Sieben


Víkingur legte Þórhildur auf das Bett und begann sie ausziehen. Sie schien wie in einem tiefen Schlaf. Ihre helle Sommerjacke war mit Flecken übersät. Wo war diese Frau gewesen?


Er breitete die Decke vorsichtig über sie und strich ihr das Haar aus der Stirn. Sie blieb eine kurze Zeit auf dem Rücken liegen, wälzte sich dann auf die Seite und wickelte sich in die Decke ein.


Víkingur setzte sich auf einen Stuhl am Bett und versuchte seine Gedanken zu ordnen. Nichts hätte ihn mehr überraschen können als das, was geschehen war. Natürlich war ihm klar gewesen, dass auch die Abstinenz von Menschen, die seit Jahren nichts mehr getrunken haben, Risse bekommen kann. Dennoch wäre ihm nie in den Sinn gekommen, dass Þórhildur sich jemals wieder betrinken würde.


Was für ein Unsinn, dachte er. Þórhildur ist natürlich ein Alkoholiker wie jeder andere. Man erhebt seine eigene Frau einfach zu etwas Höherem. Glaubt, dass sie einzigartig und anders als alle anderen Menschen ist. Vielleicht sind auch nicht alle Alkoholiker gleich, sondern die Krankheit selbst, die Abhängigkeit, nimmt alle in denselben Würgegriff. Menschen sind verschieden, aber die Krankheit macht keinen Unterschied zwischen uns.


Er hörte ein Rascheln und sah, dass Þórhildur aufgestanden war. An die Wand gestützt, ging sie vorsichtig Schritt für Schritt zum Fenster, griff nach den Vorhängen und zog daran.


Er stand auf und ging zu ihr.


»Was ist los, meine Liebe? Was möchtest du?«


Sie hatte die Augen halb geschlossen und nuschelte: »Hier ist doch eine Toilette?«


»Sie ist da vorne«, sagte er, nahm sie bei den Schultern und brachte sie bis zur Tür des Badezimmers. Als er sich anschickte, ihr hineinzufolgen, hielt sie inne und raunte: »Willst du mit mir auf die Toilette gehen?«


»Ich will dir nur helfen«, sagte er. »Dich stützen.«


»Niemand muss mich stützen«, sagte sie und drückte die Tür zu.


Er blieb davor stehen und wartete. Hörte, wie sie den Wasserhahn aufdrehte. Im Kulturbeutel kramte. Die elektrische Zahnbürste anmachte. Wie ihr mit Geklimper etwas aus der Hand ins Waschbecken fiel. Nach ziemlich langer Zeit machte sie die Zahnbürste aus. Er legte das Ohr an die Tür. Kein Laut.


»Ist auch alles in Ordnung?«, rief er halblaut.


Dann hörte man etwas zu Boden plumpsen. Sie war anscheinend umgefallen.


Schnell öffnete er die Tür. Þórhildur lag auf dem Boden neben der Toilette. Die Unterhose war auf Höhe der Fersen gerutscht. Es sah aus, als sei sie von der Toilette gefallen. Er griff ihr unter die Achseln und half ihr auf die Beine.


»Bist du verletzt? Hast du dir den Kopf gestoßen?«


Sie antwortete nicht und bei näherer Betrachtung wurde ihm klar, dass sie fest schlief.


Auf dem Boden war eine gelbe Pfütze. Sie war mittendrin von der Toilette gefallen und hatte am Boden liegend weitergepinkelt. Ihre Schenkel waren nass. Er hatte die Idee, sie in die Badewanne zu legen, um den Urin abzuspülen, aber er wollte sie nicht wecken.


Machte ein Handtuch im Waschbecken nass und versuchte, sie zu waschen. Nahm sie anschließend in die Arme und trug sie ins Bett.


Das Schnarchen war nicht gespielt.


Er stand neben ihr und schaute auf sie herab. Hatte Mitleid mit ihr.


Ach, meine Liebste, dachte er. Was machen wir bloß?


Im Augenblick konnte er nichts weiter tun, als auf den nächsten Tag zu warten.


Víkingur zog sich aus und legte sich neben Þórhildur.


Angelte nach dem Schalter der Nachttischlampe und machte das Licht aus.


Lag wach und starrte in die Dunkelheit, die sie umgab.


*****


Vampír beobachtete seinen Herrn besorgt. Er war daran gewöhnt, ihn immer wieder mit den Zähnen knirschen zu hören. Er wusste nicht ganz, was dieses Geräusch bedeutete, aber er verband es damit, dass sein Herrchen wach und auf der Hut sei. Jetzt musste etwas passiert sein, denn der Herr saß da, wiegte sich vor und zurück und knirschte ohne Unterlass mit den Zähnen.


