18

 

Im Licht der Fackeln, die in Haltern an den Wänden im Hof steckten, arbeiteten selbst um diese späte Stunde noch eine Reihe Gärtnersklaven. Sie waren mit den vielen blühenden Büschen beschäftigt, die überall in großen Steingefäßen wuchsen. Pakápeti und ich saßen ab und übergaben die Zügel der vier Pferde einigen dieser Männer. Die Sklaven nahmen sie mit großen Augen vorsichtig entgegen und hielten die Pferde auf Armeslänge von sich.

»Keine Angst«, beruhigte ich sie. »Die Tiere sind gutmütig. Bringt ihnen nur genug Wasser und Maiskörner. Bleibt bei ihnen, bis ich euch weitere Anweisungen für ihre Unterbringung und Versorgung gebe.« Zehenspitze und ich gingen zum Haupttor des Palastgebäudes. Es wurde bereits geöffnet, bevor wir es erreicht hatten. G’nda Ké, die Yaki-Frau, öffnete beide Flügel und forderte uns durch eine Geste zum Eintreten auf. Sie tat das mit einer Anmaßung und Selbstverständlichkeit, als sei sie die eigentliche Herrin des Palastes und empfange geladene Gäste. Sie trug nicht länger die einfache Kleidung, die ich an ihr auf ihrer Wanderschaft gesehen hatte, sondern herrschaftliche Gewänder. Außerdem hatte sie sich das Gesicht geschminkt – möglicherweise um die Hautflecken zu verbergen, die ihre Schönheit beeinträchtigten. Jedenfalls sah sie gut aus. Selbst der Cuilóntli Nochéztli, bestimmt kein Bewunderer von Frauen, hatte sie zu Recht als ›sehr hübsch und anziehend‹ beschrieben. Doch mir fiel sofort auf, daß sie immer noch die kalten Augen und das Lächeln einer Echse hatte. Und sie benutzte wie früher ihren Namen oder sagte ›sie‹ beziehungsweise ›ihr‹, wenn sie von sich selbst sprach, als beziehe sie sich auf eine Fremde, die nichts mit ihr zu tun hat.

»Wir treffen uns also wieder, Tenamáxtli«, sagte sie fröhlich. »G’nda Ké wußte natürlich von deiner Reise hierher, und sie war sicher, du würdest unterwegs den unrechtmäßigen Machthaber Yeyac überwältigen. Ach, und die liebe Pakápeti! Du wirst hübsch aussehen, wenn deine Haare länger sind! G’nda Ké freut sich so sehr, euch beide zu sehen. Sie kann es kaum erwarten …«

»Sei still!« fuhr ich sie an. »Bring mich zu Améyatl!« Sie zuckte mit den Schultern und führte mich mit Zehenspitze im Gefolge in das obere Stockwerk des Palastes, aber nicht zu Améyatls früherem Gemach. G’nda Ké schob eine dicke Stange an einer schweren Tür zur Seite, hinter der sich ein fensterloser Raum befand, der nicht viel größer als ein Dampfbad war und schlecht roch, weil er geschlossen gehalten wurde. Es gab nicht einmal eine Öllampe, um das Dunkel zu erhellen. Ich nahm ihr die Stange ab, damit sie nicht auf die Idee kam, mich ebenfalls einzusperren, und sagte: »Hol mir eine Fackel. Dann bringst du Zehenspitze in ein anständiges Gemach, damit sie sich reinigen und wie eine Frau kleiden kann. Anschließend kommst du sofort hierher zurück, du Schlange, damit ich dich im Auge behalten kann.«

Mit der brennenden Fackel betrat ich den kleinen Raum. Der Gestank war so unerträglich, daß es mich beinahe würgte. Das einzige, was ich sah, war ein voller Axixcáli-Topf.

In einer Ecke regte sich etwas auf dem Steinfußboden. Es war Améyatl. Mühsam richtete sie sich auf. Ich erkannte sie kaum wieder. Ihr abgezehrter Körper war in schmutzige Lumpen gehüllt, die Haare waren verfilzt, das Gesicht war aschgrau, sie hatte hohle Wangen und dunkle Ringe um die Augen. Sie war einmal die schönste Frau von ganz Aztlan gewesen!

Doch ihre Stimme klang nicht schwach, sondern fest und würdevoll, als sie sagte: »Ich danke allen Göttern, daß du gekommen bist, Vetter. Ich habe nicht umsonst gewartet und die vielen langen Monate gebetet …«

»Still, Améyatl«, unterbrach ich sie erschüttert. »Spar die Kraft, die du noch besitzt. Wir sprechen später miteinander. Ich bringe dich in dein Gemach, damit man sich um dich kümmert, dich badet, dir etwas zu essen bringt und du dich ausruhst. Danach haben wir über vieles zu reden.«

In ihrem Gemach warteten mehrere Dienerinnen. An einige konnte ich mich von früher erinnern. Alle wichen meinem Blick aus. Ich schickte sie mit knappen Worten davon. Améyatl und ich schwiegen, bis G’nda Ké mit Zehenspitze zurückkam, die wie eine Prinzessin gekleidet war.

