16
Er spürte ihre Gegenwart in der Tiefe seines erschöpften Schlafes und erwachte davon. Unruhig zog er einen weiten Pullover und Jeans über seinen Pyjama und schlüpfte in Socken und
Tennisschuhe mit dicken Sohlen. Wolf hockte dicht neben ihm und hechelte verlegen und unglücklich. Er streichelte den schmalen Kopf. »Du mußt keine Angst haben, Junge. Halt dich erst mal zurück.«
Er war an der Tür, als sich ein Finger nach der Klingel ausstreckte, und öffnete sie, als die Glocke beinah erklungen wäre. Eine ganze Gruppe von dunklen Männern stand auf der kleinen Treppe, fest gefügt und entschlossen. Sie starrten ihn unter dem schwachen Nachtlicht feindselig an.
»Was kann ich für Sie tun?«
»Tochter sagt, Hund hier.« Die Worte waren nahezu unverständlich.
Der Sprecher schob sich jedoch vor, eine kleine kugelige Gestalt
mit einem Vollmondgesicht und einer Halbglatze, die mit einer Hand
hinter Eric in die Dunkelheit des kleinen Vorraums wedelte. Er
hielt den Kopf gesenkt, als er sprach, aber sein Blick aus schmalen
Augen jagte schräg nach oben, flitzte jedoch über Erics Schulter
und brauchte ein paar Sekunden, ehe er dessen steten, kalten Blick
halten konnte.
So also sah Juanitas Vater aus. Ihre Mutter mußte eine wirklich
sehr schöne Frau gewesen sein, um eine Tochter wie Juanita in die
Welt zu setzen.
»Wir hier gekommen, Hund holen. Wir wissen, er hier.«
»Ja, ich habe tatsächlich einen Hund hier«, sagte Eric unerwartet
freundlich, »wir werden sehen, ob er zu Ihnen gehört.« Er wandte
sich um und sagte leise »Wolf!« Wolf kam aus dem Hintergrund heran
und stand aufgereckt neben ihm. Er war jetzt nicht mehr ängstlich.
Eric konnte die Wellen von Haß geradezu körperlich spüren, die von
ihm ausgingen. Seine Hand reichte hinunter und legte sich auf das
weiche Nackenfell. Wolf warf den Kopf gegen seine Hand.
»Chucho!« kam es befehlend aus dem Dunkel. Eric zuckte zusammen.
»Chucho« bedeutet im Spanischen »Köter«. So nannten sie
ihn!
Wolf knurrte. Sein Nackenfell war aufgerichtet. Der kleine Dicke
machte eine schnelle, doch ungeschickte Bewegung nach ihm. Wolf
wich zurück und ließ die Reißzähne gleißen. »Chucho!« Ein tiefes
Grollen antwortete. Als der Mann ihn packen wollte, tauchte der
Hund tief und grub seine Zähne in die Hand. Der Mann stieß einen
spanischen Fluch aus, bevor Wolf losließ.
»Sind Sie sicher, daß das Ihr Hund ist?« fragte Eric wie nebenbei.
»Ich kenne keinen Hund, der einen Menschen anfällt, dem er sich
zugehörig fühlt. Im übrigen: Sie sollten die Hand ärztlich
versorgen lassen. Der Biß eines Tieres kann leicht eine
Blutvergiftung verursachen.«
Sie drangen wortlos auf ihn ein. Die schiere Masse schien ihn zu
überschwemmen. Er sah Messer blitzen. Wenn er die Tür zuschlug,
würden sie sie eintreten. Sie würden ihn kalt niederstechen und
Wolf wieder zu ihren Zwecken mißbrauchen. Nun, er war bereit, gegen
sie anzutreten. Vielleicht war es das letzte, das er tat, aber es
war auf jeden Fall richtig. Er reckte sich hoch. »Wolf ist nicht
Ihr Hund.«
»Er ist meiner!«
»Er scheint nicht dieser Ansicht zu sein.«
»Dios mio – ich –«
Die kleine kugelige Gestalt machte eine heftige Bewegung auf ihn
zu, und die anderen rückten nach. Es war wie in einem provinziellen
Schmierentheater, und seine Rolle war die des Verlierers.
»Weg mit euch!« Eine scharfe Stimme, das Schnappen eines
Schrotgewehrs, das entsichert wurde, verursachte Panik unter den
dunklen Besuchern und scheuchte sie weg. Eric stand ganz still und
starrte in die Nacht, bis David seinen Arm um ihn legte. »Sie sind
fort, mein Junge. Beim heiligen Andreas, wir haben's vermutet«,
sagte er leise. »Aber jetzt – ich stand im Hintergrund und hab
alles gehört und beobachtet. Wenn Sie einen Zeugen brauchen ... den
haben Sie, Junge.«
»Ich brauche Beweise.« Das runde rote Gesicht des Polizisten verfärbte sich um einige Grade und schien noch dicker zu werden.
»Aber ich habe es gesehen und gehört!« ereiferte sich
David.
»Nun, Sir, verstehen Sie mich nicht falsch, Sir, aber ...
äh
... wie ich die Sache sehe, hat Mr. Gustavson den Hund
widerrechtlich an sich gebracht, und die Cochans hätten
jedes
Recht, auf seiner Herausgabe zu bestehen. Daß sie es
nicht
tun, spricht unbedingt für ihre Friedfertigkeit.«
Er stützte sich auf seinen Schreibtisch.
»Friedfertig! Ich sagte Ihnen doch, sie kamen mit Messern
und wollten dem Jungen an die Kehle! Der einzige Grund,
aus
dem sie sich ruhig verhalten, ist, daß Eric dieses Zeugs,
diesen Schockapparat und die Pfeife, weggeworfen hat: sie
können den Hund jetzt nicht mehr zwingen.«
»Wenn es so wäre, Sir, wie Sie sagen, müßten sie sich nur
wieder dieses ... äh ... Material besorgen und hätten den
Hund
wieder unter Kontrolle, nicht wahr?«
»Sie können ja nicht wissen, wie es mit Eric und Tieren
ist
... Nichts könnte ihn noch einmal von ihm wegbringen.
Sehen
Sie doch selbst!« David deutete mit einer vor Zorn
zitternden
Faust auf Wolf, der dicht neben Eric hockte und
unglücklich
von einem zum ändern blickte. Schon jetzt war er von
Erics
Seite nicht mehr wegzudenken. »Keine Macht der Erde
bringt
diese beiden wieder auseinander!« David holte tief Luft.
Er
scheute wie viele seiner Landsleute vor großen Worten
zurück, aber jetzt hörte er sich sagen: »Mann Gottes,
können
Sie Liebe nicht erkennen, wenn sie Ihnen auf einem
Tablett
präsentiert wird?«
»Nun ... äh ... wenn Sie es so formulieren wollen ... äh
...
ja, ein hm, hm, inniges Verhältnis läßt sich wohl schwer
...
nun äh ... übersehen.«
»Fein.« David klang erleichtert und stellte noch einmal die Fakten
fest: »Diese Leute haben den Hund mißhandelt. Er will bei dem
Jungen bleiben, das ist ja nicht zu leugnen. Sie selbst haben es
bestätigt. Diese Leute haben versucht, mit Gewalt in mein Haus
einzudringen, um den Hund wieder an
sich zu bringen. Mit Messern.«
»Nun ... äh, Sir, dafür haben Sie keine Beweise.« »Zum
Donnerwetter! Dachten Sie, ich käme mit PolaroidFotos hierher?! Ich
bin froh, daß sie verschwanden, als ich
mit meiner Schrotflinte auf sie anlegte!«
»Bitte, Sir, es hat keinen Sinn, sich zu ereifern und zu
fluchen und ... äh ... dergleichen. Wir haben hier
wirklich
viel zu tun ... und außerdem könnte ich Sie belangen,
anderen
Menschen mit einer Schußwaffe gegenübergetreten zu sein,
wissen Sie ... äh. Außerdem ist dies ein recht heikles
...
