DREI

 

 

Als sie sich an das andere Ende des Gebäudes begab, wo sie hoffte einen Aussichtspunkt zu finden, der näher an ihrem Zielobjekt war, erwog Zoë ihre Optionen. 

Mehr als alles andere wollte sie einen netten, kleinen Metallbolzen in den Schädel von dem Mann bohren, der damals die Ganga auf ihre Familie gehetzt hatte. Aber sie nahm an, wenn es ihr erst einmal gelungen war, Raul Marck zu töten, dass die Ganga dann nicht mehr von ihm kontrolliert wurden und sehr wahrscheinlich die Frau und Ian Marck angreifen würden. Zoë scherte sich einen Dreck um Ian, aber der Gedanke, die schutzlose Frau in Stücke reißen zu lassen, behagte ihr eher weniger. 

Und wenn sie die Frau rettete, würde Zoë sie beide verflucht schnell von hier fortschaffen müssen. Und dann bestand vielleicht – aber vielleicht auch nicht – eine reelle Chance zum Schuss auf Raul. 

Verdammt. Verdammt. Verdammt. 

Fast zehn Jahre lang hatte sie auf eine Chance wie diese hier gewartet. Beim letzten Mal war sie zu weit entfernt und auch keine so gute Bogenschützin gewesen. Aber jetzt ... traf sie jedes Ziel. Und heute konnte sie noch näher herankommen, um den perfekten Schuss zu setzen. Aber so eine blöde Tusse musste es ihr vermasseln. 

Sie stolperte beinahe über etwas Großes, Sperriges in der Mitte des Raums, aber fing sich noch rechtzeitig ein, als sie um eine vorstehende Ecke herum etwas grau schimmern sah. Bis sie dann um diese Ecke herumgegangen war und ein anderes Fenster gefunden hatte, war die Szenerie draußen schon eine andere. 

Jetzt war sie dem schwarz glänzenden Vehikel viel näher, das immer noch wie ein schreckliches, finsteres Monster dort lauerte; bereit, jederzeit von selbst wieder zum Leben zu erwachen ... aber das Ganga-Grüppchen war weiter weg. Die Zombies schienen aufgebrachter, ihre grellen Schreie noch drängender. Raul war auf etwas gestiegen, das ihm eine höhere Position verschaffte als den Kreaturen und er hielt noch einmal dieses grüngelbe Licht hoch, während er sprach. Sie fragte sich, wo sie sich so etwas beschaffen könnte. 

Zoë strengte sich an, damit sie ihn hören konnte, und wartete noch mit dem Schuss, um zu verstehen, was da los war. Durch das Gewirr von Stöhnen und Schreien hörte sie etwas wie „Haarleder mähen“ und „Lied“ heraus. Und dann – deutlicher und lauter – hörte sie „bringt mir“. Er hielt ein Papier hoch und schien damit den Ganga etwas zeigen zu wollen. Ein Bild? 

Zoë schnaubte. Keine Chance, Scheiße. Hatten die Ganga die letzten fünfzig Jahre nicht jeden mit hellem Haar entführt, auf der Suche nach einem silberhaarigen Remington Truth? 

Dann setzte sich Ian in Bewegung, wobei er die dunkelhaarige Frau vor sich herschob, während sie sich ihren Weg auf Raul zu bahnten. Ian stieg auf dieses Podest, was auch immer es nun genau war, auf dem Raul stand, und zog die Frau zu sich hoch. 

Verfluchter Mist. Hatten sie vor die jetzt gleich da runterzuwerfen? 

Zoë packte ihren Pfeil fester. Sie könnte wahrscheinlich zwei oder drei der Ganga erwischen, bevor irgendjemand kapierte, wo sie war – wenn sie schnell war. Zwei ganz sicher... 

Sie legte den Pfeil in die dafür vorgesehene Kerbe am Bogen, hob den Bogen hoch und dann verlagerte sie ihr Gewicht, so dass sie durch das Fenster zielen konnte. Wenn jemand sich umdrehte, würde er sie sehen ... aber es war zu spät, um sich darüber den Kopf zu zerbrechen, wenn sie eine Chance haben wollte die Brünette zu retten. 

Ian packte die Frau am Arm, aber anstatt ängstlich oder schockiert auszusehen, schien die Gefangene eher ... verärgert. Richtig angepisst eigentlich, wenn Zoë ihren Gesichtsausdruck korrekt interpretierte. Die Frau schätzte es nicht herumgeschubst zu werden, so viel stand fest. 

Verdammt. Ich wäre gerne näher dran. 

Raul stellte sich jetzt neben Ian und er redete immer noch von paar Lieder mähen oder Hart zu gehen oder so ähnlich, aber jetzt packte er die Frau bei den Haaren. Der Kopf der Frau zuckte und sie drehte sich weg, wobei sie ihn wütend anstarrte, als sie in scharfem Ton etwas zu Ian sagte. Er lachte und schaute fast zärtlich auf sie herab ... und sie reagierte mit einer wütenden Erwiderung, die ihm das Lächeln von den Lippen wischte. Er zerrte kurz an ihrem Arm, wie um sie daran zu erinnern, dass er hier immer noch die Oberhand hatte, und sie hielt plötzlich still. Mondlicht, das kurz ihre Gesichtszüge sanft beleuchtete, zeigte einen rebellischen Gesichtsausdruck. Dort – auf ihrem Gesicht. 

