Víkingur maß die vergehende Zeit, indem er sein Gesicht betastete.
Eine Rasur reichte für zwei Tage und zwei Nächte. Die Dunkelheit
hatte Sommerferien und die Nächte waren in Tageslicht
gebadet.
Er ging nicht ans Telefon und nicht zur Tür, außer wenn er Randver
oder Hinrik erwartete. Randver kam mindestens zweimal am Tag,
manchmal öfter. Hinrik kam in der Mittagspause oder morgens zu der
Zeit, zu der sie sich normalerweise im Fitnessstudio getroffen
hatten.
Hinrik war sein ältester Freund. Ein Psychiater.
»Ich wähle die Wissenschaft, du den Glauben«, sagte er, als ihre
Wege sich nach dem bestandenen Abitur trennten, und schrieb sich an
der medizinischen Fakultät ein, während Víkingur sich für die
Theologie entschied. Beides war jetzt wenig nützlich, der Glaube
und die Wissenschaft. Der Glaube war aus seinem Leben verschwunden.
Er war so lange glücklich gewesen, dass er aufgehört hatte, an Gott
zu glauben, und die Depressionen hielt Hinrik mit Medikamenten in
Schach.
Víkingur wusste, dass der Glaube mit dem Beten kommt, aber er
konnte sich nicht aufraffen, es zu versuchen. Er genierte sich,
wahrscheinlich vor sich selbst, und konnte sich nicht dazu
durchringen, um die Gnade zu bitten, die er vormals so
erstrebenswert gefunden hatte. Und dann war er auch wütend auf
Gott, dass er ihm Þórhildur weggenommen hatte und weil Gott nicht
existierte, war er gerade deswegen wütend auf ihn.
Ansonsten spielte die Existenz Gottes für ihn keine Rolle. Auch
wenn Gott existierte und wenn er Víkingur gnädig gesonnen wäre,
könnte er ihm nicht das Einzige gewähren, um das er hätte bitten
wollen. Er spürte, wie die Depression vorrückte. Seine Gedanken
wehten unkontrolliert von hier nach da oder wirbelten im perfekten
Chaos umher. Dazwischen legte sich der Sturm und hinterließ ihn in
endloser Stille und Leere, und er hörte Randver nicht, der mit ihm
sprach. Schaute ihn verständnislos an, als wäre er von einem
anderen Stern.
»Du musst etwas essen«, sagte Randver. »Du darfst nicht aufgeben.
Es ist schmerzhaft, aber der Schmerz klingt mit der Zeit ab. Alles
hat ein Ende.«
Randver hatte recht. Alles nimmt ein Ende, und jetzt war sein Leben
zuende. Ohne dass er etwas dagegen tun konnte, war sein Leben aus
der Spur geraten.
Ein junger Mann hatte die Kontrolle über sein Leben verloren und
seine Mutter mit sich in den Tod gerissen, und Víkingur blieb
zurück, saß auf dem Rand des Steilhangs, seelisch verwundet und
körperlich betäubt. »Was ist das eigentlich, diese schreckliche
Sucht?«, fragte er seinen besten Freund.
Hinrik versuchte zu antworten: »Alkoholismus ist die Art
Abhängigkeit, die am längsten und häufigsten untersucht worden
ist«, sagte er.
»Sie wird definiert als körperliche, seelische und soziale
Krankheit oder Störung. Körperlich ist die Abhängigkeit, weil sie
mit bestimmten chemischen Reaktionen zu tun hat, seelisch, weil sie
zu unseren psychologischen und psychiatrischen Untersuchungen
gehört, und sozial, weil sehr viele der Meinung sind, dass unsere
Gesellschaftsform daran beteiligt ist, eine Sucht
auszulösen.
