6

Eric entschuldigte sich bei Claire. Er konnte es sich nicht versagen, nach Lance zu sehen, ihn zu tätscheln und zu befragen, ob es ihm gutgegangen war, und zu seinem Erstaunen entdeckte er die

große rote Katze, die er heute Mittag in der Küche kennengelernt hatte, unmittelbar neben Lances Füßen. Sie sprang, während er sie erstaunt ansah, mit einem unglaublichen Satz auf den Rücken des Hengstes und betrachtete Eric von ihrer Höhe aus wohlwollend mit blitzenden Augen. Lance war nicht einmal zusammengezuckt, als die sanften Pfoten auf seinem Rücken landeten, sondern wandte nur mit einer friedlichen Bewegung den Kopf, als das weiche Fellbündel sich knapp hinter seinem Widerrist zusammenrollte.

»Dir geht's gut hier, das sehe ich.« Eric kraulte mit einer Hand die Katze, seine andere Hand strich Lances lange helle Stirnlocke zusammen und legte sie ihm zwischen die Augen. Die längsten Haare reichten beinah bis zwischen seine Nüstern. »Möchte meinen, dir ist's nie besser gegangen.« Eric gratulierte sich einmal mehr zur Wahl seines Logis. Claire und diese hinreißende Katze, der Stall und der Zaubergarten – er hätte es nicht besser treffen können.

Als er an der Haustür läutete, sah er sich noch einmal um. Der sich frühsommerlich hoch wölbende klare Himmel besaß die für die Jahreszeit eigentümliche tiefdunkelblaue Schattierung, durchschimmert von Milliarden großer und kleiner, naher und ferner Sterne, und der Mond war eine breite Sichel, hell schimmernd wie reines Silber. Die Dunkelheit um ihn her atmete ein vielschichtiges, reiches Leben, und von ferne kam das Flüstern des Atlantiks auf einer lauen Brise herübergeweht. Erics Lungen dehnten sich weit. Er fühlte sich geradezu betrunken von Wohlbehagen und Zufriedenheit.

»Abend, Junge.« Der hochgewachsene, kräftig gebaute ältere Mann, der ihm die Tür öffnete, mußte Mr. Hickman sein. Er reichte ihm die Hand und musterte ihn von Kopf bis Fuß. »Eric, nicht?«

