13
Am nächsten Morgen war es nur dem guten Geruch starken Tees zu verdanken, daß er erwachte: Claire hatte ihn geweckt, und er hatte die Decken schon zurückgeschlagen, war dann
aber wieder eingeschlafen. Als der Teehauch jetzt seine Nase nur streifte, sprang er hoch, sauste unter die Dusche und in seine Kleider. In nur fünf Minuten war er unten am Frühstückstisch, setzte sich aber nicht, sondern trank eilig eine Tasse Tee im Stehen. »Ich muß weg. Ich hab's dem Roten versprochen.« Die Hickmans wußten natürlich nicht, wovon er sprach, aber sie wechselten einen kurzen Blick, und David erhob sich wieder. »Dann los, mein Junge, sputen wir uns. Claire wird die Pferde füttern, nicht, meine Liebe?«
»Aye, sicher.«
»Aber –«
»Nun fangen Sie nicht wieder eine Aber-Arie an, nay?«
Energisch schob er Eric vor sich her zum Wagen, und als er ihn auf dem Beifahrersitz verstaut hatte, fügte er beruhigend hinzu, »der alte Kasten sieht ja nach nichts aus, aber er hat einen starken Motor. Sie werden sehen«.
Tatsächlich zog der Wagen mühelos die Steigung
hinauf. »Es ist spät geworden gestern, hm?«
»Oh, tut mir leid, ich wollte Sie nicht wecken.«
»Nay, nay, Junge, so war s nicht gemeint. Wie 'n Kater sind Sie
durch das Haus geschlüpft. Ich wollte mir ein Glas Milch aus der
Küche holen, da hab ich dann den Lichtschein oben gesehen.« –
Natürlich war es anders: er hatte gehört, wie sich Claire von einer
Seite auf die andere drehte und immer wieder horchte; und wenn
seine Claire nicht zur Ruhe kam, konnte auch er nicht schlafen,
obwohl er sich immer wieder gesagt hatte, der Junge wisse schon,
was er tue. Dann aber war er doch erleichtert, als er die sachten
Tritte auf der Treppe gehört hatte. Er war aus dem Bett geschlüpft
und hatte den gedämpften Lichtschein im oberen Stockwerk gesehen.
Er mußte Claire nicht darauf hinweisen. Ein einziges unvorsichtiges
Quietschen der Stufen hatte ihr schon verraten, daß der Junge
sicher und gesund daheim war.
»Was hat es denn mit diesem Versprechen auf sich? Ich meine, können
Pferde so was überhaupt verstehen?«
»Nicht alle, denke ich. Aber Excalibur gehört zu denen, die
verstehen. Vielleicht nicht die Worte, aber die Bedeutung.
Jedenfalls habe ich ihm versprochen, er müsse nur noch eine Nacht
auf der Koppel zubringen, und ich habe verschlafen, und jetzt kann
ich mein Versprechen nur verspätet einlösen.«
»Sie sollten sich nicht zuviel zumuten, Junge«, sagte David, »es
waren über zwanzig Stunden harte Arbeit gestern.« Aber er fuhr so
schnell, daß er nicht einmal seine geliebte Pfeife entzünden
konnte. »Ich hab den Roten noch nie gesehen. Na – da hab ich Claire
ja was zu erzählen.«
Bald lag das Tor hinter ihnen, sie brausten durch den dichten Wald
und scheuchten Scharen von Vögeln auf, die sich die Strahlen der
frühen Morgensonne auf das Gefieder scheinen ließen.
»Langsamer bitte jetzt, David. Er wird sowieso schon aufgeregt
sein.«
Der Rote stand wie in der letzten Nacht, hoch aufgerichtet,
gesammelt und aufmerksam ihnen zugewandt. Das lange Stirnhaar fiel
ihm über die Augen, seine Nüstern waren mißbilligend gebläht. In
der gegenüberliegenden Ecke war ihm Hafer hingestreut worden, Heu
lag aufgeschüttet daneben, aber offenbar hatte er das Futter nicht
angerührt.
Er hatte gewartet.
Als Eric ihm entgegenging, hob er das rechte Vorderbein sehr
langsam und gerade, winkelte es an und ließ den Huf mit Macht auf
die Erde sausen. Eric blieb stehen.
»Entschuldige bitte«, sagte er ernst. »Es tut mir leid. Ich habe
verschlafen.«
Der Hengst warf den Kopf zurück und maß ihn langsam von oben bis
unten.
