10
»Ich will das Kind behalten«, erklärte Citláli, nachdem sie aufgewacht war und ich sie getröstet und ermutigt hatte, so daß sie sich den beiden Katastrophen in ihrem Leben gefaßter als in der Nacht stellen konnte. Ich fragte: »Hast du daran gedacht, was dich erwartet? Wenn man davon absieht, daß du dich ständig um das Kind kümmern und gut auf es aufpassen mußt, bis es erwachsen ist, oder sogar bis eine von euch beiden stirbt, wirst du den Spott und die Verachtung der Leute, besonders unserer Priester ertragen müssen. Welches Tonáli ist deinem Kind bestimmt? Es wird ein Leben in erniedrigender Abhängigkeit von seiner Mutter führen, unfähig, die alltäglichsten Dinge zu bewältigen, ganz zu schweigen von allen echten Schwierigkeiten, die möglicherweise auftauchen werden. Es hat praktisch keine Hoffnung, im Leben etwas zu tun, um sich nach dem Tod einen Platz in der glücklichen Welt von Tonatiucan zu verdienen. Kein Tonalpóqui wird sich bereit finden, sein Buch der Zeichen zu befragen, um dem Kind einen glückverheißenden Namen zu geben.«
»Dann wird der Geburtstagsname sein einziger Name bleiben«, erwiderte sie unbeeindruckt. »Gestern war der Tag der Zwei Winde, nicht wahr? Also wird es Orne Ehécatl heißen. Ich finde, das ist zutreffend. Der Wind hat auch keine Augen.«
»Orne Ehécatl wird dich niemals sehen, sie wird nie wissen, wie ihre Mutter aussieht. Sie wird niemals heiraten und dir Enkelkinder schenken, dich im Alter nicht unterstützen. Du bist noch jung und hübsch, du bist geschickt in deiner Arbeit, und du hast ein freundliches Wesen. Aber es ist unwahrscheinlich, daß du wieder einen Mann findest, wenn eine so schwere Last an dir hängt. Außerdem …«
»Bitte, Tenamáxtli, hör auf«, sagte sie traurig. »Im Schlaf habe ich mich in meinen Träumen all diesen Hindernissen gestellt, einem nach dem anderen. Du hast recht. Sie scheinen unüberwindbar. Trotzdem, die kleine Ehécatl ist das einzige, was mir von Netzlin und unserem gemeinsamen Leben geblieben ist. Und das wenige will ich behalten.«
»Also gut«, sagte ich. »Wenn du hartnäckig auf dieser Dummheit beharrst, dann bestehe ich darauf, dir dabei behilflich zu sein. Du brauchst angesichts all dieser Hindernisse einen Freund und Verbündeten.« Sie sah mich ungläubig an. »Du würdest dich mit uns beiden belasten?«
»Solange ich kann, Citláli. Ich spreche allerdings nicht von einer Ehe oder von Dauer. Ich rechne damit, daß eine Zeit kommen wird, in der ich andere Dinge tun muß.«
»Der Plan, von dem du gesprochen hast. Du willst die Weißen aus der EINEN WELT vertreiben.«
»Ja. Aber ich hatte bereits beschlossen, aus der Herberge auszuziehen und mir eine andere Unterkunft zu suchen. Wenn es dir recht ist, werde ich hier bei dir wohnen und meine Ersparnisse in den Haushalt einbringen. Ich glaube, ich brauche keinen Unterricht mehr. Ich werde weiterhin beim Notarius in der Kathedrale arbeiten, um den Lohn nicht zu verlieren. In meiner freien Zeit werde ich Netzlins Stand auf dem Markt übernehmen. Ich sehe, es gibt einen Vorrat an Körben, die zu verkaufen sind, und wenn du wieder bei Kräften bist, kannst du neue flechten. Es wird nicht notwendig sein, daß du Ehécatl jemals allein läßt. Abends kannst du mir bei meinen Versuchen helfen, Pulver herzustellen.«
»Das ist mehr, als ich hoffen durfte, und es ist sehr freundlich von dir, mir das anzubieten, Tenamáxtli.« Aber sie schien sich noch immer Sorgen zu machen. »Seit wir uns kennen, bist du immer freundlich zu mir gewesen, Citláli. Bei der Angelegenheit mit dem Pulver warst du mir bereits eine große Hilfe. Hast du irgendwelche Einwände gegen mein Angebot?«
»Nur den einen, daß auch ich nicht beabsichtige, zu heiraten oder die Frau eines Mannes zu sein, selbst wenn das der Preis für das Überleben wäre.« Ich erwiderte etwas verletzt: »Ich habe nichts dergleichen vorgeschlagen. Ich hatte auch nicht erwartet, daß du das vermuten würdest.«
»Verzeih mir, lieber Freund.« Sie ergriff meine Hand und hielt sie fest. »Ich bin sicher, du und ich, wir könnten leicht … und ich kenne die zerstoßene Wurzel, die verhütet, daß … Aber es wirkt nicht immer … Ayya, Tenamáxtli, ich versuche zu sagen, es könnte sehr gut sein, daß ich mich eines Tages nach dir sehne. Aber ich will nicht Gefahr laufen, noch einmal ein mißgestaltetes Kind wie …«
»Ich verstehe, Citláli. Ich verspreche dir, wir werden so keusch zusammenleben wie Bruder und Schwester, wie ein Junggeselle und eine Jungfrau.« Daran änderte sich auch lange nichts. In dieser Zeit ereigneten sich viele Dinge, von denen ich in der richtigen Reihenfolge berichten will.
