»Du musst mit deinen Nachforschungen aufhören, Marcus.« Das waren Jennys erste Worte, als ich sie im Clark’s aufsuchte, um mit ihr über ihre Beziehung zu Harry im Jahr 1975 zu sprechen. Das lokale Fernsehen hatte über die Brandstiftung berichtet, und die Nachricht machte allmählich die Runde.

»Warum sollte ich?«, fragte ich.

»Weil ich mir große Sorgen um dich mache. Das gefällt mir nicht …« In ihrer Stimme schwang mütterliche Fürsorge mit. »Es fängt mit Brandstiftung an, und keiner weiß, wie es endet.«

»Ich werde diese Stadt nicht verlassen, bevor ich nicht herausgefunden habe, was vor dreiunddreißig Jahren passiert ist.«

»Du bist unmöglich, Marcus! Du bist so stur wie ein Esel, genau wie Harry!«

»Ich fasse das als Kompliment auf.«

Sie lächelte. »Also gut, was kann ich für dich tun?«

»Ich würde mich gern ein wenig mit dir unterhalten. Wenn du magst, könnten wir draußen eine kleine Runde drehen.«

Sie überließ das Clark’s ihrer Angestellten, und wir gingen zum Jachthafen. Dort setzten wir uns auf eine Bank mit Blick aufs Meer, und ich betrachtete die Frau neben mir, die meiner Rechnung nach siebenundfünfzig Jahre alt sein musste. Ihr Gesicht war vom Leben gezeichnet, sie war allzu mager, wirkte verbraucht und hatte Augenringe. Ich versuchte sie mir so vorzustellen, wie Harry sie mir beschrieben hatte, als hübsche junge, dralle Blondine, die Exschönheitskönigin der Highschool. Unvermittelt fragte sie mich: »Marcus … Wie fühlt er sich an?«

»Wer denn?«

»Der Ruhm.«

»Er ist eine Last. Er ist angenehm, aber oft auch eine Last.«

»Ich weiß noch gut, wie du Student warst und mit Harry ins Clark’s gekommen bist, um an deinen Texten zu arbeiten. Er hat dich ganz schön schuften lassen. Stunden habt ihr dort an seinem Tisch gesessen und gelesen und gekritzelt und immer wieder von vorn angefangen. Ich weiß auch noch, wie ich dir und Harry manchmal im Morgengrauen beim Joggen begegnet bin. Ihr hattet eine eiserne Disziplin. Wenn du bei ihm zu Besuch warst, hat er gestrahlt. Dann war er wie ausgewechselt. Wir wussten immer, wann du kommen würdest, weil er es schon Tage vorher allen auf die Nase gebunden hat. ›Habe ich euch schon erzählt, dass Marcus mich nächste Woche besuchen kommt? Er ist ein außergewöhnlicher Bursche. Er wird es mal weit bringen, das weiß ich.‹ So ging das Stundenlang. Deine Besuche, deine Gegenwart haben Abwechslung in sein Leben gebracht. Uns konnte er nichts vormachen: Wir wussten alle, wie einsam Harry in seinem großen Haus war. Ab dem Tag, an dem du in seinem Leben aufgetaucht bist, wurde das anders. Es war wie eine Wiedergeburt, als hätte es der alte Hagestolz doch noch geschafft, von jemandem geliebt zu werden. Deine Besuche haben ihm wahnsinnig gutgetan. Nach deiner Abreise ist er uns dann immer mit seinem ›Marcus hier‹, ›Marcus dort‹ auf den Wecker gegangen. Er war so stolz auf dich, stolz wie ein Vater auf seinen Sohn, und hat ständig von dir geredet. Du hast Aurora nie wirklich verlassen, Marcus. Und dann haben wir eines Tages dein Bild in der Zeitung gesehen: das Phänomen Marcus Goldman – ein großer Schriftsteller war geboren. Harry hat im Laden sämtliche Zeitungen gekauft und im Clark’s Champagnerrunden ausgegeben. Auf Marcus: Hipp, hipp, hurra! Wir haben dich im Fernsehen gesehen und im Radio gehört, alle Welt hat nur noch über dich und dein bescheuertes Buch geredet. Harry hat Dutzende Exemplare davon gekauft und überall verschenkt. Wir haben ihn gefragt, wie es dir geht und wann wir dich wiedersehen. Er hat geantwortet, dass es dir bestimmt sehr gut geht, er aber nicht mehr viel von dir hört und dass du wohl sehr viel um die Ohren hast. Du hast ihn von einem Tag auf den anderen nicht mehr angerufen, Marc. Du warst so damit beschäftigt, wichtig zu sein, in der Zeitung zu stehen und dich im Fernsehen zu produzieren, dass du ihn darüber vergessen hast. Du hast dich hier nie mehr blicken lassen. Dabei war er so stolz auf dich. Er hat auf ein kleines Zeichen von dir gewartet, aber es ist nie gekommen. Du hattest es geschafft, du warst jetzt berühmt, also brauchtest du ihn nicht mehr.«