Die Yaki-Frau versuchte, die Lage durch betonte Heiterkeit zu entschärfen. Sie sagte: »Alle neuen Kleider von G’nda Ké passen Pakápeti, bis auf die Sandalen. Wir mußten ein Paar suchen, die klein genug für sie sind.« Im Plauderton fuhr sie fort: »Nachdem G’nda Ké einen so großen Teil ihres Lebens zu Fuß und oft sogar barfuß unterwegs gewesen ist, legt sie jetzt großen Wert auf eine Unmenge von Schuhen. Sie ist dankbar dafür, Yeyac als ihren Wohltäter gehabt zu haben, auch wenn sie ihn in anderer Hinsicht widerwärtig fand, denn durch ihn konnte G’nda Ké ihrer Liebe zu Schuhen frönen. Sie hat ganze Schränke voll. Sie kann jeden Tag ein anderes Paar Sandalen …«

»Hör mit dem dummen Geschwätz auf!« unterbrach ich sie und machte Améyatl und Zehenspitze miteinander bekannt. »Dies ist meine schwer mißhandelte liebe Cousine Améyatl. Da ich keinem Menschen im Palast traue, bitte ich dich, Pakápeti, für sie zu sorgen. Sie wird dir zeigen, wo das Dampfbad ist, wo sich ihre Garderobe befindet und so weiter. Bring ihr aus der Küche unten etwas zu essen, was sie stärkt, und gib ihr süße Schokolade zu trinken. Dann hilf der Armen auf ihr Lager, aber lege viele Steppdecken übereinander, damit es weich ist. Wenn Améyatl eingeschlafen ist, kommst du zu mir nach unten.«

»Es ist mir eine Ehre«, sagte Zehenspitze, »der Dame Améyatl zu dienen.«

Meine Cousine beugte sich vor und küßte mich auf die Wange, aber nur flüchtig, um mich nicht durch den Gestank ihres Körpers oder ihren schlechten Atem abzustoßen, und ging mit Zehenspitze hinaus. Ich wandte mich wieder G’nda Ké zu.

»Ich habe bereits zwei Palastwachen erschlagen. Ich nehme an, alle anderen, die im Augenblick hier beschäftigt sind, haben dem Betrüger Yeyac während seiner Herrschaft ebenfalls widerspruchslos gedient.«

»Das stimmt. Eine Reihe Dienstboten hat das entschieden abgelehnt, aber sie haben sich schon lange andere Stellungen gesucht.«

»Dann befehle ich dir, diese treuen Diener ausfindig zu machen und zurückbringen zu lassen. Außerdem befehle ich dir, die derzeitige Dienerschaft ausnahmslos zu beseitigen. Ich kann mir nicht selbst die Mühe machen, so viele Diener zu erschlagen. Ich bin sicher, als Schlange kennst du ein Gift, das sie alle im Handumdrehen töten wird.«

»Aber selbstverständlich«, erwiderte sie so gelassen, als hätte ich sie um einen Beruhigungssaft gebeten. »Gut. Du wartest, bis Améyatl richtig gegessen hat.« Ich durchbohrte sie mit meinen Blicken. »Das wird bestimmt die erste ordentliche Mahlzeit sein, die sie seit ihrer Gefangennahme bekommen hat.« Sie lächelte nur unschuldig. »Wenn sich die Dienerschaft zum Abendessen versammelt, sorgst du dafür, daß das Atóli mit einer gehörigen Portion von deinem Gift gewürzt ist. Nachdem sie tot sind, wird Pakápeti die Küche übernehmen, bis wir zuverlässige Diener und Sklaven gefunden haben.«

»Wie du befiehlst. Möchtest du, daß die Diener qualvoll oder friedlich sterben, ich meine, schnell oder langsam?«

»Es kümmert mich einen Dreck, wie sie sterben. Sorge nur dafür, daß sie tot sind.«

»Dann beschließt G’nda Ké, gnädig zu sein, denn sie ist von Natur aus gütig. Sie wird Tlapatl-Kraut in das Essen mischen. Die Leute werden mit Wahnvorstellungen sterben. Sie werden im Delirium prächtige Farben und wundervolle Trugbilder sehen, bis sie die Augen für immer schließen. Aber Tenamáxtli, sag G’nda Ké, muß auch sie an diesem letzten, tödlichen Mahl teilnehmen?«

»Nein. Ich habe noch Verwendung für dich. Es sei denn, Améyatzin entscheidet anders, wenn sie wieder bei Kräften ist. Sie wird vielleicht verlangen, daß ich dich beseitige. Wenn sie das will, wird es bestimmt auf eine sehr einfallsreiche und nicht sehr gnädige Weise geschehen.«

»Du darfst G’nda Ké nicht für die Mißhandlung deiner Cousine verantwortlich machen«, erwiderte sie, als sie mir in die Gemächer folgte, die zuerst Mixtzin und dann Yeyac gehört hatten. »Ihr eigener Bruder hat bestimmt, daß sie auf so unmenschliche Weise eingesperrt wurde, G’nda Ké hatte nur den Befehl, die verschlossene Tür zu bewachen. Selbst G’nda Ké durfte sich nicht über seine Anordnungen hinwegsetzen.«

»Du lügst, Weib! Du lügst öfter und gedankenloser, als du deine vielen Sandalen wechselst.« Ich gab einem der Diener, die sich in der Nähe aufhielten, Anweisung, auf der Stelle glühende Holzkohle und Eimer mit frischem Wasser in das Dampfbad zu bringen.

Während ich meine spanischen Kleider ablegte, sagte ich zu der Yaki-Frau: »Mit deinen Giften und deiner Zauberei, ayya, selbst mit deinem Schlangenblick hättest du Yeyac jederzeit töten können. Ich weiß, du hast deine böse Magie benutzt, um ihn bei seinem Bündnis mit den Spaniern zu unterstützen.«

»Nichts als Unsinn, lieber Tenamáxtli!« Sie lachte fröhlich. »Das war nur der übliche Unsinn, den G’nda Ké anstellt. Sie hetzt mit Vergnügen Männer gegeneinander auf. Das war reiner Zeitvertreib, bis du und sie wieder Zusammensein würden, um wirklich alles zu zerstören.«

»Zusammensein!« schnaubte ich. »Ich würde mich lieber mit Mictlanciuatl, der schrecklichen Göttin der Unterwelt, zusammentun.«

»Jetzt sagst du die Unwahrheit. Sieh dich an.« Ich war inzwischen nackt und wartete ungeduldig auf die Meldung des Dieners, daß mein Dampfbad bereit sei. »Du freust dich, wieder mit G’nda Ké zusammenzusein. Du stellst prahlerisch und verführerisch deinen nackten Körper zur Schau. Und du siehst gut aus. Du führst sie bewußt in Versuchung.«

»Für mich bist du bedeutungslos und unwichtig. Was du siehst und was du denkst, interessiert mich nicht mehr, als wenn du ein Holzwurm in der Wandvertäfelung wärst.«

Ihre Miene verfinsterte sich bei dieser Beleidigung so sehr, daß die kalten Augen wie Eissplitter funkelten. Der Diener kam zurück, und ich folgte ihm in das Dampfbad. Im Gehen sagte ich zu ihr: »Du bleibst hier.« Nachdem ich lange und genußvoll geschwitzt, mich geschabt und abgetrocknet hatte, kam ich immer noch nackt zurück und stellte fest, daß sich inzwischen im Raum außer G’nda Ké auch der Krieger Nochéztli befand. Sie standen in einigem Abstand voneinander und musterten sich feindselig. Er ließ sie nicht aus den Augen. Sie sah ihn eher spöttisch an.