Am ersten Tag holte ich meine Habe und den überschwappenden Axixcáli-Topf aus der Mesón de San José und kehrte nie mehr dorthin zurück. Ich nahm auch den Goldschmiedemeister Pochotl mit, begleitete ihn zur Kathedrale, stellte ihn dem Notarius Alonso vor und empfahl ihn als den Mann, der am besten befähigt sei, das gewünschte sakrale Gerät anzufertigen. Bevor Alonso ihn zu den Klerikern brachte, die ihn anweisen und beaufsichtigen würden, erklärte ich Pochotl, wo ich von nun an wohnen würde, und fügte leise hinzu: »Natürlich werde ich dich hier in der Kathedrale sehen, und ich bin sehr am Fortschritt dieser Arbeit hier interessiert. Aber ich vertraue darauf, daß du mich in meiner neuen Unterkunft über die Fortschritte bei der anderen Arbeit auf dem laufenden halten wirst.«
»Das werde ich bestimmt tun. Wenn hier alles gut geht, bin ich dir zu unendlichem Dank verpflichtet, Cuati Tenamáxtli.«
Ich begann noch an diesem Abend mit meinen Versuchen, das Pulver herzustellen. Trotz all des Herumtragens waren die kleinen weißlichen Kristalle nicht aufgelöst oder durcheinandergebracht worden, die sich inzwischen, wie Citláli vorausgesagt hatte, am Boden des Axixcáli befanden. Ich trennte sie vorsichtig vom Xitli und breitete sie zum Trocknen auf einem Stück Rindenbastpapier aus. Dann stellte ich den Topf versuchsweise auf das Feuer, bis der verbliebene Urin zu kochen begann. Das verursachte einen schrecklichen Gestank. Citláli rief mit gespieltem Entsetzen, sie bedaure, mich in ihrem Haus aufgenommen zu haben. Doch mein Versuch war erfolgreich. Als das Xitli schließlich eingekocht war, befanden sich noch mehr der kleinen Kristalle im Topf.
Während die weißen Körnchen trockneten, ging ich zum Markt und fand dort ohne große Mühe Holzkohle und den gelben Schwefel. Ich erstand von beidem etwas und trug es nach Hause. Ich zerstampfte die Brocken mit dem Absatz meines spanischen Stiefels zu Pulver. Citláli, die nach der Geburt immer noch ruhebedürftig war, zerrieb die Xitli-Kristalle auf einem Métlatl-Stein. Dann mischte ich das schwarze, das gelbe und das weiße Pulver zu gleichen Anteilen auf dem Rindenbastpapier. Als Vorsichtsmaßnahme gegen einen möglichen Unfall trug ich das Papier hinaus auf die staubige Gasse vor dem Haus. Der Gestank des kochenden Urins hatte bereits zahlreiche Kinder aus der Nachbarschaft angelockt. Sie beobachteten neugierig, wie ich ein Stück Glut von der Feuerstelle an das Pulvergemisch hielt. Sie jubelten, obwohl das Ergebnis weder Blitz noch Donner war, sondern nur wenige zischende Funken sprühten und ein paar Rauchwölkchen aufstiegen.
