07 »Nein, Lance. Ich kenne Susie noch nicht.«
Ian holte Luft und blickte auf seine Füße. »Echt, ich kenne hier
nicht besonders viele Leute. Schließlich bin ich die ganze Zeit
gefahren. Und wohnen tue ich auch nicht gerade in der Nähe.«
Susie schniefte immer noch. Die
Schminke in ihrem Gesicht war verschmiert. Das Mädchen war so
umwerfend attraktiv wie eine muntere Cheerleader-Braut. Ihre Haut
war nahezu irrsinnig braungebrannt, ihr Haar aggressiv blond und
angezogen war sie fast gar nicht. Sie trug ein bauchfreies rosa Top
und einen Jeansrock in Kleinkindgröße. Susie war offensichtlich
verzweifelt.
»Na, dann will ich euch mal
bekanntmachen«, sagte Lance gewandt. »Ian, das ist Susie. Sie ist
Kassiererin hier im Tankstellenshop. Susie, das ist mein guter
Freund Ian.«
»Ich … (schnief) … freue
mich …« Susie wischte sich mit einem Papiertuch übers Gesicht und
entfernte eine mehrfarbige Pampe aus Schminke, Tränen und
Wimperntusche. »Wirklich, ich freue … (schnaub) … mich sehr,
dich kennenzulernen, Ian.«
Dann wurde sie von einem heftigen
Schluchzen erschüttert und warf sich Lance in die Arme.
Ian spürte, wie sein Brustkorb
sich zusammenzog. Lance massierte Susie mit der linken Hand die
Schulter und streckte Ian den rechten Daumen entgegen.
Ian räusperte sich. Eine kalte,
pragmatische innere Stimme sagte ihm – nein, beschwor ihn –, nicht
zu trödeln, keine Zeit damit zu verschwenden, sich um die Probleme
verzweifelter Mädchen zu kümmern. Aber eine noch stärkere innere
Stimme – die irgendwie mitfühlender war – drängte ihn,
herauszufinden, ob und wie man der armen Susie helfen könnte.
»Sie braucht jemanden, der sie
nach Hause fährt«, sagte Lance. Dann flüsterte er Susie ins Ohr:
»Es wird alles gut, Susie. Wirklich. Ein so kluges und schönes
Mädchen wie du hat weitaus Besseres verdient.«
»Jemand, der sie nach Hause
fährt«, wiederholte Ian. Susie wandte ihm ihr Gesicht zu und machte
einen Schmollmund. »Wo wohnt sie denn? Wo wohnst du, Susie? Wir
könnten … keine Ahnung – was ist denn passiert? Sollten wir
jemanden anrufen?« Susie schniefte.
Eine einzelne Träne kullerte ihr
übers Gesicht und verschwand, als sie auf den funkelnden rosa
Lippenstift stieß. Susie tupfte sich noch einmal die Augen
trocken.
»Mein … (schnief) … Rick,
mein Freund, der … (schnaub) … na ja, der fährt mich sonst …
(schnief) … und na, der wird mich heute nicht abholen …
(schnaub) … Er wird mich wahrscheinlich nie wieder abholen.
Wir haben uns getrennt. Aber ich kann verstehen, wenn ihr mich
nicht …«
»Wenn wir dich nicht fahren
können?«, sagte Lance, als würde ihn die Unterstellung beleidigen.
»Nicht können? Das ist doch Unsinn. Komm schon, gehen wir
zum Auto.«
Er nahm sie am Arm und führte sie
zur Kreatur. Ian tappte hinterher, ein wenig durcheinander und
außerordentlich nervös. Villeicht geht das ja in Ordnung.
Vielleicht wohnt sie neben der Autobahn. Die Sache mit diesem Rick
scheint sie ziemlich fertigzumachen. Wir müssen Lance von ihr
fernhalten und dann nichts wie weg hier … Mist, ich weiß ja nicht
mal, wo wir sind. Aber South Carolina ist es nicht.
Als sie sich der Kreatur näherten,
sah Ian Felicia durch die Windschutzscheibe. Sie lachte, als sie
das jammernde junge Ding an Lances’ Arm entdeckte. Typisch Lance.
Selbst wenn er auf einen Eisberg in der Arktis driftete, würde ihm
eine schöne, einfältige Inuit über den Weg laufen, die er verführen
könnte. Ian hingegen glaubte, selbst wenn er als Schiffbrüchiger
auf einer einsamen Insel im Pazifik landete und dort auf eine ganze
Schar schnatternder Pornodarstellerinnen träfe, würde er trotzdem
allenfalls den netten, trotteligen Freund abgeben. Er seufzte, als
Lance Susie auf die Rückbank half.
