Auszug aus: DER FALL HARRY QUEBERT
Am Montag, den 21. Juli 2008, erlebte die Kleinstadt Montburry eine ähnliche Aufregung, wie sie Aurora einige Wochen zuvor nach dem Fund von Nolas Leiche erfahren hatte. Aus der ganzen Gegend trafen Streifenwagen der Polizei ein und nahmen Kurs auf ein Motel unweit des Gewerbegebiets. Unter den Schaulustigen hieß es, ein Mann sei ermordet worden und es handele sich um den ehemaligen Polizeichef von Aurora.
Sergeant Gahalowood stand mit unbewegter Miene vor der Zimmertür. Mehrere Beamte der Spurensicherung waren am Tatort im Einsatz, und Gahalowood sah ihnen einfach nur zu. Ich fragte mich, was ihm wohl gerade durch den Kopf ging. Irgendwann drehte er sich um und bemerkte, dass ich ihn beobachtete. Ich saß auf der Motorhaube eines Polizeifahrzeugs.
Er bedachte mich mit einem tödlichen Bisonblick und kam auf mich zu. »Was treiben Sie da mit Ihrem Aufnahmegerät, Schriftsteller?«
»Ich diktiere die Szene für mein Buch.«
»Sie wissen, dass Sie auf der Motorhaube eines Einsatzwagens sitzen?«
»Was treiben Sie da mit Ihrem Aufnahmegerät, Schriftsteller?«
»Ich diktiere die Szene für mein Buch.«
»Sie wissen, dass Sie auf der Motorhaube eines Einsatzwagens sitzen?«
»Oh, Entschuldigung, Sergeant. Kann man schon was sagen?«
»Schalten Sie Ihr Gerät aus, hören Sie?«
Ich kam der Aufforderung nach.
»Ersten Erkenntnissen zufolge hat der Chief einen oder mehrere Schläge mit einem schweren Gegenstand auf den Hinterkopf erhalten«, berichtete Gahalowood.
»Wie Nola?«
»So ähnlich, ja. Der Zeitpunkt des Todes liegt länger als zwölf Stunden zurück. Also ist es heute Nacht passiert. Ich glaube, er kannte seinen Mörder. Er hat ihm die Tür geöffnet, vielleicht hatte er ihn erwartet. Die Schläge haben ihn am Hinterkopf getroffen, also hat er sich vermutlich umgedreht. Offenbar war er ahnungslos, und sein Besucher hat das ausgenutzt, um ihm den tödlichen Schlag zu verpassen. Wir haben das Tatwerkzeug nicht gefunden. Der Mörder hat es bestimmt wieder mitgenommen. Möglicherweise war es eine Eisenstange oder so etwas. Das würde bedeuten, dass hier kein Streit eskaliert ist, sondern dass die Tat geplant war. Jemand ist hierhergekommen, um Pratt umzubringen.«
»Zeugen?«
»Keine. Das Motel ist so gut wie leer. Keiner hat etwas gesehen oder gehört. Die Rezeption macht um neunzehn Uhr dicht. Von zweiundzwanzig Uhr bis sieben Uhr ist zwar ein Nachtwächter hier, aber der hat vor dem Fernseher gesessen und konnte uns nichts sagen. Und Kameras gibt es natürlich auch keine.«
»Wer könnte das Ihrer Meinung nach getan haben?«, fragte ich. »Derselbe, der das Feuer in Goose Cove gelegt hat?«
»Möglich. Wahrscheinlich jemand, den Pratt gedeckt hat und der Angst bekommen hat, dass Pratt reden könnte. Vielleicht wusste Pratt die ganze Zeit über, wer Nolas Mörder war. Und jetzt wurde er kaltgestellt, damit er für immer den Mund hält.«
»Sie haben längst einen Verdacht, nicht wahr, Sergeant?«
»Nun ja, wer ist das Bindeglied zwischen all diesen Personen, Goose Cove und dem schwarzen Chevrolet? Und ich meine jetzt nicht Harry Quebert …«
»Elijah Stern?«
»Elijah Stern. Darüber denke ich schon eine ganze Weile nach und erst recht, seit ich Pratts Leiche gesehen habe. Ich will damit nicht sagen, dass Elijah Stern Nola ermordet hat, aber ich frage mich, ob er Caleb womöglich seit dreißig Jahren deckt. Da wären dieser mysteriöse Urlaub und das verschwundene Auto, von dem er niemandem etwas gesagt hat …«
»Was denken Sie, Sergeant?«
»Dass Caleb der Täter ist und Stern die Finger mit im Spiel hat. Ich glaube, Caleb ist, nachdem er in der Side Creek Lane im schwarzen Chevrolet gesichtet wurde und Pratt bei der Verfolgungsjagd abgehängt hat, nach Goose Cove geflüchtet. Die ganze Gegend ist abgeriegelt. Ihm ist klar, dass er nicht entkommen kann, aber er weiß auch, dass in Goose Cove niemand nach ihm suchen wird. Niemand außer … Stern. Wahrscheinlich hat Stern den 30. August 1975 tatsächlich mit privaten Verabredungen verbracht, wie er mir gegenüber behauptet hat. Aber als er dann abends nach Hause kommt und feststellt, dass Luther noch nicht zurück ist, ja schlimmer, dass er sich mit einem Dienstwagen davongemacht hat, weil der unauffälliger als sein blauer Mustang ist, hat er wohl kaum die Hände in den Schoß gelegt, oder? Logisch wäre gewesen, wenn er sich auf die Suche nach Luther gemacht hätte, um ihn vor einer Dummheit zu bewahren. Und ich glaube, genau das hat er getan. Aber als er in Aurora eintrifft, ist es schon zu spät. Die Polizei ist überall, die befürchtete Tragödie ist eingetreten. Er muss Caleb um jeden Preis finden, und wohin fährt er als Erstes, Schriftsteller?«
»Nach Goose Cove.«
»Richtig. Das Haus gehört ihm, und er weiß, dass Luther sich dort sicher fühlt. Vermutlich hat Luther sogar einen Zweitschlüssel. Kurzum, Stern fährt auf direktem Weg nach Goose Cove und trifft dort auf Luther.«
Der 30. August 1975 Gahalowoods These zufolge
Stern erblickte den Chevrolet vor der Garage. Luther beugte sich über den offenen Kofferraum.
»Luther!«, rief Stern und stieg aus dem Wagen. »Was hast du getan?«
Luther war vollkommen in Panik. »Wir … Wir haben unf geftritten … Ich wollte ihr nicht wehtun.«
Stern ging zum Wagen und sah Nola mit einer ledernen Schultertasche um den Hals im Kofferraum liegen. Ihr Körper war verrenkt, sie bewegte sich nicht.
»Du … du hast sie getötet …« Stern wurde schlecht.
