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HÄUSLICHES GLÜCK UND ANDERE KOMPLIKATIONEN
Chewbaccas und Mallatobucks Hochzeitstag zog strahlend vor Verheißung und Hoffnung herauf. Han, der von der Hochzeit erst an diesem Morgen in Kenntnis gesetzt worden war, freute sich über das Glück seines Freundes, war jedoch zugleich betrübt über die Aussicht, diesen zu verlieren. Sie hatten immerhin einige Jahre miteinander verbracht, und Han dachte, daß Chewie nach ein paar Jahren Eheglück vielleicht zurückkommen und gelegentliche Schmuggelfahrten mit ihm unternehmen würde. Ein glücklich verheirateter Mann zu sein, war eine Sache, aber verheiratet zu sein war doch nicht gleichbedeutend mit tot sein, oder etwa doch?
Er und Chewie fanden kaum einen Moment Zeit, um miteinander zu reden, ehe das rege Treiben der Hochzeitsvorbereitungen den Freund zu anderen Verpflichtungen rief. Anscheinend gab es bei den Wookiees keine Trauzeugen, so wie es sie bei den Menschen gab, doch aus Achtung vor Han bat Chewie den Corellianer, bei der Trauung neben ihm zu stehen.
Han grinste. »Okay, dann werde ich also jetzt dein Traumensch, wie?«
Chewbacca brüllte belustigt und versicherte Han, daß dieser Begriff so gut sei wie jeder andere. Während Han in einem Winkel von Attichitcuks Heim saß und darauf achtgab, nicht totgetrampelt zu werden, dachte er an das eine Mal zurück, als er eine Frau gefragt hatte, ob sie ihn heiraten wolle. Diese Frau war Bria, und sie war damals erst achtzehn gewesen und er neunzehn und ein verliebter Jüngling mit verträumtem Augen, der zu jung und unerfahren war, um es besser zu wissen. Gut für ihn, daß Bria ihn verlassen hatte…
Han öffnete die Innentasche seiner Weste und entnahm ihr ein vielfach gefaltetes, altes Stück Schreibfolie. Er faltete es auseinander und las die ersten Zeilen:
Liebster Han,
Du hast es nicht verdient, daß dies geschieht. Ich kann nur sagen, es tut mir leid. Ich liebe dich, aber ich kann nicht bei dir bleiben…
Han verzog den Mund, legte die Folie wieder zusammen und schob sie zurück in die Tasche. Bis zum letzten Jahr, kurz vor der Schlacht von Nar Shaddaa, hatte er gedacht, Bria wäre auf Händen und Knien zurück zu den Ylesianern gekrochen – unfähig, ohne die Erhöhung zu leben.
Doch dann war sie ihm über den Weg gelaufen, hinreißend angezogen und frisiert. Er traf sie in Mufti Sarn Shilds schickem Penthouse auf Coruscant. Sie nannte Shild Liebling und war allem Anschein nach die Konkubine des Muftis. Han hatte sich seitdem alle Mühe gegeben, voller Verachtung an sie zu denken. Die Vorstellung, Bria könnte den Mufti wirklich geliebt haben, kam ihm jedoch niemals in den Sinn… er wußte, wen sie noch immer liebte. Als sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte, war sie schlagartig blaß geworden, und in ihren Augen hatte noch immer dieser gewisse Ausdruck gelegen, wenn sie es auch zu verbergen suchte…
Mufti Shild hatte kurz nach der Schlacht von Nar Shaddaa Selbstmord begangen. Die Nachrichten waren voll davon gewesen. In den Vids der Trauerfeier, die Han sich angeschaut hatte, war allerdings von Bria nichts zu sehen gewesen.
Und jetzt… zu erfahren, daß sie eine Art Rebellenagentin für Corellia ist, dachte Han. Je länger er darüber nachdachte, desto mehr fragte er sich, was sie wirklich in Mufti Shilds Wohnung gemacht hatte. War sie als Geheimagentin der Rebellen dort gewesen, die den Auftrag hatte, den Mufti und durch ihn das Imperium auszuspionieren? Das ergab durchaus Sinn. Es gefiel Han zwar nicht, aber er stellte fest, daß er mehr Achtung für Bria empfinden würde, wenn sie mit dem Mufti geschlafen hätte, um an Informationen zu gelangen, als wenn sie wäre, was sie zu sein schien: ein verwöhntes, bezauberndes Spielzeug.
Er fragte sich, was sie jetzt, da der Mufti tot war, tun mochte. Offensichtlich besuchte sie verschiedene Planeten und half den dortigen Rebellen im Untergrund, sich zu organisieren. Außerdem hatte Han gehört, daß vor ungefähr einem Jahr eine Gruppe menschlicher Rebellen auf Ylesia zugeschlagen hatte. Sie hatten die dortige Kolonie Drei angegriffen und etwa hundert Sklaven befreit. Konnte Bria daran beteiligt gewesen sein?
So wie Katarra und die anderen Wookiees von ihr sprachen, mußte sie eine Art Kriegerin und Heilige sein, die ihr Leben riskierte, um die Wookiees mir Waffen und Munition von Corellia zu versorgen. Denn Kashyyyk war nichts weniger als eine imperiale Sklavenwelt.
Han erinnerte sich, wie enttäuscht sie gewesen war, als sie herausgefunden hatte, daß die ylesianische Religion nur ein aufgeblasener Hokuspokus war. Sie war wütend und verbittert gewesen und hatte die Erkenntnis gehaßt, daß sie von einer Pilgerin zu einer Sklavin geworden war. Hatte sich die Wut in den Jahren, die seit dieser erschreckenden Einsicht vergangen waren, in tätigen Widerstand gegen die Ylesianer und die Sklaventreiber des Imperiums verwandelt?
Han Solo hatte es seit Bria keineswegs an weiblicher Gesellschaft gemangelt. So sorgten Han und Salla Zend auf Nar Shaddaa nunmehr seit mehr als zwei Jahren für Gesprächsstoff. Salla war eine temperamentvolle, aufregende Frau, eine meisterhafte Technikerin und Mechanikerin sowie eine geschickte Pilotin und Schmugglerin. Sie und Han hatten vieles gemeinsam, und was ihre Affäre vor allem charakterisierte, war, daß keiner von beiden irgend etwas anderes im Sinn hatte, als Spaß zu haben – so lange es eben dauerte. Hans Beziehung zu Salla war etwas, auf das er sich verlassen konnte, ohne gegenseitige Verpflichtungen. Sie versprachen sich gegenseitig niemals etwas, in keiner Hinsicht, und so gefiel es ihnen am besten.
Han hatte sich schon oft gefragt, ob er Salla liebte – oder sie ihn. Er wußte, daß sie ihm etwas bedeutete und daß er fast alles für sie tun würde. Aber liebte er sie auch? Er konnte lediglich mit Sicherheit sagen, daß er für sie oder irgendeine andere Frau nicht das gleiche empfand, was er für Bria empfunden hatte.
Aber ich war damals noch ein Junge, rief er sich ins Gedächtnis. Ein leichtsinniger Junge, der sich Hals über Kopf in sie verknallt hat. Heute bin ich viel erfahrener…
Während er grübelnd in seiner Ecke saß, blieb plötzlich Kallabow, Chewies Schwester, die die ganze Zeit mit Tellern für die kommende Hochzeitstafel hin und her geeilt war, vor ihm stehen, stemmte die Hände in die Hüften und sah ihn an. Dann winkte sie ihm mit einem entrüsteten Ausruf.
Han kam rasch auf die Beine. »He, natürlich verstecke ich mich nicht«, gab er zurück. »Ich wollte bloß nicht im Weg stehen. Ist es jetzt soweit?«
Kallabow bestätigte nachdrücklich, daß alles bereit sei, und verlangte lautstark, daß er, Han, jetzt kommen solle.
Han folgte Chewies Schwester hinaus in das Sonnenlicht zwischen den raschelnden Baumwipfeln. Jarik schloß sich ihm auf dem Weg ins Freie an. Der Junge hatte sich stets in Hans unmittelbarer Nähe gehalten, da er kein Wookiee verstand und sich, außer wenn Han in Sichtweite war, lediglich mit Ralrra unterhalten konnte.
»Ist es jetzt soweit?« wollte er von Han wissen.
»Ja, anscheinend ist es soweit, Kleiner«, erwiderte Han. »Chewies Sekunden in Freiheit sind gezählt.«
Kallabow, die Hans Bemerkung mitbekommen hatte, warf den menschlichen Männern einen vernichtenden Blick zu und gab ein entrüstetes Knurren von sich, das keiner Übersetzung bedurfte.