»Ja, Sir.«
»Kommen Sie nur rein. Vergessen Sie das mit dem Sir mal wieder ganz schnell. Ich bin David. Hab mich den ganzen Abend gefragt – ah, da ist Claire mit Ihrem Pie.«
Hauchdünne Scheiben orangefarbenen Räucherlachses rieben sich an dünn aufgeschnittenem Schinken und einem großen Stück eines weißen, feucht glänzenden Käses, herrlich duftenden Räucherwürstchen, kaltem Hackbraten und einem Laib kernigen Brotes. Claire brachte außerdem frische Butter, Senf, Pfeffer und Salz, und einen riesigen Becher Milch.
»Claire!« protestierte Eric. »Das geht wirklich nicht! Dies ist Bed & Breakfast!«
»Sie sehen aus, als hätten Sie noch nicht zu Abend gegessen«, erwiderte sie nur und machte sich am Herd zu schaffen.
»Essen Sie«, sagte auch David, streckte sich behaglich und nestelte an seiner Pfeife. »Stört Sie's, wenn ich rauche?«
»Gar nicht, ich nehme selbst ab und zu gern einen Zug.«
Er betrachtete ungläubig die vor ihm aufgebauten Platten und ließ zweifelnde Blicke zwischen Claires Rücken und dem zufriedenen, gelösten Gesicht ihres Mannes schweifen.
»Nun essen Sie doch endlich, Mann!« sagte David schließlich. »Nehmen Sie Senf zu den Würstchen; der Senf ist eine besondere Mischung, die Claire extra dafür erfunden hat.«
»Ich bin oben, Lieber, ja? Muß mich um die Wäsche kümmern.«
Sie lächelte ihnen über die Schulter zu, und beide sahen ihr nach, als sie den Raum verließ.
»Eine wunderbare Frau«, seufzte David. »Ich hätte keine bessere bekommen können.« Er betrachtete Eric, der langsam, noch immer ungläubig, ein Würstchen zerteilte, die Schnittflächen mit dem seltsam süß-würzigen Senf bestrich und es mit einer dicken Scheibe Brot verzehrte.
»Nehmen Sie Butter auf das Brot«, sagte David, »und versuchen Sie eine Scheibe Käse dazu – nein, nicht doch so dünn! Einen Batzen – mindestens zwei Daumen dick!«
Eric gehorchte. So war es noch viel besser. Sein Gesicht mußte einen Ausdruck der Entrückung angenommen haben, denn David lächelte. »Ihr Engländer«, sagte er langsam, »ihr habt alle nicht die geringste Ahnung von gutem Essen.«
Eric nahm sich eine zweite Wurst, kombinierte sie mit einer Scheibe des hauchdünn geschnittenen Schinkens und noch mehr Brot und Käse. Er hatte nicht gewußt, daß er so hungrig war. Und was Davids Worte anbetraf – er wußte nicht, ob sie auf alle Engländer zutrafen, aber ganz sicher auf ihn. Er lebte aus Dosen und von Tiefgefrorenem. Das war einigermaßen billig, und einfach in der Zubereitung. – Dieses Essen war wie eine Offenbarung für ihn. Er kostete den Lachs und mußte einen Ausruf der Begeisterung unterdrücken.
»Bestreuen Sie ihn mit Pfeffer«, riet David, und Eric nahm die Pfeffermühle und ließ einige Körnchen auf das zarte, eigentümlich aromatische Fleisch fallen. »Claire tut immer weiße Pfefferkörner in die Mühle«, erklärte David. »Nichts gibt dem Lachs ein besseres Aroma als weißer Pfeffer. Aber warten Sie – Claire hat etwas vergessen.« Er stand rasch auf, als handele es sich um eine Angelegenheit von höchster Wichtigkeit, ging zum Kühlschrank, ließ dann Wasser laufen, und präsentierte Eric zwei frisch gewaschene pralle, dunkelrote Tomaten. »Die meisten essen ihren Lachs mit Dill oder einer fetten Soße«, erklärte er. »Aber eine sehr fein geschnittene Tomate gibt ihm eine ganz andere, viel feinere Geschmacksrichtung. Versuchen Sie's! – Na, wie ist es?«
Eric fand keine Worte. Er kaute.
»Wissen Sie, seit ich zurück bin von meiner Runde – ich bin Schmied, weiß nicht, hat Claire Ihnen das erzählt?«
Eric schüttelte den Kopf, zu beschäftigt mit dem Essen, um an eine Erwiderung zu denken.
»Jedenfalls, seit ich zurück bin, liegt mir meine Frau mit Ihrem Lobgesang in den Ohren. Eric hier, Eric da, Eric sagte dies, Eric tat das. Ich wurde schon richtig eifersüchtig auf Sie. Als Sie dann heute Abend vor mir standen, hab ich Claire plötzlich begriffen.« Er machte eine Pause.
»Claire hat es nie verwunden, daß unser Davy seine Heimat verlassen hat. Sie hat immer gewollt, daß wir Geld zur Seite legen, damit wir, wenn Davy soweit ist, noch ein paar Hektar guten Landes hinzukaufen können. Sie wollte, daß er Farmer wird. Aber Davy – den hat's in den Knochen gejuckt, seit er ein kleiner Junge war, in die Stadt zu kommen; Sie wissen schon, Bars, Diskotheken, Gesellschaft. Hier gibt's mal eine Feier vom Anglerverein oder vom Schafzüchterverband. Er wollte mehr, und er ist nicht der einzige. Die meisten jungen Leute verlassen das Dorf, sobald sie können. Nicht alle gehen so weit weg wie Davy, aber sie besuchen ihre Leute, die hiergeblieben sind, kaum öfter, als er uns besucht.«
»Das ist traurig«, sagte Eric.
David zog an seiner Pfeife. »Er ist jetzt vier Jahre weg. Wir versuchen, Kontakt mit ihm zu halten, wir schreiben ihm, wir rufen ihn an. Vor ein paar Monaten haben wir ihn zum ersten Mal besucht. Es war sein vierundzwanzigster Geburtstag. Wir kamen uns wie Hinterwäldler vor. Er nahm uns in Empfang, als würde er sich für uns schämen. Na ja, er war piekfein angezogen, und alle seine sogenannten Freunde auch. Claire und ich stachen schon ab mit unserer Kleidung, die bestimmt nicht der neuesten Mode entspricht – aber wir sind doch seine Eltern?! Na, es war eine lange Nacht, und keiner sprach mit uns. Nicht mal Davy.«
Er versank für geraume Zeit in Schweigen. Die starken Zähne bissen auf den Pfeifenstiel. »Zu besonderen Gelegenheiten, zu Weihnachten oder Geburtstagen – aber nur, wenn >er sich frei machen kann< – kommt er zu uns ...«
»Ja, Ihre Frau sagte, er besucht Sie ab und zu.« Eric war sehr verlegen.
»Selten genug.« David starrte finster über seine Pfeife auf den schwarzweiß gewürfelten Boden der weiträumigen Küche mit der niedrigen Decke. »Sagen Sie, Eric, wie oft besuchen Sie Ihre Leute?« Seine Stimme erhitzte sich, er wartete nicht auf eine Antwort. »Rufen Sie sie dann und wann mal an? Schreiben Sie ihnen, wenn's Ihnen nicht gut geht und Sie eine Last von der Seele haben wollen?«
»Ich ...«, er schob seinen Teller zurück und blickte sein Gegenüber sehr gerade an.
»Ich ... nun, David, ich habe keine Leute.«
Er hatte schon vor sehr langer Zeit gelernt, daß Drumherumgerede überhaupt nichts nutzte. Es war einfacher, den Gesprächspartner mit der Wahrheit zu konfrontieren. »Ich kenne meine Eltern nicht. Ich weiß nicht, ob ich Geschwister oder andere Verwandte habe. Ich bin gleich nach der Geburt in ein Heim gebracht worden; man gab mir dort, als ich ein wenig älter wurde und Dinge anstellte, wie kleine Jungs sie eben anstellen, gern zu verstehen, daß sich meine Erzeuger ganz zu Recht von einer Plage befreit hatten, als sie mich abschoben.«
»Gütiger Andreas!« David starrte ihn entsetzt an, und Eric empfand das Bedürfnis, ihn zu beruhigen: »Immerhin hatten sie – meine Eltern – den Anstand, mir einen Namen zu geben und ihre Stammdaten zu hinterlassen. Als ich alt genug war, hätte ich sie darüber vielleicht sogar finden können, aber ich glaube nicht, daß es viel Sinn machen würde.«
»Eric –«
»Entschuldigen Sie, David.« Das Lächeln schien unbeschwert, die dunklen Augen glitzerten. »Es tut mir leid, ich habe Sie abgelenkt. Sie wollten mir von Ihrem Sohn erzählen.«