»Fonft hätte fie die Polizei gerufen …«
»Luther! Was hast du getan? Was hast du nur getan?«
»Hilf mir! Ich flehe dich an, Eli! Hilf mir!«
»Du musst fliehen, Luther. Wenn dich die Polizei schnappt, landest du auf dem elektrischen Stuhl.«
»Nein! Erbarmen! Bitte nicht! Bitte nicht!«, rief Luther voller Entsetzen.
Da bemerkte Stern den Griff einer Waffe in Luthers Gürtel. »Luther! Was … Was ist das?«
»Die Alte … Fie hat allef gefehen.«
»Welche Alte?«
»Die in dem Hauf …«
»Um Gottes willen, dich hat jemand gesehen?«
»Eli, Nola und ich haben unf geftritten … Fie wollte mich nicht ranlaffen. Ich muffte ihr wehtun. Aber fie ift mir entkommen und in diefef Hauf gerannt … Ich bin ihr hinterher, ich dachte, daf Hauf wäre leer. Aber dann ftand da plötflich die Alte … Ich muffte fie töten …«
»Was? Was redest du da?«
»Eli, ich flehe dich an, hilf mir!«
Sie mussten die Leiche loswerden. Ohne eine Sekunde zu zögern, holte Stern eine Schaufel aus der Garage und machte sich daran, ein Loch zu graben. Er entschied sich für den Waldrand, wo die Erde locker war und niemand, vor allem nicht Quebert, bemerken würde, dass jemand sie umgegraben hatte. Rasch hob er eine flache Grube aus. Dann rief er nach Caleb, damit er ihm die Leiche brachte, aber er konnte ihn nirgends sehen. Er ging zurück zum Wagen und sah ihn, über einen Stoß Papiere gebeugt, auf dem Boden knien.
»Luther? Was treibst du da, Herrgott noch mal?«
Luther weinte. »Daf ift Quebertf Buch … Nola hat mir davon erfählt. Er hat ein Buch für fie gefrieben … Ef ift fo fön.«
»Trag sie dahinten hin. Ich habe ein Loch gegraben.«
»Warte!«
»Warum?«
»Ich will ihr fagen, daff ich fie liebe.«
»Was?«
»Laff mich ein paar Worte an fie freiben. Nur ein paar Worte. Leih mir deinen Ftift. Danach begraben wir fie, und ich verfwinde für immer.«
Fluchend zog Stern einen Stift aus seiner Jackentasche und reichte ihn Caleb, der Adieu, allerliebste Nola auf das Deckblatt des Manuskripts schrieb. Dann verstaute er das Buch andächtig in der Tasche, die für immer an Nolas Hals hängen sollte, und trug sie zum Loch. Er legte sie hinein, und die beiden Männer schütteten es mit Erde wieder zu, wobei sie darauf achteten, auch einige Kiefernnadeln und Zweige sowie etwas Moos daraufzuwerfen, damit die Täuschung perfekt war.
»Und was dann?«, fragte ich.
»Dann«, sagte Gahalowood, »sucht Stern nach einer Möglichkeit, Luther zu schützen. Und diese Möglichkeit heißt Pratt.«
»Pratt?«
»Ja. Ich glaube, Stern wusste, was Pratt mit Nola gemacht hatte. Wie wir wissen, trieb sich Caleb in Goose Cove herum und spionierte Harry und Nola nach. Vielleicht hatte er gesehen, wie Pratt Nola am Straßenrand aufgesammelt und sie zum Oralsex gezwungen hat … Und er hat es Stern erzählt. An diesem Abend lässt Stern Luther in Goose Cove zurück und sucht Pratt auf dem Revier auf. Er wartet bis zum späten Abend, vielleicht sogar bis nach dreiundzwanzig Uhr, bis die Suche abgebrochen wird. Er will mit Pratt unter vier Augen reden und erpresst ihn: Er verlangt von ihm, dass er Luther laufen lässt und ihm hilft, durch die Absperrungen zu kommen, und als Gegenleistung verspricht er ihm, niemandem etwas von Nola und ihm zu verraten. Pratt geht darauf ein. Wie hätte Caleb es sonst ungehindert bis nach Massachusetts schaffen können? Aber Caleb fühlt sich in die Enge getrieben. Er weiß nicht, wohin, er ist am Ende. Er kauft sich Alkohol und betrinkt sich. Er will Schluss machen und wagt den großen Sprung von den Klippen bei Sunset Cove. Ein paar Wochen später, als man seinen Wagen findet, kommt Pratt nach Sagamore, um alles zu vertuschen. Er dreht es so, dass der Verdacht nicht auf Caleb fällt.«
»Aber warum wollte er den Verdacht von Caleb abwenden, wenn er doch tot war?«
»Da war noch Stern. Und Stern wusste Bescheid. Indem Pratt Caleb entlastete, schützte er sich selbst.«
»Pratt und Stern kannten also von Anfang an die Wahrheit?«
»Ja. Sie haben diese Sache tief in ihrem Gedächtnis vergraben. Danach haben sie sich nie wiedergesehen. Stern hat sein Haus abgestoßen, indem er es Harry zu einem Schleuderpreis überlassen hat, und keinen Fuß mehr nach Aurora gesetzt. Gute dreißig Jahre lang haben alle geglaubt, dieser Fall würde nie aufgeklärt.«
»Bis Nolas Überreste gefunden wurden …«
»Und ein starrköpfiger Schriftsteller auch noch angefangen hat, hier herumzuschnüffeln. Ein Schriftsteller, den man mit allen Mitteln davon abhalten wollte, die Wahrheit ans Licht zu bringen.«
»Pratt und Stern wollten also alles vertuschen«, spann ich den Faden fort. »Aber wer hat Pratt umgebracht? Stern? Weil er gemerkt hat, dass Pratt kurz davor war, einzuknicken und auszupacken?«
»Das müssen wir noch rauskriegen. Aber kein Wort darüber, Schriftsteller«, befahl Gahalowood. »Schreiben Sie noch nichts darüber. Ich will nicht, dass wieder etwas an die Presse durchsickert. Ich werde ein bisschen in Sterns Leben herumstöbern. Diese Hypothese wird schwer zu stützen sein. Auf jeden Fall gibt es für alles einen gemeinsamen Nenner: Luther Caleb. Und sollte er Nola Kellergan tatsächlich ermordet haben, kriegen wir die Bestätigung …«
»… durch die Analyse seiner Handschrift«, kombinierte ich.