Während dieser Auseinandersetzung hatte Raul ihr jetzt offenes Haar hochgehoben und zog die dunklen Locken nach vorne über ihre Schulter. Es war verdammt gruselig zu sehen, wie er es dort ausbreitete, als wolle er den Ganga etwas zeigen. 

Ihre Haare? Er zeigte ihnen ihr langes Haar? 

Ihr langes, dunkles Haar. 

Die Ganga sollten sich jetzt also auf etwas anderes umstellen als das, was sie die letzten fünfzig Jahre gemacht hatten? Und auf einmal nach jemandem mit dunklen Haaren suchen? 

Verdammt hirnrissige Idee, Marck. 

Zoë lachte fast laut auf. Und dann fiel ihr eine unbeholfene Bewegung auf, die plötzlich hinter einer Ansammlung von Büschen auftauchte, dort, zwischen ihrem Gebäude und der Menge um die Marcks. Sehr nahe, und es bewegte sich auf das Fenster zu, an dem sie hier Ausschau hielt. 

Sie setzte ihren Bogen abermals an. Die orangenen Augen des Zombies glühten wie zwei runde Flammen und seine breiten Schultern – wesentlich breiter und höher als die von einem Menschen – blockierten ihr die Aussicht auf alles hinter ihm. Das typische Schlurfen und der pfeifende Atem wurden lauter, als der Ganga sich schwankend näherte. Er schien von der Herde getrennt worden zu sein. 

Wahrscheinlich war das alles zu viel Info für seinen hirnamputierten Schädel gewesen und jetzt versuchte er dem zu entfliehen. 

Zoë war sich ziemlich sicher, dass der Zombie sie nicht riechen konnte – nicht nur trug sie ihr Jagdhemd, sie stand obendrein windabwärts und der Geruch der Marcks und ihrer Gefangenen wäre bereits in der Luft. Sie wartete, bis die Augen des Ganga nahe genug waren, so dass sie die schwarze Iris in ihrer Mitte erkennen konnte, und dann ließ sie den Pfeil lossausen. 

Whuuussssch. Lautlos und tödlich rammte er sich in den Schädel des Monsters, genau über den zwei glühenden Kreisen. Das Monster fiel neben den Büschen auf den Boden. 

Ciao ciao, du stinkender Müllhaufen. 

Ein rascher Blick zu dem Ganga-Lehrgang da drüben verriet ihr, dass sie entweder zu weit weg waren oder die Geräusche dort zu laut oder beides, damit einer der beiden Marcks gesehen hätte, was gerade passiert war. Vielleicht fanden sie den toten Ganga später, aber er war neben den Büschen zu Boden gegangen und sie wäre bis dahin in einem sicheren Versteck oder schon längst weg. Hoffentlich nachdem sie ihren Pfeil wieder hatte. Jetzt konnte sie nicht hinausschleichen, um ihn sich zu holen. 

Plötzlich bemerkte Zoë, dass die Frau geradewegs zu ihr her zu starren schien. 

Verdammte Scheiße nochmal. Hatte sie gesehen, was gerade passiert war? 

Schau weg, du dumme Nuss. 

Sie sah dann endlich weg in dem Moment, als Ian sie von dieser Bühne da wieder herunterzerrte. Wenigstens hatte er nicht vor sie jetzt gleich an die Ganga zu verfüttern. Noch nicht. 

Und was jetzt? 

Zoë schaute von Ian und der Gefangenen zu Raul, der seine grüngelbe Laterne wieder gesenkt hatte und die Ganga gerade in die Dunkelheit wegschickte, jetzt da sie ihre Instruktionen erhalten hatten. Die schlurfenden, unbeholfenen Kreaturen verschwanden im Dunklen, als Ian die Frau in eine andere Richtung fortschleppte. Zoë war hin und her gerissen, als Raul sich umdrehte und auf das Fahrzeug zuging. 

Wen? Wen? Wen nur? 

Sie schnappte sich leise einen zweiten Pfeil aus ihrem Köcher. Sie scheint im Moment außer Gefahr zu sein. 

Raul Marck, du Schwein ... gleich bist du tot. 

Der Pfeil glitt fast wie von selbst in seine Kerbe und sie hob den Bogen, ihre Finger schlossen sich fest um das Ende ihres Geschosses. War sie nahe genug dran? 

Raul stand in der Nähe des Vehikels. Die Ganga hatten sich verstreut, schlurften jetzt in einer Art Formation durch die Nacht. Als ihr Gestöhne sich in der Ferne verlor, legte Stille sich über das Gelände. Das leise Klappern von den Ästen eines abgestorbenen Baums und das Rascheln von Laub irgendwo war gerade noch zu hören. Zoë konnte ihr eigenes Atmen hören, regelmäßig aber schnell – und auch nur für ihre Ohren hörbar. 