Han kicherte. »Wir passen lieber auf, Kleiner. Sie könnte uns beide ohne viel Mühe in der Mitte durchbrechen!«
Die Wookiee führte sie einen der Pfade durch das Geäst hinab, die so breit waren wie auf vielen anderen Welten die Straßen. Sie entfernten sich von der Stadt und drangen tiefer in den Bereich zwischen den Baumwipfeln ein, wo zahlreiche Wookiees ihre Wohnstätten errichtet hatten. Mallas Haus war, wie Han sich bereits gedacht hatte, eines dieser Gebäude im Baumhausstil, da sie so in der Nähe ihres Arbeitsplatzes wohnen konnte.
Binnen weniger Minuten zweigten sie auf einen anderen Weg ab, dann wieder auf einen anderen. »Ich frage mich, wo wir hingehen«, sagte Jarik beklommen. »Ich habe völlig die Orientierung verloren. Wenn sie uns hier draußen einfach stehenließe, hätte ich nicht die geringste Ahnung, wie wir nach Rwookrrorro zurückkommen sollten. Wüßtest du den Weg?«
Han nickte. »Erinnere mich daran, daß ich dir gelegentlich Nachhilfe in Navigation erteile, Kleiner«, entgegnete er. »Aber wenn uns Kallabow noch viel weiter führt, bin ich bald zu müde für die Feier.«
Die kleine Gruppe wechselte nun auf einen weiteren, schmaleren Pfad, und bald konnten Han und Jarik sehen, daß sich in einiger Entfernung zahlreiche Wookiees versammelt hatten. Sie gingen noch ein Stück weiter, und plötzlich war der Weg zu Ende.
Der Wroshyrast, auf dem sie standen, war gekappt worden und fiel zu den Spitzen tieferer Zweige hin ab, auf denen er auflag. Da der mächtige Stamm die Äste in seiner Nachbarschaft niederdrückte, wirkte es, als würde man in ein ausgedehntes grünes Tal blicken. Eine atemberaubende Aussicht.
Im Westen erhoben sich sanft gewellte grüne Hügel. Die gelbe Sonne schien hell wie ein Leuchtfeuer auf sie herab, und überall ringsum zogen Vögel ihre Bahnen durch den Himmel.
»He«, wandte sich Han an Kallabow, »hübscher Ausblick.«
Sie nickte und erklärte, daß dieser Ort bei den Wookiees als heilig galt. Hier, mit diesem Panorama vor Augen, konnten sie der erhabenen Schönheit ihrer Welt huldigen.
Die Zeremonie konnte beginnen. Niemand bekleidete das Amt des Priesters; Wookiee-Paare trauten sich selbst.
Han trat vor, um seinen Platz an Chewbaccas Seite einzunehmen, und schenkte seinem Freund, der mehr als nur ein bißchen aufgeregt schien, ein ermutigendes Grinsen, streckte die Hand aus und rubbelte Chewies Kopffell. »Entspann dich«, sagte er, »du bekommst ein klasse Mädchen, Kumpel.«
Chewie erwiderte, daß er dies sehr wohl wisse… aber daß er hoffe, sich an das zu erinnern, was er bald zu sagen hatte!
Während sie noch am Ende des Weges standen – zwischen ihnen und dem Pfad, der zurück nach Rwookrrorro führte, hatten sich die übrigen Wookiees versammelt –, teilte sich die Menge plötzlich in der Mitte und Mallatobuck schritt über den Pfad auf sie zu. Sie war von Kopf bis zu den Füßen in einen hauchdünnen silbergrauen Schleier gehüllt. Der Schleier war so leicht und so durchsichtig, daß es den Anschein hatte, als umhülle sie lediglich eine Art schimmerndes Energiefeld. Doch als sie neben Chewie trat, konnte Han sehen, daß er in Wirklichkeit aus gestricktem oder gewebten, fast vollkommen durchsichtigem Stoff gemacht war. Han konnte Mallas blaue Augen durch den Brautschleier hindurch deutlich erkennen.
Han hörte ganz genau zu, als Chewie und Malla die Gelöbnisse sprachen. Ja, sie liebten einander mehr als alles auf der Welt. Ja, die Ehre des anderen war jedem von beiden so teuer wie die eigene. Ja, sie versprachen, einander treu zu sein. Ja, der Tod vermochte sie zu trennen, ihre Liebe jedoch nicht zu beenden.
Sie sagten, die Lebenskraft sei mit ihnen. Die Lebenskraft würde ihre Verbindung festigen, und sie würden vollkommen… verschmelzen. Die Lebenskraft würde mit ihnen sein – für alle Zeiten.
Han fühlte, wie ihn eine Welle ungewohnten feierlichen Ernstes überkam. Einen Moment lang beneidete er Chewie beinah. Er konnte den Glanz der Liebe in Mallatobucks Augen sehen, und er fühlte einen Stich. Niemand hatte ihn jemals so geliebt. Außer vielleicht Dewlanna, dachte er dann, als er sich an die Wookiee-Witwe erinnerte, die ihn aufgezogen hatte.
Bria. Er hatte früher geglaubt, daß sie ihn so sehr liebte. Aber dann hatte sie eine komische Art, es zu zeigen…
Chewie raffte in diesem Augenblick Mallas Schleier und zog sie fest an sich. Sie rieben zärtlich die Wangen aneinander. Dann hob Chewie sie mit einem gewaltigen triumphierenden Gebrüll hoch und wirbelte sie herum, als wäre sie bloß so groß wie ein Kind und keine ausgewachsene Wookiee, die nur ein Stückchen kleiner war als er selbst.
Die Wookiee-Versammlung stimmte darauf einen vielstimmigen Chor aus Geschrei, Gebrüll und begeistertem Johlen an.
»Tja«, wandte sich Han an Jarik, »ich schätze, das war’s.«
Doch die Hochzeitsfeier war noch lange nicht vorbei. Das Ehrenpaar wurde zu den Tafeln in den Baumwipfeln geleitet, die unter jeder nur vorstellbaren Wookiee-Delikatesse ächzten. Han und Jarik gingen zwischen den Tischen hindurch und wählten sorgfältig aus, da die Wookiees die meisten Fleischspeisen roh servierten. Zwar waren manche gekocht, aber selbst dann mußten die Menschen vorsichtig sein. Wookiees liebten gut gewürztes Essen – und einige Speisen waren so scharf, daß sie eine menschliche Speiseröhre ohne weiteres ruinieren konnten.
Han prüfte die Tafeln und machte Jarik mit einer ganzen Reihe ›sicherer‹ Wookiee-Speisen vertraut: Xachibik Broth, eine sämige Kombination aus Fleisch, Kräutern und Gewürzen; Vrotik-Cocktail, eine aus mehreren Lagen bestehende Mahlzeit, die aus verschiedenen Fleischsorten und Schichten aus Wroshyrblättern bestand, die zuvor wochenlang in starkem Grakkyn-Nektar eingelegt waren; außerdem Factryn-Fleischpastete, gefrorenes Gorrnar, Chyntuck-Ringe und gebratenes Klak…
Es gab auch Salate und Fladenbrot, außerdem Waldhonigkuchen und verschiedene Spezialitäten aus gekühlten Früchten.
Han warnte Jarik davor, von den unterschiedlichen Spirituosen zu kosten, die herumgereicht wurden. Der Corellianer wußte aus leidvoller Erfahrung, wie stark die alkoholischen Getränke der Wookiees sein konnten. Es gab deren eine ganze Palette: Accarragm, Cortyg, Garrmorl, Grakkyn sowie Thikkiian-Brandy, um nur einige wenige zu nennen.
»Hör auf meinen Rat, Kleiner«, sagte Han. »Die Wookiees wissen, wie man einen Schnaps herstellt, der einen Menschen nach ein paar Minuten umhaut. Ich bleibe jedenfalls bei Gorimn-Wein und Gralinynsaft.«
»Aber die Kinder trinken Gralinynsaft«, protestierte Jarik. »und dieses andere Zeug…«
»Jaar«, warf Han ein. »Gesüßte Alkoari-Milch mit Weinbeerenextrakt. Zu süß für meinen Geschmack, aber vielleicht was für dich.«
Jarik schielte sehnsüchtig nach einer riesigen Flasche Thikkiian-Brandy, und Han schüttelte warnend den Kopf. »Kleiner… nicht! Ich werde mich nicht um dich kümmern, wenn es dir am Ende so schlecht geht wie einem vergifteten Mulack-Jungen.«
Der junge Mann machte ein langes Gesicht, doch dann nahm er eine Schale Gorimn-Wein. »Okay, ich nehme an, du weißt, wovon du sprichst.«
Han lächelte, und sie ließen die Gläser klingen. »Vertraue mir!«
Ein paar Minuten später, als Han mit einem Teller gegrillter Trakkrrrn-Rippchen und gewürztem Salat, der mit Rilllrrnnn-Kernen garniert war, abseits stand, trat ein Wookiee mit dunkelbraunem Fell, der Han vage bekannt vorkam (wenngleich der Corellianer sicher war, ihn noch nie zuvor gesehen zu haben), an diesen heran. Der Wookiee stand da, musterte Han und stellte sich ihm dann vor.
