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Einige Monate nach unserer Begegnung auf dem Markt kam der Händler Pololoá aus Xoconóchco wieder in die Stadt. Ein Tamerni trug wie versprochen einen großen Sack Salpeter ›die erste Ausbeute‹ auf dem Rücken. Er übergab mir das Geschenk mit großer Geste und befahl dem Träger sogar, die Last zu mir nach Hause zu bringen. Dort widmete ich jeden freien Augenblick meinen Versuchen, mischte das schwarze, das weiße und das gelbe Pulver in unterschiedlichen Verhältnissen und führte Aufzeichnungen über jeden Versuch. Ich hatte jetzt sehr viel mehr freie Zeit, denn sowohl Pochotl als auch ich waren aus dem Dienst in der Kathedrale entlassen worden.

»Es liegt daran, daß die Kirche einen neuen Papst in Rom hat«, erklärte der Notarius Alonso entschuldigend. »Der alte Papst, Clemens VII. ist gestorben. Sein Nachfolger heißt Paul III. Wir sind gerade von seinem Amtsantritt und von seinen ersten Weisungen für den katholischen Klerus in der ganzen Welt unterrichtet worden.« Ich sagte: »Das klingt nicht so, als würdet Ihr Euch über die Nachricht freuen, Cuati Alonso.« Er verzog mißmutig das Gesicht. »Die Kirche verlangt, daß jeder Priester unverheiratet, keusch und ehrenhaft lebt oder zumindest den Schein wahrt. Das sollte auch für den Papst gelten, denn er ist der höchste Priester.

Aber es ist allgemein bekannt, daß er seinen Aufstieg in der Kirchenhierarchie bereits als Vater Farnese mit lamiendo el culo del patron‹ begonnen hat, um einen Ausdruck des gemeinen Volkes zu gebrauchen. Das heißt, er hat seine Schwester, Julia die Schöne, dem damaligen Papst Alexander VI. ins Bett gelegt und sich dadurch wichtige Beförderungen verschafft. Papst Paul hat keineswegs ein keusches Leben geführt. Er hat zahlreiche Kinder und Enkelkinder. Einen Enkelsohn hat er sofort nach seiner Wahl zum Kardinal ernannt. Dieser Enkel ist vierzehn Jahre alt.«

»Interessant«, sagte ich, obwohl ich es nicht sonderlich interessant fand. »Was hat das alles mit uns hier zu tun?«

»Papst Paul hat unter anderem angeordnet, daß alle Diözesen ihre Ausgaben einschränken. Das bedeutet, wir können selbst einen so bescheidenen Luxus wie deine Arbeit hier an den Códices nicht mehr finanzieren. Außerdem hat sich der Papst ausdrücklich wegen der, wie er es nennt, ›Verschwendung‹ von Gold und Silber für ›Luxus‹ an Bischof Zumárraga gewandt. Er verlangt von dem Bischof, daß alles Gold und Silber, das die Kirche in Neuspanien erworben hat, unter den weniger gut ausgestatteten Bistümern aufzuteilen ist.«

»Und Ihr zweifelt daran, daß das Gold und Silber die weniger gut ausgestatteten Bistümen erreicht?«

Alonso stieß lange und geräuschvoll den Atem aus. »Zweifellos bin ich geneigt, dem neuen Papst wegen der Dinge, die ich über seinen Lebenswandel weiß, zu mißtrauen. Das mit dem Gold und Silber klingt für jeden, der mit den Gepflogenheiten Roms vertraut ist, so, als beanspruche Papst Paul III. seinen eigenen fünften Anteil von den Schätzen Neuspaniens.« Er seufzte. »Wie auch immer. Deshalb muß Pochotl aufhören, seine wundervollen Goldschmiedearbeiten für uns anzufertigen, und du kannst mir nicht mehr bei den Übersetzungen helfen.«

Ich sah ihn lächelnd an. »Wir wissen beide, Cuati Alonso, daß Ihr Euch seit langem nur aus Mitleid Arbeit für mich ausgedacht habt. Aber ich habe einige Ersparnisse. Ich glaube, die Witwe, ihr Kind und ich werden nicht hungern müssen, wenn ich diese Anstellung verliere.«

»Es tut mir leid, dich gehen zu sehen, Juan Británico. Aber ich empfehle dir sehr, jetzt, wo du nicht mehr hier beschäftigt bist, die Zeit zu nutzen und die Unterweisung im christlichen Glauben bei Pater Diego wiederaufzunehmen.«

»Das ist sehr fürsorglich von Euch«, sagte ich, und das war aufrichtig gemeint. Doch ich versprach nichts dergleichen.