Die Lösung war in Sicht. Damit Baldur seinen Traum vom eigenen Amphetaminlabor, von großen Einnahmen und einem sorgenfreien Lebensabend verwirklichen konnte, brauchte er nur eins: Startkapital.


Mit genügend finanziellen Mitteln ausgestattet, könnte er sich einfach an einem anderen Ort niederlassen, vielleicht in Litauen, vielleicht in Dänemark. Oder Schottland. Es ist bitter, wenn man nicht genug Geld hat, um seine Träume zu verwirklichen, und umso bitterer war es für Baldur, an einem Trockenschrank zu sitzen, der Reichtümer für andere Leute produzierte.


Oft hatte er mit dem Gedanken gespielt, mit dem, was hier in einer Woche produziert wurde, zu verschwinden, was ihm locker reichen würde, um sein eigenes Labor aufzumachen. Die Vorstellung war leider nicht realistisch, denn Andrus hatte Verbindungen nach überallhin.


Wer Arbeitgeber wie Andrus, die Nuul und Octopussy bestahl, würde damit sein eigenes Todesurteil fällen und sich zu einem schrecklicheren Tod verdammen, als je ein Mensch verdient hatte. Baldur hatte mitangesehen, wie Andrus Männer für geringfügige Vergehen bestrafte, und konnte sich gut ausmalen, welchen Horror er für diejenigen, die ihn richtiggehend hintergingen, in petto hatte.


Im gesamten Ostblock würden sie nach ihm suchen und selbstverständlich auch in Island.   

 


Endlich war ihm eine Lösung für dieses Problem eingefallen.


Wo nichts gestohlen wird, muss nichts gerächt werden.


Wenn sie glauben, ich sei tot, kommen sie nicht darauf, nach mir zu suchen.


Er wunderte sich, dass er nicht schon viel früher auf diese Idee gekommen war, so offensichtlich, wie sie war.


Wenn ich das Amphetamin stehle und das Labor anzünde, kann niemand mehr feststellen, dass etwas gestohlen wurde.


Wenn ich in den Flammen sterbe, bei dem Versuch, das Labor zu retten, merkt keiner, dass ich es angezündet habe und quicklebendig bin.


Er durchdachte diese Schlussfolgerung wieder und wieder und konnte keinen wunden Punkt entdecken. Natürlich müsste er seinen Namen ändern, seine Nationalität und vor allem sein Umfeld, um zu verhindern, dass seine vormaligen Arbeitgeber zufällig ihrem verstorbenen Mitarbeiter wiederbegegneten. All das ließe sich verwirklichen und würde dazu beitragen, seine Träume zu erfüllen.


Das wertvollste aller Dinge ist das Wissen, und Baldur hatte sich kostbares Wissen angeeignet. Er kannte alles, was die Produktion betraf. Jede einzelne Stufe der Herstellung. Sich irgendeinen Chemiker zu besorgen, der sich zunächst um die Einrichtung kümmerte und die Details justierte, wäre kein Problem. Und danach würde er es allein machen. Ein kleines Labor mit einer Produktionszeile, die er ohne Hilfe von außen betreiben könnte. Bevor er sein Vorhaben umsetzen würde, musste er überprüfen, ob er die gesamte Herstellung auswendig konnte, alle Mengenverhältnisse kannte, sich jedes Detail gewissenhaft eingeprägt hatte.


Er ging die Herstellung in Gedanken durch.


Erst die Rohstoffe: Benzaldehyd, Nitroethan, Cyclohexylamin ... dann Lithiumaluminiumhydrid, Ether, Hexan, Salzsäure, ach ja, und reiner Spiritus. Alles relativ leicht zu besorgen, wenn man sich wie er auskannte.


Dann das eigentliche Rezept.


Benzaldehyd, Nitroethan und Cyclohexylamin Verhältnis 5:4:1 mischen. Bei schwacher Hitze (30 bis 40 Grad Celsius) sechs Stunden lang erhitzen.


Etwa einen halben Liter Wasser zugeben und das Ganze schütteln. Dabei entstehen zwei Schichten. Die obere wässrige Schicht entnehmen und wieder Wasser zufügen, schütteln. Wiederholen, bis sich orangefarbene Kristalle zu bilden beginnen. Das Wasser entfernen und die Lösung stehen lassen, bis die gesamte Substanz auskristallisiert ist. Die Kristalle dann mit zwei Litern reinem Spiritus, den die Dame immer Ethanol nannte, waschen, bis sie blassgelb sind.


Die Kristalle trocknen. Sie sollten etwa 650 Gramm Phenyl-2-nitropropen ergeben.