»Ich war pflichtvergessen, Excalibur. – Läßt du mich ran, oder
kriege ich deine Hinterhufe ins Gesicht?« Eric trat einen Schritt
näher, zutiefst zerknirscht. »Ich werd dir nicht versprechen, daß
es nie wieder vorkommt, denn was würdest du von mir denken, wenn es
doch geschähe? Aber ich werde vernünftiger sein.«
Excalibur streckte ihm die Ohren entgegen, dann den ganzen Kopf; er
witterte, drehte beide Ohren nach außen und schien zu sondieren,
was ihm sein Geruchssinn zutrug. Dann setzte er sich in Bewegung,
kam mit kleinen tänzelnden Schritten näher – noch konnte er sich
unvermittelt umdrehen und nach Eric schlagen.
Der mächtige Kopf stieß ihn gegen die Brust, doch bevor er vor der
Wucht zurücktaumelte, glitten die Gamaschen schon über seine
Schulter und hielten ihn aufrecht. Da waren Zärtlichkeit und
Fürsorglichkeit in dieser schnellen Bewegung des Pferdekopfes. Eric
schöpfte Mut und legte dem Hengst die Arme um den Hals, und
Excalibur rührte sich nicht. Eine ganze Weile standen sie so, wie
versunken in stummer Zwiesprache.
»Ich leiste dir Gesellschaft, wenn du willst.« Der Hengst gab seine
Schulter frei, sprengte mit einem leichten Aufwerfen des Kopfes die
lockere Fessel der Arme und begann, Eric mit kleinen, munter
federnden Tritten zu umkreisen, wobei er ihn auffordernd mit der
Nase anstieß. Eric ging auf das Spiel ein; sie trabten und rannten
quer über die Koppel, umkreisten einander und stießen sich an: zwei
funkelnde Bündel Übermut, die Freundschaft und Lebenslust
versprühten. Vom Zaun erklang Beifall: David war zu den von ihrer
Ankunft angelockten Fargus' und Turner, Edward und den
Stallarbeitern getreten, und alle applaudierten. Entgegen seiner
sonstigen Abneigung gegen solche Auftritte blieb Eric stehen und
machte ihnen eine Verbeugung. Aus dem Augenwinkel beobachtete er
ungläubig, daß Excalibur ihm die Verneigung nachtat, indem er sich
auf das linke Vorderbein senkte, das rechte unter den Leib zog und
den stolzen Kopf neigte. Der erneute Beifall schien ihn zu freuen:
er trabte einige Male um die Koppel, schwenkte dann ein und segelte
zu Eric, der sich nicht von der Stelle bewegt hatte: »Du bist ja
ein Showpferd, Junge!« Excalibur zupfte an seinem Hemd und
schüttelte sich, als wolle er bedeuten, daß der Schabernack nun
vorüber sei.
Emily und die anderen begrüßten ihn, und Grandpa Fargus lud David
und ihn zum Frühstück ein. Eric blickte unsicher nach Excalibur
zurück, der die Nase tief in seinem aufgeschütteten Hafer hatte.
Auf diesen Blick hin hob er den Kopf und malmte friedlich weiter.
Du bist ja da, sagte die Gebärde. Ich werde warten.
Die Herde graste im Tal von Sunrise-House. Es war, wie Eric geahnt
hatte: Excalibur wollte nur aus der Umzäunung heraus und seine
Herde um sich haben. So konnte er seiner Abenteuerlust jederzeit
nachgeben und sein Land durchstreifen oder aber nahe am Haus
bleiben und diese Wesen beobachten, die ihm bislang so fremd
erschienen waren, für die er aber allmählich Interesse entwickelte.
Er stand etwas abseits von den übrigen und studierte den Wind und
den Himmel, doch er hielt nicht nach Feinden Ausschau: Über diesem
Tal lag die Macht seines Freundes; solange er hier war, würde weder
seinen Schützlingen noch ihm etwas Böses geschehen.
»Beim heiligen Andreas.« Die ganze Gruppe hatte sich nach dem
Frühstück nach draußen begeben und beobachtet, wie die Zuchtstuten,
die aus dem Stall kamen, von Resistance und Excalibur geordnet
wurden. »Beim heiligen Andreas«, wiederholte David. »Dieser Hengst
ist ja – beinahe hätte ich gesagt, ein Koloß, aber dafür ist er nun
wieder viel zu elegant. Was für ein Pferd!«
»Genau das denke ich auch immer wieder«, bestätigte Eric. »Im
ersten Augenblick bin ich immer wieder von seiner Präsenz
überwältigt, aber dann ist da wieder das, was von ihm ausgeht,
wissen Sie, dieser Anstand, diese Feinheit des Charakters – haben
Sie gesehen, mit welch selbstverständlicher Großmut er meine
Entschuldigung annahm?«
Sie standen ein wenig abseits von den anderen und konnten ungestört
miteinander sprechen.
