ACHT 

 

 

Er war immer noch im Gebäude drinnen, als Quent aus den Schatten heraus beobachtete, wie Zoë ihren Bogen anhob. Sie hatte die Augen kaum lösen können – von dem schlanken, weißhaarigen Mann dort, in etwa dreißig Meter Entfernung mit noch jemandem, der ebenso schlank aussah. Ein Pfeil war angelegt und bereit und er vermochte kaum den entschlossenen Gesichtsausdruck von ihr zu erkennen. 

Sie wird es tun. 

Einen Moment lang dachte er daran, sie aufzuhalten – aus den Schatten zu treten und ihre Aufmerksamkeit auf ihn zu lenken, ihre Anwesenheit hier für die anderen dort bekannt zu geben. Um ihr die Last zu ersparen, einem Mann das Leben genommen zu haben, und auch um selber die Gelegenheit zu bekommen, die Informationen aus Marck herauszuprügeln, die er haben wollte. Wie er Fielding finden könnte. Wohin er gehen müsste. 

Von dem, was Quent über Raul Marck gehört hatte – nicht nur von Zoë, auch von Jade, die den Kopfgeldjäger aus der Zeit ihrer Gefangenschaft bei den Fremden kannte –, wäre es kein großer Verlust für den Rest der Welt, wenn ein derart geldgieriger, skrupelloser Mann getötet wurde. Nicht schlimmer, als wenn ein Scharfschütze Terroristen umlegte, bevor sie einen weiteren Nachtklub oder noch ein Auto in die Luft jagten. 

Nicht schlimmer, als den Mann zu vernichten, der dazu beigetragen hatte, die Menschheit auszurotten. 

Aber ... Zoë. Trotz ihrer schroffen Art und ihrer Stärke, da war eine zerbrechliche Seite an ihr, die er erst in letzter Zeit bemerkt hatte. Etwas unter der Oberfläche. Etwas, was in den Tiefen ihrer Augen, ganz unten, verborgen lag. Etwas, was ihm aufgefallen war, wenn er sie in Momenten anschaute, in denen sie nicht gerade die Matratze strapazierten. 

Genau in dem Augenblick sah Quent einen Schatten, der sich bewegte, der sich von einem Punkt wegschlich, jenseits von dem Punkt dort, wo Zoë hockte, der auf den Baum genau hinter ihr zukroch. Es fuhr ihm eiskalt über den Rücken, bevor er die anschwellende Furcht niederkämpfte, aber wie er sah, dass der Neuankömmling mit leeren Händen dorthin schlich, beruhigte er sich etwas. Er schloss die Finger fester um den Griff des eigenen Revolvers. Den Abzug zu berühren spendete ihm etwas Trost. Und dann schlich er sich näher heran. 

Zoë spannte die Bogensehne jetzt bis nach hinten, ruhig und konzentriert, während nur wenige Meter entfernt Raul Marck aufschrie. Es sah aus, als wäre er von einem Messer verwundet – ernsthaft verwundet. Sein Gegner ergriff die Gelegenheit sich schwankend in die Büsche zu schlagen, aber vorher konnte Quent noch ein schwaches Leuchten an seiner Schulter erkennen. Ein Angehöriger der Elite kämpfte mit Raul Marck? 

Ein leises Zzooong zerschnitt die nächtliche Stille und der Pfeil schnellte durch die Luft. 

Und genau als er von ihrem Bogen lossauste, bewegte sich der Schatten hinter ihr. Den Bruchteil einer Sekunde zu spät kam er schneller aus der Dunkelheit, als Quent erwartet hatte. 

Sie fuhr bei dem Geräusch blitzschnell herum, wobei ihre Hand automatisch rückwärts über die Schulter zu ihrem Köcher griff und sofort einen Pfeil dort zu fassen bekam. Aber sie war nicht schnell genug und der recht große Mann stand jetzt keinen halben Meter von ihr entfernt. Hielt eine Pistole auf sie gerichtet, die kurz zuvor noch nicht in seiner Hand gewesen war. 

Ach du grüne Scheiße. 

Quent schlich sich an der Dunkelheit entlang, kam näher, damit sein Schuss auch sicher traf, als der Neuankömmling sprach. „Du schon wieder. Auf der Jagd nach meinem Vater.“ 

Selbst in dieser Dunkelheit konnte Quent den kalten Blick sehen, den sie ihm zuwarf. „Ein bisschen scheißspät oder etwa nicht? Ian?“ Sie senkte den Bogen ein klein wenig. „Oder war das von dir so geplant?“ 

Quent schaute die Straße entlang und sah den dunklen Schatten von Raul Marck auf dem Boden. Reglos. Und auch aus dieser Entfernung konnte er eine glänzende Lache auf der Haut des Mannes und auf dem Boden erkennen. Wenn nicht schon tot, dann verdammt nah dran. 

