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ANGEBOTE UND ABLEHNUNGEN
Jabba ruhte neben seiner Tante in deren privatem Audienzraum auf Nal Hutta und hörte aufmerksam zu, wie Bria Tharen den Desilijic ihr Angebot unterbreitete. Die Frau sprach gut, mußte Jabba einräumen… für eine menschliche Frau.
»Allmächtige Jiliac…« Bria breitete die Hände aus. »…bedenkt, was für eine Gelegenheit dies für Euren Clan ist. Wenn die Desilijic unserer Gruppe auch nur die Beschaffung von Munition und Treibstoff finanzieren, wird der corellianische Widerstand dafür sorgen, daß Ylesia die längste Zeit ein Dorn in Eurem Fleische war. Wäre es das nicht wert, um die Besadii zu ruinieren? Und das bei so geringen Kosten! Wir stellen die Truppen, die Waffen, die Raumschiffe…«
»Aber Sie wollen auch die Gewürze in den Lagerhallen«, warf Jiliac auf huttisch ein. Ihr Protokolldroide K8LR übersetzte die Worte der Hutt prompt. Jiliacs Repulsorsänfte wippte ein wenig, als sie ihre ganze Körperfülle nach vorne verlagerte, um die Rebellenführerin ins Auge zu fassen. »Ich fürchte, für uns bleibt da kein Gewinn. Wenn wir allerdings wirklich davon profitieren würden…«
Bria Tharen schüttelte den Kopf. »Wenn wir die Risiken tragen, bekommen wir auch die Gewürze, Euer Exzellenz. Eine Widerstandsbewegung zu unterhalten, ist teuer. Wir können nicht einfach Eure Feinde für euch auslöschen, ohne selbst etwas dabei zu gewinnen.«
Insgeheim pflichtete Jabba ihr bei. Wieso war Jiliac bloß so stur? Jabba ergriff jetzt zum ersten Mal das Wort – in Basic, das er gut beherrschte, aber nur selten sprach. »Gestatten Sie mir klarzustellen, ob ich richtig verstehe, was Sie anbieten und was Sie von uns erwarten, Commander?«
Bria wandte sich ihm zu und deutete eine Verbeugung an. »Selbstverständlich, Euer Exzellenz.«
»Erstens…« Jabba begann die einzelnen Punkte an den Fingern abzuzählen. »…die Desilijic stellen Ihnen die nötigen Geldmittel zur Verfügung, um Munition und Treibstoff für einen Überfall auf Ylesia zu erwerben. Zweitens… die Desilijic werden vor dem Angriff für die Vernichtung der T’landa-Til-Priester sorgen… richtig?«
»Ja, Euer Exzellenz«, nickte Bria.
»Warum brauchen Sie uns dazu?« verlangte Jiliac hochmütig zu wissen. »Falls Ihre Leute wirklich eine so schlagkräftige Truppe sind, sollten sie eigentlich fähig sein, allein mit ein paar schwächlichen T’landa Til fertig zu werden.«
»Weil wir eine weit größere Chance haben, der Pilger Herr werden zu können, wenn die Priester bei unserer Ankunft bereits tot sind«, gab Bria Tharen zurück. »Es sollte für einen Kajidic mit Euren Mitteln nicht allzu schwer sein, das zu arrangieren. Es gibt, zumindest lauten so die Erkenntnisse unseres Nachrichtendienstes, alles in allem nicht mehr als dreißig Priester auf dem gesamten Planeten. Das sind in den meisten Fällen nicht mehr als etwa drei pro Kolonie. Und noch etwas… wir wollen nicht in die Lage geraten, daß unsere Truppen sich mit den telepathischen Schwingungen der T’landa Til auseinandersetzen müssen – wir wollen, daß sie sich auf den Kampf konzentrieren können.«
»Ich verstehe«, sagte Jabba. »Drittens… im Gegenzug für unsere finanzielle Unterstützung sowie die Zusage, die Priester zu eliminieren, wird Ihre Gruppe dort landen und die Unternehmen der Besadii zerstören. Die Fabriken in die Luft jagen und sicherstellen, daß nichts übrigbleibt, was die Besadii zum Wiederaufbau nutzen könnten.«
