27

Beinahe unmerklich ging der warme Frühling in den Sommer über. Die Tage waren lang und hell. Der Wind mäßigte sich zu einem steten Flüstern, das tagsüber kühlend über die Haut schmeichelte

und nachts zu einem Murmeln sank. In einer dieser Nächte stand Solitaire still in ihrer Box und blickte durch das hochgelegene vergitterte Fenster auf den Himmel. Eine seltsame Intensität hielt sie wach: Das Leben in ihr rührte sich. Es würde nicht mehr lange dauern, bis sie es an ihrer Seite fühlen konnte.

Sie hörte das Atmen aus der Box nebenan. Selbst seine ruhigen Atemzüge gaben ihr das Gefühl, beschützt zu sein. Und ein anderer Atem war bei ihm, der sich im gleichen Rhythmus wie seiner hob und senkte. Sie hörte Harmonie in diesem gemeinsamen Atmen. Und doch spürte Solitaire eine Unruhe, eine Bedrohung, die von irgendwo dort draußen kam. Sie hielt den Kopf hoch. Der Mond schien in ihre Augen.

An diesem Abend herrschte ein ungewöhnliches Treiben im Hause Cochan. Die Männer saßen nicht wie sonst über ihren Karten, sondern machten sich draußen auf dem Hof an dem kleinen Transporter zu schaffen. Das Öl wurde gewechselt, die Reifen wurden aufgepumpt, Benzin und Kühlwasser nachgefüllt. Juanita beobachtete sie durch die fadenscheinigen Gardinen, wobei sie sich gegen die Wand preßte, um nicht von ihnen gesehen zu werden. Sie sah, wie sie die Behälter auf die Ladefläche wuchteten. Große Behälter, die seit einiger Zeit schon in dem Schuppen mit dem Whiskykrug aufbewahrt worden waren. Sie hörte, wie ihr ältester Bruder den Jüngsten anschnauzte und sah, daß er ihm die Zigarette aus der Hand schlug.

»Macht, macht schon!« drängte ihr Vater, »wir haben schließlich nicht die ganze Nacht Zeit, der Weg ist weit.« Er bedachte die Behälter mit einem liebevollen Blick und rieb sich kichernd die Hände.

»Diese Hände waren einmal zärtlich zu mir«, hatte ihre Mutter ihr erzählt, als sie vor ihr gekniet und ihr die blauen Flecken gekühlt hatte, die von ihres Vaters Fäusten stammten. »Heute rühren sie mich nur noch an, um mir weh zu tun.« Juanita preßte den Hinterkopf gegen die Wand und erschauerte in der Erinnerung: »Madrecita.«

Die Männer da draußen brachen auf mit viel Türengeknall und lautem Gelächter, als Onkel Pedro eine unflätige Bemerkung machte. Seine Worte waren der Schlüssel! Auf einmal mußte Juanita sich nicht mehr fragen, welches Ziel sie hatten und was sie mit den Behältern planten. Die Mosaiksteine ergaben schlagartig ein Bild. Alles, was sie in den letzten Tagen gehört und kaum verstanden hatte, schoß auf einmal zusammen zu einer furchtbaren Vision. Sie stürzte in die Küche und riß die Schublade auf, in die ihr Vater das Paar dicker Stahlschlösser geworfen hatte: Sie war leer.

Für Sekunden ergriff sie ein Schwindel, der die Welt in Dunkel tauchte.
Sie durfte jetzt nicht ohnmächtig werden! Ihre Hände klammerten sich haltsuchend an den Schrank, und mit verzweifelter Willenskraft rief sie sich ein Bild ins Gedächtnis, das Bild eines Gesichtes. Ein anderes, schemenhafteres Gesicht schob sich hinter die klar gezeichneten Männerzüge mit den verhexenden grauen Augen. »Madrecita«, wimmerte sie, »was soll ich tun?«
Plötzlich dann war sie von Kraft und Entschlossenheit erfüllt. Die Panik gab kühler Überlegung Raum. Wieder riß sie die Schublade auf, und ein triumphierendes Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie schnell nach etwas griff und es sorgsam in ihrer Bluse barg. Das Metall drückte gegen die zarte Haut ihrer Brüste.
Leichtfüßig lief sie über den Hof und in den mageren Wald hinein.
Sie würde die Abkürzung über das weitläufige Gelände nehmen. Es war ein halsbrecherischer Weg, aber sie hatte keine andere Wahl. Die knorrigen Äste zupften an ihrem sich weit bauschenden Rock, als wollten sie versuchen, sie aufzuhalten. Sie hörte, wie der Stoff riß. Ungeduldig wischte sie sich das lange Haar aus den Augen und eilte weiter.

Edward war der erste, der den gestörten Frieden der Nacht bemerkte. Er hatte sich in seinem Bett aufgesetzt, um ein Glas Wasser zu trinken und eine der kleinen Pillen zu nehmen, die ihm der Arzt kürzlich gegen seine Schlaflosigkeit verschrieben hatte. Durch das in der lauen Nacht weit geöffnete Fenster wehte eine weiche Brise mit dem vertrauten, geliebten Salzhauch – doch da war noch etwas anderes. Er schnupperte und tappte auf bloßen Füßen zum Fenster. Der Geruch wurde stärker, und er gehörte keinesfalls auf ein Gestüt. Edward schlüpfte in seine Pantoffeln und hängte sich den Morgenmantel um. Es war besser nachzusehen. Sicher spielte ihm seine übernächtigte Phantasie einen Streich. Er überlegte es sich anders, warf den Morgenmantel auf das Bett und zog seine Arbeitskleidung an. Dann schlich er so leise wie möglich die Treppe hinunter.

Als er auf dem Kopf der Freitreppe stand und zum Stall hinüberblickte, wehte ihm der Wind den Geruch beißend in die Nase: Es war doch keine Einbildung gewesen! Und noch während er sich darüber klar wurde, peitschte ein Schuß durch die Dunkelheit. Er hörte, wie die Kugel gegen die Stallwand prallte, und sah, wie der Anprall Funken daraus schlug. Nur einen halben Herzschlag darauf erwachte etwas auf dem Boden um den Stall herum: ein waberndes blaues Wesen, das leise zischend unzählige Köpfe hob und sich mit atemberaubender Geschwindigkeit vergrößerte, und während es sich vergrößerte, wechselte es die Farbe. Über den noch immer blauen Wurzeln wogten die Flammen wie blutige Fetzen. Innerhalb weniger Sekunden war das ganze Gebäude im Nu von ihnen umschlungen. Was eben noch ein stattlicher Stall gewesen war, erhob sich nun als nahezu konturlose dunkle Masse in einem lodernden Flammenmeer. Edward riß sich aus seiner Erstarrung, als er von oben aus dem Haus einen Schrei hörte. Es war Emily, die schrie. Der Schuß hatte sie aus dem Schlaf gerissen. Nun stand sie am Fenster: »Eric!«

Blitzartig erinnerte sich Edward: Eric und Elaine waren im Stall, Solitaire und Wolf sowie die Reitstuten und Turners fünf Vollblüter. Er rannte auf den Hof und schwenkte beide Arme: »Holen Sie Hilfe, Mylady, ich kümmere mich um sie!«

Er sah, daß sie nickte und sich heftig vom Fenster abwandte. Ihr Gesicht war so weiß, daß es in dem unheimlichen Licht des Feuers einen phosphoreszierenden Schein hatte. Edward rannte zur Stalltür und fuhr zurück: Massive Vorhängeschlösser hakten in den eisernen Verstrebungen der beiden Flügeltüren. Um diese Metallbeschläge und mit ihnen die Schlösser zu lösen, hätte es ewig gebraucht. Die soliden Ställe von Sunrise waren vor Generationen gebaut worden für Generationen. Und die Schlösser glichen ihnen. Diese Metalle würden sich erst dem hartnäckigen Nagen des Feuers beugen.