»Das ist nicht wahr!«, rief ich. »Gut, ich habe mich vom Erfolg mitreißen lassen, aber ich habe an Harry gedacht, jeden Tag. Ich hatte keine Sekunde mehr für mich.«

»Nicht mal eine Sekunde, um ihn anzurufen?«

»Ich habe ihn angerufen!«

»Ja, das hast du, aber erst als du bis zum Hals in der Scheiße gesteckt hast. Weil der große Schriftsteller, nachdem er wer weiß wie viele Millionen von seinem Buch verkauft hatte, plötzlich die Hosen voll hatte und nicht mehr wusste, was er schreiben sollte. Auch das haben wir aus erster Hand erfahren, deshalb weiß ich das alles. Harry, der tief besorgt im Clark’s an der Theke sitzt, weil er gerade einen Anruf von dir bekommen hat: Du bist ja so deprimiert, du hast keine Idee für dein Buch, dein Verleger will dir die ganze schöne Kohle wegnehmen. Und plötzlich kreuzt du mit traurigem Hundeblick wieder in Aurora auf, und Harry tut alles, um dich aufzumuntern. Armer, kleiner, unglücklicher Schriftsteller, worüber sollst du bloß schreiben? Und dann geschieht vor zwei Wochen das Wunder: Der Skandal bricht aus, und wer taucht hier plötzlich auf? Der liebe Marcus! Was suchst du bei uns in Aurora, Marcus? Die Inspiration für dein nächstes Buch?«

»Wie kommst du darauf?«

»Das sagt mir meine Intuition.«

Ich war wie vor den Kopf geschlagen und antwortete nicht sofort. Dann sagte ich: »Mein Verleger hat mir vorgeschlagen, ein Buch über die Sache zu schreiben, aber ich werde es nicht tun.«

»Aber Marcus: Du musst es schreiben! So ein Buch ist wahrscheinlich die einzige Möglichkeit, Amerika zu beweisen, dass Harry kein Unmensch ist. Er hat nichts getan, da bin ich mir sicher. Das spüre ich einfach. Du darfst ihn jetzt nicht hängen lassen, er hat niemanden außer dir. Du bist berühmt, die Leute werden auf dich hören. Du musst ein Buch über Harry und eure gemeinsamen Jahre schreiben. Du musst erzählen, was für ein außergewöhnlicher Mensch er ist.«

Leise fragte ich: »Du liebst ihn, nicht wahr?«

Sie schlug die Augen nieder. »Ich glaube, ich weiß gar nicht, was Liebe ist.«

»Und ob du das weißt! Man braucht sich nur anzuhören, wie du über ihn sprichst, auch wenn du dir noch so sehr Mühe gibst, ihn zu hassen.«

Sie lächelte traurig und sagte mit tränenerstickter Stimme: »Seit über dreißig Jahren denke ich jeden Tag an ihn. Ich sehe doch, wie einsam er ist, dabei hätte ich ihn so gern glücklich gemacht. Und ich, sieh mich an, Marcus … Ich habe davon geträumt, ein Filmstar zu werden, und was ist aus mir geworden? Die Frittenkönigin … Ich habe nicht das Leben geführt, das ich wollte.«

Ich spürte, dass sie nun bereit war, sich mir anzuvertrauen, deshalb bat ich sie: »Jenny, erzähl mir von Nola. Bitte …«

