ZWANZIG
Von ihrem Ausguck im Geäst erspähte Zoë die Herde Mustangs etwa eine Stunde, nachdem die Sonne am Himmel den Zenit erreicht hatte. Und nachdem sie sich vergewissert hatten, dass ihre Verfolger in die entgegengesetzte Richtung blickten, kraxelten sie von dem Baum runter.
Es war ein Kinderspiel die zahmen Pferde einzufangen und schon bald waren sie im vollem Galopp Richtung Envy unterwegs. Natürlich würden sie es vor Einbruch der Dunkelheit nicht schaffen und da sie keinerlei Munition mehr hatten und nur wenig Vorräte bei sich trugen, wollten sie nicht von den Ganga erwischt werden. Also mussten sie irgendwo über Nacht kampieren.
Als die Sonne dann tief am Horizont lag, hatten sie sich bereits im vierten Stock eines alten Apartmentblocks eingerichtet. Zoë war es gelungen, etwas Gemüse und ein paar wilde Erdbeeren aufzutreiben und auch Walnüsse und Sonnenblumenkerne, die sie unterwegs gesammelt hatte. Sie ließen sich in dem staubigen, schmuddeligen Zimmer nieder und schauten dem roten Feuerball der Sonne zu, wie er hinter dem schmutzigen Fenster verschwand. Quent hatte einen Fetzen alten Tuchs dazu verwandt, ein Guckloch in die Scheibe zu rubbeln, damit sie hinaussehen konnten.
Er schaute zu ihr rüber, sein Blick glitt hinunter ... an ihrem Körper entlang, der immer noch in dem schimmernden, weißen Kleid steckte. Oder was davon übriggeblieben war. Zoë spürte ein Antwortkribbeln in ihrem Bauch und versuchte es zu unterdrücken. Ihr auf-dem-Baum Sex war ihnen nicht sonderlich geglückt, denn eine sehr große Spinne, die an Quents Arm runterkletterte, hatte den Zauber für beide etwas gemindert.
Aber es machte ihr nichts aus. Sie musste sowieso erst mal etwas nachdenken. Trotz seines scherzhaft eingeworfenen Kommentars, dass er sie liebte, fühlte sie eine Leere tief in ihrer Magengrube. Er hielt mit etwas hinterm Berg und sie hatte bemerkt, dass er ihr nicht mehr direkt in die Augen gesehen hatte, seit sie Mekka verlassen hatten.
Aber jetzt wurde Quents Gesichtsausdruck wieder weich, als er die Augen hob, um ihr genau in die Augen zu sehen. „Ich wette, du bist mehr als froh bald wieder andere Kleider zu tragen, aber als ich dich gestern Abend quer durch den Saal gesehen habe, war es ein Schock. Du hast ausgesehen wie eine silberne Göttin.“
Zoë erstarrte leicht. „All dieser künstliche Scheiß? Scheiße auf meinem Gesicht, Zeugs in meinem Haar und kaum in der Lage zu atmen? So werde ich nie wieder aussehen, wenn dich das also antörnt, dann ist es vielleicht besser, du–“
Er lachte auf einmal, seine Augen funkelten und blitzten zum ersten Mal wieder seit dem einen Mal, wo er sie damals in der Dusche angetroffen hatte – wie lange war das schon her? Zwei Wochen? „Ah, Zoë“, sagte er und streckte den Arm nach ihr aus, zog sie an sich. „Erinnerst du dich noch an das, was ich dir vor Kurzem gesagt habe? Als du diese Wahnsinns-Show mit den Ganga abgezogen hast? Wie scharf ich da auf dich wurde, dass ich dich eigentlich sofort bespringen wollte? Es zeigt eigentlich nur, dass – egal wie du aussiehst – du hast mich gefangen genommen. Ganz und gar.“
Sie konnte ein etwas würdeloses Schnauben nicht unterdrücken. „Ich habe wie jede andere Frau da ausgesehen, nur hatten die alle größere Titten.“
„Und die meisten davon waren künstlich“, sagte Quent, während er mit den Händen über ihre nackten Schultern strich. Sie konnte ein kleines Schaudern da nicht unterdrücken.