Ian und die Frau standen in den Schatten eines nahe gelegenen Baums. Zoë blickte kurz zu ihnen hinüber und ihre Augen wurden groß. Nun, das war interessant. Die küssten sich? Ganz eindeutig. Die Arme der Frau hatten sich oben um seine Schultern gelegt, seine waren runter zu ihrem Hintern geglitten. Sie schien hier durchaus freiwillig mitzumachen. 

Super Timing für ein bisschen Gesichtsgelutsche. Warum geht ihr nicht gleich richtig zur Sache, damit ich meinen Auftrag hier zu Ende bringen kann? 

Sie grinste und spannte die Bogensehne, ihre Hand war ruhig, ihre Augen wurden zu Schlitzen, völlig konzentriert auf ihre Beute. Sein weißblondes Haar glänzte im Mondlicht und das Stöhnen der Ganga verklang fast in der Ferne. Nur seine Körperhaltung verriet deutlich, wie genervt und ungeduldig er war, während er durch die Seiten eines kleinen Buchs blätterte. 

Zoë spannte die Sehne bis zum Anschlag, noch hinter ihr Ohr und ihre Schulter, warf den beiden anderen noch einen kurzen Blick zu und konzentrierte ihre Augen jetzt auf den Mann, der ihre Familie umgebracht hatte. 

Drei ... zwei ... eins. 

Den Bruchteil einer Sekunde, bevor sie den Pfeil lossausen ließ, schallte ein wilder Schmerzensschrei durch die Stille und es war zu spät für sie, um noch innezuhalten. Das Geschoss flog los, genau als Zoë lautlos fluchte, und flog kerzengerade und direkt auf sein Ziel zu. Raul schrie und fiel hin, als Zoë – sauer wie sonst was – sich umdrehte, um noch zu sehen, wie die Frau von Ian wegsprintete, der jetzt auf dem Boden lag. Völlig verkrümmt. 

Verdammt. 

Aber das war alles an Gedankengängen, was die kurze Zeit ihr noch gestattete, denn die Frau rannte jetzt geradewegs auf ihr Versteck zu. 

Scheiße. Sie weiß, dass ich hier bin. 

Zoë streifte sich den Bogen wieder über die Schulter und zog sich vorsichtig in die Schatten zurück. Was zum Teufel sollte sie jetzt nur tun? 

Als die Frau eilig durch ein Fenster mit halb zersplittertem Glas kletterte, sah Zoë, wie Ian sich wieder mühsam aufrappelte. Und dort drüben bei dem Gefährt zog sich Raul gerade an der Türklinke einer der Wagentüren hoch, um auf die Beine zu kommen. Sie hatte Scheiße nochmal daneben geschossen. 

Verdammt. 

Jetzt da sie drinnen im Gebäude war, war die Frau schlau genug nicht wild herumzupoltern und versteckte sich in den Schatten. Mit etwas Glück hatte Ian nicht bemerkt, wohin sie genau gerannt war – aber Zoë glaubte nicht an Glück. 

„Hier drüben“, zischte sie. „Um Scheißhimmelswillen.“ 

„Weißt du, wie wir hier herauskommen?“, erwiderte die Frau, während sie sich auf den Schatten zubewegte, in dem Zoë sich verbarg. 

„Keinen Plan. Ich dachte du wärst die Chefin hier“, entgegnete Zoë giftig. „Du hast mir meinen Schuss versaut.“ 

„Tut mir Leid“, antwortete die Entflohene genauso giftig. „Nächstes Mal verpasse ich die Generalprobe nicht.“ 

Trotz allem musste Zoë da etwas lächeln. „Komm mit.“ Sie ging los. In Richtung des hinteren Gebäudeteils, weg von Raul und Ian. 

Rufe und wütende Stimmen verfolgten sie bis in die Tiefen des Gebäudeinneren hinein und Zoë wünschte sich sehnlich etwas mehr Licht, damit keine von ihnen stolperte oder in irgendetwas hineinlief. Ganz besonders nicht das zusätzliche Handicap da hinter ihr. 

Dann glühte auf einmal ein ganz kleines Licht auf, fast ein Punkt nur, und Zoës Magen machte einen Purzelbaum. Aber dann merkte sie, es war ihre Begleiterin und einen kurzen Augenblick lang war sie hin und her gerissen zwischen Verärgerung und Entzücken. Sie entschied sich für verärgertes Entzücken, da sie wusste, dass sie sich schon weit hinten in dem langen Flur befanden, der weg von ihren Verfolgern auf die andere Seite führte. Das winzige Licht würde nicht auffallen. 

Aber Verärgerung, weil diese Frau anscheinend ihre Gedanken lesen konnte. 

„Vorsicht“, sagte ihre Begleiterin und Zoë schaute gerade noch rechtzeitig runter und vermied es so, über einen großen Gegenstand mit scharfen Kanten zu stolpern, was sicherlich recht wehgetan hätte – und auch laut gewesen wäre –, wenn sie darauf gelandet wäre. Eine große Mülltonne aus Metall. 