Han ließ beinah seinen Teller fallen. »Du bist Dewlannamapias Sohn?« rief er aus. »He!« Rasch stellte er den Teller und sein Glas ab und zog den Wookiee-Mann begeistert an sich. »He, Mann, ich bin ja so froh, dich kennenzulernen! Wie heißt du?«
Der Wookiee gab Hans Umarmung zurück und erwiderte, sein Name sei Utchakkaloch. Han trat einen Schritt zurück, betrachtete ihn und fand, daß er einen überaus eindringlichen Blick besaß. Chakk (wie er genannt werden wollte) schien gleichermaßen bewegt zu sein, als er Han sagte, daß er sich immer gewünscht hatte, ihn zu treffen – zum Teil, weil er hoffte, daß der Mensch im berichten konnte, wie seine Mutter gestorben war.
Han schluckte. »Chakk, deine Mutter starb als Heldin«, antwor-tete er. »Ich wäre heute nicht mehr am Leben, wenn sie nicht gewesen wäre. Sie war eine wirklich tapfere Wookiee. Sie starb wie eine Kriegerin – im Kampf. Ein Kerl namens Garris Shrike hat auf sie geschossen und sie getötet, aber… er ist auch tot.«
Chakk wollte wissen, ob Han Shrike getötet hatte, um den Tod seiner Mutter zu rächen. »Nicht wirklich«, erwiderte Han. »Jemand hat ihn vor mir erwischt, aber ich habe ihm auch noch ein Ding verpaßt, bevor er daran glauben mußte.«
Chakk kollerte seine Zustimmung. Er sagte, daß er Han als seinen Ehrenbruder ansah, da sie dieselbe Mutter gehabt hätten. Alle Gespräche mit seiner Mutter während ihrer Zeit auf der ›Händlerglück‹ waren voll von Anekdoten über den kleinen Menschenjungen gewesen, der ihr Wastrilbrot liebte und der sich so sehr gewünscht hatte, Pilot zu werden.
»Nun, Chakk«, sagte Han. »Dewlanna hat es leider nicht mehr erlebt, aber ich bin heute wirklich Pilot. Und mein bester Freund im Universum ist ein Wookiee…«
Chakk brach in schallendes Gelächter aus und teilte Han dann mit, daß Chewbacca und er über einen Vetter dritten Grades, der nach Rwookrrorro ausgewandert war und die Nichte von Chewbaccas Großtante geheiratet hatte, entfernt miteinander verwandt seien.
Han blinzelte. »Entfernt… äh, ja. Na, das ist ja toll. Eine einzige große, glückliche Familie.«
Han führte Chakk zu Chewbacca, stellte ihn dem Bräutigam vor und erläuterte die Situation. Chewie hieß Hans Ehrenbruder mit viel Gebrüll willkommen und klopfte ihm tüchtig auf den Rücken.
Das Fest ging noch bis tief in die Nacht hinein weiter. Die Wookiees tanzten, sangen und spielten auf Instrumenten aus Holz, die seit Generationen in ihren Familien weitergegeben wurden. Han und Jarik feierten mit ihnen, bis die Menschen so erschöpft waren und so beschwipst, daß sie sich schließlich unter einem der gewaltigen Tische zusammenrollten und einschliefen.
Als Han am nächsten Morgen aufwachte, war das Fest vorbei. Chewie und Malla, so sagte man ihm, waren in den Wald hinausgegangen, um die Zeit zu zweit zu genießen, die bei den Wookiees den menschlichen Flitterwochen entsprach. Han war traurig. In ein paar Tagen würden seine Verhandlungen mit Katarra abgeschlossen und die ›Falcon‹ neu beladen sein, und er würde Kashyyyk verlassen. Er würde nicht mehr dazu kommen, sich von Chewie zu verabschieden.
Aber man konnte schließlich nicht erwarten, daß jemand sich in seiner Hochzeitsnacht an seinen besten Freund erinnerte. Han dachte mit einem Anflug von Bedauern darüber nach. Immerhin hatte er fest vor, irgendwann nach Kashyyyk zurückzukommen, daher kam es ihm nicht so vor, als würde er für immer von Chewie Abschied nehmen…
In der Sicherheit seines Büros auf Nal Hutta schlängelte sich Durga der Hutt näher an Myk Bidlors soeben Konturen gewinnendes Holobild heran. Die Glubschaugen mit den geschlitzten Pupillen schoben sich vor Eifer sogar noch weiter vor, als er drängte: »Sie haben Neuigkeiten über die Ergebnisse der Autopsie? Sie haben die Substanz identifiziert?«
»Euer Exzellenz, diese Substanz erwies sich als so selten, daß wir sie zuerst nicht zu bestimmen vermochten.« Der betagte forensische Spezialist sah müde und ausgelaugt aus – als hätte er tatsächlich, wie er behauptete, Tag und Nacht gearbeitet. »Aber die Tests, die wir mit dieser Substanz durchgeführt haben, sowie unsere Bemühungen, ihren Ursprung zu ermitteln, haben schließlich doch zu einem eindeutigen Ergebnis geführt. Ja, es handelt sich bei dem Stoff um ein Gift, und wir haben seine Spur bis zu dem Planeten Malkii zurückverfolgt.«
»Die Malkite-Giftmischer also!« rief Durga aus. »Aber natürlich! Geheime Attentäter, die auf exotische und nahezu unauffindbare Gifte spezialisiert sind… Wer sonst könnte eine sogar für Hutts tödliche Substanz herbeischaffen? Meinem Volk ist mit Gift nur schwer beizukommen…«
»Dessen bin ich mir sehr wohl bewußt, Euer Exzellenz«, sagte Myk Bidlor. »Und diese Substanz, die so selten ist, daß es uns unmöglich war, ihren Namen herauszufinden, ist eine ihrer krönenden Errungenschaften auf dem Gebiet der Toxine. In Ermangelung eines besseren Namens nennen wir sie X-1.«
»Und X-1 kommt auf Nal Hutta nirgendwo in der Natur vor«, stellte Durga fest, der absolut sichergehen wollte. »Es kann sich nicht um einen Zufall gehandelt haben?«
»Nein, Euer Exzellenz, X-1 muß Lord Aruk vorsätzlich verabreicht worden sein.«
»Verabreicht? Wie?«
»Das können wir nicht mit Sicherheit sagen, aber die Aufnahme mit der Nahrung scheint die wahrscheinlichste Methode zu sein.«
»Irgend jemand hat meinem Vater eine tödliche Dosis Gift eingegeben«, sagte Durga. Die Wut ließ seine Stimme eiskalt und tödlich klingen. »Irgend jemand wird dafür bezahlen… und bezahlen… und bezahlen.«
»Äh… nicht ganz, Euer Exzellenz.« Der Spezialist leckte sich nervös die Lippen. »Das Komplott war nicht annähernd so… offensichtlich. Es war eigentlich sogar… ziemlich genial.«
Wenn es wirklich so schlau war, kann es nur ein Hutt gewesen sein, dachte Durga. Er warf dem Wissenschaftler einen Blick zu. »Wie?«
»Die Substanz ist in großen Mengen tödlich, Lord Durga. Kleine Mengen führen jedoch keineswegs zum Tod. Der Stoff sammelt sich statt dessen im Hirngewebe an und führt beim Opfer zu einer fortschreitenden Degeneration der geistigen Fähigkeiten. Außerdem führt diese Substanz in hohem Maß zu Abhängigkeit. Wenn das Opfer sich erst einmal daran gewöhnt hat, sie in ausreichend hoher Dosierung zu sich zu nehmen, würde der abrupte Entzug genau die Symptome nach sich ziehen, die Sie beschrieben haben: quälende Schmerzen, Krämpfe und schließlich den Tod.« Er schöpfte Atem. »Und das, Lord Durga, ist der Grund für das Hinscheiden Ihres Vaters – nicht das X-1 in seinem Organismus, sondern sein plötzlicher Entzug.«
»Wie lange?« wollte Durga wissen. Er spuckte die Worte förmlich aus. »Wie lange hätte man meinem Vater diese Substanz verabreichen müssen, um zu gewährleisten, daß er wirklich süchtig wurde?«