»Richtig.«
»Eine letzte Frage, Sergeant: Warum wollte Stern Caleb um jeden Preis schützen?«
»Das wüsste ich auch gern, Schriftsteller.«
Die Ermittlungen im Mordfall Pratt gestalteten sich schwierig: Die Polizei hatte nicht ein verlässliches Indiz und nicht die geringste Spur. Eine Woche nach seiner Ermordung fand die Beisetzung von Nolas sterblichen Überresten statt, die man ihrem Vater schließlich übergeben hatte. Das war am Mittwoch, den 30. Juli 2008. Die Feierlichkeiten, denen ich nicht beiwohnte, wurden am frühen Nachmittag auf dem Friedhof von Aurora abgehalten, in einem unerwarteten Regenschauer und vor einer spärlichen Trauerschar. David Kellergan fuhr mit seinem Motorrad bis ans Grab, und keiner der Anwesenden wagte es, dagegen zu protestieren. Er hatte die Kopfhörer im Ohr und hörte Musik, und seine einzigen – überlieferten – Worte waren: »Warum hat man sie aus der Erde rausgeholt, wenn man sie jetzt wieder reinlegt?« Er vergoss keine Träne.
Ich nahm nicht an der Beerdigung teil, weil ich zum Zeitpunkt etwas tat, was ich für wichtig hielt: Ich besuchte Harry und leistete ihm Gesellschaft. Er saß im lauwarmen Regen mit bloßem Oberkörper auf dem Parkplatz.
»Stellen Sie sich unter, Harry«, sagte ich zu ihm.
»Sie wird gerade beerdigt, nicht wahr?«
»Ja.«
»Sie wird beerdigt, und ich bin nicht dabei.«
»Es ist besser so. Nach allem, was passiert ist …«
»Zum Teufel mit dem Gerede der Leute! Nola wird beerdigt, und ich bin nicht da, um mich von ihr zu verabschieden, um sie ein letztes Mal zu sehen und bei ihr zu sein. Seit dreiunddreißig Jahren warte ich darauf, sie wiederzusehen, und sei es zum letzten Mal. Wissen Sie, wo ich jetzt gerne wäre?«
»Auf der Beerdigung?«
»Nein. Im Paradies der Schriftsteller.« Er streckte sich auf dem Betonboden aus und verharrte regungslos. Ich legte mich neben ihn. Der Regen ging auf uns nieder. »Marcus, ich möchte tot sein.«
»Ich weiß.«
»Woher wissen Sie das?«
»Freunde spüren so etwas.« Wir schwiegen einen Moment. Dann sagte ich: »Sie haben neulich gesagt, dass wir keine Freunde mehr sein können.«
»Stimmt. Wir nehmen langsam Abschied, Marcus. Es ist so, als wüssten Sie, dass ich bald sterben muss, und als blieben Ihnen noch ein paar Wochen, um sich darauf einzustellen. Das ist der Krebs der Freundschaft.« Er schloss die Augen und breitete die Arme aus wie ein Gekreuzigter. Ich tat es ihm gleich. So blieben wir lange auf dem Betonboden liegen.
Als ich das Motel später an diesem Tag verließ, fuhr ich zum Clark’s, um mit jemandem zu sprechen, der auf Nolas Beerdigung gewesen war. Das Lokal war wie ausgestorben. Es war nur ein Kellner da, der lustlos über den Tresen wischte und mit Mühe und Not die Kraft aufbrachte, den Zapfhahn zu betätigen und mir ein Bier zu machen. Erst da bemerkte ich Robert Quinn, der sich in den hinteren Bereich des Raums verzogen hatte und erdnussknabbernd die Kreuzworträtsel in alten, auf den Tischen liegen gebliebenen Zeitungen löste. Anscheinend versteckte er sich vor seiner Frau. Ich ging zu ihm und gab ihm ein Bier aus. Er nahm die Einladung an und rückte auf seiner Bank ein Stück, um mir Platz zu machen. Eine rührende Geste: Genauso gut hätte ich mich ihm gegenüber auf einen der fünfzig leeren Stühle des Lokals setzen können, aber er rutschte zur Seite, damit ich mich neben ihn auf die Bank setzte.
»Waren Sie auf Nolas Beerdigung?«, fragte ich ihn.
»Ja.«
»Wie war sie?«
»Schlimm, wie die ganze Geschichte. Es waren mehr Journalisten als Angehörige da.«
Wir schwiegen eine Weile, dann fragte er, um das Gespräch wieder in Gang zu bringen: »Wie läuft’s mit Ihrem Buch?«
»Es geht voran. Aber ich habe gestern noch mal darin gelesen und festgestellt, dass es noch ein paar ungeklärte Fragen gibt, vor allem mit Blick auf Ihre Frau. Sie hat mir gegenüber beteuert, sie habe ein kompromittierendes, von Harry Quebert per Hand geschriebenes Blatt Papier besessen, das auf rätselhafte Weise verschwunden sei. Sie wissen nicht zufällig, was aus diesem Papier geworden ist?«
Er trank einen großen Schluck Bier und verdrückte in aller Ruhe ein paar Erdnüsse, bevor er antwortete. »Verbrannt«, sagte er. »Dieses Unglückspapier ist verbrannt.«
»Was? Woher wissen Sie das?«, fragte ich verblüfft.
»Weil ich es selbst verbrannt habe.«
»Wie bitte? Weshalb? Und vor allem: Warum haben Sie nie etwas gesagt?«
Er zuckte mit den Schultern und erwiderte ganz pragmatisch: »Weil mich nie jemand danach gefragt hat. Seit dreiunddreißig Jahren redet meine Frau von diesem Blatt Papier. Sie zetert und kreischt und schreit, bis sie heiser ist: ›Aber es war da! Im Safe! Dort! Dort!‹ Sie hat nie gesagt: ›Robert, mein Schatz, hast du dieses Papier zufällig gesehen?‹ Sie hat nie danach gefragt, also habe ich nie darüber gesprochen.«
Ich versuchte, meine Verwunderung zu verbergen, damit er weiterredete. »Und was ist passiert?«
»Alles hat an einem Sonntagnachmittag begonnen. Meine Frau hat eine alberne Gartenparty zu Queberts Ehren organisiert, aber Quebert ist nicht gekommen. Danach ist sie stinkwütend zu ihm gefahren. Ich erinnere mich noch gut an den Tag: Es war Sonntag, der 13. Juli 1975, der Tag, an dem die kleine Nola versucht hatte, sich das Leben zu nehmen.«
Sonntag, 13. Juli 1975
»Robert! Rooooobert!« Tamara stürmte wie eine Furie ins Haus und wedelte mit einem Papier in der Luft herum. Sie lief im Erdgeschoss herum, bis sie ihren Mann gefunden hatte. Er saß im Wohnzimmer und las Zeitung.