„Hier entlang“, sagte Zoë, als sie zu einer Gabelung kamen, und bog rasch nach rechts ab. Die Aufzugstüren, nach denen sie gesucht hatte, leuchteten schwach in dem trüben Licht und sie zog abrupt einen Pfeil aus dem Köcher und war schon auf den Knien, bevor ihre Begleiterin auch nur einen Ton sagen konnte. 

Sie hatte es schon viele Male zuvor getan – die Spitze des Pfeils in die Spalte der alten Aufzugstüren gesteckt und sie dann aufgehebelt. Es bestand immer das Risiko von lautem Metallgekreische oder anderen Geräuschen, aber diesmal öffneten sie sich zwar schwerfällig aber ohne einen Laut. 

Ha. Schwein gehabt. Zum ersten Mal seit langem war das Tier mal nicht als Fluch gedacht. 

„Komm schon“, sagte Zoë, während sie in den dunklen Aufzugschacht spähte. Die Türöffnung war gerade mal groß genug, damit sie durchschlüpfen konnte – was für ein Glück, dass die andere Frau auch recht dünn war. Sie streckte die Hand nach ihr aus, packte die Hand der Frau und dirigierte sie, damit das Licht in die Dunkelheit hineinschien – eine Mühe, die sie sich nur für sich selbst nicht gemacht hätte. 

„Verflucht noch mal.“ Der Aufzug war unten und nicht oben auf der Höhe des Erdgeschosses ... was das Dach der Kabine nun ein, vielleicht zwei Meter unter ihnen enden ließ. Zoë ließ das Licht los und griff sich das nächste Metallkabel. Sie prüfte, ob es ihr Gewicht tragen würde ... nicht dass sie es sehr weit hätte, aber sie wollte den Lärm vermeiden, den es machen würde, falls es riss. 

Gerade als sie sich anschickte hineinzugleiten, hörte sie ein lautes Krachen. Die große Mülltonne. Sie sprang in den Aufzugschacht und packte das Kabel. „Beweg deinen Arsch hier rein“, befahl sie mit einem wütenden Zischen. 

Das ließ sich die andere Frau nicht zweimal sagen. „Schließ die Türen“, sagte sie hastig und zum ersten Mal klang echte Angst aus ihrer Stimme. Sie packte ein anderes Kabel und sie baumelten beide nebeneinander im Dunklen. 

„Greif dir eine von beiden, zieh sie Richtung Mitte. Sie werden nicht ganz zugehen...“, fing Zoë an, aber ihre Mit-Insassin lernte fix und hatte bereits begonnen an den schweren Türen zu zerren. Ihre Handrücken stießen aneinander, als die Türen sich fast ganz schlossen und einen Spalt zurückließen, der nur wenige Finger breit war. 

Sie schaltete das Licht aus, ohne dass man es ihr sagen musste. „Ich weiß nicht, wie hoch ich noch klettern kann.“ 

„Nein, wir gehen runter.“ Zoë rutschte etwa vier Meter und ihre Füße berührten das Dach der Aufzugskabine. Wenige Augenblicke später hatte sie schon die Luke geöffnet – ein Trick, den sie aus ein paar Spionagefilmen aufgeschnappt hatte, und auch ein Trick, der ihr auf der Flucht vor Ganga schon ein paar Mal aus der Patsche geholfen hatte. Die kleine Falltür öffnete sich mit einem tiefen Ächzen, als Zoë sie aufbrach, aber es war so leise, dass sie hoffte, selbst wenn ihre Verfolger es hören sollten, würden sie es unter den normalen Geräuschen hier im Gebäude verbuchen. 

„Was zum Teufel ist dieser schreckliche Gestank?“ 

„Was– oh.“ Zoë fiel ein, dass auf dem engen Raum hier im Aufzug und durch ihre Nähe ihr Jagdhemd jetzt ganze Arbeit leistete. Es stank. „Es hält mir die Ganga vom Leib.“ 

„Shit. Was sagt man dazu.“ Ihre Stimme klang auf einmal sehr bedeckt und Zoë lächelte. Die Frau fuhr fort. „Kriege ich von dir auch noch einen Namen? Du weißt schon, falls ich dich mal rufen muss? Oder auch nur, um dir Danke zu sagen? Du hattest doch vor mir zu helfen, oder nicht? Ich habe gesehen, wie du den Zombie erschossen hast.“ 

Jep. Wie auch immer. „Zoë.“ 

Sie ließ sich schweigend in das Innere des Aufzugs fallen und stellte wenig entzückt fest, dass sie auf etwas angenehm Weichem und Muffigem landete. Und dann bewegte sich ein Teil davon und sie trat zur Seite. Angeekelt. Schlangen waren einfach eine Scheißlandplage. 

Die namenlose Frau hing noch eine ganze Weile mit den Händen oben am Dach fest, bevor sie sich endlich fallen ließ. „Ich mag Höhen nicht sonderlich“, sagte sie etwas außer Atem, als sie sich auf die Füße hochrappelte. 

„Pass auf, hier ist eine Schlange“, sagte Zoë dann noch hilfreich. 