»Ich würde sagen, über einen Zeitraum von ein paar Monaten, Lord Durga, aber so genau läßt sich das nicht feststellen. Mindestens jedoch Wochen. Es braucht wahrscheinlich seine Zeit, bis die Dosis so hoch ist, daß der Entzug des Stoffs rasch zum Tode führt.« Der Spezialist zögerte. »Lord Durga, unsere Nachforschungen haben außerdem erbracht, daß X-1 überaus kostspielig ist. Es wird aus den Staubgefäßen einer Pflanzenart gewonnen, die ausschließlich auf einem Planeten der Galaxis wächst – und die Koordinaten dieses Planeten sind ein eifersüchtig gehütetes Geheimnis der Malkite-Giftmischer. Daher könnte nur eine sehr wohlhabende Person – oder eine Personengruppe – genug davon erworben haben, um ihren Vater zu ermorden.«
»Ich verstehe«, erwiderte Durga nach einem Moment. »Fahren Sie fort, jeden nur möglichen Test durchzuführen, der noch mehr Licht auf diese Angelegenheit werfen könnte, Bidlor. Und übermitteln Sie mir Ihre sämtlichen Erkenntnisse. Ich bin entschlossen herauszufinden, wo dieses X-1 hergekommen ist.«
Bidlor duckte sich zu einer nervösen Verbeugung. »Selbstverständlich, Euer Exzellenz. Bloß… Sir… diese Nachforschungen sind… nicht gerade billig.«
»Der Preis spielt keine Rolle«, knurrte Durga. »Ich muß alles wissen, und ich zahle, was immer es kostet, die Wahrheit zu finden! Ich werde die Quelle dieses X-1 entdecken, und ich werde es bis zu dem, der es meinem Vater verabreicht hat, zurückverfolgen, wer auch immer das sein mag. Die Ressourcen der Besadii sind meine Ressourcen! Haben Sie das verstanden, Bidlor?«
Der Wissenschaftler verneigte sich abermals. Diesmal noch tiefer. »Ja, Euer Exzellenz. Wir werden mit unseren Untersuchungen fortfahren.«
»Sie tragen persönlich die Verantwortung dafür!« Durga unterbrach die Verbindung und kroch anschließend, kochend vor Wut, von einem Ende seines Büros zum anderen und wieder zurück. Aruk wurde ermordet! Ich habe es die ganze Zeit gewußt! Wohlhabend genug, um X-1 kaufen zu können? Es müssen die Desilijic gewesen sein. Jiliac… oder vielleicht Jabba. Ich werde den Verantwortlichen schon ausfindig machen, und ich werde ihn oder sie eigenhändig töten! Das schwöre ich beim Tod meines Vaters. Ich werde ihn rächen…
Während der folgenden zehn Tage ließ Durga sämtliche Bediensteten des Palastes einem schonungslosen Verhör unterziehen – vor allem die Köche. Obwohl einige während der Befragung starben, fand sich kein Hinweis darauf, daß einer von ihnen sich an Aruks Mahlzeiten zu schaffen gemacht hatte.
Der junge Hutt-Lord vernachlässigte seine übrigen Pflichten, da er jedem Verhör persönlich beiwohnte. Sein Rivale Zier besuchte ihn gegen Ende der Befragungen und erschien gerade rechtzeitig, als Droiden soeben den leblosen Körper einer T’landa Til hinaustrugen, die als Verwaltungsangestellte für die Besadii gearbeitet hatte.
Der ältere Hutt warf dem riesigen vierbeinigen Leichnam einen verächtlichen Blick zu, während dieser von den Droiden nach draußen geschafft wurde. »Und wie viele sind es jetzt?« wollte er mit mehr als nur einem Anflug von Sarkasmus wissen.
Durga starrte Zier böse an. Es wäre ihm sehr recht gewesen, wenn er den anderen Besadii mit dem Mord hätte in Verbindung bringen können, aber Zier hatte sich bis vor ein paar Monaten, als man ihn nach Aruks Tod nach Hause beorderte, auf Nar Hekka aufgehalten, um sich der dortigen Besadii-Interessen anzunehmen. Nach seinem Erscheinen hatte Durga ihn auf Herz und Nieren überprüfen lassen, doch es gab nicht das kleinste Anzeichen für seine Verwicklung in den Mord an Aruk. Zum einen besaß Zier, obwohl er keineswegs arm war, nicht annähernd genug finanzielle Mittel, um große Mengen X-1 kaufen zu können. Außerdem hatte es keine ungewöhnlichen Kontobewegungen gegeben.
»Vier«, schnappte der junge Hutt. »Sie sind eben nicht so stark wie wir, Cousin. Kein Wunder, daß die niederen Rassen sich uns unterworfen haben. Sie sind uns körperlich ebensoweit unterlegen wie geistig.«
Zier seufzte. »Ich muß sagen, deinen Twi’lek-Koch werde ich vermissen«, meinte er. »Er bereitete exquisite Filets aus Mulblatt-Larven in Fregonblutsauce zu.« Er seufzte abermals.
Durga zog die gewaltigen Mundwinkel nach unten.
»Chefköche kann man ersetzen«, beschied er Zier knapp.
»Ist es dir, mein lieber Cousin, schon mal in den Sinn gekommen, daß der forensische Spezialist, den du beauftragt hast, sich in seinen Schlußfolgerungen auch geirrt haben könnte?«
»Er und sein Team sind die besten, die man bekommen kann«, entgegnete Durga. »Ihre Referenzen sind exzellent. Sie haben Untersuchungen für die höchsten Militärs des Imperators durchgeführt… sogar für Gouverneur Tarkin.«
Zier nickte. »Eine gute Empfehlung«, räumte er ein.
»Nach allem, was ich so höre, ist der Gouverneur kein Würdenträger, den man enttäuschen sollte, wenn man am Leben bleiben will.«
»Ja, so sagt man.«
»Trotzdem, Cousin… kann es nicht sein, daß du von diesem Team verlangt hast, Beweise für einen Mord zu finden, und sie haben dann eben welche gefunden? Ob sie nun stichhaltig sind oder nicht?«
Durga dachte einen Moment darüber nach. »Das glaube ich nicht«, erwiderte er schließlich. »Der Beweis liegt vor. Ich habe die Laborberichte gesehen.«
»Laborberichte kann man fälschen, Cousin. Außerdem hast du in deiner Besessenheit eine große Menge Credits ausgegeben. Diese Wissenschaftler bekommen einiges von den Besadii. Es könnte doch sein, daß sie nicht wollen, daß diese Creditquelle versiegt.«
Durga sah seinen Cousin offen an. »Ich bin ganz sicher, das dieses Team über seine Erkenntnisse korrekt Bericht erstattet. Und was die Kosten angeht… Aruk war der Führer aller Besadii. Gehört es sich da nicht, daß wir herausfinden, was wirklich geschehen ist? Damit andere nicht denken, daß man uns straflos umbringen darf?«
Ziers spitze Zunge fuhr, während er nachdachte, langsam über den unteren Teil seines Mauls. »Vielleicht hast du recht, Cousin. Aber wie dem auch sein mag… ich würde vorschlagen, du bezahlst deine Nachforschungen in Zukunft aus deiner eigenen Tasche und nicht aus dem Betriebskapital der Besadii, damit man dich nicht für einen rücksichtslosen Verschwender hält. Wenn du dich damit einverstanden erklärst, erübrigt sich jedes weitere Wort. Wenn nicht… nun, uns steht eine Clanversammlung ins Haus, und als gewissenhafter Clanführer ist es meine Pflicht, mich zu unseren Büchern zu äußern.«
Durga starrte seinen Cousin weiter an.
Zier erwiderte den Blick. »Und… Cousin… falls mir irgend etwas zustößt, wird es dir noch schlechter ergehen. Ich habe Kopien der Geschäftsbücher an Orten hinterlegt, die du unmöglich entdecken kannst. Diese Kopien werden im Falle meines Ablebens sofort auftauchen – selbst wenn es so aussehen mag, als wäre ich eines natürlichen Todes gestorben.«
Der jüngere Hutt kämpfte den Drang nieder, seinen Wachen die Erschießung Ziers zu befehlen. Hutts waren bekanntermaßen nur schwer zu töten, und ein weiterer Todesfall konnte leicht dazu führen, daß sich der gesamte Besadii-Clan gegen ihn erhob.