Alonso seufzte noch einmal und sagte: »Ich möchte dir zum Abschied ein kleines Geschenk machen.« Er griff nach einem hellglänzenden Gegenstand, der die Papiere auf seinem Schreibtisch beschwerte. »Heutzutage besitzt jeder so etwas, ich meine jeder Spanier. Das hier habe ich von diesem armen, unglücklichen Ketzer bekommen, der vor vier oder fünf Jahren auf dem Platz vor der Kathedrale hingerichtet wurde und den wir beide haben brennen sehen.«

Ayya, dachte ich. Ein Geschenk meines Vaters für den Notarius, und jetzt wird daraus ein Geschenk von ihm an mich.

Alonso übergab es mir. Es war ein runder, glatt geschliffener Kristall von der Größe meiner Handfläche. Ich hatte den anderen Kristall, den mein Vater mir unfreiwillig hinterlassen hatte, immer noch zwischen meiner Habe verstaut. Es war ein gelber Topas, während dies ein klarer, auf beiden Seiten leicht nach außen gewölbter Quarz war.

»Der alte Mann hat mir erzählt, wie er diese Kristalle irgendwo im Süden entdeckt und sie bei seinem Volk verbreitet hatte«, sagte Alonso. »Jetzt benutzen wir Spanier sie, denn sie sind in der Tat sehr nützlich. Doch ihr Indios habt sie scheinbar vergessen.«

»Nützlich?« fragte ich. »In welcher Hinsicht?«

»Sieh her.« Er nahm mir den Kristall aus der Hand und hielt ihn in einen Sonnenstrahl, der durch das Fenster in den Raum fiel. Mit der anderen Hand griff er nach einem Stück Papier und hielt es so, daß das Sonnenlicht durch den Kristall darauffiel. Er bewegte Papier und Kristall so lange hin und her, bis das Licht auf dem Papier zu einem hellen Punkt wurde. Nach kurzer Zeit begann das Papier an dieser Stelle zu rauchen, und im nächsten Augenblick sah ich eine kleine Flamme. Alonso blies sie aus und gab mir den Kristall zurück.

»Ein Brennglas«, sagte er. »Wir nennen es wegen seiner Form auch Lente oder Linse. Damit kann man ohne Stahl und Pyrit Feuer entzünden, und sie erspart einem auch die Mühe mit dem Holzstock und dem Brett, das ihr dazu benutzt, aber natürlich nur wenn die Sonne scheint. Ich bin sicher, du wirst es auch nützlich finden.« Ganz bestimmt, dachte ich innerlich jubelnd. Es war wie ein Geschenk der Götter – nein, es war ein Geschenk von meinem Vater Mixtli, der in Tonatiucan weilte. Er mußte von dieser anderen, paradiesischen Welt aus beobachtet haben, wie ich mich mit der Herstellung des Pulvers herumschlug. Er mußte wissen, warum ich das tat, und beschlossen haben, mir zu helfen. Obwohl er schon lange tot und aller weltlichen Sorgen enthoben war, schien mein Vater Mixtli meiner Absicht zuzustimmen, die EINE WELT von den fremden Herren zu befreien. Und das war seine Art, mir über die unermeßliche Entfernung hinweg, die uns Lebende von den Toten trennt, seine Zustimmung zu zeigen. Natürlich sagte ich Alonso de Molina nichts von alldem, sondern nur: »Ich danke Euch wirklich sehr. Ich werde jedesmal an Euch denken, wenn ich das Brennglas benutze.« Dann verabschiedete ich mich. Pochotl war ebenfalls nicht besonders traurig darüber, von der Liste der Beschäftigten der Kathedrale gestrichen zu werden. Er hatte seinen Lohn geschickt angelegt und sich in einem der besseren Stadtviertel für Einheimische ein beachtliches Haus mit einer Werkstatt gebaut. Es stand direkt am Rand der Traza, die den Spaniern vorbehalten war. Pochotls Kunstwerke für die Kathedrale hatten bereits so viele Spanier beeindruckt, daß er Aufträge für private Auftraggeber ausführte. »Die Weißen bemühen sich endlich, uns in Hinblick auf Kultur, Verfeinerung und guten Geschmack nachzuahmen«, sagte er. »Ist es dir aufgefallen, Tenamáxtli, sie riechen nicht einmal mehr so schlecht wie früher. Sie haben unsere Gewohnheit übernommen und waschen sich, wenn vielleicht auch nicht so regelmäßig und gründlich wie wir. Inzwischen haben sie gelernt, die besondere Art Schmuck zu schätzen, den ich schon immer hergestellt habe. Meine Stücke sind sehr viel feiner und einfallsreicher als die ihrer eigenen ungeschickten Goldschmiede. Deshalb bringen sie mir ihr Gold, ihr Silber und ihre Edelsteine. Sie nennen mir ihre Wünsche – eine Halskette, einen Fingerring, einen Schwertknauf – und überlassen mir die Gestaltung. Bis jetzt war jeder mit dem Ergebnis sehr zufrieden und hat mich gut bezahlt. Keiner meiner Kunden hat je Anstoß daran genommen, wenn ich das Metall, das übrigbleibt, für mich behalten habe.«