»Ich hörte, wie Sie zu ihm sagten, er sei ein Showpferd – diese
Verneigung war schon sehr eindrucksvoll. Sie könnten diese
Veranlagung fördern, vor allem, da Sie ja nun die Leitung des
Gestüts übernehmen.«
In Erics Augen stand das blanke Entsetzen: »Excalibur als
Showpferd?! Um Gottes willen, David, das können Sie nicht ernst
meinen! Das vorhin war ein Spaß für ihn, viele Pferde haben es
gern, wenn sie bewundert werden, aber das ist doch nicht die
Arbeit, die er braucht! Showpferd!«
Er schüttelte sich bei der bloßen Vorstellung. »Möglich, daß er
sich in Zukunft häufiger freiwillig in menschliche Nähe begibt und
sich unverkrampfter zeigt, aber –«
Dann erst fiel ihm Davids Nachsatz auf, und er flüsterte hitzig:
»Wer sagt, daß ich das Gestüt künftig leiten werde?«
»Aye, die Spatzen pfeifen's ja schon von den Dächern, sozusagen,
seit der alte Fargus mit Rob Doharty plauschte.«
»Wer ist Rob Doharty?!«
»Ein Futterhändler. Hat so Spezialsachen, Vitaminpräparate und
solch Zeugs. Rob is 'n netter Kerl, aber wie alle Vertreter kann er
die Klappe nicht halten – jedenfalls, für jeden im Dorf und drum
herum sind Sie der neue Gestütsverwalter.« David blickte ihn ernst
an und schmauchte seine Pfeife.
Emily trat rasch zu den beiden, und Grandpa humpelte ihr
nach.
Jetzt war es also soweit. Eric richtete den Blick auf Louise. »Es
ist vielleicht besser, Sie kommen auch, Louise. Sie auch,
Edward.«
»Worum geht's«, wollte Turner wissen.
»Sie betrifft's ja auch.« Eric fühlte sich ziemlich hilflos. Es war
ihm äußerst unangenehm, in eine heikle Situation gebracht zu werden
und öffentlich klären zu müssen, was er eigentlich unter vier,
höchstens sechs Augen hatte besprechen wollen. Dann riß er sich
zusammen und sagte ohne Umschweife: »Ich werde die Verwaltung
dieses Gestüts nicht übernehmen.«
Turner stieß einen vermeintlich stillen Seufzer der Erleichterung
aus.
Emily zuckte zusammen und sagte hastig: »Eric, Sie könnten dieses
Gestüt auf Vordermann bringen – es rentabel machen. Erinnern Sie
sich? Ich sprach von den Decktaxen, und davon abgesehen haben wir
außer einigen wirklich guten Reitstuten auch noch die Jungtiere –
Sie haben sie gesehen, Sie wissen, daß sie gut sein können, und
wenn Sie ihre Ausbildung übernehmen würden ...«
»Emily, sehen Sie ... ich bin bei Sir Simon angestellt. Ich kann
nicht frei entscheiden.«
»Das sagte ich Ihnen ja schon, als ich Eric für Sie freistellte,
als Sie mir das Problem mit Ihrer Stute unterbreiteten.« Turner
hielt sich sehr aufrecht. »Um Ihnen zu helfen, und ... nun ja.
Solange ich nicht bereit bin, den Vertrag vorzeitig aufzukündigen,
muß Eric drei Monate warten, bevor er mich verlassen
kann.«
Grandioser Lügner! Als Eric im Alter von zwölf Jahren bei ihm um
Arbeit vorgesprochen hatte, gab Turner ihm das nervöseste und
hitzigste Pferd in seinen Ställen, das selbst Reiter mit
langjähriger Erfahrung das Fürchten gelehrt hätte.
»Wenn du ihn glatt über den Parcours bringst, gehört der Job
dir.«
Eric hatte um Zeit gebeten und sie erhalten. Der schwarze
Vollbluthengst war offenbar niemals wirklich freundlich behandelt
worden. Als Eric sich ihm zuwandte, wandelte sich seine tückische
Unnahbarkeit in schnoberndes Interesse und Neugier. Leicht wie eine
Feder war er schließlich über den überaus schwierigen Parcours
gesprungen.
»Wo hast du so reiten gelernt, Kleiner?«
»Ach, hier und dort.«
»Hier und dort, he? – Hier und dort kriegt man nicht ein solches
Feingefühl. Der Job gehört dir, kleiner Zauberer.«
Turner mußte nichts von dem alten Ted wissen, von dem Eric reiten
gelernt hatte. Kurz darauf war Ted gestorben, und seine geliebten
Pferde waren auf verschiedenen Auktionen verkauft, sein kleines
Haus war dem Erdboden gleichgemacht worden. Aber er hatte doch noch
die Genugtuung gehabt, daß er sein Wissen und Können an einen
weitergegeben hatte, der es verdiente und die Erinnerung an ihn
ehrte, so wie Eric es jetzt in einer stillen Sekunde tat, bevor er
sich wieder an den Handel mit Turner erinnerte: Es hatte einen
Handschlag gegeben. Nichts Schriftliches. Hätte er darauf
bestanden, er hätte sich sofort von Turner trennen
können.