David starrte ihn an. Er sah den Schatten hinter dem Lächeln und einen Herzschlag lang Verlorenheit in den Augen. Heftig klopfte er seine Pfeife aus, sein Geist durchflatterte eine Unzahl von Möglichkeiten; schließlich traf er seine Wahl und sagte gedehnt: »Ja – eines der drolligsten Dinge ist, es war Davy immer zu kalt hier. Ich meine, er ist hier geboren und aufgewachsen, und wir haben hier für Schottland dank des Golfstroms ein wirklich mildes Klima; aber immer fror er. Wenn er uns jetzt mal besuchen kommt, sieht er aus wie ein bißchen Spucke in einem Napf mit Hafergrütze, wenn Sie verstehen, was ich meine.«
»Ja, denke schon.«
Wie konnte dieser Junge so ruhig sein? David sog heftig den Rauch in sich. Wie alt mochte er sein? Mitte Zwanzig, Anfang Dreißig – Zeit genug jedenfalls, um sich mit seinem Schicksal in gewisser Weise abzufinden und zu erkennen, daß sein Leben allein in seiner Hand lag. Und es hatte den Anschein, als habe er es sehr gut in der Hand.
Davids Augen studierten Erics Gesicht mit seltsamer Eindringlichkeit. Ihm gefiel, was er sah. Aufrichtigkeit und Kraft. Empfindsamkeit und Willensstärke. Sanftmut, und ebenso eine verborgene Intensität.
Claire kam mit einem Wäschekorb zurück, als David gerade dabei war, eine Whiskyflasche und drei Gläser aus dem Schrank zu holen.
»Setz dich, Claire«, sagte er, indem er die Gläser füllte. »Wir wollen auf den Helden des Tages trinken. Und nun: Hoch die Gläser!«
»Moment, David, nicht doch –«
»Denken Sie vielleicht, ich hätte erst von meiner Claire erfahren, was Sie heute für Billy getan haben? Ich schaute bei den MacKinnans vorbei, um zu fragen, wann ihre Pferde beschlagen werden sollen, und da erzählten sie mir von Maudie und dem Fohlen. War 'ne reife Leistung, sagte Billy, und der muß es wissen. Und jetzt – ex und hopp!«
David hielt ihm sein Glas hin. Diese Bewegung sagte deutlich, daß er keine Widerrede hören wollte, und Eric stieß mit ihm und Claire an. Als alle ihr Glas auf einen Zug ausgetrunken hatten, ließ David sich bequem in seinen Stuhl rutschen und streckte die Füße gegen das Feuer.
»Erzählen Sie doch ein bißchen, Eric«, sagte er und füllte mit einer nachlässigen Bewegung dessen Glas, dann das seiner Frau und sein eigenes. »Diese Sache da mit den Fargus' und dieser sündhaft teuren Stute, wie heißt sie, Solitaire, nicht? Claire erwähnte, daß Sie nach ihr fragten.«
»Sie war für längere Zeit vom Gelände verschwunden und ist völlig unzugänglich eines Tages wiederaufgetaucht. Mehr weiß ich auch noch nicht.«
»Und Sie sollen sie zähmen?«
»Ich würde es eher eine Therapie nennen. Zähmen, das klingt so nach Cowboymanier, nach Beine zusammenbinden und Peitschengeknall und Herumschreien, nach Ohren verdrehen und in die Knie zwingen; brechen, mit einem Wort. Als ich ein kleiner Junge war, habe ich mal mit angesehen, wie ein Pferd gebrochen wurde.« Er schwieg, seine Gedanken glitten zurück zu der staubigen Koppel mit dem Zaun aus schäbigen Holzbohlen und dem Pfahl in der Mitte, an den das Fohlen angebunden war, und an sich selbst, einen Stöpsel von vielleicht vier Jahren. Er sah sich mit dreckverschmiertem Gesicht und schmutzigen Händen dicht an den Zaun gedrückt in einer Ecke draußen vor der Koppel stehen, wo niemand ihn sehen konnte. Er konnte Pferde sozusagen über viele Meilen riechen und wurde von sämtlichen Höfen, die Pferde hatten, magisch angezogen. Auf manchen Höfen sah man ihn gern, auf manchen duldete man ihn, auf anderen nicht. Auf diesem hatten sie ihn mit einem Fußtritt verjagt, aber er war geblieben und hatte sich versteckt, als er sah, daß eines der Pferde, mit dem er Freundschaft geschlossen hatte, bevor ihn die Frau des Besitzers erspäht und unsanft vom Hof befördert hatte, in die Koppel geführt wurde. Er hatte geglaubt, es solle longiert oder geritten werden, und war geblieben, um aus seinem Versteck die Bewegungen des Pferdes beobachten zu können.
Kein anderes Tier als ein schönes, starkes Pferd bewegt sich mit diesem atemberaubenden Zusammenfluß von Kraft und Grazie; diesem Ineinanderfließen der Bewegungen von Hals, Leib und Beinen, diesem eleganten Schwingen und Schweben. Er konnte sich nicht sattsehen.
Die Hickmans sahen ihn an, nicht drängend; sie mochten sich nur über seine lange Pause wundern. Langsam, sehr leise, sprach er schließlich weiter. »Es war ein prächtiger kastanienbrauner Zweijähriger. Ich weiß noch genau, ich fragte mich die ganze Zeit, wie ein so herrliches Pferd auf einen so schäbigen Hof gehören konnte. Ein Mann mit einem Sattel ging zu dem Pferd. Er warf ihm den Sattel auf den Rücken. Das Pferd wehrte sich; es bäumte sich auf und schlug aus. Der Mann versuchte es wieder, aber bald hatte er genug. Er holte ein Seil, wand es dem Fohlen um die Vorderbeine, band es von dem Pfahl ab und trieb es mit einer langen Peitsche vorwärts. Er schrie die ganze Zeit. Das Pferd versuchte zu laufen, weil es Angst vor der Peitsche und seiner Stimme hatte, aber weil seine Beine gebunden waren, fiel es hin. Der Mann schlug es und schrie, damit es aufstand, und trieb es wieder an, und es fiel wieder hin. Das ging lange so. Schließlich war das Fohlen schwarz vor Schweiß und gesprenkelt mit weißen Schaumflöckchen. Es war erledigt, und es muß überall Schmerzen vom dauernden Hinfallen gehabt haben. Er band es wieder an den Pfahl, kam mit dem Sattel und warf ihn genau wie vorher auf den Rücken. Noch einmal versuchte es, sich zu wehren. Diesmal brauchte er nur noch zu schreien, und da blieb es zitternd stehen und ließ alles mit sich machen. Als er es schließlich losband und von ihm wegging, ohne auch nur einen Gedanken daran, es zu versorgen, ihm Wasser zu geben, sein Fell zu trocknen – er ließ es einfach allein auf dieser staubigen Koppel –, stand es da, mit hängendem Kopf, ausgepumpt, ein Bild der Niederlage. Ich schlich mich näher und sah seine Augen. Sie waren ganz trübe, wie verstaubt. Ich rief leise nach ihm, aber es rührte sich nicht. Da ging ich dann zu ihm, ich wollte es trösten, ihm sagen, wie leid es mir tat. Ich näherte mich ihm vorsichtig und hatte dabei immer ein Auge auf das Haus, weil ich natürlich nicht erwischt werden wollte, denn sie hatten mich zuvor schon weggejagt. Es bemerkte mich, und ich streckte meine Hand nach ihm aus. Es begriff, daß ich viel kleiner und schwächer war – daß ich ihm nicht weh tun konnte. Es hat mich gebissen, mehrmals. – Es hatte seinen Stolz verloren. Es war niederträchtig geworden.«
»Das hätte Sie eigentlich für immer von Pferden kurieren sollen«, meinte David nach einer Weile, in der alle geschwiegen hatten.
Eric konnte nicht einmal lächeln; die Erinnerung an dieses zerbrochene Leben war ihm auf einmal wieder zu nah. Denn ein intelligentes Geschöpf, ob Mensch oder Tier, dessen Willen nicht mehr ihm zu eigen ist, verliert sein Selbst und damit die Freude am Leben.
»Es hat ganz das Gegenteil bewirkt. Ich hatte ja gesehen, warum das Pferd so geworden war.«
»Es hätte ja auch schon vorher so niederträchtig gewesen sein können.«
