16
Detective-Inspector Rentlow stand am Fenster und las den Bericht. »Nun?«
Waters antwortete kurz und bündig: »Wenig Fakten und viel Spekulationen, würde ich sagen.«
Rentlow kehrte an seinen Schreibtisch zurück und nahm Platz. »Ich stimme zu. Wobei wir nicht vergessen dürfen, daß die einzigen Fakten, die wir hinsichtlich ihres Verhältnisses haben, von Weston und Mrs. Stevens selbst stammen, so daß man sich weitgehend auf Spekulationen stützen muß. Wenn sie und Weston die Matratze teilen, ergibt das ein sehr starkes Motiv für den Mord.« Mit den Fingern der linken Hand trommelte er auf der Schreibtischplatte. »Hat schon jemand mit der Mutter gesprochen, um festzustellen, was sie über die Ehe zu sagen hat?«
»Noch nicht.«
»Dann sorgen Sie bitte dafür. Und stellen Sie fest, ob irgend jemand Weston etwa zum Todeszeitpunkt seiner Frau in der Umgebung des Hauses gesehen hat.«
Ein wenig unklug erhob Waters Widerspruch. »Dazu brauchen wir eine Menge Beamte, obwohl wir noch gar nicht mit Sicherheit wissen, ob wir’s mit einem Mord zu tun haben.«
»Wissen Sie, wie wir uns diese Gewißheit verschaffen können, ohne weitere Ermittlungen anzustellen?« erkundigte sich Rentlow ironisch. Die schwerfällige Art des Detective-Sergeant mochte ihre Vorzüge haben, aber es gab Momente, in denen sie ihn verärgerte.
Es klopfte. Rentlow rief herein, blickte aber nicht sofort auf. Als er es tat, sah er einen Beamten vor sich stehen.
»Ja?«
»Da ist gerade ein Bericht für Sie gekommen, Sir; ein Wagen vom County HQ hat ihn gebracht.« Er überreichte ihm einen rechteckigen braunen Umschlag.
Während er den Umschlag aufschlitzte, verschwand der Beamte. Das Kuvert enthielt den ausführlichen Bericht des Pathologen über Stephanie Westons Autopsie. Er erwies sich als weit präziser, als er erwartet hatte. Die Verstorbene befand sich in einem für ihr Alter guten körperlichen Zustand, und es fanden sich keinerlei Gründe für die Vermutung, sie habe unvermittelt das Gleichgewicht verloren, etwa durch einen plötzlichen Schwindelanfall. Hinter dem Kehlkopf befanden sich Prellungen, der Dornfortsatz hatte einen Haarriß. Es stand zu vermuten, daß beides durch Druck – durch Finger, nicht durch eine Schnur – verursacht worden war, der auf die Kehle ausgeübt, dann aber gelöst wurde, so daß das Opfer nicht daran gestorben war. Eine denkbare Interpretation der Ereignisse lautete, daß der Versuch gemacht worden war, das Opfer einzuschüchtern oder tatsächlich zu erwürgen; in ihrer Panik hatte sie es dann geschafft, dem Angreifer zu entkommen und davonzulaufen, war aber gegen etwas geprallt – das Geländer? –, gestürzt und hatte sich die tödlichen Kopfverletzungen zugezogen.
Er legte den Bericht auf die Schreibtischplatte. Nun wußten sie also mit Sicherheit, daß es sich entweder um Mord oder um Totschlag handelte.
Wäre sie vernünftig gewesen, so wäre Monica Badger in ein weit kleineres Haus umgezogen, aber ein großes machte eben Eindruck. In tiefes Schwarz gekleidet, führte sie den Beamten ins Wohnzimmer. Der Silberrahmen des Fotos ihrer Tochter auf dem Kaminsims war mit einer schwarzen Seidenschleife geschmückt.