„Künstlich?“
„Ihre Brüste. Zu meiner Zeit konnten Frauen sie sich operieren lassen – vergrößern lassen.“ Dann glitt er mit seinen Händen nach unten und bedeckte ihre sanft. „Aber ich liebe deine und ich bin froh, dass du nicht die Möglichkeit hast sie zu verändern. Sie sind wunderschön und fest und ich träume von ihnen. Und von dem Rest von dir. Ständig.“
Ein köstliches Zittern flatterte ihr da im Bauch. Er hatte nicht gesagt, dass er sie liebte, aber das hier kam dem schon sehr nahe. Sehr nahe.
Er zog sie an sich, beachtete den Staub nicht, der aufgewirbelt wurde, als sie ihre Beine über den schmutzigen Boden bewegte, faserig wegen einem verblichenen Teppich. Seine Lippen waren warm und zärtlich, als sie ihre fanden, und sie schloss die Augen, glitt mit ihren Fingern in sein Haar, ließ sich gegen ihn sinken. Aber dann löste er sich viel zu schnell und setzte sich ein Stück von ihr weg auf.
„Es wird einfacher sein das zu sagen, was ich zu sagen habe, wenn ich dich nicht im Arm halte oder auf meinen Lippen habe“, sagte er mit einem trockenen Lächeln.
Der Magen sackte ihr weg. Das Herz begann ihr zu hämmern. „Nicht schon wieder.“
„Was?“
„Du und dein ‚wir müssen reden, ich muss dir eine ernste Frage stellen‘ Scheiß.“ Sie wusste, ihre Worte kamen schneidend heraus, aber mit ihrem Magen in derartigem Aufruhr konnte sie nicht anders.
Aber Quent schien es nichts auszumachen. Sein trockenes Lächeln wurde lediglich zu einem weicheren. „Das ist meine Zoë. Die Dinge beim Scheißnamen zu nennen.“
„Wenn du es sagst.“ Sie verschränkte die Arme über dem Bauch. Dann verschränkte sie die Beine und zog die Knie ganz nah an sich ran. „Spuck’s schon aus.“
„Ich möchte mit dir Liebe machen, dich wirklich lieben.“
Sie verdrehte die Augen. „Was ist da dran denn neu? Was hält dich ab? Obwohl es hier ein bisschen schmutzig ist. Und ich vermute, das da drüben ist Rattenscheiße. Oder Schlimmeres.“
„Ich ... nun. Ich weiß nicht, ob es dir aufgefallen ist, aber die letzten paar Mal, wo wir zusammen waren, haben wir nicht Koitus praktiziert.“
„Was zum Teufel?“ Sie runzelte die Stirn und verdrehte die Augen. Warum zum Teufel dachte er, man müsste das hier alles so haarklein zerreden? „Haben wir wohl. Als ich mich zu dir reingeschlichen habe.“
„Stimmt. Nun, da hast du mich einfach überrumpelt.“
„Okay, schon gut. Es ist mir aufgefallen. Mir ist aufgefallen, dass du nicht mehr vögeln willst, seit Marley aufgetaucht ist.“ Da. Jetzt hatte sie es gesagt. Es war raus. Ihre größte, schrecklichste Angst.
Außer der, ihn zu verlieren.
Aber wenn ihre Angst begründet war, dann würde sie ihn sowieso verlieren.
„Es hat mit Marley gar nichts zu tun“, sagte Quent ärgerlich. „Es liegt an mir. Ich will nicht, dass du schwanger wirst.“
Na, da haben wir es alles. Alles scheiß offen und sauber ausgebreitet, dass alle es sehen können.
Er redete schnell. „Und können wir es ‚miteinander schlafen‘ oder ‚uns lieben‘ nennen, anstatt ‚vögeln‘?“ Abrupt fuhr er sich mit einer Hand durch das Haar, offensichtlich wütend. „Was ich damit sagen möchte ist, nichts würde mich glücklicher machen als ein Kind mit dir zu haben ... wenn ich wüsste, du bleibst dann auch bei mir. Wenn du nicht immer wegrennen würdest, Zoë.“ Seine Stimme wurde leiser und er griff nach ihren Händen. „Bitte setz meinem Elend hier ein Ende. Bleib entweder bei mir oder...“
„Oder was?“, sagte sie in einem herausfordernden Ton, aber ihr Herz war wieder leichter geworden, ein bisschen.