»Das ist richtig, Euer Exzellenz«, bestätigte die Rebellenführerin. »Das Risiko liegt allein auf unserer Seite. Daher bekommen wir selbstverständlich auch die Pilger und die Gewürze aus den Lagerhallen.«
»Ich verstehe«, sagte Jabba wieder. »Ihre Angebot verdient Beachtung, Commander. Wir…«
»Nein!« schnaubte Jiliac angewidert und entließ Bria mit einer knappen Geste. »Mädchen, wir haben genug gehört. Wir danken Ihnen, aber…«
»Tante!« rief Jabba und senkte die Stimme, als Jiliac plötzlich verstummte und ihn überrascht ansah. Er fuhr auf huttisch fort: »Kann ich dich unter vier Augen sprechen?«
Jiliac schnaubte eingeschnappt. Dann nickte sie. »Nun gut, Neffe.«
Nachdem Tharen von K8LR aus dem Empfangsraum eskortiert und aufgefordert worden war, die Entscheidung dort abzuwarten, sagte Jabba: »Tante, dieses Angebot ist zu gut, um es einfach auszuschlagen. Wenn wir Söldnertruppen anheuern müßten, um Ylesia zu eliminieren, würde uns das ein Vielfaches dessen kosten, was wir diesen Rebellen zuschießen müßten. Die Kosten…« Er führte im Kopf rasch ein paar Berechnungen durch. »…wären mindestens fünfmal so hoch. Wir sollten daher annehmen.«
Jiliac blickte ihren Neffen spöttisch an. »Jabba, habe ich dich nicht besser unterwiesen? Ich habe dich gelehrt, daß die Desilijic niemals irgendeine Kriegspartei unterstützen dürfen. Willst du, daß wir uns dem Widerstand anschließen? Diese Politik kann nur ins Verderben führen!«
Jabba mußte tief durchatmen und stumm das huttische Alphabet aufsagen, eher er antworten konnte. »Tante, ich schlage absolut nicht vor, daß wir uns mit diesen Rebellen verbünden sollen. Aber wir können und sollten sie uns zunutze machen, um unsere eigenen Interessen zu fördern! Diese Menschenfrau mit ihrer Rebellion ist ein Geschenk der Vorsehung. Und Bria Tharen ist die perfekte Anführerin für diesen Überfall.«
»Weshalb?« Jiliac funkelte ihren Neffen an.
Jabba ließ mit einem kurzen Schnauben verzweifelt die Luft entweichen. »Denk nach, Tante! Wer waren die beiden Menschen, die vor vielen Jahren von Ylesia entflohen, nachdem sie Zavval getötet hatten? Weißt du noch, daß ich der Sache damals nachgegangen bin, als Han Solo bei uns um Arbeit nachsuchte?«
Jiliac warf die Stirn in Falten. »Nein…«
»Nun, das habe ich aber. Han Solo entkam in einem gestohlenen Raumschiff und mit einem Großteil von Teroenzas Schatz und der Lieblingssklavin des Hohepriesters an Bord von Ylesia. Ihr Name war Bria Tharen, Tante. Dieselbe Frau! Sie hegt einen persönlichen Groll gegen Ylesia! Sie wird sich deshalb durch nichts davon abhalten lassen, mit der Sklavenwelt der Besadii Schluß zu machen.«
Jiliac runzelte immer noch die Stirn. »Und was, wenn sie tatsächlich eine persönliche Rechnung zu begleichen hat? Was nutzt uns das, Neffe?«
»Nichts könnte den Desilijic besser ins Konzept passen als die Zerstörung dieser verfluchten Gewürzfabriken! Denk darüber nach! Die Besadii, gedemütigt und ruiniert… Ein einmaliges Angebot!«
Jiliac schaukelte auf ihrem gewaltigen Bauch vor und zurück und starrte mit großen Augen in die Luft, als versuchte sie, sich die Realisation dieses Plans auszumalen. »Nein«, sagte sie schließlich. »Das ist ein schlechter Plan.«
»Das ist ein guter Plan, Tante«, blieb Jabba beharrlich. »Und mit ein paar kleinen Verbesserungen würde er sogar funktionieren.« Nach einer kurzen Unterbrechung fügte er hinzu: »Bei allem schuldigen Respekt, Jiliac. Ich glaube nicht, daß du die Angelegenheit wirklich durchdacht hast.«