»Das freut mich für dich«, sagte ich. »Ich hoffe nur, du hast auch Zeit für …«

»Ayyo, ja! Die Arkebuse ist beinahe fertig. Ich habe alle Metallteile und muß sie nur noch in den Holzschaft einpassen. Es mag merkwürdig klingen, aber daß ich aus der Kathedrale entlassen worden bin, ist mir dabei sehr zustatten gekommen. Man hat mir befohlen, die Werkstätten zu räumen und zu säubern. Wachen mußten sicherstellen, daß ich keine von den Kostbarkeiten an mich nehme, die man mir anvertraut hatte. Ich habe die Gelegenheit, die Waffen der Soldaten aus nächster Nähe zu sehen, genutzt, um mir in allen Einzelheiten einzuprägen, wie diese Arkebusen zusammengebaut sind.« Er runzelte die Stirn. »Aber wie ergeht es dir beim Herstellen des Schießpulvers?«

Ich war immer noch mit den scheinbar nie enden wollenden Versuchen beschäftigt, hinter die richtige Zusammensetzung des Pulvers zu kommen, aber ich werde nicht von den Enttäuschungen und Mühen berichten, die mich beinahe zur Verzweiflung brachten. Es genügt zu sagen, daß ich schließlich Erfolg hatte – mit einer Mischung aus zwei Dritteln Salpeter und einem Drittel Holzkohle und Schwefel zu gleichen Teilen. Als ich eines Nachmittags mit Hilfe meiner neuen Linse das gebündelte Sonnenlicht auf das graue Pulverhäufchen lenkte, um es zu entzünden – es sollte sich als der letzte und entscheidende Versuch erweisen –, waren in der Gasse vor unserem Haus keine Kinder aus der Nachbarschaft zu sehen. Das stets gleichbleibende schwache Zischen und Fauchen hatte sie noch mehr gelangweilt als mich. Diesmal jedoch sprühte das Pulver Funken, und ein richtiges blaues, scharf riechendes Rauchwölkchen stieg auf. Aber das Wichtigste war, ich hörte dabei dieses besondere Geräusch, ein gedämpftes, gefährliches Knurren, das ich gehört hatte, als der junge Soldat mir erlaubte, den Abzug zu drücken und seine Arkebuse abzufeuern. Endlich wußte ich, wie man Schießpulver herstellt. Und ich konnte größere Mengen davon machen. Nachdem ich einen kurzen Freudentanz aufgeführt, dem Kriegsgott Huitzilopóchtli und meinem verehrten toten Vater Mixtli stumm von Herzen gedankt hatte, eilte ich zu Pochotl, um den Sieg zu verkünden. »Yyo, ayyo, ich habe große Ehrfurcht vor dir!« rief er. »Wie du sehen kannst, bin ich ebenfalls beinahe fertig.« Er wies auf seine Werkbank. Dort lagen die Metallteile, die ich bereits in Augenschein genommen hatte. Jetzt zeigte er mir auch den Holzschaft, dem er gerade die richtige Form gab. »Ich schlage vor, während ich meine Arbeit beende, unternimmst du den Versuch, zu dem ich dir schon einmal geraten habe. Du füllst das Pulver in ein kleines, festes Gehäuse und entzündest es dann.«

