Noch völlig benommen von der Neuigkeit, stieg ich vormittags in einen Flieger nach Manchester. Wir landeten um dreizehn Uhr, und eine halbe Stunde später kam ich am Polizeihauptquartier an. Gahalowood holte mich am Empfang ab.
»Robert Quinn!«, rief ich bei seinem Anblick, als könnte ich es immer noch nicht glauben. »Er hat also das Haus angezündet? Und er hat mir auch diese Nachrichten geschickt?«
»Ja, Schriftsteller. Die Fingerabdrücke auf dem Benzinkanister waren von ihm.«
»Warum hat er das getan?«
»Wenn ich das wüsste! Er hat den Mund bisher nicht aufgemacht. Er weigert sich, etwas zu sagen.«
Gahalowood führte mich in sein Büro und bot mir Kaffee an. Dann berichtete er, dass die Kriminalpolizei frühmorgens das Haus der Quinns durchsucht hatte.
»Und was haben Sie gefunden?«, fragte ich.
»Nichts«, antwortete Gahalowood. »Gar nichts.«
»Und was hat seine Frau dazu gesagt?«
»Das war merkwürdig. Wir sind um halb acht bei ihnen aufgekreuzt, aber sie war kaum wachzukriegen. Sie schlief tief und fest und hatte die Abwesenheit ihres Mannes nicht einmal bemerkt.«
»Er pumpt sie mit Tabletten voll«, erklärte ich.
»Was?«
»Robert Quinn verabreicht seiner Frau heimlich Schlafmittel, wenn er seine Ruhe haben will. Wahrscheinlich hat er das auch heute Nacht getan, damit sie nichts mitkriegt. Aber was sollte sie nicht mitkriegen? Was hat er mitten in der Nacht getrieben? Und warum war er voller Schlamm? Ob er etwas vergraben hat?«
»Das ist wirklich rätselhaft … Aber ohne Geständnis kann ich ihm nichts anhängen.«
»Da ist immer noch der Benzinkanister.«
»Sein Anwalt hat bereits mitgeteilt, dass Robert ihn am Strand gefunden hat. Angeblich ist er unlängst dort spazieren gegangen, hat den Kanister herumliegen sehen, ihn aufgehoben und ins Gebüsch geworfen, damit sich andere Spaziergänger nicht daran stören. Wir brauchen mehr Beweise, sonst ist es für seinen Anwalt ein Kinderspiel, uns abblitzen zu lassen.«
»Wer ist sein Anwalt?«
»Das werden Sie kaum glauben können.«
»Sagen Sie es mir trotzdem.«
»Benjamin Roth.«
Ich seufzte. »Und jetzt denken Sie, dass Robert Quinn Nola getötet hat?«, fragte ich.
»Sagen wir, alles ist möglich.«
»Lassen Sie mich mit ihm reden.«
»Kommt nicht infrage.«
In diesem Augenblick betrat ein Mann, ohne anzuklopfen, das Büro, und Gahalowood stand sofort stramm. Es war Lansdane, der Chef der State Police. Er wirkte ungehalten.