Ich war nicht allzu sehr enttäuscht und bedankte mich bei den Kindern für den Beifall mit einer Verbeugung. Bei der kleinen Menge Pulver, die von dem jungen Soldaten stammte, war mir bereits klargeworden, daß die Mischung nicht zu gleichen Teilen aus schwarzem, weißem und gelbem Pulver bestand. Doch ich mußte irgendwie beginnen. In einer Hinsicht erwies sich der erste Versuch als Erfolg. Das blaue Rauchwölkchen roch genau wie der Rauch aus den Arkebusen am See. Also waren die aus dem weiblichen Urin gewonnenen Kristalle tatsächlich der dritte Bestandteil des Schießpulvers. Offensichtlich mußte ich diese Bestandteile nur in verschiedenen Anteilen miteinander mischen, um irgendwann das richtige Verhältnis herauszufinden. Mein größtes Problem bestand jedoch darin, genug Xitli-Kristalle zu bekommen. Ich dachte schon daran, die Kinder zu bitten, mir alle Axixcáltin ihrer Mütter zu bringen, doch ich verwarf den Gedanken wieder, denn das hätte zu Fragen der Nachbarn geführt. Wahrscheinlich wäre ihre erste Frage gewesen, wieso ein Verrückter plötzlich auf ihren Straßen herumlief.
Es vergingen einige Monate, in denen ich bei jeder Gelegenheit Urin kochte, bis sich vermutlich die ganze Nachbarschaft an den Gestank gewöhnt hatte, obwohl er mich allmählich gründlich anekelte. Doch diese Arbeit brachte mir Kristalle ein, wenn auch nur in geringer Menge. Deshalb war es schwierig, das weiße Pulver in unterschiedlichen Anteilen mit den der beiden anderen Zutaten zu mischen. Ich führte genaue Aufzeichnungen über meine Versuche. Dazu benutzte ich ein Stück Papier, das ich sorgfältig hütete, damit ich es nicht verlor. Zum Beispiel notierte ich: ›2 Teile schwarz, 2 gelb, 1 weiß; 3 Teile schwarz, 2 gelb, 1 weiß‹ und so fort. Doch keine Mischung, die ich erprobte, führte zu einem ermutigenderen Ergebnis als beim ersten Mal, als ich das Pulver im Verhältnis eins zu eins zu eins gemischt hatte. Das heißt, meist sprühten nur Funken, es zischte und rauchte, und manchmal geschah überhaupt nichts. Ich hatte dem Notarius Alonso erklärt, weshalb ich nicht mehr am Unterricht im Kollegium teilnahm. Er teilte meine Ansicht, daß sich mein Spanisch fortan am schnellsten verbessern werde, wenn ich es im täglichen Umgang sprach und hörte, anstatt weiterhin die Regeln zu lernen. Er billigte allerdings weniger, daß ich dem Religionsunterricht von Tete Diego fernblieb. »Du gefährdest die Rettung deiner unsterblichen Seele, Juan Británico«, sagte er ernst. Ich hielt ihm entgegen: »Wird Gott es nicht als gute Tat ansehen, wenn ich mein Seelenheil aufs Spiel setze, um eine hilflose Witwe zu unterstützen?«
»Hmm …« Er wirkte verunsichert. »Das solltest du aber nur so lange tun, bis sie für sich selbst sorgen kann, Cuati Juan. Dann mußt du dich wieder auf die Konfirmation vorbereiten.«
Danach erkundigte er sich bei mir in regelmäßigen Abständen nach dem Gesundheitszustand der Witwe. Ich konnte ihm jedesmal ehrlich berichten, daß sie immer noch ans Haus gefesselt war, weil sie für ihr blindes Kind sorgen mußte.
