Anderthalb Stunden später hatte die polizeiliche Untersuchung
begonnen und ein Arzt, der in Abwesenheit der Gerichtsmedizinerin
Þórhildur Magnúsdóttir gerufen worden war, bestätigte, dass die
Männer, die sich im Sommerhaus befanden, verstorben waren. Es
werden immer mehr Formalitäten, dachte Randver Andrésson, Leiter
der Kripo Reykjavík. Hoffentlich kann ich in Rente gehen, bevor
auch die letzten selbstverständlichen Dinge zu wichtigen Formsachen
geworden sind.
Nachdem Randver sich im Sommerhaus umgesehen und Dagný Axelsdóttir
mit der Aufsicht über den Tatort beauftragt hatte, ging er zum See
hinunter, der an diesem schönen Tag im Sonnenschein glänzte. Er war
schon so lange bei der Polizei, dass er bereits vor einem knappen
Jahr hätte aufhören und in Frührente gehen können. Aber er hatte
sich von Víkingur, seinem Vorgesetzten und Freund, dazu überreden
lassen, noch mindestens drei Jahre weiterzumachen, um den vollen
Rentenanspruch zu erwerben. Nicht unbedingt, weil ein paar Kronen
mehr oder weniger in Zukunft so viel ausmachten, sondern weil der
Beruf und die Arbeitskollegen eine so große Rolle in seinem Leben
spielten.
Der berufliche Erfolg, der ihm zuteil geworden war, war weit
größer, als er angestrebt hatte. Víkingur hatte ihn mit sich
hochgehievt. Randver selbst wäre als normaler Streifenpolizist
oder sagen wir Oberwachtmeister genauso glücklich gewesen und
wohl ein Leben lang in einer Uniform zu Fuß zwischen den Bürgern
der Stadt unterwegs gewesen. Wütende Männer besänftigen, Streit in
einem fremden Zuhause schlichten, all diese Alltagsaufgaben, die
mit Besonnenheit und gutem Willen zu lösen waren, ohne dass man
endlos Papiere ausfüllen musste, das empfand Randver als
erstrebenswert. Den Menschen den Weg ebnen und den Frieden
bewahren.
Als er als junger Mann auf der Kreuzung von Miklabraut und
Lönguhlíð gestanden und den Verkehr mit einer weißen Kelle in der
Hand geregelt hatte, ahnte er nicht, dass zu seinem Beruf die
Verpflichtung gehören würde, mit Tod, Bosheit, Erniedrigung, Hass
und Umnachtung umzugehen, und er ständig an die Existenz des Bösen
erinnert werden würde.
Randver schaute auf den See hinaus. Er erinnerte sich dunkel an
einen Satz, dass die Schönheit allein herrsche.
Selbst da, wo die Schönheit herrscht, kann man sich nicht vor dem
Bösen verbergen.
Hinter sich hörte er Schritte, wandte sich um und erblickte Dagný,
die auf dem Weg zu ihm war. Als sie in Rufweite gekommen war, rief
sie: »Was sollen wir den Journalisten sagen?«
»Welchen Journalisten?«
»Die bestimmt bald kommen, und wenn sie nicht kommen, dann rufen
sie an.«
»Alles, was wir wissen, ist, dass sich drei Männerleichen im
Sommerhaus befinden. Mehr wissen wir zurzeit nicht«, antwortete
Randver. »Sag Marinó, er soll zur Straße gehen und den Journalisten
diese Informationen geben, wenn sie kommen, und ihnen klarmachen,
dass jeder, der unser Band übertritt, verhaftet wird.«
»Mach ich«, sagte Dagný und drehte sich um, um zurückzugehen. »Im
Haus sind sowieso schon genug Leute.«
Randver dachte, wie bedauerlich es war, dass Marinó nicht zum
Pressesprecher der Polizei gemacht worden war. Er war in seinem
Element, wenn es darum ging, Anordnungen und Verbote durchzusetzen
und die Leute auf alles hinzuweisen, was sie nicht tun sollten oder
durften.
Die ersten Male, die Randver Verstorbenen begegnet war, hatte er
sich die Seele aus dem Leib gekotzt.
Jetzt blieb er oberflächlich betrachtet cool, darunter aber
schwebten Gefühle, die ins schwarze Loch des Unterbewusstseins zu
verfrachten ihm immer schwerer fiel. Anfangs hatte er gedacht, eine
seiner Aufgaben als Polizist sei es, mit anderen etwas von seinem
inneren Gleichgewicht und seiner Sicherheit zu teilen. Diese
Aufgabe schien ihm irgendwo auf dem Weg abhandengekommen zu sein
und seine eigene Gemütsruhe schien ihn verlassen zu
haben.
