Dreiundzwanzig


Víkingur maß die vergehende Zeit, indem er sein Gesicht betastete. Eine Rasur reichte für zwei Tage und zwei Nächte. Die Dunkelheit hatte Sommerferien und die Nächte waren in Tageslicht gebadet.


Er ging nicht ans Telefon und nicht zur Tür, außer wenn er Randver oder Hinrik erwartete. Randver kam mindestens zweimal am Tag, manchmal öfter. Hinrik kam in der Mittagspause oder morgens zu der Zeit, zu der sie sich normalerweise im Fitnessstudio getroffen hatten.              


Hinrik war sein ältester Freund. Ein Psychiater.


»Ich wähle die Wissenschaft, du den Glauben«, sagte er, als ihre Wege sich nach dem bestandenen Abitur trennten, und schrieb sich an der medizinischen Fakultät ein, während Víkingur sich für die Theologie entschied. Beides war jetzt wenig nützlich, der Glaube und die Wissenschaft. Der Glaube war aus seinem Leben verschwunden. Er war so lange glücklich gewesen, dass er aufgehört hatte, an Gott zu glauben, und die Depressionen hielt Hinrik mit Medikamenten in Schach.


Víkingur wusste, dass der Glaube mit dem Beten kommt, aber er konnte sich nicht aufraffen, es zu versuchen. Er genierte sich, wahrscheinlich vor sich selbst, und konnte sich nicht dazu durchringen, um die Gnade zu bitten, die er vormals so erstrebenswert gefunden hatte. Und dann war er auch wütend auf Gott, dass er ihm Þórhildur weggenommen hatte ­ und weil Gott nicht existierte, war er gerade deswegen wütend auf ihn.


Ansonsten spielte die Existenz Gottes für ihn keine Rolle. Auch wenn Gott existierte und wenn er Víkingur gnädig gesonnen wäre, könnte er ihm nicht das Einzige gewähren, um das er hätte bitten wollen. Er spürte, wie die Depression vorrückte. Seine Gedanken wehten unkontrolliert von hier nach da oder wirbelten im perfekten Chaos umher. Dazwischen legte sich der Sturm und hinterließ ihn in endloser Stille und Leere, und er hörte Randver nicht, der mit ihm sprach. Schaute ihn verständnislos an, als wäre er von einem anderen Stern.


»Du musst etwas essen«, sagte Randver. »Du darfst nicht aufgeben. Es ist schmerzhaft, aber der Schmerz klingt mit der Zeit ab. Alles hat ein Ende.«


Randver hatte recht. Alles nimmt ein Ende, und jetzt war sein Leben zuende. Ohne dass er etwas dagegen tun konnte, war sein Leben aus der Spur geraten.


Ein junger Mann hatte die Kontrolle über sein Leben verloren und seine Mutter mit sich in den Tod gerissen, und Víkingur blieb zurück, saß auf dem Rand des Steilhangs, seelisch verwundet und körperlich betäubt. »Was ist das eigentlich, diese schreckliche Sucht?«, fragte er seinen besten Freund.


Hinrik versuchte zu antworten: »Alkoholismus ist die Art Abhängigkeit, die am längsten und häufigsten untersucht worden ist«, sagte er.


»Sie wird definiert als körperliche, seelische und soziale Krankheit oder Störung. Körperlich ist die Abhängigkeit, weil sie mit bestimmten chemischen Reaktionen zu tun hat, seelisch, weil sie zu unseren psychologischen und psychiatrischen Untersuchungen gehört, und sozial, weil sehr viele der Meinung sind, dass unsere Gesellschaftsform daran beteiligt ist, eine Sucht auszulösen.


Ob Abhängigkeit eine Krankheit ist, das ist immer noch ein Zankapfel der Wissenschaftler. Wenngleich die Definition als Krankheit Unzähligen zur Genesung verholfen hat, kommt es mehr und mehr in Mode, das Wort Störung anstelle von Krankheit zu verwenden.«


»Warum beschäftigen sich Wissenschaftler mit solchen Wortspielen, während die Sucht die Menschen um sie herum einen nach dem anderen umbringt?«


Hinrik freute sich, dass Víkingur überhaupt reagierte.


»Abhängigkeit kann so viele Erscheinungsbilder haben. Abhängigkeit von irgendwelchen berauschenden Mitteln wie Alkohol oder Drogen ist allseits bekannt.