»Das habe ich bereits geplant«, erwiderte ich. »Und du, Pochotl, du machst mir ein paar runde Bleikugeln zum Schießen. Sie sollten groß genug sein, um sie in das Rohr der Arkebuse hineinzuschieben. Aber sie müssen mühelos hineinpassen.«

Ich lief zum Markt, ließ mir von einem Töpfer einen Klumpen gewöhnlichen Ton geben und trug ihn nach Hause. Citláli sah stolz zu, wie ich eine kleine Menge Pulver in die Mitte schüttete und den Ton zu einem Ball von der Größe einer Nopali-Frucht zusammendrückte. Dann stach ich mit einem Federkiel ein winziges Loch hinein und legte die Tonkugel zum Trocknen neben die Feuerstelle. Am nächsten Tag war sie so hart wie ein Topf. Ich ging damit hinaus auf die Gasse.

Die Tonkugel war für die Kinder etwas Neues, und sie drängten sich neugierig um mich. Sie fanden es auch sehr aufregend, daß ich das Brennglas benutzen wollte. Doch ich sorgte dafür, daß sie einen gebührenden Abstand wahrten, und hob schützend den Arm vor mein Gesicht, bevor ich den Hitzepunkt des Kristalls auf die kleine Öffnung richtete. Ich war froh über meine Vorsichtsmaßnahmen, denn im nächsten Augenblick verschwand der Ball mit einem Blitz, der mich sogar im hellen Tageslicht blendete. Eine beißende blaue Rauchwolke stieg auf. Die Explosion machte beinahe ebensoviel Lärm wie die Arkebuse, die ich damals am See abgefeuert hatte. Scharfe Splitter, die schmerzhaft meinen erhobenen Arm und die nackte Brust trafen, schossen durch die Luft. Zwei oder drei Kinder schrien erschrocken auf, aber sie hatten nur ein paar leichte Schrammen abbekommen. Mir fiel zu spät ein, daß sich möglicherweise Soldaten in der Nähe befinden konnten, die den Lärm gehört hatten. Es kam jedoch niemand, um nachzuforschen, was geschehen war. Ich beschloß, alle weiteren Versuche in sicherer Entfernung von der Stadt durchzuführen.

Ein paar Tage später nahm ich am westlichen Rand der Insel eine Acali-Fähre, die mich zu dem steilen Felsufer am Festland übersetzte, das Chapultépec, Heuschreckenberg, genannt wird. Ich trug einen harten Tonball mit Schießpulver von der Größe meiner Faust bei mir und in einem Beutel eine kleine Menge losen Schießpulvers. Ich hätte ohne weiteres zu Fuß gehen können, denn in diesem Abschnitt war das stinkende Wasser nur etwa knietief und grünbraun. In die Felswand, so hatte man mir gesagt, waren früher riesige Gesichter, um ein vielfaches vergrößerte Bildnisse von vier Verehrten Sprechern der Mexíca, eingemeißelt gewesen. Doch die Gesichter waren verschwunden, da die spanischen Soldaten sie in ihrem Übermut als Zielscheiben für Schießübungen mit den riesigen Donnerrohren auf Rädern, den sogenannten Culebrinas und Falconetes benutzt hatten. Der Heuschreckenberg war inzwischen wieder ein gewöhnlicher Berg mit einer steilen Felswand. Das einzig Bemerkenswerte war der Aquädukt, der dort seinen Anfang nahm und Wasser von den Quellen des Chapultépec in die Stadt leitete.

Der große Park mit Gärten, Springbrunnen und Statuen, den der letzte Motecuzóma dort angelegt hatte, war ebenfalls zerstört. Es gab nur noch Gras, Wildblumen, niedriges Gestrüpp und hier und da die mächtigen, hohen Ahuehuétquin-Zypressen, die uralten Bäume, deren Holz so hart war, daß selbst die Spanier sie nicht fällen konnten. Die einzigen Menschen, die ich sah, waren Sklaven, die wie an jedem Tag mit der Ausbesserung der Risse des Aquädukts beschäftigt waren. Ich mußte mich nicht weit vom Ufer entfernen, um allein zu sein. Ich suchte eine Stelle, die frei von Gestrüpp war, und fand sie auch bald.

