Dreizehn


Die Maschine aus Kopenhagen landete um 22:36 Uhr auf dem Flughafen Keflavík.


Sie hatten während der Reise nicht viel miteinander gesprochen. Auf dem Flughafen in Kopenhagen hatte Þórhildur gesagt, sie wolle kurz in die Geschäfte schauen, und hatte Víkingur über einer Tasse schlechten Kaffees sitzen lassen.


Als sie wiederkam, nahm er eine deutliche Fahne an ihr wahr. Auch Tabakgeruch. Sie hatte wohl geraucht.


Sie war nicht erkennbar betrunken. Dieses Versteckspiel ging ihm auf die Nerven.


»Þórhildur, Liebes, glaubst du wirklich, ich merke nicht, dass du getrunken hast? Warum können wir nicht darüber reden?«


»Seit wann habe ich keine Genehmigung zum Trinken?«


»Ich fürchte, du musst dich in Behandlung begeben.«


»Behandlung? Du weißt doch gar nicht, wovon du da redest. Ich weiß mehr über Alkoholismus als alle Selbsthilfegruppen in Island zusammen. Ich kann das alles auswendig. Ich muss mich nur ein bisschen herunterfahren.


Das musst du verstehen.«


»Nur heute, meinst du?«


»Ja. Ich muss mich erholen. Morgen geht es mir wieder gut.«


»Kann ich mich darauf verlassen?« »Ja, selbstverständlich.«


Zum ersten Mal in seinem Leben traute Víkingur seiner Frau nicht. Es war ein schmerzhaftes Gefühl.


Bei der Ankunft in Keflavík fühlte sich Víkingur wie auf heißen Kohlen. Er befürchtete, dass Randver doch jemanden geschickt haben könnte, um sie zu empfangen, oder dass er selbst gekommen sein könnte. Er war erleichtert zu sehen, dass Randver sich an die Anweisung gehalten hatte.  


Þórhildur ging vor ihm Richtung Zoll und schob das Wägelchen mit ihrem Gepäck vor sich her.


Hoffentlich halten sie uns nicht auf. Nicht in unserem Gepäck herumwühlen, dachte Víkingur. Er wollte Þórhildur unverzüglich nach Hause bringen und dann so schnell wie möglich zum Tatort fahren.  

 


Drei Zöllner hatten beim grünen Tor ­ keine zu verzollenden Waren ­ Dienst. Zwei Frauen, die Víkingur nicht kannte, und ein älterer Mann, mit dem er schon einmal gesprochen hatte, der Björn hieß, nein, Bjarni.


Eine der Frauen hielt Þórhildur an und bat sie, den Koffer in das Durchleuchtungsgerät zu schieben. Wahrscheinlich war es die Sonnenbrille, die Þórhildur um elf Uhr nachts auf der Nase trug, die die Aufmerksamkeit der Zöllnerin auf sich gelenkt hatte. Denkbar, dass sie bemerkt hatte, dass Þórhildur und Víkingur ein Paar waren, und deutlich machen wollte, dass auch die Frau des Polizeidirektors von Reykjavík nicht von der Zollkontrolle ausgenommen sei. Terje von der Kripo behauptete, dass Uniformen Frauen dahingehend beeinflussten, dass sie viel eher als Männer dazu neigten, die Macht, die ihnen die Uniform gab, auch zu demonstrieren.


»Da sind zwei Flaschen im Koffer«, sagte die Zöllnerin. »Was für Flaschen sind das?« »Sollen wir den Koffer nicht einfach öffnen und schauen, was drin ist?«, fragte Þórhildur. »Du hast die Schlüssel, Víkingur.«


Þórhildur war die Einzige, die am grünen Tor angehalten worden war. Die Nachfolgenden schoben ihre Wägen einer nach dem anderen an ihnen vorbei in die Freiheit und schienen die Regel zu kennen, von der Terje sagte, dass es die Grundregel sei, um zu vermeiden, dass die Zöllner das Gepäck durchsuchten, nämlich den Blickkontakt mit den uniformierten Damen zu vermeiden.