»Robert, verflixt noch mal! Warum antwortest du nicht, wenn ich nach dir rufe? Bist du taub? Sieh mal! Sieh dir an, was ich Schreckliches habe! Lies mal, wie widerlich das ist!«
Sie reichte ihm das Blatt Papier, das sie soeben bei Harry entwendet hatte, und er las:
Meine Nola, allerliebste Nola, Nola, meine Liebe! Was hast Du getan? Warum wolltest Du sterben? Etwa meinetwegen? Ich liebe Dich, ich liebe Dich über alles. Verlass mich nicht. Wenn Du stirbst, sterbe ich auch. Du bist das Einzige in meinem Leben, Nola, was zählt. Vier Buchstaben: N-O-L-A.
»Woher hast du das?«, wollte Robert wissen.
»Von Harry Quebert, diesem Schweinehund! Ha!«
»Du hast es ihm gestohlen?«
»Ich habe nichts gestohlen: Ich habe es mir genommen! Ich wusste es! Er ist ein widerlicher Perversling, der über eine Fünfzehnjährige phantasiert. Mir wird übel, wenn ich nur daran denke! Ich könnte kotzen! Hörst du, Bobbo? Kotzen könnte ich! Harry Quebert ist in ein kleines Mädchen verliebt! Das ist illegal! Er ist ein Schwein! Ja, ein Schwein! Jetzt weiß ich auch, warum er ständig im Clark’s herumhockt! Um sie anzugaffen! Er kommt in mein Restaurant, um einer kleinen Göre auf den Hintern zu schielen!«
Robert las den Text mehrmals. Kein Zweifel: Was Harry da geschrieben hatte, war eine Liebeserklärung. Eine Liebeserklärung an eine Fünfzehnjährige. »Was hast du damit vor?«, fragte er seine Frau.
»Keine Ahnung.«
»Wirst du die Polizei verständigen?«
»Die Polizei? Nein, Bobbo. Noch nicht. Es soll sich nicht herumsprechen, dass der Verbrecher dieses junge Ding unserer wunderbaren Jenny vorzieht. Wo steckt sie eigentlich? In ihrem Zimmer?«
»Stell dir vor, kaum warst du weg, ist dieser junge Polizist, dieser Travis Dawn, gekommen und hat sie gefragt, ob sie mit ihm auf den Sommerball gehen will. Sie sind zum Abendessen nach Montburry gefahren. Jenny hat also schon einen anderen Tanzpartner für den Ball gefunden! Ist das nicht schön?«
»Nicht schön, nicht schön! Wer nicht schön ist, bist du, mein armer Bobbo! Und jetzt verschwinde! Ich muss dieses Papier irgendwo verstecken, und niemand darf mitkriegen, wo …«
Folgsam trollte Bobbo sich auf die Veranda, um die Zeitung zu Ende zu lesen. Aber er konnte sich nicht richtig konzentrieren, weil ihm nicht aus dem Kopf ging, was seine Frau gerade herausgefunden hatte. Harry, der große Schriftsteller, schrieb also Liebesbotschaften an ein Mädchen, das halb so alt war wie er selbst. Die nette kleine Nola. Das war sehr verstörend. Sollte er Nola warnen? Sollte er ihr sagen, dass Harry voll dunkler Triebe steckte und ihr womöglich sogar gefährlich werden konnte? Musste er nicht die Polizei benachrichtigen, damit Harry von einem Arzt untersucht und behandelt wurde?
Eine Woche später fand der Sommerball statt. Robert und Tamara Quinn standen gerade in einer Ecke des Saals und nippten an einem alkoholfreien Cocktail, als sie Harry Quebert unter den Gästen erblickten. »Sieh mal, Bobbo!«, zischte Tamara. »Da ist dieser Perverse!« Sie ließen ihn nicht aus den Augen, während Tamara ihre Fluchtirade fortsetzte, die allerdings nur Robert hören konnte.
»Was wirst du mit diesem Blatt Papier tun?«, fragte Robert schließlich.
»Ich weiß nicht. Aber eines steht fest: Erst mal werde ich dafür sorgen, dass er seine Schulden bei uns bezahlt. Er steht im Restaurant mit fünfhundert Dollar in der Kreide!«
Harry fühlte sich sichtlich unwohl in seiner Haut. Nachdem er an der Bar ein paar Drinks gekippt hatte, suchte er die Toiletten auf.
»Jetzt geht er aufs Klo«, sagte Tamara. »Sieh nur, Bobbo! Und weißt du, was er dort macht?«
»Ein großes Geschäft?«
»Ach was, er poliert sich die Stange und denkt dabei an dieses Mädchen!«
»Was?«
»Sei still, Bobbo! Du plapperst zu viel, ich will kein Wort mehr von dir hören. Und bleib hier, hörst du?«
»Wohin gehst du?«
»Rühr dich nicht vom Fleck. Gleich wirst du staunen!« Tamara stellte ihr Glas auf einem Stehtisch ab und schlenderte unauffällig zu den Toiletten, in denen Harry Quebert gerade verschwunden war. Rasch schlüpfte sie durch die Tür. Kurz darauf kam sie wieder heraus und eilte zu ihrem Mann.
»Was hast du gemacht?«, wollte Robert wissen.
»Sei still, sage ich!«, fuhr ihn seine Frau an und griff nach ihrem Glas. »Sei still, sonst fliegen wir auf!«
Amy Pratt teilte den Gästen mit, dass sie sich nun zu Tisch begeben konnten, und die Menge strebte langsam zu den Plätzen. Kurz darauf kam Harry aus der Toilette. Schweißgebadet und sichtlich verstört, mischte er sich unter die Gäste.
»Schau, wie er den Schwanz einzieht!«, tuschelte Tamara. »Er hat Panik bekommen.«
»Was hast du gemacht?«, fragte Robert noch einmal.
Tamara lächelte nur. Unauffällig spielte sie mit dem roten Lippenstift, den sie gerade auf dem Toilettenspiegel benutzt hatte, und erwiderte knapp: »Sagen wir, ich habe ihm eine kleine Nachricht hinterlassen, die er nie vergessen wird.«
Ich saß im hinteren Teil des Clark’s und lauschte fassungslos Robert Quinns Bericht.
»Die Nachricht auf dem Spiegel stammte also von Ihrer Frau?«, fragte ich.
»Ja, Harry Quebert war zu ihrer Obsession geworden. Sie redete nur noch von diesem Fetzen Papier und davon, dass sie Harry fertigmachen wollte. Sie sagte, bald würde in allen Zeitungen die Schlagzeile prangen: Der große Schriftsteller ist ein großer Perverser. Irgendwann hat sie auch mit Chief Pratt darüber gesprochen, und zwar ungefähr zwei Wochen nach dem Ball. Sie hat ihm alles erzählt.«
»Woher wissen Sie das?«, fragte ich.