Bevor er den Mund aufmachen konnte, rief sie boshaft: »Deshalb hat es dir also nichts ausgemacht, Tenamáxtli, dich vor G’nda Ké splitternackt auszuziehen. Ich weiß, daß Nochéztli einer der Lieblings-Cuilóntin von Yeyac war. Er hat mir gesagt, daß er jetzt deine rechte Hand ist. Ayya, du hast die süße Zehenspitze also nur bei dir, um die anderen Frauen zu täuschen. Das hätte G’nda Ké niemals von dir gedacht.«

Nochéztli wurde rot und räusperte sich verlegen. »Beachte den Holzwurm nicht«, sagte ich zu Nochéztli. »Hast du etwas zu berichten?«

»Die Truppen warten darauf, daß Ihr sie besichtigt, Herr. Sie warten schon seit einiger Zeit.«

»Laß sie warten«, sagte ich und begann, im Schrank mit den offiziellen Gewändern den Kopfschmuck und die anderen Insignien der Macht des Uey-Tecutli zu suchen. »Das erwartet man von Truppen, und Truppen erwarten es ebenfalls. Für sie sind lange Zeiten der Langeweile und des Gelangweiltseins, in die nur hin und wieder Töten und Sterben etwas Leben bringen, der normale Alltag. Geh und sorge dafür, daß meine Truppen warten.«

Während ich mich anzog und der schmollenden G’nda Ké hin und wieder befahl, mir beim Anbringen eines edelsteinbesetzten Schmuckstücks behilflich zu sein oder einen Federbusch aufzuschütteln, sagte ich zu ihr: »Ich kann wahrscheinlich nur die Hälfte des Heeres für meine Sache brauchen. Als wir uns am See trennten, hast du gesagt, du würdest im Dienst meiner Mission reisen. Statt dessen bist du genau wie dieses Weibsstück, deine Ahne gleichen Namens, hierher nach Aztlan gekommen. Du hast das gleiche wie sie getan. Du hast Unfrieden unter der Bevölkerung gestiftet, hast aus reiner Bosheit Krieger gegeneinander aufgehetzt, Bruder gegen Bruder …«

»Halt, halt, Tenamáxtli!« unterbrach sie mich. »G’nda Ké ist nicht an allem schuld, was in deiner Abwesenheit hier geschehen ist. Es muß Jahre her sein, daß dein Onkel und deine Mutter aus der Stadt Mexico zurückgekommen sind und Yeyac sie aus dem Hinterhalt überfallen hat. Von diesem Verbrechen ahnt kaum jemand etwas. Auch wie lange Yeyac gewartet hat, um den Mitregenten Káuri aus dem Weg zu räumen, weiß G’nda Ké nicht. Ebensowenig ist ihr bekannt, wieviel Zeit danach verging, bis Yeyac seine eigene Schwester so grausam entmachtete und das Amt des Verehrten Statthalters an sich riß. G’nda Ké weiß nur, daß sich all diese Dinge bereits vor ihrer Ankunft ereignet hatten.«

»Als du hier warst, hast du Yeyac dazu getrieben, sich mit den Spaniern in Compostela zu verbünden, mit den Weißen, die ich geschworen habe auszurotten! Und jetzt entschuldigst du deine Einmischung leichthin als ›Unsinn‹.«

»Ayyo, als Zeitvertreib … mehr nicht. G’nda Ké findet größte Genugtuung daran, sich in die Angelegenheiten von Männern einzumischen. Aber denk doch nach, Tenamáxtli. Sie hat dir in Wirklichkeit einen großen Gefallen getan. Sobald dein neuer Cuilóntli …«

»In die tiefsten Tiefen von Mictlan mit dir, du unverschämtes Weib1. Ich gebe mich nicht mit Cuilóntin ab. Ich habe Nochéztli verschont, damit er alle anderen Anhänger und Mitverschwörer Yeyacs bloßstellen kann.«

»Wenn er das tut, wirst du sie bestrafen.« Sie lachte glücklich. »Du wirst sie beseitigen … Krieger und Nichtkrieger gleichermaßen, die Verräter, die Unzuverlässigen, die Schwächlinge, die Dummköpfe, alle, die lieber einem spanischen Herrn gehorchen würden, als Gefahr zu laufen, ihr eigenes Blut zu vergießen. Du wirst ein kleineres, aber besseres Heer zurückbehalten, und die Bevölkerung wird sich begeistert einer Sache verschreiben, der Sache, für die das Heer entschlossen kämpfen wird.«

Ich mußte ihr zustimmen. »Ja«, sagte ich, »man kann es auch von dieser Seite sehen.«

»Und all das nur, weil G’nda Ké nach Aztlan gekommen ist und ›Unsinn‹ angestellt hat.«

Ich sagte trocken: »Ich hätte auf deine Listen und Machenschaften lieber verzichtet und die Dinge selbst in die Hand genommen. Denn wenn ich Aztlan, wie du gesagt hast, gesäubert habe, ayya, dann bleibst nur du als einziger Mensch übrig, dem ich nicht zu trauen wage.«

»Es ist einzig und allein deine Sache, wem du vertraust und wem nicht. Aber G’nda Ké ist deine Freundin, soweit sie überhaupt die Freundin eines Mannes sein kann.«