Jetzt wurde Turner bestürmt. Nur David und Louise schwiegen. Louise
sah Eric mit abwägenden Blicken von der Seite her an, bis er den
Blick erwiderte; da biß sie sich auf die Lippen und wandte den Kopf
ab.
Turner zeigte sich unterdessen kompromißbereit. Er schlug vor, die
sechs Pferde, die Eric in Arbeit hatte, von seinem Gestüt
herüberschaffen zu lassen, und sah Eric dabei fragend an. Ein
beinah unmerkliches Nicken war die Antwort. »So können wir alle
noch gründlicher nachdenken«, schloß er. »In drei Monaten,fließt
viel Wasser die Themse hinunter.«
»David, würden Sie mir einen Gefallen
tun?«
»Sicher, mein Junge, was gibt's?«
»Könnten Sie in den Stall gehen – den ersten Stallgang,
meine ich, zur dritten Box auf der linken
Seite; die Box mit der zierlichen dunkelgrauen Stute.«
»Ah, das Teufelsweib, was?«
»Das ist sie nicht. Aber seien Sie dennoch vorsichtig, man kann nie
wissen. Wenn Sie ruhig bleibt, sprechen Sie bitte mit
ihr.«
»Aye.« David verschwand im Stall. Eric wartete. Alles blieb ruhig.
Schließlich kam David zurückgeschlendert und wischte an seinem
Ärmel. »Bildschönes kleines Ding, das muß ich schon sagen. Nett
noch dazu – legte mir verträumt ihr haferverschmiertes Schnäuzchen
auf den Arm, als ich die Hand nach ihr ausstreckte.«
»Sie haben sie angefaßt?!«
»Ich war in ihrer Box. Sie war so friedlich, als ich zu ihr kam –
glauben Sie mir, Eric, ich mag nicht der Hellste sein, aber nach
meinen vielen Berufsjahren kann ich schon sagen, ob ein Pferd mich
schlagen oder beißen will. Die Kleine ist ja wie ein
Lämmchen.«
Also gab es auch bei David und Edward nicht den gemeinsamen Faktor.
Was nur hatte Edward an sich, das die Stute immer wieder aus der
Fassung brachte?
»Was haben Sie jetzt vor?«
»Will sehen, ob die Kleine sich ein Halfter anlegen
läßt.«
»Stört Sie's, wenn ich dabei bin? Vielleicht kann ich
helfen.«
»Es stört mich nicht die Spur, aber wird Claire nicht auf Sie
warten?«
»Ich ruf sie an.«
Als David zurückkam, stand Solitaire gehalftert auf der Stallgasse,
und Eric bürstete behutsam und gewissenhaft ihr salzverkrustetes
Fell. David zog sich eine leere Kiste heran, stopfte seine Pfeife
und tat ein paar erste paffende Züge, um die Glut zu erhalten. »Im
Salon geht's noch hoch her«, berichtete er. »Die Fargus' und Edward
gegen Turner. Ich beneide ihn nicht um seine Position. Es geht
jetzt um die Zeit nach den drei Monaten. – Sie wollen nicht,
stimmt's? Das ist der wahre Grund.«
»Ja.« Eric machte sich daran, Solitaires Mähne zu entwirren. »Ich
hab kein gutes Gewissen, David. Turner trägt jetzt einen Kampf aus,
der eigentlich meiner ist.«
David schmauchte genüßlich. »An Ihrer Stelle würd' ich mich nicht
darüber beunruhigen, mein Junge. Ich meine, ich kenne Mr. Turner ja
nicht weiter, aber er sieht aus wie einer, der nur etwas tut, wenn
was für ihn dabei herausspringt. – Die Fargus' wollen Sie, und er
will Sie. Was Sie wollen, interessiert keine der Parteien. Also
können Sie sich erst mal zurücklehnen und abwarten. – Nebenbei, was
wollen Sie eigentlich?«
Zum ersten Mal war Eric ganz kurz davor, einem anderen Menschen von
seinem Traum zu erzählen. Er sah über Solitaires Rücken hinweg in
das grundanständige Gesicht, in die klaren, humorvollen und
verständigen Augen – sein Geheimnis wäre gut bewahrt. Er räusperte
sich so nachhaltig, daß er husten mußte, räusperte sich nochmals
und schwieg. Er fürchtete, einen Teil seiner Kraft zu verlieren,
wenn er seine Vision offenbarte.