»Frauen in Uniform sind lebensgefährlich; sie sind viel gewissenhafter als die Männer und wollen mehr als sie finden und deswegen kontrollieren sie ständig. Die Männer empfinden das Durchsuchen als lästig, die Frauen aber sind neugierig und haben Spaß daran, nachzusehen, was die Leute dabeihaben.«


Der Koffer von Þórhildur lag jetzt auf dem Tisch und Víkingur grub in seinen Taschen nach dem Schlüssel, bis er ihn endlich fand.


Nachdem der Koffer geöffnet worden war, fand die Dame vom Zoll schnell die Flaschen und stellte sie neben dem Koffer auf den Tisch. »Was enthalten diese Flaschen?«, fragte sie.


»Das ist Essig, Balsamico-Essig«, sagte Víkingur. »Bekommt man in allen besseren Lebensmittelgeschäften und kostet im Ausland nicht einmal viel, obwohl er hierzulande so teuer ist.«


»Okay«, sagte die Zöllnerin und begann, im Koffer zu wühlen. »Hast du sonst noch etwas im Koffer?«


»Ist das hier nicht das grüne Tor?«, fragte Þórhildur.


»Das ich genommen habe, weil ich nichts zu verzollen habe.«


Der Zöllner Bjarni sah, dass Víkingur einen Gesichtsausdruck wie eine Donnerwolke hatte, während die gewissenhafte Zöllnerin den Kofferinhalt inspizierte. Bjarni schlenderte zu ihnen und nickte Víkingur zu.


»Ich grüße dich.«


»Grüß dich, Bjarni. Eure Kontrollen sind ja wirklich sehr gewissenhaft.«


»Ja, die Mädels sind absolut pflichtbewusst. Sie machen hier Sommervertretung und machen ihre Sache sehr gut.


Was ist eigentlich da unten in Grafningur los? Man hört, dass dort mindestens drei Leichen in einem Sommerhaus gefunden wurden.«              


»Das ist ja genau das, weswegen wir uns mit der Heimreise so beeilt haben. Ich weiß noch wenig darüber, und man erwartet uns vor Ort. Þórhildur ist Gerichtsmedizinerin. Ihr braucht hoffentlich nicht lange, um uns durchzulassen. Ich glaube, ich kann euch versichern, dass wir keinerlei zu verzollende Waren dabeihaben. Die Zeit ist kostbar.«


Er nahm wahr, dass diese Bemerkungen die gewissenhafte Zöllnerin dahingehend beeinflusst hatten, dass sie nun jeden einzelnen Kleiderstapel aus Þórhildurs Koffer in die Hand nahm und nach einem doppelten Boden oder einem Geheimfach suchte. Diese Suche brachte keinen Erfolg, sodass sie den Koffer schloss, Víkingur ansah und sagte: »Dann bist du also der Nächste?«


»Es wird wohl genügen, den Koffer des Polizeidirektors zu durchleuchten«, sagte Bjarni, um die Dame darüber zu unterrichten, wer ihr Gegenüber sei, griff selbst nach dem Koffer und schob ihn zum Durchleuchtungsgerät. »Wir brauchen nicht alles zu öffnen, was diese schönen Geräte durchlaufen hat.«


»In meinem Koffer ist eine Flasche guter Genever«, sagte Víkingur. »Ein Geschenk für einen Freund von mir. Nur eine Flasche Alkohol. Wir haben nichts im Duty-free gekauft. Wir müssen uns zur Arbeit beeilen, und eine Flasche Genever ist noch weit innerhalb der Einfuhrgrenzen.«


»Genever«, sagte Bjarni. »Ja, da sehe ich die Flasche.


Wer trinkt denn heutzutage noch Genever?«


»Randver, der mag den gern. Du kennst ihn, nicht wahr?«


»Und wie ich ihn kenne«, sagte Bjarni. »Ich habe Randver schon gekannt, als wir kleine Jungs waren, und seinen Bruder auch. Es gab damals in Reykjavík nicht gerade viele Zwillinge.«


»Okay«, sagte die Zöllnerin, ohne Víkingurs Koffer zu öffnen. »Dann ist nur noch das Handgepäck übrig.


Darf ich kurz in deine Handtasche schauen?«, fragte sie Þórhildur.


»Ich mache das«, sagte Bjarni und griff vor seiner Kollegin nach der Handtasche, die Þórhildur hinhielt. »Wir müssen das schnell abschließen, liebe Habba, die beiden haben es eilig, es handelt sich um Polizisten auf dem Weg zu einem Einsatz.«


Bjarni inspizierte die Handtasche der Form halber, lugte nur gerade so hinein, reichte sie zurück und griff dann nach dem Rucksack von Víkingur, der sein Laptop enthielt, einige Unterlagen und ein paar Packungen Tabletten gegen seine Depression, die er morgens und abends nahm.