»Ein oder zwei kleine Fragen nur«, versicherte er ihr, bevor er ungeschickt auf einem Stühlchen mit dünnen, geschwungenen Beinen Platz nahm, denen er nicht zutraute, sein Gewicht zu tragen. Er hielt Bleistift und Notizbuch gezückt. Vor kurzem erst zum Assistenten des CID ernannt, war er jetzt noch besonders eifrig und gewissenhaft. »Wie ich schon sagte, es geht darum, daß Sie erklärt haben, Ihre Tochter sei möglicherweise ermordet worden.«
»Nicht möglicherweise.« Das Alter war mit Monica nicht freundlich umgesprungen, sondern hatte säuerliche Unzufriedenheit in ihr Gesicht gezeichnet. Sie redete lange und ließ ihren ganzen bekümmerten Haß hinaus.
Anfangs machte sich der Polizeibeamte ausführliche Notizen, doch als sie sich zu wiederholen begann, tat er schließlich nur noch so. Als sie sich dann zum drittenmal wiederholte, wagte er, sie zu unterbrechen. »Sie haben sich vermutlich sehr viel mit ihr unterhalten?«
»Sie hat sich mir immer anvertraut; wir waren eher wie Schwestern als wie Mutter und Tochter. Und als sie entdeckte, was für ein Mensch ihr Mann wirklich war …«
»Und was für einer war das?«
»Ein Mitgiftjäger. Das hatte ich ihr schon gesagt, als sie sich anfangs von seiner cleveren Zunge einwickeln ließ, aber sie wollte ja nicht hören. Ich wußte, daß irgendwann etwas Furchtbares passieren würde.« Mit einem Spitzentaschentuch betupfte sie sich die Augen.
»Sie hatte also eigenes Geld?«
»Mein Mann hat ihr ein Vermögen hinterlassen.«
»Können Sie ungefähr sagen, wieviel?«
»Ich habe keine Ahnung«, gab sie scharf zurück, wohl um ihn für seine Impertinenz zu strafen.
»Wissen Sie, was jetzt damit geschehen wird?«
»Er hat darauf bestanden, ein Testament zu machen, in dem er ihr seinen gesamten Besitz vermachte, damit sie genau dasselbe tat und ihn zu ihrem Alleinerben ernannte. Ich versuchte, sie zu warnen; da er nichts zu vererben habe, sei das eine sinnlose Geste, nur dazu gedacht, guten Glauben zu wecken und sie zur Gegenleistung zu animieren. Sie wollte mir nicht glauben. Sie wollte einfach die Wahrheit über ihn nicht akzeptieren.«
»Wie ist es denn mit den beiden so gelaufen?«
»Ich verstehe nicht.«
»Sind sie gut miteinander ausgekommen – trotz der Probleme?«
»Sie hat sich zu seiner Sklavin gemacht. Sogar, als sie allmählich begriff, wie er wirklich war, hatte sie nur den Wunsch, ihn glücklich zu machen.« Monica Badger erwärmte sich für das Thema: Stephanie als die pflichtbewußte, duldende Ehefrau, die immer wieder versucht hatte, durch Liebe zu seinem Herzen vorzudringen, zu schildern, während er sie mit brutaler Zynik immer wieder zurückgestoßen hatte, weil er nur daran interessiert war, ihr Vermögen an sich zu bringen.
»Hat sie ihm von Zeit zu Zeit Geld gegeben?«
»Er hat ja so wenig verdient, das mußte sie einfach tun. Sie hat das Haus gekauft und alle laufenden Kosten bezahlt. Aber nicht einmal das war ihm genug, denn er wollte sie unbedingt dazu überreden, ihn ihr Geld verwalten zu lassen.«
»Aber sie hat sich geweigert?«
»Ich habe ihr immer wieder gesagt, wenn sie das täte, würde er sie bis aufs Hemd ausrauben.«
»Wann hat er sie das letztemal gebeten, ihn ihr Geld verwalten zu lassen?«
»Anfang dieses Jahres. Es ist Ihnen doch sicher klar, warum er so scharf darauf war, nicht wahr?«
»Kann ich eigentlich nicht sagen, Mrs. Badger.«
»Weil er soviel wie möglich von ihrem Geld an sich bringen wollte, bevor er mit einer anderen durchbrannte.«
»Soll das heißen, er hatte eine Freundin?«
»Diese Art Mann hat immer eine.« Ihre Stimme klang hart. Sie dachte an den Tag, an dem sie entdeckte, daß ihr Ehemann in der Nachbarstadt eine Wohnung gemietet hatte, in der ihm eine junge Frau, halb so alt wie er, die Freuden bot, die ihm jede anständige Frau verweigern mußte.