ähem, nun, wie soll ich sagen ... Gebiet oder so. Sie
wissen
schon, was ich meine.«
»Nichts weiß ich!« schnaubte David. »Und was heißt
überhaupt: mich belangen? Ich habe eine Lizenz für das
Gewehr!«
»Wohl kaum, um damit auf Menschen zu zielen, Sir.«
»Beim heiligen Andreas, was sind Sie bloß für ein Hansw
...«
Eric griff ein: »Keine Beleidigungen, David«, raunte er.« »Wir
sollten verschwinden. Leute wie der sind nicht zu
überzeugen. Wollen Sie vielleicht in den Bau wegen
Beamtenbeleidigung?«
»Aber verdammt noch mal –«
»Ruhe. Ruhe. Lassen Sie uns gehen.«
»Aber wir sind überfallen worden!«
»Schätze, beim nächsten Mal sollten wir wirklich Fotos
machen und uns davor noch ans Telefon hängen, um diese
großartige Truppe zu aktivieren.« Er warf dem Beamten
einen
kalten Blick zu und drängte David aus der Amtsstube. »Das ist kein
Fair play! Was denken die sich eigentlich!«
David starrte verärgert auf den Zündschlüssel, schien
durchaus nicht willens, ihn zu betätigen.
»Ich weiß nicht«, sagte Eric und streichelte Wolfs Kopf,
der sich von hinten zwischen die Lehnen der Vordersitze
schob und ihn anstupfte. Unter seiner Berührung klopfte
die
Rute heftig auf den Rücksitz. »Ich weiß wirklich nicht. Vielleicht
ist es Bequemlichkeit. Vielleicht ist es Angst. Vielleicht hat er
auch ganz einfach recht. Wolf dürfte ja wirklich nicht bei mir
sein. Er gehört mir nicht. Das war ein Schlag ins Wasser, David,
wir sitzen nun mal am kürzeren Hebel. Lassen Sie uns fahren.«
Niemals zuvor hatte Eric einen Freund gehabt wie Wolf. Er war immer um ihn: neben seinen Füßen, wenn er in der Küche der Hickmans saß, und im Hintergrund des Wagens, wenn er zu einem eiligen Fall gerufen wurde. Er lag dicht neben seinem Bett und wartete außerhalb der Koppel auf ihn, wenn er mit Lance oder den anderen sechs Pferden Turners arbeitete. Wolfs Wärme, seine tiefe Anhänglichkeit wurden ein Teil seines Lebens. Er war dabei, als die Sechs auf den Transporter verladen wurden, und hätte wohl gern im Zuschauerraum gesessen, als sie für hohe Summen versteigert wurden. Als Turner anrief und das Ergebnis der Auktion verkündete, war Eric überglücklich.
»Zweihundertdreiundzwanzigtausend für Pearl!« wiederholte Eric Turners Worte, »und Zweihundertfünfundzwanzigtausend für Witch!«
Wolf wedelte heftig. Er schien genau zu wissen,
worum es sich handelte.
So ging es fort, bis Turner sich räusperte und sagte: »Ahem ... wie
sieht's denn mit der kleinen Araberstute aus?«
»Wenig Änderung, Sir Simon. Edward ist noch immer das
Schreckgespenst für sie, und ich kriege einfach den verdammten
Grund nicht heraus. Davon abgesehen – sie mußte bald auf die Weide
zu den anderen gelassen werden, damit Excalibur sie decken kann.
Und ... hm...die Arbeit mit ihr geht gut voran.«
»Schön. Aber weißt du, da sind schon wieder neue, die auf dich
warten. Werden dir gefallen. Besonders die Rappstute. Viel
Feuer.«
»Viel Feuer« bedeutete »Viel Angst«.
»Bildschön«, antwortete Turner auf sein Schweigen.
»Ja.«
»So wichtig ist die kleine Prinzessin nicht für mich, weißt
du.«
»Schade. Sie ist es nämlich wert.«
»Nun, das sind die anderen auch.«
»Aber Sie waren ganz verrückt nach ihr! Und sie ist ja auch etwas
ganz Besonderes!«
»Hm.«
»Sir Simon!«
»Ja«, kam es langsam. »Ja, ich wollte ein Fohlen aus ihr. Aber wenn
sie noch immer Zicken macht... es gibt andere Pferde. Nicht gerade
einen rein gezogenen Saqlawi-Araber, aber ... nun ... andere
Pferde. Und sie ist noch nicht einmal gedeckt. Das erste Fohlen
gehört ohnehin dir. Die ganze Sache dauert mir zu lange. Du
solltest dich da allmählich wegmachen, weißt du.«
»Hm.«
Turner hatte natürlich recht. Er sollte Lance auf einen Transporter
führen und ihn nach Mittelengland bringen, ihm den allerletzten
Schliff geben und lächelnd seinem Verkauf zusehen. Unruhig
trommelte seine Hand neben dem Telefon. Er
wollte Lance nicht hergeben, zum Teufel!
Vielleicht sollte er Sir Lancelot von Turner kaufen. Es würde ihn
ein Vermögen kosten, und das würde bedeuten, daß er die Erfüllung
seines Traums aufschieben mußte. Aber Lance ... Lance war das Opfer
wert. Wie Lionheart, wie Excalibur, war er eine Persönlichkeit, wie
sie nicht leicht zu finden ist. Ein Hengst wie dieser, mit seinem
feinen Charakter, seiner reinen Blutlinie, seinem unerhörten
Können, seiner Schönheit und Eleganz, war der ideale Vererber: er
konnte der Begründer eines neuen Stammes werden. Und außerdem:
Er wollte Lance nicht hergeben – er liebte
ihn.
»Sir Simon, ich muß dieser Stute beikommen.«
»Weil du ihr Fohlen willst.«
»Nicht nur deswegen. Es geht um sie. Ihr nächstes Fohlen ist ja für
Sie.«
»Unnötig, mich daran zu erinnern.«
»Vergessen wir mal das Fohlen für ein Weilchen.«
»Was heißt das?!«
»Es heißt... es heißt, daß ich hierbleiben muß. Das heißt
es.«
»Verdammt, Junge –«
»Lassen Sie die neuen Pferde hierherschaffen. Ich bin sicher, daß
die Fargus' nichts dagegen haben. Das heißt – sind Hengste
dabei?«
»Nein.«
»Gut. Geben Sie Peter einen Transporter. Er kann mir die Pferde
bringen.«
»Du bist ziemlich verrückt. Oder verdammt ehrgeizig. Was soll's,
kommt ohnehin auf das gleiche raus.«
»Da mögen Sie recht haben«, sagte Eric einlullend. »Werden Sie
Peter-?«
»Ja, ja, verdammt, schon gut!« Eine kleine, schweratmende Pause.
»Vielleicht komme ich sogar mit.«
Besser nicht, dachte Eric, sagte aber: »Das würde mich freuen. –
Wie viele sind's denn?«
»Fünf. Prachtpferde. Aber eben –«
»Ausgekekst.«
»Ja. Aber keines ist so schlimm dran wie Sir Lancelot. Keines,
denke ich, hat allerdings auch sein Niveau. – Na, hm ... die
Rappstute ... die ist schon was Besonderes.«
Diese Worte erweckten in Eric nicht mehr das frühere Interesse.
Seltsam.
»Wann kann ich dann mit Peter rechnen?«
»Wer spricht von Peter? Die Fahrt kann jeder der Jungs erledigen.
Werd sehen, wer gerade frei ist.« Es gab eine Pause, und Eric
dachte schon, die Verbindung sei unterbrochen, als Turner sagte:
»Es gefällt dir da, stimmt's?«
»Nun ... ja. Aber das ist nicht der Grund. Ich halte mein
Hierbleiben ...«
»Okay, okay, man muß ja nicht alles zerreden. Wir sprechen uns,
Junge.«
Turner legte den Hörer auf, ohne auf eine Erwiderung zu warten. Er
hatte auflegen müssen; er fühlte sich klamm und ganz klein. Er
forschte dieses Gefühl aus und kam zu dem Schluß, daß er verloren
wäre, wenn Eric ihn verließe.