Sie lächelte wehmütig. »Sie war ein sehr nettes Mädchen. Meine Mutter mochte sie besonders gern, sie hat über sie nur Gutes gesagt, und das hat mich genervt, denn vor Nola war ich in dieser Stadt die hübsche kleine Prinzessin, nach der sich alle umdrehten. Nola war neun, als sie hierherzog. Damals interessierte sich natürlich noch kein Mensch für sie. Und dann, eines Sommers, war aus der kleinen Nola, wie es bei pubertierenden Mädchen so oft passiert, eine hübsche junge Frau mit hinreißenden Beinen, üppigem Busen und Engelsgesicht geworden war. Die neue Nola hat im Badeanzug eine Menge Gelüste geweckt.«

»Warst du eifersüchtig auf sie?«

Sie dachte kurz nach, bevor sie antwortete: »Ach, heute kann ich es dir ja sagen, weil es keine Rolle mehr spielt: Ja, ich war ein bisschen eifersüchtig. Die Männer gafften ihr hinterher, und als Frau bemerkt man so was.«

»Aber sie war doch erst fünfzehn …«

»Sie sah aber nicht wie ein kleines Mädchen aus, glaub mir. Sie war eine Frau und noch dazu eine hübsche.«

»Hast du etwas von der Sache mit ihr und Harry geahnt?«

»Nicht das Geringste! Niemand hier hätte sich so etwas vorstellen können. Weder mit Harry noch mit sonst wem. Gut, sie war ein sehr hübsches Mädchen, aber sie war, wie du gerade gesagt hast, erst fünfzehn, das wussten ja alle. Außerdem war sie die Tochter von Reverend Kellergan.«

»Also gab es zwischen euch keine Rivalitäten wegen Harry?«

»Nein, um Gottes willen!«

»Und zwischen Harry und dir – war da etwas?«

»Kaum. Wir haben uns ein paarmal verabredet. Er kam bei den Frauen hier sehr gut an. Ich meine, ein großer Star aus New York, den es hierher in dieses Kaff verschlägt …!«

»Jenny, ich muss dir eine Frage stellen, die dich vielleicht überraschen wird … Wusstest du, dass Harry ein Niemand war, als er nach Aurora kam? Er war nur ein kleiner Highschoollehrer, der seine ganzen Ersparnisse ausgegeben hatte, um das Haus in Goose Cove zu mieten.«

»Wie bitte? Er war doch damals schon Schriftsteller …«

»Er hatte einen Roman veröffentlicht, aber auf eigene Kosten und ohne Erfolg. Ich glaube, in Bezug auf seinen Bekanntheitsgrad gab es damals ein Missverständnis, und das hat er gründlich ausgereizt, um in Aurora der zu sein, der er in New York hätte sein wollen. Und als er dann das Buch Der Ursprung des Übels veröffentlicht hat, durch das er berühmt geworden ist, war die Illusion perfekt.«

Das amüsierte Jenny offenbar: »Also, so was!«, lachte sie. »Das wusste ich nicht. Dieser verfluchte Harry … Ich erinnere mich noch an unser erstes Rendezvous. Ich war an dem Tag so aufgeregt. Das Datum weiß ich noch, weil es der Nationalfeiertag war, der 4. Juli 1975.«

Rasch rechnete ich im Kopf nach: Der 4. Juli – das war ein paar Tage nach dem Ausflug nach Rockland, also nachdem Harry beschlossen hatte, sich Nola aus dem Kopf zu schlagen. Ich ermunterte Jenny, mit ihrem Bericht fortzufahren: »Erzähl mir vom 4. Juli.«

Sie schloss die Augen, als wollte sie sich in Gedanken zurückversetzen. »Es war ein schöner Tag. Harry war ins Clark’s gekommen und hatte vorgeschlagen, sich abends zusammen das Feuerwerk in Concord anzusehen. Er hatte gesagt, dass er mich um achtzehn Uhr zu Hause abholen würde. Ich hatte zwar erst um halb sieben Feierabend, hatte ihm aber geantwortet, dass mir das sehr gut passe. Meine Mutter ließ mich bestimmt früher gehen, damit ich mich hübsch machen konnte.«

Freitag, 4. Juli 1975

Im Haus der Familie Quinn in der Norfolk Avenue herrschte große Hektik. Es war Viertel vor sechs, und Jenny war immer noch nicht fertig. Sie raste wie eine Furie in Unterwäsche die Treppe hinauf und hinab und hatte jedes Mal ein anderes Kleid in der Hand.

