Siebenundzwanzig


Es war nicht Bruce Springsteen, sondern Karl Viktor Ágústsson, der die Verantwortung dafür trug, dass Terje nicht ans Telefon ging.


Vom Küchenfenster in Steinkross aus hatte er gesehen, wie das Auto sich langsam die Straße entlangschlängelte, dann auf den Abzweig abbog und Richtung Hof fuhr.


Dass es sich um einen Kleinwagen handelte, erschien ihm kurios. Wie konnte jemand auf die Idee kommen, diesen Weg einzuschlagen, wenn er nur einen Kleinwagen fuhr?


Terje hätte es seinem eigenen Wagen kaum zugemutet, aber er fuhr ein Auto im Staatsbesitz und fand, dass das in diesem Fall bestimmte Vorteile hatte.


Die Fahrt war schnell und glatt verlaufen. Er hatte keinerlei Probleme, den richtigen Weg zu finden: Straße Nummer 1 Richtung Osten bis nach Hella, den Ort durchqueren und nach einem Kilometer links auf einen Weg abbiegen, der nach Gunnarsholt führt, das Gelände ebenfalls durchqueren und wieder links abbiegen auf eine unbeschilderte Fahrspur, die in Richtung Hekla führt, und ihr folgen, bis man zum einzigen Hof kommt, der an ihr liegt. Das ist Steinkross.


Das Straßenbauamt schien diese Straße vergessen zu haben. Der gesamte Straßenbelag war vor langer Zeit schon weggeweht worden, und übrig geblieben waren nur die Steine, an denen nicht einmal die schärfsten Windböen von Rangárvellir rütteln konnten. Der Abzweig, der nach Steinkross führte, war besser, denn er war mit Erde aufgeschüttet und verwandelte sich sicher bei Regen in einen Morast.


Das Haus war einstöckig und aus Beton. Weiße Wäsche hing an einer Leine seitlich des Hauses, auf der anderen Seite standen ein paar krumme Birken.


Nichts war zu hören, als Terje auf die Klingel drückte, also klopfte er kräftig an die Tür. Keine Geräusche. Terje schaute sich um. Kein Auto. Vielleicht war niemand zu Hause.


Als er kurz davor war, ein zweites Mal zu klopfen, ging die Tür auf. Drinnen im Hausflur stand ein großer, beleibter Mann in Socken, unrasiert und mit zerzaustem Haar. Er schien gerade aufgewacht zu sein. Sein dicker Bauch hing über den Hosenbund seiner Jeans, die weite Hosenbeine hatte.


Terje betrachtete den Mann. Etwas in seinem Auftreten erweckte gleich den Verdacht, dass er nicht wie die meisten anderen Menschen sei. Die stumpfen Augen, der aufgeschwemmte Körper und die schneckenartigen Bewegungen ließen vermuten, dass der Mann große Mengen Psychopharmaka nahm. Riesengroße.


»Guten Tag«, sagte Terje. »Karl Viktor Ágústsson?


Den suche ich.«


Der Mann zeigte keinerlei Reaktion. Er schaute den Gast an, als dächte er darüber nach, ob er ihm eine Antwort gönnen oder die Tür vor seiner Nase zuschlagen sollte.


»Ich bin von der Kriminalpolizei. Ich heiße Terje Joensen.«


Der Mund des Mannes begann sich zu bewegen, aber kein Ton kam ihm über die Lippen. Wie ein Fisch an Land, dachte Terje. »Er ist nicht ...«, sagte der Mann nach einem langen Anlauf. Die Stimme war eigenartig dünn. »Er ist nicht hier.«              


Die Antwort überraschte Terje. Er war sehr sicher, dass sein Gesprächspartner kein anderer als Karl Viktor war.


»Ach so? Na gut ­ aber weißt du, wo er ist?«


Die Atemübungen begannen erneut. Der Mann öffnete und schloss den Mund abwechselnd, bis die Antwort kam: »Er ist im Schloss.«


Terje wusste nicht, ob der Mann im Wahn sprach oder ob eines der Gebäude des Hofes Schloss genannt wurde.