Diesmal hatte ich den Tonball an einer Stelle abgeflacht und das Loch so angebracht, daß es sich auf gleicher Höhe mit der Erde befand, als ich den Ball ins Gras legte. Ich öffnete den Beutel und begann eine schmale Spur Pulver vom Ball bis um das Wurzelwerk einer Zypresse zu streuen, die in einiger Entfernung stand. Im Schutz des dicken Stammes holte ich mein Brennglas hervor, hielt es in einen Sonnenstrahl, der durch das Geäst auf die Erde fiel, und brachte am Ende meiner Pulverspur eine kleine Flamme hervor. Das Pulver begann wie erhofft zu zischen und zu fauchen. Die Funken hüpften fröhlich den Weg zurück, den ich gekommen war. Mir wurde klar, daß das nicht immer die beste Art sein würde, meine Kugeln zu zünden, denn jeder Windhauch konnte den Ablauf unterbrechen. Doch an diesem Tag geschah das nicht. Die Funken tanzten um den Baumstamm herum und entschwanden meinen Blicken. Aber der unverkennbare scharfe Geruch des brennenden Pulvers stieg mir weiterhin in die Nase. Dann ertönte ein solcher Knall, daß ich unwillkürlich einen Satz rückwärts machte, obwohl ich damit gerechnet oder es zumindest inbrünstig gewünscht hatte. Selbst der Baum, der mich schützte, schien zu schwanken. Ringsum flatterten krächzend zahllose Vögel auf, und im Gestrüpp raschelte es, als mehrere kleine Tiere flüchteten. Ich hörte das Pfeifen und Zischen der Tonsplitter, die in alle Richtungen geschleudert wurden. Einige trafen mit einem dumpfen Aufprall den Stamm und die Äste meiner Zypresse. Abgerissene Zweige fielen herab, während der blaue Rauch in der windstillen Luft seinen charakteristischen Gestank verbreitete. Irgendwo in der Ferne hörte ich aufgeregtes Rufen. Deshalb verließ ich meinen Platz hinter dem Baum, sobald kein Splitter mehr durch die Luft flog, und eilte zu der Stelle, wo der Ball gelegen hatte. Ein Fleck Erde von der Größe einer Petatl-Matte war schwarz verkohlt. Die umstehenden Büsche hatten versengtes und welkes Laub. Am Rand der kleinen Lichtung lag ein totes Kaninchen, das von einem Tonsplitter durchbohrt worden war. Die Rufe näherten sich. Erst jetzt fiel mir ein, daß die Spanier auf dem Gipfel des Heuschreckenbergs eine Festung mit Palisaden errichtet hatten, ein Castillo, wie sie es nannten. Dort bildete das Heer Rekruten aus, und so befanden sich in der Festung immer viele Soldaten.

Selbst ein blutiger Anfänger wußte natürlich, daß es sich um eine Schießpulver-Explosion handelte. Da der Lärm von einem üblicherweise menschenleeren Gelände kam, rannten die Spanier herbei, um herauszufinden, wo und wie es dazu gekommen und wer dafür verantwortlich war. Ich wollte für die Soldaten keine Hinweise zurücklassen. Mir blieb nicht genug Zeit, um die Brandspuren zu verwischen, doch ich nahm das Kaninchen mit, als ich mich eilig auf den Rückweg zum Ufer machte. An diesem Abend erschien Pochotl mit einem geölten Mantel unter dem Arm und einem so zufriedenen Grinsen, daß ich ihn beinahe nicht wiedererkannt hätte. Mit der übertriebenen Verschwörermiene eines Gauklers legte er das Bündel auf den Boden und packte es ganz langsam aus, während Citláli und ich ihn erwartungsvoll dabei beobachteten.

Da lag sie endlich, die nachgebaute Arkebuse. Sie sah sehr echt aus.

»Ouiyo ayyo«, murmelte ich sehr zufrieden und voll Bewunderung für Pochotls Kunstfertigkeit. Citláli blickte lächelnd von einem zum anderen und freute sich für uns beide.

Pochotl gab mir den Schlüssel zum Spannen der inneren Feder. Ich steckte ihn an seinen Platz, drehte den Schlüssel und hörte wie schon einmal zuvor das schnarrende Geräusch. Dann schob ich mit dem Daumen die Katzenpfote mit dem Splitter Falschgold zurück. Sie klickte und blieb in dieser Stellung. Danach drückte ich mit dem Zeigefinger den Abzug. Die Katzenpfote schnappte nach unten, das falsche Gold traf das gezahnte Rad, das von der gespannten Feder bewegt wurde, und die dadurch entstehenden Funken verteilten sich, so wie es sein sollte, auf der Pulverpfanne.