Etwas trieb auch ihn dazu, gestörten Tieren zu helfen. Bedrängten
Tieren im allgemeinen und besonders ... Pferden. Daß gutes Geld
dabei für ihn herauskam, war eigentlich fast nebensächlich. Doch er
selbst würde nie mit Pferden so umgehen können wie Eric, und er
hatte Angst, seinen Zauberer zu verlieren. Erics Stimme eben am
Telefon war so erschreckend ablehnend gewesen.
Wenn Eric gehofft hatte, nach dem Verkauf der Riege der geheilten Pferde nun etwas mehr Ruhe zu finden, hatte er sich getäuscht. Die Gemeinde hatte auf den alten Tierarzt Timmy gewartet, und als sich die Nachricht von seinem Ableben herumsprach, war die Bestürzung allgemein.
Nach dem würdevollen Begräbnis brach ein wahrer Sturm über Eric herein. Notgedrungen mußte er sich einen alten Austin Morris für die Visiten zulegen, in dessen Kofferraum seine Medikamente und Instrumente klapperten und auf dessen Beifahrersitz Wolf hockte, seine Vorderpfoten gegen das Armaturenbrett gestemmt.
Dann kamen die Fünf von Turner. Er war mehr als vollbeschäftigt: Fünf schwierige Pferde, Lance, Solitaire, und dazu Koliken, Geburten, Prolapse, zerschnittene Glieder oder andere Verletzungen übler Art... und dazu die lang aufgeschobenen Fälle wie Holzzungen, steife Glieder, offenkundige Zahnprobleme. Eines Sonntags ratterte er in dem kleinen Wagen todmüde zum Haus der Hickmans zurück. Er blickte auf den hellen klaren Himmel und sah den Kindermond. Er war voll gerundet: Einen Monat war es nun schon her, seit er Louises Geheimnis gelüftet hatte, mit Juanita zusammengetroffen war und Wolf zu sich genommen hatte. Die Zeit war wie in einem Atemzug vergangen.
Es war erst Nachmittag, doch er fühlte sich wie gerädert. Er war um zwei Uhr früh zu einer kalbenden Kuh gerufen worden, darauf um fünf Uhr morgens zu einer Sau mit Krämpfen, und um sieben Uhr zu einem Pferd mit Kolik. Dann hatte er sich um die Fünf und um Solitaire gekümmert, und gerade, als er die Stute auf die Koppel zu den Reitstuten ließ, war der Anruf von Brian gekommen: Eine Kuh, die offenbar mit einer anderen zusammengerempelt war; ob er gleich kommen könne? Eine ausgerenkte Hüfte ist bei einer Kuh nicht leicht zu relokalisieren; es hatte ihn viel Schweiß und die Mitarbeit mehrerer Nachbarn gekostet. Er hatte eine Pause verdient.
Als er sich dem Cottage der Hickmans näherte, sah er den Wagen auf der Straße stehen. Es war ein schicker Japaner, dunkelblaumetallic lackiert. Besuch.
Davy, dachte er, ließ den kleinen Austin hinter dem eleganten Wagen stehen, winkte Wolf und schlüpfte nahezu lautlos in das Haus. Er würde sich Davy nicht zeigen, bevor er nicht geduscht und seine Kleidung gewechselt hatte.
Seine Schritte auf der Wendeltreppe waren kaum hörbar. Wolf schlich neben ihm her. Eric schlüpfte nach der Dusche in frische Kleidung, rasierte sich und ging hinunter in die Küche.
Dort saß Claire dem Besucher gegenüber. Ihr Gesicht zeigte zur Tür, während ihm die Rückfront des Besuchers zugekehrt war. Als Eric das dunkelrote Haar sah, das heute nicht in einen strengen Knoten gezwungen war, sondern in reicher Lockenflut auf die Schultern fiel, rief er: »Fayre Elaine!«
Als sie sich zu ihm umwandte, hatte er sich beide Hände erschrocken über den Mund gelegt, als versuche er, die Worte wieder zurückzuholen. Das Gesicht darüber war brennend rot geworden unter seiner Sonnenbräune.
»Ent ... Entschuldigung, Dr. Mercury. Das ...
das ist mir so rausgerutscht.«
Sie erhob sich, kam lächelnd auf ihn zu und reichte ihm die Hand.
»Fayre Elaine, das haben Sie schon einmal gesagt, und ... es klingt
doch sehr hübsch. Kommen Sie, Eric, und trinken Sie Tee mit uns.
Wir haben gerade erst damit angefangen; Claire meinte, Sie wären
wohl aufgehalten worden, aber es ist schön, daß Sie schon da sind.
Ich habe übrigens >Meine Reise mit Charly< gelesen, nachdem
Sie mich darauf aufmerksam machten. Es hat mir sehr
gefallen.«
John Steinbecks Bücher waren ein Thema, für das Eric sich immer
erwärmen konnte, gleichgültig wie verlegen oder bestürzt er sein
mochte. Die Röte verließ sein Gesicht, seine Augen begannen zu
funkeln. »Und ... haben Sie auch Jenseits von Eden<
gelesen?«
Elaines Gesicht leuchtete auf. »Gelesen? – Ich habe es
verschlungen! Und als ich es aus hatte, las ich es noch einmal,
viel langsamer.«
Bald waren Eric und Elaine ganz in ein Gespräch über ihre
Lieblingsbücher vertieft, fanden gemeinsame Vorlieben und
Abneigungen und freuten sich über das gegenseitige Verständnis.
Claire goß ihnen währenddessen Tee nach und plazierte appetitliche
Happen auf ihren Tellern. Tee und Happen verschwanden unter
eifrigem Geplauder, ohne daß es den beiden bewußt zu sein schien.
Sie hatten nur Augen füreinander. In einer Gesprächspause, in der
sich die beiden jungen Leute nur ansahen, warf Claire leise ein:
»Zeigen Sie doch Elaine unseren Prince Charming! Sie hat Pferde
sehr gern.«
»Tatsächlich?« Erics Blick gewann noch mehr an Tiefe. »Und reiten
Sie auch?«
»Ach, nicht besonders gut, ich habe ja wenig Zeit, und ich hab auch
spät damit angefangen. Aber ich mag es. Ich meine, nicht nur das
Reiten. Es ist auch schön, ein Pferd zu versorgen, es vor und nach
dem Reiten zu striegeln und so weiter.«
»Nicht wahr?«
»Sie könnten ihr auch Solitaire zeigen«, sagte Claire und schenkte
beiläufig Tee nach. »Und ich mache Ihnen einen Proviantkorb
zurecht. Ist Ihnen das recht?«
Die Blicke der beiden sagten mehr als Worte.
»Sir Lancelot ist wirklich ein beeindruckendes Pferd«, sagte
Elaine. »Ich meine, er ist nicht nur unglaublich schön, und dazu
noch ein Genie ... er hat einfach eine Ausstrahlung, die mich
verblüfft, wissen Sie. Als ich vor ihm stand, hatte ich für einen
Augenblick das Gefühl, etwas würde mich von den Füßen reißen.« Ihre
Augen wanderten gegen den Himmel und dann wieder zu Eric. »Gibt es
Worte, um so etwas zu erklären?«
»Vielleicht. Ich habe sie nicht. Aber wenn Sie es spüren können,
Elaine, dann sind Sie etwas Besonderes. Die wenigsten Menschen
können das.«
Sie betrachtete ihn und sagte: »Auch Solitaire ist etwas
Besonderes.«
»Ja. Ja, das ist sie.«
»Ihr Job ist sicher nicht leicht.«
»Nicht unbedingt.«
»Aber er macht Ihnen Freude.«
»Es ist gut, helfen zu können.«
Sie goß ihm Wein nach. »Ja, ich weiß, was Sie meinen.« Sie dachte
dabei an endlos scheinende Einsätze, an dreißig, fünfunddreißig
Stunden Arbeit ohne Schlaf – aber er hatte recht, es war gut, es
war unerhört gut, helfen zu können. Nachdenklich nippte sie an
ihrem Glas. »Haben Sie die Absicht, das Ihr Leben lang zu
machen?«
»Wie sieht's bei Ihnen aus?«
»Sie sind nicht fair. Ich hab zuerst gefragt.« Das schelmische
Lächeln zauberte das Grübchen in ihre rechte Wange und ließ es
tanzen.