»Könnten Sie mir den Namen und die Adresse der Dame geben?«
»Die kenne ich nicht.«
»Ihre Tochter hat Ihnen von ihr erzählt, aber keine Einzelheiten erwähnt?«
»Genau wie ich, wußte sie, daß es jemanden gab, aber mehr nicht, denn er ist wirklich äußerst gerissen. Das hat sie tiefer getroffen als andere, aber als Mutter kann man …«
Zwanzig Minuten später kehrte der Polizeibeamte zu seinem Wagen zurück, steckte sich eine Zigarette an und fragte sich, ob diese Ehe wirklich das war, was man sich darunter vorstellte.
Turner zog ein Taschentuch aus der Hosentasche und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Bei diesem Wetter träumte man vom Mittelmeer. Am vorangegangenen Abend hatte er Pauline vorgeschlagen, im Urlaub nach Griechenland zu fahren – kein Wort natürlich von einem Doppelzimmer! Sie hatte nicht ja gesagt, aber auch nicht nein. Solange dieser Mistkerl mit dem Morgan ihr nicht zwei Wochen Seychellen vor die Nase hielt …
Quer über den Vorhof der luxuriösen Wohnanlage ging er zur Haustür, wo es eine Sprechanlage mit acht Namensschildern und acht Klingelknöpfen gab. Er drückte den ersten, bekam aber keine Antwort; als er den zweiten drückte, erkundigte sich eine tiefe Frauenstimme, was er wünsche. Er identifizierte sich. Der Türöffner summte, und er trat ein. Es gab zwar einen Lift, weil der jedoch gerade im obersten Stockwerk war, stieg er lieber die Treppe hinauf.
Die Frau, die ihm die Wohnung Nr. 2 öffnete, hatte schwere, völlig ungeschminkte Gesichtszüge, einen formlosen, durch nichts gestützten Körper, trug ein Männerhemd, Krawatte und Sporthose und rauchte Pfeife. Aber er war liberal. Er fragte sie, ob sie die Westons von Francavilla kenne. Sie erwiderte, sie mache es sich zur Aufgabe, niemanden kennenzulernen, der in einem Haus mit einem so dämlichen Namen wohne.
Wohnung Nr. 3 gehörte einem älteren Ehepaar. Sie seien erst letzten Monat eingezogen, erklärten sie ihm, sie hätten ihr Landhaus verkauft, weil es ihnen im fortgeschrittenen Alter schwerfalle, dort zu leben. Es sei eine hübsche Wohnung, aber in einer der oberen Etagen wohnten Leute, die immer die Lifttüren offenließen, damit niemand anders ihn benutzen könne; er sei doch Polizist, ob er sie nicht auffordern könne, die Lifttüren zu schließen? Und nein, die Westons seien ihnen nicht bekannt.
In Wohnung Nr. 4 fand er zwei Frauen mittleren Alters. Mrs. Edwards stellte ihm ihre Freundin Mrs. Ackroyd vor; dann sagte sie, ihr Ehemann arbeite, aber sie werde natürlich helfen, so gut sie könne. Zunächst jedoch – ob er gern einen Drink hätte? Er wählte Orangensaft.
Mrs. Edwards nahm in einem der Sessel Platz. Sie kannte die Westons; flüchtig nur, eine Art Grußfreundschaft, wie sie es nannte. Warum der Detective-Constable sich für das Ehepaar interessiere?
Mit dem Glas Orangensaft in der Hand erklärte er es ihnen. Es gebe Beweise, die auf die Möglichkeit hindeuteten, daß jemand das Haus an dem Nachmittag aufgesucht habe, an dem Mrs. Weston so tragisch umgekommen sei. Wenn das so sei, würde die Polizei gern Kontakt mit der Person aufnehmen, um festzustellen, ob er oder sie zur Lösung der Frage beitragen könne, warum Mrs. Weston den Unfall gehabt hatte.
»Aber war denn etwas Besonderes daran?« erkundigte sich Mrs. Edwards.