Das Phenyl-2-nitropropen in Amphetamin umwandeln. Dafür muss es, wie Frau Nuul es nannte, hydriert werden, also an einigen Stellen im Molekül der Sauerstoff gegen Wasserstoff ausgetauscht werden. Sie sprach immer mit der Intonation einer alten Lehrerin. Und dann das freudlose Lachen, das folgte.              


Baldur empfand es als kleines Wunder, dass man die Zusammensetzung von winzig kleinen Molekülen steuern konnte. Im Vergleich dazu wirkte Uhrmacherei wie das Abbauen von Steinen mit Vorschlaghämmern im Bergwerk. Weiter. Das Phenyl-2-nitropropen in einem Liter Ether lösen und 200 Gramm Lithiumaluminiumhydrid in derselben Menge Ether auflösen. Dann diese beiden Lösungen mischen und bei geringer Hitze zwei bis sechs Stunden köcheln lassen. Daran denken, dass diese Reaktion unter Stickstoff durchgeführt werden muss, weil jegliche Feuchtigkeit das Lithiumaluminiumhydrid zerstört.


Wenn die Mischung so lange gekocht hat, dass die Reaktion vollendet ist, fügt man einen halben Liter Wasser vorsichtig hinzu und verrührt alles gut. Dann das Wasser abtrennen. Ein paarmal wiederholen. Es ist sehr wichtig, dass man sich dabei Mühe gibt, sagte Frau Nuul, um Aluminiumhydrid, das nicht reagiert hat, und irgendwelche Rückstände, an deren Namen sich Baldur im Moment nicht erinnerte, herauszuspülen. Manchmal tat sie so, als hörte sie ihn nicht, wenn er versuchte, mit ihr zu reden, und manchmal wiederum begann sie von sich aus mit einem langen Vortrag, in dem sie mit ermüdender Genauigkeit irgendwelche Details erklärte, für die sich absolut niemand interessierte.


Als Nächstes wird die Amphetamin-Base in Ether gelöst. In diese Lösung leitet man Salzsäure ein, um Amphetamin in Säureform zu erhalten.


Im Trockenschrank den Ether verdampfen lassen und den Stoff in heißem Cyclohexylamin lösen und dann abkühlen lassen, bis sich wieder Kristalle bilden. Und dann ist die Ware fertig, außer man möchte sie mahlen, um sie als Pulver zu verkaufen. Nichts einfacher als das.


Baldur war mit seinen Kenntnissen zufrieden. Er musste nur noch ein gutes Feuer legen, was nicht besonders schwierig sein würde in einem Gebäude voller FünfzigLiter-Fässer mit Stoffen, die viel entzündlicher waren als Benzin.


Dann musste er seinen Tod inszenieren. Sich ungesehen mit der Produktion von einer Woche, vielleicht vier Kilo reinen Amphetamins, davonmachen. Ein paar Monate ganz unauffällig bleiben. Dann ein kleines Labor einrichten und dabei den Schwerpunkt auf hochwertige Ware legen. Eine Produktionszeile. Ein Kilo pro Woche wäre prima.


Zu Beginn hatte Baldur sich darüber gewundert, dass Frau Nuul die Sache verkomplizierte, indem sie drei Produktionszeilen betrieb. Platz war genug vorhanden und es wäre kein Problem gewesen, das Rezept zu verzehnfachen und jede Woche vierzig Kilo statt vier herzustellen. Er glaubte, dass es sich dabei um einen Spleen von Frau Nuul handelte.


Als er sie gefragt hatte, ob es nicht einfacher sei, eine große Produktionszeile statt dreier kleiner zu betreiben, lächelte sie ein überhebliches Bildungsbürgerlächeln und erklärte ihm, dass man in einem Chemielabor nicht einfach alle Zahlen wie in einem Kochrezept vervielfachen kann. Eine große zu verarbeitende Menge bringt viele verschiedene Probleme mit sich. Zum Beispiel erhitzt sich eine große Portion nicht so gleichmäßig wie eine kleinere. Dann setzt sich mehr Feuchtigkeit in die Geräte, wenn größere Einheiten verwendet werden, und so weiter.


»Ich habe acht Jahre bei einer großen Firma mit dem Scale-up von Reaktionen verbracht«, sagte sie. »Das erfordert große Kunstfertigkeit. Fast jeder Dummkopf kann zehn oder fünfzehn Gramm Amphetamin herstellen, sofern er sich dabei nicht in die Luft sprengt. Das Geniale an meiner Methode ist es, eine Rezeptur zu verwenden, die noch zu handhaben ist, und dennoch den Ertrag zu verdreifachen, indem man drei Produktionszeilen verwendet. Die Faustregel bei jeder chemischen Produktion ist: Je kleiner die Mengenangaben in der Synthesevorschrift sind, desto homogener und besser wird das Produkt. Je größer die Menge, desto einfacher muss die Durchführung sein. Dummköpfe machen einfache Dinge kompliziert. Um komplizierte Dinge einfach zu machen, braucht man die Begabung eines Genies.« Dann stieß sie ihr kaltes, bellendes Lachen aus ­ hahaha! ­ und rauschte davon. Was Baldur am Lachen von Frau Nuul unheimlich fand, war, dass es genauso abrupt verstummte wie es begann. Normales Lachen steigert sich, erreicht einen Höhepunkt und ebbt dann ab. Das Lachen von Frau Nuul war dagegen wie das einer Maschine, eines Roboters.