»Im Schloss? Kannst du mir vielleicht sagen, in welchem Schloss er ist?«


»Bran.« Die Atemübungen waren beendet. Die Antwort folgte auf dem Fuße.


»Bran?« Terje glaubte, etwas falsch verstanden zu haben. »Wo ist das?«


Der Mann stieß ein abgehacktes Lachen aus. »Ha!«


Als hielte er die Frage für ein Zeugnis unvorstellbarer Dummheit.


»Bist du allein zu Hause?«, fragte Terje. »Wo ist deine Mutter?«


Über das aufgequollene Gesicht huschte ein verschlagener Ausdruck.


»Warte«, sagte der Mann und warf die Tür zu.


Das Warten währte nicht lange, denn wenige Augenblicke später wurde die Tür aufgerissen und der Mann erschien erneut.


Genauso schnell, wie Terje wahrnahm, dass die Stumpfheit aus den Augen des Mannes verschwunden war, verspürte er einen schneidenden Schmerz, der jeden einzelnen Nerv in seinem Körper umschloss. Sein Bewusstsein zersplitterte mit Feuerstrahlen, dann wurde alles rot.


*****


Ein fünfzigtausend Volt starker Stromschlag verursacht einen Kurzschluss im Nervensystem, Muskelkontraktionen, enorme Schmerzen und vorübergehende Bewusstlosigkeit.


Karl Viktor wusste aus eigener Erfahrung, dass die Taser-Pistole ein humanes Gerät war. Das hatte er herausgefunden, indem er sie an einem alten Pferd ausprobierte. Beachtlich zu sehen, wie dieses große Tier, etliche Zentner schwer, sofort zu Boden ging, einen Moment lang zappelte und dann mausetot liegen blieb. Um sicherzustellen, dass es sich nicht um einen Zufall handelte, hatte er das an mehr als einem Pferd ausprobiert.


Menschen, die einen Taser-Schuss abbekommen, fallen ebenfalls um und verlieren das Bewusstsein, aber sie bleiben in der Regel am Leben und kommen nach kurzer Zeit, vielleicht einer halben Minute oder auch bis zu einer Viertelstunde, wieder zu sich. Allerdings behauptet Amnesty International, dass Schüsse aus Taser-Pistolen schon mehr als zweihundertfünfzig Menschen das Leben gekostet haben.


Ein junger Mann in guter Form wie dieser hier käme zweifelsohne schnell wieder zu Bewusstsein. Am sichersten wäre es, noch einmal auf ihn zu ballern.


Karl Viktor setzte einen neuen Schuss in den Taser ein.


Der Mann lag auf dem Bauch, sodass Karl Viktor ihn umdrehte, sich über ihm postierte und abwartete, bis er sich regte. Dieses Mal zielte er zwischen die Beine des Mannes. Er hatte gelesen, dass die Geschlechtsteile und die Brustwarzen von Menschen besonders empfindlich für einen Elektroschock seien, und wollte den Wahrheitsgehalt dieser Aussage überprüfen.


Taser-Pistolen sehen aus wie missgebildete Nachkommen eines Elektrorasierers und einer Pistole. Die Munition besteht aus kleinen stromführenden Projektilen, die mit der Pistole durch hauchdünne isolierte Drähte verbunden sind. Die Pfeile selbst müssen die Kleidung nicht durchdringen, damit die elektrischen Impulse in das Muskelgewebe desjenigen, auf den geschossen wird, eindringen können, sondern sie leiten den Strom sogar durch einen fünf Zentimeter dicken Mantel. Ein Taser der besten Bauart, das Modell M26, wie es Karl Viktor in den Händen hielt, hat eine Reichweite von 10,6 Metern und ist beim Militär mit sehr guten Erfolgen eingesetzt worden.


Nach nur siebzehn Sekunden begann Terje sich zu rühren. Als er die Augen geöffnet hatte und sich langsam zu orientieren schien, feuerte Karl Viktor einen zweiten Schuss aus kurzer Distanz ab und traf ihn direkt in die Geschlechtsteile, die sich unter der Jeans abzeichneten.