»Wie lange ist's wohl noch bis zum Vollmond?« fragte er und
bürstete Solitaires Mähne.
Davids Blick ließ sein Gesicht los und richtete sich auf Solitaire,
die mit neugierig vorgeschobenem Kopf nach dem fremden Tabaksduft
schnupperte. »Eine nette kleine Stute«, sagte er gedehnt. »Eine
richtige kleine Prinzessin. Tja, schätze, in drei Tagen können Sie
ein Mondscheinpicknick mit ihr veranstalten. Dann sollte der alte
Bursche in voller Pracht am Himmel stehen.«
Er hatte Verständnis für Erics Zurückhaltung, wie er überhaupt,
eigentlich vom ersten Augenblick an, eine Nähe zu ihm empfunden
hatte, eine Nähe, wie er sie niemals zu seinem eigenen Jungen
gehabt hatte. »War's schwierig, ihr das Halfter
überzustreifen?«
»Überhaupt nicht.« Eric ging auf das Ablenkungsmanöver ein. »Sie
schlüpfte selbst rein, wie eine Alte.« Zärtlich kraulte er die
Stute am Kinn. Sie schloß die Augen bis auf einen Schlitz und legte
ihr Maul auf seine Schulter. Minutenlang war es still im Stall. Nur
Davids leises Schmauchen war zu hören, ein gelegentliches
Schweifwischen, wenn Solitaire nach einer vereinzelten Fliege
schlug, und dann und wann ein kosender Laut von Eric, dunkel und
leise wie ein Schnurren.
»Kommen Sie mit, David? Ich möchte wissen, wie sie sich draußen am
Halfter aufführt.«
»Aye, sicher.« David leerte den Pfeifenkopf und trat gewissenhaft
die Glutstückchen aus. »Kann ich was tun?«
»Gehen Sie besser nicht zu dicht ran. Man kann nie
wissen.«
»Aye, das ist wahr.« Eine ganze Herde unbändiger, unberechenbarer
Jungpferde sprang bei diesen knappen Worten in seiner Erinnerung
herum.
Solitaire jedoch verhielt sich, als sei sie mit einem Halfter zur
Welt gekommen. Sie folgte Eric, sobald er sich in Bewegung setzte,
so daß er nicht einmal an der Longe zu ziehen brauchte, sie stand,
wenn er stehenblieb, und als er auf der Koppel die Longe lang
ausrollte und auffordernd schnalzte, trabte sie um ihn herum –
nicht ungebärdig, wie junge, unerfahrene Pferde es im allgemeinen
tun, mit hochgeworfenem bockigen Kopf und wilden Augen, mehr
zappelnd als laufend –, sondern ruhig, gesammelt, gleichmäßig, wie
ein gut geschultes Pferd. Eric schüttelte den Kopf, als er ihren
Runden zusah. Unbegreiflich. »David«, sagte er, ohne den Blick von
Solitaire zu nehmen, »würden Sie bitte Edward holen? Er wird wohl
noch im Salon mit den Fargus' sein.«
»Sicher. Was soll ich ihm sagen?«
»Nichts weiter. Nur daß ich ihn bitte zu kommen. Er weiß dann schon
Bescheid.«
Kaum erfaßten die weitblickenden Augen der Stute Edwards Gestalt am
Kopf der Freitreppe, war alle Fügsamkeit dahin. Sie riß Eric die
Longe aus der Hand und rannte blindlings über die Koppel auf den
massiven Holzzaun zu. Ein einziger Schrei entschlüpfte ihr, es war
ein Echo ihrer eigenen Schreie, als sie auf der Stallgasse
wahnsinnig vor Angst herumgesprungen war. »Sie wird versuchen,
durch den Zaun zu brechen«, flüsterte David neben Eric. »Sie wird
sich umbringen – wir müssen etwas tun!«
»Nein«, war die ruhige Antwort. »Wir haben Hilfe, David, sehen
Sie.«
Excalibur hatte zu grasen aufgehört, als die Stute aus dem Stall
geführt worden war, aber er hatte sie nicht gerufen. Sie war von
der Herde getrennt worden, weil sie etwas tun sollte, das mit dem
Herdenleben nichts gemein hatte. Er hatte geschwiegen und
beobachtet. Als die Stute kopflos gegen den Zaun zu rannte, begriff
er die stumme Bitte, die sein Freund ihm beim Verlassen des Stalls
über die Entfernung mitgeteilt hatte: Sei
wachsam und zur Stelle, wenn es nötig ist.
Es war nötig: Zwei, drei mächtige Sätze
quer durch die verwirrt auseinanderlaufenden Stuten, ein
trommelndes Heranpreschen an den Zaun – er stellte Solitaire und
hob sich auf die Hinterhand; langsam, drohend, urgewaltig.