Ob Abhängigkeit eine Krankheit ist, das ist immer noch ein
Zankapfel der Wissenschaftler. Wenngleich die Definition als
Krankheit Unzähligen zur Genesung verholfen hat, kommt es mehr und
mehr in Mode, das Wort Störung anstelle von Krankheit zu
verwenden.«
»Warum beschäftigen sich Wissenschaftler mit solchen Wortspielen,
während die Sucht die Menschen um sie herum einen nach dem anderen
umbringt?«
Hinrik freute sich, dass Víkingur überhaupt reagierte.
»Abhängigkeit kann so viele Erscheinungsbilder haben. Abhängigkeit
von irgendwelchen berauschenden Mitteln wie Alkohol oder Drogen ist
allseits bekannt.
Ein Leitsymptom der Sucht ist unkontrolliertes Verhalten. Im Leben
eines Süchtigen wird die Abhängigkeit der Mittelpunkt, um den sich
alles dreht, aber es gibt weit mehr als Abhängigkeit von bestimmten
Substanzen, was Kontrollverlust und zwanghaftes Verhalten
hervorrufen kann. Wenn wir uns umschauen, sehen wir Menschen, die
von Glücksspielsucht, Esssucht, Anorexie, Bulimie, Abenteuersucht,
Kaufsucht, Arbeitssucht, Hypersomnie, Verschwendungssucht, Sexsucht
oder religiösem bzw. atheistischem Fanatismus geplagt sind. Niemand
kann genau unterscheiden, wo die Störung endet und die Krankheit
beginnt.«
Víkingur schwieg.
»Nicht nur die Wissenschaftler sind hier uneins«, fuhr Hinrik fort.
»Sehr viele Menschen haben ganz falsche Vorstellungen von
Abhängigkeit. Manche glauben, sie sei ein Zeichen von
Willensschwäche oder sogar mangelnder Intelligenz. Ganz im
Gegenteil weist vieles darauf hin, dass Süchtige sowohl über mehr
Willenskraft als auch über mehr Intelligenz als der Durchschnitt
verfügen. Merkwürdig. Und noch merkwürdiger ist es, dass Sucht
wirklich die einzige Krankheit der Welt ist, die der Patient selbst
begreifen muss, um eine Chance auf Genesung zu haben, obwohl unser
Verständnis von Abhängigkeit ja sehr gering ist. Daraus folgt, dass
die Aussichten auf Genesung ebenfalls gering sind.«
Hinrik sah, dass es Víkingur schwerfiel, aufmerksam zuzuhören, und
entschloss sich deshalb, die Sache direkt anzusprechen.
»Weißt du«, sagte er, »wo Abhängigkeit ist, findet man auch eine
andere Störung, die fast genauso schwerwiegend ist. Weißt du, von
welcher Störung ich spreche?«
Víkingur schüttelte den Kopf.
»Co-Abhängigkeit. Was ist das erste Wort, das dir einfällt, wenn
ich Co-Abhängigkeit sage?«
Eine geraume Zeit verging, ehe Víkingur antwortete: »Mir fällt
nichts Besonderes ein.«
»Denk ein bisschen genauer nach. Co-Abhängigkeit.
Welches Wort fällt dir als Erstes ein?«
»Unterordnung?«
»Ich habe mir schon gedacht, dass du etwas in die Richtung sagen
würdest. Früher wurde der Begriff CoAbhängigkeit eigentlich
ausschließlich für die Angehörigen von Alkohol- bzw.
Drogenkonsumenten verwendet und bedeutete, dass der Co-Abhängige
sich zum Teil selbst für das Verhalten des Süchtigen verantwortlich
machte und alles tat, um ihn friedlich zu stimmen. Die Definition
ist heute viel weiter gefasst. Das erste Symptom ist nicht
Unterordnung, sondern Herrschsucht. Seltsam, aber Co-Abhängigkeit
zeigt sich oft im starken Bedürfnis, seine nächste Umgebung, seinen
Partner, Kinder, und Kollegen zu kontrollieren. Co-Abhängigkeit ist
es, wenn man glaubt, für alles Mögliche verantwortlich zu sein.