Der gequälte Schrei war so schneidend, dass Karl Viktor erschrak und den Taser beinahe fallen gelassen hätte.


Der Mann schien sich im Todeskampf zu befinden, und obwohl es spaßig gewesen wäre, das unwillkürliche Zucken und die Krämpfe zu beobachten, riss sich Karl Viktor zusammen und eilte nach drinnen, um etwas zu holen, womit er den Mann fesseln könnte. Nach einer kurzen Zeit kam er wieder raus und sah, dass er sich gar nicht hätte beeilen müssen. Der Mann war vollkommen bewusstlos.


Karl Viktor drehte ihn auf den Bauch und band seine Hände hinter seinem Rücken mit Kunststofffesseln zusammen, die
plasticuffs, flexicuffs oder Zip-Riemen heißen und Handschellen gegenüber den Vorteil haben, dass sie leichter und einfacher zu handhaben sind. Der Nachteil an den Zip-Riemen ist, dass sie natürlich nicht so stark sind wie herkömmliche Handschellen, dafür sind sie gefährlicher, weil sie viel eher bleibende Schäden an Nerven und Gewebe des Gefesselten verursachen.


Karl Viktor machte sich darum keine Gedanken, fesselte auch Terjes Beine an den Knöcheln und verband die Fesseln der Füße und Hände miteinander.


Als Nächstes durchsuchte er die Taschen des Mannes und nahm die Autoschlüssel und den Ausweis heraus, der bestätigte, dass der Mann Terje Joensen hieß und Kriminalpolizist war. Er dachte darüber nach, ob er kurz ins Haus zurückkehren sollte, um etwas zu suchen, womit er den Mann knebeln könne, betrachtete das aber als unnötigen Umstand.   

 


Wenngleich er vom Aussehen her nicht gerade vor Gesundheit zu strotzen schien, war Karl Viktor ein bärenstarker Mann. Er hob Terje Joensen mit Leichtigkeit hoch, ging mit ihm zum Auto und schaffte es, den Kofferraum aufzuschließen, ohne seine Bürde abzulegen. Mit einiger Geschicklichkeit gelang es ihm, den bewusstlosen Mann in den Kofferraum zu wuchten. Dann setzte er sich ans Steuer und ließ den Motor an. Karl Viktor war ein Auto mit Kupplung nicht gewöhnt. Als er zurücksetzte, um auf dem Vorplatz zu wenden, drehten die Reifen durch und ließen einen Hagel von Kies auf das Haus niedergehen. Karl Viktor kuppelte aus, schaltete vom Rückwärtsgang in den ersten, ließ den Gang diesmal vorsichtig kommen und begann, den Abzweig herunterzufahren.


*****


Nach unzähligen Versuchen gelang es Randver endlich, beim Telefonanbieter Síminn durchzukommen und mit einem Mann verbunden zu werden, der ihm Auskunft geben konnte, ob man auf dem Land von Steinkross in Rangárvellir GSM-Empfang hat. Man hatte keinen.


Randver versuchte auch, den Reitbetrieb Steinkross über Festnetz zu erreichen, aber es nahm niemand ab.


»Seltsam, dass keiner ans Telefon geht«, sagte Randver.


»Daran muss gar nichts seltsam sein«, sagte Víkingur. »Die Leute auf dem Land sitzen nicht den ganzen Tag im Haus und warten darauf, dass das Telefon klingelt.«


»Du kannst auf der Heide ein bisschen auf die Tube drücken«, sagte Randver. »Wenn uns die Kollegen aus Selfoss stoppen, rede ich mit ihnen.«


»Schau mal auf den Tacho«, sagte Víkingur.


Randver kniff die Augen zusammen, um den Tacho besser ablesen zu können.


»Ui, verdammt«, sagte er. »Das ist ja eine Luxus karosse.


Man spürt die Geschwindigkeit überhaupt nicht. Aber wir müssen sicher nicht rasen, als ginge es um Leben oder Tod«, fügte er hinzu.