»Ich habe den ganzen Vormittag am Telefon gehangen und mit dem Gouverneur, mit der Presse und mit diesem unmöglichen Anwalt namens Roth gesprochen.«
»Mit der Presse? Worum ging es denn?«
»Um den Mann, den Sie heute Nacht verhaftet haben.«
»Ich glaube, wir haben jetzt eine ernsthafte Spur, Sir.«
Der Chief legte Gahalowood freundschaftlich die Hand auf die Schulter. »Perry … so kann es nicht weitergehen.«
»Was soll das heißen?«
»Diese Geschichte nimmt kein Ende. Im Ernst, Perry: Sie wechseln die Tatverdächtigen wie Ihre Hemden. Roth sagt, dass er Rabatz schlagen wird. Der Gouverneur will, dass Ruhe einkehrt. Es ist Zeit, den Fall zu den Akten zu legen.«
»Aber, Chief, wir haben neue Erkenntnisse! Der Tod von Nolas Mutter, die Verhaftung von Robert Quinn … Wir stehen kurz vor dem Durchbruch!«
»Zuerst war es Quebert, dann Caleb, und jetzt ist es der Vater oder dieser Quinn oder Stern oder der liebe Gott. Was haben wir gegen den Vater in der Hand? Nichts. Gegen Stern? Nichts. Gegen diesen Robert Quinn? Nichts.«
»Wir haben diesen verdammten Benzinkanister.«
»Roth sagt, dass es für ihn ein Leichtes sein wird, einen Richter von Quinns Unschuld zu überzeugen. Gedenken Sie, Quinn offiziell zu beschuldigen?«
»Selbstverständlich.«
»Dann werden Sie verlieren, Perry. Sie werden wieder verlieren. Sie sind ein guter Polizist, Perry. Ohne Frage der Beste. Aber manchmal muss man auch loslassen können.«
»Aber, Chief …«
»Setzen Sie nicht Ihre Karriere aufs Spiel, Perry … Ich werde Ihnen nicht die Schmach antun, Ihnen den Fall hier und jetzt zu entziehen. Aus Freundschaft gebe ich Ihnen vierundzwanzig Stunden. Morgen um siebzehn Uhr kommen Sie in mein Büro und teilen mir offiziell mit, dass Sie den Fall Kellergan schließen. Sie haben also vierundzwanzig Stunden Zeit, Ihren Kollegen zu sagen, dass Sie lieber aufgeben, um den Schein zu wahren. Danach fahren Sie mit Ihrer Familie ins Wochenende, das haben Sie sich redlich verdient.«
»Chief, ich …«
»Man muss auch loslassen können, Perry! Bis morgen.«
Lansdane rauschte aus dem Büro, und Gahalowood ließ sich in seinen Sessel fallen. Zu allem Überfluss rief mich in diesem Augenblick Roy Barnaski auf meinem Handy an.
»Hallo, Goldman«, sagte er aufgekratzt. »Morgen ist die Woche um, wie Sie sicher wissen.«
»Welche Woche, Roy?«
»Na, die Woche. Die Frist, die ich Ihnen eingeräumt habe, bevor ich der Presse die jüngsten Entwicklungen im Fall Nola Kellergan präsentiere. Das haben Sie doch nicht etwa vergessen? Ich nehme an, Sie haben nichts Neues herausgefunden, oder?«
»Wir gehen einer Spur nach, Roy. Sie sollten Ihre Pressekonferenz vielleicht verschieben.«
»Ach … Sie mit Ihren ewigen Spuren, Goldman! Schluss mit dem Zirkus, hören Sie? Ich habe die Presse für morgen um siebzehn Uhr einbestellt. Ich rechne fest mit Ihnen.«
»Ausgeschlossen. Ich bin in New Hampshire.«
»Was? Sie sind die Hauptattraktion, Goldman! Ich brauche Sie!«
»Tut mir leid, Roy.« Ich legte auf.
»Wer war das?«, wollte Gahalowood wissen.
»Barnaski, mein Verleger. Er hat die Presse für morgen Abend einbestellt, um die Katze aus dem Sack zu lassen: Er will über Nolas Krankheit reden und allen erzählen, wie genial mein Buch ist, weil es die gespaltene Persönlichkeit einer Fünfzehnjährigen beschreibt.«
»Hm, sieht so aus, als hätten wir morgen Abend offiziell alles verbockt.«
Gahalowood wollte die Galgenfrist von vierundzwanzig Stunden nicht tatenlos verstreichen lassen und schlug deshalb vor, nach Aurora zu fahren und mit Tamara und Jenny zu reden, um mehr über Robert zu erfahren.
Von unterwegs rief er Travis an, um ihn über unser Kommen zu informieren. Wir trafen ihn vor dem Haus der Quinns. Er war vollkommen fassungslos. »Sind das auf dem Kanister wirklich Roberts Fingerabdrücke?«, wollte er wissen.
»Ja«, erwiderte Gahalowood.
