte, war Dereks persönlicher Assistent, der während der Revolte geflohen war. Ganz zum Schluss kamen sie zu den Kerkern. Als sie Susans klammen Blick bemerkte, setzte ihr Herz kurz aus.
"Großer Gott, Susan. Sind da etwa noch Menschen eingesperrt?" Susan nickte und holte einen Schlüsselbund aus ihrer Tasche.
Wie viele solcher Schlüsselbunde hatte sie eigentlich noch in dieser Tasche versteckt?
Sie ging voran und erklärte: "Derek ließ jeden einsperren, der sich ihm widersetzte. Einige sitzen schon seit Jahrzehnten hier fest."
Sie schloss die erste Tür auf.
"Warren, du bist frei. Derek ist geflohen." Ein junger Mann, fast noch ein Kind, kam an die Zellentür und sah Susan fragend an.
"Ist das dein Ernst? Ich kann einfach gehen?" Susan nickte und ihr Gesicht wurde von einem zufriedenen Lächeln erhellt. So ging es drei weitere Male.
Bei der fünften Tür wurden plötzlich ihre Hände zittrig und die Schlüssel in ihrer Hand begannen zu klimpern. Cass bemerkte, dass Susan Tränen in den Augen hatte und sich mehrmals mit der Zunge über die Lippen fuhr.
"Collin?" Sie schloss die Tür auf und trat in die Zelle.
"Du bist frei!" Ein rothaariger Mann nahm Susan in die Arme und wirbelte sie durch die Luft. "Siehst du, Susan. Ich hab dir doch gesagt, dass wir bald wieder zusammen kommen." Als er Cassandra und Josh bemerkte, stellte er Susan wieder auf die Füße und schob sie beschützend hinter sich.
"Das ist Prinzessin Cassandra. Carlas Tochter." Collin verneigte sich demütig und sah ihr dann tief in die Augen. Fast schien es ihr, als wollte er ihre Gedanken lesen. Susan schlug ihm gegen die Brust.
"Hör sofort damit auf." Er sah Susan lächelnd an.
"Keine Sorge. Sie ist eine gute Seele. Genau wie Carla." Verwundert sah Cass zu Susan, die leicht errötete.
"Er ist sensibel für Charakterzüge anderer Menschen. Das hat ihn einen Platz im Kerker eingebracht." Und wohl auch in Susans Herzen. Cassandra lächelte das Paar an. Collin schob seine Geliebte an die nächste Zelle.
"Du bist noch nicht ganz fertig. Einer sitzt noch in diesem trostlosen Loch." Susan zog einen weiteren Schlüssel hervor und öffnete die letzte Tür eines besetzten Kerkers.
"Richard? Du bist frei. Komm raus." Die Zelle war dunkel und Cass beugte sich vor um etwas zu sehen. Irgendwie hatte sie ein komisches Gefühl im Magen, als würden hunderte Schmetterlinge darin sein und verzweifelt versuchen, heraus zu kommen. Josh hielt ihre Hand fest, als sich Cassandras Augen an die Dunkelheit gewöhnten. Der Mann, Richard, saß auf der Pritsche und starrte Cassandra ungläubig an.
"Herr im Himmel!" Er stand mit einem Ruck auf und ging auf sie zu.
"Carla? Bist du das wirklich?" Cass wich zurück und lehnte sich gegen Josh, der ihr einen Arm um die Mitte schlang.
"Das ist meine Mutter. Ich bin Cassandra." Wie vor den Kopf gestoßen blieb er stehen, musterte sie kurz und ging danach wieder zu der Pritsche zurück. Susan folgte ihm in die Zelle und legte ihre Hand auf seinen Arm.
"Komm Richard. Es ist vorbei. Du bist frei." Er schüttelte den Kopf.
"Er hätte mich damals auch umbringen sollen." Cass betrat die Zelle und stellte sich neben die Beiden.
"Sie kannten meine Mutter?" Er nickte.