Ein Leitsymptom der Sucht ist unkontrolliertes Verhalten. Im Leben eines Süchtigen wird die Abhängigkeit der Mittelpunkt, um den sich alles dreht, aber es gibt weit mehr als Abhängigkeit von bestimmten Substanzen, was Kontrollverlust und zwanghaftes Verhalten hervorrufen kann. Wenn wir uns umschauen, sehen wir Menschen, die von Glücksspielsucht, Esssucht, Anorexie, Bulimie, Abenteuersucht, Kaufsucht, Arbeitssucht, Hypersomnie, Verschwendungssucht, Sexsucht oder religiösem bzw. atheistischem Fanatismus geplagt sind. Niemand kann genau unterscheiden, wo die Störung endet und die Krankheit beginnt.«


Víkingur schwieg.


»Nicht nur die Wissenschaftler sind hier uneins«, fuhr Hinrik fort. »Sehr viele Menschen haben ganz falsche Vorstellungen von Abhängigkeit. Manche glauben, sie sei ein Zeichen von Willensschwäche oder sogar mangelnder Intelligenz. Ganz im Gegenteil weist vieles darauf hin, dass Süchtige sowohl über mehr Willenskraft als auch über mehr Intelligenz als der Durchschnitt verfügen. Merkwürdig. Und noch merkwürdiger ist es, dass Sucht wirklich die einzige Krankheit der Welt ist, die der Patient selbst begreifen muss, um eine Chance auf Genesung zu haben, obwohl unser Verständnis von Abhängigkeit ja sehr gering ist. Daraus folgt, dass die Aussichten auf Genesung ebenfalls gering sind.«


Hinrik sah, dass es Víkingur schwerfiel, aufmerksam zuzuhören, und entschloss sich deshalb, die Sache direkt anzusprechen.


»Weißt du«, sagte er, »wo Abhängigkeit ist, findet man auch eine andere Störung, die fast genauso schwerwiegend ist. Weißt du, von welcher Störung ich spreche?«


Víkingur schüttelte den Kopf.


»Co-Abhängigkeit. Was ist das erste Wort, das dir einfällt, wenn ich Co-Abhängigkeit sage?«


Eine geraume Zeit verging, ehe Víkingur antwortete: »Mir fällt nichts Besonderes ein.«


»Denk ein bisschen genauer nach. Co-Abhängigkeit.


Welches Wort fällt dir als Erstes ein?«


»Unterordnung?«


»Ich habe mir schon gedacht, dass du etwas in die Richtung sagen würdest. Früher wurde der Begriff CoAbhängigkeit eigentlich ausschließlich für die Angehörigen von Alkohol- bzw. Drogenkonsumenten verwendet und bedeutete, dass der Co-Abhängige sich zum Teil selbst für das Verhalten des Süchtigen verantwortlich machte und alles tat, um ihn friedlich zu stimmen. Die Definition ist heute viel weiter gefasst. Das erste Symptom ist nicht Unterordnung, sondern Herrschsucht. Seltsam, aber Co-Abhängigkeit zeigt sich oft im starken Bedürfnis, seine nächste Umgebung, seinen Partner, Kinder, und Kollegen zu kontrollieren. Co-Abhängigkeit ist es, wenn man glaubt, für alles Mögliche verantwortlich zu sein. Kennst du das?«


»Ich bin nicht co-abhängig«, sagte Víkingur. »Þórhildur war nur während eines ganz kleinen Teils unserer Beziehung süchtig, einige Wochen höchstens.«   

 


»Co-Abhängige sind in der Regel vollkommen blind für alle Anzeichen von Co-Abhängigkeit, wenngleich die meisten anderen sie klar erkennen können.«


Víkingur zuckte mit den Schultern.


»Was für eine Milchmädchenrechnung ist das denn?


Auf dieselbe Art und Weise könnte man alle, die sich für gesund halten, als Kranke definieren.«


»Nein«, sagte Hinrik. »Verleugnung ist in erster Linie ein Zeichen für Abhängigkeit und Co-Abhängigkeit. Ein Mann mit Blinddarmentzündung wird nicht wütend, wenn er gefragt wird, ob ihm der Bauch wehtut.«


»Ich bin nicht wütend.«


»Gut.«


»Und ich bin nicht co-abhängig.«


»Du bist immer noch derselbe Dickkopf.«


»Also«, sagte Víkingur. »Was sagte der Teufel noch mal, als er seine Großmutter traf?«


»Dass sie co-abhängig sei?«, fragte Hinrik und begann zu lachen. »Nein, das traute er sich nicht zu sagen. Er wusste, dass die alte Frau immer ausflippte, wenn er die Wahrheit sagte.«


Víkingur lächelte.