»Dann mögen mir alle Götter beistehen«, murmelte ich, »wenn du jemals meine Feindin werden solltest.«

»Stell G’nda Ké eine Aufgabe, die dein Vertrauen in sie erfordert. Dann wirst du sehen, ob sie es verdient.«

»Ich habe dir bereits zwei Aufgaben übertragen. Beseitige alle Dienstboten im Palast. Suche die Getreuen, die gegangen sind, und rufe sie zurück. Hier ist eine weitere. Schicke Boten zu allen Mitgliedern des Rates in Aztlan, Tépiz, Yakóreke und überall sonst und bitte sie, sich morgen um die Mittagszeit im Thronsaal einzufinden.«

»Das wird geschehen.«

»Während ich draußen die Spreu aus meinem Heer siebe, bleibst du hier im Palast, damit dich niemand sieht. Viele Männer auf dem Platz werden sich fragen, warum ich dich nicht als erste umgebracht habe.«

Unten erwartete mich Pakápeti und berichtete, daß Améyatl frisch gebadet und parfümiert sei. Sie habe gegessen und sei inzwischen in den Schlaf der Erschöpfung gesunken.

»Danke, Zehenspitze«, sagte ich. »Ich möchte, daß du bei mir bist, wenn ich jetzt die Krieger da draußen in Augenschein nehme. Nochéztli soll alle die für mich kenntlich machen, die ich mir vom Hals schaffen muß. Allerdings weiß ich nicht, wieweit ich mich auf ihn verlassen kann. Er wird vielleicht die Gelegenheit nutzen, um alte Rechnungen zu begleichen – etwa mit Vorgesetzten, die ihm eine Beförderung verweigert, oder ehemaligen Liebhabern, die ihn verschmäht haben. Bevor ich meine Entscheidung fälle, werde ich dich vielleicht um die Meinung einer Frau bitten.«

Wir gingen über den Hof, wo die Sklaven immer noch auf die Pferde achtgaben, sich dabei aber nach wie vor nicht wohl in ihrer Haut zu fühlen schienen. Am offenen Tor in der Mauer, wo Nochéztli auf uns wartete, blieben wir stehen. Bis auf etwa zehn Schritte vor der Mauer füllten Mannschaften und Offiziere in Kampfausrüstung, jedoch unbewaffnet, den Platz. Jeder fünfte Mann hielt eine Fackel in der Hand, damit ich die einzelnen Gesichter sehen konnte. Hier und da trug einer das Banner der Einheit eines bestimmten Ritters oder den kleineren Wimpel eines Trupps unter Führung eines Cuáchic, eines ›alten Adlers‹. Ich glaube, das angetretene Heer der Stadt hatte eine Stärke von etwa tausend Mann.

»Krieger, stillgestanden!« brüllte Nochéztli, als habe er sein Leben lang Truppen kommandiert. Die wenigen Männer, die mit hängenden Schultern dastanden oder sich unruhig bewegten, richteten sich sofort auf. Nochéztli fuhr mit lauter Stimme fort: »Hört die Worte eures Uey-Tecútli Tenamáxtzin!«

Ob aus Gehorsam oder aus Unsicherheit, die Schar der Männer verstummte, so daß ich nicht die Stimme heben mußte. »Ihr seid auf meinen Befehl hier zusammengerufen worden. Der Tequíua Nochéztli wird nun, ebenfalls auf meinen Befehl, durch eure Reihen gehen und die Schultern bestimmter Männer berühren. Jeder dieser Männer wird vortreten und sich an der Mauer dort drüben aufstellen. Das geschieht schnell, ohne Protest, ich dulde keine Fragen, keinen Laut, bis ich wieder spreche.« Nochéztlis Ausmusterungsvorgang dauerte so lange, daß ich ihn nicht Schritt für Schritt und Mann für Mann schildern werde. Doch als er die letzte, am weitesten entfernte Reihe abgeschritten hatte, zählte ich vor der Mauer einhundertachtunddreißig Männer, die zum Teil unglücklich, zum Teil beschämt oder trotzig wirkten. Ihre Stellungen im Heer reichten vom einfachen Yaoquizquin-Rekruten über die Ränge der Íyactin und Tequiuatin bis zu Cuáchictin-Unteroffizieren. Ich schämte mich, als ich feststellte, daß die Schurken alle Azteca waren. Unter ihnen befand sich nicht ein einziger der alten Mexica-Krieger, die vor langer Zeit aus Tenochtitlan gekommen waren, um das Heer auszubilden, und auch kein jüngerer Mexica, der vielleicht der Sohn eines dieser stolzen Männer hätte sein können. Der höchste Offizier an der Mauer war ein Aztécatl-Ritter, doch er gehörte dem Pfeilorden an. Der Jaguarorden und der Adlerorden nehmen nur echte Helden in ihre Reihen auf, Krieger, die sich in vielen Schlachten ausgezeichnet und feindliche Ritter erschlagen haben. Ein Pfeilritter erhält diesen Ehrentitel nur deshalb, weil er im Umgang mit dem gemeinhin ungenauen Bogen besondere Geschicklichkeit unter Beweis stellt. Dabei spielt es keine Rolle, ob er mit dieser Waffe viele Feinde getötet hat.

»Ihr alle wißt, weshalb ihr dort steht«, sagte ich zu den Männern an der Mauer, und zwar laut genug, damit es der Rest der Truppe ebenfalls hörte. »Ihr werdet beschuldigt, mit dem falschen Verehrten Statthalter Yeyac gemeinsame Sache gemacht zu haben, obwohl ihr alle wußtet, daß er diesen Titel nach der Ermordung seines Vaters und seines Schwagers widerrechtlich an sich gerissen hatte. Ihr seid Yeyac gefolgt, als er sich mit den Weißen verbündete, den Eroberern und Unterdrückern unserer EINEN WELT. Als Handlanger der Spanier habt ihr mit Yeyac gegen tapfere Männer unseres eigenen Volkes gekämpft, um zu verhindern, daß sie den Unterdrückern weiterhin Widerstand leisteten. Leugnet einer von euch diese Anschuldigungen?«

Zu ihrer Ehre sei gesagt, daß sich niemand meldete. Das gereichte auch Nochéztli zur Ehre. Offensichtlich hatte er seine Aufgabe redlich erfüllt.