Er zögerte kurz, dann antwortete er: »Weil … Weil Nola es mir erzählt hat.«
Dienstag, 5. August 1975
Es war achtzehn Uhr, als Robert aus der Handschuhfabrik nach Hause kam. Wie immer parkte er seinen alten Chrysler auf der Straße, und nachdem er den Motor abgestellt hatte, schaute er in den Rückspiegel, schob seinen Hut zurecht und übte den Blick, den der Schauspieler Robert Stack im Fernsehen immer aufsetzte, bevor er als Eliot Ness ein paar zwielichtigen Gestalten eine gewaltige Tracht Prügel verpasste. Robert trödelte oft in seinem Auto herum. Seit Langem schon zog es ihn nicht mehr recht nach Hause. Manchmal fuhr er sogar einen Umweg oder legte einen Stopp beim Eisverkäufer ein, um die Heimkehr hinauszuzögern. Als er sich schließlich aus dem Wagen hievte, war ihm, als würde aus dem Gebüsch eine Stimme nach ihm rufen. Er sah sich suchend um, und da entdeckte er Nola, die sich zwischen den Rhododendronsträuchern versteckt hatte.
»Nola?«, rief Robert verwundert. »Guten Tag, meine Kleine. Wie geht es dir?«
Sie flüsterte: »Ich muss mit Ihnen reden, Mr Quinn. Es ist sehr wichtig.«
Er sprach weiter laut und deutlich: »Dann komm doch ins Haus. Ich mache dir auch eine kalte Limonade.«
Sie legte einen Finger auf die Lippen. »Nein«, wisperte sie, »wir brauchen einen Ort, an dem wir Ruhe haben. Können wir uns nicht in Ihr Auto setzen und ein bisschen herumfahren? Auf der Straße nach Montburry gibt es diesen Hotdogladen, da sind wir ungestört.«
Obwohl Robert sehr überrascht war, sagte er nicht Nein. Er ließ Nola einsteigen, und sie fuhren los. Nach ein paar Meilen hielten sie an der Bretterbude, an der Snacks zum Mitnehmen verkauft wurden. Robert holte für Nola Pommes Frites und eine Cola und für sich selbst ein Hotdog und ein alkoholfreies Bier. Sie setzten sich an einen der Tische vor dem Stand auf dem Rasen.
»Nun, meine Kleine?«, fragte Robert und verdrückte sein Hotdog. »Was ist so Schlimmes passiert, dass du bei uns im Haus nicht mal eine schöne selbst gemachte Limonade trinken kannst?«
»Ich brauche Ihre Hilfe, Mr Quinn. Ich weiß, Sie finden das bestimmt seltsam, aber … Heute ist im Clark’s etwas vorgefallen, und Sie sind der Einzige, der mir helfen kann.«
Nola schilderte die Szene, die sie etwa zwei Stunden zuvor zufällig miterlebt hatte. Sie hatte Mrs Quinn im Clark’s aufgesucht, um sich den Lohn für die Samstage auszahlen zu lassen, an denen sie vor ihrem Selbstmordversuch gearbeitet hatte. Mrs Quinn hatte selbst gesagt, sie solle vorbeikommen, wann immer es ihr passe. Um Punkt sechzehn Uhr hatte sie das Clark’s betreten, doch sie hatte nur ein paar schweigende Kunden und Jenny angetroffen, die gerade Geschirr wegräumte und ihr mitteilte, dass sich ihre Mutter in ihrem Büro befand, es jedoch nicht für nötig hielt, ihr zu sagen, dass sie nicht allein war. Das »Büro« war der Ort, an dem Tamara Quinn die Buchhaltung machte, die Kassenbons des Tages im Safe verwahrte, sich am Telefon mit säumigen Lieferanten zankte oder ganz einfach nur unter einem fadenscheinigen Vorwand verkroch, wenn sie ihre Ruhe haben wollte. Es war ein enger Raum, an dessen stets geschlossener Tür ein Schild mit der Aufschrift PRIVAT angebracht war. Man erreichte es über den hinter dem Nebenraum verlaufenden Serviceflur, der außerdem zur Personaltoilette führte.
Als Nola vor der Tür stand und gerade anklopfen wollte, hörte sie Stimmen. Dort war jemand bei Tamara. Der Tonlage nach ein Mann. Nola spitzte die Ohren und bekam einen Teil des Gesprächs mit.
»Er ist ein Verbrecher, verstehen Sie?«, sagte Tamara. »Vielleicht sogar ein Triebtäter! Sie müssen etwas unternehmen.«
»Und Sie sind sich sicher, dass Harry Quebert diese Zeilen geschrieben hat?«
Nola erkannte Chief Pratts Stimme.
»Sicherer geht’s nicht«, erwiderte Tamara. »Er hat sie eigenhändig geschrieben. Harry Quebert hat ein Auge auf die kleine Kellergan geworfen und schreibt pornografischen Schund über sie. Sie müssen etwas unternehmen.«
»Gut. Es war richtig, dass Sie mit mir darüber gesprochen haben. Aber Sie sind unerlaubt bei ihm eingedrungen und haben dieses Blatt Papier gestohlen. Im Augenblick kann ich nichts machen.«
»Nichts machen? Und was jetzt? Sollen wir etwa warten, bis dieser Irre der Kleinen etwas antut, damit Sie endlich aktiv werden?«
»Das habe ich nicht gesagt«, stellte der Chief klar. »Ich behalte Quebert im Auge. Und Sie passen in der Zwischenzeit gut auf diesen Zettel auf. Ich kann ihn nicht aufbewahren, ich könnte Ärger bekommen.«
»Ich lege ihn in den Safe«, sagte Tamara. »Da ist er sicher. Niemand hat Zugang dazu. Ich bitte Sie, Chief Pratt, tun Sie etwas. Dieser Quebert ist krimineller Abschaum! Ja, krimineller Abschaum!«
»Regen Sie sich nicht auf, Mrs Quinn. Sie werden schon sehen, was wir hier mit solchen Typen machen.«
Nola hatte Schritte auf die Tür zukommen hören und war, so schnell es ging, aus dem Restaurant verschwunden.
Robert war fassungslos. Er dachte: Die arme Kleine hat mit angehört, dass Harry irgendwelchen Schweinkram über sie schreibt, das war bestimmt ein Schock für sie. Sie brauchte jemanden, dem sie sich anvertrauen konnte, und sie war zu ihm gekommen. Er musste jetzt zeigen, dass er der Situation gewachsen war. Er musste ihr sagen, dass Männer seltsame Vögel waren und ganz besonders Harry Quebert. Er musste ihr erklären, dass sie sich von dem Mann fernhalten und die Polizei einschalten sollte, falls sie Angst bekam, dass er ihr etwas antat.