*****


Terje war noch nicht wieder zu Bewusstsein gekommen, als Karl Viktor ihn aus dem Kofferraum hob und ihn wie ein Kind auf seinen Armen in den Thronsaal des Schlosses Bran trug.


Er legte seinen Gefangenen auf einer Bank ab, die an der Wand stand, und schnitt die Fesseln an seinen Händen auf. Manövrierte ihn in eine sitzende Position mit dem Rücken an die Wand gelehnt. Holte dann Werkzeug und begann, die rechte Hand des Gefangenen an die Wand zu nageln.


Terje erwachte durch einen schneidenden Schmerz in seiner rechten Hand, dann in seiner linken. Die Qual war unerträglich, und er schrie aus voller Kehle. Dann verlor er wieder das Bewusstsein. Für einige Sekunden oder einige Minuten.


Karl Viktor nahm auf dem Thron Platz und betrachtete seinen Gefangenen.


Er spricht isländisch und sieht wie ein Isländer aus, dachte er. Sollte ich nicht nachsehen, ob er beschnitten ist? Nein. Das bringt nichts. Das ist ein Kundschafter, ein Schnüffler, den die Feinde gegen mich ausgesandt haben.


Sie sind viel zu clever, mir jemanden zu schicken, der ihnen ähnlich sieht. Ich muss herausfinden, wer ihn geschickt hat. Ist der Feind bereits nach Island gekommen?


Der Feind ist natürlich überall nah, aber hat er schon einen Posten in Island? Der Kampf wird härter. Mit dem Hammer von Karl Martel kreuzige ich sie. Mit der Lanze von Vlad Tepes pfähle ich sie. Im Namen des Heiligen Römischen Kaiserreichs besiege ich sie.


Die Gedanken flogen wie Kometen durch Karl Viktors Gehirn. Er zog mit Karl Martel in die Schlacht von Tours am 10. Oktober 732 und stoppte die Invasion der dunklen Feinde aus dem Süden. Er stand Seite an Seite mit Admiral Don Juan de Austria auf der Heckplattform bei der Seeschlacht von Lepanto am 7. Oktober 1571 und stoppte die Invasion aus dem Osten. Und er stürmte mit den Helden Jan Sobieski, dem König der Polen, und Karl V. von Lothringen am 11. September 1683 gegen die Muslime, um ihre Belagerung Wiens zu durchbrechen und ihre Pläne, Europa zu erobern, zunichtezumachen. Sie gaben dennoch nicht auf, diese Teufel. Sie hielten nur eine Weile inne und leckten ihre Wunden.


Nach geraumer Zeit, am 11. September 2001, erklärten sie erneut den Krieg und ihr Vorhaben, sich die westliche Welt zu unterwerfen und die westliche Kultur auszurotten.


Das Datum war symbolträchtig. 11/ 9 oder 9/ 11 war eine heilige Zahl. Sie wollten die Niederlage bei Wien am 11. September 1683 in einen Sieg ummünzen. Die Ziffer »1« steht für einen Anfang und die Ziffer »9« für das Ende. »1« und »1« bedeutet einen erneuten Beginn.


Neuer Beginn. Anfang und Ende. Alpha und Omega.


Islam und Christentum.


Die Helden waren verschwunden. Karl Martel, Don Juan, Jan Sobieski und Karl V.


Karl Viktor war allein zurückgeblieben. Die Zahl der Feinde war Legion. Tausend Millionen stürmten gegen ihn an.


Er allein hielt die Stellung im Norden, Carol Viktor Maximilian Meinrad de Plantagenet Anjou, Herzog von Staufen-Hohenzollern, Prinz von Habsburg-Siebenbürgen, Kronprinz des Heiligen Römischen Kaiserreichs, in seinem Thronsaal im Schloss Bran, und spürte, dass die Feinde sich näherten.              


Er stand auf und ging zu seinem Gefangenen, der zu Bewusstsein zu kommen schien und wie ein Säugling greinte.


»Wer hat dich geschickt?«, fragte Karl Viktor.