»Hallo, ich bin Felicia«,
trällerte Felicia äußerst vergnügt vom Beifahrersitz. Lance schloss
vorsichtig die hintere Tür. Ian packte ihn am Arm und sprach leise
auf ihn ein, nur Zentimeter von seinem Gesicht entfernt.
»Wir haben nicht so viel Zeit,
dass du ein Mädchen anbaggern kannst, Lance. Das ist dir doch klar,
oder? Wenn du dich erinnerst, sind wir auf dem Weg nach Charleston,
damit ich … na ja, das tun kann, was du mit diesem armen, arglosen
Geschöpf vorhast.«
Ian linste ins Auto. Felicia
grinste und quasselte. Susie hing auf der Rückbank, nickte und
schniefte.
»Bleib mal cool, Alter. Kein
Stress. Du musst doch zugeben, dass sie unglaublich scha…«
»Natürlich ist sie scharf, Lance.
Sie sind immer scharf. Und oft genug sind es schniefende,
verzweifelte Mädchen, die deine Scheiße nicht durchschauen können.
Gott …« Ian stakste von Lance weg. »Wir fahren sie nach Hause. Aber
damit hat es sich. Das ist alles. Ernsthaft.«
»Gut. Kapiert. Danke. Gut.«
Lance warf sich in den Wagen und
nahm Susies Hand.
»Alles klar, Kleine. Alles klar.
Ich kann nicht glauben, dass ein Typ so was bringen kann. Ich meine
… doch nicht mit dir. Also echt. Das ist doch undenkbar. Was für
ein Trottel.« Er drückte ihre Hand und schenkte ihr seinen
aufrichtigsten, ernsthaftesten Blick.
»Ohhhh«, sagte Susie fast
flüsternd und ließ den Kopf hängen. »Du bist echt süß, Lance. Ich
kann gar nicht glauben, dass ich ausgerechnet heute so jemanden wie
dich treffe.«
Er wischte ihr eine Träne aus dem
Auge, dann drückte er wieder ihre Hand.
»Psst!«, sagte er und zwinkerte
Ian noch einmal zu.
Ian schüttelte den Kopf. Felicia
lachte, bemühte sich aber sehr, ihr Lachen wie ein Husten klingen
zu lassen.
»Wie muss ich fahren, Susie?«,
fragte Ian.
»Oh, du musst hier links auf die
Straße 252 abbiegen. Es ist wirklich nicht weit.« Ian wendete und
fuhr auf eine reichlich traurige, leere Straße. Die Bundesstraße 65
war bald aus seinem Rückspiegel verschwunden.
»Lance sagt, ihr seid aus Chicago
und wollt nach Charleston«, sagte Susie. »Das klingt aufregend.
Aber ihr habt bestimmt Hunger. Ich habe zu Hause jede Menge Essen.
Vor ein paar Tagen habe ich Käsetaschen gebacken – ich bin berühmt
für meine Käsetaschen. Ihr solltet echt mit raufkommen und was
essen.«
Sie blickte Lance begierig in die
Augen.
»Klar, können wir machen«, sagte
er. »Das ist echt nett von dir, Susie. Ich meine, echt. Du bist am
Boden zerstört, hast einen grässlichen Tag hinter dir, denkst aber
nur an uns, obwohl wir doch total Fremde sind. Du bist echt
süß.«
Felicia starrte Ian mit weit
aufgerissenen Augen an, der schnell das Wort ergriff. »Weißt du,
wir sind eigentlich schon ziemlich spät dran, Susie. Natürlich
wär’s echt schön, wenn wir …«
»… länger bleiben könnten«,
unterbrach ihn Lance. »Er wünscht, wir könnten länger bleiben. Aber
wir haben eine lange Fahrt vor uns. Charleston ist … wie weit ist
das eigentlich noch, Ian?«
»Zehn Stunden und einundzwanzig
Minuten. Ungefähr.«
»Genau. Ist ’ne lange Fahrt. Wir
müssen echt weiter. Nach dem Essen natürlich. Das ist wirklich nett
von dir, Kleine.« Er blickte Ian an und dann wieder Susie. »Hey,
vielleicht könntest du ja mitkommen? Nach Charleston? Du könntest
eine kleine Auszeit gut gebrauchen, Susie. Dass du den Kopf
klarkriegst und von dem – wie heißt er noch gleich? –
loskommst.«
Nein. Nein, nein,
nein.
Aber Ian sagte nichts. Der Gedanke
an eine Auseinandersetzung ließ ihn erstarren.