"Bitte erzählen sie mir von ihr." Sie setzte sich zu ihm auf die Pritsche und sah ihn erwartungsschwanger an. Die Angst, die sie eben noch in Joshs Arme getrieben hatte, war verflogen und ein warmes Gefühl bemächtigte sich ihres Körpers. Richard sah ihr tief in die grünen Augen und schien innerlich mit ihm zu kämpfen. Trotzdem lag in seinem Blick Liebe. Keine leidenschaftliche, wie bei Josh, sondern eine... väterliche Liebe.
"Ich kam erst spät zum Rudel, zusammen mit meiner jüngeren Schwester Aileen. Als ich Carla das erste Mal sah, stockte mir der Atem. Sie war so schön, intelligent und leidenschaftlich. Ich entbrannte in tiefer Liebe zu ihr. Doch als ich heraus fand, dass sie die Frau von Derek war, hielt ich meine Gefühle geheim." Er starrte jetzt vor sich auf den Boden und seine Gesichtszüge wurden grimmig.
"Er behandelte sie grob und abfällig. Gestand ihr kein Fünkchen Liebe zu. Sie durfte nicht mit im Saal speisen, wenn andere Krieger anwesend waren und er zeigte ihr überdeutlich, dass er vor seinen Männern keinen Widerspruch duldete. Ich war einer von Dereks engsten Freunden, denen er sie in Obhut gab, während er nicht in der Nähe war. Carla und ich redeten viel, fanden Gemeinsamkeiten und eines Nachmittags gestand ich ihr meine Liebe. Sie war tief ergriffen und ich sah auch in ihren Augen Liebe aufblitzen. Wir fanden zusammen, fast jede Nacht, immerhin teilte Derek nur noch selten das Bett mit ihr. Auf einmal wurde im Rudel getuschelt, sie hätte eine intime Beziehung zu einem der menschlichen Dienern. Als ich mit einem anderen Krieger Besorgungen machte, schien er sie erwischt zu haben, wie sie mit dem Gärtner..." Richards Gesicht wurde ausdruckslos.
"Derek verstieß sie. Im Nachhinein hat mir Aileen erzählt, dass Derek Carla loswerden wollte. Er hatte kein Interesse mehr an ihr. Aus diesem Grund hat er diese Geschichte erfunden. Ich weiß bis heute nicht, warum sie sich nicht gegen die Anschuldigungen gewehrt hat. Dann erfuhr ich, dass sie schwanger war und Zwillinge geboren hatte." Er blickte unsicher auf und suchte Cassandras Blick.
"Nur ich konnte der Vater sein, doch Derek hat sie in seiner blinden Wut getötet. Ich erhob mich gegen ihn und wurde prompt eingekerkert."
Cassandra sah ihn mit großen Augen an.
"Du bist mein Vater! Ich bin nicht zur Hälfte menschlich?" Josh kam hinzu und sah Richard grimmig an.
"Deswegen wollte Derek dich töten. Er musste die Beweise für seine Intrige vernichten." Richard nickte. Er drückte Cass in seine Arme und hielt sie fest umklammert.
"Du siehst ihr so ähnlich. Ich hatte gedacht, Carla würde mich zu sich holen, als du in der Kerkertür standest."
Plötzlich schüttelte Josh den Kopf.
"Aber sie riecht nicht nach Wolf." Beide Männer sahen zu Cass. Hatte Richard eben an ihr geschnüffelt? Sie erinnerte sich wieder an den Abend in der Bar, als Josh an ihr geschnüffelt hatte.
"Was? Ich hab mir meine Schweißdrüsen entfernen lassen als ich dreizehn war. Außerdem nehme ich Medikamente ein, damit dieser furchtbare Geruch nach nassem Hund nicht wieder ausbricht." Josh starrte sie entgeistert an.
"Warum?" Cass lachte verbittert auf und erklärte: "Weißt du wie schlimm es für ein dreizehn Jähriges, pubertierendes Mädchen ist, zu schwitzen wie ein Schwein und immer nach Hund zu riechen?" Josh nahm sie in die Arme und drehte sich mit ihr im Kreis, so wie Collin es vorhin mit Susan getan hatte.