»Und das hier, Mom? Was hältst du von dem hier?«, fragte sie, als sie zum siebten Mal zu ihrer Mutter ins Wohnzimmer eilte.

»Nein, das nicht«, urteilte Tamara streng. »Das macht einen dicken Hintern. Harry Quebert soll doch nicht denken, dass du verfressen bist, oder? Probier ein anderes an!«

Jenny stürmte wieder nach oben in ihr Zimmer und schluchzte, sie sehe grässlich aus, sie habe nichts anzuziehen und werde bis zum Ende ihres Lebens allein und hässlich bleiben.

Tamara war sehr nervös: Ihre Tochter sollte Harry Queberts Ansprüchen genügen. Er war ein ganz anderes Kaliber als die jungen Leute in Aurora, da durften sie sich keinen Patzer erlauben. Kaum hatte ihre Tochter sie von dem abendlichen Rendezvous in Kenntnis gesetzt, hatte sie ihr befohlen, das Clark’s zu verlassen: Der Mittagsbetrieb lief zwar gerade auf Hochtouren, das Restaurant brummte, aber Tamara wollte nicht, dass ihre Jenny sich auch nur eine Sekunde länger im Fettdunst aufhielt, weil dieser sich ja in ihrem Haar und auf ihrer Haut festsetzen könnte. Für Harry musste sie perfekt sein. Sie hatte Jenny zum Friseur und zur Maniküre geschickt, das Haus von oben bis unten geputzt und ein paar, wie sie fand, delikate Appetithäppchen hergerichtet, für den Fall, dass Harry vor der Weiterfahrt eine Kleinigkeit essen wollte. Jenny hatte sich also nicht getäuscht: Harry machte ihr den Hof. Tamara war sehr aufgeregt und hörte schon die Hochzeitsglocken läuten: Ihre Tochter würde endlich unter die Haube kommen. Da hörte sie die Eingangstür ins Schloss fallen: Ihr Mann Robert, der in Concord als Ingenieur in einer Handschuhfabrik arbeitete, war gerade nach Hause gekommen. Entsetzt riss sie die Augen auf.

Sogar Robert fiel auf, dass das Erdgeschoss geputzt und gründlich aufgeräumt worden war. In der Diele erblickte er einen hübschen Irisstrauß und Zierdeckchen, die er noch nie gesehen hatte.

»Was ist denn hier los, Bibichette?«, fragte er bei Betreten des Wohnzimmers, wo auf einem Beistelltisch süße Naschereien, herzhafte Kanapees, eine Flasche Champagner und Champagnerflöten bereitstanden.

»O je, Bobby, mein Bobbo«, sagte Tamara genervt, aber um einen freundlichen Ton bemüht. »Du kommst sehr ungelegen, ich kann dich hier gerade überhaupt nicht gebrauchen. Ich hatte doch eine Nachricht in der Fabrik hinterlassen.«

»Ich habe sie nicht bekommen. Worum ging’s denn?«

»Darum, dass du auf keinen Fall vor neunzehn Uhr nach Hause kommen sollst.«

»Aha. Und warum?«

»Weil Harry Quebert Jenny eingeladen hat, sich mit ihm heute Abend das Feuerwerk in Concord anzusehen, stell dir vor!«

»Wer ist Harry Quebert?«

»Ach, Bobbo, du könntest dich wenigstens ein bisschen für die mondäne Welt interessieren! Das ist der berühmte Schriftsteller, der Ende Mai hierhergezogen ist.«

»Aha, und warum sollte ich nicht nach Hause kommen?«

»Aha! Er sagt einfach nur ›Aha‹! Ein großer Schriftsteller hofiert unsere Tochter, und du sagst ›Aha‹. Genau deshalb: Du solltest nicht nach Hause kommen, weil du nicht weißt, wie man mit der Schickeria Konversation betreibt. Harry Quebert ist nämlich nicht irgendeine kleine Nummer: Er wohnt in dem Haus in Goose Cove.«

»In Goose Cove? Alle Achtung!«

»Für dich ist die Miete für dieses Haus vielleicht eine Stange Geld, aber für jemanden wie ihn ist sie ein Fliegenschiss ins Wasser. In New York ist er ein Star!«

»Ein Fliegenschiss ins Wasser? Den Ausdruck kannte ich nicht.«

»Ach, Bobbo, du hast wirklich von nichts eine Ahnung.«

Robert zog einen leichten Flunsch und trat an das Büfett, das seine Frau hergerichtet hatte.