»Wir werden natürlich erst sehen«, sagte Pochotl, »was geschieht, wenn du sie mit Pulver und mit einer von diesen Kugeln geladen hast.« Er reichte mir einen Beutel voll schwerer Bleikugeln. »Aber ich rate dir, Tenamáxtli, geh für deine Versuche weit weg. Die Gerüchte in der Stadt überschlagen sich bereits. Die Soldaten der Garnison auf dem Chapultépec haben heute eine unerklärliche Explosion gehört.« Er zwinkerte mir zu. »Die Weißen fürchten zu Recht, daß außer ihnen noch jemand Pulver besitzt. Die Wachen auf den Straßen halten alle Indios mit Töpfen, Körben oder anderen verdächtigen Behältnissen an und durchsuchen sie.«

»Das habe ich nicht anders erwartet.« Ich nickte zustimmend. »Ich werde in Zukunft vorsichtiger sein.«

»Noch etwas«, sagte Pochotl. »Ich halte deine Idee von einem Aufstand immer noch für verrückt. Überleg doch einmal, Tenamáxtli. Du weißt, wie lange ich für diese eine Arkebuse gebraucht habe. Ich bin sicher, sie wird funktionieren. Aber glaubst du im Ernst, daß ich oder ein anderer die vielen tausend herstellen könnte, die du brauchen würdest, um so gut bewaffnet zu sein wie die Weißen?«

»Nein«, erwiderte ich. »Denn es muß keine einzige mehr gebaut werden. Wenn deine Arkebuse wie erwartet funktioniert, werde ich sie benutzen, um – nun ja – von irgendeinem spanischen Soldaten eine zweite zu bekommen. Dann beschaffe ich mir mit den beiden zwei weitere und so fort.«

Pochotl und Citláli starrten mich an, und ich wußte nicht, ob sie vor Entsetzen oder vor Bewunderung sprachlos waren.

»Aber jetzt«, rief ich glücklich, »wollen wir das vielversprechende Ereignis feiern!«

Ich kaufte einen Krug vom besten Octli, und wir tranken zur Feier des Tages. Selbst die kleine Ehécatl bekam etwas davon ab. Wir Erwachsenen wurden so betrunken, daß sich Pochotl um Mitternacht lieber im Vorderzimmer schlafen legte, als die Begegnung mit der Wache zu riskieren. Citláli und ich schwankten kichernd zu unserem Lager im anderen Zimmer, wo wir noch leidenschaftlicher feierten.

Für meine nächsten Versuche stellte ich Tonbälle in der Größe von Wachteleiern her, die jeweils eine daumennagelgroße Menge Pulver enthielten. Sie barsten alle mit einem Knall, der nicht lauter war als etwa das Geräusch der Kapsel einer Rizinuspflanze, wenn sie ihre Samen durch die Luft schleudert. Deshalb verloren die Kinder bald das Interesse. Doch ich verschaffte ihnen eine andere Unterhaltung, die ihnen wieder Spaß machte. Ich bat sie, meine Späher zu sein, durch die umliegenden Straßen zu streifen und sofort zurückzukommen und mich zu warnen, falls sie irgendwo spanische Soldaten entdeckten. Da ich bereits wußte, daß mein Pulver zufriedenstellend arbeitete und eine beachtliche zerstörerische Wirkung hatte, wenn es fest zusammengepreßt war, versuchte ich jetzt, einen mit Pulver gefüllten, großen oder kleinen Ball aus der Ferne zu zünden. Ich brauchte etwas Zuverlässigeres als die Pulverspur. Ich habe erwähnt, auf welche Weise wir im allgemeinen unseren Picietl rauchen: Er wird in ein sogenanntes Poquietl gerollt, das heißt in ein Röhrchen aus Schilf oder Papier, das zusammen mit dem Kraut verbrennt. Im Gegensatz dazu rauchen die Spanier den Picietl in nicht brennbaren Tonpfeifen.

Gelegentlich mischten wir den Picietl wie die Weißen mit anderen Zutaten, etwa mit Kakaopulver, bestimmten Samenkörnern, getrockneten Blüten, um den Geschmack oder den Duft zu verändern. Ich rollte eine Reihe sehr dünner Papier-Poquieltin, die das Kraut mit unterschiedlichen Mengen Pulver enthielten. Ein normales Poquietl brennt langsam, wenn der Raucher daran zieht. Es verglüht jedoch, wenn es eine Weile beiseite gelegt wird. Ich hoffte, der Pulverzusatz werde ein solches Röhrchen am Ausgehen hindern und es werde langsam weiterbrennen.