»Oh?« Jiliac richtete sich auf ihrem Hinterteil auf, bis sie sich über ihrem Verwandten auftürmte. »Neffe, dein Urteil beruht auf irrigen Voraussetzungen. Ich habe in all den Jahren sehr darauf geachtet, dich nicht mit deinem skrupellosen Vater zu vergleichen, der die Desilijic mit seinen großen Plänen beinahe ruiniert hätte und am Ende dumm genug war, auf diesem Schlammloch von Gefängnisplaneten Kip zu enden. Aber wie dem auch sein mag…«
Jabba liebte es nicht, wenn er an Zorba und dessen lasterhaftes Treiben erinnert wurde. »Tante, ich gleiche meinem Vater in keiner Hinsicht, und das weißt du! Ich weise nur respektvoll darauf hin, daß du nachgiebig geworden bist und deine Urteilskraft nachgelassen hat. Wir müssen uns bald mit den Besadii auseinandersetzen, oder wir werden mit ziemlicher Sicherheit alles verlieren. Wie also lauten deine Einwände?«
Jiliac grollte, und ein Tropfen grünen Schleims erschien in einem Winkel ihres hängenden Mauls. »Zu riskant, zu viele Ungewißheiten. Menschen sind nicht intelligent genug, ihr Handeln exakt planen zu können. Sie sind höchstens dazu fähig, unsere Credits einzustreichen und uns anschließend an die Besadii zu verkaufen.«
»Diese Rebellen setzten sich engagiert für ihre Sache ein«, wandte Jabba ein. »Aber du hast recht, du verstehst die Menschen nicht, Tante. Commander Tharens Gruppe ist hingebungsvoll und dumm genug, ihr eigenes Leben für diese verdammten Sklaven aufs Spiel zu setzen. Die Menschen sind nun mal so. Vor allem diese Menschenfrau.«
»Und ich vermute, du verstehst sie«, schnaubte Jiliac. »Woher rühren diese mustergültigen Einsichten, Neffe? Daher, daß du ihnen zuschaust, wie sie spärlich bekleidet vor dir herumhampeln?«
Jabba wurde jetzt wirklich wütend. »Und ob ich sie verstehe. Und ich begreife, daß dieses Angebot keines ist, das wir so einfach ausschlagen sollten.«
»Dann möchtest du also, daß wir für den corellianischen Widerstand den Tod von gut dreißig T’landa Til arrangieren«, rief Jiliac. »Was, wenn dies hier auf Nal Hutta jemals entdeckt wird? Die hiesigen T’landa Til würden ein Riesengeschrei anstimmen! Sie sind unsere Vettern, Neffe. Die Menschen sind nichts!«
Daran hatte Jabba nicht gedacht. Er blieb stumm und ließ sich den Einwand durch den Kopf gehen. »Ich glaube trotzdem, wir könnten den Plan ausführen«, meinte er dann. »Wir sind in der Vergangenheit immerhin schon mit zahlreichen Morden durchgekommen.«
»Übrigens«, fuhr Jiliac eingeschnappt fort, »möchte ich auch gar nicht, daß die Unternehmen auf Ylesia zerstört werden, ich will sie statt dessen selbst übernehmen. Was nutzt es uns, die Besadii zu schlagen, wenn die Gewürzfabriken zerstört sind?«
»Wir könnten neue Fabriken bauen«, antwortete Jabba. »Alles wäre besser, als die Besadii weiterhin die Gewürze horten und die Preise in die Höhe treiben zu lassen!«
Jiliac schüttelte den Kopf. »Ich bin die Clan-Führerin, und ich sage nein. Ende der Diskussion, Neffe!«
Jabba unternahm einen Versuch, weiter zu argumentieren, doch Jiliac bedeutete ihm zu schweigen und rief mit dröhnender Stimme K8LR und die Rebellenführerin herbei. Der Droide führte die junge Frau rasch zurück in den Empfangsraum, wobei er die ganze Zeit dienstbeflissen Bemerkungen über ihre Geduld machte.