Hatte er das vielleicht schon getan? Wollte sie ihm vielleicht anvertrauen, dass sie missbraucht worden war? Würde er mit solchen Enthüllungen umgehen können, er, der seiner Frau zufolge nicht einmal den Abendbrottisch richtig decken konnte? Während er ein Stück von seinem Hotdog abbiss, legte er sich ein paar tröstende Worte zurecht, aber er kam nicht dazu, sie ihr zu sagen, denn als er den Mund aufmachte, verkündete sie: »Mr Quinn, Sie müssen mir helfen, an dieses Papier heranzukommen.«
Beinahe hätte er sich an seiner Wurst verschluckt.
»Sie können sich denken, Mr Goldman«, sagte Robert Quinn im Clark’s zu mir, »dass ich mit allem gerechnet hatte, nur nicht damit: Sie wollte, dass ich diesen verfluchten Zettel an mich brachte. Trinken Sie noch was?«
»Gern. Noch mal dasselbe. Sagen Sie, Mr Quinn, macht es Ihnen etwas aus, wenn ich Sie aufnehme?«
»Ob es mir etwas ausmacht? Ich bitte Sie! Endlich einmal interessiert sich jemand ein kleines bisschen für das, was ich zu erzählen habe.« Er rief den Kellner und bestellte noch zwei Bier vom Fass.
Ich zog mein Aufnahmegerät heraus und schaltete es ein. »Nola bittet Sie also vor dieser Hotdogbude um Hilfe«, sagte ich, um das Gespräch wieder in Schwung zu bringen.
»Ja. Meine Frau war anscheinend zu allem bereit, um Harry Quebert zu vernichten. Und Nola war zu allem bereit, um ihn vor ihr zu schützen. Ich konnte es nicht fassen, was ich nun zu hören bekam. Ich erfuhr nämlich, dass zwischen Nola und Harry tatsächlich etwas lief. Ich weiß noch genau, wie sie mich mit ihren funkelnden Augen selbstbewusst angesehen hat, als ich zu ihr gesagt habe: ›Was? Ich soll dieses Papier zurückholen?‹ Sie hat geantwortet: ›Ich liebe ihn. Ich will nicht, dass er Ärger bekommt. Er hat diese Zeilen bestimmt nur wegen meines Selbstmordversuchs geschrieben. Es ist alles meine Schuld, ich hätte nicht versuchen dürfen, mir das Leben zu nehmen. Ich liebe ihn, er ist alles, was ich habe, alles, was ich mir je erträumen könnte.‹ Und dann hatten wir dieses Gespräch über die Liebe. ›Du willst also sagen, dass du und Harry Quebert … dass ihr …‹ – ›Wir lieben uns!‹ – ›Lieben? Was redest du da? Du kannst ihn nicht lieben!‹ – ›Warum nicht?‹ – ›Weil er zu alt für dich ist.‹ – ›Das Alter spielt keine Rolle.‹ – ›Und ob es eine Rolle spielt!‹ – ›Sollte es aber nicht!‹ – ›So ist es nun mal: Mädchen deines Alters haben mit Kerlen seines Alters nichts zu schaffen.‹ – ›Ich liebe ihn!‹ – ›Sag nicht so etwas Schreckliches, sondern iss lieber deine Pommes, hörst du?‹ – ›Aber, Mr Quinn, wenn ich ihn verliere, verliere ich alles!‹
Ich traute meinen Ohren nicht, Mr Goldman: Die Kleine war über beide Ohren in Harry verliebt. So wie sie habe ich wohl nie empfunden. Jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, jemals solche Gefühle für meine Frau gehegt zu haben. In dem Moment ist mir durch dieses fünfzehnjährige Mädchen klar geworden, dass ich die Liebe wahrscheinlich nie kennengelernt habe, ja dass viele Menschen die Liebe wohl nie kennenlernen. Im Grunde geben sie sich mit angenehmen Gefühlen zufrieden, richten sich in der Bequemlichkeit ihres erbärmlichen Daseins ein und verpassen die wirklich großen Gefühle, die das Leben ausmachen sollten. Einer meiner Neffen lebt in Boston. Er arbeitet im Finanzwesen, verdient jeden Monat einen Haufen Geld, ist verheiratet, hat drei Kinder, eine bezaubernde Frau und ein schönes Auto. Das ideale Leben, würde man meinen. Eines Tages kommt er nach Hause und teilt seiner Frau mit, dass er sie verlässt, dass er die Liebe seines Lebens gefunden hat, nämlich eine Studentin aus Harvard, die er bei einem Vortrag kennengelernt hat und die seine Tochter sein könnte. Alle behaupteten, bei ihm sei eine Sicherung durchgebrannt und er wolle mit diesem Mädchen seinen zweiten Frühling erleben, aber ich glaube, er ist ganz einfach der Liebe begegnet. Die Menschen reden sich ein, dass sie sich lieben, also heiraten sie. Aber dann lernen sie eines Tages ganz aus Versehen die Liebe kennen, und das haut sie um. Es ist wie bei Wasserstoff, der mit Luft in Berührung kommt: Es kommt zu einer gewaltigen Explosion, die alles verwüstet. Dreißig Jahre Ehefrust fliegen mit einem einzigen Knall in die Luft, als würde eine riesige, gärende Jauchegrube explodieren und alles rundherum einsauen. Midlife-Crisis, zweiter Frühling – alles Quatsch! Das sind einfach nur Menschen, die die Tragweite der Liebe zu spät begreifen und plötzlich erleben, wie ihr ganzes Leben auf den Kopf gestellt wird.«
»Und was haben Sie ihr geantwortet?«, erkundigte ich mich.
»Nola? Ich habe es abgelehnt. Ich habe ihr gesagt, dass ich mich da nicht einmischen will und sowieso nichts tun kann. Das Papier lag im Safe, und der einzige Schlüssel zum Safe hing Tag und Nacht am Hals meiner Frau. Und basta. Aber Nola hat mich angefleht, sie hat gesagt, wenn die Polizei dieses Papier in die Finger bekommt, kriegt Harry ernsthafte Probleme, das wäre das Ende seiner Karriere, ja vielleicht müsste er sogar ins Gefängnis, obwohl er nichts Schlimmes getan hat. Ich erinnere mich noch an ihren glühenden Blick, ihre Haltung, ihre Gesten … Von ihr ging so eine wunderbare Wildheit aus. Ich weiß noch, wie sie gesagt hat: ›Die Menschen werden alles verderben, Mr Quinn! Die Leute in dieser Stadt sind total verrückt! Es ist wie in dem Stück Hexenjagd von Arthur Miller. Haben Sie es gelesen?‹ Und in ihren Augen standen lauter perlengroße Tränen. Ich hatte das Stück von Arthur Miller gelesen und erinnerte mich noch an den Wirbel bei seiner Uraufführung am Broadway. Die Premiere war wenige Tage vor der Hinrichtung des Ehepaars Rosenberg. Es war ein Freitag, das weiß ich noch. Noch Tage danach habe ich eine Gänsehaut bekommen, wenn ich daran dachte, weil die Rosenbergs Kinder hatten, die kaum älter als Jenny waren, und ich mich gefragt habe, was aus Jenny werden würde, wenn ich hingerichtet würde. Ich war damals heilfroh, kein Kommunist zu sein.«
»Warum ist Nola ausgerechnet zu Ihnen gekommen?«
»Wahrscheinlich weil sie glaubte, dass ich Zugang zum Safe hatte. Aber das war nicht der Fall. Wie schon gesagt, außer meiner Frau hatte niemand den Schlüssel. Sie hütete ihn eifersüchtig und trug ihn immer an einer Kette zwischen ihren Brüsten, und zu ihren Brüsten hatte ich da schon lange keinen Zugang mehr.«
»Was ist dann passiert?«
»Nola hat mir geschmeichelt. Sie hat gesagt: ›Sie sind doch raffiniert und geschickt, Ihnen fällt bestimmt etwas ein!‹ Am Ende habe ich mich breitschlagen lassen. Ich habe ihr versprochen, es zu versuchen.«
»Warum?«, fragte ich.