Kennst du das?«
»Ich bin nicht co-abhängig«, sagte Víkingur. »Þórhildur war nur
während eines ganz kleinen Teils unserer Beziehung süchtig, einige
Wochen höchstens.«
»Co-Abhängige sind in der Regel vollkommen blind für alle Anzeichen
von Co-Abhängigkeit, wenngleich die meisten anderen sie klar
erkennen können.«
Víkingur zuckte mit den Schultern.
»Was für eine Milchmädchenrechnung ist das denn?
Auf dieselbe Art und Weise könnte man alle, die sich für gesund
halten, als Kranke definieren.«
»Nein«, sagte Hinrik. »Verleugnung ist in erster Linie ein Zeichen
für Abhängigkeit und Co-Abhängigkeit. Ein Mann mit
Blinddarmentzündung wird nicht wütend, wenn er gefragt wird, ob ihm
der Bauch wehtut.«
»Ich bin nicht wütend.«
»Gut.«
»Und ich bin nicht co-abhängig.«
»Du bist immer noch derselbe Dickkopf.«
»Also«, sagte Víkingur. »Was sagte der Teufel noch mal, als er
seine Großmutter traf?«
»Dass sie co-abhängig sei?«, fragte Hinrik und begann zu lachen.
»Nein, das traute er sich nicht zu sagen. Er wusste, dass die alte
Frau immer ausflippte, wenn er die Wahrheit sagte.«
Víkingur lächelte.
»Warum sprichst du das an?«
»Weil ich dich dazu bekommen möchte, mit mir zu
sprechen.«
»Ja, entschuldige. Ich bin im Moment einfach nicht so richtig in
Plauderstimmung.«
»Ich habe mich vielleicht umständlich ausgedrückt«, sagte Hinrik.
»Ob man co-abhängig ist oder nicht, kommt vielleicht aufs Gleiche
heraus, aber man muss akzeptieren, dass es für alles bestimmte
Grenzen gibt.«
»Zitiert der Doktor da das Gelassenheitsgebot?«
»Wie meinst du das?«
»Dass man sich mit dem abfinden soll, was man selbst nicht
verändern kann.«
»Mit sich selbst im Reinen zu sein und von sich selbst nicht zu
viel zu erwarten, ist sehr wichtig. Man muss das loslassen können,
was man nicht festhalten kann.«
»Das ist völlig richtig«, sagte Víkingur. »Man kann ja die meisten
Dinge akzeptieren. Man lernt, sich mit seinen Fehlern und sogar den
Fehlern anderer zu arrangieren.
Trotzdem glaube ich, dass es schwer ist, es von ganzem Herzen
gutzuheißen, wenn einem alles genommen wird.«
Die Trauer erfüllte den Raum.
Hinrik schwieg geraume Zeit und stand dann auf und legte die Hand
auf die Schulter seines Freundes.
»Ich schaue vielleicht heute Abend noch mal bei dir vorbei«, sagte
er.
»Nein, mach dir keine Umstände«, sagte Víkingur.
»Du hast dich schon genug um mich gekümmert. Ich danke dir dafür.«
»Ich kann dir auf jeden Fall etwas mitbringen, damit du schlafen
kannst«, sagte Hinrik. »Das macht mir nichts aus.«
»Mit mir ist alles in Ordnung«, sagte Víkingur. »Mach dir keine
Sorgen. Schau einfach morgen mal vorbei, wenn du mit der Arbeit
fertig bist, falls du Zeit hast.«
»Abgemacht«, sagte Hinrik. »Aber du musst auch an deine Ernährung
denken.«
»Mach ich«, sagte Víkingur und stand auf.
Hinrik hielt im Flur inne und wandte sich Víkingur zu.
»Ich weiß, dass es schwer ist, darüber zu sprechen, was du
durchmachst. Ich möchte nur, dass du weißt, dass ich bereit bin,
dir zuzuhören, sobald du etwas erzählen möchtest. Bis dahin wird es
eine schwere Zeit für dich.