»Das war es nicht. Ich hatte mich vorher mit ihm angefreundet.«
»Ich habe«, sagte David und fuhr sich mit einer plötzlich sehr müde wirkenden Bewegung über das Gesicht, »in meinem Beruf einen ganzen Haufen widerlicher Gäule kennengelernt. Ich denke, ich bin gut – ich kann Haltungsschäden ausgleichen und Spezialbeschläge anbringen für Querfeldein und so, aber mit manchen Pferden gibt's einen regelrechten Kampf. Ich hab immer gedacht, die sind einfach von Natur aus so. Ich muß oft ganz schön nachhelfen, damit sie sich beschlagen lassen.«
»Ich glaube nicht, daß ein Tier bösartig geboren wird; es sei denn, es gibt von vornherein ernsthafte Funktionsstörungen seines Hirns. Aber im Normalfall ist es bei Tieren wie bei Menschen: Sie werden durch Mißerfolg und Qualen und tiefgreifende Ereignisse verschiedenster Art hart und bitter und böse und ungerecht. Nur, Tiere äußern es auf andere Art. Sie können nicht zu uns sprechen, außer durch ihre Handlungen. Und weil sie größer oder einfach wehrhafter sind als Menschen, haben wir Angst vor ihnen und müssen sie fesseln und ihnen weh tun, bevor sie uns weh tun können – und dabei haben wir sie in vielen Fällen erst zu dem gemacht, was sie sind. Gerade Pferde sind von ihrem Naturell her hochanständige Tiere: Ein Pferd wird niemals auf etwas Lebendiges treten, das vor ihm auf dem Boden liegt, egal, wie aufgeregt es ist; es wird versuchen, das Hindernis zu umgehen oder über es hinwegzuspringen.«
»Das habe ich mal bei einem Turnier gesehen«, warf Claire ein. »Das Pferd hatte vor einem Hindernis gescheut, und der Reiter war über seinen Kopf geflogen. Dann sprang es aber doch noch, und irgendwie warf es sich dann in der Luft herum, als es merkte, daß der Reiter vor ihm im Gras lag – machte eine unbeschreibliche Bewegung, als würde es sich im Sprung auf die Seite drehen –, um nicht auf ihn zu treten.«
»Ebensowenig rennt ein Pferd einen Menschen um, der vor ihm steht: Wenn man ruhig stehenbleibt und die Arme ausbreitet und ihm beruhigend zuruft, bleibt es stehen; im schlimmsten Fall macht es kehrt, aber es rennt nicht einfach gegen das lebendige Hindernis. Mir ist noch nie ein Pferd begegnet, das einen Menschen angegriffen hätte, und ich habe, weiß Gott, sehr viele Pferde kennengelernt.«
»Wie kommt's dann aber, daß viele sich so schlecht beschlagen lassen?«
»Aber David, Sie sind ein Fremder, und Sie bringen allerhand Sachen herbeigeschleppt, die die Pferde ebenfalls nicht kennen. Dann ist da das Feuer, das Zurechtschlagen der Hufeisen, das Einschlagen der Hufnägel; wenn das Pferd davon auch nichts fühlt, aber es sind lauter fremde, beunruhigende Geräusche und Gerüche. Pferde sind Fluchttiere. Das ist ihre Natur. Kann ein Pferd aber nicht fliehen, muß es sich wehren.«
»Es heißt aber doch immer wieder, daß Pferde nichts vergessen«, beharrte David. »Da sollte man doch meinen, daß sie lernen, wie harmlos das Ganze eigentlich ist.«
»Woran sich das Pferd beim neuen Beschlagen erinnert, sind die Angst und das Unbehagen vom letzten Mal. So eine Art ...«, er suchte nach einem passenden Vergleich, »eine Art Zahnarztsyndrom.«
»Ach ...« David stocherte in seiner Pfeife. »Von der Seite habe ich die Sache noch gar nicht gesehen.«
Eric beschloß, daß dies eine gute Gelegenheit sei, um den Abend zu beenden. Er hätte den Whisky der Hickmans nicht auch noch trinken sollen, nachdem er bereits zwei Drinks mit Emily genommen hatte; und außerdem konnte es nicht schaden, wenn David noch ein wenig über das Zahnarztsyndrom nachdachte.
Er stellte sein Glas nieder, blinzelte zur Uhr auf dem Küchenschrank, streckte sich verhalten und sagte: »Reichlich spät, und ich muß früh auf. Besser, ich gehe schlafen.«
Claire legte ihre Stickerei weg. »Wird auch Zeit für uns. Lieber, willst du dich um das Feuer kümmern? Kommen Sie, Eric, ich zeige Ihnen Ihr Zimmer.«
Er schleppte seine Taschen hinter ihr her über die blumengeschmückte Treppe ins obere Stockwerk, dann einen fast dunklen Flur entlang, und blieb überrascht an der Tür seines Zimmers stehen. Auf der Kommode stand eine Duftlampe, deren brennendes Teelicht den Raum in ein wohltuendes Halbdunkel tauchte. Ein frischer Duft von Orangenblüten erfüllte die Luft. »Als ich vorhin oben war, um mich um die Wäsche zu kümmern, habe ich's angezündet«, sagte Claire. »Wir können aber auch das elektrische Licht anmachen.« Sie streckte die Hand nach dem Schalter aus, aber Eric hielt sie mit einer kleinen Bewegung auf. »Nein! Nein, lassen Sie es bitte, wie es ist, Claire.«
Der Raum schien ihm entgegenzukommen. Lag dieser Eindruck an dem goldenen Licht? War es das mit dicken Decken belegte Bett oder die schlichten, aus massivem Holz gefertigten Möbel? Oder die Bilder an den Wänden – Aquarelle und Drucke, aus denen die Seele dieses Landes zu atmen schien? Irgend etwas an diesen Bildern und Möbeln und an vielen anderen Kleinigkeiten sagte ihm, daß dies nicht der gewöhnliche Gästeraum war. Sein Blick richtete sich interessiert auf die dicke Deckenlage des Bettes. – Hatte David nicht erzählt, seinem Sohn sei immerzu kalt gewesen; und sei es noch, wenn er hier war?
»Das ist ein wunderschönes Zimmer, Claire«, sagte er. »Ich werde mich hier fühlen wie in Abrahams Schoß.«
Er betrachtete wieder das Bett mit seiner Deckenlast. Aus verläßlicher Quelle wußte er, daß man in Schottland dicke Decken eigentlich nicht kennt. Wenn die Nächte streng, die Luftmassen rauh werden, gibt es den geliebten Whisky, der das Blut schneller kreisen läßt und die nötige Wärme im Inneren erzeugt.
Offenbar war dies Davys Zimmer. Er schluckte hart gegen einen plötzlich drückenden Kloß in seiner Kehle. »Claire –« Er wollte nicht sentimental werden. Der Whisky wollte ihn dazu verleiten. »Claire, ich bin sehr froh, daß ich hier bei Ihnen sein darf, und nicht da oben, bei den Fargus'.« Er dachte an Louises heulende Stimme, an Emily, und unterdrückte ein Schaudern. »Und ich weiß, daß Lance ebenso froh ist. – Ihre schöne rote Katze ist bei ihm, wußten Sie das?«
»Ja«, sagte Claire. »Missy hat sich in ihn verliebt. Das ist eine Auszeichnung. Sie ist wählerisch. Muß sie von mir haben. Sicher hat sie ihm Ceud mìle faìlte zugeschnurrt.«
»Was heißt das?«
»Hunderttausend Willkommen. Es ist gälisch. Missy kennt ein paar Brocken. Auch von mir.« Sie kam lächelnd zu ihm und mußte sich aufrecken, um ihm die Hand an die Wange zu legen. »Gute Nacht, Eric«, sagte sie. »Ceud mìle faìlte.« Dann wurde sie brüsk. »Jetzt wird aber gleich geschlafen, ja? Sie sagten selbst, es wird ein harter Tag bei den Fargus' morgen. Soll ich Sie wecken? Wir stehen um sechs auf. Reicht Ihnen das?«
»Das Badezimmer ist gleich da nebenan. Es gehört Ihnen. David und ich haben unten unser Schlafzimmer und das Bad.« Sie wandte sich brüsk um.
»Claire?« Er konnte sie nicht gehen lassen. Nicht so. Eine Vielzahl von Sätzen schoß ihm durch den Kopf, und alle schienen zu sentimental, schwülstig, oder unfertig, oder undiplomatisch. »Danke«, sagte er endlich leise.
»Ceud mìle faìlte«, kam es aus dem Halbdunkel zurück.