Ich hatte recht. Bei meinen Versuchen mit den kleinen Papier-Poquieltin in unterschiedlicher Stärke und Länge, gefüllt mit Picietl und Pulver in einem jeweils anderen Mischungsverhältnis fand ich schließlich die richtige Zusammensetzung. Wurde ein solches Poquietl in die kleine Öffnung eines meiner Tonbälle gesteckt, dauerte es einige Zeit – kürzer oder länger –, bis die kleine Flamme die Öffnung erreichte und der Ball mit einem Donnerschlag barst. Es war mir nicht möglich, diesen Ablauf zeitlich genau zu bestimmen oder zum Beispiel eine Reihe Bälle gleichzeitig zu zünden. Aber ich konnte ein Poquietl machen und auf eine Länge zuschneiden, die mir genug Zeit lassen würde, mich weit genug vom Ort des Geschehens zu entfernen, bevor die Glut das Zündloch erreichte. Und ich konnte mich darauf verlassen, daß kein zufälliger Windhauch oder die Sandalen eines Vorübergehenden das Flämmchen löschten, wie es bei einer Pulverspur leicht möglich war. Um meine Überlegungen zu überprüfen, mußte ich als nächstes etwas so Gewagtes, Gefährliches und ausgesprochen Verbotenes tun, daß ich nicht einmal Citláli in das Vorhaben einweihte.

Ich stellte einen faustgroßen, mit Pulver gefüllten Tonball her und schob in die Zündöffnung ein langes Poquíetl. Am nächsten sonnigen Tag legte ich ihn in den Beutel an meiner Hüfte und ging zu einem Gebäude in der Traza, von dem ich schon seit langem wußte, daß es sich um eine Kaserne mit Spaniern der unteren Ränge handelte. Wie immer stand am Tor ein bewaffneter Wachposten in Rüstung. Mit einem Gesicht, wie ich es dümmer und harmloser nicht aufsetzen konnte, schlenderte ich an ihm vorbei bis zur Ecke des Gebäudes. Dort blieb ich stehen, kniete mich auf den Boden und tat so, als entferne ich einen Stein aus meiner Sandale. Es gelang mir dabei, schnell und geräuschlos das herausragende Ende des Poquietl zu entzünden und den harten Ball zwischen den Eckstein und das Straßenpflaster zu drücken. Ich warf einen verstohlenen Blick auf den Wachposten. Er beachtete mich ebensowenig wie die anderen Vorübergehenden. Also stand ich langsam auf und schlenderte weiter. Ich war bereits mehr als hundert Schritte entfernt, als der Knall der Detonation an mein Ohr drang. Selbst aus dieser Entfernung hörte ich das Pfeifen und Zischen fliegender Splitter. Einer traf mich sogar am Rücken. Ich drehte mich um und sah zufrieden, welche Aufregung ich verursacht hatte. An dem Gebäude war außer einem schwarzen, rauchenden Fleck kein erkennbarer Schaden entstanden. Doch auf dem Pflaster davor sah ich zwei blutende Menschen auf dem Rücken liegen – ein spanisch gekleideter Mann und ein Tamémi, sein Traggestell neben ihm. Aus der Kaserne liefen außer dem Wachposten zahlreiche andere Soldaten herbei. Manche waren nur halb bekleidet, aber alle trugen sie Waffen. Vier oder fünf der Indios auf der Straße begannen in panischer Angst davonzurennen. Die Soldaten stürmten hinter ihnen her. Ich ging neugierig zurück und mischte mich unschuldig unter die zahlreichen anderen Menschen, die herumstanden und gafften.