Durga holte tief Luft. »Vielleicht hast du ja recht, Cousin«, sagte er schließlich. »Ich werde die Untersuchungen vom heutigen Tag an selbst finanzieren.«
»Gut«, erwiderte Zier. »Und… Durga, nun, da dein Vater nicht mehr unter uns weilt, fühle ich die Verpflichtung, dich an meiner Erfahrung teilhaben zu lassen.«
Wenn Durga Zähne besessen hätte, so hätte er sie jetzt wohl voller Zorn zusammengebissen. »Fahre fort«, sagte er.
»Die Schwarze Sonne, Durga. Es ist ein offenes Geheimnis, daß du, um deine Macht zu festigen, ihre Hilfe in Anspruch genommen habt. Ich warne dich, das noch einmal zu tun. Man kann die Schwarze Sonne nicht einfach so engagieren und danach wieder entlassen. Ihre Dienste sind… teuer.«
»Die Schwarze Sonne ist für ihre Dienste voll entschädigt worden«, entgegnete Durga knapp. »Ich bin kein so großer Narr, wie du glaubst, Zier.«
»Gut«, stellte der andere Hutt-Lord fest. »Ich bin froh, das zu hören. Ich hatte mir bereits Sorgen um dich gemacht, lieber Cousin. Ein Hutt, der sich – aus einer Laune heraus – von einem solchen Koch trennt, ist mir nie ganz geheuer.«
Schäumend vor Wut, kroch Durga auf der Suche nach einem weiteren Beschäftigten, den er verhören konnte, davon.
Jabba der Hutt und seine Tante Jiliac entspannten sich gemeinsam in ihrem prunkvollen Empfangsraum in Jiliacs Palast auf Nal Hutta und sahen zu, wie Jiliacs Baby auf dem Boden des Saals herumkrabbelte. Der Hutt-Säugling war mittlerweile groß genug, um fast eine ganze Stunde außerhalb von Jiliacs Beutel zuzubringen. In diesem Stadium seines Lebens erinnerte das kleine Geschöpf mehr an eine riesige, pummelige Made oder Insektenlarve als an einen Hutt. Die künftigen Arme waren lediglich rudimentäre Stummel, die nicht weiter wachsen oder Finger entwickeln würden, bis der Baby-Hutt den mütterlichen Beutel endgültig verließ. Das einzige Merkmal, daß an die erwachsenen Angehörigen seiner Spezies erinnerte, waren die vorstehenden Glotzaugen mit den vertikalen Pupillen.
Hutt-Babys wurden fast völlig ohne Verstand geboren, und die jungen Exemplare erreichten das Alter ihrer Volljährigkeit erst, wenn sie bereits ungefähr ein Jahrhundert alt waren. Vor dieser Zeit sah man in ihnen nicht viel mehr als Geschöpfe, die gütiger Fürsorge und regelmäßiger Fütterung bedurften.
Während Jabba beobachtete, wie das Baby über den polierten Steinboden kroch, wünschte er sich, sie wären wieder auf Nar Shaddaa, wo er mehr hätte ausrichten können als hier. Es war schwierig, das kriminelle Imperium der Desilijic von Nal Hutta aus zu kontrollieren. Jabba hatte mehr als einmal vorgeschlagen, daß er und seine Tante nach Nar Shaddaa zurückkehren sollten, doch Jiliac weigerte sich beharrlich und bestand darauf, daß die vergiftete Atmosphäre von Nar Shaddaa ungesund für ihr Kleines sei.
Jabba brachte daher einen Großteil seiner Zeit damit zu, zwischen Nal Hutta und Nar Shaddaa hin und her zu reisen. Seine Unternehmen auf Tatooine litten bereits unter seiner Abwesenheit. Ephant Mon, der nichthumanoide Chevin, vertrat Jabbas dortige Interessen, und er machte seine Sache gut, aber es war einfach nicht das gleiche, als wenn er selbst dort gewesen wäre.
Jabba hatte in der Vergangenheit gemeinsam mit Mon zahlreiche Abenteuer bestanden, und das häßliche Wesen von Vinsoth war die einzige Kreatur im Universum, der Jabba wirklich vertraute. Aus irgendwelchen Gründen (Jabba war sich nicht sicher, welche das waren) verhielt sich Ephant Mon ihm gegenüber seit jeher vollkommen loyal. Jabba wußte, daß der Chevin zahllose Angebote ausgeschlagen hatte, ihn für traumhafte Summen zu verraten. Ephant Mon war niemals schwach geworden, ganz gleich, wieviel man ihm auch geboten hatte. Jabba wußte die Loyalität seines Freundes zu schätzen und revanchierte sich, indem er Ephant Mons Handlungen nur nachlässig im Auge behielt. Er rechnete nicht damit, daß Mon ihn verraten könnte, nicht nach all den Jahren… aber es war andererseits gut, stets auf alles vorbereitet zu sein.
»Tante«, sagte Jabba jetzt, »ich habe den jüngsten Bericht unserer Quelle in der Buchhaltung der Besadii gelesen. Ihre Gewinne sind beeindruckend. Nicht einmal die Meinungsverschiedenheiten um Durgas Führerschaft haben sie bremsen können. Ylesia produziert weiterhin in jedem Monat, der vergeht, mehr behandelte Gewürze. Fast jede Woche kommen neue Schiffsladungen Pilger an. Es ist niederschmetternd.«
Jiliac drehte den mächtigen Schädel, um ihren Neffen zu betrachten. »Durga macht seine Sache besser, als ich ihm jemals zugetraut hätte, Jabba. Ich hätte nicht gedacht, daß er lange ihr Führer bleiben würde. Ich hatte mir ausgerechnet, daß die Besadii zum jetzigen Zeitpunkt längst reif für die Übernahme durch uns sein würden – aber obwohl es noch immer Murren und Unzufriedenheit über Durgas Führerschaft gibt, sind seine direkten Gegner längst tot. Und niemand ist vorgetreten, um ihre Rolle innerhalb des Clans zu übernehmen.«
Jabba blinzelte in Richtung seiner Tante, und ein Funke Hoffnung regte sich in ihm. Diese Rede hatte sich fast wie eine der alten Jiliac vor ihrer Mutterschaft angehört! »Weißt du, warum sie tot sind, Tante?«
»Weil Durga dumm genug war, sich mit der Schwarzen Sonne einzulassen«, gab Jiliac zurück. »Die Morde an seinen Widersachern wurden zu unverhohlen verübt, um auf das Konto der Hutts zu gehen. Nur die Schwarze Sonne verfügt über ausreichende Mittel und Wege. Nur Prinz Xizor wäre so kalt und wagemutig, sie alle binnen weniger Tage zu töten.«
Jabba war jetzt geradezu begeistert. Hat es jetzt endlich ein Ende mit ihrem mütterlichen Dämmerzustand? fragte er sich. »Prinz Xizor ist allerdings jemand, mit dem man rechnen muß«, sagte er laut. »Aus diesem Grund habe ich ihm auch von Zeit zu Zeit einen Gefallen getan. Ich ziehe es vor, auf seiner Seite zu bleiben… nur für den Fall, daß ich im Gegenzug auch mal einen Gefälligkeit benötige. So wie einmal auf Tatooine. Er hat mir damals geholfen und nichts dafür verlangt, weil ich ihm in der Vergangenheit bereits zu Diensten gewesen war.«
Jiliac wiegte langsam den Kopf vor und zurück, eine Angewohnheit, die sie den Menschen abgeschaut hatte. »Jabba, du weißt, wie ich darüber denke, ich habe es dir schon oft genug gesagt. Mit Prinz Xizor ist nicht zu spaßen. Am besten hält man sich fern von ihm und gibt sich gar nicht erst mit der Schwarzen Sonne ab. Wenn man die Tür zu ihr erst einmal einen Spaltbreit geöffnet hat, läuft man Gefahr, zu ihrem Vasallen zu werden.«
»Ich bin vorsichtig, Tante, das versichere ich dir. Ich werde niemals tun, was Durga getan hat.«
»Gut. Durga wird bald herausfinden, daß er eine Tür geöffnet hat, die man nicht so einfach wieder schließen kann. Wenn er hindurchgeht… wird er die längste Zeit sein eigener Herr gewesen sein.«
»Sollen wir also hoffen, daß er es tut, Tante?«
Jiliacs Augen verengten sich ein wenig. »Wohl kaum, Neffe. Xizor ist kein Gegner, mit dem ich mich anlegen möchte. Er hat ganz offensichtlich ein Auge auf die Besadii geworfen, aber er würde sich ebensogerne der Desilijic bemächtigen, daran habe ich keinen Zweifel.«
Jabba stimmte ihr schweigend zu. Xizor würde sich, sofern er die Gelegenheit dazu erhielt, sofort auf ganz Nal Hutta stürzen. »Da wir gerade von den Besadii reden, Tante«, fuhr er fort. »Was ist mit den ylesianischen Gewinnen, von denen ich dir eben berichtet habe? Was können wir unternehmen, um die Besadii aufzuhalten? Sie haben jetzt bereits neun Kolonien auf Ylesia, und sie bereiten gerade den Bau einer neuen Kolonie auf Nyrvona vor, der anderen bewohnbaren Welt des Systems.«
Jiliac dachte einen Augenblick nach. »Vielleicht ist es ja an der Zeit, ein zweites Mal Teroenzas Hilfe in Anspruch zu nehmen«, sagte sie dann. »Durga hegt anscheinend keinerlei Mißtrauen, daß der Priester für Aruks Tod verantwortlich war.«
»Und wie sollen wir seine Hilfe beanspruchen?«
»Das weiß ich noch nicht«, antwortete Jiliac. »Vielleicht können wir Teroenza ermutigen, seine Unabhängigkeit von Durga zu erklären. Wenn die beiden sich bekämpfen, würden die Gewinne der Besadii bestimmt in den Keller gehen. Und dann… könnten wir die Überbleibsel aufsammeln.«
»Sehr gut, Tante!« Jabba war glücklich, wieder die alte, durchtriebene Jiliac sprechen zu hören. »Wenn ich dir jetzt über diese Zahlen hier Bericht erstatten und deinen Rat einholen dürfte, wie wir unsere Kosten senken…«
»Aaaaahhhh!«
Jabba unterbrach sich, als Jiliac ihm mit kehligen mütterlichen Beifallsbekundungen ins Wort fiel, und sah, daß der Baby-Hutt mit ausgestreckten winzigen Stummelärmchen auf seine Mutter zukrabbelte. Die Glubschaugen fixierten Jiliacs Gesicht; der Mund des Kleinen klappte auf, und er zwitscherte fragend.
