15
Der Mond war etwas voller und schien noch heller als in der letzten Nacht. Eric ritt aufmerksam den blinkenden Zaun entlang. Er würde den Zaun kontrollieren und vielleicht,
wenn alles ruhig und er nicht zu müde war, einen Abstecher zu dem kleinen See machen.
Wieder hatten sie ihren Ausgang vom schmalen Dreieck genommen, an dem das Land der Fargus' auf das der Cochans stieß. Wieder klangen die Huftritte Gray Beards je nach Beschaffenheit des Bodens hohl und hell, oder satt und dunkel. Gray Beards wacher Verstand hatte sich bereits gestern diese öde Strecke eingeprägt, und er kannte sie schon ebenso auswendig, wie er all die Pfade des Whiskytrails kannte.
Plötzlich jedoch warf er den Kopf auf, als ihm der Geruch von Pferden in die Nase stieg. – Stuten. Sie rochen frei und wild, und mitten unter ihnen nahm er einen sehr scharfen Geruch wahr, den des Hengstes. Gray Beard schüttelte den Kopf: er kannte diesen Geruch und er legte keinerlei Wert darauf, diesem Geschöpf leibhaftig zu begegnen. Er lief schneller und passierte mit geduckten Ohren die Stelle, an der die Herde friedlich unter dem Mondschein in einer kleinen windgeschützten Schlucht graste.
»Was ist los, Junge?« murmelte sein Reiter. Auch er schien jetzt schläfrig und nicht mehr recht bei der Sache. Der Graue fiel, nachdem sie die Herde hinter sich gelassen hatten, wieder in seinen stoischen Trab und stellte die Ohren nach vorn. Die Nacht gehörte wieder der Langeweile.
»Ich sage dir, Junge, wenn ich's nicht müßte und wenn der Mond mich nicht so zappelig machen würde – nichts würde ich lieber tun, als jetzt in dem schönen breiten Bett zu liegen und diese Masse von Decken über mein Kinn ziehen.« Sein Reiter klopfte ihm den Hals und gähnte herzhaft. Sein Schlafmangel machte sich bemerkbar. Eigentlich war die ganze Unternehmung unsinnig, dachte er. Was hatte es für einen Zweck, wenn er Nacht für Nacht den Zaun untersuchte? In der Minute, da er sein Pferdchen wandte, konnten sie zuschlagen. Er fühlte sich gelähmt von Müdigkeit, Gleichgültigkeit und nüchternem Kalkül. Eben schon wollte er die Zügel anziehen, um den Grauen zu wenden, da schien ihm der Mond mit fast ungebrochener Kraft in die Augen und rüttelte ihn aus seiner Trägheit.
In der Stille der Nacht hörte er im Näherkommen das Rauschen und Sprudeln des Baches, der den stillen See erschaffen hatte. Unwillkürlich verhielt er das Pony, als er das Klingen von Metall hörte. Gray Beard hatte es auch gehört, spürte die Aufmerksamkeit seines Reiters und blieb von allein stehen. Er atmete kaum. Da war die Abwechslung, auf die er gewartet hatte! Er hätte gern gescharrt, aber er wußte, daß das nicht am Platz war; er verhielt sich still und dehnte nur neugierig den Kopf nach den leisen Lauten, die da vorn klangen.
Eric holte das Seil aus seinem Rucksack hervor und machte das Pony an einem Baum fest. Geschmeidig glitt er auf das leise Klingen zu, und jetzt hörte er in der Ferne dunkles Muhen, den hellen Laut von Kälbern und Hufgetrappel. Aber die Laute kamen nicht von der Cochan-Seite, sondern klangen, als entfernten sich die Tiere über das Gelände des Gestüts. Verwirrt schlich er näher.
Da war eine Gestalt am Zaun, klein und schmal und ganz dunkel gekleidet. Als sie am Zaun fingerte, sah er sie im Profil, aber er konnten die Züge nicht ausmachen, denn sie waren von einer Skimaske verdeckt. Er schlich sich näher und wartete, bis die Gestalt dicht an ihm vorbeikam; dann schnellte sein Arm vor, seine Hand griff den Fußknöchel und brachte den Maskierten zu Fall. Triumphierend kniete er über seinem Opfer, das heftig strampelte und kleine hitzige Laute von sich gab, schob die Hand unter die Maske, riß sie fort und erstarrte. »Louise!«
Das Haar fiel ihr wirr übers Gesicht, als sie fortfuhr, sich mit aller Kraft zu wehren. »Louise, Louise, hören Sie auf, ich bin's doch, Eric!« Er dachte, sie sei völlig verwirrt, da riß sie blitzschnell den Kopf herum und stieß gegen seine Hand vor. Ihre Zähne verfehlten ihn nur um Millimeter. Wütend packte er sie bei den Schultern und schüttelte sie, daß ihr Haar flog. »Kleine Bestie! Kommen Sie endlich zur Vernunft!«
»Wenn Sie mich verraten, werd ich Ihnen was antun! Wenn Sie auch nur ein Wort sagen –« Sie hatte ihre kleinen Fäuste freibekommen und hämmerte gegen seine Brust. »Kein Wort zu Mutter oder Großvater!«
Gütiger Gott, was für eine lächerliche Situation! Da hockte er nun rittlings auf dieser kleinen Wildkatze, mußte sein Gesicht vor ihren Hieben in acht nehmen und seine Hände immer wieder aus der Gefahrenzone ihrer Zähne ziehen; und das mitten in der Nacht in einem dunklen Wald. Er stand auf, packte sie, riß sie hoch und drückte sie an sich, ihre Hände mit einer Hand auf ihrem Rücken festhaltend, mit der anderen ihr Gesicht. Er drückte ihren Körper so fest an seinen, daß ihr die Luft knapp wurde und sie endlich still stand, keuchend und plötzlich zitternd. »Kein Wort!« wimmerte sie, »kein Wort, versprechen Sie's.«
»Das weiß ich noch nicht.« Zögernd lockerte er seinen Griff. »Lassen Sie mich erst mal Ihre Geschichte hören.« Ihr Blick war über seine Schulter in das Dunkel gerichtet.
»Wenn Sie jetzt wegrennen, werde ich Ihre Mutter tatsächlich fragen, ob Sie eine Ahnung davon hat, was ihre Tochter mitten in der Nacht am Grenzzaun zu schaffen hat. Wollen Sie das?«
Sie riß sich los. »Nein.«
»Kommen Sie, Sie zittern ja. Nehmen Sie das.« Er streifte seine
Jacke ab und hängte sie um ihre Schultern. Scheu tastete sie nach
den Aufschlägen und zog das warme Kleidungsstück enger um sich.
»Und Sie?«
»Es geht schon.« Über seinem karierten Flanellhemd trug er eine
gefütterte Reitweste.
»Die Nacht ist ja nicht kalt. Sie zittern bloß, weil Sie nervös
sind.«
»Haben Sie vielleicht eine Zigarette?«
»In meinem Rucksack. Er ist drüben beim Pony. Kommen Sie.« Als sie
neben ihm hertrottete, blickte er auf sie nieder. »Ich hätte nicht
geglaubt, daß Sie rauchen, Louise.«
»Was dachten Sie denn von mir? Daß ich an den Weihnachtsmann glaube
und mit Puppen spiele?!«
Ja, was hatte er eigentlich von ihr gedacht? Nichts Gutes,
jedenfalls: »Ich hielt Sie für eine vorlaute, verzogene und
ziemlich eingebildete Göre. Ist das Antwort genug?«
»Und ... und was denken Sie jetzt?«
Sie hatten Gray Beard erreicht, und Eric hielt ihr das
Zigarettenpäckchen hin. Als er sah, mit welchem Hunger sie den
Rauch inhalierte, grinste er. »Ich denke jedenfalls, daß dies hier
nicht Ihre erste Zigarette ist.« Er entzündete eine für sich, ließ
sich neben Gray Beard mit gekreuzten Beinen auf dem Boden nieder
und zog Louise am Ärmel seiner Jacke neben sich. Ohne Widerstreben
gehorchte sie. »Das soll wohl so was wie eine Friedenspfeife sein,
schätze ich?«
»Ich wollte nie Unfrieden mit Ihnen, Louise. Sie waren von Anfang
an gegen mich.«
»Hab meine Gründe.«
»Schön, lassen wir das. Was hatten Sie da am Zaun zu tun? Ich
glaube auch, Huftritte gehört zu haben, und zwar auf diesem
Gelände.«
»Ich zeige es Ihnen.« Sie rappelte sich auf und ging dicht am Zaun
entlang den Weg zurück zu der Stelle, wo er sie gepackt und
niedergeworfen hatte. »Hier, sehen Sie.« Mit einer Hand machte sie
sich am Zaun zu schaffen, wo er um
einen der Stützbalken lief; wieder klimperte das Metall leise, und
eine Öffnung war im Zaun.