In der Stunde vor dem Morgengrauen stand Excalibur wachsam auf einem Hügel hoch über seinen Stuten und ihren neugeborenen Fohlen und erforschte mit all seinen Sinnen die Umgebung. Die Feuchtigkeit der Nacht hatte sein Fell und Langhaar mit feinen Tropfen benetzt, aber stets floß sein Blut zu hitzig und zu rasch, um auch nur ein Frösteln zuzulassen. Er stand mit den Vorderhufen auf der höchsten Anhöhe des Geländes, und sein mächtiger Körper streckte sich in einer vollständig regungslosen und doch spannungsgeladenen Linie hügelabwärts, als befrage er stumm die Luft und das Land und das Meer um ihn her und lausche aufmerksam auf Antworten, die nur er vernehmen konnte.

Dann glomm ein seltsames Leuchten in seinen großen Augen auf. Mit ruckartigen Bewegungen schwenkte er den Kopf herum, reckte ihn in den Wind, spähte nach einer bestimmten Bewegung, lauschte mit gestreckten Ohren nach dem Klang, auf den er wartete, witterte mit weiten, rötlichen Nüstern, um den einen, diesen ganz eigenartigen Geruch unter den vielen herauszufiltern, die auf ihn einströmten. Mähne und Schweif bauschten sich um ihn, als der Wind heftiger vom Meer kam; sie verliehen seiner sich gegen das erste bleiche Licht abhebenden Silhouette die überwältigende Schönheit einer Statue, die plötzlich zum Leben erwacht.

