Es war nicht Bruce Springsteen, sondern Karl Viktor Ágústsson, der
die Verantwortung dafür trug, dass Terje nicht ans Telefon
ging.
Vom Küchenfenster in Steinkross aus hatte er gesehen, wie das Auto
sich langsam die Straße entlangschlängelte, dann auf den Abzweig
abbog und Richtung Hof fuhr.
Dass es sich um einen Kleinwagen handelte, erschien ihm kurios. Wie
konnte jemand auf die Idee kommen, diesen Weg einzuschlagen, wenn
er nur einen Kleinwagen fuhr?
Terje hätte es seinem eigenen Wagen kaum zugemutet, aber er fuhr
ein Auto im Staatsbesitz und fand, dass das in diesem Fall
bestimmte Vorteile hatte.
Die Fahrt war schnell und glatt verlaufen. Er hatte keinerlei
Probleme, den richtigen Weg zu finden: Straße Nummer 1 Richtung
Osten bis nach Hella, den Ort durchqueren und nach einem Kilometer
links auf einen Weg abbiegen, der nach Gunnarsholt führt, das
Gelände ebenfalls durchqueren und wieder links abbiegen auf eine
unbeschilderte Fahrspur, die in Richtung Hekla führt, und ihr
folgen, bis man zum einzigen Hof kommt, der an ihr liegt. Das ist
Steinkross.
Das Straßenbauamt schien diese Straße vergessen zu haben. Der
gesamte Straßenbelag war vor langer Zeit schon weggeweht worden,
und übrig geblieben waren nur die Steine, an denen nicht einmal die
schärfsten Windböen von Rangárvellir rütteln konnten. Der Abzweig,
der nach Steinkross führte, war besser, denn er war mit Erde
aufgeschüttet und verwandelte sich sicher bei Regen in einen
Morast.
Das Haus war einstöckig und aus Beton. Weiße Wäsche hing an einer
Leine seitlich des Hauses, auf der anderen Seite standen ein paar
krumme Birken.
Nichts war zu hören, als Terje auf die Klingel drückte, also
klopfte er kräftig an die Tür. Keine Geräusche. Terje schaute sich
um. Kein Auto. Vielleicht war niemand zu Hause.
Als er kurz davor war, ein zweites Mal zu klopfen, ging die Tür
auf. Drinnen im Hausflur stand ein großer, beleibter Mann in
Socken, unrasiert und mit zerzaustem Haar. Er schien gerade
aufgewacht zu sein. Sein dicker Bauch hing über den Hosenbund
seiner Jeans, die weite Hosenbeine hatte.
Terje betrachtete den Mann. Etwas in seinem Auftreten erweckte
gleich den Verdacht, dass er nicht wie die meisten anderen Menschen
sei. Die stumpfen Augen, der aufgeschwemmte Körper und die
schneckenartigen Bewegungen ließen vermuten, dass der Mann große
Mengen Psychopharmaka nahm. Riesengroße.
»Guten Tag«, sagte Terje. »Karl Viktor Ágústsson?
Den suche ich.«
Der Mann zeigte keinerlei Reaktion. Er schaute den Gast an, als
dächte er darüber nach, ob er ihm eine Antwort gönnen oder die Tür
vor seiner Nase zuschlagen sollte.
»Ich bin von der Kriminalpolizei. Ich heiße Terje
Joensen.«
Der Mund des Mannes begann sich zu bewegen, aber kein Ton kam ihm
über die Lippen. Wie ein Fisch an Land, dachte Terje. »Er ist nicht
...«, sagte der Mann nach einem langen Anlauf. Die Stimme war
eigenartig dünn. »Er ist nicht hier.«
Die Antwort überraschte Terje. Er war sehr sicher, dass sein
Gesprächspartner kein anderer als Karl Viktor war.
»Ach so? Na gut aber weißt du, wo er ist?«
Die Atemübungen begannen erneut. Der Mann öffnete und schloss den
Mund abwechselnd, bis die Antwort kam: »Er ist im
Schloss.«
Terje wusste nicht, ob der Mann im Wahn sprach oder ob eines der
Gebäude des Hofes Schloss genannt wurde.