Und dann würde es für die eingeschlossenen Geschöpfe da drin längst zu spät sein.
Edward taumelte zurück und barg das Gesicht in den Händen. Im Augenblick beherrschte ihn nicht so sehr der Gedanke, wer sich die ungeheuerliche Tat ersonnen haben mochte, sondern wie Menschen imstande sein konnten, so etwas zu tun.
»Mord«, stammelte er, ohne es zu wissen. Tränen liefen über seine Wangen, und auch davon wußte er nichts. Auf einmal war die Wut da. Er drehte sich zum Stall und starrte in die Flammen. »Ich habe keine Angst vor euch«, stieß er rauh zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Jetzt nicht mehr!« Er fühlte eine Hitze in seiner Brust, die der vor ihm glich.
Die Axt! Die Axt, mit der er Holzscheite für den Kamin spaltete.

Die Körper der Eingeschlossenen dampften in der schier unerträglichen Hitze: Eric hatte den Schlauch, der zum Abspritzen der Pferde diente, durch mehrere andere Schläuche verlängert und ließ unentwegt Wasser gegen die glühenden Wände prasseln, und auch über Elaine, Wolf und die verstörten Pferde und sich selbst.

Er war beim trockenen Knall des Schusses aufgefahren und hatte die vibrierende Unruhe der Tiere gespürt. Dann hatte es so etwas wie einen Donnerhall da draußen gegeben, als das Feuer aufsprang und seine Krallen in die Mauern zu senken begann. Durch die Fenster sah er die Flammen, und zum ersten Mal bemerkte er, daß diese Fenster vergittert waren.

Aufspringen und zur Tür stürzen, den schweren Holzriegel zurückschieben, waren eins gewesen. Doch die Tür hätte eine Mauer sein können. Und genauso war es mit der Hintertür. Ohne lange zu überlegen, hatte er dann die Pferde aus ihren Boxen auf den anderen Stallgang getrieben.

»Eric, hör doch!« Elaine berührte seine Hand, und er drehte die Wasserzufuhr für einen Augenblick ab. Ihre Blicke tauchten ineinander: Nie hatte er sie mehr geliebt, nie mehr bewundert als in diesen Minuten, die der Erkenntnis folgten, daß sie im Feuer eingeschlossen waren. Sie war ganz ruhig. Sie tat, worum er sie bat, und sie tat es bedacht und geschickt. Ihre Hand auf seiner zitterte nicht.

»Hörst du das auch?«

Er lauschte über das Prasseln der Flammen zur Tür hin. »Axtschläge«, sagte er, und seine trockene Kehle knirschte. »Sie versuchen, die Tür mit einer Axt aufzuschlagen.«

Für eine Sekunde schloß sie die Augen, lehnte ihren Rücken an seine Brust und legte eine Hand auf ihren sich leicht wölbenden Leib, gestattete sich diese eine Sekunde der Erleichterung; und sein Innerstes krampfte sich zusammen, denn er wußte, wie wenig eine Axt gegen Holz wie dieses ausrichten konnte.

Sein Geist kehrte zu seinen Kindertagen zurück und ließ ihn ein kindliches Gebet atmen: Gott, nimm nicht, was ich am meisten liebe. Nimm mich, wenn du ein Opfer willst, aber laß Elaine und unser Kind aus dieser Hölle entkommen. Und bitte, vergiß auch Wolf und die Pferde nicht. Amen.

Wenn Robert the Bruce in den frühen Jahren des 14. Jahrhunderts nicht gegen jeden Widerstand gekämpft hätte, gleichgültig wie gering die Aussicht auf Erfolg schien, hätte er gewiß niemals die Königswürde über Schottland errungen. Er war ein echter Sohn seines Landes – und der gleiche Eigensinn, die gleiche Fähigkeit zur Hoffnung wider alle Vernunft, beherrschte auch Edward. Emily hatte seine Kleidung mit Wasser getränkt und ihm eine von Wasser triefende Decke umgehängt, während Grandpa, Emily und Louise sich in einem ängstlich gedrängten Häufchen beieinander hielten.

Edward aber konnte nicht aus Furcht beiseite stehen und tatenlos zusehen. Seine Wut und seine Ausdauer waren schier grenzenlos. Doch seine Arme begannen allmählich zu zittern, und es wurde mit jedem Schlag schwieriger, sie erneut zu heben: diese Bohlen hatten schon einmal das Feuer kennengelernt – sie waren darin gehärtet worden. Und dann hatte man sie mit Bolzen und Querverschlagen aneinander gezwungen und die Metallteile, die sie in den Angeln hielten, in die Mauer versenkt. Er begann an seiner Kraft zu zweifeln.

Rauch wirbelte vom Dachstuhl nieder. Er quoll auch unter den Türen hindurch, und durch alle Fugen, und fand seinen Weg durch die in der Hitze zerborstenen Fensterscheiben. Er war dick wie dichter Nebel, aber dunkel, erstickend, und mit Glutstückchen durchsetzt. In düsteren Wolken kroch er an den Wänden und über den Boden entlang. Solitaire stand starr und blickte dem Tod mit plötzlich kaltem Gleichmut entgegen. Gegen dies konnte sie nicht kämpfen. Diese schleichende Heimtücke war von vornherein übermächtig. Sie erwartete den Tod mit stolzer Gelassenheit. Glutströme regneten auf die Stallgasse nieder.

Hämisches Gelächter begleitete Edwards Bemühungen aus dem Schatten der Anfahrt, von wo aus die Cochans das Geschehen beobachteten. Auf halbem Weg hatten sie den Schuß abgegeben und sich dann hier im Dunkel geborgen, um den Spaß nicht zu versäumen.

»Idiota«, kicherte Juanitas Vater.

Dann erstarrte sein Blick, als er eine Gestalt über den kopfsteingepflasterten Hof hasten sah. Er kannte die Silhouette mit dem fliegenden Haar: oft genug war sie vor ihm davongelaufen und wie ein schmaler Schatten seiner behäbigen Gestalt entkommen, um seinen Schlägen zu entgehen. Verfluchte Hexe! Ihre Mutter war gefügig gewesen
– warum sie nicht?! Sicher, sie hatte ihm gehorcht, wenn er sie geschlagen hatte, und auch den anderen; sie schuldete ihnen ja schließlich Gehorsam – sie war doch bloß eine Frau. Aber immer schon war da dieser Funke des Widerstands gewesen.