Ich glaube, Alonso beschäftigte mich lange über die Zeit hinaus, die ich für ihn von Nutzen war. Er fand noch unbedeutendere, ja sogar langweilige und nutzlose Bücher mit Wortbildern, bei deren Übersetzung ich ihm half, weil er wußte, daß ich meinen Lohn zum größten Teil für den Unterhalt des kleinen Haushalts verwendete. Wann immer ich etwas Zeit hatte, besuchte ich die Werkstatt, die man Pochotl zugewiesen hatte. Die geistlichen Auftraggeber stellten sein Können zunächst auf die Probe. Sie gaben ihm einen kleinen Klumpen Gold, um zu sehen, was er damit machen würde. Ich weiß nicht mehr, was er daraus schuf, doch die Priester waren begeistert. Danach erhielt er immer größere Mengen Gold und Silber mit genauen Anweisungen, was er anzufertigen habe – Kerzenleuchter, Weihrauchfässer und verschiedene Gefäße. Die Gestaltung der Dinge überließen sie ihm. Das Ergebnis fand jedesmal ihre größte Anerkennung.
Pochotl war inzwischen Herr über eine Schmelze, wo alle benutzten Metalle geschmolzen und gefeint wurden. Er hatte eine Schmiede, wo die unedleren Metalle wie Eisen, Stahl und Kupfer in Form gehämmert wurden, einen Raum mit Stampftrögen und Tiegeln, wo die Edelmetalle verflüssigt wurden, und einen Raum voller Werkbänke mit besonderem feinen Werkzeug. Natürlich standen ihm viele Gehilfen zur Seite, von denen manche in Tenochtitlan ebenfalls Goldschmiede gewesen waren. Doch die meisten seiner Helfer waren Sklaven, im allgemeinen Moros, weil sie gegen die größte Hitze unempfindlich sind. Sie verrichteten die schweren Arbeiten, die kein großes Können verlangten.
Pochotl war natürlich so glücklich, als sei er zu Lebzeiten in die selige Nachwelt Tonatiucans versetzt worden. »Hast du gesehen, daß ich wieder beneidenswert dick werde, nachdem man mich gut bezahlt und ernährt?« fragte er und zeigte mir voll Stolz jedes einzelne seiner neuen Werke. Wenn ich ihn dann ebenso lobte wie die Priester, freute er sich. Doch in der Kathedrale unterhielten wir uns nie über die andere Arbeit. Von diesem Vorhaben sprachen wir nur, wenn er zum Haus kam, um Fragen zu den Teilen der Arkebuse zu stellen, die ich für ihn aufgezeichnet hatte. »Soll sich dieses Teil so bewegen oder so?« Später brachte er einzelne Stücke mit, damit ich sie begutachtete und mich dazu äußerte. »Es ist gut«, sagte er, »daß du zur gleichen Zeit für meine Anstellung in der Kathedrale gesorgt hast, als du die Waffe von mir gefertigt haben wolltest. Es wäre bereits unmöglich gewesen, das lange Rohr ohne die Werkzeuge herzustellen, die ich jetzt habe. Heute war ich gerade dabei, den dünnen Metallstreifen mühsam zu der Spirale zu biegen, die du eine Feder nennst, als mich ein gewisser Pater Diego unterbrach. Er erschreckte mich, als er mich auf náhuatl ansprach.«
»Ich kenne ihn«, sagte ich. »Er hat dich also auf frischer Tat ertappt, denn er wird eine Spirale kaum für eine Art Kirchenschmuck halten. Hat er mit dir geschimpft, weil du deine Arbeit vernachlässigst?«
»Nein. Aber er hat gefragt, womit ich mich da abmühe. Ich behauptete, eine Idee für eine Erfindung zu haben und zu versuchen, sie in die Tat umzusetzen.«
»Eine Erfindung?«
»Das hat Pater Diego auch gesagt und spöttisch gelacht. Er hat gesagt, ›das ist keine Erfindung, Meister. Es ist eine Vorrichtung, die die zivilisierte Menschheit seit uralten Zeiten kennt.‹ Und dann, Tenamáxtli, kannst du dir vorstellen, was er dann getan hat?«
»Er hat die Feder als Teil einer Arkebuse erkannt«, stöhnte ich. »Unser Plan ist aufgedeckt, und alles ist verloren.«