Jiliac schoß einen verärgerten Blick auf Jabba ab und räusperte sich lautstark. »Mädchen, wie ich Ihnen schon zuvor sagte, bevor ich unterbrochen wurde…« Sie warf Jabba einen bedeutungsvollen Blick zu. »…wissen wir Ihr Angebot durchaus zu schätzen, unsere Antwortet lautet jedoch nein. Die Desilijic können es nicht riskieren, sich in dieser Angelegenheit mit dem Widerstand zusammenzutun.«
Bria Tharens Züge verrieten, wie Jabba sehr wohl erkannte, ihre Enttäuschung. Sie seufzte, dann zog sie die Schultern hoch. »Nun gut, Euer Exzellenz.« Sie griff in eine Tasche ihrer Kampfmontur und entnahm ihr etwas. »Solltet Ihr Eure Meinung irgendwann ändern, könnt ihr mich…«
Jiliac wischte die angebotene Datenkarte beiseite und starrte ihren Neffen böse an, als dieser sich danach bückte. Jabba sah Bria an und hielt die Datenkarte in der Hand. »Ich werde sie aufbewahren«, versprach er. »Leben Sie wohl, Commander.«
»Danke für die Audienz, Exzellenzen«, sagte Bria und verneigte sich tief.
Jabba blickte ihr nach, während sie davonging, und dachte, daß sie im Kostüm einer Tänzerin großartig aussehen würde. Diese Woge rötlicher Haare, die sich über ihre entblößten Schultern ergoß. Sehr schöne muskulöse Schultern. Diese Menschenfrau war gut in Form, außerordentlich gut in Form, und sie war beeindruckend groß. Sie würde eine wunderbare Tänzerin abgeben! Jabba seufzte.
»Jabba«, sagte seine Tante, »ich kann nicht gutheißen, in welcher Weise du soeben offen meine Entscheidung mißachtet hast. Vergiß niemals, daß wir Desilijic stets als eine einige Front auftreten müssen, wenn wir geschäftlich mit niederen Lebensformen zu tun haben.«
Jabba traute sich nicht, etwas zu sagen. Er war noch immer bitterböse über die Weigerung seiner Tante, zu erkennen, was für eine einmalige Gelegenheit Bria Tharen ihnen eröffnet hatte. Wenn ich der Führer der Desilijic wäre, dachte er, müßte ich nicht länger auf Jiliacs paranoide Rückständigkeit hören. Manchmal muß man eine Gelegenheit ergreifen, um weitgesteckte Ziele zu erreichen. Die Mutterschaft hat sie dumm und weich werden lassen…
Jabba kam in diesem Augenblick erstmals zu Bewußtsein, daß er, Jabba Desilijic Tiure, der nächste Führer der Desilijic sein würde, wenn Jiliac aus dem Rennen wäre. Er wäre dann niemandem mehr Rechenschaft schuldig.
Jabba lag da, ließ gedankenverloren den Schwanz zucken und warf seiner Tante einen verstohlenen Seitenblick zu. Da legte sich plötzlich ihr Bauch in Falten, und ihr Baby glitt heraus. »Mamas Liebling!« rief Jiliac aus. »Jabba, sieh nur! Er wird jeden Tag größer!«
Sie liebkoste ihr Kleines. Jabba verzog das Gesicht, rülpste und schlängelte sich, unfähig den Anblick der beiden noch einen Augenblick länger zu ertragen, schnell aus dem Raum.