»Großer Gott, das kann ich nicht glauben! Warum hätte er das tun sollen?«
»Keine Ahnung …«
»Meinen Sie … Meinen Sie, er hat etwas mit dem Mord an Nola zu tun?«
»So wie die Dinge stehen, kann man nichts mehr ausschließen. Wie geht es Tamara und Jenny?«
»Schlecht, sehr schlecht! Sie stehen unter Schock. Ich auch. Das ist ein Albtraum! Ein echter Albtraum!«
Niedergeschlagen ließ er sich auf die Motorhaube seines Wagens sinken.
»Was ist?«, fragte Gahalowood, der merkte, dass mit ihm etwas nicht stimmte.
»Sergeant, seit heute Morgen muss ich ständig daran denken … Durch diese Geschichte sind eine Menge Erinnerungen in mir hochgekommen.«
»Was für Erinnerungen?«
»Robert Quinn hat sich immer sehr für die Ermittlungen interessiert. Damals habe ich mich oft mit Jenny getroffen und war jeden Sonntag zum Essen bei den Quinns. Robert wollte mit mir ständig über den Fall reden.«
»Ich dachte, das sei seine Frau gewesen.«
»Bei Tisch vielleicht. Aber wenn ich kam, hat Jennys Vater mit mir jedes Mal ein Bier auf der Terrasse getrunken und mich ausgefragt. Ob es einen Verdächtigen gebe? Ob wir eine Spur hätten? Nach dem Essen hat er mich dann zum Wagen begleitet, um mich weiter zu löchern. Ich bin ihn nur mit Mühe losgeworden.«
»Wollen Sie damit sagen, dass …«
»Ich will gar nichts sagen. Aber …«
»Aber was?«
Er kramte in seiner Jackentasche und zog ein Foto heraus. »Das hier habe ich heute Morgen in einem unserer Fotoalben gefunden.«
Auf dem Bild war Robert Quinn neben einem schwarzen Chevrolet Monte Carlo vor dem Clark’s zu sehen. Auf der Rückseite stand: Aurora, August 1975.
»Was hat das zu bedeuten?«, wollte Gahalowood wissen.
»Das habe ich Jenny auch gefragt. Sie hat mir erzählt, dass ihr Vater in jenem Sommer ein neues Auto kaufen wollte, aber unschlüssig war, welches Modell. Er hat mit ein paar Autohändlern in der Gegend Probefahrten vereinbart und konnte so an mehreren Wochenenden verschiedene Modelle ausprobieren.«
»Darunter auch einen schwarzen Monte Carlo?«, fragte Gahalowood.
»Darunter auch einen schwarzen Monte Carlo«, bestätigte Travis.
»Wollen Sie damit sagen, dass Robert Quinn diesen Wagen möglicherweise an dem Tag gefahren hat, an dem Nola verschwunden ist?«
»Ja.«
Gahalowood fuhr sich mit der Hand über den Schädel. Er bat darum, das Foto behalten zu dürfen.
»Travis«, sagte er dann, »wir müssen uns mit Tamara und Jenny unterhalten. Sind sie im Haus?«
»Ja, natürlich. Kommen Sie. Sie sind im Wohnzimmer.«
Tamara und Jenny saßen wie zwei Häufchen Elend auf dem Sofa. Wir versuchten über eine Stunde lang, sie zum Reden zu bewegen, aber sie standen dermaßen unter Schock, dass sie keinen klaren Gedanken fassen konnten. Schließlich gelang es Tamara, uns zwischen zwei Schluchzern den Vorabend zu schildern. Sie und Robert hatten zeitig gegessen und anschließend ferngesehen.
»Ist Ihnen am Verhalten Ihres Mannes etwas Ungewöhnliches aufgefallen?«, fragte Gahalowood.
»Nein … Das heißt, ja. Er wollte unbedingt, dass ich eine Tasse Tee trinke. Erst wollte ich nicht, aber er hat immer wieder gesagt: ›Trink, Bibichette, trink. Das ist ein harntreibender Kräutertee, der wird dir guttun.‹ Am Ende habe ich seinen blöden Kräutertee getrunken und bin auf dem Sofa eingeschlafen.«
»Um wie viel Uhr war das?«
»Ich würde sagen, gegen dreiundzwanzig Uhr.«
»Und dann?«
»Dann ist da ein schwarzes Loch. Ich habe wie eine Tote geschlafen. Um halb acht bin ich aufgewacht. Ich lag immer noch auf dem Sofa, und die Polizei klopfte an die Haustür.«
»Mrs Quinn, stimmt es, dass sich Ihr Mann mit dem Gedanken trug, einen Chevrolet Monte Carlo zu kaufen?«
»Ich … Ich erinnere mich nicht mehr … Ja, kann sein, aber … Glauben Sie, er hat der Kleinen etwas angetan? Glauben Sie, er war es?« Kaum hatte sie das ausgesprochen, rannte sie ins Bad, um sich zu übergeben.