»Die haben das gemacht.« Sie nickte zum Land der Cochans hin. »Der
Zaun ist hier so bearbeitet, daß er nur um den Balken gehakt werden
muß. Es hat ziemlich lange gedauert, bis ich ihnen auf die Schliche
gekommen bin. Das ist gar nicht dumm, sehen Sie? Statt den Zaun
aufzuschneiden und wieder zu reparieren, damit nichts auffällt,
haben sie sich eine Art Tor gebastelt.«
Eric stieß einen leisen Pfiff aus, warf seine Zigarette zu Boden
und trat sie aus. Louise bückte sich, hob die Kippe auf und ließ
sie in der Jackentasche verschwinden.
»Sie müssen ja nicht wissen, daß wir's wissen. Die sind schlau.
Wenn die Kippe an dieser Stelle liegt, rechnen die sich aus, daß
hier einer gestanden und ihr Tor begutachtet hat.«
Eric beugte sich nieder und nahm den Zaun in Augenschein. »Saubere
Arbeit«, sagte er, »so gut wie unsichtbar. Ich bin gestern nacht
den ganzen Zaun abgeritten und habe nichts bemerkt.«
»Um es zu sehen, müßte man im hellen Tageslicht den Zaun Zentimeter
für Zentimeter absuchen.«
»Und das haben Sie getan?«
Sie schüttelte den Kopf. »Bald nachdem die da«, sie wies
verächtlich über den Zaun, »das Land gepachtet hatten, verschwand
ein Kalb, das Mutter als Bullen aufziehen wollte, und sie hat sich
deswegen sehr geärgert, und weil die Polizei...«
»Ihre Mutter erzählte mir davon.«
»Mir hat das keine Ruhe gelassen. Ich habe manchmal beinahe die
ganze Nacht draußen verbracht und gewartet, daß sie es wieder
tun.«
»Und Ihre Mutter weiß nichts davon.«
»Mama sitzt oft so lange über ihren Büchern, bis sie einschläft.
Sie ist froh, wenn man sie nicht stört. Es ist nicht schwer, sich
aus dem Haus zu schleichen. Aber wenn sie es wüßte ... auch nur
etwas ahnte, würde sie mich in meinem Zimmer anketten. Und Grandpa
– Sie haben ja gesehen, wie er sich aufregen kann.«
»Aber Sie sind doch nicht zu Fuß über das riesige Gelände
gewandert?«
»Ich hab ein gutes Fahrrad. Es ist da im Busch
versteckt.«
Eric wußte nicht, was er sagen sollte. Dieses Mädchen, das er für
ein verzärteltes Pflänzchen gehalten hatte, war auf einem Fahrrad
unermüdlich über unwegsamstes Gelände gefahren, um ihrer Mutter zu
helfen, und sie hatte ihr Geheimnis ebenso für sich behalten wie
die Müdigkeit, ja, Erschöpfung, die sie nach einer solchen Nacht
verspüren mußte. Schließlich fuhr sie ja auch noch jeden Morgen zur
Schule in Kirkrose. Jetzt verstand er ihre Gereiztheit. »Louise«,
sagte er leise, »ich muß mich wirklich bei Ihnen
entschuldigen.«
Sie sah abwartend zu ihm auf.
»Ich habe Sie ein Kind genannt, als wir Excalibur zum ersten Mal
begegneten, und es war nicht freundlich gemeint.«
»Ich weiß.«
»Ein Kind, wie ich es meinte, wäre nie zu einer so großartigen
Sache in der Lage wie Sie.« Er streckte ihr die Hand hin:
»Akzeptieren Sie die Entschuldigung?«
»Klar.« Sie legte ihre kleine Hand in seine, und er fühlte ein
blitzartig rasches Zucken und sah einen seltsamen Glanz in ihren
Augen, als sie zu ihm aufsah. Fast schien es, als wolle sie sich an
seine Schulter lehnen. Er bog es ab, indem er sagte: »Darauf können
wir jetzt wirklich eine Friedenspfeife rauchen.«
Claire hatte darauf bestanden, seinen Rucksack zu packen, und
eifrig kramend förderte er kleine Schätze an die Oberfläche: Ein
dickes Paket mit Sandwiches, eine Thermoskanne mit heißem Tee, eine
kleine Dose mit Zucker, ein fest verschraubtes Fläschchen mit
dicker Sahne und ganz zum Schluß eine kleine flache
Whiskyflasche.
»Nehmen Sie den Becher von der Thermoskanne«, schlug er vor, als er
ihr Feuer gab. »Ich werde einen Tropfen Whisky aus dem Deckel der
Flasche trinken. Er ist groß genug für einen oder zwei Schlucke.«
Über die Flamme hinweg blickte er in ihre Augen.
»Schätze, Whisky ist Ihnen ebensowenig fremd wie
Zigaretten.«
»Sie haben wohl Angst, sich zu vergiften, wenn Sie mit mir aus
demselben Becher trinken?«
Seine Lider sanken halb herab, und ein kleines Lächeln hob seine
Mundwinkel. »Verlangen Sie nicht zuviel auf einmal von einem
unbedarften Pferdedoktor, junge Dame. Geben Sie mir Zeit, mich an
die neue Louise Fargus zu gewöhnen.«
Sie würgte ihren Protest mit einem großen Schluck Whisky hinunter,
hustete, wischte sich über die plötzlich tränenden Augen und
streckte ihm den Becher erneut hin. »Lieber Tee?« fragte er
fürsorglich, und sie nickte, unfähig zu sprechen. »Möchten Sie ein
Sandwich?«
»Ich bin nicht hungrig. Was ist mit Ihnen?«
»Nein. Sagen Sie, Louise, haben Sie je die Cochans beobachtet, wie
sie Tiere von Ihrem Gelände wegtrieben?«
»Nein, das ist es ja! Sie machen es nicht selbst, sonst hätte ich
die Polizei schon dazu gekriegt herzukommen, damit sie sie in
flagranti ertappt; aber es ist der Hund.«
Erics Herz sank. »Welcher Hund?« fragte er tonlos, obwohl er die
Antwort kannte.
»Der verdammte Hund, den Sie bei sich hatten an Ihrem ersten Abend.
Der grauweiße Schäferhund. Sie haben ihn abgerichtet. Zuerst dachte
ich, wenn ich fotografieren könnte, wie er's tut ... aber dann fiel
mir ein, die Cochans würden nur sagen, er sei ein Wilderer, und sie
hätten keinen Anteil daran, und wahrscheinlich würden sie ihn
töten, um die Polizei von ihrer Behauptung zu überzeugen, und
darauf nur einen anderen Hund abrichten, und immer so fort ... und
ich wollte nicht verantwortlich sein für den Tod eines Tieres, das
nur tut, was ihm befohlen wird.«
Für diese Worte hätte er sie umarmen können. »Wieso sagten Sie
damals nichts davon? Ich meine, an meinem ersten Abend hier, als
Sie uns auf die Klippen nachgekommen waren?«
Sie sah ihn an, als zweifele sie an seiner Zurechnungsfähigkeit.
»Wie konnte ich? Hätten Sie's geglaubt? Sie hatten sich mit dem
Hund angefreundet, und überdies ...«
»Ja?«
»Na, zum einen hätte ich's nicht erklären können, nicht richtig.