»Nein, nein, überhaupt nicht. Er ist verschwunden und nach einer Weile mit einer ganzen Handvoll der verschiedensten Federn zurückgekommen. Hier ist die Spirale, die ich brauche, damit sich das gezahnte Rad dreht.« Er zeigte mir die Feder. »Ich habe auch die flache Art, die sich vorwärts und rückwärts bewegt, und die notwendig ist, um die Katzenpfote, wie du es nennst, herunterschnappen zu lassen.« Er zeigte sie mir triumphierend. »Kurz gesagt, ich weiß jetzt, wie man solche Dinge anfertigt, brauche es aber nicht selbst zu tun. Der gute Priester hat sie mir alle geschenkt.«
Ich stieß einen erleichterten Seufzer aus. »Wunderbar!« rief ich. »Wenigstens einmal waren die Götter gnädig, die den Zufall so sehr lieben. Ich muß sagen, Pochotl, du hast mehr Erfolg als ich.«
Ich berichtete ihm von meinen entmutigenden Versuchen mit dem Pulver. Er sagte nach kurzem Nachdenken: »Vielleicht führst du die Versuche nicht unter den richtigen Bedingungen durch. So wie du die Wirkungsweise der Arkebuse beschrieben hast, glaube ich, kannst du die Wirksamkeit des Schießpulvers nicht beurteilen, solange du es nicht in ein enges Behältnis preßt, bevor du Feuer daran hältst.«
»Vielleicht«, erwiderte ich. »Aber ich habe nur eine winzige Menge Pulver, mit dem ich arbeiten kann. Es wird lange dauern, bis ich es irgendwo hineinpressen kann.« Doch am nächsten Tag förderten die Götter des Zufalls mein Vorhaben durch ein weiteres glückliches Ereignis. Wie ich Citláli versprochen hatte, verbrachte ich nun jeden Tag einige Zeit an Netzlins ehemaligem Stand auf dem Markt. Das war nicht sonderlich anstrengend. Ich mußte nur zwischen den Körben stehen, wenn ein Kunde einen kaufen wollte. Citláli hatte mir die Preise genannt, die sie für die einzelnen verlangte – in Kakaobohnen, Kupferblechstückchen oder Maravedi-Münzen. Die Kunden bemerkten sofort die hohe Qualität der Körbe, ohne daß ich sie darauf aufmerksam machen mußte. Man konnte die Körbe sogar mit Wasser füllen. Sie waren alle so eng geflochten, daß nichts durchsickerte, kein Mehl herausrieselte und erst recht keine Samenkörner durchfielen oder was sonst darin aufbewahrt werden sollte. Da ich wenig zu tun hatte, unterhielt ich mich mit Vorübergehenden, rauchte mit den Männern an den Nachbarständen Picietl oder schüttete, wie ich es an jenem Tag tat, auf den schmalen Verkaufstisch kleine Häufchen Holzkohle, Schwefel und Xitli-Pulver, damit ich verdrießlich über die unendliche Vielzahl möglicher Mischungsverhältnisse nachdenken konnte.
»Ayya, Cuati Tenamáxtli!« hörte ich plötzlich eine fröhliche Stimme.
Ich blickte auf. Es war ein Mann namens Peloloá, ein Fernhändler, den ich von früheren Begegnungen her kannte. Er kam regelmäßig in die Stadt und brachte die beiden wichtigsten Güter aus seiner Heimat Xoconóchco, dem Heißen Land an der Küste weit im Süden, mit. Von dort bezogen wir schon lange bevor die Weißen einen Fuß in die EINE WELT gesetzt hatten, unser Salz und den größten Teil unserer Baumwolle. »Bei Itzociuatll« rief er die Salzgöttin an. »Willst du mir Konkurrenz machen?« Er wies lachend auf mein jämmerliches Häufchen kleiner weißer Kristalle. »Nein, Cuati Peloloá«, erwiderte ich mit einem kläglichen Lächeln. »Das ist kein Salz, das jemand kaufen würde.«
»Du hast recht«, sagte er und leckte ein paar Körnchen, bevor ich ihn daran hindern und ihm sagen konnte, daß es sich um Rückstände von Urin handelte. Doch seine nächste Bemerkung überraschte mich. »Das ist die erste, bittere Ausbeute. Die Spanier nennen es Salitre, Salpeter. Es wird so billig verkauft, daß du von dem Erlös kaum leben kannst.«