Der Spanier auf dem Pflaster lebte noch und krümmte sich stöhnend. Ein Soldat brachte den Médico der Kaserne zu ihm. Der harmlose Tamémi dagegen war tot. Das tat mir leid, doch ich war sicher, die Götter würden ihn als einen im Kampf Gefallenen willkommen heißen und wohlwollend behandeln. Natürlich war die Explosion keine Schlacht gewesen, doch ich hatte dem Feind erneut einen Schlag versetzt. Nach zwei solchen unerklärlichen Vorfällen mußten sich die Weißen eingestehen, daß sie plötzlich von Rebellen umgeben waren. Diese Erkenntnis würde sie beunruhigen wenn nicht sogar in Angst und Schrecken versetzen. Ich war, wie ich meiner Mutter und Onkel Mixtzin versprochen hatte, zum Wurm in der Coyacapúli-Frucht geworden, der sie von innen aushöhlte. Für den Rest des Tages schwärmten mit Sicherheit alle verfügbaren Soldaten durch die Stadt und durchsuchten die Indio-Viertel. Sie überprüften Häuser, Marktstände, sowie die Taschen und Bündel eingeborener Männer und Frauen und zwangen manche sogar, sich auszuziehen. Doch schon nach einem Tag gaben sie ihre Bemühungen wieder auf. Vermutlich waren die Offiziere zu der Erkenntnis gelangt, wenn es irgendwo illegales Schießpulver gab, dann konnte es mühelos versteckt werden, so wie ich es getan hatte. Falls man die einzelnen Zutaten fand, waren sie für sich genommen völlig harmlos, und ihr Besitz ließ sich ohne Mühe rechtfertigen. Erfreulicherweise kamen die Soldaten nicht zu uns. Ich wartete gelassen ab und freute mich über die Verwirrung der Weißen. Am nächsten Tag erschrak ich jedoch, als ein Bote des Notarius Alonso kam, der wußte, wo ich lebte. Er ließ mich bitten, ihn so bald wie möglich aufzusuchen. Ich zog meine spanische Kleidung an und ging zur Kathedrale. Ich begrüßte ihn und gab mir Mühe, nichtsahnend und unschuldig zu wirken.

Alonso erwiderte meinen Gruß nicht, sondern sah mich eine Weile verdrießlich an, bevor er sagte: »Denkst du immer noch jedesmal an mich, wenn du das Brennglas benutzt, Juan Británico?«

»Aber natürlich, Cuati Alonso. Wie Ihr gesagt habt, es ist sehr nützlich …«

»Nenn mich nicht mehr Cuati«, unterbrach er mich barsch. »Wir sind nicht länger Zwillinge, Brüder oder auch nur Freunde. Und ich fürchte, du hast es aufgegeben, so zu tun, als seist du ein Christ – sanftmütig und friedfertig, ehrerbietig und gehorsam gegenüber diesem Glauben und deinen Oberen.«

Ich erwiderte kühn: »Ich war niemals sanftmütig und friedfertig, und ich habe die Christen nie als meine Oberen betrachtet. Nennt mich nicht mehr Juan Británico.« Alonso sah mich finster an, beherrschte sich jedoch. »Hör gut zu. Ich habe offiziell nichts mit der Suche der Armee nach dem Verantwortlichen für bestimmte Vorfälle zu tun, durch die in jüngster Zeit der Frieden in der Stadt gestört worden ist. Aber ich bin so besorgt, wie jeder anständige und pflichtbewußte Bürger der Stadt es sein sollte. Ich beschuldige dich nicht persönlich, aber ich weiß, du hast einen großen Bekanntenkreis. Ich glaube, du könntest den verantwortlichen Übeltäter ebenso schnell finden, wie du den Goldschmied gefunden hast, als wir einen brauchten.«

Ich sagte unerschrocken: »Ich bin so wenig ein Verräter an meinem Volk, wie ich Eurem Volk gehorsam bin.«

Er seufzte. »So sei es also. Wir waren einmal Freunde, und ich werde dich nicht bei den Behörden anzeigen. Aber ich warne dich. Sobald du diesen Raum verläßt, wirst du beobachtet und überwacht. Jede deiner Bewegungen, jede Begegnung, jede Unterhaltung, jedes Niesen wird gehört und gemeldet. Früher oder später wirst du entweder dich oder einen anderen verraten, vielleicht sogar einen Menschen, an dem dir viel liegt. Du kannst sicher sein, wenn nicht du am Pfahl brennst, irgendeiner wird brennen.«

»Mit dieser Drohung kann ich nicht leben«, sagte ich. »Ihr laßt mir kaum eine andere Wahl, als die Stadt für immer zu verlassen.«

»Ich glaube, das wäre das Beste«, erklärte er kalt, »für dich, für die Stadt und für alle, die dir einmal nahegestanden haben.«

Damit entließ er mich, und einer der gehorsamen Bediensteten der Kathedrale gab sich keine Mühe, unauffällig zu bleiben, als er mir den ganzen Weg bis nach Hause folgte.