Sein großer Name paßte zu ihm. Sein wacher Verstand war so scharf wie eine Schwertschneide, und wenn Excalibur kämpfte, war jeder seiner Hufe eine ebenso tödliche Waffe, wie der edel geformte, stahlharte Kopf mit den geöffneten Zahnreihen es war. Er war intelligent und verständig, er wußte, was zu tun war, und er tat es zur rechten Zeit. Er war der geborene Leithengst. Er war bereit, für das, was er wollte
– prachtvolle Stuten, eine starke und zahlreiche Nachkommenschaft –, zu kämpfen, zu leiden, zu hungern und zu dursten; und zu sterben. Er wollte sie besitzen, sie beherrschen, sie als sein eigen wissen; und er war bereit, sie, wenn nötig, mit dem letzten Tropfen seines Blutes zu beschützen, gegen jede Gefahr, gegen jeden Eindringling auf seinem Grund.

Schließlich verließ er seinen Posten, um auf den Hängen und im Tal in weiten Kreisen zu traben und zu galoppieren auf der Suche nach dem fremden, herausfordernden Geruch. Gerade als die Sonne sich langsam hinter einer großen dunklen Wolke erhob, jagte er mühelos wieder den steilen Hang hinauf, stand auf der Hügelkuppe in der gleichen Haltung wie zuvor. Seine Nüstern wandten sich dem Tal zu, in dem seine Stuten und ihre kleinen Fohlen grasten, und plötzlich erhob er sich auf die Hinterhand, zerschnitt mit den Vorderhufen die stille, rotbrennende Luft und schrie im Aufbäumen seine Herausforderung heraus.