Und außerdem ... Sie waren ein Fremder, Sie waren so zurückhaltend
... wenn Sie jemanden nicht kennen, und dieser Jemand einen ganz
zugeknöpften Eindruck macht – würden Sie dem gleich reinen Wein
einschenken?«
»Nein«, mußte er einräumen. »Da sahen Sie also die einzige
Möglichkeit darin, immer auf der Wacht zu sein, ihm zu folgen, wenn
er es wieder getan hat, und die gestohlenen Tiere dann
zurückzutreiben?«
»Ein bißchen komplizierter war's schon.«
»Was ich nicht verstehe«, sagte er langsam, »... gestern noch war
ich bei den Hirten, und die sagten, seit die Tiere in den Scheunen
sind, ist nichts mehr vorgefallen.«
Louise zuckte die Schultern. »Wenn Sie dort waren, wissen Sie auch,
wie unübersichtlich die Koppeln sind. Und die da oben lassen den
Hund beinah jeden Tag über unser Gelände stromern. Wenn er
versprengte Tiere findet, scheint er sie zum Zaun zu treiben, als
gehörten sie zu denen da oben. Wahrscheinlich wollten die Hirten
morgen früh Meldung im Haus machen, daß nun doch wieder einige
fehlen; die Mühe können sie sich jetzt sparen. Sie werden sich nur
wundern, wenn sie draußen auf die Ausreißer treffen.« Sie lächelte
grimmig und trank einen Schluck.
»Aber wie kommt der Hund durch das Tor im Zaun?«
»Sie öffnen es natürlich für ihn.«
»Kann man sie nicht beim Öffnen oder Schließen stellen?«
»Sie ziehen es aus sicherer Entfernung mit Drähten auf. Die würden
bei einer Nachtaufnahme nicht auf dem Foto erscheinen. Sie selbst
sind hinter Bäumen versteckt. Und sie haben das Tor so gearbeitet,
daß es in seine Fassung springt, wenn die Drähte nachgelassen
werden.«
»Aber wie bekommen Sie die Tiere zurück? Sind sie nicht
eingesperrt? Schlägt der Hund nicht an, wenn Sie auf das Gelände
kommen?«
»Natürlich sperren sie die Tiere ein, aber diese Bruchbuden von
Ställen! Es ist nicht schwer, ein paar Planken zu lösen, die Tiere
herauszulassen, und die Planken wieder lose zu befestigen. Und der
Hund – ja, das ist schon merkwürdig, aber er muckst sich nie, wenn
ich da bin, so, als habe er überhaupt keine Lust, sein Revier zu
verteidigen. Er ist wohl nur 'n guter Schäfer, aber kein
Wachhund.«
»Aber die Leute? Wenn von denen einer Sie je sehen sollte
–«
»Die sind jeden Abend stockbetrunken. Ich höre ihr Gröhlen aus dem
Haus. Ab spätestens zwei Uhr in der Früh ist keiner von denen mehr
zurechnungsfähig. Die vertrinken alles, was sie sich
zusammenstehlen, glaub ich.« Sie streckte ihre Hand nach der
Whiskyflasche aus und goß einen guten Schuß in ihren Tee. Eric nahm
ihr die Flasche weg: »Sie wollen's denen doch wohl nicht
nachtun?«
»Nur noch diesen. Dann werd ich ein gutes Mädchen sein.«
»Ich finde wirklich, Sie sind ein gutes Mädchen. Ein sehr gutes
Mädchen.«
Louise schluckte hastig ihr Gemisch hinunter und tastete wie blind
nach einer weiteren Zigarette. Eric ließ langsam seinen Whisky auf
den Boden tropfen.
»Sie haben wohl das Recht zu wissen, warum ich so eklig zu Ihnen
war.«
Ihre Stimme klang ziemlich schwerfällig. »Zum einen: Sie haben mich
überhaupt nicht zur Kenntnis genommen – guten Tag, freue mich, Sie
kennenzulernen, Miss Fargus – das war's. Wahrscheinlich würden Sie
auch eine Schaufensterpuppe so ähnlich begrüßen. – Und ich sah, wie
Mutter Sie beobachtete, Ihnen mit den Blicken folgte, und sie hatte
dieses besondere Lächeln, wenn sie mit Ihnen sprach, diese
leuchtenden Augen, und immer suchte sie Ihre Nähe. So wie Mutter
Sie ansieht, hat sie nur meinen Vater angesehen. Vater war einer
wie Sie: groß und gut gewachsen, und sein Lächeln war beinah so
unwiderstehlich wie Ihres, und das war auch keine Schau, obwohl er
natürlich gelernt hatte, daß er überall gut ankam, besonders bei
Frauen. Sie sind ihm wirklich in mancher Hinsicht erstaunlich
ähnlich.«
Ein heftiger Schluckauf unterbrach sie, doch sie preßte die Stirn
auf die angezogenen Knie und sprach weiter.
»Ich hielt Sie für so was wie einen Mitgiftjäger und auch für einen
Quacksalber und Betrüger. Ich konnte einfach nicht verstehen, wie
Sie Excalibur so zutraulich machen konnten, wenn mein Daddy ihm
nicht einmal in die Nähe zu kommen wagte. Ich war ziemlich unfair
zu Ihnen, ich weiß das jetzt. Aber ich fing erst an nachzudenken,
als Sie sagten, Sie würden die Gestütsleitung nicht haben
wollen.«
»So habe ich das nicht gesagt.«
»Heißt das, Sie wollen doch?!«
»Nein. Aber das konnte ich Ihrer Mutter wohl schlecht ins Gesicht
sagen.«
Sie krauste die Stirn: »Touche! Ich fasse das als eine Lektion in
Diplomatie auf. Ich habe mich wirklich wie ein kleines Kind
benommen, Sie hatten ganz recht. Selbst von einer Siebenjährigen
kann man eigentlich erwarten, daß sie weiß, wann sie wenigstens den
Mund zu halten hat.«
»Schätze, Sie waren oft ganz schön müde und entsprechend reizbar,
wenn Sie die halbe Nacht hier draußen zugebracht haben.«
»Keine Großmut, Junker Eric«, sagte sie und bemühte sich um einen
ironischen Tonfall. »Sie zerstören mein Weltbild sonst ja völlig.
Ich habe mich wie eine Närrin aufgeführt.«
»Also gut. Närrin, ich werde Euch als solche behandeln.« Er goß Tee
in ihren Becher und hielt ihn ihr hin. »Euer Narrheit sollten noch
etwas trinken. – Haben Sie eigentlich keine Freunde? Sie leben hier
oben so abgeschieden, verbringen nach der Schule den ganzen Tag auf
Sunrise. Sie sollten Kontakt mit Gleichaltrigen haben, Louise;
junge Leute, mit denen Sie sich verabreden, mit denen Sie über
alles sprechen können. Sie sollten sich nicht hier oben vergraben
und versuchen, die Arbeit eines Erwachsenen zu tun. Sie haben doch
Verwandtschaft von väterlicher Seite in Glasgow. Würde es Ihnen
nicht Spaß machen, die mal zu besuchen, vielleicht in Museen und
ins Theater zu gehen, auf Partys,... na, was man eben so
tut.«
»Wer wird dann hier aufpassen?«
»Ab jetzt passe ich hier auf, und Sie verbringen die Nächte in
Ihrem Bett.«
»Klingt zu schön, um wahr zu sein. Sie werden ja nicht ewig
hierbleiben.«
»Eine Weile bleibe ich ja schon noch. Überlassen Sie sie
mir.«
»Was wollen Sie denn tun?«
»Es sollte sich ein Weg finden lassen, ihnen das Handwerk zu legen,
und dann wird niemand mehr aufpassen müssen. Und Sie können mit
ruhigem Gewissen Spaß haben.«
Wie war denen das Handwerk zu legen, fragte er sich, während er so
zuversichtlich sprach. Und Wolf ... einer der Hirten könnte ihn
leicht erschießen, wenn er ihn bei seinem verbotenen Treiben
erwischte. Er dachte an den Schrecken seines ersten Morgens hier,
als der Hund so unvermittelt zusammengebrochen war, und Louise
hatte gesagt, die Cochans hatten ihn abgerichtet – wie konnten sie
sein Treiben aus der Ferne steuern? Und da waren noch andere
Rätsel...