Diese Unterhaltung führte zu nichts. Wir gingen, ohne etwas Neues erfahren zu haben. Die Zeit arbeitete gegen uns. Im Wagen schlug ich Gahalowood vor, Robert mit dem Foto vom schwarzen Monte Carlo zu konfrontieren. Schließlich stellte es ein belastendes Beweisstück dar.
»Das bringt nichts«, erwiderte Gahalowood. »Roth weiß, dass Lansdane kurz davor ist, einzuknicken, und hat Quinn wahrscheinlich geraten, auf Zeit zu spielen. Quinn wird nichts sagen. Und wir sind im Arsch. Morgen um siebzehn Uhr wird der Fall geschlossen, Ihr Freund Barnaski wird vor sämtlichen Fernsehsendern des Landes seine Nummer abziehen, Robert Quinn wird auf freien Fuß gesetzt, und wir sind die Lachnummer der Nation.«
»Es sei denn …«
»Es sei denn, ein Wunder geschieht, Schriftsteller. Es sei denn, wir finden heraus, was Quinn gestern Abend getrieben hat und warum er es so eilig hatte. Seine Frau sagt, sie ist um elf Uhr abends eingeschlafen. Er wurde gegen Mitternacht festgenommen. Dazwischen liegt eine Stunde. Immerhin wissen wir, dass er hier in der Gegend unterwegs gewesen sein muss. Nur wo?«
Gahalowood sah nur eine Möglichkeit: Wir mussten zu der Stelle fahren, an der Robert Quinn festgenommen worden war, und versuchen, seinen Weg von dort aus zurückzuverfolgen. Gahalowood genehmigte sich sogar den Luxus, Officer Forsyth an seinem freien Tag anzurufen und vor Ort zu zitieren. Wir trafen ihn eine Stunde später am Stadtrand von Aurora. Er lotste uns zu einem Abschnitt der Landstraße nach Montburry. »Hier war es«, sagte er.
Die Straße verlief schnurgerade durch einen Niederwald. Das brachte uns nicht viel weiter.
»Wie genau hat es sich abgespielt?«, wollte Gahalowood wissen.
»Ich kam aus Montburry. Eine routinemäßige Streife. Und plötzlich kam dieses Auto angerast.«
»Von wo?«
»Na, von der Kreuzung fünf- oder sechshundert Meter weiter vorn.«
»Was ist das für eine Kreuzung?«
»Ich kann Ihnen auch nicht sagen, was das für eine Kreuzung ist, aber auf jeden Fall ist da eine, und zwar mit einem Stoppschild. Ich weiß, dass dort ein Stoppschild ist, weil es das Einzige auf diesem Streckenabschnitt ist.«
»Da vorne ist also ein Stoppschild?«, fragte Gahalowood nach und blickte in die Ferne.
»Da vorne ist ein Stoppschild«, bestätigte Forsyth.
Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich rief: »Es ist die Straße zum See!«
»Zum See?«, wiederholte Gahalowood.
»Es ist die Kreuzung mit der Straße, die zum See von Montburry führt.«
Wir fuhren bis zur Kreuzung und bogen in die Straße zum See ein. Nach hundert Metern erreichten wir den Parkplatz. Die nähere Umgebung des Sees sah wüst aus: Der letzte wolkenbruchartige Herbstregen hatte die Ufer regelrecht umgepflügt. Wo man auch hinsah, nichts als Schlamm.