Bria Tharen hob ihr Weinglas, nahm einen bedächtigen Schluck, nickte anerkennend und lächelte ihrem Begleiter zu. »Wunderbar! Ich bin Ihnen so dankbar, Lando, Sie haben ja keine Ahnung, wie lange es her ist, daß ich einen Abend einfach nur genießen konnte.«
Lando Calrissian nickte. Bria war heute, nach dem, was sie eine ›enttäuschende Unterredung‹ mit der Führerin der Desilijic nannte, an Bord der Fähre von Nal Hutta nach Nar Shaddaa zurückgekehrt. Um sie aufzuheitern, hatte der Spieler ihr versprochen, sie zu einem Nerf-Lenden-Dinner in einem der edelsten Hotel-Casinos des Schmugglermondes, dem ›Chance Castle‹, auszuführen. Bria trug ein weich fließendes türkisfarbenes Kleid, das gut zu ihren Augen paßte, und Lando hatte seine schwarz-purpurne Kombination angezogen – ›um der alten Zeiten willen‹.
»Wie lange?« fragte er und drehte sein Glas langsam zwischen den Fingern. »Tja, ich nehme an, eine Rebellen-Führerin zu sein, nimmt ziemlich viel Zeit in Anspruch. Fast so viel Zeit, wie die Geliebte eines Sektor-Muftis zu sein.«
Ihre Augen wurden zuerst groß und verengten sich dann. »Wie haben Sie das herausgefunden? Ich habe Ihnen nichts darüber erzählt…«
»Nar Shaddaa ist der kriminelle Verkehrsknotenpunkt der Galaxis«, erwiderte Lando. »Ein Informationsmakler schuldete mir einen Gefallen, und ich habe die Begleichung seiner Schuld eingefordert. Commander Bria Tharen, richtig?«
Sie preßte die Lippen zusammen und nickt dann knapp.
»He«, sagte Lando und berührte sanft ihren Handrücken, »hab’ ich Ihnen nicht versichert, daß Sie mir trauen können? Das können Sie wirklich. Ich bin kein Freund des Imperiums. Wenn ich nicht so ein Erzfeigling wäre, würde ich mich selbst den Rebellen anschließen. Ich kenne viele Geheimnisse, und ich kann Geheimnisse gut für mich behalten.«
Sie lächelte vage. »Was immer Sie auch sein mögen, Sie sind bestimmt kein Feigling, Lando. Niemand, der sich wie Sie mit Boba Fett anlegt, verdient es, feige genannt zu werden. Sie sollten wirklich daran denken, sich dem Widerstand anzuschließen. Sie sind ein guter Pilot, Sie behalten immer einen klaren Kopf, und Sie sind schlau. Sie wären in kürzester Zeit Offizier.« Sie zögerte, dann fügte sie ernster hinzu: »Und was Mufti Sarn Shild angeht… ich kann nur sagen, daß der erste Eindruck täuschen kann. Ich habe im Auftrag des Widerstands gehandelt, aber ich war nichts weiter als eine Gesellschaftsdame und seine Assistentin, obwohl er wollte, daß alle Welt etwas anderes glaubte.«
»Und Sie haben ihn ausspioniert?«
»›Informationen gesammelt‹ klingt irgendwie netter.«
Lando lachte in sich hinein. »Und wo wollen Sie morgen hin, wenn Sie Nar Shaddaa verlassen?«
»Ich kehre zu meinem Geschwader zurück. Mein nächster Auftrag… was auch immer das sein mag. Mir fehlen von nun an zwei meiner Führungsoffiziere… und außerdem ein exzellenter Soldat.« Ihre Miene verfinsterte sich. »Fett hat sie genauso gedankenlos getötet, wie Sie oder ich ein Insekt zertreten würden.«
»Aus diesem Grund ist er der gefürchtetste Kopfgeldjäger der Galaxis«, stellte Lando lapidar fest.