»Warum sprichst du das an?«


»Weil ich dich dazu bekommen möchte, mit mir zu sprechen.«


»Ja, entschuldige. Ich bin im Moment einfach nicht so richtig in Plauderstimmung.«


»Ich habe mich vielleicht umständlich ausgedrückt«, sagte Hinrik. »Ob man co-abhängig ist oder nicht, kommt vielleicht aufs Gleiche heraus, aber man muss akzeptieren, dass es für alles bestimmte Grenzen gibt.«


»Zitiert der Doktor da das Gelassenheitsgebot?«


»Wie meinst du das?«


»Dass man sich mit dem abfinden soll, was man selbst nicht verändern kann.«


»Mit sich selbst im Reinen zu sein und von sich selbst nicht zu viel zu erwarten, ist sehr wichtig. Man muss das loslassen können, was man nicht festhalten kann.«


»Das ist völlig richtig«, sagte Víkingur. »Man kann ja die meisten Dinge akzeptieren. Man lernt, sich mit seinen Fehlern und sogar den Fehlern anderer zu arrangieren.


Trotzdem glaube ich, dass es schwer ist, es von ganzem Herzen gutzuheißen, wenn einem alles genommen wird.«


Die Trauer erfüllte den Raum.


Hinrik schwieg geraume Zeit und stand dann auf und legte die Hand auf die Schulter seines Freundes.


»Ich schaue vielleicht heute Abend noch mal bei dir vorbei«, sagte er.


»Nein, mach dir keine Umstände«, sagte Víkingur.


»Du hast dich schon genug um mich gekümmert. Ich danke dir dafür.« »Ich kann dir auf jeden Fall etwas mitbringen, damit du schlafen kannst«, sagte Hinrik. »Das macht mir nichts aus.«


»Mit mir ist alles in Ordnung«, sagte Víkingur. »Mach dir keine Sorgen. Schau einfach morgen mal vorbei, wenn du mit der Arbeit fertig bist, falls du Zeit hast.«


»Abgemacht«, sagte Hinrik. »Aber du musst auch an deine Ernährung denken.«


»Mach ich«, sagte Víkingur und stand auf.


Hinrik hielt im Flur inne und wandte sich Víkingur zu.


»Ich weiß, dass es schwer ist, darüber zu sprechen, was du durchmachst. Ich möchte nur, dass du weißt, dass ich bereit bin, dir zuzuhören, sobald du etwas erzählen möchtest. Bis dahin wird es eine schwere Zeit für dich.


Kannst du nicht wenigstens mit Gott sprechen, bis du so weit bist?«


»Gott ist leider tot«, sagte Víkingur.


»Jetzt überraschst du mich«, sagte Hinrik. »Ich dachte, die Theologen zitieren nicht gern Nietzsche.«


»Ich habe überhaupt niemanden zitiert. Ich habe ihn getötet.«


Hinrik schwieg. Er glaubte zu wissen, was Víkingur meinte.


Sie waren Freunde.


*****


Die Tage vergingen wie im Nebel.


Bis zur letzten Minute spielte Víkingur mit dem Gedanken, nicht zur Beerdigung zu gehen. Es überstieg seine Kraft, sich von Þórhildur verabschieden zu müssen, und die Vorstellung, von Menschen umgeben zu sein, erfüllte ihn mit Entsetzen, aber jetzt saß er auf der vordersten Bank in der Kirche und blickte auf zwei weiße Särge.


Þórhildur.


Magnús.


Er versuchte, seine Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken, und bemerkte dann, dass er der Einzige in der Kirche war, der noch stand. Alle anderen hatten sich nach einem Hinweis des Pfarrers gesetzt, nachdem er aus der Bibel gelesen hatte:
Die Könige der Erde lehnen sich auf, und die Herren ratschlagen miteinander wider den Herrn und seinen Gesalbten: »Lasset uns zerreißen ihre Bande und von uns werfen ihre Seile!« Aber der im Himmel wohnt, lacht ihrer, und der Herr spottet ihrer.             

Verstört setzte er sich, ohne ein einziges Wort verstanden zu haben, und war der Letzte, der beim nächsten Hinweis wieder aufstand.


Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Wer an mich glaubt, der hat das ewige Leben. Ich bin das Brot des Lebens.


Eure Väter haben Manna gegessen in der Wüste und sind gestorben. Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, auf dass, wer davon isset, nicht sterbe. Ich bin das lebendige Brot, vom Himmel gekommen. Wer von diesem Brot essen wird, der wird leben in Ewigkeit. Und das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, welches ich geben werde für das Leben der Welt.
Er konzentrierte sich darauf, an Þórhildur zu denken, die gegangen war, und daran, dass sich in den Särgen nur ihre irdischen Überreste befanden, verlor aber bei den Worten »irdische Überreste« sofort die Kontrolle über seine Gedanken, so als wäre das Irdische nur eine Art Restsumme, die im Vergleich zur fremdartigen Hoheit des Himmels keine Rolle spielte. Wenn er mit einem Wort hätte ausdrücken müssen, warum er Þórhildur geliebt hatte, wäre dem Wort »irdisch« sicher eine Hauptrolle zugefallen. Sie war irdisch, lebte im Jetzt ­ bis das Unglück seinen Lauf nahm ­ und schaffte es, alle Dinge zu umfassen und sie in ihrer weichen Hand zu halten, während seine Gedanken in den Wolken schweiften und zwischen vergangenen und kommenden Dingen vor und zurück pendelten, bis Þórhildur ihn wieder zurück zu sich auf die Erde zog.


Irdische Liebe, dachte er. Die irdischen Überreste der Liebe in einem weißen Sarg. Wie kann die Liebe irdische Überreste hinterlassen? Dann fiel ihm auf, dass er begonnen hatte, sich mit sich selbst über die Bedeutung eines Wortes auseinanderzusetzen, das für ihn keine Bedeutung mehr hatte. Er war hierhergekommen, um Þórhildur ­ und Magnús ­ zu verabschieden, Magnús vielleicht zum letzten Mal. Þórhildur würde er niemals endgültig verabschieden können.


Und ganz plötzlich stand er auf dem Friedhof und betrachtete einen weißen Sarg, der in einem schmalen Grab versank. Þórhildur liegt in dem Sarg, dachte er voller Entsetzen. Sie ist nicht tot. Du musst sie retten.


Alle Augen ruhten auf ihm, und er ging zum Grab und blieb an seinem Rand stehen.


Er stand still und hoffte, dass dieser Augenblick nie vergehen möge. Dann tastete er in seiner Tasche nach einem weißen Umschlag, beugte sich herab und ließ den Umschlag auf den Sarg fallen. Zeichnete ein Kreuz in die Luft und entfernte sich vom Grab.


In dem Umschlag war ein Gedicht, das er für Þórhildur geschrieben und ihr am Morgen des ersten Sommertags als Geschenk gebracht hatte. Sie hatte sich so gefreut, dass man hätte glauben können, die Welt habe noch nie derartige Poesie gesehen. Sie hatten sich auf den Sommer gefreut und beschlossen, endlich die lang geplante Wanderung in Hornstrandir zu machen, solange die Nächte noch hell waren.


Es war das erste Gedicht, das er jemals verfasst hatte, und das letzte.


Bei der anschließenden Feier drückte er unzählige Hände von Menschen, die ihr Beileid bekundeten, auch wenn die Trauer, die seine Existenz ausfüllte, dem Beileid den Zutritt zu seinem Herzen verweigerte.


Randver und Hinrik waren immer in Sicht, wenn er sich umblickte. Sie beobachteten ihn wie Leibwächter.


Die Chefsekretärin der Polizei, eine Frau in den Vierzigern, mit der er eigentlich nie gesprochen hatte, ergriff seine Hand und sagte: »Mein herzliches Beileid.«


»Ich danke dir.«


Die Frau blieb stehen und hielt seine Hand fest, als wolle sie noch etwas sagen, und fügte dann rasch hinzu: »Ja, und dann bedaure ich natürlich diesen Fehler, den ich gemacht habe.«


Fehler? Welchen Fehler meinte die Frau? Víkingur blickte Randver fragend an, der auszuweichen versuchte, aber nicht schnell genug war. »Du weißt, von welchem Fehler sie sprach?«


»Sie meinte wahrscheinlich die Anzeige, die heute in den Zeitungen erschienen ist. Deine Stelle ist heute ausgeschrieben worden«, antwortete Randver mit gequältem Blick.