Kannst du nicht wenigstens mit Gott sprechen, bis du so weit
bist?«
»Gott ist leider tot«, sagte Víkingur.
»Jetzt überraschst du mich«, sagte Hinrik. »Ich dachte, die
Theologen zitieren nicht gern Nietzsche.«
»Ich habe überhaupt niemanden zitiert. Ich habe ihn
getötet.«
Hinrik schwieg. Er glaubte zu wissen, was Víkingur
meinte.
Sie waren Freunde.
*****
Die Tage vergingen wie im Nebel.
Bis zur letzten Minute spielte Víkingur mit dem Gedanken, nicht zur
Beerdigung zu gehen. Es überstieg seine Kraft, sich von Þórhildur
verabschieden zu müssen, und die Vorstellung, von Menschen umgeben
zu sein, erfüllte ihn mit Entsetzen, aber jetzt saß er auf der
vordersten Bank in der Kirche und blickte auf zwei weiße
Särge.
Þórhildur.
Magnús.
Er versuchte, seine Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken, und
bemerkte dann, dass er der Einzige in der Kirche war, der noch
stand. Alle anderen hatten sich nach einem Hinweis des Pfarrers
gesetzt, nachdem er aus der Bibel gelesen hatte:
Die Könige der Erde
lehnen sich auf, und die Herren ratschlagen miteinander wider den
Herrn und seinen Gesalbten: »Lasset uns zerreißen ihre Bande und
von uns werfen ihre Seile!« Aber der im Himmel wohnt, lacht ihrer,
und der Herr spottet
ihrer.
Verstört setzte er sich, ohne ein einziges Wort verstanden zu haben, und war der Letzte, der beim nächsten Hinweis wieder aufstand.
Wahrlich,
wahrlich ich sage euch: Wer an mich glaubt, der hat das ewige
Leben. Ich bin das Brot des Lebens.
Eure Väter haben Manna gegessen in der Wüste und sind gestorben.
Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, auf dass, wer davon isset,
nicht sterbe. Ich bin das lebendige Brot, vom Himmel gekommen. Wer
von diesem Brot essen wird, der wird leben in Ewigkeit. Und das
Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, welches ich geben
werde für das Leben der Welt. Er konzentrierte sich darauf, an
Þórhildur zu denken, die gegangen war, und daran, dass sich in den
Särgen nur ihre irdischen Überreste befanden, verlor aber bei den
Worten »irdische Überreste« sofort die Kontrolle über seine
Gedanken, so als wäre das Irdische nur eine Art Restsumme, die im
Vergleich zur fremdartigen Hoheit des Himmels keine Rolle spielte.
Wenn er mit einem Wort hätte ausdrücken müssen, warum er Þórhildur
geliebt hatte, wäre dem Wort »irdisch« sicher eine Hauptrolle
zugefallen. Sie war irdisch, lebte im Jetzt bis das Unglück
seinen Lauf nahm und schaffte es, alle Dinge zu umfassen und sie
in ihrer weichen Hand zu halten, während seine Gedanken in den
Wolken schweiften und zwischen vergangenen und kommenden Dingen vor
und zurück pendelten, bis Þórhildur ihn wieder zurück zu sich auf
die Erde zog.
Irdische Liebe, dachte er. Die irdischen Überreste der Liebe in
einem weißen Sarg. Wie kann die Liebe irdische Überreste
hinterlassen? Dann fiel ihm auf, dass er begonnen hatte, sich mit
sich selbst über die Bedeutung eines Wortes auseinanderzusetzen,
das für ihn keine Bedeutung mehr hatte. Er war hierhergekommen, um
Þórhildur und Magnús zu verabschieden, Magnús vielleicht zum
letzten Mal. Þórhildur würde er niemals endgültig verabschieden
können.
Und ganz plötzlich stand er auf dem Friedhof und betrachtete einen
weißen Sarg, der in einem schmalen Grab versank. Þórhildur liegt in
dem Sarg, dachte er voller Entsetzen. Sie ist nicht tot. Du musst
sie retten.