»Ich glaube nicht, nein. Aber fast alle tödlichen Unfälle werden heutzutage untersucht und analysiert.«
»Ich verstehe.« Was sie jedoch eindeutig nicht tat: Sie war verwirrt. »Es tut mir leid, aber ich weiß nicht genau, an welchem Tag der Unfall passiert ist.«
»Letzten Mittwoch, genau vor einer Woche. Soweit wir feststellen konnten, zwischen drei und fünf Uhr nachmittags.«
Sie überlegte einen Moment. »Das ist der Tag, an dem ich in die City mußte, weil Charles’ Firma einen Lunch gab, bei dem die Ehefrauen unter Androhung von Exkommunikation zu erscheinen hatten.« Sie wandte sich an Mrs. Ackroyd. »Ich bin erst nach fünf zurückgekommen, nicht wahr?«
»Ich würde sagen, gegen sechs.«
»Da hast du wohl recht. Es war dein erster Tag in London, und ich war sehr verärgert darüber, daß ich dasitzen und mir die unanständigen Herrenwitze des Vorsitzenden anhören mußte, der in puncto Reife auf dem Niveau der fünften Klasse stehengeblieben war.« Nun wandte sie sich wieder an Turner. »Tut mir leid, aber ich werde Ihnen kaum helfen können.«
»Ich danke Ihnen trotzdem.« Er leerte sein Glas und stellte es ab.
»Einen Moment!« mischte Mrs. Ackroyd sich ins Gespräch. »Ich habe am Nachmittag einen Spaziergang gemacht und dabei möglicherweise jemanden gesehen. Welches Haus genau ist es, von dem Sie sprechen?«
»Ungefähr fünf Häuser weiter«, antwortete Turner.
»Es ist das größte Haus am Park«, erklärte Mrs. Edwards.
»Und in der Ecke des Vordergartens steht eine Trauerweide.«
»Ist es das mit dem lächerlichen Portikus?«
»Ganz recht, aber das hättest du Stephanie nie hören lassen dürfen. Sie war sehr stolz auf ihren ›klassischen Eingang‹.«
»Architektonisches Glaukom.« Mrs. Ackroyd nahm ihre Handtasche von der Armlehne des Sessels, in dem sie saß. »Hat jemand was dagegen, wenn ich rauche?«
»Ich«, ewiderte Mrs. Edwards prompt, »aber das hat dich ja noch nie gestört.«
»Wenn ich rauche, kann ich mich viel besser erinnern.«
»Das ist die albernste Entschuldigung, die ich jemals gehört habe!«
Lächelnd bot Mrs. Ackroyd Turner eine Zigarette an. Er lehnte dankend ab. Mit einem schmalen, goldenen Feuerzeug setzte sie ihre Zigarette in Brand. »Ich weiß, daß ich auf die Uhr gesehen und mir gedacht hatte, ich sollte lieber umkehren, denn es war kurz vor vier, und ich dachte, meine Gastgeberin werde jeden Moment zurück sein. Ich ging auf der Parkseite der Straße und blieb dann stehen, weil ich eine Trauerweide entdeckte, und die sieht man nicht allzuoft. Dabei ist mir der Portikus aufgefallen. Ich muß gestehen, daß es mir schwerfällt zu akzeptieren, daß jemand auf etwas so Protziges stolz sein kann.«
»Und während Sie sich das Haus ansahen – haben Sie da jemanden in der Nähe bemerkt?« erkundigte sich Turner. Sie zog an der Zigarette und blies den Rauch durch die Nase aus. »In der Tat, das habe ich.«
»Wen?«
»Während ich noch hinübersah, kamen zwei Männer um die Seite des Hauses herum auf den Bürgersteig heraus und gingen davon. Damals dachte ich …« Sie verstummte.
»Ja, Mrs. Ackroyd?«
»Hören Sie, ich weiß, wie leicht man sich etwas einbildet, obwohl es keinen Grund dafür gibt. Aber damals fiel mir wirklich auf, daß sie es sehr eilig zu haben schienen … Vielleicht wollten sie Hilfe für Mrs. Weston holen?«
»Dann hätten sie das Telefon benutzt«, wandte Mrs. Edwards ein.