»Warum bedauert sie das? Als würde es irgendeine Rolle spielen.« Unzählige ausgestreckte Hände. Unzählige Gesichter, die zusammenflossen in einen einzigen ernsten, angespannten Mitleidsausdruck. Verwandte, Freunde, Kollegen. Menschen, von denen er nicht wusste, dass er sie kannte. Menschen, die er noch nie gesehen hatte. Was waren das für Menschen? Vielleicht kannte Þórhildur sie.


Zu spät, um sie zu fragen.


Danke dir, danke dir.


Eine Gruppe Geister, die einer anderen Welt angehörten als er. Nimmt dieser Tag kein Ende?


*****


Es war Brynjar, der zu ihm kam. Natürlich hätte es andersherum sein müssen.


Man sah Brynjar nicht an, dass er sich gerade von der Mutter seines Kindes und seinem einzigen Sohn verabschiedet hatte. Er lächelte und begrüßte ihn mit beiden Händen. Er war offenbar bis in die Fingerspitzen ein Partylöwe, und trotz des traurigen Anlasses dieser Begegnung gelang es ihm, alle, die er begrüßte, spüren zu lassen, dass die Nähe jedes Einzelnen in seiner Erinnerung fortleben und ihm Kraft gegen die Trauer spenden würde.


Brynjar drückte Víkingur fest die Hand und umarmte ihn anschließend. Víkingur war erstaunt, als er feststellte, dass es ihm nicht missfiel. In dem Moment, wo er Brynjar umfasste und spürte, wie dürr und schwach er war, wurde ihm klar, dass der Mann kurz vor der Verzweiflung stand, ungeachtet seines aufgeräumten Auftretens.


»Ich weiß nicht, was ich sagen soll«, sagte Víkingur.


»Außer, dass ich dir mein herzliches Beileid aussprechen möchte.« »Ich danke dir. Gleichfalls«, sagte Brynjar.


Man konnte nicht behaupten, dass sie sich gut kannten, aber in den vergangenen Monaten hatte Þórhildur ihren früheren Ehemann wegen Magnús ein paarmal kontaktiert.


Brynjar war zweimal zu ihnen nach Hause in die Mjóstræti gekommen und hatte sich dagegen ausgesprochen, dass Þórhildur öffentlich nach dem Jungen suchen lassen wollte.   

 


»Er ist volljährig, der Junge, und er entscheidet selbst, ob er sich bei seinen Eltern melden will oder nicht«, sagte Brynjar. »Du standest doch damals auch nicht in ununterbrochenem Kontakt zu deinen Eltern.«


Víkingur fand den Gedanken, dass Þórhildur und dieser Mann einmal verheiratet gewesen waren und eine gemeinsame Vergangenheit hatten, jedes Mal aufs Neue seltsam. Brynjar teilte Víkingur ungefragt mit, dass er wegen seines Drogenkonsums arbeitsunfähig sei und sich in einem sogenannten Substitutionsprogramm befände, was bedeute, dass er nach Bedarf Methadon bekäme.


Þórhildur sagte ihm, dass Brynjar sein Einkommen aufbesserte, indem er Groschenromane aus dem Englischen für irgendeinen kleinen Verlag übersetzte, der damit einverstanden war, den Übersetzungslohn nicht beim Finanzamt anzugeben, um das Sozialamt nicht durcheinanderzubringen. Darüber hinaus pflege er normalerweise Beziehungen zu alleinstehenden Frauen, solange deren Finanzen es zuließen.


Ursprünglich hatte Víkingur es verlockend gefunden, das ganze Unglück auf diesen Mann, der als Ehemann und Vater vollkommen versagt hatte, zurückzuführen.


Þórhildur merkte schnell, woher der Wind wehte, und nahm sich Víkingur zur Brust. »Niemand will bewusst vor die Hunde gehen und Brynjar hatte das bestimmt auch nicht vor. Dass ich anfing, zu trinken und zu dopen, war nicht seine Schuld.