Was hatte sie da unten zu suchen?
Heulen von Sirenen klang in der Ferne hinter ihnen auf. »Fahr ins Gebüsch, daß uns die Feuerwehr nicht sieht!« drängte er seinen Bruder: »Ich werd mir dieses Spielchen nicht entgehen lassen! Das Ende der Fargus'! Mit dieser Stute verlieren sie alles! Und er wird auch alles verlieren. Nichts mehr wird von ihm bleiben. Und Chuco kriegt auch das Ende, das er verdient!«
»Aber was tut Juanita da?« Auch die anderen hatten sie erkannt.
»Was kann sie schon tun?« Behaglich lehnte er sich zurück und faltete die Hände über seinem Bauch.

Juanita war völlig außer Atem. Ihr Herz raste, das Haar hing ihr verschwitzt in die Stirn. »Ich habe die Schlüssel«, keuchte sie. Ihre Beine gaben unter ihr nach, und sie schlug sich hart die Knie auf dem Kopfsteinpflaster. Sie fühlte es nicht. Sie blickte auf die rotglühende Masse, die einmal ein solide gebautes Gebäude gewesen war, und schauderte, als sie hörte, daß Teile davon einzustürzen begannen.

Hoffentlich – oh, hoffentlich, heilige Maria und Josef! war sie nicht zu spät gekommen! Sie zog die Schlüssel aus ihrer Bluse hervor und warf sie Edward zu, der sie geschickt auffing. Wassergüsse brachten die Flammen um die Schlösser herum für sehr kurze Zeit zum Stillstand; Zeit, in der Edward gegen das Geprassel der Flammen in den Stall rief, daß Rettung nah sei, und gleichzeitig fieberhaft probierte, welcher Schlüssel zum Schloß am Haupteingang des Stalls paßte. Er wollte nach dem Schloß greifen und hätte sich jämmerlich dabei verbrannt, wäre Juanita nicht so geistesgegenwärtig gewesen, ihren Rock in Fetzen zu reißen und mit Wasser zu tränken, um seine Hände damit zu umwickeln.

Das Feuer flammte unter dem neuen Sauerstoffzustrom der weit geöffneten Türen hellauf.

Ein Gewitter von trommelnden Pferdehufen und fliegenden Leibern brach hervor; sobald Eric die Wendung der Lage zum Besseren ahnte, hatte er Elaine auf einen von Turners Wallachen gehoben: »Halt dich gut fest! Klammere dich an die Mähne! Versuch nicht, ihn zu lenken – nur raus. Wolf wird uns helfen.« Das Pferd schrie auf, als ihm ein Stück Glut auf die Kruppe fiel. Elaine wischte es geistesgegenwärtig weg und fuhr dem Wallach beruhigend über den Hals. Eric sah es mit Bewunderung, als er sich auf Peach zog. Und dann geschah das Wunder, und die Tür öffnete sich. Wolf trieb sie in einem geschlossenen Pulk ins Freie. Bei aller Panik blieb den Pferden keine Wahl: das eine oder andere versuchte sich zu weigern, verharrend in diesem seltsamen Starren in höchster Gefahr, doch Wolf war zwischen ihnen wie ein Fuchs in einem Hühnerstall, und jetzt ritzte er die Fesseln nicht nur, wie in der Nacht des Hengstkampfes, sondern faßte zu. Sie stürmten durch das rotglühende Tor nach draußen. Selbst die Pflastersteine des Hofes waren erfüllt von der Hitze und warfen sie ihnen gegen die Gesichter.

Sie waren heraus und atmeten freie Luft. Eric bemerkte, daß Solitaire fehlte. Er ließ sich aus dem rasenden Galopp vom Pferd fallen, wurde von der Wucht des Aufpralls umgeworfen und rollte einige Meter über das Kopfsteinpflaster. Er hörte, daß Elaine voller Entsetzen seinen Namen rief, aber er hörte auch, daß das Gebälk unter den zerrenden und drückenden Fingern der Feuerfaust immer mehr einstürzte. Keuchend rappelte er sich auf und rannte zurück zum Stall. Das Innere waberte von Flammen, die an den Seiten hochzukriechen begannen und über die Boxentüren leckten. Das Stroh in einigen Boxen brannte bereits lichterloh. Die Hitze, die ihm entgegenschlug, war schier unerträglich, und der beizende Qualm der Strohfeuer nahm der Luft nahezu allen Sauerstoff.