»Ja, natürlich! Wie dumm von mir.«
»Vera ist Malerin«, sagte Mrs. Edwards zu Turner.
Er wußte nicht recht, wieso das seine Beurteilung ihrer Aussage beeinflussen sollte. »Sind Sie sicher, daß es das Haus mit dem großen Portal war?« fragte er Mrs. Ackroyd.
»Ja, doch, ich bin ganz sicher. Ich sah, wie sie in einen Wagen stiegen und sehr schnell und rücksichtslos davonrasten; sie hielten es nicht für nötig, sich zu vergewissern, ob hinter ihnen ein anderer Wagen kam, und so hätte es fast einen schweren Unfall gegeben.«
»Können Sie die beiden beschreiben?«
»Ich weiß nicht. Ich meine, sie waren auf der anderen Straßenseite, es herrschte ziemlich viel Verkehr, und außerdem habe ich mich nicht besonders für ihr Aussehen interessiert.«
»Aber als Malerin müssen Sie sich doch ein Bild von ihnen gemacht haben.«
Mrs. Edwards lachte. »Vera ist Naturmalerin, nicht Porträtistin. Wenn es ein Exemplar eines seltenen Pteridophytus gewesen wäre, würde sie ihn in allen Einzelheiten aufzeichnen können.«
Er sagte, er wisse, wie schwierig es sei, einen anderen Menschen zu beschreiben, aber würde Mrs. Ackroyd es trotzdem versuchen?
Beide Männer hatten Kappen mit großen Schirmen getragen – Baseballkappen hießen sie, wie sie glaube –, und Sonnenbrillen, die fast ihr ganzes Gesicht verdeckten. Beide waren ungefähr im selben Alter gewesen, Ende Zwanzig oder Anfang Dreißig; beide hatten so etwas wie Golfjacken und Jeans getragen. Da der an der Innenseite nicht ganz zu sehen gewesen war, könne sie nur hinzufügen, daß er ein eher eckiges als ovales Gesicht gehabt habe. Der an der Außenseite habe ein glattes, gieriges Gesicht gehabt, wie sie es mit lateinamerikanischen Gigolos verbinde; obwohl sie den Eindruck gewonnen habe, daß ihm eine charakterliche Härte innewohne, die es ausschließe, daß er ein Gigolo sei. Darüber hinaus aber könne sie ihm leider nicht helfen …
»Sie waren besser als gewöhnlich«, sagte er.
»Wirklich?« Sie war geschmeichelt.
»Und der Wagen, mit dem sie weggefahren sind – haben Sie eine Ahnung, welche Marke das war?«
»Für mich sehen die heutzutage alle gleich aus.«
»Welche Farbe?«
Sie überlegte, dann sagte sie unsicher: »Vermutlich hellgrau oder -blau.«
»Und irgendwelche Einzelheiten des Nummernschildes haben Sie wohl nicht gesehen, wie?«
»Überhaupt keine.«
Sie konnte ihm nichts Besonderes mehr sagen. Es war ein kleiner Zwischenfall gewesen, den sie nur zufällig beobachtet hatte.
»Zwei Männer?« fragte Waters.
»Hat sie gesagt«, erwiderte Turner.
»Vielleicht meint sie einen anderen Tag.«
»Sie war sicher, daß es Mittwoch war. Und Mrs. Edwards konnte es bestätigen, weil sie an jenem Nachmittag an einem großen Essen in der City teilgenommen hat.«
»Aber zwei Männer?«
»Er ist zimperlich und hat einen Freund für die Schmutzarbeit mitgenommen.«
»Ein bestellter Mord, bei dem er vorangegangen ist, um das Haus mit dem Schlüssel zu öffnen, damit keine Spuren eines Einbruchs zurückbleiben? Und um zu sagen, ich bin’s nur, dein Mann, kein Grund zur Sorge?«
»Warum nicht?«
»Dann wäre er aber ein richtiges Charakterschwein, wenn er so kaltblütig ist.«
»Wenn ein Vermögen und ein hübscher Bettwärmer auf ihn warten – warum nicht?«
»Bitten Sie mich bloß niemals um ein Leumundszeugnis! … Übrigens, wir haben von Crosford gehört. Mrs. Badger behauptet, Weston hätte ihre Tochter nur wegen des Geldes geheiratet, hätte sie immer wieder gebeten, ihn ihre Geldangelegenheiten verwalten zu lassen, sie hätte ihn als Alleinerben eingesetzt, und die Ehe sei kaputt gewesen.«
»Paßt fast so schön wie ’n Eskimo in seinen Iglu.« Turner hockte sich auf den Schreibtisch. »Funktioniert bestens.«
»Was man von Ihnen im Moment nicht sagen kann. Veranlassen Sie die Identifizierungssitzungen mit Mrs. Ackroyd am Computer; vielleicht erkennt sie ja einen der Männer wieder.«
Turner rutschte vom Schreibtisch und ging zur Tür.