Aber statt einer ängstlichen oder zumindest überraschten Reaktion kam von ihrer immer noch namenlosen Begleiterin nur, „wie lautet der Plan?“ 

„Wir hängen hier ein bisschen ab. Früher oder später werden sie aufgeben müssen und hier drin finden die uns nie.“ Zoë grinste im Dunkeln. Sicherlich wollte die Frau nicht allzu lange mit ihrem stinkigem Hemd und einer Schlange in dieser kleinen Kabine bleiben wollen. 

Wenn es ihr nicht passte, konnte sie sich gerne auf die Socken machen und vielleicht bekam Zoë dann nochmal die Gelegenheit zu einem Schuss auf Raul Marck. Wut schoss wieder durch sie hindurch, als ihr aufging, dass sie ihre verdammte Chance vertan hatte. Alles nur wegen dieser Frau hier. 

Die Schlampe überraschte sie aber aufs Neue und sagte gar nichts dazu, auf so engem Raum eingepfercht zu sein. Zoë fühlte, wie sie sich bewegte, und nahm an, dass sie sich gegen eine Wand lehnte. In dem kleinen, fensterlosen Würfel herrschte totale Dunkelheit. Selbst mit der offenen Falltür über ihnen war es um sie herum schwarz, schwärzer, am schwärzesten. 

„Also, willst du, dass ich zu dir einfach ‚hey du‘ sage, wenn ich mit dir reden will?“, sagte Zoë, nachdem sie eine ganze Weile geschwiegen hatten. Schweigen, nur unterbrochen von einem leise glitschenden Geräusch, als Mr. Schlange versuchte einen ruhigen Platz zum Schlafen zu finden. 

Das schwache Licht ging wieder an und Zoë blickte herunter, um dort einen langen, grünen Schlangenschwanz zu erblicken. Außer einem langen, schwarzen Streifen hatte er keine Markierungen, die Schuppen waren von einer Farbe wie widerwärtige Kotze. 

„Nee, nicht giftig.“ Sie schaute hoch zu Zoë mit einem belustigten Funkeln – und auch ein bisschen Boshaftigkeit – in ihren dunkelblauen Augen. „Dachte mir, ich überprüfe das besser, wenn wir hier ein Weilchen festsitzen.“ Dann ging das Licht wieder aus. „Und du kannst mich Remy nennen.“ 

Und das war der Moment, in dem der Groschen fiel. 

Sie versteckte sich hier gerade mit niemand Geringerem als Ms. Remington Truth. 

 

.   .   .

 

Remy konnte es kaum ertragen zu atmen. Der Geruch, den diese Frau verströmte – oder ihr Hemd vielmehr, wenn man ihren Worten Glauben schenkte – war so unglaublich widerlich, als wäre man mit Ganga in einem Zimmer. Oder faulenden Kartoffeln. Oder noch Schlimmerem. 

Aber sie nahm an, es war der Gesellschaft von Raul Marck und seinem viel zu gutaussehendem Sohn – der zufällig auch noch fabelhaft küsste – immer noch vorzuziehen. 

Wenn sie gewusst hätte, dass der Mann, den sie vor drei Tagen mit vorgehaltener Pistole entführt hatte, Ian Marck war, hätte sie sich einen anderen Weg ausgedacht den Leuten zu entfliehen, die sie in ihrem kleinen, beschaulichen Zuhause aufgestöbert hatten, das sie sich in Redlow aufgebaut hatte. Sie wusste immer noch nicht, was in sie gefahren war, als sie ihnen ihren wahren Namen nannte – aber was geschehen war, war geschehen. 

Und da sie nicht wusste, wie man diese Truck-ähnlichen Fahrzeuge fuhr, die man Humvees nannte, hatte sie keine andere Wahl: sie musste die Gelegenheit beim Schopf packen, als sie Ian da in einen einsteigen sah. Ihre Handfeuerwaffe zu benutzen erschien ihr der beste Weg ihn zu überreden, ihr Fahrer zu werden. Da niemand außer der Elite und ein paar Kopfgeldjägern über solche Fahrzeuge verfügte, nahm sie an, es war auch der ratsamste Weg für ihre Flucht, da niemand sie verfolgen konnte. 

Natürlich hatte sie nicht vorhergesehen, in was für eine schrecklich holprige und steinige Fahrt das ausarten würde, über zerstörte Betonstraßen oder im freien, offenen Gelände. Nächstes Mal würde sie zu Fuß gehen oder einen der wilden Mustangs reiten, die in der ganzen Gegen frei herumstreiften. 

Sie suchte neuen Halt an der Wand hinter ihr, atmete immer noch durch den Mund und zuckte zusammen, als der Schmerz ihr durch das Bein fuhr. 

Verdammt. 

Das Blut sickerte durch ihre Jeans und sie fühlte, wie etwas davon in ihre Socke und ihren Schuh hinunterlief. Jetzt, da sie nicht mehr in Bewegung war und wo das Adrenalinhoch nachgelassen hatte, fiel ihr auf, wie verdammt sehr das wehtat. Himmel verflucht. Hitze wie Feuerzangen und eine Spirale aus Schmerz. 