»Ayyo«, flüsterte ich. »Du kennst diese Substanz?«
»Selbstverständlich. Wer aus Xoconóchco würde sie nicht kennen?«
»Dann kocht ihr in Xoconóchco den Urin eurer Frauen ein?«
Er sah mich verständnislos an. »Wie bitte?«
»Ach nichts … vergiß es. Du hast das Pulver ›die erste Ausbeute‹ genannt. Was bedeutet das?«
»Das, was es heißt. Manche Leute glauben, wir tauchen ein Sieb ins Meer und schöpfen das Salz heraus. So einfach ist es nicht. Die Salzgewinnung ist ein komplizierter Vorgang. Wir trennen die seichten Gebiete unserer Lagune durch Deiche ab und lassen sie austrocknen. Dann müssen die trockenen Brocken, Klumpen und Flocken von den vielen Verunreinigungen gesäubert werden. Zuerst siebt man Sand, Muschelschalen und Pflanzen aus. Danach wird die Masse mit Süßwasser aufgekocht. Dadurch bilden sich Kristalle, die ebenfalls ausgesiebt werden. Das ist die erste Ausbeute, der Salpeter, wie du ihn hier hast, Tenamáxtli. Allerdings sind deine Kristalle pulverisiert. Um das kostbare Salz der Göttin zu gewinnen, sind noch weitere Reinigungsvorgänge notwendig.«
»Du hast gesagt, der Salpeter wird verkauft … billig verkauft.«
»Die Bauern in Xoconóchco kaufen Salpeter, um ihn auf die Baumwollfelder zu streuen. Sie behaupten, er steigert die Fruchtbarkeit des Bodens. Die Spanier benutzen Salpeter in ihren Gerbereien. Ich weiß nicht, welchen Verwendungszweck du möglicherweise im Sinn hast …«
»Gerben!« log ich. »Ja, das ist es. Ich würde gerne Leder verkaufen. Ich zerbreche mir schon lange den Kopf darüber, wie ich mir Salpeter beschaffen könnte.«
»Wenn ich das nächste Mal in den Norden komme, bringe ich dir gern eine Traglast mit«, sagte Peloloa. »Salpeter ist billig. Ich werde dir nichts dafür berechnen, denn du bist mein Freund.«
Ich eilte mit der guten Nachricht nach Hause. Aber in meiner Aufregung tat ich etwas Dummes. Ich riß den Türvorhang ungestüm zur Seite und rief: »Citláli, du kannst mit dem Urinieren aufhören!« Sie bekam einen Lachkrampf. Es dauerte eine Weile, bis sie keuchend hervorstieß: »Ich habe einmal gesagt, du bist verrückt. Ich hatte recht. Du bist völlig xolopitli!« Es dauerte eine Weile, bis ich mich so weit beruhigt hatte, daß ich die Neuigkeit in andere Worte fassen und ihr berichten konnte, welch großes Glück mir widerfahren war.
Citláli sagte leise: »Vielleicht sollten wir der Salzgöttin Itzociuatl mit einer kleinen Feier unsere Dankbarkeit zeigen.«
»Mit einer kleinen Feier? Was für eine Art Feier?« Sie errötete und erwiderte schüchtern: »Ich habe den ganzen letzten Monat pulverisierte Tlatlaohuéhuetl-Wurzel eingenommen. Ich glaube, wir müssen nicht befürchten, daß etwas schiefgeht, wenn wir die viel gerühmte Wirksamkeit auf die Probe stellen.« Ich sah sie an – mit neuen Augen, wollte ich beinahe sagen. Aber das zu behaupten wäre nicht ehrlich. In der Zeit, die wir auf unseren Lagern in getrennten Zimmern schliefen, hatte ich sie begehrt, mir jedoch sittsam nichts anmerken lassen.
Es lag schon so lange zurück, daß ich das letzte Mal mit einer Frau zusammengewesen war, der kleinen braunen Rebeca, daß ich wahrscheinlich bald die Dienste einer Maátitl in Anspruch genommen hätte. Citláli mußte mein kurzes Zögern als Widerstreben deuten, denn sie sagte lachend: »Niez tlalqua ayquic axitlinéma.« Das heißt: »Ich verspreche, nicht zu urinieren«. Damit brachte sie mich ebenfalls zum Lachen. So umarmten wir uns lachend. Und das ist, wie ich nun zum ersten Mal erfuhr, die beste Art das alte Spiel zu beginnen.