»Im Schloss? Kannst du mir vielleicht sagen, in welchem Schloss er
ist?«
»Bran.« Die Atemübungen waren beendet. Die Antwort folgte auf dem
Fuße.
»Bran?« Terje glaubte, etwas falsch verstanden zu haben. »Wo ist
das?«
Der Mann stieß ein abgehacktes Lachen aus. »Ha!«
Als hielte er die Frage für ein Zeugnis unvorstellbarer
Dummheit.
»Bist du allein zu Hause?«, fragte Terje. »Wo ist deine
Mutter?«
Über das aufgequollene Gesicht huschte ein verschlagener
Ausdruck.
»Warte«, sagte der Mann und warf die Tür zu.
Das Warten währte nicht lange, denn wenige Augenblicke später wurde
die Tür aufgerissen und der Mann erschien erneut.
Genauso schnell, wie Terje wahrnahm, dass die Stumpfheit aus den
Augen des Mannes verschwunden war, verspürte er einen schneidenden
Schmerz, der jeden einzelnen Nerv in seinem Körper umschloss. Sein
Bewusstsein zersplitterte mit Feuerstrahlen, dann wurde alles
rot.
*****
Ein fünfzigtausend Volt starker Stromschlag verursacht einen
Kurzschluss im Nervensystem, Muskelkontraktionen, enorme Schmerzen
und vorübergehende Bewusstlosigkeit.
Karl Viktor wusste aus eigener Erfahrung, dass die Taser-Pistole
ein humanes Gerät war. Das hatte er herausgefunden, indem er sie an
einem alten Pferd ausprobierte. Beachtlich zu sehen, wie dieses
große Tier, etliche Zentner schwer, sofort zu Boden ging, einen
Moment lang zappelte und dann mausetot liegen blieb. Um
sicherzustellen, dass es sich nicht um einen Zufall handelte, hatte
er das an mehr als einem Pferd ausprobiert.
Menschen, die einen Taser-Schuss abbekommen, fallen ebenfalls um
und verlieren das Bewusstsein, aber sie bleiben in der Regel am
Leben und kommen nach kurzer Zeit, vielleicht einer halben Minute
oder auch bis zu einer Viertelstunde, wieder zu sich. Allerdings
behauptet Amnesty International, dass Schüsse aus Taser-Pistolen
schon mehr als zweihundertfünfzig Menschen das Leben gekostet
haben.
Ein junger Mann in guter Form wie dieser hier käme zweifelsohne
schnell wieder zu Bewusstsein. Am sichersten wäre es, noch einmal
auf ihn zu ballern.
Karl Viktor setzte einen neuen Schuss in den Taser ein.
Der Mann lag auf dem Bauch, sodass Karl Viktor ihn umdrehte, sich
über ihm postierte und abwartete, bis er sich regte. Dieses Mal
zielte er zwischen die Beine des Mannes. Er hatte gelesen, dass die
Geschlechtsteile und die Brustwarzen von Menschen besonders
empfindlich für einen Elektroschock seien, und wollte den
Wahrheitsgehalt dieser Aussage überprüfen.
Taser-Pistolen sehen aus wie missgebildete Nachkommen eines
Elektrorasierers und einer Pistole. Die Munition besteht aus
kleinen stromführenden Projektilen, die mit der Pistole durch
hauchdünne isolierte Drähte verbunden sind. Die Pfeile selbst
müssen die Kleidung nicht durchdringen, damit die elektrischen
Impulse in das Muskelgewebe desjenigen, auf den geschossen wird,
eindringen können, sondern sie leiten den Strom sogar durch einen
fünf Zentimeter dicken Mantel. Ein Taser der besten Bauart, das
Modell M26, wie es Karl Viktor in den Händen hielt, hat eine
Reichweite von 10,6 Metern und ist beim Militär mit sehr guten
Erfolgen eingesetzt worden.
Nach nur siebzehn Sekunden begann Terje sich zu rühren. Als er die
Augen geöffnet hatte und sich langsam zu orientieren schien,
feuerte Karl Viktor einen zweiten Schuss aus kurzer Distanz ab und
traf ihn direkt in die Geschlechtsteile, die sich unter der Jeans
abzeichneten.