Durch das Fenster da zu springen, umsäumt von Glaszacken, war nicht der beste Weg gewesen in das Gebäude zu gelangen. Aber es war der schnellste gewesen und es war ja nicht so, als hätte Remington sich nicht schon vorher mal eine Verletzung zugezogen. Aber das hier ... das war die pure Pein. 

„Dann hast du ihm also die Eier gestaucht?“ Zoës Stimme klang etwas vorwurfsvoll. Sie war wie ein Raspeln, tief und rauchig, als würde sie nicht allzu oft davon Gebrauch machen. „Während ihr gerade beim Spucketausch zugange wart? Wie verflucht pervers ist das denn?“ 

„Nein, ich habe ihm nicht die Eier gestaucht“, erzählte ihr Remy zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch. Was ein Fehler war, denn das hieß, sie tat einen Atemzug durch die Nase. Einen Augenblick lang – einen ganz kurzen – überschattete der Gestank sogar den brennenden Schmerz in ihrem Bein. „Obwohl ich es getan hätte, wenn es sein müsste.“ Sie schloss die Augen und fuhr fort. „Ich habe ihm eine in den Magen verpasst und ihm dann gegen das Schienbein getreten.“ 

Und dann – überrascht, dass es ihr gelungen war, von ihm loszukommen – war sie auf das Gebäude zu gerannt, dorthin, wo sie den Pfeil hatte rausschießen sehen, und hoffte, dass sie hier keinen Fehler machte. 

Sie war sich da immer noch nicht sicher. 

„Ah. Tussenmethoden.“ 

Du kannst mich mal, wollte sie sagen, aber dann erinnerte sie sich an den sicheren, schnellen Bogen, den der Pfeil beschrieben hatte, und wie er sich in den Schädel des Ganga gebohrt hatte. Dieses Mädel verplemperte ihre Zeit nicht. 

Außer vielleicht mit Scheren, denn niemand konnte die wild geschorenen, abgehackten Haare da als irgendeine Art von Frisur bezeichnen. Sie war eigentlich recht hübsch – Männer würden sie wahrscheinlich für schön halten, mit herrlich glatter Haut von einer Farbe wie Mahagoni, mit hohen, eleganten Wangenknochen und exotisch geformten Augen und Mund. Aber ihr Haar war eine Katastrophe und das Ungetüm von Hemd, das sie trug ... uughh. Nicht nur war es dreckverkrustet, aber es schien auch noch steif genug, um durchzubrechen, falls sie sich an der Hüfte beugte. 

„Also, was hatten die Marcks denn da mit den Ganga am Laufen? Sah für mich so aus, als wollten sie ihnen eine neue Aufgabe verklickern. Sind die jetzt auf der Suche nach jemandem mit dunklem Haar? Einem Verwandten von Remington Truth unter Umständen?“ 

Remys Mund wurde ganz trocken und ihr Magen verdrehte sich leicht. Konnte diese Frau Bescheid wissen? Wie? Instinktiv griff sie nach dem Kristall und umschloss mit ihren Fingern rasch seine tröstliche, runde Form, die dort sicher an ihren Bauch hing. Warm, selbst noch durch das Hemd hindurch. 

Du wirst wissen, wann du ihn einsetzen musst. Wann die Zeit dafür gekommen ist. Bis dahin ... bewache ihn mit deinem Leben. 

Die letzten Worte ihres Großvaters zu ihr. Auf einem Totenbett voller Geständnisse, Kummer und Schuldgefühlen. 

„Ist das ein Ja?“ 

„Sie suchen nach einem Kopfgeld“, erwiderte Remy, wobei sie versuchte den Schmerz zu ignorieren, der ihr das Bein hochschoss. Das war die Wahrheit, Gottseidank. „Du weißt, dass ist eben der Job, den sie machen.“ 

„Jep, wenn sie nicht gerade ganze verdammte Dörfer und Familien an die Ganga verfüttern. Dein kleiner Stunt da gerade eben hat mir übrigens meine beste Chance versaut den Vater von deinem Freund zu töten.“ Ihre Worte kamen wütend und voller Hass zu ihr, aber Remy hörte auch den tiefen Schmerz aus ihrer Stimme heraus und widerstand dem Impuls Zoës Hand zu berühren. 

Wahrscheinlich keine gute Idee bei dieser widerborstigen Frau. „Das klingt, als hättet ihr eine gemeinsame Vergangenheit.“ 

„Und hinter welchem Kopfgeld sind sie her?“ 

Okay, also dann. Anscheinend bin ich die Einzige hier, die etwas verraten darf. Aber das war okay. Es war nur gut, sie von ihren vorhergehenden Fragen abzulenken. „Ein Mitglied der Elite ist davongerannt und sie sind auf der Suche nach ihr. Es gibt ein paar Ganga, die mental in der Lage sind, Unterschiede im Erscheinungsbild zu erkennen.“ 

„Wer’s glaubt. Mir ist noch nie einer untergekommen, der mehr Grips hat, als man fürs Herumtrotten braucht. Was ist die Elite?“ 

„Du weißt schon ... die, die ... nun, die die Kristalle tragen.“ Remy fing sich gerade noch ein, bevor sie zu viel verriet. Und es kostete sie auch mehr und mehr Anstrengung ihre Stimme gleichförmig klingen zu lassen. In Anbetracht der rasenden Schmerzen in ihrem Bein. 