Solitaire stieg ihrerseits, aber es war kein Voranschnellen mehr in
der Bewegung; bereits in der Aufbäumung wich sie vor ihm
zurück.
Als sie dicht am Koppelzaun entlangraste, blieb der Hengst außen
auf gleicher Höhe mit ihr; zuweilen schlug er drohend mit der
Hinterhand gegen die massiven Planken, bis er sie so sehr
eingeschüchtert hatte, daß sie in ihrer Not zu Eric lief und ihm
ihr Halfter geradezu in die Hände drängte. Hier war doch
Freundlichkeit und Wärme und Ruhe. Der Schrecken war nicht mehr zu
sehen. Erschöpft und verstört drückte sie ihren Kopf gegen Erics
Brust. Die kosende dunkle Stimme tröstete sie und beruhigte ihren
aufgestörten Geist. Das Zittern der feinen Gliedmaßen ließ nach.
Sie folgte der Stimme, die sie zum Stall zurückgeleitete, und stand
steifbeinig auf der Stallgasse, während Eric ihr Fell trocknete und
bürstete, und ihr Langhaar ordnete.
»Sie haben gewußt, daß der Hengst eingreifen würde.« David sprach
in nüchternem Tonfall, um den Sturm von Empfindungen zu verbergen,
der ihn während der angstvollen Sekunden durchtobt hatte. Mit
zitternder Hand tastete er nach seiner Pfeife. »Sie haben's
gewußt«, wiederholte er. »Woher?«
Eric brachte Solitaire in ihre Box und streichelte sie. Sie konnte
jetzt nicht einfach alleingelassen werden.
»Woher wußten Sie's?« fragte David noch einmal.
»Woher – oh, ich bat ihn, seine natürliche Pflicht zu erfüllen.
Andernfalls hätte ich sie auf freiem Feld niemals diesem Schrecken
ausgesetzt. Ich hoffte zwar, sie werde Edward tolerieren, aber
natürlich durfte ich mich keine Sekunde darauf verlassen, und 's
war ja auch gut so. Ich mußte es aber versuchen, um zu erfahren, ob
ihre heftige Reaktion an ihrer Anspannung liegt oder tatsächlich an
Edward ... armer Kerl! Er wird sich jetzt noch elender
fühlen.«
David ging darauf nicht ein: »Sie baten den Hengst? – Ich habe kein
Wort gehört.«
»Nein.«
David vergaß seine Pfeife. »Wollen Sie sagen, daß Sie über
Telepathie oder so was mit ihm in Verbindung treten?«
»Ich sagte nichts in dieser Richtung.«
David versank in tiefes Nachdenken. Schließlich sagte er: »Sie
sprechen nicht zu ihm, und doch tut er das Richtige. Irgendwie
erreichen Sie ihn – und nicht nur ihn, jetzt, wo ich darüber
nachdenke. Gibt es einen Trick?«
Eric ordnete Solitaires Mähne mit den Fingern. Sie entspannte sich
sichtlich und haschte nach einem Bündel Heu. »Keinen
>Zaubertrick<, wenn Sie das meinen, David. Es ist eine Art...
Strom, ein Fließen. Man könnte sagen, ich kann die Wellenlänge der
Tiere erfassen und mich darauf einstellen.«
»Klingt ganz simpel. Kann es aber nicht sein, sonst könnt's ja
jeder.«
»Es ist auch nicht einfach. Meistens kostet es sehr viel Kraft. Ein
Tier, das aufgrund schlechter Erfahrungen unzugänglich geworden
ist, kann nicht wie ein offenes Buch gelesen werden. Excalibur
bildet eine seltene Ausnahme – er war nur ablehnend, aber nicht
verstört. Das ist ein großer Unterschied.«
Solitaire hob den Kopf, stupste ein wenig Heu gegen seine Wange und
ließ ihr kauendes Maul auf seiner Schulter ruhen.
»Sieht jedenfalls aus, als wären Sie in sie hineingekrochen, Junge.