»Stimmt.«
Sie sah ihn an. Er war müde, und sie respektierte die Müdigkeit
eines anderen. Sie kannte diese abgrundtiefe Müdigkeit aus eigener
Erfahrung gut genug, um sie zu respektieren, aber sie wollte nicht,
daß er ihr gerade jetzt entglitt.
»Keine Spielchen, Eric, bitte. – Wollen Sie das Ihr Leben lang
machen?«
Irgendwann wirst du es nicht mehr können.
Irgendwann wirst du zu alt sein dafür. Irgendwann kommt ein junges
Pferd daher wie Solitaire, krank vor Angst, und schlägt dich
nieder, bevor du es auf deine subtile Weise erreichen
kannst.
»Ganz sicher nicht.« Er streckte sich aus, und ihr entschlüpfte ein
unhörbarer Seufzer. »Und was wollen Sie?«
Er zuckte aus seiner Schläfrigkeit auf, zögerte und trank einen
Schluck Wein. Er sah sie forschend an. Und dann, in der
spätsommerlichen Pracht der marchairs, gaben seine Barrieren nach,
und er sprach zum ersten Mal in seinem Leben zu einem anderen
Menschen von seinem Traum.
»Irgendwo?« sagte Elaine nach einer Weile. »Es wäre Ihnen gleich,
wo Sie Ihr Gestüt haben?«
»Guter Boden. Gute Pferde. Das zählt.«
»Ja.« Nachdenklich zeichnete sie Muster auf die Erde. »Ich
verstehe.« Ihr Blick verlor sich im Himmel und in der großartigen
Küstenlandschaft um sie herum. »Ich bin wohl hoffnungslos ... nun,
was auch immer, aber ich würde dieses Land niemals verlassen. Es
gehört zu mir. Und ich zu ihm.«
Dieser umherschweifende, sprechende Blick offenbarte sie ihm. Er
mußte sich räuspern, ehe er sagen konnte: »Ich kann das
verstehen.«
»Tatsächlich?«
»Gewiß.« Er erkannte Liebe, wenn er sie sah; und sah auch die
Konsequenzen, die sich daraus ergaben. Er räusperte sich erneut und
fuhr scheinbar ruhig erklärend fort: »Für die Pferdezucht wäre
allerdings ... sehen Sie, Elaine, die Herde der Fargus' ist
wirklich großartig, aber sie läuft über ein riesiges Gelände, und
ich bin nicht bereit, mehrere Morgen mageren Landes zu pachten oder
sogar zu kaufen, um auf eher unergiebigem Land meine Pferde zu
weiden. – Irland ist mit seinen fetten Wiesen viel besser geeignet.
Die Gegend um Connemara ist sehr gut. Oder auch Kent, unten in
England.«
Ihr Blick verdunkelte sich, aber sie nickte. »Sie werden dann nicht
mehr sehr lange hier sein, nicht wahr?«
Er mußte schlucken, ehe er seine Stimme beherrschen konnte. »Das
ist abzusehen.« Auf einmal fühlte er sich niedergeschlagen und
unsagbar müde.
Seine Augenlider wurden schwer. Elaine sah, wie es in seinem
Gesicht zuckte, als er versuchte, wach zu bleiben, und wie das
Weinglas bedenklich in seiner Hand schwankte; dann übermannte ihn
endgültig die Müdigkeit. Sie nahm behutsam das Glas aus seiner
Hand, streifte ihre dünne Bluse ab, und legte sie über sein
Gesicht.
Die Sonne verbrannte ihre letzten kraftvollen Strahlen gerade über
dem Küstenausläufer, auf dem sie ihr Picknick veranstaltet hatten,
und es war nicht ausgeschlossen, daß er trotz seiner Bräune einen
Sonnenbrand bekam. Elaine saß in ihrem ärmellosen Shirt im
Schneidersitz auf der Decke und holte nachdenklich eine Zigarette
aus ihrer Handtasche. Wolf näherte sich ihr zutraulich, leckte ihr
dankbar die Hand und streckte sich neben ihr aus.
Als Eric erwachte, war es wie bläulicher Nebel vor seinen Augen. Er blinzelte verwirrt und fuhr sich über die Stirn. Etwas Weiches rutschte von seinem Gesicht, und seine Sicht wurde wieder klar: Der Tag verblaßte, abendliche Schatten begannen aus der Erde zu kriechen. Er sah hastig zu Elaine hinüber, die noch immer im Schneidersitz auf der Decke saß, den schläfrigen Wolf kraulte und zum Meer blickte. – »Es tut mir leid. Ich wollte bestimmt nicht einschlafen, wirklich nicht. Mein Gott, Sie müssen mich ja für den unhöflichsten Stumpfbock der Welt halten.«
Ihr Blick kam lustig blinzelnd zu ihm zurück. »Aber nein, Eric, wirklich nicht. Sie waren erschöpft. Fühlen Sie sich jetzt ein wenig ausgeruhter?«
Sie streckte sich näher und angelte nach ihrer
Bluse, lächelte ihn an. »Und Sie schnarchen nicht
einmal.«
Ein Schleier von Schlaf nistete noch in seinem Gehirn und verhüllte
seine für gewöhnlich übergroße Vorsicht; ließ ihn ihre Hand
einfangen und festhalten. Elaine vergaß die Bluse und sah ihn
fragend an. – »Das war sehr lieb von Ihnen – die Bluse, meine ich.
Danke.«
Seine Augen, die Sehnsucht darin, machten sie unruhig. Dieser
tiefe, dunkle Blick paßte nicht zu der ruhigen Stimme und auch
nicht zu den Worten. Sie lächelte beklommen und setzte zu einer
unverbindlichen Erwiderung an; und schwieg, als er sich zum Sitzen
aufrichtete und eine Hand sanft über ihre Wange streichen
ließ.
»Ich möchte nicht zudringlich sein«, flüsterte er. »Aber Sie sind
wirklich eine wunderschöne Mischung, Elaine.« Scheu strichen seine
Hände ihre bloßen Arme entlang und schoben sich behutsam in die
dunkelroten Haare. Die glänzenden Locken umflossen sein Gesicht,
als sie eine kaum wahrnehmbare Bewegung auf ihn zu machte und einen
Kuß auf seine Lippen hauchte. Die leichte Berührung genügte. Hitze
flammte zwischen ihnen auf. Der Kuß war von einem verzweifelten
Hunger. Elaine, Schönste, Fayre Elaine ... niemals zuvor hatte er
sich so sehr nach einer Frau gesehnt, nach ihrer Wärme, ihrer Nähe,
ihrem Wesen. Dasselbe Feuer loderte in Elaine. Sie schmiegte sich
in die hitzig fordernde Umarmung. Du warst mein Patient ... und du
könntest alles für mich sein –
Sie rückten im selben Moment voneinander ab.
»Es tut mir leid«, murmelte Eric. Er schlang die Arme um die
angezogenen Beine.
»Und mir... auch. Ich... ich weiß nicht, was da über mich
kam.«
Ihre Blicke tauchten ineinander. Sie wußten es beide. Und sie
wußten, was zwischen sie gekommen war – die Gewißheit, zueinander
zu gehören, und doch bald getrennt zu sein.
Missy ließ ein rotes Pfötchen sinken, mit dem sie ihr Gesicht geputzt hatte, und beobachtete Sir Lancelot, der an den Balken der Garagentür herumspielte. Seine Zähne hatten eine unebene Stelle gefunden, und plötzlich öffnete sich die Tür einen Spalt breit. Verblüfft schob er den Kopf vor. Die Tür schwang auf. Zögernd trat er hinaus. Die dunkelblaue Nacht war warm und lockte mit erregenden Düften. Er hob den Kopf und reckte ihn abenteuerlustig gegen die Anhöhe, nach Sunrise zu. Die verlockendste aller Geliebten flüsterte ihm zu: die Freiheit. Sir Lancelot fühlte den schon einmal erlebten Rausch in seinem Blut. Zielstrebig setzte er sich in Trab.
