25
Für einen Immobilienmakler typisch, war Fremlin Optimist, sobald ihm jemand etwas abkaufen wollte; wurde ihm jedoch ein Objekt angeboten, verwandelte er sich in einen Pessimisten. »Eine sehr schöne Lage, gewiß, im Moment aber ist es äußerst schwierig, ein Haus von dieser Größe an den Mann zu bringen.«
»Versuchen wir’s mal und warten dann ab, was passiert«, meinte Weston.
»Dann würde ich aber zusätzliche Werbung vorschlagen.«
Westons vorbehaltloses Einverständnis munterte Fremlin so sehr auf, daß er sofort die Meinung äußerte, da der Preis vernünftig sei, werde Francavilla wohl doch nicht so schwierig zu verkaufen sein.
Zehn Minuten später fuhr Fremlin davon, und Weston kehrte ins Wohnzimmer zurück, wo er sich noch einen Gin-Tonic einschenkte. Am Abend zuvor hatte Kate ihn gefragt, ob er ganz sicher sei, daß er das Haus verkaufen wolle. Und er hatte die Frage ohne weitere Erklärung bejaht, was sie irgendwie zu stören schien. Daher vermutete er, daß ihre Frage nicht ganz so aufrichtig gewesen war, wie sie es hatte aussehen lassen. Sie war nicht ganz sicher, ob Stephanies Tod nicht doch tiefere Emotionen in ihm ausgelöst hatte als mitfühlendes Bedauern, und fürchtete, ein Teil seiner Gefühle könne noch immer Stephanie gehören. Die Zeit würde sie lehren, daß dem nicht so war.
Die Haustürklingel unterbrach seine Gedanken. Der Besucher war Detective-Sergeant Waters.
»Ich würde gern kurz mit Ihnen sprechen, Mr. Weston. Hoffentlich störe ich nicht gerade.«
Weston führte ihn ins Wohnzimmer und bot ihm einen Drink an. Waters entgegnete, vielen Dank, da er genau genommen nicht im Dienst sei, hätte er gern einen Whisky-Soda.
»Und was führt Sie diesmal hierher?«
»Ich wollte Ihnen mitteilen, daß wir eine Gegenüberstellung arrangiert haben und Mrs. Ackroyd auf Anhieb trotz des zerschlagenen Gesichts Herrero und, nach langem Zögern, den zweiten Mann namens Coll herausgefunden hat. Die erste Identifizierung wird standhalten, die zweite vermutlich vor Gericht stark erschüttert werden. Obwohl ich mich da irren kann, weil sie sehr hartnäckig, wenn auch zuweilen ein bißchen vage ist … Wir haben uns bei der Iberia erkundigt, die beiden Männer sind tatsächlich am Montag vor dem Tod Ihrer Frau unter falschem Namen und mit gefälschten Pässen in Heathrow gelandet und am Donnerstag wieder nach Sevilla zurückgeflogen. Ermittlungen bei den Autoverleihfirmen am Flughafen haben ergeben, daß ein hellgrauer Escort, für eine Woche gemietet, schon vor dem Ende der Woche von Herrero zurückgebracht wurde; man erinnerte sich deutlich an ihn, weil er keinerlei Einspruch erhob, als man ihm erklärte, daß er keine Vergütung erhalten werde, weil er die vorzeitige Rückgabe nicht achtundvierzig Stunden zuvor gemeldet hatte. Wir haben Personen in der Umgebung des Parks und der Underground-Station befragt und einen Zeitungsverkäufer gefunden, der ein Foto von Herrero erkannt hat. Wie er sagte, hat Herrero seinen Wagen angehalten und sich nach der Trefoil Road erkundigt. Er erinnerte sich deswegen daran, weil der Mann Ausländer war und nicht mal so viel Anstand besaß, ihm zum Dank eine Zeitung abzukaufen.