Ich habe mir einen Mann gesucht, von dem ich fand, dass er sich so amüsieren konnte, wie ich es auch wollte. Ich war genauso versessen auf den Rausch wie er, und es ist nicht mein Verdienst, dass ich davon losgekommen bin und er nicht.«


»Wenn doch die Misere deine eigene Schuld war, warum kannst du dir dann nicht auch selbst danken, dass du den Charakter gehabt hast, aufzuhören?«


»Das hat mit Charakter nichts zu tun«, sagte Þórhildur. »Niemand weiß, wie jemand es schafft, von der Sucht loszukommen. Dasselbe gilt dafür, wie Menschen süchtig werden. Manche sind von Anfang an dem Alkohol verfallen, andere werden es peu a peu. Genauso ist es mit dem Ende des Konsums. Manchen genügt es, den Job zu verlieren. Andere verlieren eine Familie nach der anderen. Manche sinken so tief, dass sie nie wieder auftauchen. Man kann Brynjar genauso wenig wie anderen Kranken die Schuld daran geben, dass er krank geworden ist. Und er ist sehr krank.«


»Kann es nicht sein, dass Abhängigkeit ansteckend ist?«, fragte Víkingur.


Þórhildur lachte. »Jetzt verstehe ich, worauf du hinauswillst. Der Polizist sucht irgendeinen Schuldigen. Das Problem ist nur, dass Abhängigkeit eine Krankheit und keine Straftat ist. Versuch, das ein für alle Mal in deinen Kopf zu bekommen.«


Es dauerte eine Weile, bis Víkingur seine Einstellung geändert hatte ­ und vielleicht war es ihm nicht vollständig gelungen. Als er Brynjar auf der Beerdigung begegnete, verspürte Víkingur Mitgefühl mit diesem Mann, der strahlend lächelte, aber dessen Augen wie die eines verletzten Tieres waren, das einen Fluchtweg sucht, aber keinen findet.


»Der Pfarrer hat gut gesprochen«, sagte Brynjar.


»Ja. Sehr gut«, bestätigte Víkingur.


»Jedenfalls hat mir das jemand gesagt«, fuhr Brynjar fort. »Ich selbst war in weiter Ferne und habe nichts davon mitbekommen, was der Pfarrer gesagt hat.«


»Das ging mir genauso. Ich war auch weit weg.«


»Seltsam, dass es vorbei sein soll.«


»Ich bin eigentlich ganz froh darüber, auch wenn ich nicht weiß, was als Nächstes kommt«, sagte Víkingur.


»Ich meinte eigentlich nicht das Begräbnis«, erwiderte Brynjar. »Es ist nicht wichtig.«


»Entschuldige, was meintest du?«


»Magnús und Þórhildur. Dass sie von uns gegangen sind. Jedenfalls Magnús, meine ich. Es ist nicht so, dass ich viel von Þórhildur mitbekommen hätte. Eigentlich von Magnús auch nicht. In letzter Zeit. Wenn man es genau nimmt. Und dann ist man selbst quicklebendig, obwohl ich schon seit langer Zeit tot sein sollte. Kaffee und Zigaretten sind wohl das Gesündeste, was ich zu mir nehme. Sagte Magnús. Er wusste, wie ich bin. Þórhildur auch. Jetzt kennt mich niemand mehr.«


»Es sind viele gute Leute hier um uns herum«, sagte Víkingur und wunderte über sich selbst. Wollte er diesem Mann Mut zusprechen, der in gewisser Weise ein ungebetener Gast in seinem Leben war?              


»Ja, das weiß ich«, sagte Brynjar. »Daran mangelt es nicht. Ich weiß nicht einmal, wer diese Beerdigung organisiert hat. Das ist wahrscheinlich alles an dir hängen geblieben. Das wollte ich nicht. Ich wollte immer Kontakt aufnehmen, aber ich habe es irgendwie nie geschafft ­ aber was die Kosten betrifft, will ich meinen Teil dazu beisteuern ­ für Magnús ­, das ist das Mindeste, was ich tun kann.«


»Mach dir darüber keine Sorgen«, sagte Víkingur. »Ich hatte eigentlich nicht mehr damit zu tun, als darum zu bitten, dass keine Orgel gespielt wird.«


»Ach so? Warum hast du das getan?«


»Wegen Þórhildur. Sie konnte Orgelmusik nicht leiden ...«


»Ach so?«, wiederholte Brynjar. »Seit wann konnte sie Orgel nicht leiden?«


Víkingur freute sich im Stillen, dass Brynjar keine Ahnung von Þórhildurs Aversion gegen dieses großartige Instrument hatte.


»Das weiß ich nicht. Jedenfalls seit wir uns kennen.«


»So verändern sich die Menschen«, sagte Brynjar.