»Eric!« Er hörte nicht, daß Emily ihn anrief. »Eric, Sie können nicht wieder da hinein! Seien Sie vernünftig!«
Doch Eric ließ sich nicht aufhalten: Solitaire sollte nicht die einzige von der verzweifelten Gruppe der Eingeschlossenen sein, die elend zugrundeging. Er mußte es versuchen. Er war es ihr schuldig.
Qualm wirbelte ihm entgegen, reizte ihn zum Husten und ließ seine Augen tränen. Er hob schützend den Arm vors Gesicht, wehrte eine lang herableckende Feuerzunge ab. Sie streifte seinen Arm und sengte den noch ein wenig feuchten Ärmel. Triefend naß war er gewesen, als sie aus dem Stall hatten entkommen können, denn er hatte sie alle noch einmal mit Wasser überschüttet, doch die Hitze sog die Feuchtigkeit gierig auf; der aufsteigende Dampf wirbelte um ihn. Wo war die Stute? Er taumelte halb erstickt durch den dichten Rauch und hustete wieder würgend. Ein ganz ähnliches Husten klang von weiter hinten im Stall zu ihm. Das Husten eines Menschen. Er tastete sich auf den Laut zu: Wer war noch hier? Vage erinnerte er sich, Edward, die Fargus' und das Personal draußen gesehen zu haben. Von ihnen war es niemand. Dann machte er verschwommen die Umrisse der Stute aus, und bei ihr eine weibliche Gestalt, die ihre Arme um Solitaires Hals gelegt hatte und versuchte, sie vorwärts zu ziehen. Er war jetzt dicht genug heran, um sie erkennen zu können, und seine Lippen öffneten sich, aber er konnte das Wort nicht formen: Juanita!
Entgeistert starrte er sie an.
»Hilf mir«, wimmerte sie. »Sie bewegt sich nicht! Eric, hilf mir doch! Nur du kannst sie hier herausbringen!« Erneut schüttelte sie ein keuchender Husten. Um sie herum brachen glühende Stücke der hölzernen Deckenverstrebungen auf die Stallgasse und zerbarsten funkenstiebend. Eric hörte einen Schmerzenslaut hinter sich und fühlte beinah zugleich eine vertraute Nähe. »Wolf«, wisperte er erstickt und drehte sich zu ihm um. Der Hund war ihm nachgekommen über eine Stallgasse, die zunehmend einer glühenden Hindernisbahn glich. Eilig klopfte Eric ihm die Glut von seinem Fell. In diesem Augenblick löste sich hoch über ihnen eine massive hölzerne Verstrebung und verfehlte sie knapp. Ein entsetzlicher Schrei erklang. Mann und Hund fuhren zusammen und starrten auf Juanita, die eingequetscht unter dem Balken lag. Sie wand und krümmte sich, aber sie konnte sich nicht davon befreien. Dann plötzlich lag sie still, wie gefangen in einer Starre, die aus ihrem Inneren kam. Flämmchen krochen aus dem Holz und setzten ihre Bluse und den Unterrock in Brand. Eric kniete und wuchtete die Last von ihr. Mit bloßen Händen klopfte er das Feuer aus und neigte sich dicht über sie: »Juanita?« Ihr Gesicht war bleich. Schmerz um sie würgte ihn. Er konnte kaum sprechen. »Hörst du mich?«
»Si.« Ihre Stimme war dünn, erschrocken, aber auch gefaßt und gelassen. Beinahe froh.
»Ich bringe dich hier raus.« Er brauchte sie nicht zu untersuchen. Er wußte, was geschehen war. Und er wußte, daß sie es wußte.
»Die Stute«, flüsterte sie schwach. »Ich wollte sie für dich retten. Bring sie in Sicherheit. Vielleicht kannst du mich später holen.«
Sanft legte er ihr die Hand auf die Stirn. Es würde kein Später geben. Das Gebäude würde nur noch wenige Minuten standhalten können. Vielleicht nicht einmal mehr so lange, wie sie brauchen würden.
Mit äußerster Behutsamkeit hob Eric Juanita auf seine Arme und trug sie aus dem um sie niederbrechenden Stall. Wolf stieß Solitaire in die Flanke. Sie stand starr, wie eingefroren in dieser Glut. Sie hatte nicht einen Muskel mehr bewegt, seit sie auf die Stallgasse gesprungen war, als Flammen um ihre Hufe zu züngeln begannen. Sie hatte auf Eric gewartet. Seine Kraft würde sie retten.
Die Stalltür stand offen, sie hätte hinauslaufen können, aber ihre Starre konnte nur durch ihn gelöst werden. Juanitas Bemühungen hatte sie nicht einmal wahrgenommen. Es waren Erics Hände, die sie brauchte.
Wolf stieß sie erneut an, drängender. Das infernalische Rauschen und Jaulen der gierigen Flammen schloß sich um sie. Dünne Flammenteppiche kleideten bereits sämtliche Mauern aus. Bald würden sie wie unheilvolle Rubine auf die Stallgasse tropfen und sie in einen Fluß aus Feuer verwandeln.
Wolf verließ Solitaires Seite und stand vor ihr. Er richtete sich auf die Hinterläufe. In diesen Augenblicken spürte er nicht die Hitze, die der Beton unter ihm verströmte. Seine trocken gewordene Nase stieß gegen ihre, und dann leckte er über ihr Maul. Sie blinzelte, erwachte aus ihrer Starre, die den Mutterinstinkt betäubt hatte. Endlich begriff sie, daß Wolf das gleiche für sie tun würde wie Eric: ihr über die lähmende Angst hinweghelfen.
Schritt für Schritt näherten sie sich dem Ausgang, Wolf rückwärts tretend, seine Schnauze dicht an Solitaires Maul; und sie kam ihm nach. Dann war plötzlich die Sicht auf nächtlichen Himmel frei. Sie riß den Kopf hoch, tat einen mächtigen Satz ins Freie und sog die Luft gierig in sich ein. Ihre Lungen weiteten sich. Ihr Hirn wurde klarer. Ihr junger, starker Körper erholte sich bereits, während sie mit besonnenen Bewegungen auf die Koppel zutrabte. Wolf hinkte ihr auf wunden Pfoten nach.

Die Feuerwehr war endlich eingetroffen. Gewaltige Wasserschüsse richteten sich auf ein Gebäude, das eigentlich keines mehr war.

Elaine entdeckte Emily vor dem Stall, hastete zu ihr und stieß hervor: »Wo ist er?«
Emily blickte sie ernst an. Wie ein Leichenbestatter, dachte Elaine.
»Ich weiß nicht«, antwortete sie. »Ich bin selbst sehr in Sorge. Der Hund ist nicht zu finden. Ich habe Eric nicht mehr gesehen, seit die Stute herauskam. Womöglich –«
Elaine wandte sich zum Stall. Sie mußte bei ihm sein. Vielleicht gab es noch Hoffnung.
»Mutter!« sagte hell eine junge Stimme, die bis zu Elaine drang. Sie klang in ihren Grundfesten erschüttert. »Mutter, du weißt, daß weder Eric noch Wolf im Stall sind!«
»Nicht?« Erstaunt blickte Emily zu ihrer Tochter, vermied Elaines Blick.
»Nein! Wolf liegt mit verbrannten Pfoten neben Solitaire auf der Weide, und Eric hat das Mädchen ins Haus gebracht. Und das weißt du!«
»Oh ... ja, richtig. Wie dumm .. wie dumm von mir! In der Aufregung waren mir die Zusammenhänge wohl entfallen.« Emily lächelte entschuldigend und sah zu Elaine auf.
Ihre Blicke tauchten ineinander: Wie sehr dir die Zusammenhänge bewußt waren!
Die tiefblauen Augen sanken zurück. Sie gaben keine Antwort.
Du hättest mich in diese Flammenhölle geschickt.
Elaine wandte sich kalt ab und ging auf das Haus zu. Das junge Mädchen hastete an ihre Seite. »Ich bring Sie zu ihm. Wollen Sie etwas zu trinken?«
»Ich will zu ihm!«
»Mutter ist nicht böse, das dürfen Sie nicht glauben!«
Elaine blieb stehen und umfaßte sanft die schmalen Schultern. »Sag mir deinen Namen!«
Die Kleine sah völlig verstört aus. »Louise. Louise Ann –«
»Louise genügt. Louise, vielleicht wäre es gut, wenn du für eine Weile von deiner Mutter fortkämst.«
»Eric sagte ... etwas in dieser Richtung.«
»Bring mich zu ihm, ja?«
Das Mädchen öffnete die Tür zum Salon.

Juanita lag auf der Couch, und Eric kniete vor ihr und hielt sie in den Armen. Flüstern drang in seine Ohren, doch nicht bis zu Elaine. Das kleine Viertel eines gelblich erbleichten Gesichtes, dessen Anblick sie dann und wann erhaschte, bestätigte Erics Diagnose am Unfallort: Fraktur der Rippen, Durchbohrung durch die zerbrochenen Knochen nahezu aller Organe; mit unstillbarer innerer Blutung im Gefolge. Juanita war nicht zu retten.

Elaine trat ein wenig näher und hörte wie einen Hauch: »... euch beobachtet... füreinander geschaffen.«

Juanitas sich trübender Blick fand den Elaines: »Da bist du ... Wenn du wüßtest, wie sehr ich dich beneidet habe ... und wie sehr ich dich gehaßt habe! Aber – das ist vorüber. Ihr – ihr seid eins.« Sie schloß die Augen. Dann wisperte sie: »Willst du –« Elaine kniete bei der Couch wie Eric und faßte die kleine kalte Hand.