Ich stellte noch eine Frage. »Macht jemand Umstände geltend, die seine Schuld mildern könnten?« Fünf oder sechs Männer traten vor. Doch sie konnten alle sinngemäß nur sagen: »Als ich meinen Eid ablegte, Herr, habe ich geschworen, die Befehle meiner Vorgesetzten zu befolgen, und ich habe mich daran gehalten.«

»Ihr habt einen Eid auf das Heer geleistet«, erwiderte ich, »nicht auf einen Menschen, der, wie euch bewußt war, gegen die Interessen des Heeres handelte. Dort stehen mehr als neunhundert andere Krieger, eure Kameraden, die sich nicht zum Verrat verleiten ließen.« Ich wandte mich an Zehenspitze und fragte leise: »Hast du Mitleid mit einem dieser elenden Irregeleiteten?«

»Mit keinem«, erwiderte sie entschieden. »Als wir Purémpecha in Michihuácan die Macht hatten, wurden solche Männer an Pfähle gebunden, bis sie so schwach waren, daß die Geier nicht erst auf ihren Tod warten mußten, bevor sie anfingen, sie zu fressen. Ich schlage das als die angemessene Art der Hinrichtung für alle vor.« Bei Huitzli, dachte ich, Pakápeti ist so blutrünstig geworden wie G’nda Ké.

Ich sagte wieder so laut, daß alle es hörten, obwohl meine Worte den angeklagten Männern galten: »Ich habe zwei Frauen gekannt, die als Kriegerinnen mannhafter waren als ihr. Hier neben mir steht die eine von ihnen. Wenn sie keine Frau wäre, hätte sie es verdient, in den Ritterstand erhoben zu werden. Die andere tapfere Frau hat den Tod gefunden, als sie eine ganze Festung voll spanischer Soldaten zerstörte. Ihr dagegen seid eine Schande für eure Kameraden, für eure Fahnen, für euren Schwur, für uns Azteca und für jedes andere Volk der EINEN WELT. Ich verurteile euch ohne Ausnahme zum Tode.« Ich wartete einen Augenblick, dann fuhr ich fort: »Aber ich will Milde walten lassen. Jeder darf seine Todesart selbst bestimmen.« Zehenspitze schüttelte empört den Kopf. »Ihr könnt euer Leben auf eine von drei Arten beenden. Entweder könnt ihr euch morgen auf dem Altar von Coyolxauqui, der Schutzgöttin von Aztlan, als Opfer darbringen. Da ihr in diesem Fall nicht aus freiem Willen die Stufen zu Ihr hinaufsteigen würdet, wäre diese öffentliche Hinrichtung allerdings eine immerwährende Schande für eure ganze Familie und eure Nachkommen. Da eure Häuser und euer Besitz beschlagnahmt werden, müßten eure Familien nicht nur in Armut, sondern auch in Schande leben.«

Ich machte eine Pause, damit sie darüber nachdenken konnten.

»Oder ihr gebt mir euer Ehrenwort. Ihr wißt selbst, euch ist wenig genug Ehre geblieben! Ihr werdet also die Erde darauf küssen, daß jeder von euch nach Hause geht, die Speerspitze auf seine Brust richtet, sich hineinstürzt und so von der Hand eines Kriegers stirbt, auch wenn es die eigene ist.«

Die meisten Männer nickten ernst, doch ein paar wenige warteten auf meinen dritten Vorschlag. »Oder ihr wählt eine andere, noch ehrenhaftere Art des Selbstopfers für die Götter. Ihr könnt euch freiwillig für einen Einsatz melden, den ich geplant habe. Und«, fügte ich voll Verachtung hinzu, »das bedeutet, daß ihr gegen eure Freunde, die Spanier, kämpfen werdet. Nicht einer von euch wird diesen Einsatz überleben. Darauf küsse ich die Erde. Aber ihr werdet in einer Schlacht sterben, wie es sich jeder Krieger erhofft. Zur Befriedigung all unserer Götter werdet ihr dabei außer eurern Blut auch das der Feinde vergießen. Ich bezweifle, daß die Götter dadurch so weit besänftigt sein werden, daß sie euch das glückliche Leben der gefallenen Krieger in Tonatiucan gewähren. Doch selbst im trostlosen Nichts von Mictlan könnt ihr eine Ewigkeit daran denken, daß ihr euch wenigstens einmal im Leben wie Männer benommen habt. Wie viele melden sich?«

Sie taten es alle ohne Ausnahme und bückten sich, um die Erde zu berühren, was bedeutete, sie küßten zum Zeichen ihrer Treue die Erde.

»So sei es!« rief ich. »Und dir, Pfeilritter, übertrage ich den Befehl bei diesem Einsatz, wenn die Zeit gekommen ist. Bis dahin werdet ihr alle im Tempel von Coyolxaúqui unter Bewachung in Arrest genommen. Jetzt nennt dem Tequíua Nochéztli eure Namen, damit ein Schreiber sie für mich festhalten kann.«

Den anderen Männern auf dem Platz rief ich zu: »Ich danke euch allen, nicht zuletzt für eure unerschütterliche Treue zu Aztlan. Ihr seid entlassen, bis ich euch wieder zusammenrufen lasse.«

Als Zehenspitze und ich in den Palasthof zurückgingen, machte sie mir Vorwürfe.