»Aber es ist mein Ernst. Ich möchte die Hälfte der Beerdigungskosten übernehmen. Definitiv.«


»Wir reden später darüber«, sagte Víkingur. »Wir wollen uns jetzt nicht darum kümmern.«


Brynjar hörte auf zu lächeln und nahm einen ernsten Gesichtsausdruck an. Er senkte die Stimme, sodass Víkingur sich vorlehnen musste, um zu hören, was er sagte.


»Ich will das so schnell wie möglich abschließen, solange ich Geld in den Händen habe. Man weiß ja nie, wie lange es mir erhalten bleibt. Ich möchte abrechnen, bevor es verschwindet.«


»Das macht nichts«, sagte Víkingur. »Es ist nicht wichtig.«


»Doch. Es ist sehr wohl wichtig. Magnús hat mir dieses Geld gegeben. Er kam zu mir, vor etwas mehr als drei Monaten, mit den Taschen voller Geld und bat mich, es für ihn aufzubewahren. Seither habe ich ihn nicht mehr gesehen. Das Geld habe ich nicht angefasst. Noch nicht.


Das Mindeste, was ich tun kann, ist, die Beerdigung mit diesem Geld zu bezahlen. Magnús war kein Trottel. Er hätte in Geld waten können.«


»War es viel Geld?«


Brynjar sah sich um, als wolle er sichergehen, dass niemand sie belauschte. Dann flüsterte er so leise, dass Víkingur die Antwort von seinen Lippen ablesen musste.


»Vier Millionen.«


»Wie bitte?«


»Ja, er kam zu mir und war sehr aufgeregt. Sagte, er habe seine Behandlung gerade hinter sich und alle Drogenschulden beglichen. Er sagte, er sei mit einem Mädchen verlobt und dieses Geld sollte die erste Rate für eine Wohnung für die beiden sein.«


»Und dann?«


»Dann fragte er, ob ich nicht mal den Arsch hochkriegen wolle, um meine Angelegenheiten in den Griff zu kriegen, und ich sagte ihm, wie es war ­ dass es ihn nichts anginge. Ich fand das gut von ihm. Vier Millionen.


Nur schade, dass ich Þórhildur nichts davon gesagt habe.


Sie hätte es verdient gehabt, wenigstens ein Mal auf den Jungen stolz zu sein.«


Víkingur war nicht sicher, ob Þórhildur auf diese unerwarteten finanziellen Mittel ihres Sohnes stolz gewesen wäre. Er hatte den Verdacht, dass ihr Kredit dabei eine Rolle gespielt hatte. Gegenüber Brynjar ließ er sich nichts anmerken.


»Dieses Mädchen, mit dem er verlobt gewesen sein soll, kannst du mir etwas über sie sagen?«


»Gar nichts«, erwiderte Brynjar. »Er hat ihren Namen nicht genannt und ich habe versäumt zu fragen. Doch er sagte, sie wäre vom Land, Bauernprinzessin nannte er sie.«


»Du weißt nicht, wie sie sich kennengelernt haben?«


»Ich fragte, ob sie sich während der Behandlung kennengelernt hätten. In der Regel sind es nämlich keine glückverheißenden Beziehungen, die so beginnen. Sie lernten sich wohl in der Entzugsklinik Vogur kennen.


Magnús nahm an einer Reha-Maßnahme teil, aber sie nicht. Ich fragte ihn, ob sie dann nicht einen ernsthaften Entzug machen müsse. Er sagte, das sei in Planung.«


»In Planung?«


»Ja.«


»Was meinte er damit?«


»Das weiß ich nicht. Ich habe es so aufgefasst, dass sie einen Entzug machen wollte. Das war alles. Er gab mir das Geld und bat mich, es sorgsam aufzubewahren und ihm vor allem keine einzige Krone zu geben, wenn er wieder etwas nehmen sollte. Keinen gottverdammten Cent, sagte er. Das war das letzte Mal, dass ich ihn sah.«


»Aber warum ...?« Bevor Víkingur sich zurückhalten konnte, hatte er die Frage schon gestellt. Diese beleidigende Frage.


Brynjar lächelte.


»Warum er gerade mir das Geld gab? Ist doch ganz normal, dass du fragst. Ich bin nicht bekannt dafür, den Leuten ihr Geld zu verzinsen. Er sagte einfach, dass er es mir anvertrauen wolle, und was hätte ich da antworten sollen? Dass ich mir nicht einmal selbst vertraue? Natürlich habe ich es für ihn getan. Was tut man nicht für seine Kinder?«