Missy ließ sich von dem Steintrog tropfen, watete durch das Stroh und blieb am Eingang der Garage sitzen, wo sie ihre Katzenwäsche wieder aufnahm.
Das Tor zu Sunrise bedeutete für Sir Lancelot kein ernst zu nehmendes Hindernis. Es hob sich solide und gut sichtbar im Mondlicht ab, und er beschleunigte kaum seinen Trab, bevor er federnd hinübersetzte. Er hielt auf der Kuppe, und die Weite des Anwesens lag vor ihm. Prüfend sondierten seine Nüstern die Luft. Der Geruch, der ihn angelockt hatte, kam von dort unten. Er warf den Kopf hoch und wieherte triumphierend. Ein dünnes Wiehern aus der Koppel antwortete. Für einige Sekunden trat er zusammengeballt vor Erregung auf der Stelle, dann jagte er in gestrecktem Galopp mit hoch erhobenem Schweif die Anhöhe hinunter. Solitaire kam ihm entgegen. Ihre Nasen berührten sich durch die Latten, es folgte das tiefe Schnauben und rituelle Ausschlagen, dann wendeten beide Pferde auf der Hinterhand und jagten nebeneinander zu beiden Seiten des Zauns entlang, um wieder schnaubend zu verhalten. Es war der dritte Tag von Solitaires Rosse, und sie war sehr interessiert an diesem Hengst. Sie schnappten nacheinander durch die Bohlen, aber das genügte ihnen bald nicht mehr. Lance streifte um den Zaun zum Tor. Er erinnerte sich an die Erfahrung, die er vorhin in der Garage gemacht hatte. Seine Nase prüfte gründlich und stieß probeweise gegen den Holzbalken, der als Riegel diente. Die Stuten sammelten sich erwartungsvoll vor dem Tor. Der Balken bewegte sich, wenn er seine Nase unter ihn schob. Er versuchte es noch einmal, der Balken gab nach, und das Tor schwang auf. Augenblicklich drängte er durch die Reitstuten auf Solitaire zu, sonderte sie von den anderen ab und beschnoberte sie. Er drängte an Solitaires Seite und zwickte sie sanft in den Hals, er umtanzte sie und warb um sie mit einem Reigen ritueller Bewegungen, und schließlich trieb er sie mit behutsamen Kopfstößen aus der Koppel ins Freie. Seite an Seite galoppierten die beiden Pferde über die weite Wiese, zwei fliehende, graziöse Schatten im Licht des Mondes. Dann verhielten sie, und der Hengst bäumte sich über den Rücken der Stute, hielt sie zwischen seinen Vorderbeinen und fuhr mit dem Maul ihre Mähne entlang.
Elaine und Eric saßen noch immer auf dem Küstenausläufer. Die anziehende Spannung zwischen ihnen vibrierte fortwährend, und wenn sie ihr auch in schweigender Übereinkunft nicht nachgaben, so konnten sie sich doch noch nicht voneinander trennen. Und es mangelte ja auch wirklich nicht an Gesprächsstoff. Sie sprachen von ihrer Arbeit, von ihrer Zeit an der Universität, von Hobbys und Abneigungen und Vorlieben. »Haben Sie die Verfilmung von Henry V. gesehen, Elaine?«
»Von Kenneth Branagh, mit ihm in der Titelrolle?« Er lächelte. Wenn eine Geistesverwandtschaft zwischen ihnen existierte, war dieser monumental angelegte Film der Prüfstein: »Sie haben sie gesehen. Was halten Sie davon?«
»Ich habe den Film mehrmals gesehen
...«
»Das muß man auch.«
»Beim ersten Zuschauen überwältigte mich einfach alles ...
Ich glaube, ich schwankte ein wenig, als ich aus dem Vorführsaal kam. Ich nahm Bilder mit, aber vor allem die Musik ... und von der Musik vor allem das >Non Nobis<.«
Elaine blickte in den sternenübersäten Himmel. »Vielleicht ist es keines von Shakespeares besten Stücken. Gemessen an den anderen, meine ich. Aber Henry V. ist einer der besten Filme, die ich je sah.«
Eric lächelte still. Nie zuvor war er einer begegnet, deren Interessen und Ansichten seinen eigenen so sehr glichen. Sein Wesen verlor sich in der wunderbaren Szenerie um sie herum, mit dem Meer im Hintergrund, glitzernd unter dem Schein des Mondes, der noch seine frühe, die gelbliche Tönung hatte, dieser Weite und wilden Schönheit um sie her ... er konnte verstehen, daß Elaine nicht fortgehen würde.
Aber er durfte nicht zulassen, daß dieser Zauber der Landschaft und der Menschen ihn fesselte. »Ist noch ein bißchen Wein da?« fragte er.
Elaine sah in dem großen Picknickkorb nach und prüfte mit zusammengezogenen Augen die Etiketten. Bei diesem Licht ließ sich die Farbe des Weines nicht mehr bestimmen. »Claire hat uns wirklich reichlich versorgt. Möchten Sie roten oder weißen?«
»Trinken Sie auch noch ein Glas?«
»Puh ... ich muß noch fahren«, gab sie zu bedenken. »Warum
übernachten Sie nicht bei den Hickmans? Es gibt
Platz. Sie könnten morgen ganz früh zurückfahren, dann sind Sie rechtzeitig zum Dienst da. Es ist doch auch nicht so weit.«
»Ich muß morgen nicht arbeiten.«
Ein freudiger Schreck durchzuckte ihn, und impulsiv ergriff er ihre Hand. »Elaine«, bat er. Seine Augen sagten, was ihn seine Schüchternheit nicht herausbringen ließ.
»Oh ...« Sie wandte den Blick ab; als sie ihn wieder ansah, war ihr Lächeln weniger schelmisch als gewöhnlich. »Nun, dann trinke ich noch ein Glas Weißwein.« Sie entzog ihm eilig ihre Hand und machte sich wieder an dem Korb zu schaffen, als sie plötzlich lauschend den Kopf hob. »Was ist das? Es klingt wie Donner. Und ich habe das Gefühl, die Erde vibriert.«
Eric hatte es auch gehört. »Das ist die Herde der Fargus'. Wenn Sie Glück haben, werden Sie vielleicht noch Excalibur begegnen.«
»Ui, dem berühmten Roten?«
»Ja. Frage mich nur, warum er die Herde in der Nacht über das
Gelände treibt. Vielleicht hat sie etwas erschreckt.« Cochans,
dachte er mit aufschießender Panik. Sollten sie versucht haben,
sich an den Pferden schadlos zu halten?
Dann klang ein gellender, wilder Ruf zu ihnen. Eric hatte ihn schon
einmal gehört, aber aus weiterer Ferne als jetzt; es war Excaliburs
Herausforderung. Und dieser Ruf wurde von einem ganz ähnlichen
beantwortet. Er erbleichte und stand rasch auf. »Oh, nein, bitte
nicht!«
»Klingt, als kämen sie auf uns zu.«
Seite an Seite erklommen sie den Abhang, und auf der weiten Wiese,
auf der Wolf damals verschwunden war, kam ihnen der Pulk der
Zuchtstuten von Sunrise entgegen. Excalibur umkreiste sie und
bannte sie an eine Stelle wie in eine unsichtbare Koppel.
Imponierend baute sich seine königliche Gestalt, schwarz vor dem
Silberglanz des Mondes, dann vor seinen Stuten auf, den Kopf hoch
erhoben.
»Er wittert etwas, nicht wahr?« wisperte Elaine.
Eric nickte. Er konnte nicht sprechen. Er wartete
angstvoll.
