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Als das Telefon läutete, saß Weston auf dem Balkon seines Hotelzimmers. Sofort fiel ihm ein, daß er Stephanie anrufen mußte, dieses Gespräch aber immer wieder aufgeschoben hatte. Er stellte sein Glas ab, lief ins Schlafzimmer, setzte sich aufs nächste Bett und nahm den Hörer ab. »Hallo, Liebling! Ich hab versucht, dich anzurufen, bin aber nicht durchgekommen.«

Übertrieben lispelnd antwortete eine Männerstimme: »Ich bin vor Kummer fast gestorben.«

»Wer … Wer ist da?«

Schallendes Gelächter.

»Jason? … Entschuldige die Begrüßung, aber ich dachte, du wärst Stephanie.«

»Dies eine Mal werde ich dir noch glauben. Komm runter, wir wollen essen gehen.« Damit legte er auf.

Weston kehrte auf den Balkon zurück, nahm sein Glas und leerte es. Typisch Farley, gar nicht erst zu fragen, ob er dazu jetzt Lust hatte.

Farley, in schreiend buntem Hemd, grauer Leinenhose, die ihm in der Taille zu eng war, und Sandalen, plauderte mit der Dame am Empfang, die ihn freundlich anlächelte. Er machte eine letzte Bemerkung, die von der Frau mit lautem Lachen quittiert wurde, dann kam er quer durchs Foyer zu Weston herüber. »Probieren wir’s mal mit der Casa Pepe

Ein verbeulter Renault 18 Kombi parkte unmittelbar vor dem Hotel im Halteverbot. »Sieht nach nichts aus, läuft aber wie geschmiert.« Farley tätschelte das Autodach, als wär’s die Kruppe seines Lieblingspferdes. »Hier draußen was Besseres zu fahren, ist sinnlos. Die Mechaniker kennen nicht mal den Unterschied zwischen ’ner Kerze und ’ner Kurbelwelle, und auf den Straßen ist es das reinste Hindernisrennen.«

Sie folgten der Hafenstraße bis zu einem Baumgürtel, der das Westende von Restina markierte, dann wandten sie sich landeinwärts. »Normalerweise kann man in diesen Freßbuden hier nicht für das Essen garantieren«, erläuterte Farley, »aber die Casa Pepe ist ganz vernünftig. Die Wahl beschränkt sich wenigstens nicht auf Eier mit Chips oder anglisierte Paella.«

»Das Essen im Hotel ist nicht schlecht«, bemerkte Weston.

»Niemals beschweren, niemals erklären, niemals öffentlich den Sergeant vermöbeln, eh?«

Das war das inoffizielle Motto der Kadetten von St. Brede’s gewesen. (Das offizielle: Ad unum omnes.)

»Erinnerst du dich an Choppy?« fuhr Farley fort.

Weston überlegte. »Choppy Armitage?«

»Als er dem Major lauthals erklärte, wohin er sich scheren und was er tun sollte, wenn er dort ankäme …«

Farley fuhr fort, sich in Erinnerungen zu ergehen. Weston, der viele Vorkommnisse vergessen hatte, wunderte sich darüber, denn diese Art von Nostalgie paßt so gar nicht zu Farley.

Einige Kilometer weiter fuhren sie wieder in Richtung Küste zurück. Das Restaurant lag auf halber Höhe an einem von Pinien bewachsenen Hang mit Blick auf die Bucht. Es verfügte über einen Außenpatio, wo die meisten Tische besetzt und die anderen vorbestellt waren, so daß der Oberkellner ihnen, erst nachdem Farley seinen Charme spielen ließ, zögernd erklärte, man könne einen der Tische möglicherweise doch freimachen.

Sie nahmen Platz. Eine Kellnerin reichte ihnen die Speisekarte, während ein Kellner ihnen ein Schälchen mit Oliven und einen Teller mit dick geschnittenem Brot auf den Tisch stellte und ihnen die Weinkarte brachte. Ohne sie anzusehen, bestellte Farley eine Flasche Cordorníu Extra Brut und Torres Sangre de Toro.

Farley studierte die Speisekarte. »Der Gazpacho ist nach einem Rezept der andalusischen Mauren gemacht und ganz ausgezeichnet; sodann kann ich dir Lomo con col empfehlen, Schweinelende in Kohlblättern mit Sobrasada – einer Wurst von den Balearen –, Pinienkernen, Rosinen und allem, was von gestern übriggeblieben ist.«

»Klingt wie Nektar und Ambrosia.«

Farley grinste und sah sich suchend um. »Wo zum Teufel bleibt das Kribbelwasser?«

Weston schaute auf die Bucht hinab. Die Sonne stand tief und würde bald hinter den westlichen Bergen untergehen; außerhalb ihrer Strahlen behielt der Himmel die mauvefarbene Tönung, die von starker Hitze kommt; das Meer war ansichtskartenblau; ein paar Jachten hielten mit kaum gefüllten, bunten Segeln auf die Marina am Ostende der Bucht zu, während weiter landwärts Motorboote mit Wasserskifahrern das Wasser aufschäumten. Eine Szene, von der Londoner Büroarbeiter an kalten, nassen Januartagen träumten.

Der Kellner brachte den Champagner im Weinkühler sowie zwei Kelche. Er öffnete die Flasche, füllte die Gläser und wünschte ihnen guten Appetit.

