14. Kapitel
Als sie vor dem Gästezimmer stand, hörte sie plötzlich Tumult in der unteren Etage.
War Josh wieder da?
Ihre Beine waren plötzlich so schwer wie Blei und ihr Herz
überschlug sich regelrecht. Jemand schrie wie am Spieß nach Maya.
Was war da passiert? Sollte sie nach unten
gehen und nachsehen?
Aber nach ein paar Augenblicken war wieder alles ruhig und sie
hörte jemanden die Treppe hoch kommen.Der Mann auf der Treppe war staubig und seine Haare waren wild durcheinander. Das konnte doch unmöglich Josh sein. Seine Schultern hingen schlaff herab und auf seinem Gesicht zeichnete sich Trauer ab.
"Josh? Oh Gott! Was ist denn passiert?" Er sah auf und blickte ihr direkt in die Augen. Dann schüttelte er abwehrend den Kopf und ging in sein Zimmer. Die Tür ließ er offen, wie eine unterschwellige Einladung.
War er verletzt? Brauchte er sie in diesen
Moment?
Natürlich ging Cass ihm nach. Die Neugier war der Katze
Tod."Rede mit mir." Josh wandte sich zu ihr um und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Eine Staubwolke stieg von seiner Kleidung auf und rieselte auf den Fußboden.
"Wir wurden in eine Falle gelockt." Ihr Herz setzte einen Moment aus.
"Bist du verletzt?" Sie kniete sich vor ihn und musterte ihn von oben bis unten.
Keine Verletzung. Gut.
"Unsere Informantin hat uns in letzter Sekunde gerettet." Warum war er dann so geknickt?
"Das ist doch gut, oder?" Josh schüttelte den Kopf.
"Sie war im Gebäude, als es explodierte. Wie es scheint, war es Sylvesters Geliebte. Sie ist Tod." Seine Stimme brach beim letzten Wort, was ihr zeigte, wie nahe ihm diese Angelegenheit ging. Cassandra strich ihm die Haare aus dem Gesicht.
"War er es, der die ganze Zeit nach Maya gerufen hat?" Wieder nickte er nur. Ihm schien ein Kloß im Hals zu sitzen, der ihn nicht sprechen lassen wollte. Cass nahm ihn, ungeachtet des Schmutzes, in den Arm und drückte ihm einen Kuss auf die Lippen.
"Das tut mir so Leid." Völlig unerwartet stand er auf und ging Richtung Badezimmer.
"Ich brauch jetzt eine Dusche. Du kannst hier warten oder ich komm dann rüber ins Gästezimmer, wenn ich fertig bin." Cass räusperte sich und bewegte sich langsam zur Tür. Was sie ihm jetzt mitteilen musste, würde ihm gar nicht gefallen.
"Ich werde aber dann nicht da sein. Ich muss los." Josh drehte sich um und seine Augen schienen sie zu durchbohren.
"Wohin willst du?" Cass drehte sich um, griff nach der Türklinke und antwortete: "Mein Onkel hat angerufen. Er möchte mich sehen. Er meint, er hätte ein paar alte Sachen von meiner Mutter gefunden."
Plötzlich stand er hinter ihr und hielt sie am Oberarm fest. Sie durfte ihm nicht mehr den Rücken zudrehen. Irgendwie schaffte er es immer wieder, blitzschnell bei ihr zu sein.
"Du gehst nicht zu ihm." Er war nicht sauer weil sie gehen wollte, sondern weil sie sich mit ihrem Onkel traf. Total perplex drehte sie sich zu ihm um und sah ihn entgeistert an.
"Wie bitte? Willst du mir etwa verbieten zu gehen?" Sie sah einen Muskel in seinem Gesicht zucken bevor er erwiderte: "Ja, ich verbiete dir zu gehen. Keine Widerrede." Schon wieder dieser Befehlston. Sie hasste ihn unheimlich.