"Weißt du was das heißt? Du bist ein vollwertiger Wolf! Keine Probleme mit dem Rudel. Keine Einwände gegen unsere Verbindung." Cass lächelte ihn an und küsste ihn dann sanft auf die Stirn. "Das heißt es wohl."
Plötzlich ging das Babyphone in Susans Tasche los und Charlott verlangte nach Aufmerksamkeit. "Komm Richard. Du willst doch bestimmt dein Enkeltöchterchen kennen lernen." Richard bekam große Augen.
"Ich bin Opa?" Cassandra nickte lächelnd und zog Josh mit sich zu dem Zimmer, indem Charlott war.
"Das ist Charlott. Carmens Tochter." Entzückt sah Richard das kleine, rotgesichtige Wesen an, dass die kleinen Ärmchen nach Cass ausstreckte.
"Ihr habt sicher genau so hübsch ausgesehen, wie dieser kleine Schatz. Was hätte ich doch dafür gegeben euch einmal im Arm zu halten."
Cass Herz wurde schwer, als sie daran dachte, wie es wohl sein musste, über dreißig Jahre in einem Kerker zu sitzen und zu wissen, dass dort draußen zwei seiner Kinder waren?
"Jetzt können wir alles nachholen. Du musst mir alles über dich und Carmen erzählen. Ich will dich richtig kennen lernen. Zum Glück haben wir alle Zeit der Welt." Cass sah Richard sehnsüchtig an.
"Weißt du, ich würde dich auch gern besser kennen lernen. Aber das hier ist nicht mein Zuhause." Joshs Augen funkelten vor Freude.
"Du kommst wieder mit zurück?" Susan schnappte hörbar nach Luft.
"Aber Prinzessin! Das ist nun euer Rudel." Cass schüttelte den Kopf und wandte sich dann an Susan.
"Es ist Richards Rudel. Er hat es mehr als jeder andere verdient. Außerdem hat meine Mutter ihn als ihren Lebensgefährten gewählt." Dann sah sie wieder Richard an. Ein Lächeln breitete sich in ihrem Gesicht aus, Tränen sammelten sich in ihren Augen.
"Wenn ich auch nur ein klagendes Wort vom Rudel höre, komm ich wieder und weise dich zurecht." Ein schallendes Lachen wich aus seiner Kehle und er nahm Cass so fest in den Arm, wie Charlott es zuließ.
"Ich hoffe, du kommst uns recht oft besuchen, auch ohne Beschwerden meines Rudels."

Cassandra ließ Charlott schweren Herzens bei Richard und seinem Rudel. Sie waren komplett für ein Baby ausgestattet, Cass nicht. Auch Josh hatte schon bemerkt, dass sein Rudel noch nie ein Baby hatte. Emilys Baby zählte nicht, weil sie eine furchtbare Glucke war und sich niemand anders um das Baby kümmern durfte. Und Richard hatte sich aufrichtig gefreut, dass seine kleine Enkelin bei ihm bleiben durfte.
"Das ist ein weiterer Grund um uns oft zu besuchen" hatte er fröhlich gesagt. Man sah ihm den Stolz an. Zum einen auf seine Tochter und zum anderen auf seine Enkelin. Susan würde ihm helfen. Kurz bevor sie ihre Sachen gepackt hatten, überraschte Susan alle, indem sie erklärte, dass viele ehemalige Wölfe des Rudels wieder zurück kommen wollten, seit sie von Dereks Verschwinden erfahren hatten. Richard würde das Rudel wieder komplettieren und gerecht leiten. Er wäre ein toller Opa für Charlott, obwohl er nicht wie ein Opa aussah. Er schien genau so alt wie Josh zu sein. Überhaupt sahen alle Männer des Rudels recht jung aus.
Wie alt war Josh eigentlich?
