Zwölf


Anderthalb Stunden später hatte die polizeiliche Untersuchung begonnen und ein Arzt, der in Abwesenheit der Gerichtsmedizinerin Þórhildur Magnúsdóttir gerufen worden war, bestätigte, dass die Männer, die sich im Sommerhaus befanden, verstorben waren. Es werden immer mehr Formalitäten, dachte Randver Andrésson, Leiter der Kripo Reykjavík. Hoffentlich kann ich in Rente gehen, bevor auch die letzten selbstverständlichen Dinge zu wichtigen Formsachen geworden sind.


Nachdem Randver sich im Sommerhaus umgesehen und Dagný Axelsdóttir mit der Aufsicht über den Tatort beauftragt hatte, ging er zum See hinunter, der an diesem schönen Tag im Sonnenschein glänzte. Er war schon so lange bei der Polizei, dass er bereits vor einem knappen Jahr hätte aufhören und in Frührente gehen können. Aber er hatte sich von Víkingur, seinem Vorgesetzten und Freund, dazu überreden lassen, noch mindestens drei Jahre weiterzumachen, um den vollen Rentenanspruch zu erwerben. Nicht unbedingt, weil ein paar Kronen mehr oder weniger in Zukunft so viel ausmachten, sondern weil der Beruf und die Arbeitskollegen eine so große Rolle in seinem Leben spielten.


Der berufliche Erfolg, der ihm zuteil geworden war, war weit größer, als er angestrebt hatte. Víkingur hatte ihn mit sich hochgehievt. Randver selbst wäre als normaler Streifenpolizist ­ oder sagen wir Oberwachtmeister ­ genauso glücklich gewesen und wohl ein Leben lang in einer Uniform zu Fuß zwischen den Bürgern der Stadt unterwegs gewesen. Wütende Männer besänftigen, Streit in einem fremden Zuhause schlichten, all diese Alltagsaufgaben, die mit Besonnenheit und gutem Willen zu lösen waren, ohne dass man endlos Papiere ausfüllen musste, das empfand Randver als erstrebenswert. Den Menschen den Weg ebnen und den Frieden bewahren.


Als er als junger Mann auf der Kreuzung von Miklabraut und Lönguhlíð gestanden und den Verkehr mit einer weißen Kelle in der Hand geregelt hatte, ahnte er nicht, dass zu seinem Beruf die Verpflichtung gehören würde, mit Tod, Bosheit, Erniedrigung, Hass und Umnachtung umzugehen, und er ständig an die Existenz des Bösen erinnert werden würde.


Randver schaute auf den See hinaus. Er erinnerte sich dunkel an einen Satz, dass die Schönheit allein herrsche.


Selbst da, wo die Schönheit herrscht, kann man sich nicht vor dem Bösen verbergen.


Hinter sich hörte er Schritte, wandte sich um und erblickte Dagný, die auf dem Weg zu ihm war. Als sie in Rufweite gekommen war, rief sie: »Was sollen wir den Journalisten sagen?«


»Welchen Journalisten?«


»Die bestimmt bald kommen, und wenn sie nicht kommen, dann rufen sie an.«


»Alles, was wir wissen, ist, dass sich drei Männerleichen im Sommerhaus befinden. Mehr wissen wir zurzeit nicht«, antwortete Randver. »Sag Marinó, er soll zur Straße gehen und den Journalisten diese Informationen geben, wenn sie kommen, und ihnen klarmachen, dass jeder, der unser Band übertritt, verhaftet wird.«  


»Mach ich«, sagte Dagný und drehte sich um, um zurückzugehen. »Im Haus sind sowieso schon genug Leute.«


Randver dachte, wie bedauerlich es war, dass Marinó nicht zum Pressesprecher der Polizei gemacht worden war. Er war in seinem Element, wenn es darum ging, Anordnungen und Verbote durchzusetzen und die Leute auf alles hinzuweisen, was sie nicht tun sollten oder durften.  

 


Die ersten Male, die Randver Verstorbenen begegnet war, hatte er sich die Seele aus dem Leib gekotzt.


Jetzt blieb er oberflächlich betrachtet cool, darunter aber schwebten Gefühle, die ins schwarze Loch des Unterbewusstseins zu verfrachten ihm immer schwerer fiel. Anfangs hatte er gedacht, eine seiner Aufgaben als Polizist sei es, mit anderen etwas von seinem inneren Gleichgewicht und seiner Sicherheit zu teilen. Diese Aufgabe schien ihm irgendwo auf dem Weg abhandengekommen zu sein und seine eigene Gemütsruhe schien ihn verlassen zu haben.