"Ich bin nicht dein Eigentum. Ich bin ja noch nicht mal deine Freundin. Du hast mir gar nichts zu sagen!" Die letzten Worte hatte sie fast geschrien. Sein Blick wurde ausdruckslos, obwohl sie einen Funken Wut darin entdeckte. Oder war das Eifersucht? Besitzanspruch? Er zerrte sie in die Mitte des Raumes in Richtung Bett. Mittlerweile wehrte sie sich so stark, dass er sie kaum noch vom Fleck bekam. Er hob sie kurzerhand hoch.
"Josh. Ich warne dich. Lass mich sofort runter!" Gesagt, getan. Mit einem kleinen Aufschrei landete sie auf seinem Bett. Mit dem Gesicht nach unten. Mit seiner Hand drückte er gegen ihre Wirbelsäule und hielt sie so fest, bis sie plötzlich Handschellen an ihren Handgelenken spürte.
"Das ist doch nicht dein Ernst!" Er drehte sie wieder auf den Rücken und hackte die Handschellen am Bett ein.
"Du wirst hier bleiben, bis ich sage, dass du gehen darfst." Sie sah ihn ungläubig an.
"Mach mich sofort los. Das ist Freiheitsberaubung." Er strich mit seinen Fingern über ihr Gesicht. An ihren Lippen blieben sowohl seine Finger als auch sein Blick hängen.
"Es ist nur zu deinem besten." Als er sich vorbeugte um sie zu küssen, hob sie das Knie und traf ihn mit voller Kraft in die Rippen. Er keuchte vor Schmerz und stand auf.
"Du bist etwas aufgewühlt. Ich geh schnell duschen und dann reden wir. Ausführlich." Sie wand sich auf dem Bett und er bekam ein paar giftige Blicke zugeworfen.
"Du verdammter Hurensohn. Lass mich sofort frei, sonst..." Josh lächelte sie unter all dem Schmutz an.
"Was sonst? Du bist gerade nicht in der Lage mir zu drohen." Mit diesen Worten ging er ins angrenzende Badezimmer und schloss die Tür.
Verdammt.
Die Liste seiner Verfehlungen wurde immer länger.Er hatte sie in der Annahmen, dass sie verheiratet war, gevögelt.
Er hatte per SMS Schluss gemacht.
Als sie sich wieder vertragen haben, hat er sie als Lügnerin beschimpft.
Er hatte ihr nach spioniert, ihre Freundinnen ausgehorcht und dann hierher gebracht.
Und nun fesselte er sich auch noch ans Bett.
Sie zerrte wie eine Verrückte an der Handschellen.
Leider waren es gute. Nicht diese billigen
China-Dinger aus dem Erotikgeschäft, die sie Zuhause gehabt hatte.
Das hier waren massive Handschellen.
Je mehr sie sich wand, desto mehr schnitten sie ihr ins Fleisch.
Als sie ein kleines, rotes Rinnsal bemerkte, hörte sie schließlich
auf. Es hatte keinen Zweck. Sie würde sich nur selbst verletzen.
Das würde sie ihm so was von heimzahlen.Mit einem Mal ging die Tür auf und eine junge Frau spähte in den Raum. Als sie Cassandra auf dem Bett entdeckte, kam sie in den Raum und baute sich vor ihr auf. Sie hatte etwas längere, hellblonde Haare und war sehr kurvenreich. Das genaue Gegenteil von Cassandra.
"Was erlaubst du dir? Das ist das Bett vom Rudelführer." Cass schloss die Augen und erwiderte etwas ungehalten: "Wenn ich nicht gefesselt wäre, würde ich nicht hier liegen." Die junge Frau suchte nach dem Schlüssel und entdeckte ihn schließlich in der untersten Schublade.
"Ich weiß nicht, was er an dir findet. Aber es ist auch egal. Du bist nur ein kleiner Zeitvertreib für ihn." Sie lächelte, als sie die Handschellen öffnete.
"Was meinst du damit?" Blondie zuckte mit den Schultern.
"Er ist der Rudelführer. Er muss einen Wolf zu seiner Frau nehmen, sonst verliert er alles. Und da du kein Wolf bist, ist es wie mit all den anderen Frauen." Die Spucke blieb Cassandra weg.
"Andere Frauen?" Sie nickte.