Der Rote reckte den Kopf nach allen Seiten und scharrte, daß die
Erde aufgerissen wurde. Dann hob er sich auf die Hinterhand und
wieherte erneut. Wie aus dem Boden gewachsen tauchten aus der
Richtung des Hauses zwei Pferde auf der Hügelkuppe auf, und Eric
griff sich stöhnend an die Stirn. »Oh, nein!«
Atemlos beobachtete er, wie Sir Lancelot sich von der grazilen
Silhouette der Stute löste, mit raumgreifenden Schritten auf die
Herde zutrabte und etwa hundert Meter vor ihr verharrte. Er warf
den Kopf auf: Auf diesen Kampf hatte er lange gewartet. Seit dem
ersten Morgen auf Sunrise, seit der Herausforderung Excaliburs,
hatte er danach verlangt. Nun war die Zeit gekommen.
Seine seither noch um einiges stärker gewordenen Muskeln bebten
erwartungsvoll, Hitze strömte in seinen Adern, erwartungsvolle
Schauer rieselten in ihm und verursachten ein Beben unter seiner
Haut: Er war bereit.
Excalibur empfing diese Kraft über die Entfernung hinweg. Er sog
sie mit weit vorgestrecktem Kopf und gierigen Nüstern ein. Sein
rechter Vorderhuf stampfte den Boden. Ein tellergroßes Grasstück
wurde in die Luft geschleudert und fiel mit einem dumpfen Laut in
die atemlos drückende Stille, hinein in das unheimliche Schweigen
und angespannte Warten der vom Vollmond durchschauerten Nacht. Er
gab keinen Laut von sich, blieb ebenso unbeweglich wie sein
Widersacher. Seine Hitze wollte ihn vorwärts drängen, doch sein
kühler, scharfer Verstand riet ihm, sich ruhig zu
verhalten.
Abschätzend musterten sich die Gegner, der goldene und der rote
Hengst. Sie waren völlig unbeweglich, wie aus Stein gemeißelt.
Stumm nahmen sie Maß.
Eric rannte los.
Es war zu spät. Als sei ein unhörbarer Befehl an beide Hengste
zugleich ergangen, stürmten sie mit hoch aufgereckten Köpfen, steil
aufgestellten Schweifen und unheilvoll donnernden Hufen aufeinander
los und hatten sich schon auf die Hinterbeine gerissen,
gegeneinander schnappend und schlagend, bevor Eric sie erreichen
konnte. Er mußte zurückspringen, als Excalibur sich blitzschnell
fallen ließ, herumwirbelte und mit der mächtigen Hinterhand gegen
Sir Lancelots Kopf zielte. Der Schlag verfehlte sein Ziel nur
knapp; Lance stieß einen wütenden Schrei aus, vollführte eine
nahezu unmögliche Drehung, die seinen Gegner irritierte, und
hämmerte mit den Vorderhufen auf Excaliburs Rücken ein. Blutige
Flecken zeigten sich auf dem rotgoldenen Fell. Wieder schlug
Excalibur aus. Er traf Sir Lancelots Brust und ließ ihn taumeln.
Eric hatte seinen Gürtel gelöst und warf sich mitten zwischen die
gegeneinander tobenden Hengste und teilte mit dem Leder Hiebe nach
allen Seiten aus. Keiner der beiden schien es überhaupt zu fühlen,
sie nahmen weder ihn, die Schläge, noch seine Stimme wahr. Als sich
beide erneut aufbäumten, traf ihn ein hämmernder Vorderhuf. Wie in
einem dichten Nebel ging er nieder und versuchte, aus der
Gefahrenzone zu kriechen, als er plötzlich Hände fühlte, die ihn
kraftvoll packten und ihm halfen, sich über das Gras zu schleppen,
bis er außer Reichweite der Kämpfenden war. »Die bringen sich um«,
ächzte er. Elaine nahm sein Gesicht in ihre Hände. »Sie können
nichts tun. Es war Wahnsinn, was Sie da eben versucht
haben.«
»Nein, ich muß!« Er versuchte sich aufzurichten, aber seine Beine
wollten ihm noch nicht wieder gehorchen. Schwer atmend starrte er
wie durch graue Wolken auf die Pferde, die zwei Naturgewalten
gleich gegeneinander prallten. In einer präzis berechneten Wendung
von unbeschreiblicher Grazie waren die Hengste auseinandergestoben,
als sie sich aus dem Wirbel der gegnerischen Hufschläge befreit
hatten. Jetzt stürmten sie wieder aufeinander los. Ihre auf die
Hinterbeine erhobenen Körper krachten mit dumpfem Donner
aufeinander.
Excalibur war ohne Zweifel der erfahrenere Kämpfer. Wenn Sir
Lancelot aufgab – und das schien aufgrund seiner Unerfahrenheit
unvermeidlich –, dann würde er ihn nicht schonen. Sir Lancelot
besaß Feuer für einen ganzen Weltteil, doch der zerstörerischen
Wucht eines kampferprobten Hengstes wie Excalibur konnte er nicht
standhalten. Er mußte aufgeben; und Excalibur würde ihn jagen, zur
Strecke bringen, und ihm den Schädel spalten. Eine kriegerische,
für den Kampf geborene Persönlichkeit wie Excalibur kennt keine
Gnade. Der eisenharte Schädel des Roten trommelte gegen Lances
verletzliche Nierenpartie, und seine Zähne gruben sich in seine
linke Flanke. Lance ließ den linken Hinterhuf vorschnellen und tat
gleichzeitig einen Ruck nach rechts. Excalibur wurde aus dem
Gleichgewicht gebracht; der Huf traf ihn unter dem Kinn. Er bäumte
sich und ließ die Vorderhufe auf Lances Rücken trommeln, doch der
Goldfuchs ging mit unglaublicher Geschmeidigkeit tiefer und tauchte
unter dem gewaltigen Trommelwirbel weg, indem er sich fallen ließ,
sich blitzschnell herumrollte, und ebenso schnell wieder auf den
Beinen stand, bereit für einen neuen Angriff. Wieder prallten sie
gegeneinander.
Excaliburs Kopf schwang herum wie ein Hammer, um gegen Lance zu
schlagen – da drang Unruhe aus dem Pulk der Stuten, verängstigtes
Wiehern, und er hörte, daß sie sich in Bewegung setzten. Etwas
bedrohte sie. Er schnappte noch einmal gegen Lance, dann wurde
seine Besorgnis übermächtig; er schnellte herum und setzte ihnen
nach. Bald hatte er sie eingeholt, umkreiste sie und trieb sie über
die Hügel.
Solitaire war unter ihnen.
Noch bevor der Rote sich ganz umgewandt hatte, schwang sich Eric auf Lances Rücken und zwang ihn gewaltsam herum. Er mußte alle Aufmerksamkeit auf das Pferd richten und hoffte, als er in vollem Galopp davonstob, daß Elaine das Richtige tun würde.
Die junge Frau streichelte Wolf, der neben ihren Füßen kauerte. »Das hast du wirklich gut gemacht, mein Lieber. Hast sie sehr eingeschüchtert. Du bist ein guter Schäferhund.« Wolf wedelte und schmiegte sich an sie. Er hatte sich an die Stuten geschlichen und mit seinen scharfen Zähnen einige Fesseln geritzt. Ein Bellen war nicht nötig gewesen. Die Furcht der Stuten hatte die ganze Herde in Bewegung gesetzt.
»Guter Junge«, sagte Elaine noch einmal und
streichelte über sein Fell. »Laß uns zum Wagen gehen,
ja?«
Sie nahm den Picknickkorb auf, und Wolf streckte seine Nase
darunter, um ihr beim Tragen zu helfen. Schnaufend sah er zu, wie
sie den Korb im Fond des Wagens verstaute; und wedelnd folgte er
ihr, als sie vor dem Gebäude der Hickmans parkte.
»Wie geht es ihm?« Elaine traf Eric in der Garage der Hickmans.
»Sie haben ihn angebunden. Vorhin lief er frei.«
»Vorhin war vorhin. Da wußte ich noch nicht, daß er Riegel
aufschnappen kann.« Er bürstete vorsichtig Sir Lancelots
verkrustetes Fell und vermied es, ihr das Gesicht zuzuwenden. »Er
hat Schrammen und Knüffe, aber keine ernsthaften Verletzungen.