»Versprich mir dies: Bete für ihn. Wenn euch etwas trennt, gleich, für wie lange, bete für ihn, schöne junge Lady.«
»Ich verspreche es.«
»... daß du ihn ewig ...« Ein würgender Husten zerschnitt ihre Worte. Blut rann ihr aus dem Mundwinkel. Elaine wischte es mit ihrer Hand fort.
»Ja.«
»Du bist eine gute Frau.« Wieder dieser häßliche, harte Husten.
»Tu ihm niemals weh, versprich es!«
»Ich verspreche es.«
»Sieh ihn an!«
Elaine folgte diesem Befehl, der bereits etwas von der Macht einer schemenhaften Geisterwelt hatte, blickte zu Eric auf und fand den Blick der geliebten dunklen Augen verschleiert von Kummer auf sich ruhen.
»Ich habe ihn verletzt«, flüsterte die kleine Stimme. »Weil ich ihn nicht verstand. Weil ich nicht verstand, was Tiere ihm bedeuten. Aber dann – dann fing ich an nachzudenken ... begriff ... und ich ... ich wollte es wiedergutmachen. Sag bitte – ist sie, die Stute ... außer Gefahr?«
»Ja«, sagte Elaine sanft. »Sie ist auf der Koppel. Der Hund hat sie herausgebracht.« Juanita schloß erleichtert die Augen. »Wir haben ihn Chuco genannt ...« Die Lider hoben sich über einem geweiteten Blick. Der dünne, flache Atem tat einen letzten Hauch: »Madrecita, jetzt ist es gut, nicht?« und ein leises Lächeln war um die Mundwinkel.

Elaine weinte haltlos in seinen Armen. »Sie war so jung.« Eric hob ihr Gesicht und nahm die Tränen mit seinen
Lippen von ihren Wangen. Sanft sagte er: »Sie war jung, doch sie hatte Erfahrungen, die für mehr als zwei Menschenleben gereicht hätten, und es waren schmerzhafte Erfahrungen. In
ihrem Leben gab es keine Freude.«
Sein Blick strich über den regungslosen Körper auf der
Couch. Ihr kleines Gesicht war gelöst, als sei sie froh, die
Last des Lebens endlich los zu sein.
Eric zog Elaine fester an sich und tupfte die Tränen von
ihren Wangen.
»Komm, kleine Fee.«
Der Hauptmann der Feuerwehr nickte, nachdem er Eric
angehört hatte. »Ich werde ein paar meiner Leute schicken,
Sir.« Der Transporter der Cochans rumpelte auf den Hof. Ein
Feuerwehrmann saß am Steuer. Den Cochans waren die Hände
gebunden worden. Unterdrückt fluchend reihten sie sich vor
dem Wagen auf.
»Ich habe da allerhand Interessantes entdeckt, als wir sie
oben im Wald ausfindig machten«, sagte der Sergeant. »Ich
hielt es für besser, sie gleich dingfest zu machen, Sir.« Sein Vorgesetzter nickte zurückhaltend. »Was hat Sie dazu
veranlaßt?«
»Sehen Sie hier, Sir, diese Behälter – da war bis vor
kurzem Benzin drin. Man kann es noch riechen. Und das
Gewehr – und sie haben auch eine ganze Schachtel von diesen
verdammten präparierten Mistdingern, die beim Aufprall in
tausend Funken zerstieben; und sie hielten sich auf einem
Gelände auf, auf dem sie gar nichts zu suchen haben, auf
Privatbesitz, mit Blickrichtung auf das Feuer.«
Wieder ein Nicken. »Dennoch ist das kaum Beweis gen-« Ein gellender Schrei aus der Koppel unterbrach ihn. Ein Pferd schnellte durch deren offenes Tor, seine Hufe
ließen das Kopfsteinpflaster zittern. Es war ein zierliches,
dunkelgraues Pferd mit heller Mähne und hellem Schweif.
Sekundenlang verharrte es schnaubend und stampfend vor
ihnen, maß sie mit weit zurückgenommenem Kopf und
blutroten Nüstern; und sprang plötzlich gezielt gegen einen
der gefesselten Männer.
Solitaires Zähne packten ihn an der Schulter und rissen ihn
zu sich. Sie warf ihn mit einem hohen Hufschlag nieder und
hob sich auf die Hinterhand, Die Menschen standen wie erstarrt. Niemand bewegte sich, niemand brachte ein Wort hervor angesichts dieses überwältigenden Hasses. Außer Eric hatte noch niemand von ihnen gesehen, daß ein Pferd einen
Menschen angreift. Es war unbegreiflich und erschütternd. Eric warf sich gegen Solitaire und drängte sie beiseite.
Einer ihrer zum tödlichen Schlag erhobenen Hufe fiel schwer
auf seine Schulter, als er sie niederzwang. Feuer schien aus
ihren Nüstern zu kommen, ihre Augen hatten einen weit
entfernten Blick. Sie keuchte und drängte besinnungslos
gegen ihn. »Prinzessin«, Eric preßte sich gegen ihren Hals
und versuchte, ihr Vordrängen aufzuhalten. »Prinzessin,
ruhig. Du weißt nichts über die Konsequenzen – ein Seil!«
flüsterte er hastig über die Schulter, während ihn die Stute
langsam über das Kopfsteinpflaster zu der Stelle schob, wo
der gefesselte Mann noch immer halb betäubt lag.
Allein Elaine war geistesgegenwärtig genug, seine Bitte zu
erfüllen. Sie fand ein Seil im Kofferraum seines Wagens. Eric
band es eilig um Solitaires Kopf und Hals sowie um die
Fessel der rechten Vorderhand. Er zog an der Schlinge und