Irgendetwas mit diesem Beruf und mir stimmt nicht, dachte er und
sah die Sonne sich auf der Wasseroberfläche spiegeln, wenn ich an
einem so schönen Tag an einem so schönen Ort nicht glücklich sein
kann. Diese Plackerei jeden Tag führt doch zu nichts. Von morgens
bis abends bemüht man sich, das Licht weiterbrennen zu lassen, für
Frieden zu sorgen und Ordnung in das Chaos zu bringen, und dennoch
nimmt die Härte zu und die Sanftheit lässt nach, die Freude stirbt
und die Sorge lebt auf, die Güte zerrinnt und die Bosheit
wächst.
Randver schüttelte den Kopf, als wolle er diese Gedanken
abschütteln. Es war weder der Ort noch die Zeit, um sich selbst und
die Welt zu bedauern. Er zog sein Handy hervor, rief die
gespeicherten Namen auf, drückte auf V und rief an.
*****
Víkingur hörte sofort, dass etwas Ungewöhnliches im Gange war.
Normalerweise begann Randver alle Auslandsgespräche, indem er nach
dem Wetter fragte. Diesmal fragte er sofort: »Wann geht euer Flug
nach Hause?«
»Morgen. Warum fragst du?«
»Keine Chance, dass ihr heute kommen könnt?«
»Ich glaube, es fliegt jeden Tag nur eine Maschine, und die von
heute ist schon weg.«
»Und von Kopenhagen aus, oder London?«
Normalerweise mochte Víkingur die Telefongespräche mit Randver, der
die Angewohnheit hatte, Umwege zu nehmen, bevor er zum eigentlichen
Thema kam, aber diesmal hatte er keinen Sinn für die langwierige
Art seines Freundes.
»Sag mal, was ist eigentlich los? Ist etwas passiert?«
»Natürlich passiert immer irgendetwas«, sagte Randver. »Sogar wenn
die Sonne scheint.«
»Erzähl.«
»Ich befinde mich hier in Grafningur am Þingvallavatn. Wir sind
vorhin gerufen worden. Hervar Guðmannsson, der Verleger von
Altúnga, hat angerufen. Er war hier mit seiner Frau in ihrem
Ferienhaus. Auf dieser Halbinsel stehen drei Ferienhäuser ganz nah
beieinander.
Hervar gehört das eine, irgendeinem Banker das andere und das
dritte hat dieser Immobilienhändler da, dieser Lárus Herbertsson,
genannt ...«
»Lalli im Leder.« »Ja, er hat wohl damit angefangen, irgendwelche
Leder moden aus Asien zu importieren, und ist dann so wahnsinnig
reich geworden.«
»Ich weiß. Da sind also drei Ferienhäuser.«
»Ja.«
»Und weiter?«
»Es war nur so, dass Hervar und seine Frau hier in ihrem Ferienhaus
waren und niemand in den anderen, dachten sie, bis heute Morgen,
als sie in das dritte Haus geschaut haben.«
»Warte mal das dritte Haus?«
»Ja, dieses heruntergekommene, das Lalli im Leder gehört und was
keiner benutzt.«
»Was haben sie gesehen?«
»Es war ein hässlicher Anblick. Die Frau ist total
zusammengebrochen. Jetzt ist ein Arzt bei ihr.«
»Mein lieber Randver«, sagte Víkingur. »Ich befinde mich in
Amsterdam und wollte heute eigentlich Urlaub machen. Dann rufst du
an und fragst, ob ich schnurstracks nach Hause kommen kann. Ist es
zu viel verlangt, wenn du mir ohne viel Umschweife sagst, was los
ist?«
»Das ist ja das, was ich versuche«, antwortete Randver. »Als wir,
also die Leute von der Kripo und von der Spurensicherung, vor Ort
ankamen und in dieses alte Sommerhaus gingen, haben wir drin drei
Leichen gefunden. Drei Männerleichen. Der eine Leichnam ist Elli
aus dem Octopussy, dieser Pornoschuppenbesitzer, die anderen beiden
sind einschlägig bekannte Geldeintreiber, das Goldköpfchen und der
Bäcker, die im Vorstrafenregister Ævar Gísli den Nachnamen weiß
ich nicht und Jóhann Baker heißen. Der Arzt, der unter uns gesagt
nicht so aussieht, als würde er in Kürze den Nobelpreis bekommen,
sagt, dass man den Todeszeitpunkt vor der Obduktion nicht mal
halbwegs genau bestimmen kann.