„Oder ... bleib bei mir. Ich brauche dich.“
Sie schaute auf ihre Hände runter, erinnerte sich an all die Male, die sie seine Hände festgehalten hatte, ihm ein ruhender Pol gewesen war, während er in die dunkle Grube hinabstieg. Und wusste, dass er das Gleiche für sie tat. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber er redete schon wieder.
„Ich habe noch nie jemandem gesagt, dass ich ihn oder sie liebe. Nie. In meinem ganzen Leben–“
„Nicht einmal deiner Mutter?“ Zoë konnte sich das gar nicht vorstellen. Sie hatte ihrer Naanaa jeden einzelnen Tag gesagt, dass sie sie liebte. Und Papi fast genauso oft.
„Niemandem. Was auch der Grund dafür ist, dass ich nicht sehr gut darin bin. Aber...“ Seine Finger schlossen sich fester um ihre und sie sah ihn an. „Ich liebe dich. Ich habe das noch nie zu irgendjemandem sagen wollen. Aber ... ich liebe dich. Ich möchte nicht mehr leben, ohne dich in meinem Leben zu haben. Du gibst mir das Gefühl, dass ich in dieser Welt leben kann, dass ich meinen Platz darin habe. Ein Zuhause. Aber, Zoë, dass du mich immer verlässt, das halte ich nicht aus.“
Sie packte seine Hände noch fester. „Ich liebe dich auch, Quent. Und ich werde bei dir bleiben, wenn du bei mir bleibst. In meinem Versteck. Manchmal.“
„So oft du nur willst“, sagte er. „Es kann unser Wochenendhaus sein.“ Er lachte und sie war sich nicht sicher, warum das so witzig war, aber sie lächelte ihn auch an, Wärme und reinstes Entzücken rauschten durch sie hindurch, um sich wunderbar luftig an der leeren Stelle in ihrem Bauch auszubreiten.
„Es ist eine ganze Weile her, dass ich eine Familie gehabt habe. Ich hätte gerne wieder eine. Mit dir“, sagte sie. „Aber ... ich glaube nicht, dass ich die Jagd auf Ganga aufgeben kann.“
„Ich dachte, wir sind ein verdammt gutes Team gewesen“, sagte er zu ihr. „Wir können das zusammen machen.“
In dem Augenblick begriff sie, dass der Sinn ihres Lebens nicht vorbei war und dass es einen Grund dafür gegeben hatte, dass sie die schreckliche Nacht überlebt hatte, in der ihre Familie umgekommen war. Es war nicht gewesen, um den Tod ihrer Familie mit dem Tod von Raul Marck zu rächen. Der wahre Sinn ihres Lebens bestand darin, die Rettungsleine, die Partnerin für diesen Mann hier zu sein – diesem starken und doch verletzlichen, vom Leben gezeichneten und mutigen Mann zu sein, dessen Gabe ein zweischneidiges Schwert war, die aber die Menschheit vielleicht retten könnte.
Es gab niemanden, der das tun konnte, was er tun konnte, und er brauchte sie, um ihn zu erden. An seiner Seite zu stehen.
Ihre Augen brannten vor Tränen und sie war glücklicher, als sie sich je gefühlt hatte. Und weil so butterweich zu werden sie total sauer machte, schob sie das Gefühl beiseite und übernahm wieder das Ruder.
„Aber ich werde die Leitung der Jagdexpeditionen übernehmen“, sagte sie. „Und du musst mir beibringen, wie man diese Trucks fährt. Und wie man diese verdammten Bomben baut.“
„Ich verspreche es.“ Er beugte sich zu ihr und zog sie auf seinen Schoß, seine Hände wanderten schon eifrig über ihre Brüste. „Also ... können wir jetzt dann echten ‚Gottseidank-sind-wir-mit-dem-Leben-davongekommen‘ Sex haben?“
„Ja, verdammt“, sagte sie. „Aber lass es uns ‚einander lieben‘ nennen.“
Und völlig ungerührt von der Rattenscheiße und flitzenden Nagern in den Ecken kletterte sie auf seinen Schoß und zog ihn zu sich. Für den Kuss eines langen Versprechens.
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