Es dauerte nur Bruchteile eines Herzschlags – so lange, wie der Schall benötigt, um den Raum zu überwinden –, da drang die Antwort in seine aufgestellten Ohren.

Er ließ sich auf die Vorderhufe fallen, verharrte, warf den Kopf zurück und starrte über die im Sonnenaufgang purpurne Fläche des Atlantiks, dessen Wildheit und Kraft in seinen Adern floß. Was immer kommen mochte – er war bereit.

Ein seltsam grell aus der tiefen Pferdebrust gerissener, lang hallender Schrei, mit dem ein Hengst seinem Herausforderer antwortet, ließ Eric aus dem Bett springen, bevor sein Bewußtsein überhaupt aus den Tiefen eines schweren Schlafes hervortaumeln konnte. Er stürmte im Pyjama, auf bloßen Füßen, die Treppe hinunter, vorbei an Claire und David Hickman, die in ihren Morgenmänteln schaudernd und verständnislos auf der Schwelle ihres Schlafzimmers standen, rannte zu dem Gebäude, das Lance ganz für sich hatte, und öffnete die Tür nur so weit, daß er gerade hindurchschlüpfen konnte. Atemlos tastete er nach dem Lichtschalter, und Lance drängte sich heftig gegen ihn. »Ist ja gut, alter Junge, schon gut.« Erics Stimme klang beiläufig, als er ihn zurückschob; wie die beschwichtigende Stimme einer liebenden Mutter, deren Jüngstes Alpträume hat. Aber er wußte, daß Lance eine ferne Botschaft empfangen und sie stolz und herausfordernd beantwortet hatte.

»Ist gut, Junge, gut.« Würde die Kraft seiner Stimme ausreichen? Oder würde er ihm wieder eine Spritze geben müssen?

Lance stand beinah unmerklich zitternd still, den hohen, kraftvollen Körper energiegeladen zusammengezogen, jede Faser gespannt, so daß er kleiner, runder wirkte. Er schnaubte und machte einige tänzelnde Schritte, dann stand er mit gerecktem Kopf still, offenkundig wartete er begierig auf eine erneute Herausforderung. »Lance!« warnte Eric. Er wußte, er würde Excalibur nicht hören können, denn er befand sich sehr wahrscheinlich nicht in der Nähe von Sunrise-House, sondern irgendwo weit draußen; die Reaktion des Hengstes vor ihm würde ihm verraten, ob Excalibur einen Hengst jenseits seines Territoriums bedrohte. Emily hatte gesagt, er habe das noch nie zuvor getan.

Lances Ohren spielten unablässig. Aber es schien keine Herausforderung mehr zu kommen. Er entspannte sich schließlich, schnaubte in das Stroh und scharrte lässig. Eric redete ihm gut zu und gab ihm noch etwas Hafer. Und als die Katze wieder auf seinen Rücken sprang, schien es fast, als ob Lance lächle: er drehte ihr eine ganze Weile seinen feinen Kopf zu und ließ ihn dann zurückschwingen zu Eric, der ihn zwischen beiden Händen einfing und gegen seine Brust preßte: »Lance, du bist doch ein gescheiter Bursche. Laß es, Lance. Laß es einfach sein.«