Es sind sicher ein paar Tage vergangen, seit die Männer umgebracht
worden sind. Die Leichen sind blauschwarz und aufgequollen und der
Verwesungsgeruch ist so stark, wie ich es noch nie erlebt habe. Die
arme Þórhildur, hier in diesen Horror zu kommen, aber wir können
ihre Fähigkeiten gut gebrauchen. Es ist widerwärtig. Hier war die
letzten Tage natürlich Sonnenschein und sengende Hitze
...«
»Umgebracht?«
»Ja, daran bestehen keine Zweifel.«
»Wie?«
»Die genaue Todesursache bekommen wir wahrscheinlich erst nach der
Autopsie, aber mir scheint ziemlich klar zu sein, dass sie zu Tode
gemartert worden sind.«
»Und wie?«
»Ich weiß nicht, wie ich dieses Grauen beschreiben soll. Kreuzigung
ohne Kreuz war das Erste, was mir einfiel. Elli und Goldköpfchen
sitzen am Wohnzimmertisch und sind festgenagelt worden.«
»Wie das?«
»Mit Fünf- oder Sechszollnägeln, scheint mir. Also, man hat sie
einander gegenüber am Tisch Platz nehmen lassen, und statt sie zu
fesseln, hat der Mörder oder haben die Mörder sie einfach
festgenagelt, Nägel durch die Hände und die Arme getrieben, durch
die Kleidung, und ihre Füße sind sogar auf den Boden genagelt
worden, ohne dass ihnen die Schuhe ausgezogen worden
wären.
Der Tisch steht ganz dicht an der Wand zur Küche und der Bäcker ist
an die Wand genagelt worden, nicht gekreuzigt oder in so einer
Stellung, mit ausgebreiteten Armen, sondern die Arme liegen am
Körper an und sind fest an die Wand gepinnt. Da hat jemand
ordentlich Hand angelegt, wenn man so sagen kann.«
»Waren die Männer noch am Leben, als das gemacht wurde?«
»Ja, es scheint kein Zweifel daran zu bestehen, dass sie
quicklebendig waren.«
»Du sagtest, dass sie gefoltert worden seien. Meintest du
zusätzlich dazu?«
»Und wie. Nase und Ohren wurden ihnen abgeschnitten und einige
Zähne herausgeschlagen. Elli ist allerdings eindeutig am
allerschlimmsten zugerichtet worden. Es sind ihm Finger
abgeschnitten worden. Beide Augen wurden ihm herausgestochen. Man
kann es kaum beschreiben.«
Randver stöhnte, hielt eine kurze Zeit inne und fuhr dann fort:
»Ich kann dir sagen, Víkingur, ich bin schon lange bei der Polizei
und dachte, ich hätte fast alles gesehen. Zumindest hätte ich nie
geahnt, dass ich einmal etwas Derartiges zu sehen bekommen würde.
So eine Grausamkeit. So einen Sadismus. Das ist nicht
normal.
Du musst nach Hause kommen und dich um den Fall
kümmern.«
Víkingur hatte nichts dagegen, die Heimreise früher anzutreten als
geplant. Der freie Tag mit Þórhildur, auf den er sich gefreut
hatte, war ohnehin im Eimer.
»Hör zu«, sagte er. »Lass bitte jemanden herausfinden, ob wir
nachher eine Verbindung nach Kopenhagen bekommen und von da aus mit
der Abendmaschine nach Hause fliegen können. Dann könnte ich
möglicherweise irgendwann zwischen eins und zwei heute Nacht zu
euch stoßen.«
»Das klingt gut«, sagte Randver. »Ich rufe dich wieder an, sobald
die Ticketfrage geklärt ist. Soll ich euch dann am Flughafen in
Empfang nehmen, sodass ihr direkt hierherkommen könnt, ohne zuerst
nach Hause zu müssen?«
»Nein, nein«, antwortete Víkingur. »Nicht nötig, uns abzuholen. Ich
habe mein Auto am Flughafen stehen und muss zuerst Þórhildur nach
Hause bringen, bevor ich zu euch runterfahre.«
»Warum kommt sie nicht mit?«
»Also, das ist so ...« Víkingur missfiel es, die Unwahrheit zu
sagen, aber die Situation war zu kompliziert, als dass er sich
zugetraut hätte, sie seinem Freund am Telefon zu erklären. »Diese
Suche nach Magnús hat sie ganz schön belastet.«
»Ja, natürlich«, sagte Randver.
»Sie ist einfach müde und erschöpft und nicht wiederzuerkennen. Sie
muss sich ausruhen.«
»Selbstverständlich«, sagte Randver. »Ich bitte, sie ganz lieb zu
grüßen. Wir wollen mal hoffen, dass ihr Vertreter hier eine Leiche
von einem Lebendigen unterscheiden kann.«
»Belassen wir es erst mal dabei«, sagte Víkingur. »Wir bleiben in
Kontakt.«
Er war darum herumgekommen, die Wahrheit zu sagen. Hatte nicht
direkt gelogen, so gesehen.
Ach, natürlich hatte er seinen Freund und Arbeitskollegen
angelogen. Für einen guten Zweck. Für seine Frau.