Irgendetwas mit diesem Beruf und mir stimmt nicht, dachte er und sah die Sonne sich auf der Wasseroberfläche spiegeln, wenn ich an einem so schönen Tag an einem so schönen Ort nicht glücklich sein kann. Diese Plackerei jeden Tag führt doch zu nichts. Von morgens bis abends bemüht man sich, das Licht weiterbrennen zu lassen, für Frieden zu sorgen und Ordnung in das Chaos zu bringen, und dennoch nimmt die Härte zu und die Sanftheit lässt nach, die Freude stirbt und die Sorge lebt auf, die Güte zerrinnt und die Bosheit wächst.


Randver schüttelte den Kopf, als wolle er diese Gedanken abschütteln. Es war weder der Ort noch die Zeit, um sich selbst und die Welt zu bedauern. Er zog sein Handy hervor, rief die gespeicherten Namen auf, drückte auf V und rief an.


*****


Víkingur hörte sofort, dass etwas Ungewöhnliches im Gange war. Normalerweise begann Randver alle Auslandsgespräche, indem er nach dem Wetter fragte. Diesmal fragte er sofort: »Wann geht euer Flug nach Hause?«


»Morgen. Warum fragst du?«


»Keine Chance, dass ihr heute kommen könnt?«


»Ich glaube, es fliegt jeden Tag nur eine Maschine, und die von heute ist schon weg.«


»Und von Kopenhagen aus, oder London?«


Normalerweise mochte Víkingur die Telefongespräche mit Randver, der die Angewohnheit hatte, Umwege zu nehmen, bevor er zum eigentlichen Thema kam, aber diesmal hatte er keinen Sinn für die langwierige Art seines Freundes.


»Sag mal, was ist eigentlich los? Ist etwas passiert?«


»Natürlich passiert immer irgendetwas«, sagte Randver. »Sogar wenn die Sonne scheint.«


»Erzähl.«


»Ich befinde mich hier in Grafningur am Þingvallavatn. Wir sind vorhin gerufen worden. Hervar Guðmannsson, der Verleger von Altúnga, hat angerufen. Er war hier mit seiner Frau in ihrem Ferienhaus. Auf dieser Halbinsel stehen drei Ferienhäuser ganz nah beieinander.


Hervar gehört das eine, irgendeinem Banker das andere und das dritte hat dieser Immobilienhändler da, dieser Lárus Herbertsson, genannt ...«


»Lalli im Leder.« »Ja, er hat wohl damit angefangen, irgendwelche Leder moden aus Asien zu importieren, und ist dann so wahnsinnig reich geworden.«


»Ich weiß. Da sind also drei Ferienhäuser.«


»Ja.«


»Und weiter?«


»Es war nur so, dass Hervar und seine Frau hier in ihrem Ferienhaus waren und niemand in den anderen, dachten sie, bis heute Morgen, als sie in das dritte Haus geschaut haben.«              


»Warte mal ­ das dritte Haus?«


»Ja, dieses heruntergekommene, das Lalli im Leder gehört und was keiner benutzt.«


»Was haben sie gesehen?«


»Es war ein hässlicher Anblick. Die Frau ist total zusammengebrochen. Jetzt ist ein Arzt bei ihr.«


»Mein lieber Randver«, sagte Víkingur. »Ich befinde mich in Amsterdam und wollte heute eigentlich Urlaub machen. Dann rufst du an und fragst, ob ich schnurstracks nach Hause kommen kann. Ist es zu viel verlangt, wenn du mir ohne viel Umschweife sagst, was los ist?«


»Das ist ja das, was ich versuche«, antwortete Randver. »Als wir, also die Leute von der Kripo und von der Spurensicherung, vor Ort ankamen und in dieses alte Sommerhaus gingen, haben wir drin drei Leichen gefunden. Drei Männerleichen. Der eine Leichnam ist Elli aus dem Octopussy, dieser Pornoschuppenbesitzer, die anderen beiden sind einschlägig bekannte Geldeintreiber, das Goldköpfchen und der Bäcker, die im Vorstrafenregister Ævar Gísli ­ den Nachnamen weiß ich nicht ­ und Jóhann Baker heißen. Der Arzt, der unter uns gesagt nicht so aussieht, als würde er in Kürze den Nobelpreis bekommen, sagt, dass man den Todeszeitpunkt vor der Obduktion nicht mal halbwegs genau bestimmen kann.


