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Weston stellte die Kaffeemaschine auf den Herd und schaltete die Platte ein. Er stellte zwei Tassen mit Untertassen auf ein Tablett, Butter, Schwarzkirschenmarmelade, Honig, Zucker, Milch, das Brotbrett mit einem halben Laib Weizenvollkornbrot und Stephanies Post. Erst als er im Frühstückszimmer stand und den Tisch decken wollte, fiel ihm ein, daß er keine zwei Gedecke mehr brauchte. Dieses Versehen ärgerte und verwirrte ihn. Er trug das Tablett in die Küche zurück und deckte dort für eine Person. Sie hätte nicht mal im Traum daran gedacht, das Frühstück in der Küche einzunehmen.

Während er auf den Kaffee wartete, öffnete er die ersten an sie gerichteten Briefe, das hatte er noch niemals zuvor getan, erstens, weil er die Privatsphäre eines anderen Menschen respektierte, und zweitens, weil sie ein so verschlossener Mensch gewesen war, daß sie niemals den Inhalt ihrer Post mit ihm diskutiert hatte. Der Umschlag enthielt die Einladung zu einer Modenschau in drei Wochen.

Die Kaffeemaschine begann zu zischen. Er holte sich eine Tasse Kaffee und nahm wieder Platz. Er butterte sich eine Scheibe Brot und strich Marmelade drauf. Beim Essen öffnete er ihren zweiten Brief. Ihr Börsenmakler hatte ein Paket Aktien abgestoßen, weil die Analytiker damit rechneten, daß sie nicht mehr steigen, ja sogar fallen würden. Wie gewöhnlich, sollte der Erlös – neunzehntausend und vierundfünfzig Pfund – deponiert werden, bis sich eine neue, adäquate Anlagemöglichkeit fand. Er trank einen Schluck Kaffee und dachte über die Tatsache nach, daß er keine Ahnung gehabt hatte, wie reich sie gewesen war. Das Ausmaß ihrer Investitionen war nur ein einziges Detail ihrer persönlichen Angelegenheiten gewesen, die sie so sorgsam vor ihm gehütet hatte. Nicht zum erstenmal fragte er sich, ob ihre fast krankhafte Heimlichtuerei im Grunde auf der Angst basierte, sich emotionell zu exponieren.

Noch ehe er die Mahlzeit beendet hatte, erschien Mrs. Amis und war verwundert, ihn in der Küche frühstücken zu sehen. Dann erkundigte sie sich mit ironisch-belustigtem Lächeln, ob sie, wie immer am Dienstag, den Salon und das Eßzimmer putzen solle. Sie solle nur bei ihrer Routine bleiben, lautete seine Antwort. Also holte sie Handfeger und Kehrblech, Staubtuch und Staubsauger aus der Abstellkammer und machte sich an die Arbeit.

Er räumte den Tisch ab, nahm das Schreiben des Börsenmaklers und ging in die Bibliothek hinüber, wo zwei Partner-Schreibtische einander gegenüberstanden, von denen der eine ihr gehört hatte. Er legte den Brief auf die Platte, kontrollierte die Schubladen auf beiden Seiten und fand sie alle abgeschlossen. Er ging nach oben, in das gemeinsame Schlafzimmer. Ihre Handtasche lag auf dem Toilettentisch. Mit dem unbehaglichen Gefühl, etwas Unrechtes zu tun, öffnete er die Handtasche und durchsuchte sie. Die Schreibtischschlüssel steckten in einer der Reißverschlußtaschen.

Daß er all ihre Papiere sorgfältig abgelegt fand, erstaunte ihn nicht: Sie war zwanghaft ordnungsliebend gewesen. Er öffnete die Akte mit der Aufschrift »Investitionen«. Die Zahlen ihrer jüngsten Wertbestimmung verblüfften ihn. Ihr Portefeuille besaß einen Gesamtmarktwert von über anderthalb Millionen Pfund.

Er hörte die Haustürklingel. Und da alle Türen bis in die Halle offenstanden, hörte er gleich darauf eine leise Stimme, ohne daß er Worte verstehen konnte.

Dann ein Ruf: »Mr. W! Es ist für Sie!«

Er packte alles in die Schublade zurück und trat in den Korridor hinaus. Turner stand neben der Haustür. Der Detective-Constable strahlte, fand er, eine gewisse Aggressivität aus, selbst wenn er nur ruhig dastand.

