8

 

Ich beherrschte seit einiger Zeit die spanische Sprache gut genug, um vieles von dem zu verstehen, was gesprochen wurde, auch wenn ich noch zu schüchtern war, meine Kenntnisse außerhalb des Klassenzimmers anzuwenden. Der Notarius Alonso wußte das und warnte die Geistlichen der Kathedrale ebenso wie alle anderen, deren Pflichten sie in das christliche Gotteshaus führten, davor, in meiner Hörweite vertrauliche Dinge zu besprechen. Es konnte mir nicht entgehen, denn wann immer sich zwei oder mehrere Spanier in meiner Gegenwart unterhielten, warfen sie mir irgendwann verstohlene Blicke zu und gingen weiter. Wenn ich jedoch durch die Stadt streifte, lauschte ich ungeniert und unbemerkt den Gesprächen. Eines Tages begutachtete ich versonnen das Gemüse an einem Marktstand, während ich folgendes hörte:

»Wieder so ein verdammter Priester, der sich in alles einmischt!« schimpfte ein Spanier. Nach seiner Kleidung zu urteilen, war er ein Mann von Bedeutung. »Er vergießt Krokodilstränen wegen der grausamen Mißhandlung der Indios. Dabei ist das nur ein Vorwand, um Regeln aufzustellen, die ihm selbst nützen.«

»Richtig«, erwiderte der andere, ebenso reich gekleidete Mann. »Daß er Bischof ist, macht ihn nicht weniger zu einem gerissenen und scheinheiligen Priester. Er weist darauf hin, daß wir diesem Land ein unermeßlich kostbares Geschenk gemacht haben, nämlich die christliche Lehre. Er zieht daraus den Schluß, daß uns die Indios deshalb Gehorsam schulden und jede Anstrengung, die wir aus ihnen herauspressen können. Aber, so sagt er jetzt, wir sollen sie weniger hart arbeiten lassen, besser ernähren, und wir dürfen sie nur seltener prügeln.«

»Oder wir riskieren, daß sie sterben, bevor sie im Glauben gefestigt sind«, sagte der erste Mann, »wie die Indios, die während der Eroberung und an den darauffolgenden Epidemien umgekommen sind. Zumárraga behauptet, er wolle nicht das Leben der Indios retten, sondern ihre Seelen.«

»Was geschieht in Wirklichkeit?« rief der andere Mann und beantwortete seine Frage gleich selbst. »Wir machen sie stark und verwöhnen sie zum Schaden der Arbeit, für die wir sie brauchen. Dann zieht dieser gerissene Bischof sie zur Zwangsarbeit heran. Überall im Land läßt er noch mehr Kirchen und Kapellen bauen, und das ist dann sein Verdienst. Er muß keine Rebellion fürchten, denn jeden Indio, der sein Mißfallen erregt, kann die Inquisition, das heißt Bischof Zurriago, verbrennen.« Zu meiner Freude unterhielten sie sich noch eine ganze Weile. Bischof Zumárraga hatte meinen Vater zum schrecklichen Feuertod verurteilt. Ich wußte, wenn die Männer ihn Bischof Zurriago nannten, sprachen sie seinen Namen nicht falsch aus, sondern verspotteten den Bischof, denn Zurriago bedeutet ›Geißel‹. Pochotl hatte mir erzählt, wie die eigenen Offiziere ihren Oberbefehlshaber, den Marqués Cortés, in Verruf gebracht hatten. Jetzt hörte ich, wie treue Christen ihren höchsten geistlichen Würdenträger verleumdeten. Wenn Soldaten und Bürger offen ihre Abneigung gegen ihre Oberen zum Ausdruck bringen und über sie schimpfen konnten, bewies das nur, daß die Spanier nicht alle einig waren und nicht jeder Herausforderung als eine geschlossene, starke Front begegnen würden. Ihre Herrschaft, der sie sich rühmten, war nicht so gesichert, daß sie unbesiegbar gewesen wären. Ich fand solche Einblicke in spanisches Denken und den spanischen Geist ermutigend und von möglichem Nutzen für die Zukunft. Deshalb lohnte es sich, sie im Gedächtnis zu behalten. An diesem Tag fand ich auf demselben Markt endlich auch die Kundschafter aus Tépiz, die ich schon seit langem suchte. An einem Stand mit geflochtenen Körben aus Binsen und Schilf erkundigte ich mich wie überall bei dem Händler, ob er einen Mann aus Tépiz namens Netzlin kenne oder dessen Frau, die … »Ich bin Netzlin«, antwortete der Mann. Er musterte mich verwundert und leicht beunruhigt. »Meine Frau heißt Citláli.«

»Ayyo, endlich!« rief ich. »Wie schön, wieder einmal die Sprache der Azteca zu hören. Ich heiße Tenamáxtli, und ich komme aus Aztlan.«

»Willkommen, früherer Nachbar!« sagte er und lachte. »Es ist schön, wieder einmal das alte Náhuatl zu hören. Citláli und ich sind seit beinahe zwei Jahren hier. Deine Stimme ist die erste aus unserer Heimat, die ich in dieser Zeit gehört habe.«

»Es mag auch für lange Zeit die einzige bleiben«, sagte ich. »Mein Onkel hat angeordnet, daß niemand aus Aztlan oder den umliegenden Gemeinden etwas mit den Weißen zu tun haben darf.«

»Dein Onkel hat das angeordnet?« sagte Netzlin verwirrt. »Mein Onkel Mixtzin, der Uey-Tecutli von Aztlan.«