»Ja…« Sie nahm noch einen Schluck Wein. »Er gleicht einer Ein-Mann-Armee. Nur schade, daß er loyal zum Imperium steht. Ich könnte ihn im Kampf bestimmt gut gebrauchen!«
Lando blickte sie an. »Das bedeutet Ihnen alles, nicht wahr? Das Imperium zu schlagen?«
Sie nickte. »Es ist mein Leben«, entgegnete sie schlicht. »Ich würde alles, was ich besitze – oder was ich bin –, dafür hergeben, um der Verwirklichung dieses Traums näher zu kommen.«
Lando nahm ein Stück Fladenbrot, träufelte Waldhonig von Kashyyyk darauf und nahm einen Bissen. »Aber Sie haben diesem Ziel bereits Jahre Ihres Lebens geopfert. Wann bekommt Bria Tharen die Chance, ihr eigenes Leben zu leben? Wann werden Sie sagen, daß es genug ist? Wünschen Sie sich denn kein Zuhause, keine Familie – irgendwann einmal?«
Sie lächelte traurig. »Der letzte Mann, der mir diese Frage gestellt hat, war Han.«
»Wirklich? Als Sie beide auf Ylesia waren? Das ist schon lange her.«
»Ja«, nickte sie. »Es war wunderbar, mit Ihnen reden zu können und herauszufinden, was er so getrieben hat. Wissen Sie, Lando, in ein paar Monaten wird es zehn Jahre her sein, daß wir uns zum ersten Mal begegnet sind. Ich kann es kaum glauben… wo ist bloß die Zeit geblieben?«
»Da, wo sie immer bleibt«, sagte Lando. »Es gibt ein riesiges Schwarzes Loch im Zentrum der Galaxis, das sie einfach aufsaugt.«
Sie zuckte die Achseln und lächelte bittersüß. »Diese Erklärung genügt mir. Ich werde mich beizeiten daran erinnern.«
Lando schenkte ihr Wein nach. »Aber Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet. Wann werden Sie beginnen, Brias Leben zu leben?«
Ihre blaugrünen Augen blickten eindringlich, als sie über den Tisch hinweg die seinen trafen. »Wenn das Imperium besiegt und Palpatine tot ist, werde ich daran denken, mich zur Ruhe zu setzen. Ich hätte gerne eines Tages ein Kind.« Sie lächelte. »Ich nehme an, ich weiß auch noch, wie man kocht und einen Haushalt führt. Meine Mutter hat ohne Zweifel genug Zeit darauf verwendet, angemessenes Heiratsmaterial aus mir zu machen, und dazu gehörten auch jede Menge Anweisungen hinsichtlich meiner fraulichen Pflichten.«
Lando grinste. »Ich schätze, ihr gegenwärtiges rebellisches Erscheinungsbild würde ihr nicht besonders gefallen – im Kampfanzug und bis an die Zähne bewaffnet.«
Sie lachte spöttisch und verdrehte die Augen. »Arme Mama! Es ist gut, daß sie mich so nicht sehen kann, sie würde vor Schreck glatt umkippen!«
In diesem Moment brachte der Ober ihre Steaks, und beide machten sich begeistert über das Essen her. »Lando, das ist einfach wunderbar«, sagte Bria dann. »Hundertmal besser als die Verpflegung beim Militär.«
Lando lächelte. »Ein weiterer Grund, warum ich nicht zur Rebellion gehen kann«, meinte er. »Ich habe eine Schwäche für gute Küche. Ich glaube nicht, daß ich die Feldrationen auf Dauer aushalten könnte.«
Sie nickte. »Sie wären überrascht, an was man sich alles gewöhnen kann… wenn man nur lange genug übt.«
»Das möchte ich gar nicht erst herausfinden«, sagte Lando leichthin. »Wie könnte ich all das hier aufgeben?« Er wies mit einer ausholenden Geste auf das elegante Restaurant und das Treiben an den Spieltischen dahinter.
Sie nickte wieder. »Ich muß zugeben, es fällt mir schwer, mir Sie in einer Rebellenuniform vorzustellen.«
»Zumindest nicht ohne weitgehende Änderungen am Schnitt«, erwiderte Lando, und sie lachten gemeinsam.