Ian Marck lachte auf. „Ah, Zoë. Du bist wirklich die kaltschnäuzigste Schlampe, die mir je untergekommen ist.“ 

Sie lachte zur Antwort. Genauso fies. „Schlimmer als Remy? Du bist ihr auf den Leim gegangen und dann hat sie dich abserviert. Ich habe zugeschaut. Die ist eine eiskalte Schlampe. Wenigstens mache ich nicht mit jemandem rum und mache mich dann aus dem Staub.“ 

Ach wirklich? Ich muss es mir eingebildet haben, dass die Laken fast davonflogen, so schnell wie du dich aus meinem Bett verdünnisiert hat. Die Wut, die der Bewunderung und der Lust gewichen war, als er ihr beim Kampf gegen die Ganga zugeschaut hatte, kam mit aller Wucht wieder. 

Ian schien ihre Bemerkung zu überraschen, aber er schien auch zu wissen, wovon sie da redete. „Das warst also wirklich du vor zwei Nächten.“ Was auch immer da geschehen war, ihr Kommentar dazu machte ihn stinksauer. Er trat näher heran, die Pistole glänzte im Mondlicht, als er damit zu ihrem Bogen gestikulierte. „Runter damit.“ 

„Und dasselbe tust du jetzt bitte auch“, sagte Quent und trat hervor, der Lauf seiner Pistole war auf Ian gerichtet. 

Der Mann rührte sich nicht, schaute kaum zu ihm her, während seine Lippen schweigend, aber sehr offensichtlich ein Scheiße formten. „Und ich dachte, du bist immer alleine unterwegs?“ Die Bemerkung war immer noch an Zoë gerichtet. 

„Nur ein Idiot wie du würde dem Glauben schenken, was eine Frau so von sich gibt“, sagte Quent eisig. Wenigstens mache ich nicht mit jemandem rum und mache mich dann aus dem Staub. Ha. Darüber würden sie später noch ausgiebig diskutieren müssen. „Geht das da jetzt runter oder muss ich hier unangenehm werden?“ Er könnte auch noch fallen lassen, dass er ein Meister-Scharfschütze im Guesting Country Klub gewesen war, aber man könnte dem Kerl hier ebenso gut Ammenmärchen erzählen. 

„Was hast du denn vor? Mich erschießen?“ 

„Gar keine schlechte Idee.“ 

Ian bewegte sich keinen Millimeter und zeigte immer noch mit der Pistole auf Zoë. „Nun, ich habe nicht vor sie zu erschießen.“ 

„Verzeih mir, wenn ich da etwas Bedenken habe“, erwiderte Quent und schloss die Finger fester um die Waffe. Er hatte noch nie auf jemanden geschossen oder auch nur gezielt ... aber er wusste, wenn es sich nicht vermeiden ließ, könnte er hier abdrücken. Ganz ohne Skrupel. 

„Ich hatte schon oft genug die Gelegenheit zu schießen, wenn ich das gewollt hätte“, antwortete Ian. „Ich will nur, dass sie den verdammten Bogen runternimmt.“ 

„Du machst dir mehr Sorgen um den Bogen als um die Kugel, die ich dir gleich durch den Kopf jage?“ 

Ian warf ihm ein schnelles, humorloses Lächeln zu. „Jep, denn sie is’ so eine–“ 

„Reg dich schon ab, Mann“, sagte Zoë. Und sie setzte den Bogen ab und ließ den Pfeil hinten wieder in den Köcher gleiten, „Nimm das Scheißding da weg, Ian. Dein Vater ist tot und du musstest dir nicht die Finger schmutzig machen. Du solltest mir den Hintern küssen, anstatt mit einer Pistole auf mich zu zielen.“ 

„Als hättest du nicht schon versucht, mich zu so was zu überreden, Zoë Liebling“, erwiderte Ian trocken. Aber dann senkte auch er seine Waffe, als Zoë angeekelt schnaubte. „Vielleicht sollte ich dir in der Tat etwas dankbar sein.“ Er schaute Zoë weiterhin an, nahm Quent gar nicht zur Kenntnis. „Er ist wirklich über den Jordan.“ 

„Und dein Kopfgeld über alle Berge“, sagte Zoë. Quent bemerkte da, wie groß ihre Augen jetzt waren. Stand sie unter Schock, weil Raul tot war? Wenn das der Fall war, dann spielte sie hier aber gerade meisterlich die Knallharte. „Kopfgeld hat mit einem Messer nach ihm gestochen und verschwand dann in der Dunkelheit.“ 

Achselzucken von Ian. 