»Ayyo, natürlich, der Uey-Tecutli. Ich wußte, daß er Kinder hat. Ich entschuldige mich dafür, nicht gewußt zu haben, daß du sein Neffe bist. Aber warum bist du hier, wenn er den Umgang mit den Spaniern verbietet?«

Ich sah mich um, bevor ich erwiderte: »Darüber würde ich lieber ungestört sprechen, Cuati Netzlin.«

»Ach so!« Er zwinkerte mir zu. »Du bist ein geheimer Späher. Dann komm mit, Cuati Tenamáxtli. Darf ich dich in unser bescheidenes Haus einladen? Warte, ich will meine Sachen einsammeln. Es ist ein ruhiger Tag, da werden vermutlich nur wenige Kunden enttäuscht sein.« Ich half ihm, die Körbe für den Transport ineinander zu stapeln, und dann lud sich jeder von uns einen Teil auf den Rücken. Zusammen mußten sie ein beachtliches Gewicht haben, das er ohne fremde Hilfe zum Markt getragen hatte.

Er führte mich durch Seitenstraßen aus der Traza des weißen Mannes hinaus und in Richtung Südosten zu einem Barrio mit Häusern der Eingeborenen, der San Pablo Zoquipan hieß. Netzlin erzählte mir unterwegs, nachdem er und seine Frau beschlossen hätten, sich in der Stadt Mexico niederzulassen, sei er sofort zu Reparaturarbeiten an den Aquädukten herangezogen worden, die Süßwasser auf die Insel leiteten. Man hatte ihm kaum genug bezahlt, um Maismehl kaufen zu können, aus dem Citláli Atóli kochen konnte. Sie ernährten sich eine ganze Weile nur von diesem Brei. Als Netzlin dem Tepizqui seines Barrio jedoch beweisen konnte, daß er und Citláli eine bessere Möglichkeit hatten, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, wurde ihm erlaubt, sich selbständig zu machen.

»Tepizqui«, wiederholte ich. »Das ist ein Náhuatl-Wort, aber ich habe es noch nie gehört. Und Barrio, das ist Spanisch. Es bedeutet ›Teil einer Gemeinde‹ oder ein kleiner Bezirk innerhalb der Gemeinde. Habe ich recht?«

»Ja. Der Tepizqui ist einer von uns. Das heißt, er ist der Mexicatl-Beamte, der dafür zu sorgen hat, daß alle in seinem Barrio sich an die Gesetze der Weißen halten. Er untersteht natürlich einem spanischen Beamten, dem Alkalden, der für alle Barrios und die jeweiligen Tepizque mit ihren Leuten verantwortlich ist.« Netzlin hatte seinem Tepizqui gezeigt, wie geschickt und kunstvoll er und seine Frau Körbe flochten. Der Tepizqui hatte das dem spanischen Alkalden berichtet, der es seinerseits dem Corregidor, seinem Vorgesetzten, zur Kenntnis brachte. Dieser Beamte hatte es an den Gobernador der königlichen Encomienda weitergeleitet, die, wie ich bereits wußte, alle Barrios und Viertel samt allen Bewohnern der Stadt Mexico umfaßte. Der Gobernador unterbreitete die Angelegenheit der Audienca, als sie zu Beratungen zusammentrat, und schließlich wurde durch all diese gewundenen Kanäle eine Concesión real ausgestellt, die es Netzlin erlaubte, den Stand auf dem Markt zu betreiben, wo ich ihn getroffen hatte.

Ich sagte: »Mir scheint, ein Mann muß in dieser Stadt viel Geduld für endlose Beratungen aufbringen, nur damit er die Arbeit seiner Hände verkaufen kann.« Netzlin zuckte die Schultern, so gut ihm das unter seiner Last möglich war. »Soviel ich weiß, waren solche Dinge damals, als das hier noch Motecuzómas Stadt war, genauso kompliziert. Jedenfalls befreit mich die Konzession davon, zur Zwangsarbeit eingezogen zu werden.«

»Was hat dich dazu gebracht, statt dessen Körbe zu flechten?«

»Das haben Citláli und ich inTépiz auch schon gemacht.

Die Binsen und das Schilfrohr, die wir in den brackigen Sümpfen bei uns zu Hause geschnitten haben, unterscheiden sich nicht sehr von dem, was man hier im See findet. Schilf und Sumpfgras sind sogar das einzige, was hier am Ufer wächst, obwohl man mir gesagt hat, daß das einmal ein sehr fruchtbares, grünes Tal war.« Ich nickte. »Jetzt stinkt es nur nach Schlamm und Abfällen.«

Netzlin fuhr fort. »Abends wate ich durch den Sumpf und schneide Binsen und Schilf. Citláli verarbeitet das Material tagsüber, wenn ich auf dem Markt bin. Unsere Körbe verkaufen sich gut, denn sie sind viel enger geflochten und hübscher als alles, was die wenigen einheimischen Korbflechter anbieten. Vor allem die spanischen Haushalte ziehen unsere Ware vor.«

Das war interessant. Ich fragte: »Also hast du mit den spanischen Bewohnern zu tun? Hast du viel von ihrer Sprache gelernt?«

»Sehr wenig«, antwortete er ohne großes Bedauern. »Ihre Dienstboten kommen zu mir: Köche, Küchenjungen, Wäscherinnen und Gärtner. Sie gehören zu unserem Volk. Deshalb brauche ich das Kauderwelsch des weißen Mannes nicht.«

Ich dachte, vielleicht könnte es für meine Zwecke sogar nützlicher sein, Zugang zu den Domestiken zu haben, als mit den spanischen Haushaltsvorständen selbst bekannt zu werden.