»Haben sie jemals an Kampfhandlungen teilgenommen?« fragte Bria ihn dann in einem ernsteren Tonfall.
»Oh, sicher«, entgegnete Lando. »Ich bin mittlerweile ein ebenso passabler Schütze wie ein überdurchschnittlich guter Pilot. Und ich war hier und da schon in Kämpfe verwickelt. Und es gab natürlich die Schlacht von Nar Shaddaa. Han, Salla und ich, wir waren mittendrin.«
»Erzählen Sie mir davon«, bat sie. »Ich bin erstaunt, daß Schmuggler – so unabhängig und leidenschaftslos, wie die meisten sind, die ich kenne – sich zusammenraufen und gemeinsam zuschlagen können, um die Imperiale Flotte zu besiegen.«
Lando, der stets froh war, vor einem bewundernden Publikum von sich selbst und seinen Eskapaden zu reden, stürzte sich begeistert in eine ziemlich ausführliche Schilderung des Zusammenschlusses der Schmuggler mit Drea Renthals Piratenarmada, die die Vernichtung zahlreicher imperialer Jäger und mehrerer Großkampfschiffe zur Folge hatte. Bria hörte ihm mit ernster und verständiger Teilnahme zu und stellte eine Reihe von Fragen zu Strategie und Taktik, die den Spieler darin bestärkten, mit seiner Erzählung fortzufahren.
Als Lando schließlich geendet hatte und sie den Nachtisch bestellten, lehnte Bria sich zurück, während der Ober die Teller abräumte. »Was für eine Geschichte!« sagte sie. »Der Wagemut und das Geschick dieser Schmuggler beeindruckt mich wirklich. Sie sind allesamt großartige Piloten, nicht wahr?«
»Man muß gut sein, um den imperialen Zollschiffen davonzufliegen«, gab Lando zurück. »Schmuggler kommen einfach mit jeder Situation klar – sie fliegen durch Asteroidenfelder, spielen Fangen mit Nebeln und Weltraumstürmen und können auf absolut allem landen. Einen guten Schmuggler bringt nichts aus der Fassung. Ich habe erlebt, wie sie auf Asteroiden aufsetzten, die kaum größer als ihr Schiff waren, während sie gleichzeitig gegen unregelmäßige Schwerkraftfelder ankämpften. Gravitationsschwankungen, atmosphärische Turbulenzen, Sandstürme, Blizzards, Taifune… was immer Sie wollen, die wissen, wie sie damit fertig werden.«
Bria sah in eindringlich an. »Es ist sicher kein Wunder, daß die Schmuggler die erfahrensten Piloten der ganzen Galaxis sind… aber sie sind offenbar auch gute Kämpfer…«
Lando machte eine wegwerfende Handbewegung. »Oh, da jederzeit die Imperialen auftauchen und auf sie schießen können, müssen sie das auch sein. Während der Schlacht von Nar Shaddaa haben sie natürlich gekämpft, um ihre Heimat und ihr Eigentum zu verteidigen, sonst hätten die meisten von ihnen für ihre Dienste wahrscheinlich Bezahlung verlangt.«
Sie blinzelte, als wäre ihr plötzlich eine Idee gekommen. »Sie meinen… Sie glauben, die Schmuggler würden sich auch für eine militärische Aktion anwerben lassen?«
Lando zuckte die Achseln. »Warum nicht? Die meisten Schmuggler sind im Grund Freibeuter. Der größte Teil von ihnen würde, solange ein anständiger Gewinn für sie drin ist, so ziemlich alles anpacken.«
Sie tippte mit einem manikürten Fingernagel gegen ihre Unterlippe, während sie nachdachte.