»Tenamáxtli, bis heute abend hast du Männer so vorbehaltlos und unbekümmert getötet, wie ich es tun würde. Aber plötzlich bist du völlig verändert! Du setzt dir diesen Kopfputz auf, hängst dir einen Mantel um, legst Schmuck an, und mit einem Mal trägst du eine unpassende Milde zur Schau. Ein Verehrter Statthalter sollte unberechenbarer und grausamer sein als gewöhnliche Männer, nicht sanftmütiger. Diese Verräter verdienen den Tod.«

»Sie werden sterben«, versicherte ich ihr. »Aber auf eine Art, die meiner Sache dient.«

»Wenn du sie öffentlich hinrichten würdest, wäre deiner Sache auch gedient. Das würde alle anderen Männer von dem Versuch abhalten, in Zukunft ein falsches Spiel zu treiben. Wenn Schmetterling und ihr Trupp Frauen hier wären, um die Hinrichtungen zu übernehmen, wäre dir der Erfolg sicher. Sie können den Männern zum Beispiel die Bäuche aufschlitzen … ich meine langsam, nicht so, daß sie daran sterben, und dann Feuerameisen hineinwerfen. Mit Sicherheit würde kein Zuschauer jemals riskieren, deinen Zorn zu erregen.«

Ich seufzte: »Hast du nicht schon genug Menschen sterben sehen, Pakápeti? Dann sieh dir das an.« Ich wies auf das hintere Ende des Palastgebäudes, wo sich die Küche befand. Im Lichtschein einer Tür tauchte aus dem Gebäude eine Reihe Sklaven auf, die gebeugt unter der Last der Leichen auf ihren Rücken im Dunkeln verschwanden.

»Auf meinen Befehl und sozusagen auf einen Schlag hat die Yaki-Frau alle Dienstboten im Palast getötet.«

»Du hast mir nicht einmal erlaubt, ihr dabei behilflich zu sein!« rief Zehenspitze wütend.

Ich seufzte wieder. »Morgen, Liebes, wird Nochéztli für mich eine Liste der Bewohner von Aztlan zusammenstellen, die wie die Krieger Yeyac bei seinen Verbrechen unterstützt oder Nutzen daraus gezogen haben. Wenn du versprichst, jetzt friedlich zu sein, verspreche ich, daß du deine zarten weiblichen Künste an zwei oder drei Leuten ausprobieren kannst.«

Sie lächelte. »Das klingt eher nach dem alten Tenamáxtli. Aber das reicht mir nicht. Du mußt mir auch versprechen, daß ich mit dem Pfeilritter und den anderen an diesem Einsatz teilnehmen kann, von dem du gesprochen hast.«

»Bist du tlahuéle geworden? Das ist Selbstmord! Ich weiß, es macht dir Spaß, Männer zu töten. Aber willst du unbedingt mit ihnen sterben?«

Sie erwiderte hochmütig: »Eine Frau ist nicht verpflichtet, alle ihre Launen und Einfälle zu erklären.«

»Ich verlange nicht, daß du diesen Einfall erklärst. Ich befehle, daß du ihn vergißt!«

Ich ließ sie stehen, ging mit großen Schritten in den Palast und eilte die Treppe hinauf.

Ich saß an Améyatls Bett – ich hatte die ganze Nacht bei ihr gewacht –, als sie am späten Morgen endlich die Augen aufschlug.

»Ayyo!« rief sie. »Du bist es, Vetter! Ich fürchtete schon, ich hätte nur geträumt, daß ich gerettet worden bin.«

»Du bist gerettet. Glücklicherweise war ich rechtzeitig hier, bevor du in der stinkenden Zelle bei lebendigem Leib verfault bist.«

»Ayya!« seufzte sie. »Sieh mich nicht an, Tenamáxtli. Ich muß aussehen wie das Gerippe der Weinenden Frau aus der Legende.«

»Für mich, meine liebe Cousine, siehst du aus wie immer. Als kleines Mädchen hast du auch nur aus Ellbogen und Knien bestanden. Du warst und bist eine Freude für die Augen und für das Herz. Bald bist du wieder schön und stark. Du brauchst nur die richtige Ernährung und genug Ruhe.«

Sie fragte angstvoll: »Sind mein Vater und deine Mutter mit dir gekommen? Warum seid ihr alle so lange weg gewesen?«

»Es tut mir leid, daß ich es dir sagen muß, Améyatl. Sie sind nicht bei mir. Sie werden nie mehr bei uns sein.« Vor Schmerz stöhnte sie leise auf.

»Es tut mir auch leid, dir sagen zu müssen, daß dies das Werk deines Bruders war. Er hat beide hinterhältig ermordet und später auch deinen Mann Káuri, lange bevor er dich einsperrte und als Regentin von Aztlan absetzte.« Sie dachte eine Weile stumm darüber nach, weinte ein wenig und flüsterte schließlich: »Er hat solche schrecklichen Untaten begangen … nur wegen eines unbedeutenden Rangs … in einem unwichtigen kleinen Winkel der EINEN WELT. Armer Yeyac.«

»Armer Yeyac?«

»Du und ich, wir wußten beide seit unserer Kindheit, daß Yeyac mit einem ungünstigen Tonáli geboren worden war. Darunter hat er sein Leben lang gelitten und war deshalb unglücklich und unzufrieden.«

»Du bist weit nachsichtiger und versöhnlicher als ich, Améyatl. Ich bedaure es nicht, wenn ich dir sage, daß Yeyac nicht länger leidet. Er ist tot, und ich trage für seinen Tod die Verantwortung. Ich hoffe, du wirst mich deshalb nicht hassen.«

»Nein … natürlich nicht.« Sie griff nach meiner Hand und drückte sie liebevoll. »Die Götter, die ihn mit diesem Tonáli geschlagen hatten, müssen das vorherbestimmt haben. Aber jetzt …«, sie nahm sich sichtlich zusammen und fragte beklommen: »Hast du mir alle schlechten Neuigkeiten berichtet?«

»Das mußt du selbst beurteilen. Ich bin dabei, Aztlan von allen Helfershelfern und Vertrauten Yeyacs zu säubern.«