„Das ist also, wie sie sich nennen? Die Elite? Und eine von ihnen ist weggelaufen? Kann mir nicht denken, warum sie das verdammt nochmal tun würde.“ 

Wie viel wusste diese Frau? Remy runzelte die Stirn und war wieder einmal froh über die Dunkelheit. „Jep. Ihr Name ist Huvane. Ähm, Laurie oder Mallory oder ... irgend so etwas. Sie war ... von Anfang an bei ihnen.“ Sie schloss die Augen, zählte bis zehn, atmete, um den Schmerz zu beruhigen. Es funktionierte absolut ganz und null gar nicht.

„Geht es dir gut?“, fragte Zoë. 

Remy presste die Lippen aufeinander und lockerte sie dann wieder. Es hatte keinen Sinn, hier die Heldin zu spielen. „Ich habe mein Bein ziemlich schlimm geschnitten, als ich durch das Fenster da sprang. Es blutet und es tut scheißhöllisch weh.“ 

„Das ist nicht gut. Ich kenne jemanden, der mal an einem Schnitt gestorben ist.“ 

„Danke.“ Zu verdammt blöde, dass der Kristall, den Opa ihr gegeben hatte, nicht einer von den heilenden war. Das wäre genau jetzt so ziemlich verflucht praktisch. 

„Mach das Licht da an und lass mich sehen. Ich kenne jemanden, der Arzt ist.“ 

„Ein Arzt? Es gibt keine Ärzte mehr“, sagte Remy, aber sie zog das Licht raus. „Jeder, der die Evolution überlebt hat, wäre mittlerweile wahrscheinlich tot oder alt oder gaga.“ 

„Nicht der hier“, erzählte ihr Zoë. Und dann sog sie scharf die Luft ein. „Verdammte, heilige Scheiße.“ 

Remy hatte einen kurzen Moment der Genugtuung: dass sie diese ungehobelte, grobe Frau schockiert hatte. Aber dann schaute sie auf ihre Wunde runter und begriff, wie ernst es war. Grundgütiger. Das war hoffentlich nicht Knochen, der dort aufschimmerte? Ihr wurde ein wenig schwummrig. 

„Du musst zu jemandem, der dir helfen kann“, sagte Zoë, ihre dunklen Augen ganz ernst und – whoa! – sah sie dort etwas Mitleid? „Wir können kurz vor Morgengrauen aufbrechen. Das sind noch drei Stunden, höchstens. Wenn ich ein Pferd einfangen kann. Vertraust du mir?“ 

Eine interessante Frage. Hatte sie das nicht bereits getan? Aber ja, sie würde es tun. Sie musste. 

Denn wenn ihr etwas zustieße, wäre alles verloren. 

Sie nickte. 

 

.   .   .

 

Zoë schaute rechts und links den Korridor runter.

Leer. Still. 

Sie ließ ihre Schlüsselkarte in den Türschlitz von Quents Tür gleiten, lauschte auf das leise Klicken und zog sie dann genauso leise wieder heraus. In den Raum einzubrechen, in dem sie die Schlüsselkarten programmierten und sich da einen für sich selber zu machen, war eines der cleversten Dinge, die sie je getan hatte. Er hatte nie gefragt, wie sie immer in sein Zimmer gelangte – sie fragte sich, ob er es überhaupt wissen wollte. 

Der elegante Türgriff senkte sich ohne einen Mucks und sie schob die Tür auf. Das Herz hämmerte ihr und ihr Mund war auf einmal ganz trocken ... so fühlte sie sich hier immer. 

Aber diesmal gab es dafür einen anderen Grund. 

Es war helllichter Tag. Gefahr, geschnappt zu werden. 

Sie glaubte nicht, dass er da drin war ... aber was, wenn doch? Ihr Magen beschrieb gerade Purzelbäume. 

Aber das Zimmer war leer und sie glitt hinein. Der Raum roch nach ihm und für einen Moment schloss sie die Augen, lehnte sich gegen die Tür. Und atmete einfach ein. 

Dann schüttelte sie es ab und ging rasch zum Fenster hinüber. Sie wollte eigentlich die Vorhänge zuziehen, aber dann hielt sie doch kurz inne, um runterzuschauen auf die Verwüstungen von 2010 in Las Vegas. Alles lag da offen zutage unter dem grellem Tageslicht. 

Die gleichen Hausdächer und die hohen Fenstersimse und Balkone und selbst die wandlosen Zimmer, die sie im Schutz der Dunkelheit und der Schatten aufsuchte, erschienen ihr bei Tag zerbrechlich und verwaist. 