Die Kleine hat Sie gern.«
»Gern haben, Vertrauen, David – das ist nur der halbe Weg. Ich muß
herausfinden, was sie so verstört hat, und darauf finde ich keine
Antwort. Auch Solitaire gibt mir keine Antwort.« »Aber wenn Sie
Pferden geistig, oder was auch immer es ist, so nahekommen können,
daß Sie ihnen aus der Ferne befehlen, ähm ... sie bitten
–«
»Dennoch kann ich nicht in das Wesen eines Tieres hineintauchen –
auch ein Psychoanalytiker ist ja auf Äußerungen seines Patienten
angewiesen, um seine Schlußfolgerungen ziehen zu können. Und seine
Patienten sprechen. Selbst wenn sie nicht die Wahrheit sagen können
oder wollen, so hat der Psychoanalytiker doch immerhin einen
Anhaltspunkt.« – »Und Tiere«, nahm David den Faden auf, »sprechen
nur durch ihre Handlungen, ganz wie Sie's an Ihrem ersten Abend bei
uns sagten. – Allmählich verstehe ich ...« Er tastete wieder nach
seiner Pfeife, besann sich eines anderen und ließ die Hände sinken:
»Alle Achtung, da haben Sie sich ja ein hübsch kompliziertes Feld
gesucht.«
Eric schleppte einen Putzkasten und mehrere Eimer über die Wiese
und stellte seine Last in Excaliburs Nähe ab. »Zeit, ein anderes
Versprechen einzulösen, Junge.«
Der Hengst kam mit steifen Schritten näher, jederzeit bereit
wegzuspringen, wenn es diesem grellroten Ding dort etwa einfallen
sollte, ihn in die Nase zu zwicken: Als sehr junges Fohlen hatte er
einmal am Strand neugierig und unvorsichtig einen Krebs angestupst,
der ihm daraufhin prompt seine Schere in die Oberlippe geschlagen
hatte; eine unvergeßliche Lehre. Dieses Ding rührte sich nicht.
Aber auch der Krebs hatte sich nicht gerührt, bevor er ihn
anstieß.
Er blieb in vorsichtiger Entfernung stehen und sog die Gerüche von
Plastik, Pferd und verschiedenen Salben und Fetten ein. Erst als
Eric mit beiden Händen ohne zu zögern in den Kasten griff und darin
herumwühlte, kam Excalibur ganz nahe heran. Seine Ohren vernahmen
zum ersten Mal das Geräusch einer Kardätsche, die an einem Striegel
ausgestrichen wird, und folgten dem Laut in einer kleinen zuckenden
Bewegung. Eric hielt ihm die beiden Werkzeuge hin und erklärte,
wozu sie gut waren, wobei er genau wußte, daß der Hengst ihn nicht
verstand. Er würde es ihm zeigen müssen. Doch das vertraute sanfte
Murmeln seiner Stimme ließ Excalibur die Geräte eingehend
beriechen. Er schnaufte. Die Dinger rochen für ihn wie ein Pferd,
das sich vor einiger Zeit im Dreck gewälzt hatte, der dann auf
seinem Fell eingetrocknet war. Seine Zähne faßten nach der
Kardätsche wie nach der Mähne eines anderen Pferdes, um dessen
Mähnenkamm wohltuend zu zwicken, wie er es in seinen Fohlentagen
getan hatte, bevor er der Herrscher wurde, dem sich keiner zu
nähern wagt; er umschloß spielerisch die Kardätsche – und ließ sie
schnell wieder los, als die Borsten gegen seinen Gaumen drückten.
Seine Ohren klappten zur Seite, als er überlegte, ob er beleidigt
sein sollte; aber dann war die Neugier doch stärker. Er stieß die
Kardätsche an: Wozu war das überhaupt gut? Damit spielen oder es
fressen konnte man jedenfalls nicht.
Er zuckte zurück, als Eric sanft mit der Kardätsche über seine Nase
strich, aber gleich schob er den Kopf wieder vor: das war nicht
unangenehm. Es war wie Streicheln, nur keine glatte Berührung wie
von Erics Händen, sondern tiefer. Sehr intensiv fühlte er nach, wie
die kurzen Borsten zwischen die Haare seines Fells griffen und
seine Haut sanft stimulierend erreichten. Seewind, Sonnenschein und
Mairegen hatten ihm nie so viel Spaß gemacht wie dieses kleine
Ding, das in langen, langsamen, geübten Strichen über seinen Körper
geführt wurde. An der rechten Flanke hatte er einen ausgeprägten
Haarwirbel; es kitzelte, als sich die Kardätsche näherte, und er
schwankte zwischen Quieken und verspieltem Ausschlagen, aber das
Ding folgte vorsichtig der Wuchsrichtung der Haare und war eine
reine Wohltat. Er seufzte, streckte den Kopf entspannt nach vorn
und schloß halb die Augen. Seine Ohren achteten jetzt auf die
Herde; alle anderen Sinne waren diesem einzigartigen Vergnügen
hingegeben. Und es war nicht nur diese Bürstenmassage – danach kam
eine zweite mit einer noch sanfteren Bürste, und auch sein
windzerzaustes Langhaar wurde vorsichtig entwirrt, geglättet,
gekämmt und ein wenig getrimmt: Die Mähne floß darauf von seinem
Kamm in glänzenden Wellen, und der stolz getragene Schweif schwang
beinah bis zu seinen Hufen herab. Einer nach dem anderen wurden
seine Hufe zuerst mit einer trockenen, dann mit einer nassen Bürste
gereinigt, außen und innen. Eric kratzte den Huf aus und schnitt
mit einem scharfen Hufmesser behutsam loses Horn weg, bis die
Innenflächen rein waren. Excalibur lauschte auf die seltsamen
Geräusche, die durch seine Beine nach oben klangen, und manchmal
drehte er den Kopf, um zu erkunden, was Eric da tat. Es war ihm
ungewohnt, auf drei Beinen zu stehen, aber das war Teil des Spiels.