»Wie auch immer«, fuhr Netzlin fort, »Citláli und ich verdienen sehr viel besser als die meisten unserer Nachbarn im Barrio. Wir essen mindestens zweimal im Monat Fisch oder Fleisch. Einmal haben wir uns sogar eine dieser seltsamen und teuren Früchte geteilt, welche die Spanier Limón nennen.«

»Ist das alles, was du vom Leben erwartest, Cuati Netzlin? Willst du immer nur Körbe flechten und sie verkaufen?«

Er sah mich aufrichtig überrascht an. »Das ist alles, was ich jemals getan habe.«

»Angenommen, jemand bietet dir an, dich in den Krieg zu führen, um die EINE WELT von den Weißen zu befreien. Du würdest ein Held sein. Was würdest du dazu sagen?«

»Ayya, Cuati Tenamáxtli! Die Weißen kaufen meine Körbe. Sie sorgen dafür, daß ich etwas zu essen habe. Wenn ich sie los sein will, brauche ich nur nach Tépiz zurückzugehen. Aber dort bezahlt mir niemand meine Körbe so gut. Außerdem habe ich keine Erfahrung mit Kriegen. Ich kann mir nicht einmal vorstellen, was es bedeutet, ein Held zu sein.«

Ich gab den Gedanken auf, Netzlin als Kämpfer zu gewinnen. Trotzdem konnte er von Nutzen sein, wenn ich die Dienstbotenquartiere eines großen spanischen Hauses infiltrieren wollte.

Leider muß ich berichten, daß Netzlin nicht der einzige potentielle Rekrut blieb, der es ablehnte, sich meinem Feldzug anzuschließen, weil er von den Weißen abhängig geworden war. Jeder von ihnen hätte mich an das alte spanische Sprichwort erinnern können, so er es kannte, das sinngemäß sagt: ›Ein Krüppel muß verrückt sein, um seine Krücke wegzuwerfen.‹

Wir erreichten Netzlins Barrio in San Pablo Zoquipan, ein nicht allzu armes Viertel am Stadtrand. Er berichtete mir stolz, er und Citláli hätten wie die meisten der Nachbarn ihr Haus mit eigenen Händen aus den luftgetrockneten Ziegeln, die auf spanisch Adobe heißen, gebaut. Er zeigte mir auch sichtlich zufrieden das ebenfalls aus Adobeziegeln gebaute Dampfbad am Ende der Straße, das die Anwohner gemeinsam errichtet hatten. Wir betraten sein kleines Haus, das zwei Räume hatte, durch einen Vorhang, der die Türöffnung verschloß, und er machte mich mit seiner Frau bekannt. Citláli war ungefähr in seinem Alter. Ich schätzte sie beide auf etwa dreißig. Sie hatte ein hübsches Gesicht und besaß ein fröhliches Wesen. Ich bemerkte schnell, daß ihre Intelligenz seine Beschränktheit aufwog. Bei unserer Ankunft arbeitete sie an einem gerade begonnenen Korb, obwohl sie hochschwanger war und sozusagen an ihren unförmigen Leib gefesselt auf dem gestampften Lehmboden hockte. Als ich mich, wie ich fand taktvoll, erkundigte, ob sie in ihrem Zustand noch arbeiten sollte, lachte sie und erwiderte ohne jede Spur von Verlegenheit: »Im Grunde ist der Bauch eher eine Hilfe als eine Behinderung. Ich kann ihn als Form benutzen, um Körbe aller Größen, von klein und flach bis groß und tief zu flechten.«

Netzlin fragte: »Was für eine Unterkunft hast du gefunden, Tenamáxtli?«

»Ich lebe von der Mildtätigkeit der Christen in der Mesón de San José. Kennt ihr die Herberge vielleicht?«

»Ja, wir kennen sie«, sagte er. »Citláli und ich sind bei unserer Ankunft ebenfalls ein paar Nächte dort untergekommen. Aber wir konnten es nicht ertragen, jeden Abend in getrennte Räume gehen zu müssen.« Netzlin mochte vielleicht kein Krieger sein, aber offensichtlich war er ein treuer und liebender Ehemann. Citláli sagte: »Cuati Tenamáxtli, warum wohnst du nicht hier bei uns, bis du dir eine eigene Unterkunft leisten kannst?«

»Das ist ein sehr großzügiges und gastfreundliches Angebot. Aber wenn ihr es schon nicht ertragen konntet, in der Herberge getrennt zu werden, dann wäre es noch schlimmer, mit einem Fremden unter eurem eigenen Dach zu leben. Außerdem wird bald ein anderer und sehr viel kleinerer Fremder hier ankommen.« Sie erwiderte mit einem herzlichen Lachen: »Wir sind alle Fremde in dieser Stadt. Du würdest uns genauso willkommen sein wie der kleine Neuankömmling.«

»Du bist mehr als gütig, Citláli«, sagte ich. »Aber ich könnte mir eine andere Unterkunft leisten. Ich habe eine Arbeit, die mir mehr einbringt als den Lohn eines Arbeiters. Aber ich lerne im Kollegium direkt neben der Herberge Spanisch. Deshalb werde ich noch eine Weile dort bleiben.«

»Du lernst die Sprache der Weißen?« fragte Netzlin. »Bist du deshalb in der Stadt?«

»Das ist auch ein Grund.« Ich erzählte ihm, daß ich beabsichtigte, soviel wie möglich über die Weißen zu lernen. »Damit ich einen wirkungsvollen Aufstand gegen sie beginnen und sie aus allen Ländern der EINEN WELT vertreiben kann.«

»Ayyo …« Citláli seufzte leise, und ich konnte nicht sagen, ob sie mich ehrfürchtig oder bewundernd ansah. Vielleicht glaubte sie aber auch, daß ihr Mann und sie einem Verrückten gegenübersaßen.