Dienstag, 11. November 2008, acht Uhr
Eine Polizeikolonne rückte auf dem Parkplatz am See an. Gahalowood und ich warteten schon seit geraumer Zeit in seinem Wagen. Als ich die Lieferwagen der Polizeitaucher sah, fragte ich ihn: »Sind Sie sich Ihrer Sache sicher, Sergeant?«
»Nein, aber das ist unsere letzte Chance.«
Es war unsere letzte Karte, das Ende der Partie. Robert Quinn war mit Sicherheit hier gewesen. Er war durch den Schlamm zum Ufer gestapft, um etwas in den See zu werfen. Das vermuteten wir zumindest.
Wir stiegen aus und gingen zu den Einsatztauchern, die sich gerade bereitmachten. Ihr Chef erteilte ihnen ein paar Anweisungen, dann wandte er sich an Gahalowood. »Was suchen wir, Sergeant?«, fragte er.
»Alles, ganz egal, was. Dokumente, eine Waffe … Keine Ahnung. Irgendwas, das wir mit dem Fall Kellergan in Verbindung bringen können.«
»Sie wissen, dass dieser See eine Müllkippe ist? Wenn Sie also etwas präziser sein könnten …«
»Ich glaube, das, was wir suchen, ist so auffällig, dass Ihre Jungs es schon erkennen werden, wenn sie es in die Finger kriegen. Aber noch weiß ich nicht, was es sein könnte.«
»Und auf welcher Höhe des Sees, würden Sie sagen?«
»In unmittelbarer Ufernähe. Sagen wir in Wurfweite. Ich würde mit dem gegenüberliegenden Ufer anfangen. Unser Tatverdächtiger hatte schlammige Hosenbeine und einen Kratzer im Gesicht, vermutlich von einem tief hängenden Zweig. Bestimmt wollte er sein Objekt dort verstecken, wo niemand Lust hat, danach zu suchen. Deshalb glaube ich, dass er ans andere Ufer gegangen ist, weil es mit Gestrüpp und Brombeersträuchern zugewachsen ist.«
Die Suche begann. Wir postierten uns in der Nähe des Parkplatzes am Seeufer und sahen zu, wie die Taucher im Wasser verschwanden. Es war eiskalt. Eine Stunde verging, ohne dass etwas passierte. Wir blieben in der Nähe des Chefs der Taucher, um die raren Funksprüche zu verfolgen.
Um halb zehn rief Lansdane Gahalowood an, um ihm den Kopf zu waschen. Er schrie so laut ins Telefon, dass ich das Gespräch mithören konnte: »Sagen Sie mir, dass das nicht wahr ist, Perry!«
»Dass was nicht wahr ist, Chief?«
»Dass Sie die Taucher losgeschickt haben!«
»Doch, Sir.«
»Sie sind total übergeschnappt! Sie verbrennen sich die Finger! Für diese Eigenmächtigkeit könnte ich Sie suspendieren! Um siebzehn Uhr halte ich die Pressekonferenz ab. Sie werden daran teilnehmen. Sie werden bekannt geben, dass die Ermittlungen hiermit eingestellt werden. Und dann dürfen Sie sich mit den Journalisten herumschlagen. Ich halte Ihnen nicht länger den Rücken frei, Perry! Ich habe die Nase gestrichen voll!«
»Geht klar, Sir.« Er legte auf. Wir schwiegen eine Weile.
Noch eine Stunde verstrich. Die Suche blieb ergebnislos. Trotz der Kälte hatten Gahalowood und ich unseren Beobachtungsposten nicht geräumt. Schließlich sagte ich: »Sergeant, und wenn …«
»Seien Sie still, Schriftsteller. Bitte! Sagen Sie nichts. Verschonen Sie mich mit Ihrer Fragerei und Ihren Zweifeln.«
Wir warteten weiter. Plötzlich fing das Funkgerät des Einsatzleiters an zu rauschen. Es tat sich etwas. Ein paar seiner Männer tauchten auf. Die Aufregung war groß. Alles stürzte ans Wasser.
»Was ist?«, fragte Gahalowood ihn.
»Sie haben es! Sie haben es gefunden!«
»Was haben sie gefunden?«
Etwa zehn Meter vom Ufer entfernt hatten die Taucher im Schlamm einen Colt Kaliber .38 und eine Goldkette mit dem eingravierten Namen NOLA entdeckt.