»Aber ich werde mich da gar nicht wohl fühlen«, unterbrach ihre
Stimme seine Gedanken. »Ich kenne da doch keinen in Glasgow, außer
Onkel und Tante und Pete.«
»Ihr Cousin?«
»Hm.«
»Wie alt ist er?«
Sie schien nachrechnen zu müssen und entschuldigte sich. »Es ist
'ne Weile her, seit ich ihn das letzte Mal sah ... da war er ein
pickelgesichtiger Bengel, der mich an den Haaren zog.«
»Ich wette, Sie haben damals Rattenschwänze getragen.«
Mit kindlich anmutendem Staunen sah sie ihn an: »Woher wissen Sie
das denn?« Dann sah sie den Schalk in seinen Augen und gab ihm
einen kleinen Klaps. »Sie machen sich über mich lustig, Sie
Ekel!«
Eric lächelte und zeichnete verschlungene Muster in den Boden. »Ich
verstehe etwas von Pferden. Nicht so sehr viel von Mädchen,
Louise.«
Sie schmiegte die Wange an ihre noch angezogenen Knie und
betrachtete ihn schweigend. Nachdem sie ihn eine Weile still
angesehen hatte, hob er den Kopf und sah, daß das Mondlicht alles
Kindliehe aus ihren Zügen gezaubert hatte – ihr Gesicht glich in
diesen Augenblicken dem feingeschnittenen Oval ihrer
Mutter.
»Immer nur Arbeit für Sie, nicht? Ich wünschte, Sie würden mir in
Glasgow Museen zeigen und mit mir auf Partys gehen.«
Er hätte sie überhaupt keinen Whisky trinken lassen sollen. Nicht
einmal einen Tropfen. »Sie werden also fahren?«
»Sie sind gut im Ausweichen, Mr. Gustavson.« Sie erhob sich und
wischte sich die derben schwarzen Hosen ab. »Ich werd's mir auf
jeden Fall überlegen. Und jetzt gehe ich nach Hause. – Das
erleichtert Sie, nicht?« fügte sie mit einem Anflug ihrer früheren
Bosheit hinzu.
»Sie scheinen mich ja für einen richtigen Frauenhasser zu
halten.«
»Ich glaub nicht. Ich glaub, Sie mögen Menschen einfach nicht
besonders. Im allgemeinen, heißt das. Sie sind mißtrauisch. Papa
war oft auch sehr zurückhaltend gegen andere. Vorhin sagte ich
noch, es schien manchmal, als sei ihm sein Charme geradezu
unangenehm, aber vielleicht war's das gleiche wie bei Ihnen.
Vielleicht hatte er Angst vor Menschen, Angst, daß sie ihn
verletzen.«
Eric saß noch auf dem Boden. Unbehaglich spielte er mit ein paar
Sandklumpen. »Ich wußte nicht, daß Psychoanalyse zu Ihren Hobbys
zählt«, sagte er rauh. »Und auf jeden Fall liegen Sie ganz
falsch.«
»Wenn Sie es sagen.«
Ein Sandklumpen kollerte aus seiner unruhigen Hand auf den Boden
und Eric fragte sich, woher dieses frühreife Mädchen seine
Einsichtigkeit nahm. Er hatte sie unterschätzt. Was konnte sie
wissen von seiner Kindheit, dem Sehnen nach Liebe und Geborgenheit,
und den Strafen, den harten Worten, die es statt dessen gegeben
hatte? Was von der Grausamkeit der Kinder in der Schule, nachdem
sich herumgesprochen hatte, daß er keine Eltern hatte?
Womöglich verfügte sie über ein ähnliches Feingefühl wie er selbst.
Und da sagte sie, als habe sie seine Gedanken gelesen: »Den Tieren
können Sie helfen, und Sie lieben sie. Aber Sie selbst – ... Wissen
Sie, was ich Ihnen wünsche?«
»Louise, bitte –«
»Schon gut, schon gut, ich bin gleich verschwunden. Ich wünsch
Ihnen, daß bald eine daherkommt, vor der Sie sich nicht so in acht
nehmen wie vor allen anderen, und daß sie Ihnen zeigt, daß Sie das
auch gar nicht müssen. Und ich hab so das Gefühl, daß das gut für
Ihr Zusammenleben mit allen anderen Menschen wäre.«
Er erhob sich langsam. »Ich frage mich, wo Sie diesen ganzen
Klamauk hernehmen, Louise. Ich denke, ich gewöhne mich doch lieber
wieder an den Gedanken, daß Sie ein unerhört unreifes Früchtchen
sind.«
»Wenn Sie es sagen«, sagte sie wieder. Dann kam sie zu ihm, stellte
sich auf die Zehenspitzen, legte die Hand auf seine Schulter, zog
seinen Kopf tiefer und drückte ihm einen whiskydurchtränkten Kuß
auf die Wange. Er schob sie sanft von sich und nahm ihr kleines
kaltes Gesicht zwischen seine Hände. »Louise, ich lasse Sie so
nicht allein nach Hause gehen, ich fürchte, Sie haben einen
anständigen Schwips. Haben Sie wirklich jemals Whisky
getrunken?«
»N ... nein, eigentlich nicht. Nein, keinen Whisky. Manchmal ein
Glas Wein oder Sekt.«
»Warum haben Sie das vorhin nicht gesagt? Ich habe Sie doch
gefragt!«
»Das ... stimmt nicht ganz. Sie sagten, Sie vermuteten, ich sei an
Whisky ebenso gewöhnt wie an Zigaretten ... ich rauche sehr gern,
und ich kann mich aus der Ebenholzbox auf dem Kaminsims jederzeit
bedienen, ohne daß es auffällt – Mutter achtet nur immer darauf,
daß die Box gefüllt ist, für den Fall, daß Besucher rauchen
möchten. Sie hat zu viel zu tun, um die Zigaretten zu zählen. Aber
Whisky ist was anderes.«
»Nun, und?!« Er hielt ihre Schultern fest und schüttelte sie
kurz.
»Na, ich wollte nicht wie ein Baby in Ihren Augen
wirken.«
»Und da gössen Sie das Zeug in sich hinein!«
»Jetzt übertreiben Sie aber.«
»Louise –«
»Ich sehe Sie dann morgen.« Und sie duckte sich unter seinem Griff
hervor, lächelte ihn an und marschierte sehr gerade den schmalen,
stellenweise kaum erkennbaren Weg hinunter. Die Dunkelheit sog ihre
schwarzgekleidete Gestalt bald auf, doch dann drehte sie sich noch
einmal um, und er sah das schwache Leuchten ihres bloßen Gesichts
und ihrer bloßen Hände, als sie auf etwas zeigte: »Mein Fahrrad!«
hörte er, und dann drang durch die Stille der Nacht ein leises
Lachen zu ihm. Wenig später sah er sie hügelabwärts schießen,
vertraut und verbunden mit dem Rad, wie er es mit den Pferden
war.
Nachdenklich hängte er sich seine Jacke über die Schulter, die sie
ihm in die Hand gedrückt hatte.
Vollmond.
Nur in den milden und klaren Nächten des Hochsommers an einer Küste des nördlichen Europa besitzt der Vollmond diese warme Pracht, diese eigentümliche Tönung von rötlichem Gelb, das nur langsam von seinem wie rauchverhangen wirkenden Gesicht weicht, um der silbrigen Farbe der Mitternacht Raum zu geben. Dieser große gelbliche Mond zog mit majestätischer Ruhe über die Wipfel der Wälder und übergoß alles mit seinem milden rötlichen Licht. Eric trabte auf Gray Beard durch die stille Nacht, und als sie endlich die Stelle am Grenzzaun erreicht hatten, wo er gestern mit Louise gesessen hatte, hatte der Mond seine warme Tönung verloren und stand als kalt leuchtende Scheibe hoch am Himmel und ließ den dicken Draht aufblinken.
Ein anstrengender Tag lag hinter ihm.
Am frühen Morgen hatte er herausgefunden, daß Solitaire nichts
duldete, was sie drückte; sie war an der Longe auf dem Abreiteplatz
so gut gegangen wie gestern am Halfterseil in der Koppel, bevor
Edward auftauchte. Als er sie nach der Arbeit getrocknet und
gestriegelt und dann versucht hatte, ihr eine Decke umzuschnallen,
hatte sie wild ausgeschlagen. Sie hatte sich sofort wieder
beruhigt, als es ihm gelungen war, sich ihr zu nähern und die
Schnallen der Decke zu lösen. Es lag nicht an der Decke: die
duldete sie ohne weiteres, ja, sie schien deren Wärme zu genießen.
Möglicherweise lag ihre Gereiztheit aber auch daran, daß sie rossig
war. Sein unruhiger Geist untersuchte eine Vielzahl von
Möglichkeiten. Und nicht nur damit beschäftigte er sich. Heute
waren die sechs Pferde eingetroffen, die er für Turner trainierte.