Netzlin sagte: »Deshalb hast du mich gefragt, was ich von Krieg und Heldentum halte.« Er wies auf seine Frau. »Du kannst sehen, weshalb ich nicht gerade versessen auf einen Aufstand bin, wo doch bald mein erster Sohn zur Welt kommt.«

»Erster Sohn!« Citláli lachte und sagte zu mir: »Das erste Kind. Mir ist es gleich, ob es ein Sohn oder eine Tochter wird, wenn das Kind nur heil und gesund ist.«

»Es wird ein Junge«, sagte Netzlin. »Ich will es so.«

»Natürlich kann ich verstehen, wenn du zu einem solchen Zeitpunkt nicht auf kriegerische Abenteuer aus bist. Doch ich möchte euch um einen Gefallen bitten. Wenn ihr und eure Nachbarn nichts dagegen habt, dürfte ich vielleicht hin und wieder euer Dampfbad benutzen?«

»Aber ja. Ich weiß, daß es in der Herberge keine Bademöglichkeiten gibt. Wie hältst du dich denn sauber?«

»Ich wasche mich mit Wasser aus dem Eimer, und danach wasche ich meine Kleider darin. Die Mönche haben nichts dagegen, mir das Wasser über ihrem Feuer zu erhitzen. Aber ich bin in keinem richtigen Dampfbad gewesen, seit ich aus Aztlan wegging. Ich fürchte, ich stinke inzwischen wie ein Weißer.«

»Nein, nein«, beteuerten beide, und Netzlin sagte: »Selbst ein unzivilisierter Zácachichimécatl, der gerade aus der Wüste kommt, riecht nicht so schlimm wie ein Weißer. Komm, Tenamáxtli, wir gehen auf der Stelle zum Dampfbad. Hinterher trinken wir Octli und rauchen ein oder zwei Poquietl.«

»Wenn du uns das nächste Mal besuchst«, sagte Citláli, »bring alle deine schmutzigen Sachen mit. Ich werde ab jetzt deine Wäsche waschen.«

Danach verbrachte ich ebensoviel Zeit bei diesen beiden angenehmen Menschen und in ihrem Dampfbad wie mit Pochotl in der Herberge. Natürlich mußte ich mich regelmäßig bei dem Notarius Alonso einfinden – jeden Morgen im Klassenzimmer des Kollegiums und jeden Nachmittag in seinem Arbeitszimmer in der Kathedrale. Wenn wir die alten Bücher mit den Wortbildern durchstöberten, unterbrachen wir oft die Arbeit, setzten uns bequem hin und rauchten, während wir uns über andere Dinge unterhielten. Mein Spanisch hatte sich so weit verbessert, daß ich die Worte verstand, die er benutzen mußte, wenn es in Náhuatl dafür keine Entsprechungen gab.

»Juan Británico«, sagte er eines Tages zu mir, »kennst du Monseñor Suárez-Begega, den Erzdiakon der Kathedrale?«

»Kennen? Nein. Aber ich habe ihn auf den Fluren gesehen.«

»Offensichtlich hat er dich ebenfalls gesehen. Als Erzdiakon ist er für die Verwaltung zuständig, verstehst du. Er muß darauf achten, daß alles, was mit der Kathedrale zu tun hat, schicklich und angemessen ist. Er hat mich gebeten, dir etwas auszurichten.«

»Etwas ausrichten? Mir? Ein so bedeutender Herr?«

»Ja. Er möchte, daß du Pantalones trägst.« Ich sah ihn verständnislos an. »Der hohe und mächtige Monseñor Suárez-Begega kann sich herablassen und sich um meine nackten Beine kümmern? Ich kleide mich nicht anders als alle Mexica, die hier arbeiten. Wir Männer haben uns schon immer so gekleidet.«

»Das ist es ja«, sagte Alonso. »Die anderen sind Arbeiter, Bauarbeiter oder im besten Fall Handwerker. Wenn sie Capas, Calzoncillos und Guaraches tragen, ist das in Ordnung. Deine Arbeit berechtigt dich, verpflichtet dich sogar, wie der Monseñor sagt, dich wie ein Spanier zu kleiden.«

Ich erwiderte ungehalten: »Ich kann mir, wenn er das wünscht, ein pelzgefüttertes Wams, eng anliegende Hosen und Stiefel aus geprägtem Leder anziehen, einen Hut mit einer Feder aufsetzen und mich mit Anhängern und Armreifen schmücken, damit man mich für einen aufgeblasenen Moro-Spanier hält.«

Alonso unterdrückte ein Lachen. »Keinen Pelz, keine Armreifen und keine Federn. Ein normales Hemd, eine normale Hose und normale Stiefel genügen. Ich werde dir Geld geben, damit du diese Dinge kaufen kannst. Du mußt sie nur im Kollegium und hier tragen. Bei deinem Volk kannst du dich kleiden, wie du willst. Tu es mir zuliebe, Cuati Juan, damit mir der Erzdiakon deshalb nicht ständig im Nacken sitzt.«

Ich brummte mürrisch, mich für einen weißen Spanier auszugeben fände ich beinahe ebenso dumm, als wollte ich versuchen, als Moro durchzugehen. Aber schließlich sagte ich: »Natürlich tu ich das für Euch, Cuati Alonso.«