Überwuchert von jedem erdenklichen, hartnäckigen Kraut, das dort Wurzeln schlagen und sich hochranken konnte, nach oben oder nach unten oder quer rüber, sahen die Häuser aus, als ob sie dringend gestutzt werden müssten. Unterschiedlichste Löcher waren über die Wände gesprenkelt, wo einmal Fenster und Türen gewesen waren. Die Skyline der Stadt war eine von gezackten Wänden und Dachsilhouetten, wo die Gewalt der Erdbeben, der sintflutartigen Stürme und der schrecklichen Tornados alles mit sich gerissen hatten, außer dem Gerippe der Gebäude. Und selbst da ... Stahlträger bogen sich und rosteten und wurden von Mutter Natur angenagt. 

Zoë zog die Vorhänge zu und ließ nur einen drei Finger breiten Streifen Sonnenlicht noch verspielt über das Bett tänzeln. 

Das Bett. Eine Welle von Erwartung und Wärme schoss durch sie hindurch. Die Bettdecke war glatt und ordentlich, die Kopfkissen säuberlich am Kopfteil aufgereiht. Sie reichte durch einen der Sonnenstrahlen hindurch und brachte eines der Kissen an ihre Nase, atmete ein und roch ihn. 

Und dann, als ob sie realisieren würde, was sie da gerade tat – wie lächerlich sie gerade aussehen musste –, schob sie es grob wieder an seinen Platz zurück. 

Der Rest des Raumes war genauso ordentlich, wie er auch die letzten Male gewesen war. Etwas mehr Schatten darin und es war dunkler, jetzt da die Vorhänge geschlossen waren, aber frei von unnützen Dingen. Sehr unpersönlich. Sehr viel unpersönlicher als ihr eigenes Zuhause – zu dem sie nach jedem Jagdausflug zurückkehrte. 

Oder nach einem Besuch in Envy. 

Zoë presste die Lippen zusammen. Sie verschwendete zu viel verdammte Zeit hier. Ich sollte mich hier schnell verdrücken, Teufel noch mal. 

Wenn Remy nicht gewesen wäre, hätte Zoë inzwischen schon Raul Marck aufgespürt und ihm einen Pfeil in sein kaltes Herz aus Stein gejagt. Dann wäre sie jetzt schon zurück in ihrem eigenen kleinen Zuhause. Ein gemütlicher, kleiner Ort, wo sie ihre Pfeile baute und immer noch ein paar von Naanaas Rezepten kochte. Und wo sie die paar Habseligkeiten aufhob, die sie hatte retten können – von all den Dingen ihrer Familie. 

Aber: Trotz ihrem Ärger über die ganze Scheißsituation konnte sie Remy hier nicht alleine zurücklassen; ganz besonders nicht, wenn sie wirklich irgendwie in Verbindung zu dem berüchtigten Remington Truth stand. 

Also hatte Zoë einen Mustang eingefangen – heute lief das ziemlich leicht. Vielleicht weil es gerade gedämmert hatte und die Pferde immer noch etwas verschlafen waren. Sie war so schnell geritten, wie es ihr möglich war, mit einer fiebrigen und verletzten Frau hinter ihr, die sich an sie klammerte. Sie langten gegen Mittag bei Envy an. Die Stadt war eingemauert in riesige Mauern von alten Autos, Trümmern und selbst mit Dingen, die man Werbetafeln nannte. All das schützte die Stadt vor den Ganga und vor anderen Raubtieren – Wölfen, Löwen, Tigern und so weiter. 

Durch die Tore in die Stadt hineinzugelangen war noch nie ein Problem für sie gewesen – die Tore waren dazu gedacht, die zu schützen, die sich dahinter befanden, nicht um Leute draußen zu halten. Obwohl man sie normalerweise nach ihrem Namen fragte, und nach ihren Plänen (ob sie nur auf der Durchreise war oder plante hier zu bleiben), hatte der Anblick von Remys aschfahlem Gesicht und dem Verband aus Zoës Bettlaken dafür gesorgt, dass sie ohne Verzögerung sofort durchkam. 

Also hatte Zoë sich gekümmert, um ihre ... nun Freundin war ein zu großes Wort für die Schlampe, die ihr die Chance, Raul Marck aufzuspießen, versaut hatte. Wie auch immer. Zoë hatte Remy durch die Tore von Envy geschleust und mit Hilfe der Wachtposten zu einem Haus gebracht, das man das Haus von Flo nannte. 

Als der Mann – der Arzt mit dem Namen Elliott, der auch ein Freund von Quent war – eintraf, um sich Remy anzuschauen, machte Zoë sich aus dem Staub. Sie sah zum Teufel gar keinen Grund zu bleiben und sie wollte auch keine Aufmerksamkeit erregen. 

Sie würde nachher nochmal reinschauen und dann entscheiden, was zu tun war. 

Letzte Nacht hatte Zoë ihr Jagdhemd abgelegt und es zu einem Bündel gerollt und in eine Plastiktüte gesteckt, so dass der Gestank sich nicht ausbreiten würde ... und dass Remys empfindliches Näschen es nicht riechen musste. 

Aber wenn sie wirklich ganz ehrlich war, nahm Zoë an, dass der Geruch ihr immer noch ein bisschen anhaftete. Sie liebäugelte mit der Tür zu Quents Badezimmer. 

Es lag schon sehr lange zurück, dass sie den Luxus einer heißen Dusche genossen hatte.