„Du willst dem Kopfgeld nicht hinterher?“ 

Er schnaubte verächtlich. „Das ist nicht meine Art von Spiel.“ 

„Also gut. Ich verspreche dir nicht zu schießen, wenn du hier gehst. Ausnahmsweise.“ 

Ian nickte und ein Anflug von Lächeln zuckte ihm um den Mund. „Gleichfalls.“ Und ohne einen Blick an Quent zu verschwenden, der – nebenbei gesagt – immer noch eine Pistole auf den Mann gerichtet hatte, drehte er sich um und verschmolz mit den Schatten. 

Quent spähte ihm noch nach, während er verschwand. „Du vertraust ihm so weit, dass er nicht zurückkommt und uns beide in die Luft jagt?“ 

„Ian? Der ist jetzt so ziemlich im Eimer. Sein Vater ist schließlich tot. Er wünscht sich wohl nur, dass er selber genug Mumm dafür gehabt hätte.“ 

Ein paar von uns hätten gar keine Probleme damit, unsere Väter zu vernichten. Aber dann wiederum: Quent hatte in der Vergangenheit mehr als einmal die Gelegenheit gehabt ... und er hatte sie nie ergriffen. Vielleicht hatten er und Ian mehr gemeinsam, als man annehmen würde. 

„Er hat auch gar keinen Grund mir – oder dir – wehzutun. Jetzt, wo Raul tot ist.“ 

Als sie losging, streckte er die Hand aus, um sie anzuhalten. „Was ist mit der anderen Person – dem Fremden. Dem Kopfgeld?“ 

„Kommt garantiert nicht wieder, glaub mir. Wenn du den Marcks ein Schnippchen geschlagen hast, forderst du das Scheißschicksal nicht heraus und kommst wieder.“ Sie war schon losgelaufen, auf den reglosen Körper von Raul Marck zu, und warf diese Worte nur über die Schulter, als wären sie so sicher wie das Amen in der Kirche. 

Mit etwas weniger Gottvertrauen ausgestattet hielt Quent die Augen offen und die Pistole im Anschlag, während er ihr folgte. 

Aber als er dann bei Raul Marck angelangt war, wo sie sich niedergekniet hatte, hatte er sich etwas mehr entspannt. Genau da, als er bei ihr anlangte, zog sie mit einem geübten Handgriff, dem Mann die Pfeilspitze aus der Brust. Er erschien ihm ein wenig pietätlos, aber dann erschien ihm die Alternative – den Pfeil da drin stecken zu lassen – genauso schlimm. 

Da er nicht das Bedürfnis verspürte, die Habseligkeiten des Mannes zu durchsuchen oder mit dem Toten auf Tuchfühlung zu gehen, schaute Quent einfach zu, als sie den Pfeil weglegte und dann begann den Inhalt aller Taschen von dem Mann abzutasten. „Suchst du was Bestimmtes?“, fragte er, während er immer noch die Schatten nach irgendwelchen orangenen Augen oder anderen unerwarteten Besuchern absuchte. 

„Er hatte dieses lila Leuchtding, das die Ganga in Schach zu halten schien“, sagte sie und hockte sich auf die Fersen. „Dachte mir, ich versuche mal das zu finden. Oder irgendwas anderes Wertvolles. Eine Pistole.“ 

Und da hörten sie auf einmal das tiefe Brummen eines Fahrzeugs – nicht aus der Richtung, wo sie ihr eigenes geparkt hatten, sondern näher. Zoë und Quent duckten sich quasi synchron in die Schatten, ihre Schultern prallten aneinander. Aber als sie abwarteten, sich flach gegen die kühle Backsteinmauer von einem Haus drückten, wurde das Brummen leiser ... als würde es von ihnen wegfahren. Quent meinte kurz, ganz schwach, einen Lichtschimmer dort jenseits der Häuser um sie herum hüpfen zu sehen. 