»Danke«, sagte Bjarni und reichte Víkingur den Rucksack zurück. »Willkommen zuhause. Ich hoffe, wir haben euch nicht allzu lange aufgehalten.«


»Kein Problem«, sagte Víkingur. »Ich freue mich immer, dich zu sehen, Bjarni. Ist denn ansonsten alles in Ordnung?« »Doch, doch«, sagte Bjarni. »Es ist natürlich alles ganz anders als früher. Es sind so viele Menschen geworden, sowohl die Reisenden als auch diejenigen, die hier arbeiten. Man kennt kaum noch eine Seele hier.«


Als sie in der Empfangshalle ankamen, bat Víkingur Þórhildur, beim Gepäck zu warten, während er das Auto holen wollte.


»Mir ist noch nie das Gepäck durchsucht worden«, sagte Þórhildur. »Was ist hier eigentlich los?«


»Ich könnte mir vorstellen, dass die Zöllner die Anweisung haben, alle Reisenden anzuschauen, die nachts mit einer schwarzen Sonnenbrille unterwegs sind. Nachts in einem Gebäude mit einer Sonnenbrille herumzulaufen ist ein bisschen so, als trügest du eine Maske«, sagte Víkingur. »Ich bin gleich wieder mit dem Auto da. Ich rufe auch gleich Randver an, um ihm zu sagen, dass ich unterwegs bin.«


Víkingur holte sein Auto, einen BMW 330, der während seiner Abwesenheit von oben bis unten gewaschen und auf Hochglanz poliert worden war.


»Ich komme mit«, sagte Þórhildur.


»Nein, Liebling, ich bitte dich, tu das nicht. Es ist nicht unbedingt erforderlich, dich vor Ort zu haben.


Der ganze Tatort ist von vorne bis hinten fotografiert, gefilmt und dokumentiert worden. Was jetzt noch fehlt, sind die Ergebnisse der Obduktion. Das Beste, was du tun kannst, ist die heutige Nacht zu Hause zu verbringen. Dich einmal in Ruhe ausschlafen und dann morgen in guter Form zur Obduktion erscheinen. In Topform.


Meinst du, das könnte klappen? Es handelt sich um drei Leichen. Wir brauchen den Zeitpunkt des Todes und Informationen darüber, woran die Männer gestorben sind.« »Ich fange dann morgen um elf mit der Arbeit an«, sagte Þórhildur.


»Ich schicke jemanden, der die Obduktion protokollieren wird und dich um 10:30 Uhr anruft, um den Zeitpunkt der Obduktion zu bestätigen. Es kann aber auch gut sein, dass ich schon zu Hause bin, und dann werde ich dich selbstverständlich wecken.«


Sie waren schnell in der Stadt, denn Víkingur fand es vertretbar, das Blaulicht aufs Autodach zu setzen.


Als sie sich vor dem Haus in der Mjóstræti verabschiedeten, nahm Þórhildur ihre Sonnenbrille ab und umarmte ihren Mann. »Entschuldige, ich weiß nicht, was mit mir geschehen ist. Es muss absolut schrecklich für dich gewesen sein. Jetzt bin ich wieder da. Irgendwie muss man da durch. Du weckst mich, wenn du heute Nacht oder morgen früh nach Hause kommst, bevor du wieder zur Arbeit gehst.«


Víkingur verabschiedete Þórhildur mit einem Kuss und hielt sie einen Augenblick in den Armen. Ihre Alkoholfahne war sehr schwach. Alle können einmal einen Rückfall haben. Es ist das Natürlichste auf der Welt, wenn ein Abhängiger ab und an wieder ein Sklave seiner Sucht wird. Das Wichtigste ist, die Krankheit nicht schlimmer werden zu lassen.