Er erwiderte ebenso sarkastisch wie ich: »Der dumme weiße Spanier dankt dir.«

»Ich entschuldige mich«, sagte ich. »Ihr persönlich seid mit Sicherheit nicht dumm. Aber darf ich etwas fragen? Ihr sprecht immer von weißen Spaniern oder von spanischen Weißen. Heißt das, es gibt irgendwo Spanier, die nicht weiß sind? Oder gibt es außer den Spaniern noch andere weiße Völker?«

»Ich versichere dir, Juan Británico, alle Spanier sind Weiße. Es sei denn, man nimmt die spanischen Juden davon aus, die sich zum Christentum bekehrt haben. Sie haben eine dunklere Haut.« Er lehnte sich zurück. »Aber ja, es gibt in der Tat außer den Spaniern viele weiße Völker. Die Völker aller Staaten in Europa.«

»Europa?«

»Das ist ein großer Kontinent. Spanien ist nur ein Land dieses Kontinents. Europa ist beinahe so, wie eure EINE WELT früher war – ein riesiges Gebiet, das von zahlreichen unterschiedlichen Völkern bewohnt wird. Allerdings haben alle in Europa heimischen Völker eine weiße Haut.«

»Dann sind sie alle gleichgestellt – auch den Spaniern? Sind sie alle Christen? Sind sie alle gleichermaßen den nichtweißen Völkern überlegen?«

Der Notarius kratzte sich mit dem Federkiel, mit dem er geschrieben hatte, am Kopf.

»Du stellst Fragen, Cuati Juan, die selbst Philosophen in Verwirrung bringen. Aber ich will mein Bestes tun, um sie zu beantworten. Es stimmt, alle Weißen sind allen Nichtweißen überlegen. Das sagt uns die Bibel. Es hängt mit dem Unterschied zwischen Sem, Cam und Jafet zusammen.«

»Wer ist das?«

»Noas Söhne. Pater Diego, dein Lehrer, kann dir das besser erklären als ich. Und was die Gleichheit aller Europäer angeht, nun ja …« Er lachte leicht spöttisch. »Jede Nation, dazu gehört auch unser geliebtes spanisches Volk, glaubt, es sei allen anderen überlegen. Die Azteca hier in Neuspanien tun das auch.«

»Das stimmt«, sagte ich. »Jedenfalls war es so. Aber jetzt sind wir und alle anderen einfach Indios. Vielleicht werden wir auf diese Weise feststellen, daß wir mehr gemeinsam haben, als wir früher glaubten.«

»Zu deiner anderen Frage. Ganz Europa ist christlich, abgesehen von ein paar Ketzern und Juden … und den Türken auf dem Balkan. Leider muß man sagen, daß es in den letzten Jahren selbst unter den Christen zu Unruhen und Unzufriedenheit gekommen ist. Bestimmte Staaten wie England, Deutschland und andere haben die Oberhoheit der Heiligen Kirche angefochten.« Es verblüffte mich, daß so etwas möglich sein sollte. »Sie glauben nicht mehr an die Dreieinigkeit der Vier?« Alonso war so in Gedanken vertieft, daß er offenbar ›Vier‹ nicht hörte. Er erwiderte düster: »Nein, nein, alle Christen glauben nach wie vor an die Dreieinigkeit. Aber in der heutigen Zeit weigern sich manche, an den Papst zu glauben.«

»Papst?« wiederholte ich verblüfft. Ich dachte, ohne es allerdings auszusprechen: Haben sie eine fünfte Gottheit? Wer kann sich so etwas nur ausdenken? Eine Trinität der Fünf?

Alonso sagte: »El Papa Clemente Séptimo, Clemens VII. Er ist der Bischof von Rom und der Nachfolger des heiligen Petrus, der Stellvertreter Christi auf Erden, SEINE höchste und unfehlbare Autorität.«

»Das ist kein Santo oder Espíritu? Es ist ein lebender Mensch?«

»Natürlich ist er ein lebender Mensch. Ein Priester, ein Mann wie du und ich, nur älter und sehr viel heiliger, denn er trägt die Schuhe des Fischers.«

»Schuhe?« fragte ich verständnislos. »Eines Fischers?« In Aztlan hatte ich viele Fischer gekannt. Keiner von ihnen trug Schuhe oder war auch nur im entferntesten heilig. Alonso seufzte, und seine Antwort klang gereizt. »Simon Petrus war ein Fischer, bevor er der bedeutendste Jünger, der erste der Apostel von Jesus Christus wurde. Er gilt als der erste Papst von Rom. Seither hat es viele gegeben. Aber man sagt, jeder Papst, der die Nachfolge antritt, steigt in die Schuhe des Fischers. Dadurch erlangt er die gleiche hohe Würde und die gleiche Autorität. Juan Británico, ich habe den Verdacht, daß du im Unterricht bei Pater Diego nicht zuhörst, sondern von anderen Dingen träumst.«

»Das stimmt nicht«, log ich und begann mich zu verteidigen. »Ich kann das Glaubensbekenntnis aufsagen, das Vaterunser und das Ave Maria. Ich habe die Ränge der Geistlichkeit auswendig gelernt: Nonnen und Mönche, Äbte und Äbtissinnen, Pater, Monseñores, Bischöfe. Dann … äh … gibt es etwas Höheres als Bischof Zumárraga?«