»Verbannst du sie?«

»Weit, sehr weit weg. Nach Mictlan, wie ich hoffe.«

»Oh, ich verstehe.«

»Jedenfalls alle bis auf diese Frau, G’nda Ké, deine Gefängniswärterin .«

»Ich weiß nicht, was ich von ihr halten soll«, sagte Améyatl, und es klang verwirrt. »Ich kann sie eigentlich nicht hassen. Sie mußte Yeyacs Befehl gehorchen. Manchmal ist es ihr gelungen, mir etwas Essen zu bringen, das besser schmeckte als Atóli, oder ein feuchtes, parfümiertes Tuch, mit dem ich mich ein wenig waschen konnte. Aber irgend etwas … ihr Name …«

»Jetzt, da unser Urgroßvater tot ist, sind wir beide, du und ich, möglicherweise die einzigen, für die sich mit diesem Namen etwas verbindet, wenn auch nur unbestimmt. Canaútli hat uns von dieser Yaki-Frau aus alter Zeit erzählt. Erinnerst du dich? Wir waren damals noch Kinder.«

»Ja!« sagte Améyatl. »Die böse Frau … sie hat die Azteca gespalten und den halben Stamm davongeführt. Später wurden aus den Abtrünnigen die großen Eroberer, die Mexica. Aber Tenamáxtli, das war am Anfang der Zeiten. Es kann nicht dieselbe G’nda Ké sein.«

»Wenn sie es nicht ist«, knurrte ich, »dann hat sie mit Sicherheit alle niederen Instinkte und Beweggründe ihrer gleichnamigen Vorgängerin geerbt.«

»Ich frage mich«, sagte Améyatl, »ob Yeyac das bewußt war? Er hat Canaútlis Geschichte zusammen mit uns angehört.«

»Das werden wir nie erfahren. Ich habe mich noch nicht erkundigt, ob es einen neuen Geschichtserinnerer gibt – oder ob Canaútli diese Geschichte an seinen Nachfolger weitergegeben hat. Ich glaube es nicht. Der neue Geschichtserinnerer hätte die Bewohner von Aztlan bestimmt zu einem Aufstand ermutigt, nachdem diese Frau an Yeyacs Hof gekommen war. Besonders als sie Yeyac dazu verleitete, den Spaniern seine Freundschaft anzutragen.«

»Das hat Yeyac getan?« rief Améyatl erschrocken. »Aber … dann … warum schonst du diese Frau?«

»Ich brauche sie. Ich werde dir erklären weshalb, aber das ist eine lange Geschichte. Da kommt Pakápeti. Sie war meine treue Begleiterin auf dem langen Weg hierher und ist jetzt deine Zofe.«

Zehenspitze brachte einen Teller mit Früchten und anderen leicht bekömmlichen Sachen für Améyatls Frühstück. Die beiden jungen Frauen begrüßten sich freundlich, doch Zehenspitze begriff, daß meine Cousine und ich ein ernstes Gespräch führten, und ließ uns allein. »Zehenspitze ist mehr als deine persönliche Dienerin«, sagte ich. »Sie ist Haushofmeisterin des ganzen Palastes. Außerdem ist sie die Köchin, die Wäscherin, die Haushälterin, einfach alles. Sie, du, ich und die Yaki-Frau sind die einzigen Menschen, die noch hier wohnen. Alle Dienstboten, die unter Yeyac beschäftigt waren, sind inzwischen bei ihm in Míctlan. G’nda Ké ist gerade dabei, Ersatz zu suchen.«

»Du wolltest mir sagen, weshalb G’nda Ké noch lebt, obwohl so viele andere tot sind.«

Also berichtete ich, während Améyatl mit großem Appetit und sichtlichem Vergnügen frühstückte, alles oder das meiste, was ich seit unserem Abschied getan und erlebt hatte. Manche Ereignisse streifte ich nur. Zum Beispiel schilderte ich den Tod des Mannes auf dem Scheiterhaufen, von dem ich später erfahren hatte, daß er mein Vater gewesen war, und dessen Tod mich dazu brachte, so viele Dinge zu tun, nicht in allen schrecklichen Einzelheiten. Ich berichtete auch nur kurz und zusammenfassend von meiner Ausbildung in der spanischen Sprache und dem christlichen Aberglauben und davon, wie ich gelernt hatte, die Donnerstöcke zu benutzen. Ebensowenig ging ich näher auf meine Beziehung zu dem Mulattenmädchen Rebeca ein oder auf die tiefen Gefühle, die Citláli und mich verbunden hatten, und auf die verschiedenen Purémpe-Frauen, die ich gehabt hatte, bevor ich Pakápeti kennenlernte. Ich erklärte ihr, daß sie und ich schon seit langer Zeit gemeinsam reisten. Doch ich berichtete Améyatl in allen Einzelheiten von meinen Plänen und den wenigen Vorbereitungen, die ich für einen Aufstand gegen die Weißen getroffen hatte, um sie vollständig aus der EINEN WELT zu vertreiben.

Als ich geendet hatte, sagte sie nachdenklich: »Du bist sehr tapfer und ehrgeizig gewesen, Vetter. Aber dein Plan klingt verrückt. Das mächtige Volk der Mexica ist unter dem Ansturm der Caxtiltéca oder der Spanier, wie du sie nennst, zusammengebrochen. Und du glaubst, du allein …«

»Dein Vater Mixtzin hat das auch gesagt. Es waren so ungefähr die letzten Worte, die er mit mir gesprochen hat. Aber ich bin nicht allein. Nicht jedes Volk war wie die Mexica bereit, die Waffen zu strecken. Die Purémpecha haben beinahe bis zum letzten Mann gekämpft, und deshalb leben in ganz Michihuácan jetzt praktisch nur Frauen. Und selbst sie werden kämpfen. Pakápeti hat eine beachtliche Truppe zusammengestellt, bevor sie und ich Michiuácan verließen. Die Spanier wagen es bis heute noch nicht, die wilden Stämme im Norden anzugreifen. Es ist nur nötig, daß jemand diese zähen, unnachgiebigen, völlig unterschiedlichen Völker in einem gemeinsamen Feldzug gegen die weißen Eroberer führt.«