*****


Nachdem Víkingur die Kollegen vor Ort begrüßt und die schaurige Aufstellung der Toten in Augenschein genommen hatte, eilte er zum Auto zurück, öffnete das Handschuhfach und nahm eine kleine Dose mit Eukalyptus-Salbe heraus, die er sich in die Nasenlöcher strich, um schnell den Verwesungsgeruch loszuwerden. Auf dem Weg zurück zum Sommerhaus begegnete er einem Mann in einem weißen Hemd, der trotz der nächtlichen Kälte ohne Jacke unterwegs war. Er hielt eine große Katze im Arm.


»Guten Abend«, sagte der Mann. »Oder sollte man vielleicht besser >Gute Nacht< sagen?«


»Guten Abend. Wer bist du?«


»Wir sind uns schon einmal begegnet. Ich bin Hervar Guðmannsson, der Verleger, und besitze das Ferienhaus, das dort steht. Ich habe die Polizei gerufen. Das hier ist mein Glámur. Wenn er nicht dort hineingegangen wäre, um die Lage zu begutachten, wäre dieses Horrorszenario unentdeckt geblieben und von Tag zu Tag schlimmer geworden. Glámur ist nämlich ein Jagdkater und heute Morgen hat er meiner Frau einen Daumen gebracht.«


»Wo ist deine Frau jetzt? Sie heißt Ásdís, nicht wahr?«


»Sie ist am späten Nachmittag nach Reykjavík gefahren. Ihre Schwester, die hierherkam und sie abholte, wollte auch mal einen Blick in die Blockhütte werfen, aber da stand irgendeine Frau an der Tür, die ihr verbot, hineinzuschauen. Das finde ich ein bisschen unverschämt. Wenn ich die Polizei nicht heute Morgen angerufen hätte, wären diese Leichen in der nächsten Zeit über haupt nicht gefunden worden.«  


»Das Haus ist der Schauplatz eines Mordes«, sagte Víkingur. »Da müssen sehr strenge Regeln gelten, wer dort Zutritt erhält und wie man sich dort zu verhalten hat. Die Gefahr ist, dass Unbefugte Beweismaterial vernichten können.«  

 


»Wir haben kein Beweismaterial vernichtet. Im Gegenteil war es dieser Prachtkerl hier, Glámur, der das erste Beweisstück fand.«


»Weißt du, wer die Männer da drin sind?«, fragte Víkin gur. »Kennst du sie oder einen von ihnen? Hast du sie früher schon einmal hier gesehen?«


»Ich habe natürlich Elli vom Octopussy erkannt, sobald ich ihn sah, obwohl ich ihn nie persönlich getroffen habe. Alle kannten ihn. Der Mann war doch so viel in den Medien. Über die anderen weiß ich nichts. Das muss die Ostblockmafia gewesen sein, die das gemacht hat.«


»Warum meinst du das?«


»Isländer machen so etwas nicht. Die Männer sind lebendig festgenagelt worden. Auch wenn irgendwelche Feministinnen und Truckerlesben den armen Elli nicht ausstehen konnten, weil er diesen Pornoschuppen in Kópavogur betrieb, traue ich ihnen kaum zu, so weit zu gehen.«


»Weißt du denn, wem das Sommerhaus gehört?«


»Das war irgendeine berühmte, an Gartenbau interessierte Familie, die es vor fünfzig oder sechzig Jahren gebaut oder aus Norwegen importiert hat, glaube ich. Aber die Familie hat sich hier nie aufgehalten, und ich habe gehört, dass die Hütte jetzt Lalli im Leder gehört. Der sammelt im ganzen Land Immobilien wie andere Leute Rubbellose kaufen.«


»Hast du ihn hier gesehen? Oder einen seiner Angehörigen?«


»Nein, nie. Ich glaube fast, der Immobilienmakler hat mir von ihm erzählt, als ich letztes Jahr unser Ferienhäuschen gekauft habe. Ich kann mir gut vorstellen, dass irgendwer von diesen Yuppies die Hütte für einen überhöhten Preis kauft, um sie abzureißen und eine Villa zu bauen. Das würde ich tun, wenn ich Spekulant wäre.«


»Von wem habt ihr euer Ferienhaus gekauft?«


»Das war ein Mann, der mit seiner Familie nach Luxemburg umzog und Geld lockermachen wollte. Mir hat das Häuschen gleich gefallen. Es ist modern, nicht groß. Das passt uns gut, denn dann wird man auch von den Leuten aus Reykjavík, die einen Wochenendtrip mit dem Auto machen und dann Kaffee schnorren oder sogar übernachten wollen, in Ruhe gelassen. Ich empfange Gäste in Reykjavík, aber hier will ich in Frieden gelassen werden. Wir kommen einfach hierher mit Glámur, der in meiner Firma der Manager und Berater dafür ist, welche Bücher erscheinen sollen.«