Als er ihre Hand nahm und sie zur Eingangstür zog, entschied sie, diese Frage vorerst zu vergessen.

Nachdem Richard sie persönlich zur Brücke gebracht hatte, wo Joshs Wagen stand, verabschiedete er sich mit dem Versprechen, im ständigen Kontakt zu bleiben. Sein väterlicher Stolz war deutlich zu spüren, als er Cass und Josh ansah.
"Komm uns bald besuchen, hörst du?" Cass nickte und stieg in Joshs Auto.
Die Fahrt war recht kurz und am Herrenhaus wurden sie überschwänglich begrüßt. Emily fiel sofort der blaue Fleck in Cassandras Gesicht auf und Tränen sammelten sich in ihren Augen. Aus Angst vor einem tränenfeuchten Empfang, hob sie die Arme und versicherte ihr: "Keine Angst. Es tut gar nicht mehr weh."
Nachdem sich alle etwas beruhigt hatten, versammelte Josh das Rudel im Speisesaal und erklärte: "Cassandra ist ab jetzt vollwertiges Mitglied dieses Rudels und meine Gefährtin." Lydia sah zornig in eine andere Richtung, aber als Josh verkündete, dass Cass ein vollwertiger Wolf und dazu noch eine Prinzessin war, wurde sie rot vor Wut.
Genau! Er gehört jetzt mir!
Cassandra konnte ihr regelrecht ansehen, dass sie am liebsten aufgesprungen und ihr an die Gurgel gegangen wäre. Zum Glück hatte Josh kein Interesse an ihr. Sonst würde sie sich so schnell wie möglich bemühen, Lydia los zu werden. Vielleicht würde sie sich ja in Richards Rudel wohl fühlen?
Nachdem alle mit klatschen bezeugt hatten, dass sie nichts gegen Cassandras Aufnahme einzuwenden hatten, standen sie auf und schüttelten ihr die Hand oder klopften ihr freundschaftlich auf die Schulter. Nur Lydia verzog sich ungesehen. Aber das war ihr allemal lieber, als ein falsches Lächeln und gelogene Wünsche für die Zukunft.
Als sie auch das letzte unbekannte Gesicht mit Namen und Position kannte, zeigte ihr Josh das ganze Haus. Also alles, was sie noch nicht gesehen hatte. Wie das Spielzimmer. Das war ein riesiger Raum im Erdgeschoss, der komplett mit Technik vollgestopft war. Plasmafernseher, Computer, Spielkonsolen und noch vieles mehr. Das Arztzimmer, die Bibliothek, der Salon sowie der Speisesaal und die Küche wurden kurz gezeigt. Wobei sie meist an der Türschwelle stehen blieb und nur kurz in den Raum spähte. Im Keller war der Fitnessraum, den sie schon einmal benutzt hatte. Daneben gab es einen Whirlpool und eine Sauna. Den Kerker wollte er ihr nicht zeigen. Das wäre nichts für ihr zartes Gemüt. Sie hätte beinahe laut los gelacht. Von wegen zartes Gemüt! Aber sie beließ es dabei. Als sie über die Treppe wieder ins Erdgeschoss kamen, zeigte er ihr, wo Eriks Zimmer war. Allerdings wollte sie dessen Privatsphäre nicht stören und sah sich den Raum nicht an. Im ersten Obergeschoss waren ein Fernsehzimmer, ein Gästezimmer und die Schlafzimmer von Sylvester, Lydia, Emily und Josh. Auf eine Besichtigung des Dachbodens verzichtete sie. Dort waren nur noch Jonathans, Evans und Marks Zimmer, sowie ein weiteres Gästezimmer. Und das Lager. Alte Sachen, die aber zum wegwerfen zu schade waren. Und alte Geschäftsbücher. Als sie vor Joshs Zimmer standen, schlang Cassandra ihre Arme um seinen Hals. "Ich bin froh, dass ich dich kennengelernt habe." Damit küsste sie ihn und zog ihn kichernd ins Zimmer.