Alle Augen ruhten auf ihm, und er ging zum Grab und blieb an seinem
Rand stehen.
Er stand still und hoffte, dass dieser Augenblick nie vergehen
möge. Dann tastete er in seiner Tasche nach einem weißen Umschlag,
beugte sich herab und ließ den Umschlag auf den Sarg fallen.
Zeichnete ein Kreuz in die Luft und entfernte sich vom
Grab.
In dem Umschlag war ein Gedicht, das er für Þórhildur geschrieben
und ihr am Morgen des ersten Sommertags als Geschenk gebracht
hatte. Sie hatte sich so gefreut, dass man hätte glauben können,
die Welt habe noch nie derartige Poesie gesehen. Sie hatten sich
auf den Sommer gefreut und beschlossen, endlich die lang geplante
Wanderung in Hornstrandir zu machen, solange die Nächte noch hell
waren.
Es war das erste Gedicht, das er jemals verfasst hatte, und das
letzte.
Bei der anschließenden Feier drückte er unzählige Hände von
Menschen, die ihr Beileid bekundeten, auch wenn die Trauer, die
seine Existenz ausfüllte, dem Beileid den Zutritt zu seinem Herzen
verweigerte.
Randver und Hinrik waren immer in Sicht, wenn er sich umblickte.
Sie beobachteten ihn wie Leibwächter.
Die Chefsekretärin der Polizei, eine Frau in den Vierzigern, mit
der er eigentlich nie gesprochen hatte, ergriff seine Hand und
sagte: »Mein herzliches Beileid.«
»Ich danke dir.«
Die Frau blieb stehen und hielt seine Hand fest, als wolle sie noch
etwas sagen, und fügte dann rasch hinzu: »Ja, und dann bedaure ich
natürlich diesen Fehler, den ich gemacht habe.«
Fehler? Welchen Fehler meinte die Frau? Víkingur blickte Randver
fragend an, der auszuweichen versuchte, aber nicht schnell genug
war. »Du weißt, von welchem Fehler sie sprach?«
»Sie meinte wahrscheinlich die Anzeige, die heute in den Zeitungen
erschienen ist. Deine Stelle ist heute ausgeschrieben worden«,
antwortete Randver mit gequältem Blick.
»Warum bedauert sie das? Als würde es irgendeine Rolle spielen.«
Unzählige ausgestreckte Hände. Unzählige Gesichter, die
zusammenflossen in einen einzigen ernsten, angespannten
Mitleidsausdruck. Verwandte, Freunde, Kollegen. Menschen, von denen
er nicht wusste, dass er sie kannte. Menschen, die er noch nie
gesehen hatte. Was waren das für Menschen? Vielleicht kannte
Þórhildur sie.
Zu spät, um sie zu fragen.
Danke dir, danke dir.
Eine Gruppe Geister, die einer anderen Welt angehörten als er.
Nimmt dieser Tag kein Ende?
*****
Es war Brynjar, der zu ihm kam. Natürlich hätte es andersherum sein
müssen.
Man sah Brynjar nicht an, dass er sich gerade von der Mutter seines
Kindes und seinem einzigen Sohn verabschiedet hatte. Er lächelte
und begrüßte ihn mit beiden Händen. Er war offenbar bis in die
Fingerspitzen ein Partylöwe, und trotz des traurigen Anlasses
dieser Begegnung gelang es ihm, alle, die er begrüßte, spüren zu
lassen, dass die Nähe jedes Einzelnen in seiner Erinnerung
fortleben und ihm Kraft gegen die Trauer spenden würde.
Brynjar drückte Víkingur fest die Hand und umarmte ihn
anschließend. Víkingur war erstaunt, als er feststellte, dass es
ihm nicht missfiel. In dem Moment, wo er Brynjar umfasste und
spürte, wie dürr und schwach er war, wurde ihm klar, dass der Mann
kurz vor der Verzweiflung stand, ungeachtet seines aufgeräumten
Auftretens.