»Sieh nur, Neffe!« Jiliacs Stimme war warm und nachsichtig. »Mein Kleiner kennt seine Mama. Ja-ah. Nicht wahr, mein Süßer?«
Jabba verdrehte die Augen, bis sie ihm fast aus den Höhlen sprangen. Man betrachte das Ende eines der größten kriminellen Köpfe dieses Jahrtausends, dachte er trostlos.
Als Jiliac den Baby-Hutt aufhob und zurück in ihren Beutel stupste, sah Jabba das kleine Wesen mit einem Gesichtsausdruck an, der an schieren Haß grenzte…
Han verbrachte die folgenden Tage mit den Angehörigen des Wookiee-Untergrunds und brachte den Handel zum Abschluß. Dann kam der Tag, an dem er die Rampe der ›Falcon‹ öffnete und er und Jarik die Explosivbolzen aus den geheimen Stauräumen entluden. Katarra, Kichiir und Motamba versammelten sich um die Kisten und freuten sich lautstark über ihr neues Spielzeug.
In der Zwischenzeit strömten unablässig andere Wookiees aus dem Widerstand in das Schiff und beluden es mit Sturmtruppenrüstungen. Es gelang Han, fast vierzig komplette Rüstungen und zehn Helme in der ›Falcon‹ unterzubringen. Falls die Panzer den üblichen Marktpreis einbrachten, würde Han das Doppelte der Reisekosten einnehmen. Kein schlechter Handel!
Als die Rüstungen so gut verstaut waren, daß die Crew der ›Falcon‹ sich gerade noch frei bewegen konnte, wurde es bereits Nacht. Han beschloß, mit dem schwierigen Start aus der Höhle und dem steilen Steigflug durch die Baumwipfel bis zum Anbruch des nächsten Tages zu warten. Er und Jarik nahmen Abschied von ihren Gastgebern und streckten sich zum Schlafen in den Pilotensitzen aus.
Han wurde am nächsten Morgen noch vor Sonnenaufgang von einem lauten – und vertrauten – Wookiee-Gebrüll geweckt. Der Corellianer schlug die Augen auf und sprang auf die Füße, wobei er um ein Haar über den schlafenden Jarik gestürzt wäre. Er aktivierte die Rampe und rannte hinaus. »Chewie!«
Han war so froh, das große Pelzknäuel zu sehen, daß er sich nicht einmal beklagte, als der Wookiee in packte, herumwirbelte und sein Haar rubbelte, bis es nach allen Richtungen abstand. Die ganze Zeit heulte Chewbacca einen nicht enden wollenden Strom von Klagen. Was hatte sich Han eigentlich dabei gedacht, daß er sich anschickte, ihn einfach im Stich zu lassen? Wußte er es denn nicht besser? Aber was konnte man von einem Menschen schon anderes erwarten?
Als der Wookiee ihn endlich losließ, blickte Han in völliger Verwirrung zu Chewbacca auf. »Hä? Was meinst du damit, ich will dich im Stich lassen? Ich fliege zurück nach Nar Shaddaa, Kumpel, und für den Fall, daß es deiner Aufmerksamkeit entgangen sein sollte, Chewie, du bist jetzt verheiratet! Dein Platz ist hier, auf Kashyyyk, bei Malla!«
Chewie schüttelte den Kopf und gab protestierende Vorhaltungen von sich.
»Lebensschuld? Kumpel, ich weiß, daß du eine Lebensschuld abzutragen hast, aber laß uns doch mal realistisch sein! Du gehörst jetzt zu deiner Frau, auf deinen Planeten! Die Zeit, mit mir imperiale Kreuzer auszutricksen, ist für dich vorbei.«
Der Wookiee hatte gerade zu einer neuen Tirade angesetzt, als eine wütende laute Stimme, die hinter Han ertönte, ihn auffahren und sich ducken ließ. Eine große, stark behaarte Hand packte Hans Schulter, und er wurde herumgerissen, als wäre er nicht schwerer als ein Fetzen Folie. Er blickte himmelwärts und sah Mallatobuck über sich aufragen. Chewies Frau war fuchsteufelswild. Sie fletschte die Zähne und hatte ihre blauen Augen zu schmalen Schlitzen verengt.
Han streckte beide Hände aus und wich gegen die pelzige Brust seines Freundes zurück. »He, Malla! Beruhige dich, ja?«
Mallatobuck brüllte abermals und stimmte dann ein wütendes Lamento an. Menschen! Wie konnten sie bloß so wenig von den Bräuchen und dem Ehrbegriff der Wookiees verstehen? Wie konnte Han nur glauben, daß Chewbacca eine Lebensschuld aufkündigen würde? Es war undenkbar, einem Wookiee eine größere Beleidigung zuzumuten! Ihr Mann verfüge über große Ehre! Er sei ein tapferer Krieger, ein listenreicher Jäger, und wenn er jemandem sein Wort gegeben habe, dann hielt er es auch! Vor allem, wenn es um eine Lebensschuld ging!
Han hob angesichts des wütenden Ungestüms, das Malla an den Tag legte, bloß die Hände und zuckte die Achseln, ohne ein Wort herausbringen zu können. Flehentlich sah er zu seinem Freund auf. Chewie, der Mitleid mit seinem corellianischen Kumpel hatte, mischte sich jetzt ein. Er trat zwischen Malla und Han, ergriff rasch das Wort und machte seiner Frau klar, daß Han natürlich nicht die Absicht gehabt hatte, ihn, Chewie, zu beleidigen oder zu kränken. Er habe seine Worte vielmehr aus Unwissenheit gesprochen, nicht aus Bosheit. Schließlich entspannte sich Malla, und ihr Gebrüll sank allmählich zu verhaltenem Grollen herab.
Han lächelte sie um Verzeihung heischend an. »He, nichts für ungut, Malla, ich kenne Chewie hier schließlich besser als die meisten, und ich weiß, er ist ein prächtiger Bursche! Tapfer, schlau und alles. Ich hatte bloß keinen Schimmer, daß eine Lebensschuld für einen Wookiee alles andere aussticht.«
Dann wandte er sich wieder seinem Freund zu. »Na schön, du kommst also mit uns. Sehen wir zu, daß wir ein bißchen freien Raum unter den Rumpf kriegen, Kumpel! Dann sag mal schön auf Wiedersehen zu deiner Braut!«
Chewbacca und Mallatobuck entfernten sich ein Stück, während Han und Jarik die vor dem Abflug erforderlichen Checks durchführten. Ein paar Minuten später hörte Han das metallische Geräusch, mit dem die Rampe der ›Falcon‹ geschlossen wurde, und Chewbacca glitt auf den Platz des Kopiloten.