»Kann er lesen?«


»Nein, ich würde nicht sagen, dass er auf traditionelle Weise des Lesens mächtig ist. Aber er ist sensibel, sage ich dir. Ungewöhnlich sensibel. Und jetzt will Ásdís, dass ich ihn einschläfern lasse. Sie sagt, sie will nicht von Menschenfressern umgeben sein. Da drinnen im Sommerhaus sind irgendwelche Raubtiere gewesen und haben sich an den Leichen und den Blutlachen bedient. Mein Glámur macht so etwas nicht.«


»Wart ihr nur zu zweit, du und deine Frau?«


»Ja. Und Glámur.«


»Seid ihr gestern Abend angekommen?« Víkingur sah auf seine Uhr. »Oder besser gesagt vorgestern Abend?«


»Ja. Wir kamen eher spät und sahen keine Anzeichen, dass hier Menschen wären. Eigentlich haben wir noch nie bemerkt, dass jemand in diesem Sommerhaus gewesen ist. Der Banker ist manchmal mit seiner Familie in seiner Villa, und seine Frau auch manchmal allein mit den Kindern, wenn er auf Geschäftsreise ist, vermute ich.              


Aber wir haben keinen Kontakt mit ihnen. Wir kommen hierher, um Ruhe vor dem Stress und Affentheater in Reykjavík zu haben.«


»Die Schuhe, die du trägst, sind das die Schuhe, mit denen du heute Morgen ins Sommerhaus gegangen bist?«


Hervar blickte auf seine Schuhe herab. »Ja, diese Schuhe hatte ich heute Morgen an.«


»Wir müssen dich bitten, sie uns zu übergeben. Gleiches gilt für die Schuhe deiner Frau, wenn du dich erinnern kannst, welche sie trug, es sei denn, sie ist in ihnen in die Stadt gefahren.«


»Ja, das verstehe ich«, sagte Hervar kooperativ. »Ich bin mir fast hundertprozentig sicher, dass Ásdís ihre Hausschuhe anhatte. Ich werde sie raussuchen und bei euch abliefern. Es hat sogar schon irgendeine Frau, Dagný, heute unsere Namen und Telefonnummern notiert.«


»Ja, das ist richtig.«


»Wir werden hoffentlich nicht verdächtigt, an dieser Sache beteiligt zu sein?«, fragte Hervar und lächelte sein freundlichstes Lächeln.


»Nein, wohl kaum«, antwortete Víkingur. »Außer es tauchen irgendwelche speziellen Verbindungen auf.«


»Wenn drei Schriftsteller da drin gekreuzigt worden wären, wäre ich der Hauptverdächtige«, sagte Hervar.


»Weil du Verleger bist?«, fragte Víkingur. »Sag mir bitte, weshalb du das Wort >gekreuzigt< gewählt hast.«


»Ich weiß nicht. Die da drin sind nicht an Kreuze genagelt worden, aber sie sind >befestigt< oder >festgenagelt< worden. Das erinnert an eine religiöse Zeremonie.


Vielleicht ist es doch nicht die Ostblockmafia, die da am Werk war, sondern irgendeine Sekte. Eine Kreuzigung ist ja eine Methode zu töten.«


Randver stand in der Tür. »Ich glaube, das Gelände ist abgekämmt worden und die Leichen können jetzt ohne Weiteres in den Transporter gebracht werden. Wir sind mit dem Zusammenräumen schon fast fertig und sollten in etwa einer halben Stunde aufbrechen können. Hier werden zwei Leute in der Nacht Wache halten, weil die Spurensicherung morgen wiederkommt.«


»Dann nichts wie los«, sagte Víkingur. »Morgen wird ein langer Tag.«


»Ja, Amsterdam, übrigens«, sagte Randver. »Ich bin noch nicht dazu gekommen, zu fragen, was bei der Hollandreise herausgekommen ist.«


»Ich weiß nicht, was ich sagen soll«, antwortete Víkingur. »Das hat sich alles so ergeben, wie wir es eigentlich erwartet haben. Ich fand es nie besonders wahrscheinlich, dass dieser Leichnam, auf den uns die holländische Polizei hinwies, Þórhildurs Sohn Magnús sei. Wir haben ihn uns natürlich angeschaut. Es war nicht Magnús.