»Also …«, sagte Améyatl, »wenn bei einem solchen Unternehmen allein Entschlossenheit zählt …« Sie schüttelte langsam den Kopf und sah mich mit großen Augen an. »Aber du hast mir immer noch nicht erklärt, was diese G’nda Ké damit zu tun hat.«

»Ich möchte, daß sie mir hilft, diese Völker und Stämme, die bis jetzt zwar nicht besiegt, aber auch nicht organisiert sind, zu einem haltbaren Heer zu vereinigen. Man kann nicht leugnen, daß ihre Vorgängerin vor langer Zeit in einem bunt zusammengewürfelten Haufen ausgestoßener Azteca eine Angriffslust weckte, die zur Entstehung der großartigsten Kultur der EINEN WELT führte. Wenn sie dazu fähig war, so glaube ich, daß ihre Urururenkelin oder was immer unsere G’nda Ké sein mag, das ebenfalls schafft.« Meine Cousine schüttelte den Kopf, und ich fügte schnell hinzu: »Ich bin zufrieden, wenn sie nur ihr eigenes Volk, die Yaki, für mich gewinnt. Es heißt, sie seien die gefährlichsten und grausamsten Kämpfer von allen.«

»Du mußt das tun, was du für das Beste hältst, Vetter. Du bist der Uey-Tecutli.«

»Darüber wollte ich auch sprechen. Ich habe das Amt nur übernommen, weil du es als Frau nicht bekleiden kannst. Aber ich empfinde noch nicht Yeyacs brennendes Verlangen nach einem Titel, nach Macht und Erhabenheit. Ich werde nur so lange herrschen, bis es dir gesundheitlich gut genug geht, damit du deine Stellung als Regentin wieder einnehmen kannst. Dann mache ich mich auf den Weg und werbe Truppen an.« Sie sagte mit einer für sie ungewohnten Schüchternheit: »Weißt du, wir könnten zusammen herrschen. Du als Uey-Tecutli, und ich als deine Cecihuatl.« Ich fragte scherzhaft: »Hast du ein so kurzes Gedächtnis, daß du dich nicht mehr an deine Ehe mit Káuritzin erinnerst?«

»Ayyo, er war ein guter Ehemann, wenn man bedenkt, daß unsere Heirat von anderen beschlossen wurde, die Nutzen daraus gezogen haben. Aber wir waren uns nie so nahe, wie wir beide, ich meine du und ich, es einmal gewesen sind. Káuri war, wie soll ich sagen?« Sie seufzte. »Er war schüchtern, wenn es darum ging, Dinge auszuprobieren.«

»Ich gebe zu«, sagte ich und lächelte bei der Erinnerung, »ich habe bisher noch keine Frau getroffen, die dich in dieser Hinsicht übertroffen hätte.«

»Es bestehen keine traditionellen oder religiösen Einschränkungen bei Ehen zwischen Geschwisterkindern. Natürlich betrachtest du eine verwitwete Frau möglicherweise als gebrauchte Ware, die deiner nicht würdig ist.« Etwas unzart fügte sie hinzu: »Aber wenigstens müßte ich dich in unserer Hochzeitsnacht nicht mit einem Taubenei und einem verengenden Mittel täuschen.« Plötzlich zischte eine kalte Stimme, die G’nda Ké gehörte: »Wie rührend, die ach so lange getrennten Liebenden erinnern sich und träumen von vergangenen Zeiten.«

»Du Schlange!« stieß ich zwischen den Zähnen hervor. »Wie lange versteckst du dich schon hier?« Sie beachtete mich überhaupt nicht, sondern sagte zu Améyatl, deren blasses Gesicht sich rosa gefärbt hatte:

»Weshalb sollte Tenamáxtli überhaupt heiraten, meine Liebe? Er ist der Herr, der einzige Mann unter drei reizvollen Frauen, unter denen er nach Belieben und ganz unverbindlich wählen kann. Eine ehemalige Geliebte, eine derzeitige Geliebte und eine Geliebte, die er noch nicht kennengelernt hat.«

»Du redest mit gespaltener Zunge, Weib«, sagte ich wutschnaubend. »Selbst deine Bosheiten stecken voller Widersprüche. Gestern abend hast du mich noch einen Cuilóntli genannt.«

»G’nda Ké freut sich sehr festzustellen, daß sie sich geirrt hat. Aber sie kann natürlich nicht ganz sicher sein, bis du und sie …«

»Ich habe noch nie im Leben eine Frau geschlagen«, sagte ich. »Jetzt bin ich nahe daran, es zu tun.« Klugerweise wich sie vor mir zurück. Ihr Schlangenlächeln war gleichzeitig entschuldigend und frech. »Vergebt ihr, mein Herr und meine Dame. G’nda Ké hätte nicht gestört, wenn ihr bewußt gewesen wäre … Nun ja, sie ist nur gekommen, um dir, Tenamáxtzin, zu sagen, daß unten in der Eingangshalle eine Gruppe angehender Dienstboten darauf wartet, daß du ihre Anstellung billigst. Einige von ihnen behaupten, dich ebenfalls von früher zu kennen. Aber wichtiger ist, daß du erfährst, die Mitglieder deines Rates haben sich im Thronsaal versammelt.«

»Die Diener können warten«, sagte ich. »Ich werde gleich zu den Räten kommen. Jetzt möchte ich dich nicht mehr sehen.«

Selbst nachdem sie das Gemach verlassen hatte, waren meine Cousine und ich so verlegen und verwirrt wie ein junger Mann und ein junges Mädchen, die man nackt und unanständig nahe beieinander ertappt hat. Ich stotterte sogar, als ich Améyatl schließlich bat, mich entfernen zu dürfen, und als sie es mir gestattete, stammelte sie ebenfalls. Niemand hätte geglaubt, daß wir reife Menschen waren und die höchsten Ränge in Aztlan bekleideten.