Es waren keine Hengste unter ihnen, es waren vier Wallache und zwei
Stuten, so daß sie gut auf Sunrise eingestellt werden konnten, ohne
daß Schwierigkeiten mit Excalibur zu befürchten waren. Keines von
ihnen hatte einen Unfall mit einem Schockerlebnis gehabt, wie etwa
Lionheart oder Sir Lancelot. Sie brauchten vor allem Ruhe, viel
Einfühlungsvermögen und Sanftheit, beim Training ebenso wie im
Umgang mit ihnen im Stall und auf der Koppel. »Ein wenig
verwildert« seien sie inzwischen wieder, hatte Turner gesagt. Sie
waren es keineswegs, jedenfalls nicht in Erics Augen. Freudig
hatten sie ihn begrüßt, geschmeidig und glatt waren sie unter ihm
gegangen, doch der fremde Stall, die Vielzahl von neuen Eindrücken
hatte sie zunächst sehr verunsichert und mitunter ein wenig bockig
gemacht. Dennoch – jedes einzelne der Pferde war nach seiner
Übungsstunde ruhig und entspannt gewesen.
Eric war heute auch wieder zu zwei dringenden Fällen gerufen worden
und hatte, während er mit einem Kälbchen kämpfte, das sich
weigerte, auf die Welt gebracht zu werden, und später, als er einer
Kuh ihre an einem Stacheldrahtzaun abgerissene Zitze annähte und
dabei immer wieder von ihr getreten worden war, aus tiefstem Herzen
um die baldige Genesung des Gemeindetierarztes gefleht. Nicht, daß
er nicht froh darüber gewesen wäre, helfen zu können; aber die neu
eingetroffenen Pferde kosteten eine Menge Zeit und Kraft, und er
merkte nach den vergangenen harten Tagen und Nächten, daß das
sprudelnde Überschäumen, das ihn nach dem Verlassen des
Krankenhauses erfüllt hatte, bemerkenswert schnell abgeebbt war.
Die zusätzliche Arbeit bei den Farmern hatte ihn so erschöpft, daß
ihm alle Knochen schmerzten, als er schließlich seine letzte
Aufgabe für den Tag erledigt hatte und ein wenig schwindelig von
Lance geglitten war.
Es blieb noch der Kontrollritt. Er hatte vor, die ganze Nacht hier
draußen zu verbringen. Die Cochans würden es bestimmt nicht auf
sich sitzen lassen, die gestern von Wolf gestohlenen Tiere gleich
wieder zu verlieren. Er war sicher, daß sich heute nacht etwas
ereignen würde. Und darum hatte er sich ein paar Decken von Claire
geliehen und auch ihren Imbiß dankbar angenommen. Es würde eine
lange Nacht werden. Wenn er zu schläfrig wurde, würde er ein paar
Runden schwimmen, das sollte ihn genügend aufmuntern. – Aber lange
konnte es nicht so weitergehen: kein Mensch kann den ganzen Tag
hart arbeiten und sich dann auch noch die Nacht um die Ohren
schlagen, jedenfalls nicht hintereinander. Auf dem Weg hierher war
er mehrmals auf dem Pony eingenickt, und nur sein über viele Jahre
trainierter Gleichgewichtssinn hatte verhindert, daß er vornüber
vom Pferd fiel, das ihn ebenfalls halb schlafwandelnd die sattsam
bekannte Strecke entlangtrug.
Er saß ab und führte das Pony die Anhöhe hinunter Seine Schritte
waren schleppend und schwer. Er atmete heftig, und kalter Schweiß
brannte auf seiner Haut. Zwei Stunden Schlaf ... zwei Stunden
sollte er Zeit haben. Er schloß die Augen und lehnte sich gegen
Gray Beard, der unbequem, aber unbeweglich wie ein Fels auf dem
unebenen Gelände stand. Er sollte sich doch lieber ein wenig
hinlegen. Zwei Stunden ... sie erschienen ihm wie eine köstliche
Ewigkeit, in deren Tiefen er Ruhe und Vergessen finden würde. Sein
Bewußtsein sank tiefer und glitt beinahe unmerklich durch das Tor
zum Schlaf. Er stand noch immer an das Pony gelehnt, als er bereits
fest schlief.
Was ihn geweckt hatte, wußte er nicht. Er fühlte nur eine unerklärliche Unruhe, und die Macht des Mondes war plötzlich wieder sehr laut in seinem Blut. Er hörte es in seinen Ohren rauschen und fühlte das starke, harte Klopfen seines Herzens gegen die Rippen. Gray Beard, der sich nicht gerührt hatte, während Eric wie ein Sack Korn gegen ihn gelehnt stand, drehte den Kopf und stieß ihn mit dem Maul an.
Eric sah sich um. Sie standen, umgeben von dichten Sträuchern und knorrigen kleinen Bäumen, ungefähr in der Mitte zwischen dem am Grenzzaun entlangführenden Pfad und dem kleinen See, der sein Ziel gewesen war, bis Schwindel und Müdigkeit ihn übermannt hatten.
Das Sprudeln des kleinen Baches klang laut und frisch in die Stille und weckte seinen Durst. Vorhin hatte er nichts davon gehört. Überhaupt waren seine Sinne jetzt wieder hellwach, und wenn er nun noch einige Schwimmzüge tat, würde er frisch für die ganze noch verbleibende Nacht sein. Gray Beard rutschte an seiner Seite die abschüssigen Stellen hinunter, gelangte auf ebene Erde und strebte dem Bach zu. Auch er war durstig. Doch dann verharrte er und blickte mit straff gespitzten Ohren aufmerksam zum See hinüber. Und da sah es auch Eric: Die silberüberglänzte Oberfläche des Wassers zeigte dunkle Furchen in ihrem glatten Spiegel, verursacht durch die Bewegungen eines Wesens. Er neigte sich ungläubig vor und sah – eine Frau! Emily? Louise? Aber Moment, das Haar ... das Wasser hatte es gedunkelt, aber weder Emily noch Louise hatten so langes Haar. Doch vielleicht täuschte ihn das Licht? Bevor er sicher sein konnte, drehte sie sich mit einer leichten Bewegung auf den Rücken. Er wandte sich um und rieb sich die Augen. Das mußte eine Ausgeburt seiner Phantasie sein. Er war eben doch nicht ausgeruht, nicht nach dem kurzen Schlaf. Noch einmal blickte er zum See. Sie war noch immer da. Keine Einbildung. Ein Stein löste sich unter seinem unruhigen Schuh und polterte in der silbernen Stille laut in die Tiefe. Da hob sie den Kopf und blickte in seine Richtung. Und dann rief sie seinen Namen.
Sie kam auf ihn zu und traf ihn auf der flachen Talsohle, ihr nackter Körper glänzend von Nässe unter dem hellen Licht, und schob sich mit einer leichten Bewegung von unbewußt erscheinender Anmut das nasse Haar aus der Stirn – eine Bewegung, die ihre Brust hob und den flachen Bauch spannte. Sein Blick wagte sich scheu über die straffe Wölbung ihrer Hüften hinaus, streifte über die langen, wohlgeformten Beine und floh zurück zu ihrem Gesicht. Sie lächelte ihn völlig unbefangen an und sagte mit einem leisen Lispeln, das ihre Unvertrautheit mit der Sprache verriet. »Ich dachte schon, du kommst nicht mehr.«
Das Lächeln paßte nicht zu ihren Augen, aber das nahm er für den Augenblick nur am Rande wahr. Er räusperte sich. Wie konnte sie so zutraulich sein? Sie kannten einander nicht. Kannten einander nicht? – Eine Kiefer, eine lang auf einem Ast ausgestreckte Gestalt, dunkel und schön und verlockend, mit Augen, deren Tiefen und Verheißungen unauslotbar erschienen; wie ein Blitzstrahl durchzuckte Eric dieses Wiedererkennen.
Und jetzt stand sie vor ihm, lächelte und sprach zu ihm, als seien sie alte Freunde. Aber er dachte an das Gespräch mit Louise in der letzten Nacht, und er sah darauf wieder das blühende Lächeln und die nicht dazugehörenden Augen, die sich halb unter den Lidern bargen und deren Blick etwas Abwägendes, Berechnendes hatte.
Unwirsch öffnete er seinen Rucksack und zerrte ein großes Badetuch daraus hervor, das er ihr mit einer brüsken Bewegung hinhielt: »Legen Sie das lieber um, Sie erkälten sich sonst!« Er bemühte sich, sie nicht anzustarren.