»Ein Pfund gegen fünf, daß Sie mir nicht sagen können, welche Farbe beide Autos der Westons haben«, sagte Waters.
»Der Mercedes ist dunkelblau und der Sierra hellbraun. Wo sind die vier Pfund?«
»Stecken Sie sich die sonstwohin«, erwiderte Waters grob.
»Am Parkrand gibt es ’ne Menge Bäume«, stellte Turner fest.
»Na und?«
»Die werfen Schatten, und bei einem gefleckten Muster kann man nicht immer die richtige Farbe erkennen. Hellbraun könnte genausogut auch Hellblau oder -grau sein.«
»Wenn Sie nicht aufpassen, werden Sie sich noch einbilden, ihn bei der Tat beobachtet zu haben.«
Kate kniete auf einem alten Kissen, kratzte mit einem Pflanzenstecher ein bißchen mehr Erde heraus und setzte den Stein wieder in sein Loch; da jetzt alles in Ordnung war, konnte sie die lose Erde wieder hineinpacken und so feststampfen wie nur möglich. Diese Steine, die ihr schmales Blumenbeet einfaßten, waren Zaubersteine: Immer wieder einmal bewegte sich einer von ihnen, und das konnte nur durch Zauberkraft geschehen. Sie hatte sie am Anfang ihrer Ehe an der Küste unter ein paar Klippen gefunden und war von ihrer außergewöhnlichen Form und Oberfläche – dornig, durchlöchert, hohl wie ein Hexen-Gruyère – so fasziniert gewesen, daß sie so viele davon mit nach Hause nahm, wie der Kofferraum ihres Wagens fassen konnte. Keith hatte sie ausgelacht, für ihre Dummheit; er war ein Mensch, der selten Schönheit in einem Gegenstand zu entdecken vermochte, der nicht glatt und normal war. Vielleicht sah sie wegen dieser Verachtung in jeder Bewegung magische Ursprünge, und nicht die Arbeit eines Maulwurfs, schwere Regenfälle oder den Rand eines Rasenmähers. Der Glaube an Magie half ihr dabei, eine seelische Wunde zu lindern.
Sie hörte einen Wagen hereinfahren und halten. Da sie wegen der Hecke nicht sehen konnte, wer der Besucher war, stand sie auf. Eine hochgewachsene, magere, eckige Frau in wehendem Baumwollkleid winkte ihr zu. Kate seufzte.
»Ich habe Ihnen das Gemeindeblättchen gebracht«, erklärte Miss Hammond mit ihrer sorgfältig modulierten Stimme, als sie näher kam.
»Das ist sehr freundlich von Ihnen. Haben Sie Zeit für eine Tasse Tee?« Kate ließ sich immer vom Mitleid verleiten, ihre eigentlichen Wünsche zu mißachten; nicht mal die Ehe mit Keith hatte sie von dieser Schwäche heilen können.
»Ich sollte eigentlich nicht, weil ich noch so viele Exemplare austragen muß … Aber ich glaube, ein bißchen kann ich schon Schule schwänzen.« Sie tat oft so, als hätte sie gerade die Schulzeit hinter sich.
Sie gingen ins Haus. Miss Hammond machte es sich im Wohnzimmer bequem. Kate ging in die Küche, wo sie das Teewasser aufsetzte, Schokoladenkekse zusammen mit Tassen, Untertassen, Teelöffeln, Zucker, Milch und einem Teesieb auf ein Tablett stellte und sich fragte, ob ihre Besucherin wohl wieder gehen würde, bevor im Fernsehen die Sendung über die Galapagosinseln begann.