Auch wenn man von Frau Nuul wirklich nicht behaupten konnte, dass sie eine Schönheitskönigin sei, hatte Baldur in den ersten Monaten ab und zu mit dem Gedanken gespielt, mit ihr anzubandeln, aber je mehr Umgang er mit ihr hatte, desto weniger Verlangen verspürte er danach. Die Frau war mehr als nur ein bisschen seltsam. Sie war wie die Parodie eines irren Wissenschaftlers in einem schlechten Film. Er wusste, dass Frau Nuul trotz der Anrede »Frau« unverheiratet war, niemals heiraten und niemals ein Verhältnis mit einem Mann haben würde.


Der Spitzname »Frau« haftete ihr schon seit der Grundschule an, wo ihre erwachsene Art zu sprechen und ihr ernstes Auftreten dafür gesorgt hatten, dass sie ihren Mitschülern lehrerhafter als der Lehrer vorkam. Seit dem Zeitpunkt wurde sie von Angesicht zu Angesicht Frau Nuul genannt und »die Null«, wenn sie es nicht hörte.


Einmal, als Andrus ungewöhnlich beschwipst war, hatte Baldur ihn gefragt, ob estnische Frauen in der Regel Frau Nuul ähnelten oder ob mit ihr etwas nicht stimmte.


Da war Andrus in schallendes Gelächter ausgebrochen und hatte gesagt, dass sie das Asperger-Syndrom habe, von dem Baldur noch nie gehört hatte, und er dachte zuerst, Andrus hätte gesagt, sie habe das Asparagus-Syndrom. Der Koloss Andrus schien vor Lachen platzen zu wollen, legte dann aber den Zeigefinger auf seine Lippen und sagte: »An deiner Stelle würde ich das allerdings ihr gegenüber nicht erwähnen. Alle wissen es nämlich alle außer ihr selbst. Jeder in Tallinn weiß, dass sie autistisch ist, und deswegen kommt niemand auf die Idee, dass sie draußen auf dem Land ein Amphetaminlabor betreibt.«


Baldur hatte keinerlei Vorstellung davon, was dieses Asperger-Syndrom war, bis Andrus ihm erklärte, es handele sich um eine Art milder Form von Autismus. Dass Menschen mit Asperger zwar Autisten seien, aber dennoch gut außerhalb von Einrichtungen leben könnten. Andrus war nicht dumm ­ für einen Muskelprotz ­, aber nicht weniger sonderbar als Frau Nuul, wenn man es genau nahm.


Baldur wagte nicht, Frau Nuul danach zu fragen, welches Syndrom Andrus zu einem attraktiven Kooperationspartner machte.


Das Zähneknirschen seines Herrchens hatte Vampír mittlerweile so verrückt gemacht, dass er aufstand, sich reckte und winselte, womit er Baldur aus seinen Tagträumen riss.


»Aus«, sagte er freundlich zum Hund und nahm eine mit Silber verzierte Schnupftabaksdose, die die Initialen seines Großvaters trug, aus der Tasche und genehmigte sich eine ordentliche Portion, wobei er seines Großvaters warmherzig gedachte. Der gute alte Mann war zu Grabe getragen worden, ohne jemals herauszufinden, dass es viel stärkere Genussmittel gab, die man in die Nase hochziehen konnte, als eine grob zerriebene Prise Schnupftabak. Baldur war der Auffassung, dass diejenigen, die sich die Drogen spritzten, Junkies waren, aber die, die sie auf anderem Wege einnahmen, waren Konsumenten.   

 


Vampír winselte immer noch, denn von draußen drangen Geräusche herein, aus denen man schließen musste, dass mehr als nur ein Reh unterwegs war.


Sein Herrchen schien vollkommen ertaubt zu sein.


Baldur hatte wieder begonnen, mit dem Oberkörper zu schaukeln und mit den Zähnen zu knirschen.


Vampír machte einen letzten Versuch, seine Aufmerksamkeit zu erregen, indem er leise jaulte.


»Halt doch irgendwann mal die Schnauze, blöder Hund«, raunzte sein Herr und warf mit einer Kanne nach ihm, die halbvoll mit kaltem Kaffee war.


Hundeleben.