»Warum? Na, für die Liebe! Wie gesagt, sie war zwar erst fünfzehn, aber sie hat von Dingen gesprochen, die ich nie erlebt habe und vielleicht nie erleben werde, auch wenn mir diese Geschichte mit Harry, ehrlich gesagt, eher unangenehm aufgestoßen ist. Ich habe es für sie getan, nicht für ihn. Ich habe sie auch gefragt, was sie wegen Chief Pratt unternehmen will. Beweis hin oder her – Chief Pratt wusste ja nun einmal Bescheid. Sie hat mir direkt in die Augen gesehen und gesagt: ›Ich werde dafür sorgen, dass er keinen Schaden anrichten kann. Ich werde ihn zum Verbrecher machen.‹ Damals habe ich nicht richtig begriffen, was sie vorhatte. Erst vor ein paar Wochen, als Pratt verhaftet wurde, ist mir klargeworden, dass da so einiges bestimmt nicht mit rechten Dingen zugegangen ist.«
Mittwoch, 6. August 1975
Ohne sich abzusprechen, waren beide am Tag nach diesem Gespräch tätig geworden. Gegen siebzehn Uhr kaufte Robert Quinn in Concord in einer Apotheke Schlaftabletten. Um dieselbe Zeit kauerte Nola in der Verschwiegenheit des Polizeireviers von Aurora unter Chief Pratts Schreibtisch und setzte alles daran, Harry zu beschützen, indem sie Schuld auf Pratt lud, ihn zum Verbrecher machte und in einen Teufelskreis hineinzog, der über dreißig Jahre wirken sollte.
In dieser Nacht schlief Tamara wie ein Murmeltier. Nach dem Abendessen war sie so müde, dass sie zu Bett ging, ohne sich vorher abzuschminken. Wie ein nasser Sack ließ sie sich auf die Matratze plumpsen und fiel in den Tiefschlaf. Das ging alles so schnell, dass Robert für den Bruchteil einer Sekunde fürchtete, er hätte eine zu starke Dosis in ihrem Wasserglas aufgelöst und sie umgebracht, aber das schnarrende, an militärischen Gleichschritt erinnernde Geschnarche, das seine Frau kurz darauf von sich gab, beruhigte ihn gleich wieder. Dann wartete er bis ein Uhr morgens, weil er sichergehen wollte, dass auch Jenny schlief und ihn in der Stadt niemand sah. Als es so weit war, schüttelte er seine Frau gnadenlos, um sich zu vergewissern, dass sie tatsächlich außer Gefecht gesetzt war. Zu seiner Freude rührte sie sich nicht. Zum ersten Mal verspürte er so etwas wie Macht: Der Drache lag zusammengerollt auf seinem Lager und flößte niemandem mehr Angst ein. Robert öffnete den Verschluss ihrer Halskette und nahm triumphierend den Schlüssel an sich. Bei der Gelegenheit packte er mit beiden Händen ihre Brüste, stellte aber mit Bedauern fest, dass ihn das inzwischen vollkommen kaltließ.
Lautlos verließ er das Haus. Um keinen Krach zu machen und keinen Verdacht zu erregen, borgte er sich das Fahrrad seiner Tochter. Während er mit den Schlüsseln für das Clark’s und den Safe in seiner Tasche durch die Nacht radelte, spürte er in sich die Erregung des Verbotenen aufsteigen. Er wusste nicht mehr, ob er es für Nola tat oder vor allem, um seiner Frau eins auszuwischen. Er fühlte sich so frei, als er mit dem Fahrrad quer durch die Stadt sauste, dass er beschloss, sich scheiden zu lassen. Jenny war längst erwachsen, es gab also keinen Grund mehr, bei Tamara zu bleiben. Er hatte die Nase voll von dieser Furie, er hatte ein Recht auf ein neues Leben. Ohne Not fuhr er ein paar Umwege, um das berauschende Gefühl in die Länge zu ziehen. In der Hauptstraße angekommen, schob er das Rad, um sich in Ruhe umzusehen: Die Stadt schlief friedlich. Alles war dunkel und still. Er lehnte das Rad an eine Mauer, schloss das Clark’s auf und schlich hinein. Im Schein der Straßenbeleuchtung, der durch die großen Fenster fiel, fand er den Weg zum Büro. Nun war er der Gebieter über diesen Ort, den er noch nie ohne ausdrückliche Erlaubnis hatte betreten dürfen, er eroberte ihn, trat ihn mit Füßen, entweihte ihn. Er knipste die Taschenlampe an, die er mitgenommen hatte, und machte sich daran, die Regale und Ordner zu durchsuchen. Seit Jahren hatte er davon geträumt, hier herumzuschnüffeln. Was versteckte seine Frau wohl an diesem Ort? Robert nahm mehrere Schnellhefter zur Hand und sah sie rasch durch. Er ertappte sich dabei, wie er nach Liebesbriefen suchte. Ob sie ihn betrog? Vermutlich schon: Weshalb hätte sie sich mit ihm zufriedengeben sollen? Doch alles, was er fand, waren Bestellscheine und Buchhaltungsunterlagen. Also nahm er sich den Safe vor: ein imposanter Stahlsafe, der bestimmt einen Meter hoch war und auf einer Holzpalette stand. Robert steckte den Sicherheitsschlüssel ins Schloss, drehte ihn um und erschauerte, als er den Öffnungsmechanismus klicken hörte. Er zog die schwere Tür auf und richtete die Taschenlampe auf den Innenraum, der aus vier Fächern bestand. Zum ersten Mal sah er den Safe offen. Er zitterte vor Erregung.