Mittags stand ich im Hauptquartier der State Police hinter der Einwegscheibe eines Verhörraums und erlebte mit, wie Robert Quinn ein Geständnis ablegte, nachdem Gahalowood ihn mit der im See gefundenen Waffe und Kette konfrontiert hatte.
»Ist es das, was Sie vergangene Nacht gemacht haben?«, fragte er fast sanft. »Belastende Beweise verschwinden lassen?«
»Wie … Wie haben Sie das gemacht?«
»Das Spiel ist aus, Mr Quinn. Ende der Partie. Der schwarze Chevrolet Monte Carlo, das waren Sie, richtig? Ein nicht registrierter Testwagen eines Autohändlers. Niemand wäre auf Sie gekommen, wenn Sie nicht die dämliche Idee gehabt hätten, sich damit ablichten zu lassen.«
»Ich … Ich …«
»Warum? Warum haben Sie das Mädchen und diese arme Frau getötet?«
»Ich weiß nicht … Ich glaube, ich war nicht mehr ich selbst. Eigentlich war es ein Unfall.«
»Was ist passiert?«
»Nola ist am Straßenrand entlanggegangen … Ich habe ihr vorgeschlagen, sie ein Stück mitzunehmen. Sie war einverstanden und ist eingestiegen. Und dann … Ich war so einsam. Ich hatte Lust, ihr übers Haar zu streichen … Sie ist in den Wald geflohen. Ich musste sie einholen und ihr sagen, dass sie niemandem etwas verraten durfte. Aber dann hat sie sich zu Deborah Cooper geflüchtet. Ich musste es tun. Sonst hätten die beiden geredet. Es … Es geschah in einem Moment geistiger Verwirrung!« Er brach zusammen.
Als Gahalowood den Verhörraum verließ, rief er Travis an, um ihm mitzuteilen, dass Robert Quinn ein umfassendes Geständnis unterschrieben hatte. »Um siebzehn Uhr findet eine Pressekonferenz statt«, sagte er zu ihm. »Ich wollte nicht, dass Sie es aus dem Fernsehen erfahren.«
»Danke, Sergeant. Ich … Was soll ich meiner Frau sagen?«
»Ich weiß es nicht. Aber informieren Sie sie umgehend. Die Nachricht wird einschlagen wie eine Bombe.«
»Das werde ich.«
»Chief Dawn, könnten Sie eventuell nach Concord kommen, um ein paar Dinge in Bezug auf Robert Quinn zu klären? Ich würde das Ihrer Frau oder Ihrer Schwiegermutter nur ungern zumuten.«
»Selbstverständlich. Im Moment bin ich im Dienst und werde an einer Unfallstelle erwartet. Und ich muss noch mit Jenny reden. Am besten komme ich heute Abend oder morgen.«
»Kommen Sie morgen in aller Ruhe. Jetzt pressiert nichts mehr.« Gahalowood legte auf.
»Und jetzt?«, fragte ich.
»Jetzt lade ich Sie auf einen Happen ein. Ich denke, das haben wir uns redlich verdient.« Wir aßen in der Cafeteria des Hauptquartiers zu Mittag. Aber Gahalowood, der eben noch einen fast heiteren Eindruck gemacht hatte, wirkte plötzlich nachdenklich. Er rührte seinen Teller nicht an. Er hatte die Akte mitgenommen und auf den Tisch gelegt und betrachtete eine Viertelstunde lang das Foto von Robert und dem schwarzen Monte Carlo.
»Was beschäftigt Sie?«, fragte ich ihn.
»Nichts. Ich frage mich nur, warum Quinn eine Waffe dabeihatte. Er hat uns erzählt, dass er dem Mädchen zufällig auf einer Spritzfahrt mit dem Auto begegnet ist. Entweder hatte er alles geplant, also das mit dem Auto und der Kanone, oder er ist Nola zufällig begegnet, aber dann frage ich mich, warum er eine Waffe dabei- und wo er sie herhatte.«
»Sie glauben, er hatte alles von langer Hand geplant und wollte die Sache in seinem Geständnis herunterspielen?«
»Schon möglich.« Wieder betrachtete er das Foto. Er hielt es näher an sein Gesicht, um die Details besser erkennen zu können. Plötzlich stutzte er. Sein Blick veränderte sich schlagartig.