»Erzbischöfe«, rief Alonso vorwurfsvoll. »Kardinäle, Patriarchen, und über allen steht der Papst! Ich empfehle dir sehr, in Pater Diegos Unterricht besser aufzupassen, wenn du jemals konfirmiert werden willst.« Ich fand es für meine geheimen Pläne klüger, ihm nicht zu sagen, daß ich nichts mehr mit der Kirche zu tun haben wollte. Ich nahm weiterhin an der Unterweisung im christlichen Glauben teil, weil meine Pläne immer noch sehr verschwommen waren. Der Unterricht beschränkte sich beinahe ausschließlich auf das Auswendiglernen von Regeln, Ritualen und Liturgien, wie zum Beispiel dem Vaterunser, aber in einer Sprache, die selbst die Spanier nicht vorgaben zu verstehen. Wenn die Klasse den Gottesdienst, die sogenannte Messe, besuchte, weil Tete Diego darauf bestand, ging ich manchmal mit. Ich vermutete, daß auch das, was dort gesprochen wurde, für alle, bis auf die Priester und Acólitos, die sie zelebrierten, unverständlich war. Wir Eingeborenen und Mestizen mußten auf einer abgetrennten Galerie sitzen. Der Gestank der vielen ungewaschenen Spanier wäre sogar dort oben ohne die betäubenden Weihrauchwolken unerträglich gewesen. Da ich mich nie sonderlich für meine eigene Religion interessiert hatte, wenn man davon absieht, daß ich mich über die vielen Festlichkeiten freute, die dazugehörten, war mein Interesse für eine neue Religion auch nicht größer. Und erst recht rümpfte ich verächtlich die Nase über das Christentum, das nicht weiter als drei zählen konnte, denn nach meiner Zählung gab es mindestens vier, vielleicht sogar fünf höchste Gottheiten, die jedoch als Trinität bezeichnet wurden.

Trotz der Ungereimtheit der christlichen Lehre machte Tete Diego immer wieder unsere alte Religion lächerlich, weil sie eine Überfülle von Göttern habe. Sein rosarotes Gesicht verfärbte sich blau, als ich ihn eines Tages darauf hinwies, daß das Christentum angeblich nur einen einzigen Gott anerkenne, in Wirklichkeit aber die verehrungswürdigen Wesen mit dem Namen ›Heilige‹, ›Engel‹ und ›Erzengel‹ doch in beinahe ebenso hohem Ansehen stünden. Ihre Zahl übersteige sogar die Anzahl unserer Götter, und mehrere von ihnen schienen ebenso zornig und rachsüchtig zu sein wie unsere dunkleren Götter, die von den Christen als Dämonen beschimpft wurden. Der Hauptunterschied, den ich zwischen unserer und Tete Diegos Religion sehe, so erklärte ich, sei der, daß wir unseren Göttern Nahrung gaben, während die Christen ihre in dem Ritual mit dem Namen ›Kommunion‹ aßen oder zumindest vorgaben, es zu tun. Ich fuhr fort: »Es gibt viele andere Punkte, in denen das Christentum keinen Fortschritt gegenüber unserem alten Heidentum darstellt, wie Ihr es nennt, Tete. Zum Beispiel beichten auch wir unsere Sünden der freundlichen und vergebenden Göttin Tlazoltéotl, deren Namen Unrat-Fresserin bedeutet. Sie spricht uns von den Sünden los, wie die christlichen Priester, und sie ermahnt uns zu aufrichtiger Reue. Und was das Wunder der jungfräulichen Geburt angeht, so verdanken ihr einige unserer Gottheiten ihre Existenz, ja sogar einer der sterblichen Herrscher der Mexíca. Es handelt sich dabei um den ersten Motecuzóma, den Großen Verehrten Sprecher. Er war ein Großonkel des anderen Motecuzóma, der zur Zeit der Ankunft von euch Spaniern herrschte. Als er empfangen wurde, war seine Mutter noch Jungfrau und …«

»Das reicht!« Tete Diegos kahler Kopf war ganz blau angelaufen. »Du hast einen merkwürdigen Sinn für Humor, Juan Británico, aber für heute war das genug Spott und Hohn. Deine Worte grenzen an Gotteslästerung, ja sogar an Ketzerei. Verlaß das Klassenzimmer und komm nicht zurück, bevor du bereut und gebeichtet hast, aber nicht einem schmutzigen dämonischen Vielfraß, sondern einem christlichen Beichtvater!« Ich habe nie gebeichtet, weder damals noch später. Doch ich gab mir größte Mühe, geläutert und reumütig zu wirken, als ich am nächsten Tag im Unterricht erschien. Ich nahm auch weiterhin am Unterricht teil, wenn auch der Grund dafür nicht das geringste mit dem Vergleich abergläubischer religiöser Vorstellungen zu tun hatte und auch nicht mit der Erforschung spanischen Denkens und Verhaltens oder der Förderung meiner Pläne für die Revolution. Ich saß inzwischen einzig und allein im Klassenzimmer, damit ich Rebeca Canalluza sah und von ihr gesehen wurde. Ich hatte bisher weder mit einer weißen noch mit einer schwarzen Frau Ahuilnéma gemacht, und vielleicht würde sich mir auch nie die Gelegenheit dazu bieten. Doch in Rebeca Canalluza konnte ich in gewisser Hinsicht beide Art Frauen gleichzeitig haben. Das heißt, sie war das, was Alonso mit Mulattin bezeichnet hatte, ein Ergebnis der Paarung von Schwarz und Weiß.

Bisher gab es in Neuspanien sehr wenige schwarze Frauen. Deshalb mußte Rebecas Vater schwarz und die Mutter eine liederliche oder sehr neugierige Spanierin gewesen sein. Doch die Mutter hatte wenig zu Rebecas Aussehen beigetragen. Das überraschte mich nicht, denn Kokosmilch, die man in einen Becher Schokolade schüttet, macht sie nicht heller.