»Ich weiß nicht, was ich sagen soll«, sagte Víkingur.
»Außer, dass ich dir mein herzliches Beileid aussprechen möchte.«
»Ich danke dir. Gleichfalls«, sagte Brynjar.
Man konnte nicht behaupten, dass sie sich gut kannten, aber in den
vergangenen Monaten hatte Þórhildur ihren früheren Ehemann wegen
Magnús ein paarmal kontaktiert.
Brynjar war zweimal zu ihnen nach Hause in die Mjóstræti gekommen
und hatte sich dagegen ausgesprochen, dass Þórhildur öffentlich
nach dem Jungen suchen lassen wollte.
»Er ist volljährig, der Junge, und er entscheidet selbst, ob er
sich bei seinen Eltern melden will oder nicht«, sagte Brynjar. »Du
standest doch damals auch nicht in ununterbrochenem Kontakt zu
deinen Eltern.«
Víkingur fand den Gedanken, dass Þórhildur und dieser Mann einmal
verheiratet gewesen waren und eine gemeinsame Vergangenheit hatten,
jedes Mal aufs Neue seltsam. Brynjar teilte Víkingur ungefragt mit,
dass er wegen seines Drogenkonsums arbeitsunfähig sei und sich in
einem sogenannten Substitutionsprogramm befände, was bedeute, dass
er nach Bedarf Methadon bekäme.
Þórhildur sagte ihm, dass Brynjar sein Einkommen aufbesserte, indem
er Groschenromane aus dem Englischen für irgendeinen kleinen Verlag
übersetzte, der damit einverstanden war, den Übersetzungslohn nicht
beim Finanzamt anzugeben, um das Sozialamt nicht
durcheinanderzubringen. Darüber hinaus pflege er normalerweise
Beziehungen zu alleinstehenden Frauen, solange deren Finanzen es
zuließen.
Ursprünglich hatte Víkingur es verlockend gefunden, das ganze
Unglück auf diesen Mann, der als Ehemann und Vater vollkommen
versagt hatte, zurückzuführen.
Þórhildur merkte schnell, woher der Wind wehte, und nahm sich
Víkingur zur Brust. »Niemand will bewusst vor die Hunde gehen und
Brynjar hatte das bestimmt auch nicht vor. Dass ich anfing, zu
trinken und zu dopen, war nicht seine Schuld.
Ich habe mir einen Mann gesucht, von dem ich fand, dass er sich so
amüsieren konnte, wie ich es auch wollte. Ich war genauso versessen
auf den Rausch wie er, und es ist nicht mein Verdienst, dass ich
davon losgekommen bin und er nicht.«
»Wenn doch die Misere deine eigene Schuld war, warum kannst du dir
dann nicht auch selbst danken, dass du den Charakter gehabt hast,
aufzuhören?«
»Das hat mit Charakter nichts zu tun«, sagte Þórhildur. »Niemand
weiß, wie jemand es schafft, von der Sucht loszukommen. Dasselbe
gilt dafür, wie Menschen süchtig werden. Manche sind von Anfang an
dem Alkohol verfallen, andere werden es peu a peu. Genauso ist es
mit dem Ende des Konsums. Manchen genügt es, den Job zu verlieren.
Andere verlieren eine Familie nach der anderen. Manche sinken so
tief, dass sie nie wieder auftauchen. Man kann Brynjar genauso
wenig wie anderen Kranken die Schuld daran geben, dass er krank
geworden ist. Und er ist sehr krank.«
»Kann es nicht sein, dass Abhängigkeit ansteckend ist?«, fragte
Víkingur.