Trotzdem denkbar, dass die Leiche auf irgendeine Art und Weise mit Island verbunden ist, denn sie trug irgendeine Art Rune oder Zeichen. Das alles hat Þórhildur ganz schön mitgenommen, aber ich hoffe, dass sie morgen wieder zur Arbeit erscheint und dann die Obduktionen übernimmt. So ab elf Uhr, sagte sie.«


»Es ist gut, wenn sie das macht«, sagte Randver.


»Entschuldige, Víkingur«, sagte Terje und hielt die Haustür des Sommerhauses auf. »Dieses Runenzeichen in Amsterdam, ähnelte das diesem Gekritzel?«


Die Tür des Sommerhauses hatte den ganzen Tag sperrangelweit offen gestanden und niemand hatte der Tatsache Beachtung geschenkt, dass auf ihre Innenseite mit einem Messer oder einem Schneidwerkzeug diese Zeichen geritzt worden waren:

 

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Sie waren offenkundig in Eile und mit beschränkter Kunstfertigkeit gemacht worden.


»Die Runen erinnern an das Gekritzel, das ich in Holland sah«, sagte Víkingur. »Aber so eine Zeichnung habe ich noch nicht gesehen. Sie scheint irgendeinen Vogel darzustellen.«


»Schade, dass Theódór jetzt nicht hier bei uns ist«, sagte Guðrún Sólveig von der kriminaltechnischen Abteilung. »Er würde diese Zeichen sofort erkennen. Sonnenklar, dass das Runenzeichen sind.«


»Wir rufen ihn und lassen ihn sie begutachten«, sagte Víkingur.


»Wir nehmen diese Tür morgen mit in die Stadt«, sagte Dagný. »Und kriegen Theódór dazu, vorbeizukommen und sich das anzuschauen.«


»Es ist Zeit, dass wir nach Hause kommen, denn der Schlaf wird knapp bemessen sein«, sagte Randver. »Wir haben eigentlich um acht Uhr eine Besprechung. Wohl am besten, sie auf neun Uhr zu verschieben. Haben das alle gehört? Also, sagt es bitte weiter: Die morgendliche Besprechung wird auf neun Uhr verschoben! Und dann müssen wir auch bald die Angehörigen finden, um die Leichen zu identifizieren.«


Terje grinste. »Genügend Leute werden Elli vom Octopussy identifizieren können. Lässt nicht der halbe Gemeindevorstand von Kópavogur bei ihm anschreiben? Andererseits könnte es länger dauern, bis wir jemanden finden, der die Geldeintreiber, Goldköpfchen und Bäcker, kennen will.«


Im Inneren des Sommerhauses waren Sanitäter damit beschäftigt, die Nägel aus den Händen und Füßen der Leichname zu lösen, um sie auf Tragbahren zu legen.


Sveinn, der in Abwesenheit von Þórhildur als Sachverständiger fungierte, leitete die Aktion und wollte verhindern, dass sie weitere Prellungen bekamen. Als man Elli von Tisch und Boden gelöst hatte, ordnete Sveinn an, ihn bäuchlings auf die Bahre zu legen. Sein Hosenboden war aufgeschnitten worden. Der Rechtsmediziner leuchtete mit einer Taschenlampe in den Schnitt hinein.


»Was ist denn das bitte?«, sagte er, als er sich wieder aufrichtete.


»Was denn?«


»Das, was wir nicht gesehen haben, als die Leiche auf dem Stuhl saß. Jemand hat einen Stock oder besser gesagt einen Stab in den Mastdarm des Mannes getrieben. Der Mann ist aufgespießt worden. Oder gepfählt oder wie man das nennt.«


»Ich habe nur einmal in meinem Leben eine Leiche gesehen, die so zugerichtet war«, sagte Víkingur. »Das war gestern. In Holland.«


»Was? Ich dachte, Dracula wäre der Letzte gewesen, der seine Feinde gepfählt hat«, meinte Terje. »Vielleicht ist er jetzt nach Island gekommen.«


»Was ist das für ein Blödsinn?«, sagte Randver.