Han sah in an. »Keine Sorge, Kumpel, ich schwöre dir, daß wir wiederkommen… schon bald. Ich habe mit Katarra und ihrer Widerstandsgruppe einen guten Handel abgeschlossen. Deine Leute werden noch jede Menge Munition brauchen, bevor sie darauf hoffen dürfen, es mit den Imperialen aufnehmen und deine Welt befreien zu können. Und ich werde ihnen helfen, sie zu bekommen.«
Jariks Stimme drang über Kom aus dem Geschützturm auf der Steuerbordseite. »Ja klar, und einen ordentlichen Gewinn obendrein.«
Han lachte. »Ja… klar! Chewie… bereithalten! Und los geht’s!«
Die ›Millennium Falcon‹ stieg überaus würdevoll und anmutig auf seinen Repulsoren in die Höhe und schwebte vorwärts, bis das Schiff die Höhle im Innern des Baumstamms hinter sich gelassen hatte. Dann lenkte Han den Raumer so unvermittelt, daß jedermann an Bord in seinen Sitz gepreßt wurde, steil nach oben und durch den Tunnel aus Laubwerk. Sie stiegen in den Himmel, der in der Morgendämmerung golden und rot leuchtete.
Während die ›Falcon‹ immer mehr Höhe gewann, wurde die Welt ringsum in goldenes Flutlicht getaucht. Quarrr-tellerrra, dachte Han. Die Kriegerin mit dem Sonnenhaar, die Frau, die er als Bria gekannt hatte… Was tut sie wohl in diesem Moment? fragte er sich. Ob sie jemals an mich denkt?
Kurz darauf, als sie durch die mit Sternen gesprenkelte Schwärze sausten, war Kashyyyk nur mehr eine rasch schrumpfende grüne Kugel in ihrem Rücken…
Boba Fett saß in einer heruntergekommenen gemieteten Bude auf der im Äußeren Rand gelegenen Welt Teth und belauschte Bria Tharens Treffen mit den Führern der thetanischen Rebellen. Der berühmteste Kopfgeldjäger der Galaxis gebot über zahlreiche Mittel und Wege, darunter auch ein Spionagenetzwerk, um das ihn die meisten Planeten beneidet hätten. Da er von Zeit zu Zeit auch Aufträge des Imperiums annahm, war er häufig in geheime Kommuniques und andere Berichte eingeweiht, in die wiederum die meisten Rebellen liebend gerne Einblick gehabt hätten.
Aber obwohl Bria Tharen in der Rebellenbewegung eine wichtige Funktion bekleidete, war die Belohnung für sie nicht vom Imperium ausgeschrieben worden. Nein, dieses Kopfgeld war weit höher. Es betrug die stolze Summe von fünfzigtausend Credits, für den Fall, daß sie bei lebendigem Leib und unversehrt gefangen wurde. Desintegration war nicht erlaubt. Ursprünglich hatte Aruk der Hutt, der alte Führer des Besadii-Clans, das Kopfgeld ausgesetzt, sein Erbe Durga war aber nach Aruks Tod dabei geblieben und hatte außerdem einen zusätzlichen Bonus für ihre Auslieferung in einem Zeitraum von drei Monaten in Aussicht gestellt.
Boba Fett suchte bereits seit über einem Jahr nach Bria Tharen. Die Frau wurde immer wieder auf streng geheime Undercover-Missionen geschickt, wodurch es extrem schwer war, ihr auf den Fersen zu bleiben. Sie hatte alle Familienbande durchtrennt – wahrscheinlich um das Risiko für ihre Leute zu mindern, falls sie selbst dem Imperium in die Hände fiel. Wenn sie ihren Heimatplaneten Corellia besuchte, lebte sie unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen und unter ständiger Bewachung in einer Reihe geheimer Kommandobasen der Rebellen.
Die strengen Sicherheitsvorkehrungen waren sehr verständlich, immerhin lebten die Rebellen in permanenter Furcht vor einem Großangriff durch imperiale Sturmtruppen. Also hielten sie die Standorte ihrer Basen geheim und verlegten sie von Zeit zu Zeit. Ein einzelner Kopfgeldjäger – ganz gleich, wie gefährlich und schlagkräftig er sein mochte – hatte kaum eine Chance, nahe genug heranzukommen, um sein Opfer lebend zu erwischen.
Wenn die Besadii sich damit zufriedengeben würden, daß er Bria tot ablieferte, würde Boba Fett sie, da war er sich ziemlich sicher, sogar unter dem vermeintlichen Schutz einer Rebellenbasis töten können. Sie lebend und unverletzt zu fangen, war da schon schwieriger…
Vor ein paar Tagen jedoch hatte Boba Fett durch seine Spione erfahren, daß ein Treffen mit Angehörigen des aufständischen Untergrunds auf Teth anberaumt worden war. Er hatte sich ausgerechnet, daß Bria dabeisein würde, und war vor zwei Tagen mit der ›Sklave I‹ nach Teth geflogen. Seine Rechnung war aufgegangen – gestern abend war sie dort aufgetaucht.
Vor zwei Tagen, unmittelbar nach seiner Ankunft auf Teth, hatte Fett als erstes die gegenwärtige Rebellenenklave ausfindig gemacht, die sich unterhalb der thetanischen Hafenstadt in einer Reihe alter Unwetterkanäle und Tiefkeller befand. Er drang darauf durch die uralten Abwasserrohre und Luftschächte weit genug in die äußeren Bereiche der Basis ein, um auf die Abstellkammer der Basis zu stoßen. Dort brachte er an einigen vollautomatischen Reinigungsapparaten, die sich selbsttätig von Raum zu Raum bewegten und alles aufsaugten, was ihre kleinen Scanner als Schmutz identifizierten, winzige Abhörgeräte an.
Seitdem überwachte er die Abhörgeräte, und heute hatten sich seine Vorkehrungen endlich ausgezahlt. Bria Tharen sprach gegenwärtig mit zwei hochrangigen thetanischen Rebellen. Der kleine Reinigungsroboter hatte ihnen, als sie den Raum betraten, gemäß seiner programmierten Order Platz gemacht und harrte nun in einer unauffälligen Ecke der Dinge, die da kommen mochten.
Boba Fett wußte mit Rebellionen nichts anzufangen. Er hielt schon die Vorstellung eines Aufstandes gegen eine etablierte Regierung für kriminell. Das Imperium sorgte für Ordnung, und Boba Fett schätzte Ordnung. Der tethanische Widerstand bildete da keine Ausnahme: eine Bande fehlgeleiteter Idealisten, die darauf aus waren, Anarchie zu verbreiten…
Während er lauschte, kniff Boba Fett hinter seinem Helm verächtlich die Augen zusammen. Die thetanischen Führer waren Commander Winfrid Dagore und ihr Adjutant, Lieutenant Palob Godalhi. Im Augenblick stritt sich die Tharen-Frau mit ihnen über die Notwendigkeit der Vereinigung der unterschiedlichen Widerstandsgruppen zu einer Rebellenallianz. Es gab Hinweise, so sagte sie, daß die Idee einer Allianz bei höchsten Stellen immer mehr Unterstützung fand.
Eine hoch angesehene imperiale Senatorin, Mon Mothma von Chandrila, war vor kurzem zu einem Geheimtreffen mit Brias Vorgesetzten im corellianischen Rebellen-Untergrund zusammengekommen. Die Senatorin hatte angesichts der imperialen Massaker auf Planeten wie Ghorman, Devaron, Rampa Eins und Zwei zugestimmt, daß der Imperator entweder geisteskrank oder vollkommen bösartig sei und von Intelligenzwesen guter Gesinnung ausgeschaltet werden müsse. Die Tharen-Frau sprach unangemessen leidenschaftlich, kontrollierte Emotionen ließen ihre klare Altstimme ein wenig zittern. Es war nicht zu überhören, daß sie wirklich voll hinter ihrer Sache stand.