knüpfte einen Knoten. Das Bein war hochgezogen und preßte
das Seil gegen ihre Kehle, als sie versuchte, es
niederzustellen. Ihr blieb nichts anderes übrig, als auf drei
Beinen zu verharren. Ihr erstickter, ungemindert zorniger
Schrei übertönte sekundenlang das Tosen des niedergehenden
Stalls. »Verzeih, Prinzessin.« Schwer atmend lehnte Eric sich
gegen sie und wischte sich den Schweiß aus den Augen. »Sie
würden dich erschießen, wenn du ihn tötest. Sie verstehen es
nicht, und wie sollten sie auch?« Dies also war die Parallele,
dies endlich war die Gemeinsamkeit mit Edward: die Statur!
Einer wie der andere war kurz und gedrungen gewachsen.
Freilich war Edward nicht so beleibt wie Juanitas Vater, aber
für die weitblickenden Pferdeaugen machte das keinen
Unterschied.
Wie sehr hatte sich Eric gewünscht, die Cochans auf
frischer Tat zu ertappen, vor Zeugen! Nun, es gab mehr als
genug Zeugen. Und er würde die Wahrheit schon aus ihnen
herauspressen. Wolf war bei ihm, noch bevor er ihn hatte
rufen können. Die verbrannten Pfoten taten ihm weh, aber
dennoch war er zur Stelle, als er fühlte, daß er gebraucht wurde. Grollend stellte er sich über den auf dem Boden liegenden Mann und umfaßte mit seinen messerscharfen Reißzähnen den kurzen Hals. Eric strich der Stute beruhigend über das Gesicht. »Ich werde diesem ... Kerl jetzt einige
Fragen stellen«, wandte er sich an den Feuerwehrhauptmann. »Denke, ich weiß, was Ihnen vorschwebt, junger Mann«,
war die Antwort. »Aber ich sage Ihnen lieber gleich, daß eine
Aussage unter Zwang nicht als rechtskräftig gilt. Besser, Sie
pfeifen den Hund da zurück.«
»Ich verstehe, Sir.« Er rief Wolf zu sich und trat mit ihm
an seiner Seite zu dem niedergeworfenen Mann. Er half ihm
auf die Beine und lehnte ihn gegen die Wand des
Transporters. »Es gibt da ein paar Dinge, über die ich gern
Klarheit hätte, wissen Sie«, sagte er so sanft wie möglich. Es
fiel ihm schwer, sich zu beherrschen. Juanitas Worte
schwirrten in seinem Hirn – er fragte sich ernsthaft, wie ein
einzelner Mensch so viel Bösartigkeit in sich haben konnte.
Cochans Augen waren beständig auf Wolf gerichtet, und es
war offensichtlich, daß er fürchtete, der Hund werde ihm im
nächsten Augenblick erneut an die Kehle gehen. Er hörte
Erics kalte Stimme, die ihn langsam und deutlich befragte. Er
antwortete, noch immer benommen von dem Hufschlag. Ja, er
hatte seine Frau und seine Tochter geschlagen – das sei doch
nichts Besonderes? Ja, er hatte Vieh von den Fargus'
gestohlen; sie hatten das bessere Land, ihre Tiere waren viel
besser. Das sei doch verständlich? Ja, sie hatten die Stute
gestohlen, um sie zu einem hohen Preis verkaufen zu können.
Und als sie ihnen entflohen war, hatten sie ihr zugesetzt –
natürlich. Das blöde Vieh hatte versucht, sie zu narren. »Was haben Sie mit ihr gemacht?«
Cochan wiederholte bruchstückhaft, was Juanita Eric
bereits geschildert hatte.
»Gurte? Gewichte?«
»Si. Irgendwie – Willen brechen.« An dieser Stelle zog
Eric die Wangen ein und ballte die Fäuste: Wenn er nur
einmal zuschlagen dürfte! Wie entsetzlich mußte das sensible
Tier gelitten haben! Das Blut begann in seinen Ohren zu
rauschen. Einmal zuschlagen dürfen. Nur einmal.
»Heute nacht«, sagte er statt dessen scheinbar ruhig. »Der
Brand – Sie haben ihn gelegt?«
»Si.«
»Warum?«
»Ihr alle wart da drin: du, und Chuco war drin, verfluchter
Köter! Und Stute war drin. Ich wollte dich am Boden sehen,
dich, und Fargus, die ganze Brut!«
Elaine ließ einen leisen Laut des Entsetzens hören und
legte beide Arme schützend um ihren Leib. Wieder ballte sich
Erics Hand zur Faust: »Ihre Tochter kam in diesem Feuer um,
wissen Sie das?« – »War sie geblieben, wo sie hingehörte,
statt unsere Pläne –« Die Faust schoß vor. Knapp vor dem
Bauch des Mannes hielt sie zitternd inne, eingefangen von
einem eisernen Willen. »Bringen Sie ihn weg«, flüsterte er
tonlos zu dem Hauptmann. »Bringen Sie ihn weg, bevor ich
mich vergesse.«
Die Cochans wurden in den Feuerwehrwagen gestoßen.
»Nehmen Sie diesen Wagen weg, ich will ihn nicht mehr
sehen müssen.« Eric befreite Solitaire von dem Seil. »Ja, Sir. Einer meiner Männer wird ihn wegfahren. Und
sorgen Sie sich nicht, Sir – alle Aussagen sind zu Protokoll
genommen worden.«
Bevor Eric noch etwas erwidern konnte, stieß Solitaire
einen seltsamen Laut aus. Mühsam schleppte sie sich auf die
Koppel: sie wollte ihr Fohlen nicht vor all diesen Menschen
zur Welt bringen.
»Es ist soweit? Die Aufregungen haben den
Geburtsvorgang beschleunigt, nicht?« Elaine zupfte an
seinem Ärmel. »Was brauchst du?«