»Das ist kein Blödsinn«, antwortete Terje. »Die Realität ist den Kinofilmen immer voraus. Graf Dracula hatte die Angewohnheit, seine Feinde zu quälen, indem er einen Stock oder Stab von hinten in sie stach, und dann ergötzte er sich daran, wie sie sich wanden.«


»Dieser Adlige, Vlad Tepes, ist schon seit vielen hundert Jahren tot«, sagte Víkingur. »Gestern habe ich einen Toten ohne Arme und Beine in Holland gesehen, der so zugerichtet worden ist. Und darüber hinaus: Der Leichnam, den Þórhildur und ich betrachtet haben, war mit einer Art Runenschnitzerei verziert, nicht unähnlich der, die hier auf der Haustür ist.« »Ich wäre schwer enttäuscht, wenn der alte Theódór diese Runen nicht schnell enträtselt«, sagte Randver. »Ich wette, das ist so eine Neonazischeiße und bringt uns auch nicht wirklich weiter.«


»Wir machen hier heute Nacht nichts mehr«, sagte Víkingur. »Die Spurensicherung kommt morgen nach der Besprechung hierher, um ihre Untersuchungen abzuschließen. Dagný, der ganze Ablauf und die Protokollierung sind vorbildlich. Ich danke dir dafür. Es ist ein harter Tag gewesen und ich stimme mit Randver überein, dass wir die Besprechung morgen früh um neun Uhr halten sollten. Wir sehen uns dann. Danke so weit für heute.«   

 


*****


Þórhildur schlief, als Víkingur nach Hause kam. Er war erleichtert, dass er nicht mit ihr darüber sprechen musste, wie sich die Dinge in Amsterdam entwickelt hatten.


Er ging ins Badezimmer, um sich die Zähne zu putzen.


Die Handtasche von Þórhildur stand dort. Víkingur verschloss die Tür und drehte den Wasserhahn der Badewanne auf. Dann griff er nach der Handtasche.


In der Tasche klimperte es, als er sie vom Regalbrett neben dem Waschbecken nahm. Auf ihrem Boden lagen zwei Fläschchen Gin, wahrscheinlich aus der Minibar des Hotels.


Ferner eine Pappschachtel mit der Aufschrift »Aspirin«. Er öffnete die Schachtel und sah, dass die Tabletten kleiner als Aspirin-Tabletten waren. Auf der Rückseite des Durchdrückstreifens stand Apozepam. Ein anderer Name für Diazepam oder Valium, Beruhigungsmittel.


Außerdem fand er auch zwei Tablettenröhrchen aus Plastik. Auf dem einen stand Ritalin, das bekanntlich Amphetamin für Kinder enthält.


Die Handtasche hatte eine Innentasche mit Reißverschluss. Víkingur zog den Reißverschluss auf. In der Innentasche waren Lippenstift, Wimperntusche und ein Spiegelchen, Münzen und ein Paket Papiertaschentücher.


Außerdem ein kleiner papierener Umschlag, die klassische Verpackung für illegale Stoffe.


Víkingur öffnete den Umschlag und erkannte das weiße Pulver. Er schnupperte daran, konnte aber nichts riechen, feuchtete seine Fingerspitze an, stippte den Finger in das Pulver und testete dann mit der Zunge. Er hatte keinen sensiblen Geschmackssinn, aber die Taubheit an seiner Zungenspitze sagte alles. Amphetamin oder Methamphetamin.


Unterhalb des Futters der Handtasche waren zwei weitere Umschläge derselben Art.


Die Gerichtsmedizinerin, in Begleitung ihres Ehemannes, Polizeidirektor von Reykjavík, hatte Drogen durch den Zoll geschmuggelt. Die Konsequenzen waren simpel: fristlose Kündigung. Sowohl für sie als auch für ihn.


Víkingur stöhnte. Offensichtlich hatte Þórhildurs Drogenkonsum nicht gerade erst begonnen, sondern musste schon eine lange Vorgeschichte haben.


Die Umschläge zerriss er und warf sie mitsamt ihrem Inhalt in die Toilette.


Er drehte den Wasserhahn an der Badewanne ab. Er hatte gar nicht baden wollen. Der einzige Zweck war es gewesen, mit dem Plätschern zu vertuschen, dass er in ihrer Tasche herumkramte.