Immerhin hatte das Mädchen von seiner Mutter lange, gewellte Haare geerbt, nicht die moosartigen Locken eines Vollblut-Moro. Doch ansonsten, ayya, hatte sie eine breite flache Nase mit großen Nasenlöchern, wulstige bläuliche Lippen, und alles, was ich von ihr sehen konnte, hatte die Farbe einer Kakaobohne. Moro-Frauen schienen bereits sehr früh heranzureifen, denn Rebeca war eigentlich noch ein Kind von elf oder zwölf Jahren. Sie besaß aber bereits die Rundungen einer Frau, beachtliche Brüste und ein aufreizend ausladendes Gesäß. Außerdem warf Rebeca mir die verlangenden und herausfordernden Blicke einer Frau zu, die einen Mann sucht. Das alles entging mir nicht. Den Grund für ihren Namen, der sie herabwürdigte, verhöhnte, ja sogar erniedrigte, konnte ich dagegen nicht erraten. Ich spreche nicht von ihrem Vornamen Rebeca. In den erbaulichen kleinen Geschichten aus der Bibel, die Tete Diego uns von Zeit zu Zeit erzählte, hatte er auch die biblische Rebekka erwähnt. Das einzig Schlechte an dieser Rebekka, an das ich mich erinnern konnte, schien zu sein, daß sie sich mit Gold- und Silberschmuck bestechen ließ. Doch meine Rebeca hieß Canalluza, und das Wort bedeutet soviel wie Liederlichkeit, Herumtreiberei, Zügellosigkeit. Wenn das der Name von Rebecas Mutter gewesen war, erschien er mir berechtigt. Aber wie, fragte ich mich, konnte Rebecas Mutter zu diesem Namen gekommen sein, bevor sie sich einen schwarzen Liebhaber genommen hatte?

Wie auch immer, die kleine schwarzbraune Rebeca Canalluza verfolgte mich seit langem mit den glühenden Blicken ihrer schwarzbraunen Augen. Als ich zum ersten Mal in einem langärmligen Hemd, in Hosen und halbhohen Stiefeln im Kollegium erschien, wurden ihre Blicke noch leidenschaftlicher. Vielleicht lag es daran, daß sie stets spanisch gekleidet war und sich darüber freute, daß ich es ihr endlich gleichtat. Von da an begann sie, meine Nähe zu suchen. Sie setzte sich neben mich, ganz gleich, welche Bank ich wählte, und stand bei den seltenen Gelegenheiten, wenn ich die Messe besuchte, dicht neben mir. Ich hatte nichts dagegen. Seit meinem Abschied aus Aztlan hatte ich nicht einmal eine Frau von der Straße gehabt. Doch abgesehen davon war ich ebenso neugierig, wie es Rebecas Mutter auch auf ihren schwarzen Liebhaber gewesen sein mußte. Ich fragte mich: Wie mag es mit ihr sein? Ich wünschte nur, Rebeca wäre etwas älter und sehr viel hübscher gewesen. Trotzdem erwiderte ich zuerst ihre Blicke, dann ihr Lächeln, und schließlich unterhielten wir uns. Sie sprach sehr viel besser Spanisch als ich.

»Ich trage diesen schrecklichen Namen«, erklärte sie, als ich sie danach fragte, »weil ich eine Waise bin. Ich werde nie erfahren, wie mein Vater und meine Mutter heißen. Man hat mich wie viele andere kleine Kinder vor dem Tor des Nonnenklosters, dem Refugio de Santa Brígida, ausgesetzt. Seit dieser Zeit lebe ich dort. Die Nonnen, die uns Waisenkinder betreuen, finden ein merkwürdiges Vergnügen daran, uns entehrende Namen zu geben. Sie wollen uns als Kinder der Schande brandmarken.«

Ich hatte es hier mit einem Aspekt der spanischen Sitten zu tun, den ich bisher nicht kannte. Bei uns Indios gab es natürlich auch Kinder, die durch Krankheit, Krieg oder einen anderen Unglücksfall Vater oder Mutter oder beide Eltern verloren hatten. Doch in keiner unserer Sprachen gab es meines Wissens ein Wort für ›Waise‹. Das lag daran, daß kein Kind im Stich gelassen, ausgesetzt oder der Gemeinschaft aufgebürdet wurde. Uns war jedes Kind lieb und teuer. Kinder, die ganz allein in der Welt standen, wurden sofort mit Freuden von einem Ehepaar aufgenommen, ganz gleich, ob es kinderlos war oder viele eigene Kinder hatte.

»Wenigstens habe ich einen anständigen Vornamen«, fuhr Rebeca fort. »Der häßliche Pardo dort drüben«, sie wies unauffällig auf einen Jungen, »ist auch Waise und lebt im Refugio. Ihn haben die Nonnen Niebla Zonzón genannt.«

»Ayya!« rief ich halb belustigt, halb mitleidig. »Das bedeutet ›Tölpel, verwirrt, dumm‹!«

»Und, ay de mí, das ist er auch!« Rebeca lachte und zeigte ihre perlweißen Zähne. »Du hast ja gehört, wie er stottert und stammelt. Jedes Wort ist für ihn eine Qual, wenn er in der Klasse etwas sagt.«

»Jedenfalls verhelfen die Nonnen euch Waisen zu einer Schulbildung«, sagte ich, »das heißt, wenn man Religionsunterricht als Bildung bezeichnen kann.«