Sie nahm das Tuch, strich damit über ihre von Wasserperlen benetzte Haut, und ließ es dann an sich heruntergleiten. Das Blut raste schmerzhaft in seinen Adern.
»Das brauche ich nicht, Eric.«
»Woher kennen Sie meinen Namen«, fragte er erstickt. Sie kam näher.
»Jeder hier kennt dich. Jeder kennt deinen
Namen, weißt du das nicht?« Sie hob die Hand und strich über seine Wange. Sie roch gut nach dem frischen Wasser. Er hob den Kopf in Abwehr – wie konnte sie nur so ungeniert sein?
»Du bist hier so etwas wie eine Berühmtheit.« Die abgeschüttelte Hand glitt über seinen zurückgeworfenen Hals. Eric biß die Zähne zusammen gegen diese Macht, faßte sie bei den Schultern und hielt sie von sich. »Wer sind Sie?«
»Juanita«, sagte sie erstaunt. »Juanita. Du hast mich schon gesehen. Ich lag auf der Kiefer. Du hast mir direkt in die Augen gesehen. Erinnerst du dich nicht?!«
»Sie lagen auf einer Kiefer! – Können Sie mir
sagen, warum?!«
»Natürlich. Sie ist mein Fluchtpunkt. Von der Kiefer aus schaue ich
auf ... Besseres.«
»Besseres! Was heißt das?«
»Besseres, als meine Familie hat. Ich habe das schon oft getan. Und
dann sah ich dich, und es ließ mir keine Ruhe mehr. Ich wollte
...«
Sie drängte sich an ihn und zeichnete mit ihren vollen Lippen die
unsichtbaren Spuren ihrer Finger auf seinem Hals nach. Er lehnte
sich gegen den Baumstamm in seinem Rücken und schloß die Augen.
Seine Hände gruben sich fest in die nasse dunkle Haarflut, doch
sein Mund war scheu und vorsichtig, als er sich ihrem näherte. Sie
war es, die eine Hand heftig um seinen Nacken schlang, ihn zu sich
herunterzog und ihn küßte. Sein Blut flammte unter diesem
leidenschaftlichen Kuß auf. Er preßte sie an sich, und sie glitten
auf die Kühle des Bodens.
Eine innere Stimme ließ ihn innehalten.
Ohne Atem richtete er sich auf. »Nein«, brachte er
hervor.
»Caro!« Sie hob ihm die Arme entgegen,
doch er schüttelte den Kopf und neigte die Stirn auf die
angezogenen Knie, um sie nicht mehr zu sehen. Du bist verrückt, Mann, sagte eine andere Stimme in
ihm, du bist ausgehungert, und läßt eine wie
diese aus!
Ja, verdammt, tue ich. Und?
Und? – Was ist mit deiner Libido?
Die ist schon ganz in Ordnung. Aber da ist etwas ...
Wahnsinniger!
»Wo ist deine Kleidung?« wandte er sich an Juanita. »Ich hole sie
dir.«
»Gefalle ich dir nicht? Te quiero
mucho, weißt du, caro. Ich liebe
dich sehr.«
»Ohne mich zu kennen?« Lächerlich, wisperte die Stimme der
Nüchternheit.
»- Wo ist deine Kleidung?«
»Ich liebe, wie du aussiehst, wie du dich bewegst, wie du sprichst
... wie du mich küßt. Du hast es gern, mich zu küssen, nicht? Es
hat dir gefallen. Und du wolltest mich.«
Sie stieß einen sehnsüchtigen Laut aus.« Du wolltest mich ... du
bist hungrig, und du hast viel Feuer. Wie ich. Warum nimmst du mich
nicht, wenn du es doch so sehr willst?«
Er warf den Kopf auf. »Du solltest dich anziehen«, sagte er kühl.
Solange er denken konnte, hatte er seine Gefühle, oder zumindest
den Klang seiner Stimme, beherrschen müssen. »Ich kenne dich nicht.
Ich ... ich ...«, er holte tief Luft und endete wahrheitsgemäß.
»Ich schlafe nicht mit Frauen, die ich nicht kenne.«
»Oh, wenn du mich kennenlernen willst... wir haben die ganze Nacht
Zeit. Und wir können uns morgen wieder hier treffen.«
»Nun ...« Er verschluckte ein definitives Nein.
»Es macht dich wohl nervös, daß ich nichts anhabe?«
»Oh... ja!«
»Dann ziehe ich mich an«, sagte sie fröhlich. »Du bist drollig. So
furchtbar schüchtern.«
Sie schlüpfte in ihre nahe beim Ufer liegenden Kleider, kam zu ihm
zurück und legte ihm die Hand in den Nacken. »Du hast mich kaum
angesehen ... du bist wirklich schüchtern und auch sehr schön.
Schön und schüchtern. Das ist süß.« Sie flüsterte dicht an seinen
Lippen, und der reine Instinkt trieb ihn gegen sie.
»Ich habe mir seit langem schon gewünscht, in deiner Nähe zu sein.
Seit ich dich zum ersten Mal sah. Und noch mehr, noch viel, viel
mehr, seit ich dich schwimmen sah. Du bist so schön ...« Heiß
drängten ihre Lippen gegen seine, und das Fieber stieg. Sie öffnete
während dieses hitzigen Kusses behutsam sein Hemd und versuchte, es
von seinen Schultern gleiten lassen. Verlangen machte ihn
schwindelig. Zum Teufel mit Vorsicht und Mißtrauen – er wollte
sie!
- Er riß sich los und wich vor ihr zurück. »Ich sagte nein. Ich
meinte nein. Laß mich zufrieden!« Ruhiger fuhr er fort: »Du hast
kein Recht, hier zu sein. Es ist nicht dein Land.«
Dunkel, mit lodernden, lockenden Augen sah sie zu ihm auf. »Auch
nicht deines.« Ihre Leidenschaft konnte nicht echt gewesen sein,
wenn ihr Kühle so dicht folgte.
»Ich gebe acht.«
»Worauf?«
»Das weißt du sehr gut.«
»Nein.«
Er konstatierte diese Lüge kühl und machte sich, obwohl er sie
aller vernünftigen Überlegungen zum Trotz begehrte, nicht einmal
die Mühe, sie zu entschuldigen oder zu verbrämen. Es war eine Lüge.
Dennoch war er sanft zu ihr. »Juanita«, sagte er eindringlich und
fühlte sich sehr hilflos in dieser völlig unmöglich erscheinenden
Situation, »ich bewundere deine Aufopferung für deine Familie, aber
du mußt gehen.«
»Aufopferung? Wovon redest du, caro?«
Er stieß einen nun doch ärgerlichen und ziemlich gelangweilten
Atemzug aus: »Du hast mich beobachtet, im See. Deine Augen waren
es. Ich habe es gemerkt. Und ich kenne den Grund dafür.«
»Si, ich sah dich vorgestern, als du im See geschwommen bist, und
gestern, als du mit der Senorita sprachst. Danach gingst du wieder
schwimmen. Und heute ging ich schwimmen. Ich habe gehofft, du
würdest kommen.« Eine samtige, unwiderstehliche Lockung schwang in
ihrer Stimme.
Also hatte sie ihn mit Louise gesehen. Auch, als sie ihm das Tor
zeigte?
Sie war plötzlich wieder sehr nahe. Er spürte ihre Wärme und sah
ihre Schönheit. Sein Atem stockte, sein Blut stürmte gegen seinen
Verstand.
»Du mußt gehen, Juanita. Jetzt«, setzte er in trockenem Tonfall
hinzu, als sie unsicher um sich blickte. Darauf tat sie etwas sehr
Überraschendes. Sie hängte sich an seinen Hals und begann zu
weinen. Überrumpelt legte er ihr die Arme um die Schultern und
streichelte ihr Haar. »Nicht, nicht«, murmelte er
hilflos.
Das Schluchzen verstärkte sich. »Du schickst mich weg? Oh, bitte,
schick mich nicht fort! Ich kann an nichts anderes mehr denken,
seit ich dich gesehen habe. Seit diesem Tag ... wie du mich
angesehen hast! Und dann sah ich dich im Wasser, ich wollte dich so
sehr, und du wolltest mich, du wolltest mich doch, caro! Ich will
bei dir bleiben ... nur diese Nacht! Schenk mir nur dies, diese
eine Nacht!«
Kalte Abwehr klumpte sich in seinem Magen und seiner Brust
zusammen. In diesem Augenblick hätte er alles dafür gegeben, mit
Gray Beard tauschen zu können, der unbekümmert am Gras zupfte.