Denken Sie bloß mal... er ist nicht nur hier herausgekommen – da
könnte ich mir ja noch sagen, ich hätte vergessen, die Tür
ordentlich zu schließen, aber er hat auch Solitaire aus der Koppel
befreit, und das geht wirklich nur, wenn der Holzriegel
hochgeschoben wird. Und ich weiß, daß er vorgelegt war.«
»Er ist schon ein sehr Kluger.« Sie näherte sich ihm
langsam.
»Seine Klugheit hätte ihn das Leben kosten können. Mit einem Panzer
wie Excalibur zu kämpfen! – Passen Sie besser auf. Ich weiß noch
nicht, was dieser Vorfall bewirkt hat.«
»Vorhin ließ er mich ran.«
»Vorhin war vorhin«, sagte er wieder.
»Eric ... sind Sie verärgert?«
»Nein, nein! – Bleiben Sie lieber weg von ihm!«
»Aber er sieht ganz friedlich aus! Sehen Sie, er dreht mir den Kopf
zu!«
Sie las ein Bündel Heu auf und hielt es Lance hin. Er zupfte es aus
ihrer Hand, mit vorgestellten Ohren und weiten Nüstern. Eigentlich
wirkte er angeregt nach seinem Abenteuer, und keineswegs
übernervös. Eric ließ ihn herumtreten, um die andere Seite zu
putzen, und verbarg sich hinter ihm.
»War es sehr schwer, ihn hierher zu bringen?«
»Oh, es ging. Er wollte natürlich zurück.«
»Ich könnte niemals ein Pferd ohne Sattel und Zaumzeug reiten.
Schon gar nicht eines wie ihn. Und natürlich erst recht nicht in
dem Zustand, in dem er war.«
»Man muß nur die richtigen Tricks kennen.« Er gebrauchte das
verhaßte Wort, um sich nähere Erklärungen zu ersparen. Lautlos
schlüpfte sie näher. Kein Indianer hätte sich vollendeter über das
raschelnde Stroh anpirschen können. »Einfühlungsvermögen ist kein
Trick«, sagte sie. »Zu wissen, was im geeigneten Moment zu tun ist,
ist kein Trick. Und Durchsetzungsvermögen ist auch kein Trick.«
Ihre Stimme war mit jedem Schritt leiser geworden, damit er nicht
merkte, wie sie sich heranschlich. Noch immer verdrehte er sich, um
sie nicht ansehen zu müssen; aber er wußte nicht, daß sie den
Standort gewechselt hatte. Als sie über Lances Rücken reichte und
ihre Hand auf seine Schulter legte, traf sie auf den Blick
geweiteter Augen, die Entsetzen zeigten. Sofort wandte er wieder
das Gesicht ab. Aber unter dem Licht der von der Decke
herabstrahlenden starken Lampe hatte sie genug gesehen. Sie
schlüpfte unter Sir Lancelots Hals hindurch auf seine Seite.
»Lassen Sie mich das ansehen, Eric.« – »Es ist nichts«, wehrte er
ab. »Es passiert nicht zum ersten Mal.«
Sie fing sein Gesicht ein, vorsichtig, und schob das Haar fort. »Es
ist eine Schnittwunde. Glücklicherweise nicht tief. Es muß ein
Hufrand gewesen sein, der Sie erwischt hat, aber es war wohl mehr
ein Streifen; immerhin aber stark genug, um Sie umzuwerfen und das
hier zu verursachen. Aber Sie haben so dichtes Haar; im Mondlicht
konnte ich es nicht erkennen. Lassen Sie sehen.« Widerwillig hielt
er still. Es quälte ihn, sie so dicht vor sich zu haben und sie
nicht berühren zu dürfen.
»Ich möchte das versorgen. Haben Sie ein Desinfektionsmittel,
Heilsalbe, Pflaster?«
»Ja.«
Sie versuchte einen kleinen Scherz. »Ich hoffe, Ihre Medikamente
sind auch für Menschen geeignet.«
»Manche meinen ohnehin, ich sei ein halbes Pferd. Kein Grund also,
sich zu sorgen.«
Im Haus der Hickmans war es bereits dunkel. Eric schloß die Tür nahezu lautlos auf und bedeutete Elaine die Stufen der Wendeltreppe, die quietschende Stellen hatten. Wolf brauchte keine Anweisung. Er war neben ihnen wie ein Gespenst, stumm und lautlos. »Ich bringe Ihnen frische Bettwäsche«, flüsterte Eric. »Sie können mein Zimmer haben, es ist groß und gemütlich. Ich werde den kleinen Gästeraum nehmen.«
»Ich nehme den kleinen Gästeraum«, sagte sie fest. »Ich will Sie nicht aus Ihrem Zimmer vertreiben. Und jetzt werde ich mich um Ihre Verletzung kümmern.«
»Es ist doch keine Verletzung!«
»Würden Sie das bei einem Ihrer Pferde auch sagen?« »Nein«, mußte
er eingestehen. »Aber ich brauche jetzt eine
Dusche.«
Als er barfüßig und in Pyjama und Morgenmantel wieder vor ihr stand – ein Anblick, der ein kleines Lächeln über ihr Gesicht zauberte –, sagte sie: »Haben Sie vielleicht auch einen Pyjama für mich? Ich war nicht auf eine Übernachtung vorbereitet, wissen Sie?«
»Oh, sicher.« Er grub im Kleiderschrank und
reichte ihr einen Pyjama. »Sie werden darin ertrinken.«
»Macht nichts. – Wo sind Ihre Medikamente?«
»Gleich hier, in der Tasche.«
»Ich werde Sie gleich versorgen.«
»Aber nein. Eigentlich kann ich das selbst.«
Zwei dunkle Augenpaare bohrten sich ineinander. Beide wußten, was
diese Blicke bedeuteten. Und beide wußten, daß es nicht von Dauer
sein durfte.
»Gehen Sie nur duschen. Ich habe frische Handtücher für Sie
rausgelegt.« Seine Kehle war so eng, daß er Mühe hatte, die Laute
hervorzubringen. »Und ich habe einen Spiegel hier. Ich komme schon
zurecht.«
»Ja. Dann – gute Nacht.«
»Gute Nacht.«
Es war eine qualvolle Nacht. Der Vollmond quälte ihn; aber es war
vor allem sein Verlangen, das durch seine Träume jagte und ihm
keine Ruhe ließ. Sie war ihm so nah! – Und dennoch unerreichbar. Er
hatte ihre Entscheidung zu respektieren. Er tat es, weil er sie
achtete und weil – er sie liebte.
Claire zeigte keine Überraschung, als Elaine zum Frühstück erschien. »Hatten Sie einen netten Abend, Elaine? Haben Sie gut geschlafen? Möchten Sie Rührei? Lieber Kaffee oder Tee? Sie haben doch noch ein bißchen Zeit?«
»Heute muß ich nicht arbeiten,
Claire.«
»Oh, das ist schön!« Claire strahlte sie an.
»Ich wollte eigentlich nicht hier übernachten, wissen Sie,
aber es war spät, und Eric sagte, es sei Platz
–«
»Völlig in Ordnung, meine Liebe.«
»Ich bezahle natürlich dafür.«
Claire prustete empört. »Sie reden wie Eric. Setzen Sie
sich! Und sagen Sie so was nie wieder! – Sie haben ihn gesund gemacht. Sie haben mich zu ihm gelassen, als es ihm schlecht ging. Wie könnte ich Geld von Ihnen verlangen!«
Auch Elaines Nacht war nicht ruhig gewesen, und sie war darum nicht sehr achtsam. »Wie sehr Sie ihn lieben!« entfuhr es ihr.
Die junge und die alte Frau blickten einander
mit einer Art Bestürzung in die Augen.
Und wie sehr Du ihn liebst ...
Kurz darauf betrat Eric die Küche, und als Claire sein Gesicht sah, erschrak sie im ersten Moment. Es war nicht nur das breite Pflaster auf seiner Stirn unter dem dunklen Haar, es war vor allem, wie er aussah: Die Wangen noch schmaler als gewöhnlich, bleich unter der Sonnenbräune, so daß sein Gesicht gelblich wirkte, tiefe, beinah schwarze Schatten unter den Augen, und die Augen selbst glänzten wie die eines Fiebernden. Aber er lächelte ihnen beiden zu, wünschte ihnen einen guten Morgen und fragte Claire mit gewohnter Höflichkeit, ob er ihr behilflich sein könne.