»Ich lerne, weil ich selbst den Schleier nehmen und Nonne werden will.«

»Ich dachte, es sind Schuhe«, sagte ich verwirrt. »Wie?«

»Schon gut. Was bedeutet das, ›den Schleier nehmen‹?«

»Ich werde die Braut Christi.«

»Ich dachte, er ist tot.«

»Du hörst unserem Tete wirklich nicht zu, Juan Británico«, sagte sie, und sie klang so vorwurfsvoll wie Alonso. »Ich werde dem Namen nach die Braut von Jesus Christus. Alle Nonnen sind seine Bräute.«

»Das ist jedenfalls besser als der Name Canalluza«, sagte ich. »Wird der häßliche Pardo Niebla Zonzón seinen Namen auch ändern können?«

»Vaya al cielo – no!« erwiderte sie lachend. »Er hat zu wenig im Kopf, um in einen Orden einzutreten. Der arme dumme Zonzón geht vom Klassenzimmer in den Keller und arbeitet dort als Gerber. Deshalb riecht er immer so schlecht.«

»Dann sag mir, was das bedeutet, die Braut eines toten Gottes zu werden.«

»Es bedeutet, daß ich wie alle Bräute den Rest meines Lebens allein ihm widme. Ich entsage jedem sterblichen Mann, jedem Vergnügen, jeder Leichtfertigkeit. Sobald ich meine Erste Kommunion hinter mir habe, werde ich eine Novizin im Kloster. Danach bin ich der Pflicht, dem Gehorsam und dem Dienen geweiht.« Sie senkte den Blick. »Und der Keuschheit.«

»Noch ist es nicht soweit«, erwiderte ich sanft.

»Aber bald«, flüsterte sie mit noch immer niedergeschlagenen Augen.

»Rebeca, ich bin beinahe zehn Jahre älter als du.«

»Du siehst gut aus«, sagte sie, ohne den Blick zu heben. »Ich werde mich in all den Jahren, in denen ich außer Jesus Christus niemanden habe, an dich erinnern können.« In diesem wehmutsvollen Augenblick war das kleine Mädchen beinahe liebenswert und ganz sicher bedauernswert. Ich konnte eine so scheue und zarte Bitte nicht abschlagen, selbst wenn ich es gewollt hätte. Also vereinbarten wir, uns nach Einbruch der Dunkelheit an einem Platz zu treffen, wo wir ungestört waren, und dort gab ich ihr das, woran sie sich erinnern wollte. Doch trotz ihrer Mithilfe war unser Zusammenkommen nicht leicht. Zuerst stellte ich fest, wie ich es eigentlich hätte voraussehen können, daß es schwierig war, sich der spanischen Kleider – ihrer und meiner – auf halbwegs manierliche Weise zu entledigen. Es erforderte unangenehme Verrenkungen, die das Vergnügen zweier Menschen, die sich auszogen, beträchtlich minderten. Die nächste Schwierigkeit war die unterschiedliche Körpergröße. Ich bin um einiges größer als andere Aztécatl und Mexicatl. Meine Mutter sagte, ich habe die Größe meines Vaters Mixtli geerbt. Und wie ich erwähnt habe, war Rebeca trotz all ihrer weiblichen Rundungen noch ein kleines Mädchen. Es war ihr erster Versuch, und wir stellten uns an diesem Abend so unbeholfen an, daß es sehr gut auch mein erster hätte sein können. Sie war einfach nicht in der Lage, die Beine weit genug zu spreizen, damit ich richtig dazwischen kam. Deshalb konnte mein Tepuli nicht mehr als seine Spitze in ihr Tipíli stecken. Nach mehreren erfolglosen Versuchen entschieden wir uns schließlich für die Art der Kaninchen. Sie stützte sich auf Ellbogen und Knie, ich stand hinter ihr. Doch jetzt erwies sich ihr ausladendes Hinterteil als Hindernis. Ich lernte aus dieser Erfahrung zweierlei. Rebecas Haut war an den Geschlechtsteilen noch dunkler als überall sonst, doch als sich die schwarzen Lippen dort unten öffneten, war sie innen so blütenrosa wie jede andere Frau, die ich kennenlernte. Außerdem war Rebeca Jungfrau, als wir begannen. Ich bemerkte etwas Klebriges und stellte fest, daß ihr Blut so rot war wie das der anderen Menschen. Seit damals bin ich geneigt zu glauben, daß alle Menschen aus dem gleichen Stoff gemacht sind, ganz gleich, welche Farbe ihre Haut hat. Rebeca fand großes Vergnügen an ihrer ersten Ahuilnéma. Deshalb nutzten wir danach jede sich bietende Gelegenheit. Ich konnte ihr einige der besonderen Dinge zeigen, die ich von der Auyanimi in Aztlan gelernt und dann durch Übung mit meiner Cousine Améyatl zur Vollkommenheit gebracht hatte. Rebeca und ich fanden großen Gefallen aneinander, bis zum Vorabend des Tages, an dem Bischof Zumárraga sie und mehrere andere Waisen im Ritual der Konfirmation salbte. Ich nahm an der Zeremonie nicht teil, doch ich sah flüchtig Rebeca in ihrem Gewand. Ich muß gestehen, sie sah komisch aus. Das Schwarzbraun von Kopf und Händen stand im starken Gegensatz zum Weiß des Gewandes. Als Rebeca mich bemerkte und lächelte, blitzten ihre Zähne. Es war das einzig Weiße an ihr. Von diesem Tag an habe ich sie nicht mehr angerührt, ja sie nicht einmal mehr gesehen, denn sie durfte das Refugio de Santa Brígida nicht mehr verlassen.