„Verdammt“, sagte Zoë. „Das war Ian. Ich hatte gehofft, dass wir auch noch den Truck durchsuchen könnten, aber er wusste, wo der war. Und jetzt ist er weg.“ 

„Offensichtlich.“ 

Sie stand da und sah auf Raul Marck hinab. „Ich nehme mal an, dass wir das da nicht einfach hier liegen lassen sollten.“ Also hatte sie doch ein Herz. „Obwohl es eigentlich ganz passend wäre, wenn er als Zombie-Futter enden würde. Nach all den Leuten, die er an die Ganga verfüttert hat.“ 

Sie stand kurz da, schaute auf das hagere Gesicht und die fast skelettartigen Gliedmaßen. „Kaum zu fassen, dass es wirklich vorbei ist. Er ist wirklich und wahrhaftig tot“, flüsterte sie. Sie fuhr sich wirr mit beiden Händen durchs Haar, was es noch punkiger und unordentlicher aussehen ließ, und ließ dann ihre Hände schwer an ihren Seiten niedersinken. „Ich kann es gar nicht glauben.“ Sie schloss die Augen und ihre Lippen bewegten sich lautlos. Als sie die Augen wieder öffnete, sah Quent, dass ihre Augen etwas glänzten. 

Er half ihr dabei, den Körper fortzuschaffen. Letztendlich beschlossen sie ihn in den Müllcontainer zu tun. 

„Was jetzt?“, fragte er, als er feststellte, dass er jetzt gar nichts dagegen hätte, sich aufs Ohr zu hauen. Der Tag war sehr lang gewesen und die Nacht davor war auch lang – und mit recht viel Action verbunden – gewesen. 

„Marck ist tot. Ian ist weg. Ganga sind plattgemacht. Ich weiß nicht, was du davon hältst, aber da es keine Pizza gibt, bin ich dafür, wir pennen jetzt.“ Sie drehte sich um und begann wegzugehen, was Quent zu der Frage führte, ob sie wieder beabsichtigte zu verschwinden. Oder es zu versuchen. 

Er traute ihr durchaus zu hier einfach in die Nacht hinein zu verschwinden. 

Aber wenn das ihr Plan war, dann war sie immerhin wohl noch nicht ganz bereit den auszuführen. Stattdessen durfte er zuschauen, wie sie einen Pfeil aus einem recht breiigen Ganga herauszog. Und dann noch einen und noch einen. Selbst aus der Entfernung und in dem Halbdunkel sah er, wie an den Pfeilspitzen unterschiedlich große Klumpen von Gangahirn klebten. 

Zoë schüttelte sie ab, als sie ihre Pfeile einsammelte und als er sich näherte, sah er, wie sie die Pfeilspitzen in das Wasser tauchte, das sich in einer Delle im Dach eines Autos gesammelt hatte. „Okay“, sagte sie, als sie sich zu ihm umdrehte. „Lass uns einen Platz zum Übernachten finden.“ 

„Okay“, erwiderte er und ließ seine Stimme sanfter werden. Und vergaß total – erlaubte sich es zu vergessen – seinen Zorn auf sie, seine Enttäuschung, darüber, dass sie ihn heute früh hatte reinlegen wollen. 

Nach einer kurzen Diskussion entschieden sie sich mit ihrem Humvee irgendwo anders hin zu fahren, hier in der Nähe. Nur für den Fall, dass Ian Marck zurückkam und ihnen das Fahrzeug klaute. „Ich weiß auch wo“, erzählte ihm Zoë und gab ihm Weganweisungen zu einer alten Kirche mit eingeschlagenen Fensterscheiben aus buntem Glas, etwa drei Kilometer östlich. 

Das Chorgestühl oben auf der Empore würde ihnen eine Schlafstatt bieten. Außerhalb der Reichweite der Ganga, und er hatte auch schon ein Versteck für den Humvee gefunden: hinter einem ausladendem Fliederbusch. Innen drin war der Raum voll vom Echo ihrer Stimmen und dem Scharren ihrer Füße sowie dem leisen Kratzen der Krallen von kleinen Vierbeinern. Unter dem Laub schlängelte sich sogar etwas. Ein paar Fledermäuse schreckten hoch, flogen herein und hinaus, quer durch den Kirchturm. Zu beiden Seiten der kleinen Kirche fanden sich bunte Glasfenster, schmutzig und manchmal sogar noch vollständig erhalten, wodurch sich dann blaues, rotes, grünes und gelbes Licht ins Innere ergoss. 