Lances Kopf drückte sich schwer gegen seine Brust. Da öffnete sich die Stalltür einen Spalt, und Claire schlüpfte hinein. Klein und verloren sah sie aus in ihrem weiten Morgenrock, der so lang war, daß er wie die Schleppe einer Königin hinter ihr her durch das Stroh rauschte.
»Eric! Das war ja ein ganz schreckliches Wiehern, so was habe ich mein Lebtag noch nicht gehört – und wie Sie losgestürzt sind! Was ist denn bloß los?«
»Ich denke, Lance hat eine Botschaft von Excalibur bekommen. Und ich denke außerdem, daß Emily Fargus recht hatte, als sie sagte, Excalibur fordere keinen Hengst außerhalb seines Territoriums heraus. Ich denke, Excalibur ist klar geworden, daß es keinen Gegner mehr auf seinem Land gibt; da ist er jetzt zufrieden und schweigt.«
»Prince Charming!« Sie näherte sich Lance, der wieder seinen Hafer mahlte, vorsichtig von der Seite, und die weitblickenden Augen wandten sich ihr zu, erkannten sie nicht; aber ihre Stimme, ihren Geruch erkannte er. Er hob den Kopf, und seine Kiefer hörten nicht auf zu mahlen. Das war ein Kompliment an sie; hätte sie ihn gestört, hätte er sie gefürchtet oder ihr mißtraut, wäre das Futter vergessen und sein seidig schimmernder Körper in einem Feuerwerk von Abwehr und zerstörerischem Zorn aufgegangen.
»Prince Charming, mein schöner Junge, Sonnenstrahl, du sollst doch Eric nicht aus dem Schlaf reißen!« Ihre Stimme nahm einen leicht tadelnden Tonfall an, als sie Lances Nase und seinen Hals streichelte und sein Stirnhaar zwischen seine Augen strich. »Du bist doch ein guter Junge, Prince Charming. Schau, der Rote hat da oben eben das Sagen. Misch dich nicht ein.« Sie drückte ihr Gesicht gegen Lances breite Stirn und legte ihm die Arme um den Hals, wie sonst nur Eric es tun durfte. »Misch dich nicht ein«, wiederholte sie beschwörend.
Lance schnaufte und legte ihr das Maul auf die Schulter.
Sie blickte nach Eric zurück, strahlend. »Ist das wohl ein Versprechen?«
»Im Moment ist alles ruhig, Claire«, sagte er ausweichend, im Bewußtsein, daß Lance nicht gegen seine Instinkte handeln konnte. »Ich denke, wir können jetzt wieder ins Haus gehen.«
Er hielt ihr die Tür auf und wartete, bis auch ihre lange Schleppe durch den Spalt verschwunden war. Als er neben sie trat, sagte sie: »Es ist ohnehin schon Morgen – was halten Sie davon, wenn ich das Frühstück zubereite, während Sie sich frisch machen?«
Beim Frühstück beobachtete Eric durch das Küchenfenster, was man in dieser Gegend unter Wechselhaftigkeit des Wetters versteht. Nach seiner Erfahrung hätte es nach dem prachtvollen Sonnenaufgang ein Tag mit Sonne und blauem Himmel werden sollen. Doch die Sonne zog sich bald hinter graue tiefhängende Wolken zurück, und Wind kam auf. Böen mit einer ganz erstaunlichen Kraft rüttelten am Haus und klangen wie eine Drohung. Ungern verließ er das warme, schützende Haus. David ging an seiner Seite, er wollte ihn zum Anwesen der Fargus' hinauffahren. »Gegen Mittag wird es wieder aufklaren«, sagte er und blickte zum verhangenen Himmel.
»Tatsächlich?«
»Sicher, Junge. Unser Wetter ist ein bißchen abwechslungsreicher als das bei euch unten.«
»Sie setzen diese Fahrt aber unbedingt auf meine Rechnung, David«, sagte Eric, nachdem der Wagen das Tor von Sunrise passiert hatte.
»Was?!« Davids Gesicht zeigte einen erzürnten Ausdruck, als es sich ihm kurz zuwandte, bevor er schaltete und sich auf die abwärts neigende Kurve konzentrierte.
»Bed & Breakfast bedeutet, daß ich in Ihrem Haus schlafen und frühstücken darf. Um alles andere muß ich mich selbst kümmern. Und wenn Sie darüber Hinausgehendes tun, bezahle ich Sie. Das ist selbstverständlich. Schon dieses herrliche Abendessen gestern, und das – na, das andere eben – das ist nicht inbegriffen. Gar nicht.«
David schwieg eine Weile. Dann hielt er auf demselben Hügel, auf dem auch Emily gehalten hatte, und Sunrise lag in seiner Pracht vor ihnen. Aber heute waren das Grün der Wiesen und das Haus verdunkelt vom Schatten der tiefziehenden Wolken, und der Atlantik war eine aufgewühlte, graugrüne Masse. David ließ den Wagen im Leerlauf hinunterrollen und tastete nach seiner Pfeife, entzündete sie, paffte einige dicke Wolken, die gegen das Wagendach stiegen. »Vergessen Sie Zahlen, mein Junge«, sagte er ruhig. »Claire und ich – wir tun eben, was wir wollen.« Eric gab es auf. Dankbarkeit erfüllte ihn. Herzlich verabschiedete er sich von David, und da sagte dieser: »Wann soll ich Sie abholen?«
»Oh, aber – nein, das geht nicht, wirklich nicht. Mrs. Fargus wird mich vielleicht fahren. Wenn nicht – es ist doch ein hübscher Spaziergang.«
»Es wird vielleicht dunkel sein.«
»Was macht das schon.«
»Claire würde nervös werden. Sie ist immer ängstlich, wenn einer ihrer Gäste im Dunkeln umhergeistert.«
»Oh, David, das ist nicht recht, es ist zuviel –«
»Zuviel – was?«
Eric schwieg. Er wollte Davids Zeit nicht mit weitschweifigen Erklärungen vergeuden. Da sagte der: »Warum lassen Sie uns nicht ein bißchen Spaß? Denken Sie, es ist spannend für uns, gemeinsam zu Abend zu essen, ein wenig zu plauschen, und dann ins Bett zu schlüpfen? Jeder von uns tut jeden Tag das gleiche. – Es ist schön, junges Leben in unserem Leben zu haben. Claire liebt es, und ich hab es auch verdammt gern. Also machen Sie sich keine Gedanken über >Kosten< oder >Zeit<! – Wir würden's nicht tun, wenn uns nicht danach wäre, verstanden, junger Mann?! Also – wann soll ich hier sein?«
»Ich weiß nicht. Wie kann ich Ihnen eine Zeit sagen, wenn ich nicht weiß, was vor mir liegt?«
»Sagen wir – acht Uhr heute Abend. Vielleicht müssen Sie auf mich warten, vielleicht muß ich auf Sie warten. Aber ich bin da – um acht Uhr heute Abend.«
David paffte, die Diskussion abschließend, eine dicke Rauchwolke, und der Wagen hielt vor dem Haus. Als Eric ausstieg, winkte ihm David noch einmal zu, und bald verlor er den Wagen im Dunkel der weitgeschwungenen Auffahrt aus den Augen.