Es sind sicher ein paar Tage vergangen, seit die Männer umgebracht worden sind. Die Leichen sind blauschwarz und aufgequollen und der Verwesungsgeruch ist so stark, wie ich es noch nie erlebt habe. Die arme Þórhildur, hier in diesen Horror zu kommen, aber wir können ihre Fähigkeiten gut gebrauchen. Es ist widerwärtig. Hier war die letzten Tage natürlich Sonnenschein und sengende Hitze ...«


»Umgebracht?«


»Ja, daran bestehen keine Zweifel.«


»Wie?«


»Die genaue Todesursache bekommen wir wahrscheinlich erst nach der Autopsie, aber mir scheint ziemlich klar zu sein, dass sie zu Tode gemartert worden sind.«


»Und wie?«


»Ich weiß nicht, wie ich dieses Grauen beschreiben soll. Kreuzigung ohne Kreuz war das Erste, was mir einfiel. Elli und Goldköpfchen sitzen am Wohnzimmertisch und sind festgenagelt worden.«


»Wie das?«


»Mit Fünf- oder Sechszollnägeln, scheint mir. Also, man hat sie einander gegenüber am Tisch Platz nehmen lassen, und statt sie zu fesseln, hat der Mörder oder haben die Mörder sie einfach festgenagelt, Nägel durch die Hände und die Arme getrieben, durch die Kleidung, und ihre Füße sind sogar auf den Boden genagelt worden, ohne dass ihnen die Schuhe ausgezogen worden wären.


Der Tisch steht ganz dicht an der Wand zur Küche und der Bäcker ist an die Wand genagelt worden, nicht gekreuzigt oder in so einer Stellung, mit ausgebreiteten Armen, sondern die Arme liegen am Körper an und sind fest an die Wand gepinnt. Da hat jemand ordentlich Hand angelegt, wenn man so sagen kann.«


»Waren die Männer noch am Leben, als das gemacht wurde?«


»Ja, es scheint kein Zweifel daran zu bestehen, dass sie quicklebendig waren.«


»Du sagtest, dass sie gefoltert worden seien. Meintest du zusätzlich dazu?«


»Und wie. Nase und Ohren wurden ihnen abgeschnitten und einige Zähne herausgeschlagen. Elli ist allerdings eindeutig am allerschlimmsten zugerichtet worden. Es sind ihm Finger abgeschnitten worden. Beide Augen wurden ihm herausgestochen. Man kann es kaum beschreiben.«


Randver stöhnte, hielt eine kurze Zeit inne und fuhr dann fort: »Ich kann dir sagen, Víkingur, ich bin schon lange bei der Polizei und dachte, ich hätte fast alles gesehen. Zumindest hätte ich nie geahnt, dass ich einmal etwas Derartiges zu sehen bekommen würde. So eine Grausamkeit. So einen Sadismus. Das ist nicht normal.


Du musst nach Hause kommen und dich um den Fall kümmern.«


Víkingur hatte nichts dagegen, die Heimreise früher anzutreten als geplant. Der freie Tag mit Þórhildur, auf den er sich gefreut hatte, war ohnehin im Eimer.


»Hör zu«, sagte er. »Lass bitte jemanden herausfinden, ob wir nachher eine Verbindung nach Kopenhagen bekommen und von da aus mit der Abendmaschine nach Hause fliegen können. Dann könnte ich möglicherweise irgendwann zwischen eins und zwei heute Nacht zu euch stoßen.«


»Das klingt gut«, sagte Randver. »Ich rufe dich wieder an, sobald die Ticketfrage geklärt ist. Soll ich euch dann am Flughafen in Empfang nehmen, sodass ihr direkt hierherkommen könnt, ohne zuerst nach Hause zu müssen?«


»Nein, nein«, antwortete Víkingur. »Nicht nötig, uns abzuholen. Ich habe mein Auto am Flughafen stehen und muss zuerst Þórhildur nach Hause bringen, bevor ich zu euch runterfahre.«


»Warum kommt sie nicht mit?«


»Also, das ist so ...« Víkingur missfiel es, die Unwahrheit zu sagen, aber die Situation war zu kompliziert, als dass er sich zugetraut hätte, sie seinem Freund am Telefon zu erklären. »Diese Suche nach Magnús hat sie ganz schön belastet.«


»Ja, natürlich«, sagte Randver.


»Sie ist einfach müde und erschöpft und nicht wiederzuerkennen. Sie muss sich ausruhen.«


»Selbstverständlich«, sagte Randver. »Ich bitte, sie ganz lieb zu grüßen. Wir wollen mal hoffen, dass ihr Vertreter hier eine Leiche von einem Lebendigen unterscheiden kann.«


»Belassen wir es erst mal dabei«, sagte Víkingur. »Wir bleiben in Kontakt.«


Er war darum herumgekommen, die Wahrheit zu sagen. Hatte nicht direkt gelogen, so gesehen.


Ach, natürlich hatte er seinen Freund und Arbeitskollegen angelogen. Für einen guten Zweck. Für seine Frau.