Der gequälte Schrei war so schneidend, dass Karl Viktor erschrak
und den Taser beinahe fallen gelassen hätte.
Der Mann schien sich im Todeskampf zu befinden, und obwohl es
spaßig gewesen wäre, das unwillkürliche Zucken und die Krämpfe zu
beobachten, riss sich Karl Viktor zusammen und eilte nach drinnen,
um etwas zu holen, womit er den Mann fesseln könnte. Nach einer
kurzen Zeit kam er wieder raus und sah, dass er sich gar nicht
hätte beeilen müssen. Der Mann war vollkommen
bewusstlos.
Karl Viktor drehte ihn auf den Bauch und band seine Hände hinter
seinem Rücken mit Kunststofffesseln zusammen, die
plasticuffs,
flexicuffs
oder Zip-Riemen heißen
und Handschellen gegenüber den Vorteil haben, dass sie leichter und
einfacher zu handhaben sind. Der Nachteil an den Zip-Riemen ist,
dass sie natürlich nicht so stark sind wie herkömmliche
Handschellen, dafür sind sie gefährlicher, weil sie viel eher
bleibende Schäden an Nerven und Gewebe des Gefesselten
verursachen.
Karl Viktor machte sich darum keine Gedanken, fesselte auch Terjes
Beine an den Knöcheln und verband die Fesseln der Füße und Hände
miteinander.
Als Nächstes durchsuchte er die Taschen des Mannes und nahm die
Autoschlüssel und den Ausweis heraus, der bestätigte, dass der Mann
Terje Joensen hieß und Kriminalpolizist war. Er dachte darüber
nach, ob er kurz ins Haus zurückkehren sollte, um etwas zu suchen,
womit er den Mann knebeln könne, betrachtete das aber als unnötigen
Umstand.
Wenngleich er vom Aussehen her nicht gerade vor Gesundheit zu
strotzen schien, war Karl Viktor ein bärenstarker Mann. Er hob
Terje Joensen mit Leichtigkeit hoch, ging mit ihm zum Auto und
schaffte es, den Kofferraum aufzuschließen, ohne seine Bürde
abzulegen. Mit einiger Geschicklichkeit gelang es ihm, den
bewusstlosen Mann in den Kofferraum zu wuchten. Dann setzte er sich
ans Steuer und ließ den Motor an. Karl Viktor war ein Auto mit
Kupplung nicht gewöhnt. Als er zurücksetzte, um auf dem Vorplatz zu
wenden, drehten die Reifen durch und ließen einen Hagel von Kies
auf das Haus niedergehen. Karl Viktor kuppelte aus, schaltete vom
Rückwärtsgang in den ersten, ließ den Gang diesmal vorsichtig
kommen und begann, den Abzweig herunterzufahren.
*****
Nach unzähligen Versuchen gelang es Randver endlich, beim
Telefonanbieter Síminn durchzukommen und mit einem Mann verbunden
zu werden, der ihm Auskunft geben konnte, ob man auf dem Land von
Steinkross in Rangárvellir GSM-Empfang hat. Man hatte
keinen.
Randver versuchte auch, den Reitbetrieb Steinkross über Festnetz zu
erreichen, aber es nahm niemand ab.
»Seltsam, dass keiner ans Telefon geht«, sagte Randver.
»Daran muss gar nichts seltsam sein«, sagte Víkingur. »Die Leute
auf dem Land sitzen nicht den ganzen Tag im Haus und warten darauf,
dass das Telefon klingelt.«
»Du kannst auf der Heide ein bisschen auf die Tube drücken«, sagte
Randver. »Wenn uns die Kollegen aus Selfoss stoppen, rede ich mit
ihnen.«
»Schau mal auf den Tacho«, sagte Víkingur.
Randver kniff die Augen zusammen, um den Tacho besser ablesen zu
können.
»Ui, verdammt«, sagte er. »Das ist ja eine Luxus
karosse.
Man spürt die Geschwindigkeit überhaupt nicht. Aber wir müssen
sicher nicht rasen, als ginge es um Leben oder Tod«, fügte er
hinzu.