Eines dieser großen, runden, bunten Glasfenster sah von der hinteren Seite der Empore auf sie herab. Licht brach durch eine Szenerie mit Jesus und der Herde seiner Schäfchen. Irgendwie bereitete ihm die Vorstellung, dass sie sich in einer Kirche – egal wie alt und in welcher Verfassung die nun auch sein mochte – befanden, Unbehagen ... bei den Gedanken, die er einfach denken musste, als eine etwas schemenhafte Zoë ihr Trägerhemdchen abstreifte und ihre Hose zu Boden fallen ließ. Ganz besonders mit diesem schwachen Umriss von den freundlichen Augen des Jesus über ihm. 

Quent hätte gern eine Schale Wasser gehabt, um sich Gesicht und Hände zu waschen, ja eigentlich alles von Kopf bis Fuß, verdammt. Nach der Hitze des Tages und dem Staub und dem Dreck, der ihnen auf ihren Schleichwegen durch alte Gebäude begegnet war, fühlte er sich ein wenig schmuddelig. Als hätte sie seine Gedanken lesen können, kam Zoë zu ihm her, die nur ein langes (frisches) Hemdchen trug, und bot ihm einen Lederbeutel mit Wasser an. „Es ist keine heiße Dusche, aber es ist nass“, sagte sie zu ihm. 

Bis er seine Katzenwäsche beendet und bis auf Boxershorts nackt war, stellte Quent fest, dass sie rüber zum Rand der Chorempore gelaufen war. Sie stand am Geländer dort und schaute ins Halbdunkel, wo zerhackte und reichlich mitgenommene Bänke für Gottesdienstbesucher unregelmäßige Formen bildeten. 

Er wollte sie warnen weg von der hüfthohen Mauer zu gehen, aus Angst, sie könnte an einer beschädigten Stelle herunterfallen, aber er tat es nicht. Wenn es eine Sache gab, die er an Zoë mittlerweile akzeptierte, so war das, dass sie sich ausgezeichnet um sich selber kümmern konnte. Sie brauchte niemanden. Sie ließ es nicht zu, dass sie sich auf jemand anderen verließ. 

Und sie war ein störrisches Biest. 

Und seltsamerweise konnte er gerade das gut nachvollziehen, denn in all den Jahren, die er unter einem Dach mit seinem Vater gelebt hatte, hatte er die gleiche Lektion gründlich gelernt. 

„Alles in Ordnung bei dir?“, fragte er, als er neben ihr zu stehen kam. 

Sie drehte sich um und schaute zu ihm hoch, ihre hohen Wangenknochen und ihr zerzaustes Haar vergoldet vom Mondlicht, ihre Augen ernst. „Ich kann es immer noch nicht fassen, dass er tot ist. Er ist wirklich tot“, fügte sie mit einem Flüstern hinzu. 

Quent nickte, wusste: jetzt sagte er besser nichts. 

„Was jetzt?“, sagte sie und starrte hinaus in die Dunkelheit. „Was zum Teufel soll ich denn jetzt tun?“ Sie lehnte den Kopf ein klein wenig zurück, wodurch sie ihren langen, eleganten Hals zeigte, als sie die Augen fest zudrückte. „Ich habe so lange Jagd auf dieses Schwein gemacht ... und jetzt ist er fort. Endlich.“ Sie wischte sich grob mit dem Unterarm über die Augen. „Ich mag nicht glauben, dass ich es wirklich getan habe.“ 

Quent wollte sie fragen, ob sie ihre Entscheidung bedauerte, aber wieder hielt er lieber den Mund. Stattdessen streckte er die Hand nach ihr aus und umschloss mit seiner großen Hand ihre kleine, wo diese auf dem Geländer zu ruhen gekommen war. So zart und schmal, ihre Finger. Aber dennoch waren sie rau und kraftvoll. 

„Vielleicht hätte ich warten sollen. Ihn fragen, warum“, sagte sie bitter. „Warum zum Teufel er sich meine Familie ausgesucht hat. Warum er es überhaupt gemacht hat. Aber was, wenn ich nie wieder eine verdammte Chance gehabt hätte? Und mit jedem weiteren Tag sterben noch mehr Leute wegen ihm. Jeden Tag.“ 

Sie holte unsicher Luft und er wusste, sie würde jetzt verflucht gleich richtig loslegen. Er würde sie einfach reden lassen, sie ihren Weg da durchfinden lassen. Und zuhören. 

Wie oft hatte sie schon jemanden, der ihr zuhörte? 

