Seine Intuition sagte van Turenhout, dass die Ehe von Þórhildur und
Víkingur schwierig sei. Doch es war ganz im Gegenteil eine
glückliche Ehe.
Die Þórhildur, die van Turenhout an diesem Tag beobachtet hatte,
war nicht die Þórhildur, die Víkingur kannte. Kühl, schweigsam,
gereizt, negativ, gestresst.
Wenn er seinen Arm um ihre Schultern oder ihre Taille legte, wich
sie ihm aus. Wenn er etwas sagte, schwieg sie und tat so, als habe
sie ihn nicht gehört, oder sie antwortete ihm einsilbig. Nie zuvor
hatte er sich in ihrer Nähe überflüssig gefühlt. Jetzt war es, als
habe sie einen Schutzwall um sich herum errichtet und ihren besten
Freund ausgeschlossen.
Sie hatten frühmorgens den Zug nach Den Haag genommen und von Den
Haag hatte van Turenhout sie zum Flughafen Schiphol gefahren, dann
zum Hotel in A'dam bzw. Mokum, was, wie er ihnen erklärte,
Kosenamen der Einwohner für ihre Stadt Amsterdam waren.
Víkingur verkniff sich die Bemerkung: »Habe ich es dir nicht
gesagt?«, als Þórhildur mit eigenen Augen sah, was sie beide schon
vorher wussten, nämlich dass die menschlichen Überreste in Den Haag
nicht von Magnús stammten.
Er wurde von Gewissensbissen geplagt, weil er es erträglicher
gefunden hätte, wenn die Leiche des verlorenen Sohnes und
Stiefsohnes aufgetaucht wäre. Bei dem Gedanken, dass die nagende
Ungewissheit jetzt weiterginge, sank ihm der Mut. Möglicherweise
spürte Þórhildur diese Gedanken.
Er schämte sich dafür. Natürlich waren die Gefühle von Þórhildur
ihrem Sohn gegenüber ganz andere als seine. Magnús war Þórhildurs
Sohn. Ihr Kind, das sie im Bauch getragen und neugeboren im Arm
gehalten hatte, lange bevor Víkingur die Szene betrat.
In Wirklichkeit war Víkingur nur vom Namen her Stiefvater. Der
Junge war bei Brynjar, seinem leiblichen Vater, aufgewachsen.
Genauer gesagt, bis er dreizehn Jahre alt war, und danach bei sich
selbst, auf der Straße.
Er hatte seiner Mutter klargemacht, dass es sie nichts angehe, wie
er sein Leben lebte: »Du hast dich nicht um mich gekümmert, als ich
klein war, also wieso sollte ich mich dann heute um dich kümmern?«
Sie erreichten das Hotel um Viertel vor fünf. Als sie sich von van
Turenhout verabschieden und ihm für die Begleitung danken wollten,
sagte er: »Es kommt gar nicht in Frage, dass ihr Holland verlasst,
ohne mit mir anständig Rijstaffel essen zu gehen.
Ich muss schließlich dafür sorgen, dass ihr nicht in irgendeine
Touristenfalle geratet. Ich hole euch um sieben Uhr ab.«
Víkingur versuchte, zu widersprechen, aber van Turenhout wandte
ein: »Ihr müsst doch ohnehin etwas essen, und wenn ihr euch mit mir
gemeinsam einen Happen genehmigt, würdet ihr mir einen großen
Gefallen tun. Seit meine Frau in irgendeiner Zeitschrift eine
Methode fand, gesunde Menschen in unterernährte Knochengerüste zu
verwandeln, werde ich zu Hause wie ein Mannequin
ernährt.«
Diese zuvorkommende Einladung konnte man natürlich nicht
ablehnen.
*****
Þórhildur sprach kein einziges Wort, als sie im Lift nach oben
fuhren. Kaum waren sie im Hotelzimmer, sagte sie, sie wolle unter
die Dusche, und Víkingur hörte, wie sie die Badezimmertür hinter
sich verschloss. Das war neu.
»Wenn es dir nichts ausmacht, möchte ich mich hinlegen«, sagte sie,
als sie im weißen Hotel-Bademantel aus dem Bad kam.
»Mach das ruhig, Liebling«, erwiderte Víkingur. »Ich will ein Bad
nehmen und wecke dich dann, sodass du genug Zeit hast, dich für das
Abendessen fertig zu machen.« »Die Einladung möchte ich nicht
annehmen«, sagte sie. »Ich hätte nicht gedacht, dass du es
überhaupt in Betracht ziehst, mit dem Mann essen zu gehen.«
»Das hättest du vielleicht vorhin erwähnen sollen«, sagte Víkingur.
»Ich kann keine Gedanken lesen.«
»Ich dachte, du siehst, wie müde ich bin.«
»Ja, aber Liebling, du musst doch verstehen, dass das zu meiner
Arbeit gehört. Ich konnte die Einladung nicht abschlagen. Es geht
hier nicht um dich und mich, sondern um die Gastfreundschaft, die
der isländischen Polizei entgegengebracht wird. Es wäre
richtiggehend unhöflich von mir gewesen, abzulehnen.«
»Das verstehe ich«, sagte sie. »Aber dann dürfte dir auch klar
sein, dass es nicht direkt zu meinem Aufgabengebiet gehört, im
Namen der isländischen Polizei ins Restaurant zu gehen. Ich bin
müde und würde die isländische Polizei nur blamieren, und das
wollen wir doch nicht.«
»Meinst du damit, ich soll ohne dich gehen?«
»Bingo!«, sagte Þórhildur und zog sich die Bettdecke über den Kopf.
»Ihr zwei Jungs habt sicher jede Menge Spaß.«
Víkingur blieb zögernd am Bett stehen.
»Und was wirst du essen?«
Þórhildur lag still unter der Decke und antwortete
nicht.
Er sprach weiter: »Irgendetwas wirst du wohl essen
müssen.«
Þórhildur setzte sich im Bett auf. »Hör zu, ich traue mir sehr wohl
zu, festzustellen, ob ich etwas essen möchte oder nicht. Mach dir
da mal keine Sorgen.« Sie sank auf das Kopfkissen zurück und zog
sich die Decke über das Gesicht. Víkingur wollte sich gerade auf
die Bettkante zu seiner Frau setzen und in Ruhe mit ihr sprechen,
als er sie unter der Decke raunen hörte: »Immerhin erinnerst du
mich nicht daran, einzuatmen.«
Er sagte gar nichts mehr, dachte sich nur, dass Þórhildur
hoffentlich bald selbst bemerken würde, mit welcher Gehässigkeit
sie die Sorgen um ihren Sohn an ihrem Mann ausließ. Er ging zum
Fenster. Die Sonne stand immer noch weit oben am Himmel.
Johannisnacht. Der Zeitpunkt, an dem das Licht einen kurzzeitigen
Sieg über das Dunkel feiert. Und dann dringt die Dunkelheit wieder
vor.
Er zog die schweren Gardinen zu, sodass es im Zimmer dämmrig
wurde.
Þórhildur rührte sich nicht. Er wusste, dass sie wach war und jede
seiner Bewegungen belauschte. Am meisten verlangte es ihn danach,
sich seiner Kleidung zu entledigen und zu ihr unter die Decke zu
kriechen. Sie zu umarmen. Ihr zu sagen, dass er sie liebte und sie
selbst entscheiden dürfe, ob sie einatme oder nicht; nur dass sie
sich nicht einigeln und ihn ausschließen dürfe.
Wie können zwei Menschen, die einander lieben, so ungeheuer einsam
sein?, fragte er sich und ging ins Badezimmer, um Wasser in die
Wanne einzulassen.