Beim Tee präsentierte Miss Hammond ihr die üblichen Klatsch- und Tratschgeschichten und schilderte jede Skandalstory so detailgetreu, daß Kate sich fragte, ob sie tatsächlich begriff, was sie da sagte.
»Aber Sie selbst haben ja wohl auch etwas Aufregendes erlebt.«
Kate biß in einen Keks. »Habe ich das?«
»Na ja, diesen Einbruchsversuch.«
»Welchen Einbruchsversuch?«
»Ach so, ich verstehe. Wenn einem selbst so was noch nie passiert ist, begreift man nicht, wie furchtbar erschreckend es sein kann. Ich werde nie vergessen, wie man früher vom Zoll durchsucht wurde. Jedesmal hatte ich das Gefühl, irgendwie beschmutzt worden zu sein.«
Hatte sie wirklich das Gefühl gehabt, ihre Jungfräulichkeit zu verlieren, wenn der Zollbeamte ihre Wäsche durchwühlte?
»Deswegen mögen Sie natürlich nicht darüber reden, nicht wahr? Aber wie ich immer sage, geteiltes Leid ist halbes Leid. Ist dieser widerliche Kerl wirklich zu Ihnen reingekommen?«
»Es tut mir leid, aber ich weiß wirklich nicht, wovon Sie reden.«
Ihre Wangen bebten vor Erregung; ein so konsequentes Leugnen ließ auf dunkle Unterströmungen schließen. »Der Detective hat Mavis danach gefragt.«
»Wonach?«
»Ob sie in den letzten Wochen einen fremden Mann um Ihr Haus herumstreichen gesehen hat.«
Mavis wohnte am Ende der Straße und beschwerte sich ständig, sie habe so viel zu tun, daß sie überhaupt keine Freizeit habe, als Informationsquelle für das Kommen und Gehen der Einheimischen jedoch stand sie Miss Hammond nicht nach. »Warum sollte ein Detective sie danach fragen?«
»Wegen des Einbruchsversuchs, natürlich. Die Polizei will herausfinden, ob jemand die Einbrecher gesehen hat.«
»Sie behaupten, ein Detective hat herumgefragt, ob sich Fremde hier in der Umgebung herumgetrieben haben, und zwar wegen eines Einbruchsversuchs?«
»Genau.«
»Was für ein horrender Blödsinn!«
Eine Dreiviertelstunde später verabschiedete sich Miss Hammond pikiert, weil Kate sich weigerte, die Angelegenheit in allen Einzelheiten durchzusprechen.
Kate trug das Tablett in die Küche, stellte das schmutzige Geschirr aufs Ablaufbrett und aß auf dem Rückweg ins Wohnzimmer die restlichen Kekse. Sie setzte sich, warf einen Blick auf die Uhr, sah, daß sie bis zu der Sendung, die sie sehen wollte, noch eine Viertelstunde Zeit hatte, und starrte ins Leere. Da es keinen Einbruchsversuch gegeben hatte, mußte entweder Miss Hammond die Story noch falscher verstanden haben als gewöhnlich, oder der Detective hatte Unsinn geredet. Miss Hammond verstand recht häufig etwas falsch, in diesem Fall neigte Kate jedoch zu der Vermutung, daß sie richtig gehört hatte. Polizisten redeten normalerweise niemals Unsinn. Blieb als einzig logische Erklärung nur noch, daß der Detective die Identität ihrer legitimen Besucher erforschen wollte, diese Tatsache jedoch zu verbergen trachtete. Mit anderen Worten, er hatte feststellen wollen, ob Weston sie oft besuchte, oft genug, um daraus zu schließen, daß er ihr Liebhaber war. Denn dann hätte er durchaus planen können, sich seiner Ehefrau zu entledigen, um sie, Kate, zu heiraten …
Sie sagte sich, daß sie ihn warnen müsse. Dann aber fiel ihr ein, wie ihr letztes Zusammentreffen verlaufen war, und sie dachte bei sich, soll er das doch verdammt noch mal auf die harte Tour rausfinden.