Dieser Gedanke brachte ihn wieder zu sich. Er nahm mit spitzen
Fingern ihre Arme von seinem Nacken und mußte dabei ziemlich grob
sein, weil sie sich an ihn klammerte. »Es reicht«, sagte er kalt.
»Hör auf damit. Du benimmst dich lächerlich.«
Verstört sah sie ihn an, schimmernde Tränen im Gesicht. Bei Gott,
sie war eine Schönheit...! Ihre Hände sanken herab wie welkende
Blumen.
»Du bist grausam«, murmelte sie erstickt. »Du trittst mich. Weil
ich dich liebe.«
Etwas wie Schmerz breitete sich in ihm aus. Seine eigenen Gefühle
waren oft getreten worden, er kannte diesen Geschmack von ganz
eigenartiger Bitterkeit, den die Demütigung hat. Er kannte ihn gut
genug, um ihn nicht einem anderen zufügen zu wollen. Aber er kannte
auch die Unaufrichtigkeit in all ihren feinen Nuancen. Er wußte,
daß sie falsch spielte. Und er wußte, daß es kein grausigeres
Schlachtfeld gibt als das der Seelen der Menschen. Er würde nicht
zulassen, daß sie Gefühle in ihm weckte, die ihn zu ihrem Werkzeug
machen würden.
»Geh jetzt«, sagte er sanft. »Du solltest nicht hier sein, das
weißt du.«
»Schon, wenn du es zuläßt.«
»Nein.«
»Du jagst mich tatsächlich fort?«
»Ich bitte dich zu gehen.«
»Deine feinen Unterschiede ...!« Sie verschluckte den Beginn eines
Wutschreis und sagte mit brechender Stimme: »Du hast keine
Vorstellung davon, wie es bei uns aussieht!«
»Diese Bruchbuden von Ställen«, hatte
Louise gesagt.
»Von der Kiefer schaue ich auf
Besseres«, klang Juanitas Stimme.
»Verstehst du nicht«, sagte sie jetzt, »ich muß da raus. Ich
ertrage es nicht länger.«
»Was?«
»Wie sie sind, mein Vater, meine Onkel, meine Brüder. Meine Mutter
hat sich für sie abgeschuftet, bis sie starb.« Diese neuen Tränen
waren echt. Es waren stille Tränen voller Schmerz.
»Mutter war einmal eine schöne Frau. Sie hatte viele Verehrer. Dann
begegnete sie meinem Vater. Er machte ihr den Hof – warf Rosen über
den Gartenzaun, bezahlte Musiker, um ihr eine Serenade singen zu
lassen; und als sie in die Heirat eingewilligt hatte, wurde sie zur
Sklavin. Viele Männer, die aus Südamerika kommen, bringen ihrer
Ehefrau keine Achtung mehr entgegen.«
»Wenn Frauen das wissen – warum heiraten sie solche
Kerle?«
»Nun ... eine Frau muß verheiratet sein, ab einem gewissen Alter.
Und natürlich hofft jede, daß ihr Mann anders ist, freundlicher.
Daß er lieber für sie und die Kinder sorgt als für sich selbst. Es
war Papa, der Mama ins Grab gelegt hat. Er, und die übrige
Verwandtschaft.«
»Und jetzt bist du die ... die Sklavin?«
»Si. Ich muß tun, was sie von mir verlangen.«
»Und was verlangen sie von dir?«
»Ich muß ihnen den Haushalt führen: putzen, kochen, ihre Wäsche
versorgen, sie bedienen, und –«
»Gelegentlich fremde Männer umgarnen, nicht? Zu ihren
Zwecken.«
Sie senkte den Kopf. »Si.«
»Und auch heute nacht.«
Bevor sie antworten konnte, nahm sein feines Ohr Laute
auf.
Laute von Tieren. Es war geschehen. Wolf war losgelassen worden und
kam jetzt wieder zurück. Mit seiner Beute. Und sie war ausgeschickt
worden für den Fall, daß er wieder auf Wachposition war. Hatte sie
nicht gerade selbst gesagt, sie müsse tun, was von ihr verlangt
wurde? Sie war tatsächlich ausgeschickt worden, um ihn abzulenken,
ganz wie er vermutet hatte. Dennoch war die Gewißheit grausam und
ekelerregend. »Du wußtest, daß der Hund unterwegs ist.« Seine Hände
taten den zarten Schultern weh. »Nicht wahr, du solltest mich hier
festhalten?!«
Ihr Kopf sank wieder tiefer. Sie nickte. »Si. Aber, caro, das hat
nichts zu tun mit dem, was ich sagte ... nichts zu tun mit dem, was
ich fühle – für dich fühle ...«
»Zum Teufel«, knurrte er geistesabwesend und schob sie von sich.
Sie ließ einen unwilligen Ruf hören, aber er achtete nicht
darauf.
Die Laute kamen näher. Er hörte klagendes Blöken und Muhen und über
diesen Lauten das Hecheln eines Hundes. Er wandte sich um, ließ
Juanita stehen und rannte den steilen Pfad hinauf, gegen das Tor
zu. Gray Beard trabte ihm nach. Eric hatte den Pfad erreicht. Eine
Gruppe von Schafen und Färsen trottete ihm entgegen, getrieben von
einem Schäferhund mit üppigem grauweißem Fell. »Wolf!« Der Hund
zögerte. Die Herde, die seine nachlassende Wachsamkeit sofort
spürte, begann sich eilig zu zerstreuen. Er achtete nicht
darauf.
»Wolf!« Vielleicht erkannte der Hund die Stimme. Vielleicht wußte
er, daß es der Mann war, mit dem er auf den Klippen Freundschaft
geschlossen hatte. Entschlossen setzte er sich in
Bewegung.
Sie trafen aufeinander, wo der kaum sichtbare Pfad zum See auf den
Weg am Grenzzaun stieß.
»Wolf!« Ein großer Ball aus Fell wirbelte im bleichen Licht des
Mondes auf ihn zu, als könne er nicht schnell genug zu ihm
gelangen. Dann war er heran, sprang in die Luft, preßte seine
kräftigen Vorderpfoten gegen seine Schultern und versuchte, sein
Gesicht zu lecken.
»Wolf!« Eric faßte den Hund um den Nacken und gab seinem Ansturm
nach; sie purzelten auf die Erde. Der Hund war wie toll vor Freude.
Doch plötzlich winselte er und sank nieder in eine Lähmung, wie
Eric sie schon einmal erlebt hatte. Er rappelte sich auf. Diesmal
würde er es herausfinden! Dieses Mal würde er das Geheimnis
ergründen, das Wolfs Besitzern ermöglichte, ihn zu
manipulieren.
Als dieser Gedanke durch seinen Kopf schoß, vernahm er ein
Rauschen, wie Wind in Bäumen und Sträuchern es nie hervorbringen
würde – das mußten sie sein! Sie mußten ja dasein, um das Tor zu
öffnen ... und Juanita war wahrhaftig bereit gewesen, vor ihren
unsichtbaren Augen ... Aber das Rauschen verriet, daß sie sich
davongemacht hatten. Er prallte gegen Juanita, als sie den kurzen
steilen Pfad erklomm. Er sah das kleine Gerät in ihrer Hand und
entriß es ihr. »Was ist das?« fragte er.
»Wir ... er gehorcht so schlecht. Damit können wir ihn
kontrollieren.«
Eric musterte das Ding. Es war ein Elektroschockgerät, das über
sehr weite Distanzen reichte. Er begann zu verstehen. Kalt sah er
sie an. »Sicher habt ihr auch eine dieser unhörbaren
Hundepfeifen?«
»Für Menschen unhörbar. Ja. Hier ist sie.«
Bevor sie die Hand schließen konnte, hatte er die Pfeife mit einer
raschen Bewegung an sich gebracht.