*****
Terje war noch nicht wieder zu Bewusstsein gekommen, als Karl
Viktor ihn aus dem Kofferraum hob und ihn wie ein Kind auf seinen
Armen in den Thronsaal des Schlosses Bran trug.
Er legte seinen Gefangenen auf einer Bank ab, die an der Wand
stand, und schnitt die Fesseln an seinen Händen auf. Manövrierte
ihn in eine sitzende Position mit dem Rücken an die Wand gelehnt.
Holte dann Werkzeug und begann, die rechte Hand des Gefangenen an
die Wand zu nageln.
Terje erwachte durch einen schneidenden Schmerz in seiner rechten
Hand, dann in seiner linken. Die Qual war unerträglich, und er
schrie aus voller Kehle. Dann verlor er wieder das Bewusstsein. Für
einige Sekunden oder einige Minuten.
Karl Viktor nahm auf dem Thron Platz und betrachtete seinen
Gefangenen.
Er spricht isländisch und sieht wie ein Isländer aus, dachte er.
Sollte ich nicht nachsehen, ob er beschnitten ist? Nein. Das bringt
nichts. Das ist ein Kundschafter, ein Schnüffler, den die Feinde
gegen mich ausgesandt haben.
Sie sind viel zu clever, mir jemanden zu schicken, der ihnen
ähnlich sieht. Ich muss herausfinden, wer ihn geschickt hat. Ist
der Feind bereits nach Island gekommen?
Der Feind ist natürlich überall nah, aber hat er schon einen Posten
in Island? Der Kampf wird härter. Mit dem Hammer von Karl Martel
kreuzige ich sie. Mit der Lanze von Vlad Tepes pfähle ich sie. Im
Namen des Heiligen Römischen Kaiserreichs besiege ich
sie.
Die Gedanken flogen wie Kometen durch Karl Viktors Gehirn. Er zog
mit Karl Martel in die Schlacht von Tours am 10. Oktober 732 und
stoppte die Invasion der dunklen Feinde aus dem Süden. Er stand
Seite an Seite mit Admiral Don Juan de Austria auf der
Heckplattform bei der Seeschlacht von Lepanto am 7. Oktober 1571
und stoppte die Invasion aus dem Osten. Und er stürmte mit den
Helden Jan Sobieski, dem König der Polen, und Karl V. von
Lothringen am 11. September 1683 gegen die Muslime, um ihre
Belagerung Wiens zu durchbrechen und ihre Pläne, Europa zu erobern,
zunichtezumachen. Sie gaben dennoch nicht auf, diese Teufel. Sie
hielten nur eine Weile inne und leckten ihre Wunden.
Nach geraumer Zeit, am 11. September 2001, erklärten sie erneut den
Krieg und ihr Vorhaben, sich die westliche Welt zu unterwerfen und
die westliche Kultur auszurotten.
Das Datum war symbolträchtig. 11/ 9 oder 9/ 11 war eine heilige
Zahl. Sie wollten die Niederlage bei Wien am 11. September 1683 in
einen Sieg ummünzen. Die Ziffer »1« steht für einen Anfang und die
Ziffer »9« für das Ende. »1« und »1« bedeutet einen erneuten
Beginn.
Neuer Beginn. Anfang und Ende. Alpha und Omega.
Islam und Christentum.
Die Helden waren verschwunden. Karl Martel, Don Juan, Jan Sobieski
und Karl V.
Karl Viktor war allein zurückgeblieben. Die Zahl der Feinde war
Legion. Tausend Millionen stürmten gegen ihn an.
Er allein hielt die Stellung im Norden, Carol Viktor Maximilian
Meinrad de Plantagenet Anjou, Herzog von Staufen-Hohenzollern,
Prinz von Habsburg-Siebenbürgen, Kronprinz des Heiligen Römischen
Kaiserreichs, in seinem Thronsaal im Schloss Bran, und spürte, dass
die Feinde sich näherten.
Er stand auf und ging zu seinem Gefangenen, der zu Bewusstsein zu
kommen schien und wie ein Säugling greinte.
»Wer hat dich geschickt?«, fragte Karl Viktor.