Wenn ein Huf dann niedergesetzt wurde – sauber und eingefettet und
mit sorgfältig geteertem Strahl –, fühlte er sich ganz anders an
als vorher, viel leichter. Er bekam Augen, Nüstern und die
Genitalien mit warmem Wasser und einem neuen Schwamm gewaschen.
Ganz zum Schluß kam das weiche Tuch: Es schmeichelte über sein
Gesicht, den Hals unter der Mähne entlang und über den ganzen
Körper. Auch das Tuch folgte jedem kleinen Haarwirbel und fuhr
nochmals über das elektrisch aufsprühende Langhaar. Als Eric fertig
war, wandte Excalibur den Kopf, so weit er nur konnte, und roch an
seinem Leib. Er beschnüffelte seine Beine und legte das Maul beinah
bis an die Vorderhufe. Er fühlte sich leichter als je zuvor,
entspannt, und zugleich voller Tatendrang wie nie. Er tat zwei
Schritte, hielt erstaunt inne, trabte an – es war, als könne er auf
die Wolke da oben springen. Übermütig schlug er aus und umkreiste
seine Stuten, funkelnd in seinem neuen Glanz.
»Ein Märchenprinz«, sagte David, der sich bislang in vorsichtigem
Abstand gehalten hatte, jetzt aber zu Eric trat. »Damit haben Sie
ihm wirklich eine Freude gemacht, mein Junge. Wenn ich das Claire
erzähle! Sie wird sagen, ich sei betrunken – ein Wildhengst, der
sich nicht von der Stelle rührt, wenn er geputzt wird! Ich würd'
jeden einen Spinner nennen, der mir's erzählte, wenn ich's nicht
mit eigenen Augen gesehen hätte.«
Eric lächelte. Sein Blick folgte Excalibur, der stolz wie ein
Paradepferd einhertrabte und sich von seinen Stuten bewundern ließ.
»Er ist richtig ein bißchen eitel, nicht? Sehen Sie, wie er den
Kopf wirft und seinem Harem immer die Breitseite zudreht, damit sie
ihn in voller Pracht sehen!«
»Ich hab schon 'ne ganze Menge von Ihnen gelernt, seit ich Sie heut
beobachtet habe. Ich glaube, ich weiß, wie Sie's machen.«
»Ja?«
»Ja. Sie achten sie. Sie sind rücksichtsvoll und höflich gegen
Tiere, wie Sie's zu Menschen auch sind. Menschen werden
zugänglicher, wenn man sie für voll nimmt, und bei Tieren scheint's
nicht anders zu sein.«
»Nach meiner Erfahrung stimmt das.«
»Das kann aber nicht das ganze Geheimnis sein. In unserer Gegend
nennt man Leute wie Sie einen Wizard. Vor Ihnen bin ich noch keinem
begegnet. Ihr wachst schließlich nicht auf Bäumen.«
Er wurde wieder praktisch. »Ich hab Claire versprochen, daß wir zum
Mittagessen zurück sind, und es wird Zeit, mein Junge.«
»Ist's schon so spät?«
»Aye, Sie haben die Zeit vergessen, als Sie den Roten auf Hochglanz
brachten. – Es gibt gegrilltes Huhn mit Folienkartoffeln und jungen
Erbsen, und weil Sonntag ist, wird Claire ihre herrliche Sahnesauce
mit gedünsteten Pilzen machen, und zum Nachtisch gibt es den
Erdbeerkuchen, den Sie so mögen.«
Sie verabschiedeten sich von den Fargus' und dem bekümmerten
Edward. Eric sah ihm gerade in die Augen. »Früher oder später,
Edward –«
»Ja, Master Eric. Ich traue Ihnen. Aber ich hoffe, Sie finden den
Wurm viel, viel früher als später.«
»Ich auch, Edward.«
Er wandte sich an Turner. »Wann wird denn die Riege
eintreffen?«
»Na, ich habe ihnen gesagt, sie sollten's langsam angehen lassen,
es sind schließlich angeknackste Tiere. Wahrscheinlich kommen sie
irgendwann morgen.«
»Schön. Wird gut sein, sie wiederzusehen.«