Sie war bei ihm, während er Solitaire half. Immer war sie bei ihm, wenn er sie am nötigsten hatte.

Das Fohlen glitt schwer in ihre Arme, und die Stute fuhr im Liegen herum, riß den plazentaren Sack auf und leckte es eifrig: So lange hatte sie darauf gewartet, und nun war es endlich da!

Plötzlich jedoch traf sie ein weiterer schmerzvoller Blitz. Ihr Leib krümmte sich. Verständnislos streckte sie den Kopf nach hinten, dann, unter den Hieben erneuter Wehen, begriff sie: Es gab ein zweites Fohlen, das heraus wollte, aber sie konnte fühlen, daß es falsch lag. Sie fühlte Sanftheit und Behutsamkeit um sich wie zuvor, dann eine kundige Hand und einen kraftvollen Arm in sich, und spürte, wie aus Verbogenem Richtiges wurde; ein kleiner nasser Kopf glitt auf gestreckten, zarten Vorderbeinen Elaine entgegen: »Zwei wunderbare Söhnchen hast du, Solitaire! Sieh nur!«

Die Stute richtete sich schweißbedeckt erneut auf und leckte ihre Fohlen.
Eric und Elaine traten zurück. »Sobald sie stehen können, müssen sie trinken.« Er wischte sich die schweißüberströmte Stirn mit dem Handtuch. »Wo sind denn eigentlich die Fargus'?«
»Ich hörte, wie Grandpa etwas von Malt murmelte.«
»Dann wissen sie es noch gar nicht.«
»Nein.« Sie nahm ihm das Handtuch ab und fuhr damit sanft über seine verschmutzten Wangen. »Warum ist es so wichtig, daß sie gleich trinken?«
»Damit das Darmpech abgeht.«
»Ich kann es noch gar nicht fassen, Eric. Wir ... wir wären fast in diesem Stall ... Und jetzt stehen wir da mit zwei kleinen Prachtexemplaren.«
»Die beide Ihnen gehören«, sagte eine Stimme hinter ihnen. Emily war unbemerkt zu ihnen getreten. Sie trug eine Flasche Whisky und drei Gläser. »Was für eine Nacht! Ich dachte, ein Schluck würde Ihnen guttun. Wie geht es der Stute?«
»Sehen Sie selbst.« Im ersten schüchternen Licht einer blassen Morgendämmerung stupfte die Stute ihre Söhne an und ermutigte sie mit kleinen Lauten, nicht in ihren Anstrengungen nachzulassen.
»Sie hat es gut überstanden. Vielleicht gar nicht so schlecht, daß es Zwillinge sind; mit einem einzigen großen Fohlen wäre sie wohl nicht so gut fertig geworden.« Während er sprach, gelang es dem Erstgeborenen, sich aufzurichten. Zielstrebig torkelte es zur Rückfront seiner Mutter und nahm den heißen, gummiartigen Sack des Euters in sein kleines Maul. Eric lächelte. Die erste Freude überschwemmte ihn plötzlich wie eine Glutwelle, und Elaines Hand umschloß seine fester. »Ein echter Sohn seines Vaters, wer immer von den beiden es ist«, murmelte er heiser. Als wolle er nicht hinten anstehen, rollte sich auch der andere Kleine mit allen Anzeichen der Entschlossenheit auf die Brust, fand es auf einmal gar nicht mehr so schwierig, seine überlangen Beine zu sortieren, und stemmte sich hoch.
»Sie trinken«, flüsterte Elaine. »Alles geht auf einmal so leicht.«
Ihre Finger verschlangen sich fester ineinander. Minutenlang verharrten sie im Gedenken an die schattenhafte Gestalt, die ihr Leben gerettet und das ihre dafür gegeben hatte.
Emily fühlte sich von diesem Flüstern und dem darauffolgenden gemeinsamen Schweigen, von dieser Bewegung der Zugehörigkeit, schmerzhaft ausgeschlossen, fühlte auch Zorn. Mußten sie ihre tiefe Vertrautheit unbedingt unmittelbar vor ihren Augen demonstrieren?
Sie räusperte sich und ließ die Gläser leicht aneinanderklingen. »Auch wenn diese Nacht viel Schreckliches gebracht hat, Eric, so gibt es doch auch Grund zum Feiern. Sie haben Ihre Fohlen, und ich – mein Gott, ich kann es noch gar nicht fassen ... ich bin die Cochans los!« Sie vermied Elaines Blick, als sie den Whisky in die Gläser füllte. Hatte sie Eric davon erzählt, daß sie, Emily, sie in den unmittelbar vor dem Zusammenbruch stehenden Stall hatte schicken wollen? Sie konnte nicht begreifen, konnte nicht mehr nachvollziehen, was in diesen Sekunden über sie gekommen war.
Sie tranken. Der scharfe Alkohol vermengte sich beinah augenblicklich mit dem Blut der drei erschöpften Menschen und stieg ihnen zu Kopf. »Ich möchte etwas mit Ihnen besprechen, Elaine«, hörte Emily sich sagen. Eric ließ darauf fragende Blicke zwischen den Frauen hin und her gleiten.
»Ja. Gewiß.« Elaine ließ sich von Emily ein Stückchen von der Koppel fortführen. »Elaine ... Sie werden bemerkt haben, daß ich Ihre Anwesenheit hier nicht besonders geschätzt habe ...«
»Das ließ sich nicht übersehen.« Elaines Stimme war zurückhaltend.
»Und ich ging sogar so weit, daß ich Sie einer großen, einer tödlichen Gefahr auszusetzen bereit war. Sie und das Kind. In dieser Sekunde wünschte ich ... wünschte ich ...«
»Sie hätten ihn für sich? Ich würde einfach nicht existieren? Ich nicht, und das Kind nicht?«
»Es ist furchtbar, ich weiß das. Ich kann es nicht mehr verstehen, Elaine. Ich verstehe es einfach nicht.«
»Ich verstehe es«, sagte die Jüngere langsam und schob ihren Arm unter Emilys. »Ich verstehe es. Ich glaube, ich weiß ziemlich genau, wie Ihnen zumute war. Sie waren überreizt, Emily. Ich weiß, was ein zerfasertes Nervenkostüm einem Menschen antun kann. Denken Sie nicht mehr daran.«
Emily blieb stehen. »Meine eigene Tochter schaut mich nicht mehr an, seit ich das tat... und Sie ...«
»Ihre Tochter ist ein sensibles Mädchen. Vielleicht wäre es gut, wenn Sie ihr die Möglichkeit gäben, etwas anderes als nur das Gestüt zu sehen. Sie wird sich schon wieder beruhigen. Sie kam mir nach und versicherte mir, Sie seien nicht böse. Ich war natürlich aufgebracht.«
»Ja«, murmelte Emily demütig.
»Aber ich wußte, daß sie recht hatte«, fuhr Elaine fort. »Vielleicht hätte ich an Ihrer Stelle ebenso gehandelt. Ich weiß es nicht. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie ich mich fühlen würde, wenn ich ihn liebe, wie ich es tue, und er sich einer anderen zuwendet.«
»Aber es war monströs!«
»Nun ... ja. Aber es war auch menschlich.« Die schlanke Hand faßte ihren Arm fester. »Wir sind alle nur Menschen, Emily.«
»Sie ... sind eine wirklich außergewöhnliche Frau, Elaine!«
»Im Augenblick bin ich vor allem eine sehr müde Frau, die sich um ihren sehr müden Mann sorgt.«
Der Blick der tiefblauen Augen tauchte in ihren. »Es gibt genug Platz im Haus für Sie beide.«
»Ich weiß das zu schätzen, Emily, wirklich. Und es würde ihn sicher freuen, wenn er nach dem Aufwachen gleich die Fohlen sehen könnte ... sie bedeuten ihm so viel. Aber ich denke, daß er sich eher erholt, wenn er in seinem vertrauten Zimmer bei den Hickmans aufwacht. Es ist so wie im Krankenhaus, wissen Sie? – Er braucht Ruhe und Abstand.«
Emily lächelte sie mit Wärme an. »Sie sind seine Ärztin«, sagte sie sanft.

Elaine fand ihn auf der Koppel neben der kleinen Pferdefamilie kniend, als er gerade Wolfs Pfoten verband. Als sie zu ihm trat, blickte er auf und lächelte sie an. Sie sah die Linien, die die Erschöpfung von seinen Nasenflügeln zu den Mundwinkeln herunterzog. Sie kniete nieder und senkte ihre Hand in Wolfs Pelz. Der Hund wedelte erfreut und stieß sie mit der Nase an. »Du warst eine so große Hilfe, lieber Junge.«

»Ja, das warst du wirklich.« Erics Hand begegnete ihrer in dem dichten, weichen Fell. »Denk nur, kleine Fee – ohne ihn wäre Solitaire in den Flammen umgekommen. Und Cochan hätte vielleicht nicht gestanden. Ja, mein Junge, wir haben dir wirklich viel zu verdanken.« Er neigte sich über ihn und nahm den schmalen Kopf zwischen seine Hände: »Du bist ein ganz Großer.« Wolf schnaufte darauf, wedelte und rieb mit einer verbundenen Vorderpfote über seine Schnauze. Eric lächelte. »So verlegen hab ich ihn noch nie gesehen, schau nur. Ich wette, er wird jetzt rot, sozusagen.«

Elaine hörte eine leichte Unregelmäßigkeit in seiner Stimme und warf ihm einen forschenden Blick zu. Sie bemerkte, bevor er wieder nach dem Verbandszeug griff, daß seine sie berührende Hand ein wenig zitterte. »Zeit, dich auszuruhen«, sagte sie leise und ernst und legte eine Hand auf seinen Unterarm. Sein Gesicht war noch immer rußverschmiert. Schweiß und Tränen hatten ihre Spuren darin hinterlassen. »Denkst du nicht auch?«