»Ohhh«, sagte Susie. »Das ist
wirklich nett von dir.« Sie lehnte sich an Lance. »Was für ein
Glück, dass ich euch getroffen habe. Ich glaube, so nette Leute
kenne ich sonst nicht.«
Ian glaubte ihr aufs Wort. Er fuhr
und blickte stur geradeaus, auf Scheunen, Bauernhäuser, Silos,
Felder mit diversen Anpflanzungen, die eine oder andere Kuh. Und er
fuhr einfach weiter. Hin und wieder sagte Susie: »Noch ein kleines
Stückchen.« Also fuhr er weiter. Dann wiederholte sie den Satz.
Schließlich, nachdem er mehr als eine halbe Stunde wie ein Irrer
gefahren war, erreichten sie einen Ort.
»Wir sind da«, sagte Susie. Über
der Straße hing schlaff ein verwittertes, grünes Transparent, auf
dem stand: BODNER, 151 Einw.
Bodner bestand offenbar nur aus
einem Eisenwarengeschäft, einer Methodistenkirche, einem
John-Deere-Händler, einer lutherischen Kirche, einer Tankstelle,
einer katholischen Kirche, einer einzigen, gelb blinkenden Ampel
über der Haupt- (und wahrscheinlich einzigen) Kreuzung und einer
dunklen Ladenfront mit einem kleinen Schild im Fenster, auf dem
ED’S stand. Was das sein sollte, war nicht klar. Möglicherweise
eine Bar. Oder ein Lebensmittelgeschäft. Oder ein Reisebüro. Oder
das Hauptquartier eines riesigen internationalen
Verbrechersyndikats, unwahrscheinlich, aber möglich. Das Schild bot
jedenfalls keinerlei Anhaltspunkt. Und Ed war nirgends zu sehen.
Auch von Bodners 151 Einwohnern war außer Susie niemand zu sehen.
Ihre winzige Wohnung lag über Eds Laden. Susie sagte Ian, er solle
auf der Straße davor parken, dann klimperte sie mit einer
unglaublichen Ansammlung von Schlüsseln und suchte den, der die Tür
zu einer Treppe mit einem eher schmuddeligen Teppichbelag öffnete,
die wiederum zur Eingangstür ihrer Wohnung führte.
Beim Betreten der Wohnung fühlte
sich Ian von den grellen Farben des Raums erschlagen. Die Wände
waren rosa und gelb gestrichen, überall hingen Poster von diversen
männlichen Popstars und auf jeder waagerechten Fläche lagen Stapel
von Modezeitschriften. Sobald Susie in die Wohnung gestürzt war,
warf sie den Riegel zu, pfefferte ihre Schlüssel auf einen kleinen
Tisch – auf einen Stapel von Janes, Seventeens und
Cosmos – und ließ sich in die Kissen auf ihrem Futon fallen.
Sie seufzte.
»Gott, was für ein Tag. Dieser
Zoff mit Rick, ich kann’s immer noch nicht glauben.« Sie schniefte,
dann fügte sie hinzu: »Saftsack.«
Lance setzte sich neben sie. »Lass
gut sein, Susie.« Er fing an, ihr den rechten Fuß zu massieren –
eine so intime Geste, wie sie Ian im Traum nicht eingefallen wäre.
Susie schien das nichts auszumachen. Sie blickte Lance recht
liebevoll an.
»Also, Susie«, bemerkte Felicia,
die gelangweilt ein paar Zeitschriften wie Peoples,
Glamours und Stars durchblätterte. »Hast du vorhin
nicht was von Käsetörtchen oder so gesagt?«
Susie prustete los.
»Ach so, meine Käsetaschen. Ich
mache sie warm.«
Sie sprang auf, ließ aber Lance
noch ein paar Sekunden lang ihren Fuß massieren, bevor sie seine
Hand nahm und ihn in die angrenzende Küche führte.
»Lancey, Schatz, ich brauche ein
bisschen Hilfe.«
Lancey? Hat sie ihn eben Lancey
genannt? Was soll denn das? Das ist in zwei Tagen die zweite, die
ihn »Lancey« nennt. Guter Gott, wir müssen hier weg. Nur wird
Lancey auf keinen Fall weiterwollen. Aber wieder sagte Ian
nichts, sondern blickte nur entsetzt auf ein Poster von Ashton
Kutcher mit nacktem Oberkörper.
»Lance, könntest du mal da
hochlangen und mir die Alufolie runtergeben?«
Susie deutete auf eine schmale
Schranktür, die Lance aufschob. Er reichte ihr die Folie und sie
machte ihren Kühlschrank auf. Der Kühlschrank war ein uraltes Teil,
wie ein Relikt aus einer Fünfzigerjahre-Serie, zu dem man
»Eisschrank« sagte. Das Gerät gab ein schreckliches Summen von
sich. Aus seinen Tiefen wurde ein unbedeckter Teller mit kleinen
Blätterteigpasteten zutage befördert.