Lando ließ ihre Hand plötzlich nicht mehr aus den Augen. »He«, begann er, beugte sich vor, ergriff sie mit beiden Händen und prüfte sie voller zärtlicher Anteilnahme, »was ist da passiert, Bria?«
Sie holte tief Atem. »Diese alten Narben? Ein Andenken an die Arbeit in den ylesianischen Gewürzfabriken. Bei gesellschaftlichen Gelegenheiten übertünche ich sie für gewöhnlich mit Make-up, aber ich habe alles an Bord der ›Königin‹ zurückgelassen, wissen Sie?«
»Drea hat mir zugesagt, daß Sie Ihre Sachen zurückbekommen«, sagte Lando. »Ich habe ihr die Nummer Ihrer Kabine gegeben.« Er wirkte verlegen. »Es tut mir schrecklich leid, daß ich sie erwähnt habe. Ich wollte nur… nun, ich sorge mich um Sie. Es tut weh, sie zu sehen und zu wissen, wie sehr man Sie auf dieser Welt verletzt hat.«
Sie drückte seine Hand. »Ich weiß. Es ist lieb von Ihnen, daß Sie sich sorgen, Lando, aber ich bin nicht diejenige, um die Sie sich Sorgen machen sollten. Auf Ylesia sterben jeden Tag Leute. Gute Leute. Leute, die etwas Besseres verdienen als ein Leben, das nur aus endlosen Plagen, Unterernährung und grausamer Täuschung besteht.«
Er nickte. »Han hat mir davon erzählt. Er denkt genauso darüber… aber wir können nicht viel dagegen unternehmen, oder?«
Sie warf ihm einen grimmigen Blick zu. »Doch, das können wir, Lando. Solange ich noch atmen kann, werde ich diese Leute nicht aufgeben. Und eines Tages werde ich dieser Hölle endgültig ein Ende machen.« Bria grinste plötzlich so draufgängerisch, daß sie Lando in diesem Augenblick sehr an seinen abwesenden Freund erinnerte. »Vertrauen Sie mir, wie Han jetzt sagen würde.«
Lando kicherte. »Ich habe gerade gedacht, daß Sie mich manchmal an ihn erinnern.«
»Han war ein wichtiges Vorbild für mich«, erklärte sie. »Er hat mir so viel beigebracht. Wie man stark und tapfer und unabhängig sein kann. Sie würden nicht glauben, was für eine rückgratlose Heulsuse ich früher war.«
Lando schüttelte den Kopf. »Das glaube ich wirklich nicht.«
Sie blickte auf ihre Narben hinab, die wie das Netz einer Glühspinne auf der gebräunten Haut in dünnen weißen Zickzacklinien über ihre Hände und Unterarme liefen. »Han hat es auch immer weh getan, sie anzuschauen…«, murmelte sie.
Lando musterte sie einen langen Augenblick. »Er ist der einzige für Sie, nicht wahr?« sagte er schließlich. »Sie lieben ihn noch immer.«
Sie atmete tief durch, dann blickte sie mit sehr ernster Miene zu ihm auf. »Er ist der einzige«, erwiderte sie fest.
Landos Augen wurden ein wenig größer. »Sie meinen… wirklich der einzige? Für alle Zeiten?«
Sie nickte. »Oh, es gab ein paar Angebote. Aber mein Leben ist der Widerstand. Und…« Sie zuckte die Achseln. »Ehrlich, nach Han wirken andere Männer irgendwie… fade.«
Lando lachte reumütig, als ihm klar wurde, daß Brias Herz, ungeachtet seiner Bemühungen und kühnsten Träume, Han gehörte – und höchstwahrscheinlich auch weiter gehören würde. »Nun, immerhin werde ich mir, wenn er aus dem Korporationssektor zurückkehrt, keinen Schlag auf die Nase einhandeln, weil ich Sie ihm weggenommen hätte«, sagte er. »Ich muß wohl versuchen, das Ganze von der erfreulichen Seite zu betrachten.«
Sie sah ihn an und lächelte, dann hob sie ihr Weinglas. »Ich bringe einen Toast aus«, verkündete sie. »Auf den Mann, den ich liebe. Auf Han Solo!«
Lando hob sein Glas und ließ es gegen ihres klingen. »Auf Han«, willigte er ein, »den glücklichsten Mann in der Galaxis…«