„Ich kann natürlich weiter Jagd auf Ganga machen. Ich kann sie weiter erlegen“, fuhr sie mit einer Stimme fort, die immer rauer und leiser wurde. „Genau das werde ich tun. Jede Nacht. Auch wenn der Scheißkerl weg ist, die sind noch da. Es gibt immer noch jede Menge von ihnen. Verdammt, ich wollte das lila Leuchtding.“ Sie holte noch einmal Luft und verfiel dann ins Schweigen. 

Quent stand lange einfach neben ihr da, seine Hand auf ihrer, wartete. Aber sie schien jetzt fertig zu sein. „Möchtest du ein bisschen schlafen?“, fragte er und bemühte sich den Vorschlag so unschuldig klingen zu lassen, wie er es auch meinte. Wie er es ehrlich und aufrichtig meinte, sehr unschuldig. 

Weil er innerlich recht aufgewühlt war. Sie weiß nicht wohin. 

Genau wie ich. 

Der zweite Gedanke, sein mentaler Kommentar, ließ ihn erstarren. Nicht wissen wohin, das kratzte nicht mal an der Oberfläche von dem, was er gerade fühlte. Weil er wusste, dass er der Nachkomme von einem Mann war, der geholfen hatte die Welt zu zerstören ... eine hässliche, schreckliche Welt, in der Quent einfach nicht wusste, wohin mit sich. Einen Platz für sich zu finden. 

Eine Art, dazu zu gehören. 

„Ich bin müde“, sagte sie und wandte sich endlich von der Betrachtung der dunklen Kirche ab. 

Ihre Blicke kreuzten sich und tief in ihm geriet etwas in Bewegung, wie die Zahnräder einer alten, mechanischen Uhr. Drehten sich, klickten, klackerten ineinander. 

Der Mund trocken, das Herz mit rasendem Pulsschlag streckte Quent die Hand nach ihr aus, glitt mit seiner Hand an ihr Kinn, wanderte nach hinten, fasste sie am Kopf. Dann kam er langsam näher und fand ihren Mund, sanft, zart, unter seinem wieder. Ihre Lippen, weich und halbgeöffnet, schmeckten wie Zoë. Genau wie Zoë, wie Gewürze und Süße, Trost und Leidenschaft und Wirklichkeit. Er schloss die Augen, ging ganz in ihrem Geschmack und ihrer Wärme auf, der zärtlichen Empfindung eines Augenblicks, ganz ohne Hast. Ihre Lippen verschmolzen sanft, bewegten sich. Dann wieder, als würde der eine Mund den anderen gerade wieder neu erlernen. Dann löste er sich sanft – sehr sanft – aus einem Kuss, der nur sagen sollte Ich bin hier. Du bedeutest mir was. 

Während dem Kuss hatte sie ihre Hände einfach flach an seine Brust gelegt und jetzt nahm sie sie da wieder weg, als sie von ihm wegtrat und sich dorthin wandte, wo sie ihr Gepäck auf dem staubigen Boden abgelegt hatten. Er sah, wie sie sich wieder gerade aufrichtete und erkannte darin die Art, wie sie sich erneut in ihr Schneckenhaus zurückzog, hinter ihren Panzer. 

Er fragte sich, wie lange es dauern würde, bis er sie da wieder hervorlocken konnte. Und ob sie sich jetzt verändert hatte – spröder war. Oder ob sie sanfter wurde. 

So sehr er sich auch bemühte: eine sanftere, zärtlichere Zoë konnte er sich nicht vorstellen. 

Und kurz darauf, als Quent neben ihr auf einer schmalen, dünnen Matte lag, schaute er ins Dachgebälk, wie die Balken da immer klarer zu erkennen waren, je näher der Morgen rückte, und ihm fiel auf, dass er und Zoë jetzt schon seit über vierundzwanzig Stunden zusammen waren und alles, was zwischen ihnen vorgefallen war, war ein Kuss. 

Neben ihm drehte sich Zoë im Schlaf, ihr Atem tief und regelmäßig. Ganz offensichtlich schlief sie, war irgendwie in der Lage alles, was vorgefallen war, zur Seite zu schieben und in die Entspannung abzugleiten, während er es nicht konnte. Aber trotz des schwachen Pochens von Lust, das er verspürte, wie er da neben ihren schlanken Kurven lag und das Streicheln ihrer Haare spürte, merkte Quent, er war ... zufrieden. 

Ja, das war das richtige Wort. Zufrieden. Gelassen. 

Als ob die Zahnrädchen in ihm nun endlich richtig liefen.