»Nay.« Sie wandte ihnen den Rücken zu und machte sich an ihren Pfannen zu schaffen, denen herzhafte Düfte entstiegen. »Setzen Sie sich und erzählen Sie mir, was gestern nacht nun wieder los war.« Sie schenkte ihnen Tee ein und ließ große Portionen Rührei auf ihre Teller gleiten.
»David ist schon fort?« wollte er
ablenken.
»Es ist Montag.« Sie warf ihm einen milde strafenden Blick zu: Er
wußte genau, daß David wochentags vor sieben seine Runde
begann.
»Eßt, ihr beiden. Die Würstchen sind auch gleich soweit.« Sie
blickte Elaine an: »Ich schaffe es einfach nicht, diesem Jungen ein
bißchen Fett auf die Rippen zu füttern. Schauen Sie ihn sich an:
nichts als Knochen und Sehnen und Muskeln.«
»Das ist erstaunlich bei Ihrem guten Essen, Claire.«
Elaine vermied es, zu Eric hinüber zu sehen. »Mich hätten Sie in
kürzester Zeit ziemlich mollig gefüttert.«
»Er arbeitet einfach zu viel, daran liegt es, glaube ich. Könnte
das stimmen?«
Claire wandte sich wieder zum Herd und ergriff die nächste Pfanne,
in der die Würste herrlich dufteten und leise zischten, und
verteilte den Inhalt auf den Tellern.
»Gewiß«, erwiderte Elaine unbedacht, »letzte Nacht beispielsweise
–« Sie erkannte ihren Fehler ein wenig zu spät.
»Ja? Letzte Nacht?«
Claire lockte die Ereignisse nach und nach aus den beiden heraus
und stocherte darauf tief nachdenklich in ihrem Rührei. Dies war
nicht die erste Nacht, die sich Eric der Pferde wegen um die Ohren
geschlagen hatte, aber nie hatte er danach so elend ausgesehen. Und
er war hart im Nehmen. Die Verletzung konnte ihn nicht so
mitgenommen haben. Es konnte nur eines sein ...
Sie fing den verlorenen, seltsam starren Ausdruck auf seinem
Gesicht für den Bruchteil einer Sekunde auf, als er in seinen
Teebecher starrte, den er zwischen seinen Händen hielt. Dann hob
sich sein Blick, angezogen von ihrem eigenen; und sie fühlte sich
aus der Tiefe seiner Augen in eine Spirale von Schmerz
hineingezogen.
Und dann lächelte er sie an.
Der Sonnenuntergang klang malvenfarbig aus, die Luft wurde kühler. Die letzten Strahlen der Sonne tränkten eine luftige Wolkenwand mit Licht, doch dort, wohin sie ihre Kraft nicht mehr senden konnten, war die Wolkendecke so unheilvoll drohend und dunkel wie dichter Rauch. Eric saß wie an seinem ersten Abend in diesem Land auf einem Ausläufer der schroff ins Meer stoßenden Felsen und ließ die Beine über den Abgrund baumeln. Unter ihm wogte und flüsterte der Atlantik. Wie am ersten Abend waren auch Lance und Wolf bei ihm; doch dieser Ort gehörte nicht zum Fargus-Land, sondern der Gemeinde. – Ohne die Gesellschaft der beiden Tiere hätte er sich sicher noch verlassener und trostloser gefühlt als in seiner Kindheit. Vor zwei Stunden hatte er Elaine verabschiedet und dann, ohne noch einmal ins Haus zu gehen, Lance aufgetrenst und war hierher geritten. Wolfs leises Tappen auf dem Sandboden, seine stumme Anteilnahme an einem Kummer, den er nicht recht verstand, waren immer an seiner Seite gewesen.
Nun war sie also fort. Es war ein ereignisreicher Tag gewesen. Sie hatten als erstes die Herde aufgesucht – auf zwei von Billys Ponys: Emily hatte Elaine gestern formvollendet höflich, aber frostig begrüßt. Er hatte sie nicht um zwei der Reitstuten bitten wollen.
Er hatte Excaliburs Verletzungen behandelt und ihn sogar in Elaines Nähe locken können. Anders als Emily war sie nicht im geringsten verängstigt vor dem riesigen Hengst, als er sich ihr schließlich näherte, sondern zeigte eine Art faszinierter Bewunderung für ihn.
»Ich habe noch nie einen König zu Gesicht bekommen.« Ihre Hand strich zart über Excaliburs schmale Nase. Der Hengst hatte unter ihrer liebkosenden Hand still gestanden und sich voller Behagen und Vergnügen gedehnt.
Solitaire war so munter wie eine Springmaus. Sie hatte ein wenig Fangen mit Eric gespielt, bevor sie sich herbeiließ, stehenzubleiben und sich anfassen zu lassen.
»Werden Sie sie bei der Herde lassen, Eric?« Er sah Elaine wieder vor sich, wie sie neben Excalibur stand und sein erschauerndes Fell streichelte. Sie konnte kaum über seinen Rücken zu ihm hinüberschauen.
»Fürs erste ja. Sie ist hier gut aufgehoben. Ich werde ab und zu nach ihr sehen, damit sie nicht alles vergißt, und wenn sie hochträchtig ist, soll sie in den Stall kommen. Ich will nichts riskieren.«
»Das kann ich verstehen. Aber wie können Sie
sicher sein, daß sie tragend ist?«
»Nun – wenn es nicht Lance war, wird es Excalibur sein. Sie ist
jung und gesund, und beide Hengste sind kräftig und bersten vor
Energie –, es gibt kaum einen Grund, warum sie nicht aufgenommen
haben sollte. Aber natürlich wird sie untersucht werden.«
»Ich wünsche Ihnen viel Glück mit diesem Fohlen, Eric.«
Noch vor dem Mittagessen hatte er mit Lance gearbeitet, und wie
gestern war Elaine voller Bewunderung gewesen. »Ich werde nie so
reiten können. Sie haben sicher früh damit angefangen?«
»Mit vier Jahren. Möchten Sie ihn reiten?«
»Oh, ich weiß nicht ...«
»Der Vorfall der letzten Nacht scheint ihm nichts ausgemacht zu
haben. Eher im Gegenteil, ich habe das Gefühl, es hat ihm eine
ganze Menge Selbstbewußtsein zurückgegeben. Kommen Sie, Elaine. Er
muß eigentlich nur noch trocken geritten werden.«
Ein kleines Zögern, dann war die hochgewachsene, schlanke Gestalt
durch die Bohlen geschlüpft.
»Sie haben einen wirklich schönen, leichten Sitz, Elaine. Traben
Sie doch ein bißchen.«
»Sie sagten Trockenreiten!«
»Er ist noch nicht müde.«
Es war das reine Entzücken gewesen, sie zu beobachten, ihre
Einfühlsamkeit, ihren Eifer, die Freundlichkeit dem Hengst
gegenüber.
In der kühlen Luft unter dem letzten Schimmer des Sonnenuntergangs
zog er die Beine an und legte die Arme um die Knie. Vor seinem
geistigen Auge sah er Elaine wieder auf dem Pferd: das leuchtende
Haar, das weiche Spiel der Hände und die Stimme, sehr leise,
kosend, lobend. Seine Finger krampften sich ineinander, und er
preßte die Stirn gegen seine Knie.
Bei seiner Entlassung aus der Klinik hatte er nicht geglaubt, sie
je wiederzusehen. Er hatte es bedauert, aber er hatte sich damit
abgefunden. Ein einziger Nachmittag hatte genügt, um alles zu
verändern. Und jetzt war sie fort, und selbst wenn er sie noch
einmal durch Zufall Wiedersehen sollte, durfte er sich nichts
erhoffen.
Er mußte gehen. Und sie mußte bleiben. So einfach, so furchtbar
einfach war das.