»Was ist, Sergeant?«, fragte ich.
»Die Schlagzeile …«
Ich ging um den Tisch herum zu ihm, um mir das Foto anzusehen. Er zeigte mit dem Finger auf einen Zeitungskasten im Hintergrund des Bildes, gleich neben dem Clark’s. Wenn man die Augen zusammenkniff, konnte man die Schlagzeile lesen:
NIXON TRITT ZURÜCK
»Richard Nixon ist im August 1974 zurückgetreten!«, rief Gahalowood. »Dieses Fotos kann also nicht im August 1975 geschossen worden sein!«
»Aber wer hat dann das falsche Datum hinten draufgeschrieben?«
»Keine Ahnung. Auf jeden Fall heißt das, dass Robert Quinn uns anlügt. Er hat niemanden umgebracht!« Gahalowood sprang auf, rannte von der Cafeteria ins große Treppenhaus und stürmte, vier Stufen auf einmal nehmend, nach oben. Ich hastete ihm durch allerlei Gänge bis zum Zellentrakt hinterher. Dort verlangte er, sofort mit Robert Quinn zu sprechen.
»Wen decken Sie?«, schrie Gahalowood, kaum dass er ihn hinter den Gitterstäben seiner Zelle erblickte. »Im August 1975 haben Sie keinen schwarzen Monte Carlo Probe gefahren! Sie decken jemanden, und ich will wissen, wen! Ihre Frau? Oder Ihre Tochter?«
Robert wirkte verzweifelt. Er saß auf der schmalen gepolsterten Pritsche und sagte leise: »Jenny. Ich decke Jenny.«
»Jenny?«, wiederholte Gahalowood entgeistert. »Also hat Ihre Tochter …« Er zog sein Handy heraus und tippte eine Nummer.
»Wen rufen Sie an?«, fragte ich.
»Travis Dawn, damit er seiner Frau nichts sagt. Wenn sie erfährt, dass ihr Vater alles gestanden hat, bekommt sie die Panik und haut ab.«
Travis ging nicht an sein Handy. Also rief Gahalowood auf dem Revier in Aurora an, damit man ihn per Funk mit ihm verband. »Hier Sergeant Gahalowood, State Police, New Hampshire«, sagte er zum Officer, der Bereitschaft hatte. »Ich muss sofort mit Chief Dawn sprechen.«
»Mit Chief Dawn? Rufen Sie ihn auf dem Handy an. Er hat heute keinen Dienst.«
»Wie kann das sein? Ich habe ihn vorhin gesprochen, und da hat er gesagt, dass er mit einem Verkehrsunfall beschäftigt ist.«
»Ausgeschlossen, Sergeant. Ich sage Ihnen doch: Er hat heute keinen Dienst.«
Kreidebleich legte Gahalowood auf und löste unverzüglich eine Großfahndung aus.
Travis und Jenny Dawn wurden wenige Stunden später am Flughafen Boston-Logan verhaftet, wo sie gerade in ein Flugzeug nach Caracas steigen wollten.
Es war schon Nacht, als Gahalowood und ich das Polizeihauptquartier in Concord verließen. Am Ausgang wartete eine Journalistenmeute und stürzte sich auf uns. Wir bahnten uns kommentarlos einen Weg durch die Menge und verschwanden in Gahalowoods Wagen. Schweigend fuhr er los.
»Wohin fahren wir, Sergeant?«, fragte ich.
»Keine Ahnung.«
»Was machen Polizisten in solchen Momenten?«
»Sie gehen einen trinken. Und Schriftsteller?«
»Sie gehen einen trinken.«
Er fuhr uns zu seiner Bar am Stadtrand von Concord. Wir setzten uns an den Tresen und bestellten zwei doppelte Whiskys. Hinter uns verkündete der Liveticker auf einem Fernsehschirm die Neuigkeit:
POLIZEIBEAMTER AUS AURORA
GESTEHT MORD AN NOLA KELLERGAN