»Rühr ja nichts an, Bobbo!«

»Was ist das für ein Zeug?«

»Das ist kein Zeug, das ist ein delikater Aperitif. So etwas ist schick.«

»Aber du hattest doch gesagt, dass wir heute Abend bei unseren Nachbarn zum Hamburgeressen eingeladen sind! Wir essen am 4. Juli immer Hamburger mit unseren Nachbarn!«

»Ja, ja, wir gehen ja auch hin, aber später! Und erzähl Harry Quebert bloß nicht, dass wir Hamburger wie die einfachen Leute essen!«

»Aber wir sind einfache Leute. Ich liebe Hamburger. Und du selbst hast ein Hamburgerrestaurant.«

»Du kapierst wirklich überhaupt nichts, Bobbo! Das ist etwas ganz anderes. Außerdem habe ich große Pläne.«

»Das wusste ich nicht. Davon hast du mir nichts erzählt.«

»Ich erzähle dir eben nicht alles.«

»Warum nicht? Ich erzähle dir doch auch alles. Übrigens hatte ich heute den ganzen Nachmittag Bauchweh. Ich hatte schreckliche Blähungen. Ich musste mich sogar in meinem Büro einsperren und auf alle viere gehen, so weh tat es. Siehst du, ich erzähle dir alles.«

»Das reicht, Bobbo! Du machst mich ganz kirre!«

Abermals präsentierte sich Jenny in einem anderen Kleid.

»Zu viel des Guten!«, zeterte Tamara. »Du sollst schick, aber lässig aussehen!«

Robert Quinn nutzte den Umstand, dass seine Frau abgelenkt war, um es sich in seinem Lieblingssessel bequem zu machen und sich ein Glas Scotch einzuschenken.

»Stopp! Nicht hinsetzen!«, rief Tamara. »Du machst nur alles schmutzig. Weißt du, wie viele Stunden ich gebraucht habe, um hier sauber zu machen? Zieh dich lieber schnell um.«

»Ich soll mich umziehen?«

»Zieh dir einen Anzug an. Harry Quebert empfängt man doch nicht in Pantoffeln!«

»Du hast ja die Champagnerflasche rausgeholt, die wir für einen besonderen Anlass aufheben wollten.«

»Das ist ein besonderer Anlass! Oder willst du etwa nicht, dass unsere Tochter sich gut verheiratet? Zieh dich lieber schleunigst um, anstatt rumzumeckern. Er kommt gleich.«

Tamara eskortierte ihren Mann zur Treppe, um sicherzugehen, dass er auch gehorchte. In diesem Augenblick kam Jenny heulend und nur mit der Unterhose bekleidet barbusig die Treppe herunter und stieß zwischen zwei Schluchzern hervor, sie werde alles abblasen, sie könne das nicht. Robert ergriff die Gelegenheit, um seinerseits zu stöhnen, er wolle seine Zeitung lesen und nicht mit diesem Schriftsteller hochtrabende Gespräche führen, und überhaupt lese er nie Bücher, weil er dabei nur einschlafe, und deshalb wisse er gar nicht, worüber er mit ihm reden solle. Es war jetzt siebzehn Uhr fünfzig, zehn Minuten vor der vereinbarten Zeit, und sie zankten sich immer noch alle drei in der Diele, als es plötzlich klingelte. Tamara glaubte, ihr würde das Herz stehen bleiben. Er war hier. Der große Schriftsteller kam zu früh.