Þórhildur lachte. »Jetzt verstehe ich, worauf du hinauswillst. Der
Polizist sucht irgendeinen Schuldigen. Das Problem ist nur, dass
Abhängigkeit eine Krankheit und keine Straftat ist. Versuch, das
ein für alle Mal in deinen Kopf zu bekommen.«
Es dauerte eine Weile, bis Víkingur seine Einstellung geändert
hatte und vielleicht war es ihm nicht vollständig gelungen. Als
er Brynjar auf der Beerdigung begegnete, verspürte Víkingur
Mitgefühl mit diesem Mann, der strahlend lächelte, aber dessen
Augen wie die eines verletzten Tieres waren, das einen Fluchtweg
sucht, aber keinen findet.
»Der Pfarrer hat gut gesprochen«, sagte Brynjar.
»Ja. Sehr gut«, bestätigte Víkingur.
»Jedenfalls hat mir das jemand gesagt«, fuhr Brynjar fort. »Ich
selbst war in weiter Ferne und habe nichts davon mitbekommen, was
der Pfarrer gesagt hat.«
»Das ging mir genauso. Ich war auch weit weg.«
»Seltsam, dass es vorbei sein soll.«
»Ich bin eigentlich ganz froh darüber, auch wenn ich nicht weiß,
was als Nächstes kommt«, sagte Víkingur.
»Ich meinte eigentlich nicht das Begräbnis«, erwiderte Brynjar. »Es
ist nicht wichtig.«
»Entschuldige, was meintest du?«
»Magnús und Þórhildur. Dass sie von uns gegangen sind. Jedenfalls
Magnús, meine ich. Es ist nicht so, dass ich viel von Þórhildur
mitbekommen hätte. Eigentlich von Magnús auch nicht. In letzter
Zeit. Wenn man es genau nimmt. Und dann ist man selbst
quicklebendig, obwohl ich schon seit langer Zeit tot sein sollte.
Kaffee und Zigaretten sind wohl das Gesündeste, was ich zu mir
nehme. Sagte Magnús. Er wusste, wie ich bin. Þórhildur auch. Jetzt
kennt mich niemand mehr.«
»Es sind viele gute Leute hier um uns herum«, sagte Víkingur und
wunderte über sich selbst. Wollte er diesem Mann Mut zusprechen,
der in gewisser Weise ein ungebetener Gast in seinem Leben war?
»Ja, das weiß ich«, sagte Brynjar. »Daran mangelt es nicht. Ich
weiß nicht einmal, wer diese Beerdigung organisiert hat. Das ist
wahrscheinlich alles an dir hängen geblieben. Das wollte ich nicht.
Ich wollte immer Kontakt aufnehmen, aber ich habe es irgendwie nie
geschafft aber was die Kosten betrifft, will ich meinen Teil dazu
beisteuern für Magnús , das ist das Mindeste, was ich tun
kann.«
»Mach dir darüber keine Sorgen«, sagte Víkingur. »Ich hatte
eigentlich nicht mehr damit zu tun, als darum zu bitten, dass keine
Orgel gespielt wird.«
»Ach so? Warum hast du das getan?«
»Wegen Þórhildur. Sie konnte Orgelmusik nicht leiden
...«
»Ach so?«, wiederholte Brynjar. »Seit wann konnte sie Orgel nicht
leiden?«
Víkingur freute sich im Stillen, dass Brynjar keine Ahnung von
Þórhildurs Aversion gegen dieses großartige Instrument
hatte.
»Das weiß ich nicht. Jedenfalls seit wir uns kennen.«
»So verändern sich die Menschen«, sagte Brynjar.
»Aber es ist mein Ernst. Ich möchte die Hälfte der
Beerdigungskosten übernehmen. Definitiv.«
»Wir reden später darüber«, sagte Víkingur. »Wir wollen uns jetzt
nicht darum kümmern.«
Brynjar hörte auf zu lächeln und nahm einen ernsten
Gesichtsausdruck an. Er senkte die Stimme, sodass Víkingur sich
vorlehnen musste, um zu hören, was er sagte.
