Drei


Seine Intuition sagte van Turenhout, dass die Ehe von Þórhildur und Víkingur schwierig sei. Doch es war ganz im Gegenteil eine glückliche Ehe.


Die Þórhildur, die van Turenhout an diesem Tag beobachtet hatte, war nicht die Þórhildur, die Víkingur kannte. Kühl, schweigsam, gereizt, negativ, gestresst.


Wenn er seinen Arm um ihre Schultern oder ihre Taille legte, wich sie ihm aus. Wenn er etwas sagte, schwieg sie und tat so, als habe sie ihn nicht gehört, oder sie antwortete ihm einsilbig. Nie zuvor hatte er sich in ihrer Nähe überflüssig gefühlt. Jetzt war es, als habe sie einen Schutzwall um sich herum errichtet und ihren besten Freund ausgeschlossen.


Sie hatten frühmorgens den Zug nach Den Haag genommen und von Den Haag hatte van Turenhout sie zum Flughafen Schiphol gefahren, dann zum Hotel in A'dam bzw. Mokum, was, wie er ihnen erklärte, Kosenamen der Einwohner für ihre Stadt Amsterdam waren.   

 


Víkingur verkniff sich die Bemerkung: »Habe ich es dir nicht gesagt?«, als Þórhildur mit eigenen Augen sah, was sie beide schon vorher wussten, nämlich dass die menschlichen Überreste in Den Haag nicht von Magnús stammten.


Er wurde von Gewissensbissen geplagt, weil er es erträglicher gefunden hätte, wenn die Leiche des verlorenen Sohnes und Stiefsohnes aufgetaucht wäre. Bei dem Gedanken, dass die nagende Ungewissheit jetzt weiterginge, sank ihm der Mut. Möglicherweise spürte Þórhildur diese Gedanken.


Er schämte sich dafür. Natürlich waren die Gefühle von Þórhildur ihrem Sohn gegenüber ganz andere als seine. Magnús war Þórhildurs Sohn. Ihr Kind, das sie im Bauch getragen und neugeboren im Arm gehalten hatte, lange bevor Víkingur die Szene betrat.


In Wirklichkeit war Víkingur nur vom Namen her Stiefvater. Der Junge war bei Brynjar, seinem leiblichen Vater, aufgewachsen. Genauer gesagt, bis er dreizehn Jahre alt war, und danach bei sich selbst, auf der Straße.


Er hatte seiner Mutter klargemacht, dass es sie nichts angehe, wie er sein Leben lebte: »Du hast dich nicht um mich gekümmert, als ich klein war, also wieso sollte ich mich dann heute um dich kümmern?« Sie erreichten das Hotel um Viertel vor fünf. Als sie sich von van Turenhout verabschieden und ihm für die Begleitung danken wollten, sagte er: »Es kommt gar nicht in Frage, dass ihr Holland verlasst, ohne mit mir anständig Rijstaffel essen zu gehen.


Ich muss schließlich dafür sorgen, dass ihr nicht in irgendeine Touristenfalle geratet. Ich hole euch um sieben Uhr ab.«


Víkingur versuchte, zu widersprechen, aber van Turenhout wandte ein: »Ihr müsst doch ohnehin etwas essen, und wenn ihr euch mit mir gemeinsam einen Happen genehmigt, würdet ihr mir einen großen Gefallen tun. Seit meine Frau in irgendeiner Zeitschrift eine Methode fand, gesunde Menschen in unterernährte Knochengerüste zu verwandeln, werde ich zu Hause wie ein Mannequin ernährt.«


Diese zuvorkommende Einladung konnte man natürlich nicht ablehnen.


*****


Þórhildur sprach kein einziges Wort, als sie im Lift nach oben fuhren. Kaum waren sie im Hotelzimmer, sagte sie, sie wolle unter die Dusche, und Víkingur hörte, wie sie die Badezimmertür hinter sich verschloss. Das war neu.


»Wenn es dir nichts ausmacht, möchte ich mich hinlegen«, sagte sie, als sie im weißen Hotel-Bademantel aus dem Bad kam.


»Mach das ruhig, Liebling«, erwiderte Víkingur. »Ich will ein Bad nehmen und wecke dich dann, sodass du genug Zeit hast, dich für das Abendessen fertig zu machen.« »Die Einladung möchte ich nicht annehmen«, sagte sie. »Ich hätte nicht gedacht, dass du es überhaupt in Betracht ziehst, mit dem Mann essen zu gehen.«             


»Das hättest du vielleicht vorhin erwähnen sollen«, sagte Víkingur. »Ich kann keine Gedanken lesen.«  


»Ich dachte, du siehst, wie müde ich bin.«


»Ja, aber Liebling, du musst doch verstehen, dass das zu meiner Arbeit gehört. Ich konnte die Einladung nicht abschlagen. Es geht hier nicht um dich und mich, sondern um die Gastfreundschaft, die der isländischen Polizei entgegengebracht wird. Es wäre richtiggehend unhöflich von mir gewesen, abzulehnen.«


»Das verstehe ich«, sagte sie. »Aber dann dürfte dir auch klar sein, dass es nicht direkt zu meinem Aufgabengebiet gehört, im Namen der isländischen Polizei ins Restaurant zu gehen. Ich bin müde und würde die isländische Polizei nur blamieren, und das wollen wir doch nicht.«


»Meinst du damit, ich soll ohne dich gehen?«


»Bingo!«, sagte Þórhildur und zog sich die Bettdecke über den Kopf. »Ihr zwei Jungs habt sicher jede Menge Spaß.«


Víkingur blieb zögernd am Bett stehen.


»Und was wirst du essen?«


Þórhildur lag still unter der Decke und antwortete nicht.


Er sprach weiter: »Irgendetwas wirst du wohl essen müssen.«


Þórhildur setzte sich im Bett auf. »Hör zu, ich traue mir sehr wohl zu, festzustellen, ob ich etwas essen möchte oder nicht. Mach dir da mal keine Sorgen.« Sie sank auf das Kopfkissen zurück und zog sich die Decke über das Gesicht. Víkingur wollte sich gerade auf die Bettkante zu seiner Frau setzen und in Ruhe mit ihr sprechen, als er sie unter der Decke raunen hörte: »Immerhin erinnerst du mich nicht daran, einzuatmen.«


Er sagte gar nichts mehr, dachte sich nur, dass Þórhildur hoffentlich bald selbst bemerken würde, mit welcher Gehässigkeit sie die Sorgen um ihren Sohn an ihrem Mann ausließ. Er ging zum Fenster. Die Sonne stand immer noch weit oben am Himmel. Johannisnacht. Der Zeitpunkt, an dem das Licht einen kurzzeitigen Sieg über das Dunkel feiert. Und dann dringt die Dunkelheit wieder vor.


Er zog die schweren Gardinen zu, sodass es im Zimmer dämmrig wurde.


Þórhildur rührte sich nicht. Er wusste, dass sie wach war und jede seiner Bewegungen belauschte. Am meisten verlangte es ihn danach, sich seiner Kleidung zu entledigen und zu ihr unter die Decke zu kriechen. Sie zu umarmen. Ihr zu sagen, dass er sie liebte und sie selbst entscheiden dürfe, ob sie einatme oder nicht; nur dass sie sich nicht einigeln und ihn ausschließen dürfe.


Wie können zwei Menschen, die einander lieben, so ungeheuer einsam sein?, fragte er sich und ging ins Badezimmer, um Wasser in die Wanne einzulassen.