Es hatte geklingelt. Harry ging zur Tür. Er trug einen Leinenanzug und einen leichten Hut, denn er wollte sich gerade auf den Weg machen, um Jenny abzuholen. Draußen stand Nola. »Nola? Was machst du denn hier?«

»Das heißt Guten Tag. Höfliche Menschen sagen Guten Tag, wenn sie einen sehen, und nicht Was machst du denn hier?«

Er musste lächeln. »Guten Tag, Nola. Entschuldige, ich hatte nicht mit dir gerechnet.«

»Was ist los, Harry? Seit unserem Ausflug nach Rockland habe ich nichts mehr von Ihnen gehört. Das ist eine Woche her! War ich ungezogen? Oder lästig? Oh, Harry, mir hat unser Tag in Rockland so gut gefallen. Er war zauberhaft!«

»Ich bin kein bisschen verärgert, Nola. Und mir hat unser Tag in Rockland auch sehr gut gefallen.«

»Aber warum haben Sie dann nichts von sich hören lassen?«

»Daran ist mein Buch schuld. Ich habe viel gearbeitet.«

»Ich möchte jeden Tag mit Ihnen zusammen sein, Harry, mein ganzes Leben lang.«

»Ach Nola, du Engel.«

»Und jetzt geht es sogar, ich habe keine Schule mehr.«

»Wie meinst du das – du hast keine Schule mehr?«

»Das Schuljahr ist um, Harry. Es sind Ferien. Wussten Sie das nicht?«

»Nein.«

Sie strahlte: »Wäre das nicht herrlich? Ich habe mir überlegt, dass ich mich um Sie kümmern könnte. Hier in Ihrem Haus können Sie besser arbeiten als im hektischen Clark’s. Sie könnten auf der Terrasse schreiben. Das Meer ist so schön, ich bin mir sicher, es wird Sie inspirieren! Und ich sorge dafür, dass es Ihnen an nichts fehlt. Ich verspreche Ihnen, dass ich von ganzem Herzen versuchen will, Sie glücklich zu machen. Bitte lassen Sie mich Sie glücklich machen, Harry!«

Ihm fiel auf, dass sie einen Korb mitgebracht hatte.

»Das ist ein Picknick«, erklärte sie. »Für uns beide, heute Abend. Sogar eine Flasche Wein habe ich dabei. Ich habe mir gesagt, dass wir ein Picknick am Strand machen könnten. Das wäre so romantisch!«

Er wollte kein romantisches Picknick, er wollte sie nicht in seiner Nähe, er wollte sie nicht! Er musste sie vergessen! Schon bereute er den Samstag in Rockland: Er war mit einer Fünfzehnjährigen ohne das Wissen ihrer Eltern in einen anderen Bundesstaat gefahren. Wären sie von der Polizei angehalten worden, hätte man sogar meinen können, er habe sie entführt. Dieses Mädchen war sein Untergang: Er musste Nola aus seinem Leben verbannen.

»Ich kann nicht«, sagte er einfach nur.

Sie wirkte sehr enttäuscht. »Warum nicht?«

Er musste ihr sagen, dass er mit einer anderen Frau verabredet war. Das wäre eine bittere Pille für sie, aber sie musste begreifen, dass ihre Geschichte keine Zukunft hatte. Doch er konnte sich nicht dazu durchringen und log erneut: »Ich muss mich in Concord mit meinem Verleger treffen, der über den Feiertag am 4. Juli dort ist. Das wird bestimmt sehr mühsam. Lieber hätte ich etwas mit dir unternommen.«

»Kann ich mitkommen?«

»Nein … Ich meine, du würdest dich nur langweilen.«

»Dieses Hemd steht Ihnen sehr gut, Harry.«

»Danke.«

»Harry … Ich habe mich in Sie verliebt. An dem Regentag, an dem ich Sie am Strand getroffen habe, habe ich mich Hals über Kopf in Sie verliebt. Und: Ich möchte bis ans Ende meines Lebens mit Ihnen zusammen sein!«

»Hör auf, Nola. Das darfst du nicht sagen.«

»Warum denn nicht? Es ist die Wahrheit! Ich ertrage es nicht, auch nur einen Tag von Ihnen getrennt zu sein! Immer wenn ich Sie sehe, kommt mir mein Leben viel schöner vor! Aber Sie, Sie können mich nicht leiden stimmt’s?«

»Aber nein! Äh, doch.«

»Ich weiß genau, dass Sie mich hässlich finden. Und in Rockland fanden Sie mich bestimmt langweilig. Deshalb haben Sie nichts von sich hören lassen. Sie halten mich für ein hässliches, dummes, langweiliges kleines Kind.«

»Red keinen Unsinn. Komm, ich bringe dich nach Hause.«

»Sagen Sie allerliebste Nola zu mir … Sagen Sie es noch einmal zu mir.«

»Ich kann nicht, Nola.«

»Bitte!«

»Ich kann nicht. Diese Worte sind verboten!«

»Aber warum? Warum um Himmels willen? Warum können wir uns nicht einfach lieben, wenn wir uns doch lieben?«

Er wiederholte: »Komm, Nola. Ich fahre dich nach Hause.«

»Aber, Harry, wozu leben wir, wenn wir nicht lieben dürfen?«

Er antwortete nicht, sondern zog sie hinter sich her zum schwarzen Chevrolet. Sie weinte.