»Morgen.«

»Guten Morgen, Mr. Weston. Ich kam gerade vorbei, deswegen dachte ich, ersparst du dir eine Extrafahrt und schaust mal rein. Hoffentlich nicht zu früh für Sie?«

»Ganz und gar nicht. Ich bin froh, daß Sie gekommen sind, weil ich Ihnen etwas mitteilen möchte.«

»Ich stehe Ihnen jederzeit zur Verfügung.«

Mrs. Amis stand im Eingang zum Küchentrakt. »Wir gehen durchs Wohnzimmer.« Er ging voraus und wartete stehend vor dem Kamin, bis Turner in einem der Sessel Platz genommen hatte. »Ich möchte wissen, warum die Autopsie noch nicht vorgenommen wurde, damit die Beerdigung angesetzt werden kann.«

»Diese Frage kann ich Ihnen leider nicht beantworten, Sir. Es liegt nicht an uns.«

»Ich kann nicht begreifen, warum überhaupt eine Autopsie notwendig ist.«

»Weil das Vorschrift ist.«

»Na schön, ich kann nicht begreifen, warum eine Autopsie vorgeschrieben ist. Was könnte offensichtlicher sein als ein Unfall?«

»Nun, es haben sich da in der Tat ein oder zwei Fragen ergeben.«

»Was soll das heißen?«

»Zum Beispiel, warum sie gefallen ist.«

»Ihr wurde schwindlig, sie ist gestolpert und hat das Übergewicht bekommen … Wie es eben zu so einem Unfall kommt.«

»Sie haben mir selbst erklärt, sie hätte keine Schwindelanfälle gehabt.«

»Heißt das, daß sie nicht zum erstenmal einen gehabt haben kann?«

»Natürlich nicht.«

»Ist das die einzige Frage?«

»Ich habe noch eine. Obwohl die große Autopsie noch nicht stattgefunden hat, wurde eine vorläufige Untersuchung vorgenommen. Ihre Frau hat Prellungen in Magenhöhe. Hat sie, soweit Sie wissen, in der letzten Zeit einen Schlag in den Magen bekommen, der diese Prellungen ausgelöst haben könnte?«

»Nein. Haben Sie deswegen die Höhe des Geländers ausgemessen?«

»Ganz recht.«

»Und was haben Sie festgestellt?«

»Die beiden Maße scheinen übereinzustimmen.«

»Und das heißt?«

»Eine Erklärung wäre, daß sie mit voller Wucht gegen das Geländer gerannt ist, das Übergewicht bekommen hat und hinabgestürzt ist.«

»Warum sollte sie über den Treppenabsatz laufen?«

»Diese Frage wollte ich Ihnen gerade stellen.«

»Das ist eine lächerliche Frage.«

»Nicht unbedingt. Vielleicht ist sie vor jemandem oder etwas davongelaufen.«

Die Andeutung, die in dieser Frage lag, war so grausig und unerwartet, daß Weston ein paar Sekunden brauchte, bis er begriff. Dann gab er mit schriller Stimme zurück: »Wollen Sie etwa behaupten, sie wurde angegriffen?«

»Das ist leider eine Möglichkeit, die wir in Betracht ziehen müssen.«

»Ausgeschlossen!« Weston kam vom Kamin herüber und warf sich in den nächsten Sessel. »Das ist ganz und gar ausgeschlossen.«

»Es gab keine Anzeichen für ein gewaltsames Eindringen, das weiß ich, aber ein abgebrühter Einbrecher versteht sich darauf, sie gut zu kaschieren. Vermutlich wurden Sie gebeten, nachzusehen, ob irgend etwas im Haus fehlt. Haben Sie das getan?«

»Es fehlt nichts.«

»Dann können wir den geschickten Einbrecher wohl vergessen, denn der wäre nicht mit leeren Händen abgezogen. Und ein nicht so geschickter hätte eindeutig Spuren hinterlassen … Sagen Sie, hat Ihre Frau in letzter Zeit zufällig Streit mit irgend jemandem gehabt?«

»Glauben Sie vielleicht, wenn das so wäre, hätte derjenige hier eingebrochen und sie zu Tode gehetzt?«

»Nichts ist unmöglich.« Er erhob sich. »Jetzt will ich Sie nicht länger aufhalten. Danke für Ihre Mitarbeit.« Er ging zur Tür, machte noch einmal halt und wandte sich um. »Noch eines. Nur für die Akten: Wo waren Sie am Mittwoch nachmittag, sagen wir, zwischen drei und fünf?«

»Warum wollen Sie das wissen?«

»Mein Sarge ist ein sehr präziser Mann, der alles doppelt und dreifach prüft.«

Turner sagte es so beiläufig, daß Weston nicht an der Behauptung zweifelte, die Information sei unwesentlich.

»Ich war unten in Anstey Cross.«

»Keine Ahnung, wo das liegt.«

»In Kent; südlich von Ashford.«

»Es heißt, daß Kent eine wunderschöne Grafschaft war, bevor die Autostraßen kamen, der Kanaltunnel und die Schnellbahn … Nur um meinen Sarge bei Laune zu halten – könnten Sie mir einen Namen nennen?«

»Hab ich doch gerade gesagt: Anstey Cross.«

»Den Namen desjenigen, den Sie besucht haben.«

»Mrs. Stevens.«

»Danke. Das wär’s dann wohl. War wirklich ein nettes Gespräch mit Ihnen.«