Auch die spanischen Behörden haben wir um Auskunft gebeten, und der erste Bericht kam heute morgen. Herrero war während der betreffenden Tage nicht im Dienst. Seine Frau behauptet, er habe krank im Bett gelegen. Seine Freundin behauptete, er habe ihr an jenem Freitag ein Kaschmir-Twinset geschenkt, das in einer Tragetüte aus dem Duty-free-Shop von Heathrow verpackt war. Wir versuchen das Datum zu ermitteln, an dem dieses Twinset gekauft wurde.
Mehr in Ihrem Interesse liegt wohl, daß wir der höchsten Ebene der spanischen Polizei sämtliche Fakten übermittelt und sie gefragt haben, ob sie weiterhin auf Ihrer Auslieferung wegen Drogenschmuggel bestehen. Sobald sie sich überzeugt haben, daß dies eine falsche Anschuldigung war, vorgetragen auf Veranlassung eines so hohen Mitglieds der Polizei, daß eine weitere Verfolgung gewährleistet war, werden sie den Antrag zweifellos zurückziehen.«
»Und wo stehe dann ich?«
Waters trank einen Schluck. »Angenommen, der dritte Mann auf der Cristina war, wie wir es mit Sicherheit von den ersten beiden wissen, ein Spanier, dann wäre nichts Illegales an dem Versuch, sie in Spanien an Land zu setzen; und deswegen können Sie auch nicht des Versuchs beschuldigt werden, ihnen beim illegalen Betreten des Landes geholfen zu haben.«
»Und der Tod meiner Frau?«
»Herrero und Coll werden mit Sicherheit für schuldig befunden werden – entweder des Mordes oder des Totschlags an ihr. Während ich Ihnen nicht offiziell bestätigen kann, daß Sie nicht mehr unter Verdacht stehen, darf ich Ihnen inoffiziell mitteilen, daß das tatsächlich der Fall ist … Sie können all Ihre Sorgen vergessen.« Er hob das Glas und trank es leer.
Weston räusperte sich. »Bleibt also nur noch eine Frage, nicht wahr?«
»Wirklich?«
»Als ich Sie davon überzeugen mußte, daß Mrs. Stevens dringend Hilfe brauchte, gelang mir das nur, als ich zugab, mit einem falschen Paß nach Spanien gereist zu sein.«
»Das haben Sie zugegeben – wem gegenüber?«
»Wie ich gerade sagte – Ihnen.«
Waters schürzte die Lippen. »Ich kann mich an nichts Derartiges erinnern. Sie müssen mich mit jemand anderem verwechseln.« Er stellte das Glas auf den Tisch und stand auf. »Ich muß jetzt weiter.«
Weston zögerte; dann erhob er sich ebenfalls und sagte: »Ich möchte mich bei Ihnen bedanken, unter den gegebenen Umständen wäre das jedoch wohl nicht so ganz passend, wie?«
»Kann ich wirklich nicht sagen.« Er ging zur Tür und sagte, ohne sich umzuwenden: »Ich hoffe, die Information ist nicht weiter von Wert für Sie, aber zweitausend für einen Paß ist echter Diebstahl. Der gegenwärtige Preis müßte so um die siebenhundertfünfzig herum liegen.«
Weston parkte vor der Garage, nahm das Päckchen vom Beifahrersitz, ging die Einfahrt entlang und um die Hausecke. Kate öffnete ihm die Tür. Sie musterte ihn. »Du siehst aus wie die Katze, die gerade einen ganzen Liter Sahne entdeckt hat.«
»Sagen wir, fünf Liter … Ich wollte gerade losfahren, da kam Detective-Sergeant Waters. Er hat mir mitgeteilt, daß ich von jedem Verdacht befreit bin – sowohl was Stephanies Tod als auch, was die Fahrt mit der Cristina betrifft.«
»Also keine Alpträume mehr? Großer Gott, ich kann’s noch nicht glauben!«
»Würde dies helfen, dich zu überzeugen?« Er überreichte ihr das Päckchen.
Als sie es auspackte, hielt sie einen elegant gearbeiteten, in Gold und Schwarz gehaltenen Karton in der Hand, der in fließenden Buchstaben die Aufschrift trug: Bejoules Le Rêve.