»Meine weltberühmten
Käsetaschen!«, erklärte Susie. Eilig hüllte sie das Gebäck in
Folie, schob es in ihren uralten Ofen und drehte an einem kleinen
Knopf. Als der Ofen heiß wurde, fing er an zu klacken. Sehr
laut.
»Ich schwöre«, sagte Susie, »jedes
Gerät in dieser Wohnung gibt verrückte Geräusche von sich. Aber ich
backe so gerne.« Sie nahm den Plastikdeckel von einer
Tupperware-Dose, die voller Zuckerkekse war. »Bedient euch
einfach.«
Ian tat es. Er hatte
fürchterlichen Hunger, Felicia auch. Beide stopften Kekse in sich
hinein. Nach ein paar Minuten stillen Essens blickte Ian auf, um
sich an seine Gastgeberin zu wenden.
Ȁhm, Susie, hast du vielleicht
ein bisschen Milch oder …?«
Aber Susie war verschwunden. Lance
schien auch verschwunden zu sein. Felicia ergriff das Wort.
»Erst lenken sie uns mit Backwaren
ab, dann nutzt Lance die Gelegenheit. Ein klassischer Zug.« Sie aß
weiter, ohne den Blick von einem Heft Seventeen zu heben.
»Er mag ja ein unverbesserlicher Sexprotz sein, aber er hat echte
Begabung. Die kannst du ihm nicht absprechen.«
Nein, das konnte Ian nicht.
Felicia nahm die Zeitschrift vors
Gesicht und verkündete: »Ian, hier behauptet ein Experte, dass
männliche Oberschüler alle elf Sekunden an Sex denken. Das kann
doch nicht sein, oder? Die müssen doch meinen, alle elf Minuten.
Oder Stunden. Weil, also, du denkst doch nicht so oft an Sex, Ian,
oder?« Sie zögerte. »Ich meine, natürlich nur, wenn du nicht online
bist.«
»Komisch«, sagte Ian und wünschte,
dass alle Ärzte verdammt noch mal aufhören würden, über die
sexuellen Gewohnheiten von Jugendlichen zu reden. Dann stellte er
sich vor, dass Felicia ihm diese Frage in einem Bikini stellte.
Und dann in einer Auto-Waschstraße. Oder auf einem Pferd
reitend. Und mit Jessica Alba …
»Also, was ist, Ian?«, fuhr ihn
Felicia an.
»Wa…? Ähm, nein. Nein.
Ausdrücklich nein. Ich denke sowieso nicht so besonders
viel.«
Außer an Sex
natürlich.
»Also«, fing er an. »Wo zum Teufel
hat Lance unsere Gastgeberin hingeschleppt, was meinst …«
»Denn wenn Jungen so oft an Sex
denken würden«, sagte Felicia, die nicht von dem Thema lassen
konnte, »dann würde das bedeuten, dass du in einer fünfzigminütigen
Trigonometrie-Stunde – sogar bei dem schmierigen alten Mr Kroeger
mit seinem Gelaber über Zufallsformeln – dass du in der Zeit etwa
…«, sie rechnete, »273 Mal an Sex denkst.«
Mmh, das könnte stimmen. Mehr
oder weniger. Hängt davon ab, was Dana Beetle anhat. Und ob diese
bescheuerte Braut Robin Dingsbums da ist. Und natürlich, wenn
Alexis Higgins …
»Ian, du denkst doch in der
Trigonometrie-Stunde nicht 273 Mal an Sex, oder? Denn dann würde
ich wirklich wissen wollen, wie du trotzdem zu einer Eins
kommst.«
Ȁhm, nein. Nein. Nein, tue ich
nicht.«
»Und, wie oft denkst du dann an
Sex?«
»In Trigonometrie?«
»Wann immer.«
»Eigentlich, ähm … eigentlich …«
Er lachte verlegen. »Ich meine, woher soll ich das wissen. Ich
führe ja schließlich kein Sex-Tagebuch, oder?«
»Keine Ahnung. Kann doch sein. Ich
hab ja auch nicht gedacht, dass du ein Typ wärst, der quer durchs
Land fährt, um eine Internet-Nutte zu besuchen.«
Autsch. Ian erwog eine
Reihe möglicher Antworten. Er brauchte dringend eine Strategie, um
aus diesem Gespräch rauszukommen.
Da klopfte es an der Tür.