Orne Ehécatl war mittlerweile von einem Säugling auf Citlális Arm zu einem krabbelnden Kleinkind herangewachsen und begann gerade, auf unsicheren Beinchen zu laufen. Ich rechnete jeden Tag mit Ehécatls Tod und Citláli zweifellos auch. Denn ein Kind, das bei der Geburt körperlich mißgestaltet ist, hat meist noch andere, nicht erkennbare Gebrechen, an denen es schließlich stirbt. Während Ehécatls früher Kindheit stellte sich jedoch nur eine einzige weitere Behinderung heraus. Sie würde nie sprechen lernen. Das bedeutete, daß sie möglicherweise auch taub war. Citláli machte sich deshalb mehr Sorgen als ich, denn ich fand es angenehm, daß das Kind niemals schrie.
Ehécatls Gehirn erfüllte ansonsten seinen Dienst sehr gut. Mit dem Laufen lernte sie, sich geschickt im Haus zu bewegen und einen weiten Bogen um die Feuerstelle zu machen.
Wenn Citláli fand, das Kind müsse an die frische Luft, führte sie es auf die Straße und schob es behutsam in die Richtung, in die es gehen sollte. Ehécatl setzte sich in Bewegung und wankte im Vertrauen darauf, daß ihre Mutter alle Hindernisse aus dem Weg geräumt hatte, mutig die Straße entlang.
Citláli war zu allen Menschen stets freundlich und sanft. Ihre natürliche Güte und Liebenswürdigkeit machten es ihr leicht, für ein Geschöpf wie Ehécatl mütterliche Gefühle zu empfinden. Sie hielt das Kind sauber, kleidete und ernährte es ordentlich, obwohl es anfangs Schwierigkeiten gehabt hatte, ihre Brust zu finden, und später, den Löffel zu halten.
Die Kinder aus der Nachbarschaft überraschten mich. Für sie schien Ehécatl eine Art Spielzeug zu sein. Sie war in ihren Augen bestimmt kein normaler Mensch, aber auch nicht etwas Lebloses wie eine Puppe aus Stroh oder Ton. Sie spielten liebevoll mit dem Kind, ohne es jemals zu mißhandeln oder zu verspotten. Alles in allem lebte Ehécatl mehrere Jahre, was bei solchen Mißgeburten erstaunlich ist. Sie verbrachte diese Zeit so ungestört und heiter, wie man es einem unheilbar mißgestalteten Kind nur wünschen konnte.
Ich wußte, Citláli machte sich Gedanken darüber, ob Ehécatl jung oder alt in das Totenreich gelangen werde. Vermutlich dachte Citláli auch an ihr eigenes Leben nach dem Tod. Kein Mensch der EINEN WELT glaubt, daß er nach dem Tod bereits deshalb zum Nichts von Mictlan verdammt ist, so wie die Christen zur Hölle, nur weil er geboren wurde, gelebt hat und gestorben ist. Doch um sicherzustellen, daß man nicht in die Mictlan gestürzt wird, sollte man im Leben etwas getan haben, um die Aufnahme in das Tonatiucan des Sonnengottes oder die ähnlich verheißungsvollen Paradiese anderer gütiger Götter zu verdienen.
Die einzige Hoffnung für ein Kind, so etwas zu vollbringen, besteht darin, sich zu opfern, das heißt, von den Eltern geopfert zu werden, um die Rachsucht, den Hunger oder die Eitelkeit der einen oder anderen Gottheit zu befriedigen.
Doch kein Priester hätte ein so nutzloses Geschöpf wie Ehécatl als Opfer angenommen, und sei es auch nur für den geringsten aller Götter.
Ein erwachsener Mann kann in das von ihm gewünschte Paradies eingehen, wenn er im Krieg oder auf dem Altar eines Gottes stirbt oder eine außergewöhnliche Tat vollbringt, die das Wohlgefallen der Götter findet. Auch eine erwachsene Frau kann als Opfer einer Gottheit sterben. Und manche Frauen vollbringen ebenso lobenswerte Taten wie die Männer.
Doch die meisten haben ihren Platz in Tonatiucan oder Tlálocan oder wo auch immer bereits dadurch verdient, daß sie die Mütter von Kindern sind, deren Tonáli sie dazu bestimmt, Krieger, Opfer oder ihrerseits Mütter zu werden.
Orne Ehécatl konnte das alles niemals sein. Deshalb wußte ich, daß Citlali voll Sorge über ihre Aussichten nach dem Tod nachdachte.