"Er nimmt zwar normalerweise niemanden mit hierher, aber ich habe schon von den leichten Mädchen gehört, die er ab und zu in seine Wohnungen mit nimmt. Eine hat er sogar zwei Monate dort wohnen lassen, bevor er sich eine andere gesucht hat. Aber irgendwann muss er einen Wolf heiraten um einen Nachfolger zu zeugen." Sie spielte mit ihren hellen, blonden Haaren.
"Zum Glück gibt es hier nicht viele Frauen." Cass konnte kein Wort mehr hervor würgen. Sie erhob sich vom Bett und rannte zur Tür.
Ich muss hier weg.
Das war der einzige Gedanke, den sie jetzt noch klar fassen konnte.
Sie ließ ihren Mantel und ihre Handtasche in dem Gästezimmer und
rannte zur Haustür.Das warme Wasser der Dusche tat ihm unglaublich gut. Er war schockiert gewesen, als sein Bruder in dem Schutt der Fabrik zusammen gebrochen war. Drei Betäubungspfeile hatte Erik gebraucht um ihn ruhig zu stellen. Er lehnte sich erschöpft gegen die Duschwand.
Noch nie hat er Sylvester so gesehen. Dieses Mädchen muss ihm viel bedeutet haben. Hatte er sie geliebt? War er mit ihr zusammen gewesen? Mit dem Hinterkopf schlug er immer wieder gegen die Fliesen.
Morgen, wenn er sich etwas beruhigt hätte, würde Josh mit Sylvester reden. Jetzt musste er sich erst einmal um Cassandra kümmern. Er spürte immer noch den Rippenstoß, den sie ihn verpasst hatte. Sie war eine kleine Wildkatze. Als sie so auf seinem Bett lag, hilflos und gefesselt, war ihm ganz heiß geworden.
Hoffentlich nahm sie ihm das nicht übel.
Er wusste, dass er ihr alles erklären sollte, aber er war sich nicht zu hundert Prozent sicher, ob ihr Onkel auch der Derek vom anderen Rudel war. Er seufzte.
"Verdammt!" Er drehte die Dusche ab und rieb sich mit einem Handtuch trocken. Danach ging er - nur mit einem Handtuch um die Lenden - wieder ins Schlafzimmer. Er traute seinen Augen nicht.
"Lydia! Wo zum Teufel ist Cassandra?" Die junge Frau saß auf dem Bett und sah ihn lächelnd an. Obwohl sie bei seinem halbnacktem Auftauchen etwas blass um die Nase geworden war.
"Sie ist gegangen." Lydia stand auf und ging zögernd auf ihn zu. Er konnte es nicht fassen. Dieses dumme Frauenzimmer hatte Cassandra zur Flucht verholfen.
"Wie lange ist sie schon weg?" Sein Ton war schneidend und die junge Frau sah mit weit aufgerissenen Augen zu ihm auf.
"Seit zehn Minuten, vielleicht auch etwas weniger." Er ging an ihr vorbei und riss den Kleiderschrank auf.
"Wieso zum Teufel hast du sie befreit? Ich habe sie nicht ohne Grund gefesselt." Die junge Frau sah schuldbewusst zur Seite.
"Sie ist doch nur ein Mensch. Was kann sie dir schon bedeuten?" Er drehte sich zu ihr um und schrie sie wütend an: "Sie ist in Gefahr! Geh mir aus den Augen!" Laut schluchzend drehte sie sich um und rannte aus dem Zimmer.
Tief im inneren wusste er, dass er nicht so barsch hätte sein dürfen. Sie hatte erst seit ein paar Monaten begonnen, mehr mit den anderen zu unternehmen, statt sich nur in ihrem Zimmer zu verkriechen. Keiner wusste von ihrer Vergangenheit, nur Christopher und er.
Schon seit dem ersten Moment, den sie hier in der Villa war, hatte er bemerkt, dass sie mehr als nur Dankbarkeit für ihn empfand. Aber was sie ihm anbot, konnte er einfach nicht annehmen. Sie wäre nur eine von vielen und das würde ihr sowieso schon verletztes Herz vollends zerstören.