Als sie geendet hatte, räusperte sich Winfrid Dagore. Das Alter und die Anspannung hatten ihre Stimme rauh werden lassen. »Commander Tharen, wir sympathisieren mit unseren Brüdern und Schwestern auf Corellia, Alderaan und den übrigen Welten. Doch hier im Äußeren Rand sind wir so weit weg von den Kernwelten, daß wir Ihnen kaum eine große Hilfe wären, auch dann nicht, wenn wir uns mit Ihren Gruppen zusammenschließen würden. Wir leben hier draußen nach unserer eigenen Sitte. Der Imperator interessiert sich nicht besonders für uns. Wir überfallen imperiale Handelsschiffe und setzen uns auf vielfältige Weise gegen das Imperium zur Wehr – aber wir lieben unsere Unabhängigkeit. Wir werden uns sicher keiner größeren Gruppe anschließen.«
»Commander Dagore, diese Art Isolationspolitik kommt einer Einladung zu einem imperialen Massaker gleich«, widersprach die Tharen-Frau mit trostloser Stimme. »Merken Sie sich meine Worte, es wird geschehen. Palpatine wird ihre Gruppen nicht ewig übersehen.«
»Vielleicht… vielleicht aber auch nicht. Trotzdem bezweifle ich, daß wir überhaupt mehr tun könnten, als wir gegenwärtig bereits tun, Commander Tharen.«
Boba Fett hörte, wie quietschend ein Stuhl verschoben wurde, und das Rascheln von Stoff, als sich jemand bewegte. Dann ergriff Tharen wieder das Wort.
»Commander Dagore, Sie haben Raumschiffe. Sie haben Truppen. Sie haben Waffen. Ihre Welt liegt in nächster Nähe zum Korporationssektor, wenngleich uns durchaus klar ist, daß sie damit weit vom Schuß sind. Trotzdem könnten Sie helfen. Sie könnten helfen, indem Sie Waffen in den Korporationssektor verkaufen oder Waffen hierherschleusen, um sie an die übrigen Untergrundbewegungen zu liefern. Glauben Sie nicht, daß Ihre Hilfe nicht gebraucht wird, bloß weil Sie hier draußen leben.«
»Commander Tharen, Waffen kosten Credits«, wandte Lieutenant Godalhi ein. »Woher sollen diese Credits kommen?«
»Nun, wir hätten sicher nichts dagegen, wenn die Thetaner in der Lage wären, uns mit ein paar Millionen unter die Arme zu greifen«, bemerkte Bria trocken, worauf ein trauriges Lachen durch die Runde lief. »Aber wir arbeiten daran. Es ist sehr schwer, den Widerstand zu finanzieren, aber es gibt genug Bürger, die zu lange unterdrückt wurden, und auch wenn sie nicht die Fähigkeit oder den Mut besitzen, sich ohne Umschweife einer Rebellengruppe anzuschließen, lassen sie uns alle Credits zukommen, die sie entbehren können. Auch einige der Hutt-Lords haben die Notwendigkeit erkannt, ihren Beitrag zu leisten… unter der Hand natürlich.«
Interessant, dachte Fett. Das war ihm neu, auch wenn Hutts, bei näherem Nachdenken, in allen Konflikten stets beide Seiten sowie ihre eigene im Auge behielten. Sobald Aussicht auf die Steigerung ihres Vermögens oder ihrer Macht bestand, waren die Hutts zur Stelle…
»Wir leben hier nicht weit vom Hutt-Raum entfernt«, sagte Dagore nachdenklich. »Vielleicht könnten wir ja Kontakt zu weiteren Hutt-Lords aufnehmen… um zu ergründen, ob auch sie bereit sind zu helfen.«
»Helfen?« Brias Stimme ging in ihrem Gelächter unter. »Hutts? Sie mögen einen Beitrag leisten, und manche haben es bereits getan, aber sie tun das aus ihren eigenen Beweggründen, glauben Sie mir. Und diese Beweggründe haben absolut nichts mit unseren Zielen zu tun. Die Hutts sind verschlagen… aber manchmal stimmen ihre und unsere Ziele überein. Und dann machen sie bereitwillig ihre Credits locker. Die meiste Zeit können wir jedoch nicht einmal erraten, welchen Vorteil sie aus ihren Spenden ziehen.«
»Es ist wahrscheinlich besser, das auch gar nicht erst erraten zu wollen«, warf Lieutenant Godalhi ein. »Gleichwohl profitieren wir möglicherweise davon, unser Engagement zu diesem Zeitpunkt auszuweiten. Unser neuer imperialer Mufti ist weit weniger… wachsam, als Sarn Shild es war. Man hat uns in letzter Zeit viel mehr durchgehen lassen als unter Shilds Ägide.«
»Das ist eine andere Geschichte«, sagte Bria Tharen. »Wir haben diesen neuen Mufti, Yref Orgege, unter die Lupe genommen. Die meisten Methoden, die er hier im Äußeren Rand etabliert hat, sind so unbedacht, daß wir uns allmählich fragen, ob gamorreanisches Blut in seinen Adern fließt.«
Abermals plätscherte Gelächter durch den Raum.
Bria fuhr fort: »Orgege ist gleichermaßen überheblich und dumm. Er besteht darauf, Shilds Fehler nicht wiederholen zu wollen, und übt persönlich die Kontrolle über seine Streitkräfte aus. Diese Politik hat die Gefährlichkeit des Imperiums im Äußeren Rand enorm beschnitten. Die imperialen Kommandeure müssen wegen jeder Kleinigkeit Rücksprache mit Orgege halten. Er kontrolliert sie bis zur völligen Lähmung, Commander Dagore.«
»Dessen sind wir uns bewußt, Commander«, nickte Dagore. »Und was sollen wir Ihrer Meinung nach denn unternehmen?«
»Verstärken Sie die Überfälle auf imperiale Versorgungsschiffe und Munitionsdepots hier draußen im Äußeren Rand, Commander. Wir brauchen diese Waffen. Bis Orgege benachrichtigt werden und seine Befehle erteilen kann, sind Sie und Ihre Leute längst weg.«
Dagore dachte einen Augenblick darüber nach. »Ich denke, daß wir Ihnen wenigstens dies versprechen können, Commander Tharen. Was den Rest angeht… wir werden darüber nachdenken.«
»Sprechen Sie noch heute mit Ihren Leuten«, riet Bria. »Ich reise morgen ab.«
Boba Fett spitzte die Ohren und drängte Bria innerlich, ihre Pläne zu offenbaren. Doch es war nichts mehr zu hören als Stühlerücken, als die Rebellen aufstanden und den Raum verließen.
Fett behielt alle Raumhäfen in der Nähe genau im Auge, doch es gelang ihm am folgenden Tag nicht, auch nur einen Blick auf Bria Tharen zu erhaschen. Sie mußte auf irgendwelchen geheimen Wegen auf ein Rebellenschiff geschmuggelt worden sein. Der Kopfgeldjäger war über sein Versagen ein wenig enttäuscht, doch die wichtigste Eigenschaft eines jeden Jägers – und Boba Fett lebte für die Jagd – war die Geduld. Er beschloß, eine Möglichkeit zu finden, den Imperialen einen Hinweis auf Mon Mothmas Verrat und die Pläne der Rebellen zuzuspielen, ohne sie wissen zu lassen, wer der Informant war. Viele imperiale Offiziere begegneten Kopfgeldjägern mit offener Verachtung und nannten sie Abschaum – oder Schlimmeres. Fett wünschte sich, exaktere Hinweise liefern zu können, und nicht nur einen vagen Fingerzeig. Wenn die Rebellen doch nur ihre Pläne für eine konkrete Aktion offenbart hätten!
Unterdessen würde Boba Fetts Ausflug nach Teth jedoch keine reine Zeitverschwendung bleiben. Er setzte sich mit der Gilde in Verbindung. Es gab ein noch offenes Kopfgeld im Gilde-Register: einen reichen, zurückgezogen lebenden Geschäftsmann, der ein gut bewachtes, ›sicheres‹ Anwesen in den Bergen von Teth besaß – sicher, soweit es sich um gewöhnliche Kopfgeldjäger handelte, Boba Fett indes war eine Klasse für sich.
Die täglichen Aktivitäten des Geschäftsmanns waren so vorhersehbar, daß die Planung des Anschlags sich als geradezu lächerlich einfach erwies. Der Mann war ein Gewohnheitstier. Boba Fett würde es nicht einmal mit seinen Leibwächtern aufnehmen müssen, da es sich um einen Auftrag handelte, bei dem auch die Desintegration des Opfers gestattet war. Allein sein Tod war gewünscht.
Boba Fett hatte bald einen guten Aussichtspunkt in einem Laakwalbaum gefunden, in dem er vorübergehend sein Versteck aufschlagen, den Mord verüben und sich davonschleichen konnte, ehe die Leibwächter oder Sicherheitskräfte seinen Standort ausmachen würden. Er würde dafür nicht mehr als einen Schuß brauchen…