Farley hob sein Glas. »F.T.L.O.T.«

Wenn sie in der Schule ein paar Dosen Bier ins Haus geschmuggelt hatten und sie heimlich austranken, hatten sie stets einen Toast ausgebracht. Unheimlich stolz waren sie darauf gewesen, daß die letzten drei Buchstaben, die Abkürzung für »The Lot of Them – sie alle«, im Zusammenhang mit den ersten beiden, der Abkürzung für »f … the«, präzise ihre Meinung ausdrückten. Natürlich war es Farley gewesen, der diesen Toast erfunden hatte, genau wie Farley es gewesen war, der diese Saufsitzungen unterstützte. Immer wieder hatte er ihre Vorgesetzten herausfordern müssen.

»Kein Jahrgangs-Dom-Perignon«, sagte Farley, »aber er läßt sich trinken.«

»Zu Hause serviert man so etwas nach dem zweiten Glas echtem.«

»Das Etikett diskret unter der Serviette verborgen, eh?«

»Selbstverständlich.«

»Du billigst das?«

»Warum nicht? Solange du die Rechnung bezahlst.«

»Du hast also mit Heuchelei leben gelernt? Das überrascht mich. Ich hätte dich als einen der wenigen eingestuft, die den Mut – oder die Dummheit – besitzen, immer die Wahrheit zu sagen … Aber das paßt natürlich auch nicht zu deiner PR-Karriere.«

»Du übersiehst die Tatsache, daß ich im Moment keine derartige Karriere habe.«

»Ich war schon immer ein taktloser Bastard.« Er hob die Flasche aus dem Kühler und schenkte nach.

»Erwarte nicht, daß ich widerspreche.«

Farley grinste. »Na klar,« Dann wurde er ernst. »Wie ich vermute, gestaltet sich deine finanzielle Lage im Augenblick recht angespannt, wie?«

Weston mochte diese persönlichen Fragen nicht. »Ach, eigentlich nicht.« Er hielt es für möglich, daß Farley ihm nicht glaubte, sich einbildete, er wolle seine Selbstachtung bewahren, in gewissem Sinne entsprach seine Antwort jedoch der Wahrheit. Stephanie war reich und würde der Außenwelt niemals Anlaß zu der Vermutung geben, sie müßten sparen.

Farley zog seine Zigarrenschachtel heraus. »Rauchst du so was?«

»Nein, vielen Dank.«

»Noch immer gesund an Körper und Geist?«

»Nicht mal hundert Meter könnte ich heutzutage laufen, ohne keine Luft mehr zu kriegen.«

 

Einen Kognakschwenker in der Rechten sagte Farley: »Ich gehe demnächst auf eine kurze Bootsfahrt.«

»Wohin?« erkundigte sich Weston.

»Wohin mir der Sinn steht.«

»Was für eine Jacht fährst du?«

»Nicht meine eigene, eine geliehene, also keine Fünfundvierzig-Fuß-Ketch von Camper and Nicholsons, sondern eine sechzig Fuß Adler and Farson.«

»Wenn schon, denn schon.«

»Na ja. Und außerdem ist sie seetüchtig, kann einigermaßen schwere See aushalten. Und viel Luxus, wenn man das braucht. Betten, statt Kojen, Duschen, Toiletten, die einen nicht von oben bis unten durchnässen, wenn man den falschen Hebel drückt, jede elektronische Navigationsspielerei, die jemals erfunden wurde, ein Kühlschrank, in dem ein Dutzend Champagnerflaschen Platz haben, Tiefkühltruhe und Mikrowelle für Fertiggerichte, um einem die Schufterei in der Kombüse zu ersparen.«

»Klingt ja wie’s Ritz.«

»Wenn man jemanden mitnimmt, mehr als das Ritz, wo man schief angesehen wird, wenn man zu zweit in einem Einzelzimmer schläft … Ich habe nachgedacht.« Er leerte sein Glas. »Willst du nicht mitkommen? Wäre ’ne Möglichkeit, den Pauschalurlaubern mit ihren Bälgern zu entkommen.«

»Klingt verlockend, aber …«

Farley unterbrach ihn. »Und was die Zuladung betrifft – du brauchst mir nur zu sagen, was dir lieber ist, blond, braun oder rot.«

»Du vergißt, daß ich verheiratet bin.«

»Dann hast du zwei Punkte Vorsprung wegen größerer Erfahrung.«

Weston schüttelte den Kopf. »In der Hinsicht bin ich eher altmodisch.«

»Klingt reichlich fossil. Aber bitte sehr, halten wir uns an Mutter Natur. Am Dienstag um zehn laufen wir aus.«

»Ich kann nicht.«

»Und warum nicht? Fürchtest du etwa, Mutter Natur könnte dich verführen?«

»Ich muß am Dienstag zurückfliegen.«

»Du … was? Ich dachte, du bist erst letzten Dienstag angekommen.«

»Stimmt. Aber ich bin nur für eine Woche hier.«

Farley zupfte sich am Bart, wollte etwas sagen, sah sich nach dem Weinkellner um und bestellte noch zwei Brandy. »Ich will dir was sagen. Komm einfach mit, und ich besorg dir ein neues Rückflugticket.«

»Tut mir leid.«

»Fürchtest du, daß jemand anders dein Bett wärmt, wenn du länger bleibst?«

Weston hatte vergessen, wie beleidigend Farley sein konnte, wenn er seinen Willen nicht durchzusetzen vermochte.

Der Weinkellner brachte eine Flasche Carlos I und füllte ihre Gläser auf. Farley starrte auf die Bucht hinaus, die nun ganz dunkel geworden war, während der Strand von einem Lichterring markiert wurde. Er war eindeutig verärgert.