»Hm?« Sorgsam zog er den letzten Verband um Wolfs Hinterfuß.
Er streichelte Wolfs Nase, hob schließlich den Kopf und sagte: »Edward muß üble Verbrennungen haben. Ich werde nach ihm sehen.«
»Edward ist versorgt, Liebling. – Schau mich an, ja?«
Seine Pupillen waren so weit, daß sie beinahe die gesamte Iris ausfüllten: Aufregung hielt ihn wach. Sie würde ihn wachhalten, bis er zusammenbrach. Sie bat: »Gib mir deine Hand.« Er gehorchte, und sie stand auf und zog ihn sanft zu sich hoch. »Du bist ein unvernünftiger Mann«, tadelte sie zärtlich, als sie sich seinen Arm auf die Schulter lud und ihn zu ihrem Wagen führte. »Merkst du denn nicht, wenn es genug ist?«
»Genug?«
»Genug Arbeit. Du mußt nicht immer alles allein tun, weißt du«. Sie bemühte sich, ihre Stimme streng klingen zu lassen, drückte ihn auf den Beifahrersitz und umschloß sein Gesicht mit beiden Händen, um ihn forschend zu betrachten.
– »Nein, du weißt es nicht«, murmelte sie nach einer Weile. »Du weißt es einfach nicht. – Es wird Zeit, daß du es lernst. Ich bin eine selbstsüchtige Person, und ich möchte noch viel von dir haben, weißt du?« Sie küßte ihn, die Hände noch immer um sein eingefallenes Gesicht gelegt. »Es wird Zeit, daß du lernst, Rücksicht auf dich zu nehmen.«
»Wenn du es sagst, kleine Fee.« Wolf war ihnen nachgehinkt und stieß sie schüchtern an.
»Wo du bleiben sollst? – Lieber, wo du bleiben möchtest. Komm mit uns, wenn du magst.« Wolf blickte nach der Koppel zurück. Er winselte.
»Ja, du hast wohl recht. Es wäre gut, wenn Solitaire und ihre Söhne einen Beschützer wie dich haben.« Er richtete sich mit einem weiten Lächeln an ihr auf. Elaine umfing ihn und preßte ihr Gesieht in sein Fell: »Wie hab ich's bloß ohne euch ausgehalten? Ohne ihn, ohne dich, ohne die Pferde?«

Als Eric schließlich erwachte, fühlte er sich wie ein einziger blauer Fleck, wie eine einzige Brandblase. Er öffnete vorsichtig die Augen und sah, daß er in seinem Zimmer im Haus der Hickmans lag. Das Licht tat seinen Augen weh.

Ein zarter Kuß ließ sie ihn wieder halb öffnen.
»Hallo, großer Held. – Wie fühlst du dich?« Elaines Stimme, warm und sanft, war um ihn. Er lächelte. Eigentlich war das Licht nicht so schlimm. Jedenfalls nicht so schlimm wie – damals. Nichts konnte wirklich schlimm sein, wenn sie da war.
»Schrecklich allein.« Er versuchte, die Decken anzuheben. Es gelang ihm nicht, aber Elaine schlüpfte zu ihm. Es war wundervoll, ihre Nähe zu spüren. Er drehte sich mühsam zu ihr und legte eine Hand flach auf ihren Leib. »Wie geht es euch?«
Sie umschloß seine Hand mit ihren beiden und führte sie an ihre Lippen. »Wir hatten in der Nacht nicht so viele Kämpfe wie du, Liebling. Uns geht es gut.« Ihre Lippen liebkosten seinen Hals und sein Gesicht. »Du mußt etwas essen«, sagte sie bestimmt. »Du siehst schon wieder richtig dünn aus.«
»Ich würde gern duschen«, sagte er vorsichtig.
»Eine Dusche kann ich Ihnen nicht erlauben, junger Mann. Zu anstrengend. Aber über ein Vollbad könnten wir schon reden.«
»O ja, bitte. Ich fühle mich furchtbar verdreckt.«
»Dann werde ich das Bett neu beziehen, während du badest. Die Bettwäsche ist voller Ruß, weißt du. Ich war nur froh, daß wir dich hierher bringen konnten; du warst plötzlich einfach weggetreten. Ich hatte das schon kommen sehen.«
»Tatsächlich? Ich erinnere mich nicht.«
»Nein.« Sie richtete sich auf, angelte nach dem Tablett auf dem Nachtschränkchen und tupfte einen Blutflecken aus einer der aufgebrochenen Brandblasen auf seiner Brust mit einem sterilen Tuch ab.
Seine Augen zeigten aber schon wieder einen Abglanz dieses neuen, fröhlichen Funkeins, das sie besaßen, seit er ihrer Liebe sicher war, als er leise sagte: »Willst du nicht lieber mitkommen? Ich könnte ja ... also, ich könnte ja immerhin ertrinken!«
Sie lachte leise, ganz nahe an seinen Lippen. »Das dürfen wir natürlich nicht riskieren.« Für Sekunden verließ sie die Heiterkeit, sie neigte sich heftig über ihn und küßte ihn hitzig. Wenn ich dich verlieren würde ... Während seiner langen Bewußtlosigkeit war sie nicht einmal für Sekunden von seinem Bett wegzubringen gewesen. »Ich lasse das Wasser für dich ein.«
»Ich komme mit.«
»Aber du mußt dich auf mich stützen.«
»Was immer Sie sagen, Frau Doktor.«
Das Wasser rauschte trommelnd in die Wanne. Eric fühlte sich schwach wie ein neugeborenes Kätzchen und ließ sich zitternd auf dem Rand der Wanne nieder. Elaine kam zu ihm und streifte seine Pyjamajacke ab. »Weißt du noch, wie du mir einen deiner Pyjamas geliehen hast?«
»Oh, gewiß.«
Er hielt ihre Hände fest und zog sie heftig an sich. »Möchtest du wieder einen leihen?« Seine leise Stimme war drängend. Er sprach an ihren Lippen. »Sag, möchtest du?« – »Ich ... ich dachte, wir könnten einen teilen ... das habe ich mir in jener Nacht schon gewünscht.« Er legte eine Hand um ihren Nacken und küßte sie.
»Für jemanden, der nach vernünftigem Ermessen eigentlich noch immer bewußtlos sein sollte, sind Sie erstaunlich lebhaft, Mr. Gustavson.« Sie bemühte sich, ihren Atem wieder einzufangen. – »Vielleicht kühlt das Bad Sie ein wenig ab.«
Er schlüpfte in die Wanne, biß sich kurz auf die Unterlippe, als das Wasser seine Wunden berührte; sah dann zu ihr auf und lächelte spitzbübisch, unbesiegbar: »Nicht die Spur. Ich fühle mich gar nicht abgekühlt. Im Gegenteil. Was empfehlen Sie, Frau Doktor?«
»Nun ... haben Sie einen Vorschlag?«
»Oh, ja.« Er zog sie zu sich hinunter. Im Nu war ihre Kleidung durchtränkt. »Oh, du bist verrückt!«
»Nach dir. Nach dir, kleine Fee. Verrückt... nach dir.«
Claire hörte Fetzen der verliebten Spielerei, während sie das Bett neu bezog. Wie schön es war, dieses Leben unter ihrem Dach zu haben! Sie würde dieser Freude niemals überdrüssig werden. Übermütig gab sie dem auf dem Kissen liegenden Pyjama einen kleinen, schicken Kniff und huschte die Stufen hinunter: Er war gut aufbewahrt in Elaines Händen.