»Ich will das so schnell wie möglich abschließen, solange ich Geld
in den Händen habe. Man weiß ja nie, wie lange es mir erhalten
bleibt. Ich möchte abrechnen, bevor es verschwindet.«
»Das macht nichts«, sagte Víkingur. »Es ist nicht
wichtig.«
»Doch. Es ist sehr wohl wichtig. Magnús hat mir dieses Geld
gegeben. Er kam zu mir, vor etwas mehr als drei Monaten, mit den
Taschen voller Geld und bat mich, es für ihn aufzubewahren. Seither
habe ich ihn nicht mehr gesehen. Das Geld habe ich nicht angefasst.
Noch nicht.
Das Mindeste, was ich tun kann, ist, die Beerdigung mit diesem Geld
zu bezahlen. Magnús war kein Trottel. Er hätte in Geld waten
können.«
»War es viel Geld?«
Brynjar sah sich um, als wolle er sichergehen, dass niemand sie
belauschte. Dann flüsterte er so leise, dass Víkingur die Antwort
von seinen Lippen ablesen musste.
»Vier Millionen.«
»Wie bitte?«
»Ja, er kam zu mir und war sehr aufgeregt. Sagte, er habe seine
Behandlung gerade hinter sich und alle Drogenschulden beglichen. Er
sagte, er sei mit einem Mädchen verlobt und dieses Geld sollte die
erste Rate für eine Wohnung für die beiden sein.«
»Und dann?«
»Dann fragte er, ob ich nicht mal den Arsch hochkriegen wolle, um
meine Angelegenheiten in den Griff zu kriegen, und ich sagte ihm,
wie es war dass es ihn nichts anginge. Ich fand das gut von ihm.
Vier Millionen.
Nur schade, dass ich Þórhildur nichts davon gesagt habe.
Sie hätte es verdient gehabt, wenigstens ein Mal auf den Jungen
stolz zu sein.«
Víkingur war nicht sicher, ob Þórhildur auf diese unerwarteten
finanziellen Mittel ihres Sohnes stolz gewesen wäre. Er hatte den
Verdacht, dass ihr Kredit dabei eine Rolle gespielt hatte.
Gegenüber Brynjar ließ er sich nichts anmerken.
»Dieses Mädchen, mit dem er verlobt gewesen sein soll, kannst du
mir etwas über sie sagen?«
»Gar nichts«, erwiderte Brynjar. »Er hat ihren Namen nicht genannt
und ich habe versäumt zu fragen. Doch er sagte, sie wäre vom Land,
Bauernprinzessin nannte er sie.«
»Du weißt nicht, wie sie sich kennengelernt haben?«
»Ich fragte, ob sie sich während der Behandlung kennengelernt
hätten. In der Regel sind es nämlich keine glückverheißenden
Beziehungen, die so beginnen. Sie lernten sich wohl in der
Entzugsklinik Vogur kennen.
Magnús nahm an einer Reha-Maßnahme teil, aber sie nicht. Ich fragte
ihn, ob sie dann nicht einen ernsthaften Entzug machen müsse. Er
sagte, das sei in Planung.«
»In Planung?«
»Ja.«
»Was meinte er damit?«
»Das weiß ich nicht. Ich habe es so aufgefasst, dass sie einen
Entzug machen wollte. Das war alles. Er gab mir das Geld und bat
mich, es sorgsam aufzubewahren und ihm vor allem keine einzige
Krone zu geben, wenn er wieder etwas nehmen sollte. Keinen
gottverdammten Cent, sagte er. Das war das letzte Mal, dass ich ihn
sah.«
»Aber warum ...?« Bevor Víkingur sich zurückhalten konnte, hatte er
die Frage schon gestellt. Diese beleidigende Frage.
Brynjar lächelte.
»Warum er gerade mir das Geld gab? Ist doch ganz normal, dass du
fragst. Ich bin nicht bekannt dafür, den Leuten ihr Geld zu
verzinsen. Er sagte einfach, dass er es mir anvertrauen wolle, und
was hätte ich da antworten sollen? Dass ich mir nicht einmal selbst
vertraue? Natürlich habe ich es für ihn getan. Was tut man nicht
für seine Kinder?«