Es war nicht Harry Quebert, der geklingelt hatte, sondern Amy Pratt, die Frau des Polizeichefs von Aurora. Sie ging in ihrer Eigenschaft als Organisatorin des Sommerballs, eines der bedeutendsten Ereignisse der Stadt, das in diesem Jahr am Samstag, den 19. Juli, stattfand, von Tür zu Tür. Als die Türglocke ging, hatte Tamara ihre halb nackte Tochter und ihren Mann nach oben gescheucht. Voller Erleichterung stellte sie dann fest, dass nicht etwa ihr berühmter Gast draußen vor der Tür stand, sondern Amy Pratt, die gekommen war, um Tombolalose für den Ballabend zu verkaufen. Als Hauptgewinn winkte in diesem Jahr ein einwöchiger Aufenthalt in einem traumhaften Hotel auf der Insel Martha’s Vineyard in Massachusetts, wo zahlreiche Stars Urlaub machten. Als Tamara dies hörte, fingen ihre Augen an zu leuchten. Sie erstand gleich zwei Heftchen Tombolakarten, und obwohl der Anstand es geboten hätte, ihrer Besucherin wenigstens eine Orangenlimonade anzubieten, und sie die Frau eigentlich schätzte, setzte sie Amy Pratt ungerührt vor die Tür, weil es mittlerweile fünf vor sechs war. Da kam Jenny, die sich wieder beruhigt hatte, in einem schlichten grünen Sommerkleid herunter, das ihr entzückend stand, gefolgt von ihrem Vater, der sich einen Dreiteiler angezogen hatte.

»Das war nicht Harry Quebert, sondern Amy Pratt«, verkündete Tamara blasiert. »Ich wusste gleich, dass er es nicht ist. Ihr Hasenfüße, ihr hättet euch mal sehen sollen, wie ihr davongeflitzt seid! Ha! Ich wusste gleich, dass er es nicht ist, weil er dafür viel zu schick ist. Schicke Leute kommen nie zu früh. Das ist noch unhöflicher, als zu spät zu sein. Merk dir das, Bobbo. Du hast doch immer Angst, dass du zu spät zu deinen Terminen kommst.«

Die Wohnzimmeruhr schlug sechsmal, und die Familie Quinn brachte sich hinter der Haustür in Stellung.

»Bitte bleibt ganz natürlich!«, bat Jenny flehentlich.

»Wir sind doch ganz natürlich«, entgegnete ihre Mutter. »Nicht wahr, Bobbo? Wir sind ganz natürlich.«

»Ja, Bibichette. Aber ich glaube, ich kriege schon wieder Blähungen. Ich fühle mich wie ein Dampftopf kurz vor der Explosion.«

Wenige Minuten später klingelte Harry bei den Quinns. Nola hatte er in einer Straße unweit ihres Elternhauses abgesetzt, damit man sie nicht zusammen sah. Er hatte sie in Tränen aufgelöst zurückgelassen.

Jenny erzählte mir, dass der Abend des 4. Juli für sie wunderschön gewesen sei. Sichtlich bewegt, schilderte sie den Besuch auf dem Rummelplatz, das Abendessen und das Feuerwerk über den Dächern von Concord.

Ich schloss aus der Art und Weise, wie sie über Harry sprach, dass sie nie aufgehört hatte, ihn zu lieben, und dass die Abneigung, die sie ihm gegenüber heute hegte, vor allem Ausdruck der Kränkung darüber war, dass er sie wegen Nola hatte sitzen lassen, wegen der kleinen Samstagskellnerin, für die er ein Meisterwerk geschrieben hatte.

Bevor ich ging, fragte ich noch: »Jenny, wer kann mir deiner Meinung nach am meisten über Nola verraten?«

»Über Nola? Ihr Vater natürlich.«

Ihr Vater. Natürlich.