Aber dass sie Cass einfach hatte gehen lassen, war zu viel für seine Geduld. Er zog sich schnell ein frisches Hemd und eine Hose an und war dann ebenfalls auf dem Weg.
Einen Block vor ihrer Wohnung entdeckte er sie schließlich. Sie hatte ihre Arme um sich geschlungen - anscheinend fror sie. Ihren Mantel hatte sie nicht mitgenommen, so eilig hatte sie es gehabt, von ihm weg zu kommen.
"Cassandra warte!" Erschrocken drehte sie sich um und im nächsten Augenblick rannte sie auch schon los. Er hätte seine Klappe halten sollen. Trotz ihres Vorsprungs hatte er sie schnell eingeholt und packte ihr Handgelenk.
"Was an
warte
hast du nicht verstanden?" Sie sah ihn mit Tränen in den Augen an.
Dann spürte er etwas seine Hand hinunter tropfen. Als er das Blut
sah, ließ er sie sofort los. Damit hatte sie nicht gerechnet und
fiel etwas unsanft auf ihren Po."Du blutest!" Cassandra kroch von ihm weg und rappelte sich dann wieder auf.
"Die Handschellen waren ziemlich robust." Ihre Stimme zitterte. Vor Kälte oder vor Angst?
"Bitte bleib stehen. Ich will nur mit dir reden. Du brauchst keine Angst haben." Er hob beschwichtigend die Hände.
"Pah! Angst. Vor dir hab ich doch keine Angst." Er trat einen Schritt weiter auf sie zu.
"Warum rennst du dann vor mir weg?"
"Weil ich nichts mehr mit dir zu tun haben will." Wieder flossen ihr Tränen übers Gesicht.
"Wegen den Handschellen tut es mir Leid. Ich hätte dir gleich alles erklären sollen. Lass uns in meine Wohnung gehen. Sie ist gleich um die Ecke." Hastig schüttelte sie den Kopf.
"Ich bin nicht eine deiner Huren, die du in deiner Wohnung halten kannst, bis du sie nicht mehr willst." Er sah sie zornig an.
"Wie kommst du darauf?" Sie verschränkte ihre Arme vor der Brust und fing wieder an zu zittern.
"Was sonst würdest du von einem Menschen wollen? Ich könnte nie deine... Gefährtin sein."
"Wer hat dir diesen Blödsinn erzählt?" Ihr Schutzwall bröckelte.
"Die blonde Frau in deinem Zimmer. Sie meinte, du würdest dich nur mit einer Wölfin zusammen tun können. Ich ..." Plötzlich lachte Josh laut auf.
"Lydia? Dieser dummen Gans glaubst du? Ich hätte dir mehr Verstand zugetraut."
Obwohl sie recht hatte. Aber er hatte sich
entschieden, das Rudel zu verlassen. Dafür musste Cassandra aber
bei ihm bleiben.
"Außerdem will ich gar nicht deine Gefährtin werden. Ich kann dich nicht ausstehen." Er lachte zwar nicht, aber seine Stimme klang belustigt, als er erwiderte: "Als ich dich vor diesen zwei Idioten gerettet hab, hast du aber was ganz anderes gesagt." Ihr Blick durchbohrte ihn.
"Da stand ich unter Drogen und war nicht ganz klar im Kopf." Gerade als Josh etwas erwidern wollte, nahm er ein silbernes Funkeln wahr.
Ein Pfeil.
Noch ehe Cass wusste, wie ihr geschah, zog er sie hinter sich und
stellte sich schützend vor sie.Einen Moment später explodierte Schmerz in seinem Bauch und er sank auf die Knie.
"Josh?" Dann sah sie zu dem Pfeil.
Dem Pfeil in seinem Bauch.
"Oh mein Gott!" Josh wollte sich wieder aufrappeln und sah sich um. Die Wunde tat höllisch weh, aber wo war der Pfeil hergekommen? Dann entdeckte er eine Gestalt am Ende der Straße.
Derek. Ich hab es doch gewusst!
Er wollte Cassandra warnen, doch er bekam keinen Ton heraus. Sie
stützte ihn und war kreidebleich.Dann wurde alles schwarz um ihn herum.