»Gib sie mir! Gib sie mir wieder! Es ist unsere einzige!«
»Das freut mich«, sagte er ruhig. Und er warf die Pfeife und das
Elektroschockgerät in einem weiten Bogen in die tiefe Schwärze des
Sees. Er lächelte kalt. »Und du sagst, ich sei grausam. Das ist
schon fast ein Witz. – So also habt ihr ihn fortgerufen, als er bei
mir war ... zuerst der Schock, und dann der Ruf mit der
Hundepfeife.«
»Vater tut das, wenn er zu lange aus bleibt. Er ist nicht gern bei
uns. Man muß ihn zwingen, zurückzukommen. Warum regst du dich
überhaupt so auf? Es ist doch bloß ein Hund!«
Wolf saß auf den Hinterkeulen und schmiegte sich an ihn; er wußte
genau, daß über ihn gesprochen wurde. Erics Hand reichte hinab und
ruhte auf seinem Kopf. Die pelzige Rute klopfte hoffnungsvoll auf
den Boden.
»Bloß ein Hund, ja?« Sie hätte keine ungeeignetere Wortwahl treffen
können. »Bloß ein Hund, sagen Sie. Danke, Miss Cochan. Damit haben
Sie alle noch offenen Fragen beantwortet.«
Er schwang sich auf das Pony. Ihre Schönheit ließ ihn nun kalt.
Ihre demütigende Situation in der Familie ebenso: Sie achtete Tiere
nicht. Ihm war übel. Ohne ein Wort wendete er das Pony von ihr
fort. Wolf schien an seinem Bein zu kleben. Gray Beard trabte
sofort an, ebenso bestrebt, von ihr fortzukommen. Ihr Ruf verhallte
in der stillen Nacht hinter ihnen.
Nebel kam plötzlich auf. Er behinderte die Sicht und schlich sich mit feuchter Kühle in ihre Knochen. Sie alle zitterten am ganzen Leib, als sie endlich das dunkle, stille Cottage der Hickmans erreicht hatten. Claire und David fuhren hoch, als sie das Trappen der beschlagenen Hufe vernahmen. Sie sahen sich nach einem kurzen Blick durch das Fenster an. »Ich helfe Eric mit dem Pony«, sagte David und tastete nach seinem Morgenmantel. Claire nickte. »Ich koche ihm einen Kakao währenddessen. Wird ihm guttun nach einem langen Ritt in diesem Nebel.«
Der Nebel an der Westküste Schottlands ist nicht zu unterschätzen. Er kommt meist ohne Ankündigung. Des Morgens nennen ihn die kundigen Einwohner »haar« und wissen ihn als Verkünder eines schönen sonnigen Tages zu schätzen; doch wenn er sich in den silberblauen Stunden des Vollmonds erhebt, ist ungewiß, wie sich das Wetter entwickelt. Gewiß ist jedoch, daß er für die Milde des Klimas ungewöhnlich kalt ist.
Der eisige Nebel war den drei Ankömmlingen in die Knochen gekrochen. Das Pony erholte sich schnell. Es stand bald im Stall und kaute Heu, geborgen und warm unter einer dicken Decke, die David ihm umgelegt hatte.
»Sie sollten nicht auf sein.« Erics Stimme
klang dünn. »Tut mir leid, daß wir Sie geweckt haben.«
Beinahe blind tappte Eric ins Bad. Vor der ins Schloß klappenden
Tür ließ sich der Hund nieder, mit flachen Ohren und leise
winselnd, wenn die Laute eines besonders üblen Würgeanfalls unter
der Türritze zu hören waren. Eric hätte seine Seele erbrechen
mögen. Immer wieder sah er Juanita mit dem kleinen Gerät und der
Pfeife vor sich, Juanita, die er geküßt und leidenschaftlich
begehrt hatte; Juanita, die Gequälte – die ihrerseits nichts dabei
fand, ein Tier zu quälen, um seinen Gehorsam zu erzwingen. Eine
Mischung aus Haß und Ekel schüttelte ihn und hielt ihn lange in
ihrer kalten, unnachgiebigen Faust. Es schien Stunden zu dauern,
ehe er zum letzten Mal die Toilettenspülung betätigte, sich Hände
und Gesicht wusch, ein weiteres Mal den Mund ausspülte und endlich
auf den Flur zurücktaumelte. Wolf war sofort an seiner Seite und
drängte sich an ihn. Claire kam ihm entgegen und legte eine Decke
um seine Schultern. Sie drückte ihn auf einen Stuhl in der Küche
und hüllte auch Wolf in eine Decke.
»Jetzt gibt es einen guten starken Kakao«, sagte sie fürsorglich
und lächelte Mann und Hund an. Eric versuchte, das Lächeln zu
erwidern, aber es gelang nicht recht. Wolf preßte sich gegen seine
Beine. Sein nervöses Hecheln beruhigte sich allmählich. Es roch
sehr gut nach Kakao in der Küche – jedenfalls hätte Eric den Geruch
als sehr gut empfunden, wenn sein Magen nicht noch so sehr in
Aufruhr gewesen wäre. Ein krampfhafter Schüttelfrost saß ihm in den
Gliedern, er mußte mehrere Versuche machen, ehe er seine Hand in
Wolfs Nackenfell senken konnte und sehr leise hervorbrachte: »Darf
er hier sein? Ich mußte ihn da wegholen, es war ... es war
...«
Claire lächelte. »Keine Sorge, Junge. Ein feiner Hund ist das. Er
wird auch Kakao bekommen, wenn er mag.« Sie beugte sich zu Wolf.
»Hättest du gerne welchen?« Der Hund wandte ihr vorsichtig witternd
den Kopf zu, empfing ihre Freundlichkeit und klopfte scheu mit der
buschigen Rute.
»So was Gutes kennt er wahrscheinlich gar nicht«, krächzte Eric.
Ihm war noch immer entsetzlich elend zumute. Wolf legte ihm sein
Kinn aufs Knie.
David stapfte herein und streifte seine Joppe ab, die er über
seiner Nachtkleidung getragen hatte. Er lächelte in Erics blasses
Gesicht und streckte die Hand nach Wolf aus. »Der Graue ist
versorgt, mein Junge, Lance geht's gut, und er nahm ihn, wie soll
ich sagen, großmütig auf, und – na, was 'n netter Hund!« Wolf
wedelte schüchtern.
»Du hättest doch wohl auch gern eine Schale Kakao,
stimmt's?«
Sie beobachteten, wie Wolf sich der flachen Schale näherte, in der
der Kakao so verlockend duftete – Claire hatte einen guten Schuß
kalter Milch hinzugegeben, damit der Hund nicht von der Hitze des
Getränks verschreckt wurde. Wolf streckte die Nase danach aus. Aber
er sah wieder zu Eric auf, setzte sich auf die Hinterkeulen und
klopfte mit seiner buschigen Rute auf den schwarzweiß gewürfelten
Boden der weiträumigen Küche.
»Wolf! Trink doch!« Eric streckte eine noch immer zitternde Hand
nach ihm aus und streichelte ihn. »'s wird dir guttun!«
Wolf schmiegte sich an ihn.
David grinste. »Trinken Sie, mein Junge.«
»Später.«
»Genau so viel später wird auch der Hund trinken, so sieht's für
mich aus.«
»Oh.« Eric hob seinen großen Becher und musterte die Flüssigkeit
mit Widerwillen. Sein Magen war durchaus nicht in der Stimmung,
irgend etwas – aufzunehmen. Wolf streckte wieder den Kopf nach der
Schüssel, doch er trank nicht. David hatte recht. Er würde nicht
trinken, bevor er nicht zumindest an seinem Becher genippt hatte.
Eric schloß die Augen, nahm einen Schluck, und zwang ihn gegen den
Protest des Magens hinunter. Es war heiß. Es war süß. Es war ...
tatsächlich, es war wohltuend, stärkend. Und er würde es bei sich
behalten können. Aber es war erst richtig, als Wolf sich zu seiner
Schale neigte und eifrig trank.
»Und jetzt«, sagte David, sein Gesicht genau beobachtend und dessen
gesündere Tönung erleichtert wahrnehmend, »und jetzt sollten wir
uns über das Vorgefallene vielleicht unterhalten, nicht,
Junge?«
Eric beobachtete Wolf, der seinen Kakao trank. Er hob seinen Becher
und nahm einen zweiten Schluck. Er fiel leichter und war um vieles
besser als der erste.
»Da gibt es nicht viel...« Seine Scheu war nicht leicht
aufzubrechen.
»Doch. Und ich denke, es wäre gut, wenn Claire und ich es hören. Da
ist doch eine Last, nicht?«
Schweigen.
»Eric?«
Er sah in ihre Gesichter. Er konnte ihnen trauen. Da begann er zu
sprechen.