Im obersten Fach lagen Bankunterlagen, Buchhaltungsbelege, Bestellbestätigungen und die Lohnkarten der Angestellten.
Im zweiten Fach erblickte er eine Kassette mit dem Kassenbestand des Clark’s und daneben eine zweite mit bescheidenen Barmitteln, um die Lieferanten bezahlen zu können.
Im dritten Fach lag ein Stück Holz, das wie ein Bär aussah. Er musste lächeln. Es war der erste Gegenstand gewesen, den er Tamara geschenkt hatte, als sie zum ersten Mal miteinander ausgegangen waren. Er hatte jenen Abend wochenlang genau geplant und an der Tankstelle, wo er neben seinem Studium arbeitete, Überstunden geschoben, um seine Tamy in eines der besten Lokale weit und breit ausführen zu können, nämlich ins Chez Jean-Claude, ein französisches Restaurant, wo es angeblich hervorragende Flusskrebse gab. Er hatte die Speisekarte rauf und runter studiert, hatte ausgerechnet, wie viel es ihn kosten würde, wenn sie die teuersten Gerichte bestellte, hatte gespart, bis er genügend Geld zusammenhatte, und sie dann eingeladen. Als er sie an jenem Abend bei ihren Eltern abholte und sie erfuhr, wohin es gehen sollte, hatte sie ihn beschworen, sich ihretwegen doch nicht zu ruinieren. »Ach, Robert, du bist ein Schatz. Aber das muss nicht sein, das muss wirklich nicht sein«, hatte sie gesagt. Sie hatte Schatz gesagt. Um ihn umzustimmen, hatte sie vorgeschlagen, in Concord zu einem kleinen Italiener, den sie schon lange hatte ausprobieren wollen, zu gehen. Sie hatten also Spaghetti gegessen, Chianti und einen Grappa des Hauses getrunken und waren anschließend, leicht beschwipst, auf ein nahe gelegenes Volksfest gegangen. Auf der Heimfahrt hatten sie am Meer haltgemacht und den Sonnenaufgang abgewartet. Am Strand hatte er ein Stück Holz gefunden, das wie ein Bär aussah, und es ihr geschenkt, als sie sich im ersten Licht des anbrechenden Tages an ihn schmiegte. Sie hatte gelobt, dass sie es immer aufheben würde, und ihn zum ersten Mal geküsst.
Gerührt setzte Robert die Erforschung des Safes fort und fand neben dem Holzstück einen Stapel Fotos, die ihn im Verlauf der Jahre zeigten. Auf die Rückseite hatte Tamara jeweils einen Kommentar gekritzelt, auch auf die jüngsten. Das letzte stammte von einem Tag im April, an dem sie sich ein Autorennen angesehen hatten. Darauf war Robert zu sehen, wie er mit dem Fernglas vor den Augen das Rennen kommentierte. Auf die Rückseite hatte Tamara geschrieben: Mein Robert, der sich so fürs Leben begeistern kann. Ich werde ihn bis zu meinem letzten Atemzug lieben.
Neben den Fotos lagen Erinnerungsstücke aus ihrem gemeinsamen Leben: ihre Hochzeitsanzeige, Jennys Geburtsanzeige, Urlaubsfotos und Krimskrams, von dem er geglaubt hatte, dass sie ihn schon vor Langem weggeworfen hatte, so etwa kleine Mitbringsel, eine Talamibrosche, einen Souvenirkugelschreiber oder der serpentinenartig geformte Briefbeschwerer, den er in einem Kanadaurlaub erstanden hatte. All diese Dinge hatten ihm einen scharfen Tadel in der Art von Aber, Bobbo, was soll ich mit so einem Quatsch? eingetragen. Und dann hatte sie alles feierlich im Safe aufbewahrt. Robert sagte sich, dass seine Frau im Safe eigentlich vor allem ihr Herz wegschloss. Er fragte sich nur, warum.
Im vierten Fach fand er ein dickes ledergebundenes Buch. Er klappte es auf: Tamaras Tagebuch. Seine Frau führte Tagebuch! Davon hatte er nichts gewusst. Er schlug die erste Seite auf und las im Schein der Taschenlampe:
1. Januar 1975
Haben Silvester bei
den Richardsons gefeiert.
Note für den Abend: 3. Essen war sehr mäßig,
und die Richardsons sind Langweiler. Das ist mir bisher nie
aufgefallen. Ich glaube, Silvester ist eine gute Gelegenheit, um
herauszufinden, welche Freunde öde sind und welche nicht. Bobbo hat
schnell mitgekriegt, dass ich mich langweile, und wollte mich
unterhalten. Er hat Faxen gemacht, Witze erzählt und so getan, als
könnte der Taschenkrebs auf seinem Teller sprechen. Die Richardsons
haben sich scheckig gelacht. Paul Richardson ist sogar
aufgestanden, um sich einen der Witze aufzuschreiben. Damit er ihn
nicht vergisst, hat er gesagt. Und was habe ich gemacht? Ich habe
Robert ausgeschimpft! Auf der Heimfahrt habe ich im Auto bösartige
Dinge zu ihm gesagt. Ich habe gesagt: »Mit deinen geschmacklosen
Witzen bringst du niemanden zum Lachen. Du bist erbärmlich. Wer hat
dich gebeten, den Clown zu spielen, hä? Du bist doch Ingenieur in
einer großen Fabrik, oder nicht? Rede über deinen Beruf, zeig, dass
du wichtig und seriös bist. Wir sind doch nicht im Zirkus,
verdammt!« Er hat gesagt, dass Paul über seine Witze gelacht hat,
und ich habe gesagt, dass er den Mund halten soll und ich nichts
mehr von ihm hören will.
Ich weiß auch nicht, warum ich immer so ekelhaft zu ihm bin. Ich liebe ihn doch so. Er ist so ein sanfter, aufmerksamer Mensch. Ich weiß nicht, warum ich ihn so schlecht behandle. Danach mache ich mir jedes Mal Vorwürfe und hasse mich dafür, und dann werde ich noch unausstehlicher.
Am heutigen Neujahrstag fasse ich den Vorsatz, mich zu ändern. Allerdings nehme ich mir das jedes Jahr vor, und ich habe mich noch nie daran gehalten. Aber seit ein paar Monaten gehe ich ja regelmäßig in Concord zu Dr. Ashcroft. Er hat mir geraten, dieses Tagebuch zu führen. Wir haben eine Sitzung pro Woche. Niemand weiß davon. Ich würde mich viel zu sehr schämen, wenn jemand wüsste, dass ich zu einem Psychiater gehe. Die Leute würden mich für verrückt halten, aber ich bin nicht verrückt, sondern ich leide. Ich leide, ohne zu wissen, woran. Dr. Ashcroft sagt, ich neige dazu, alles kaputt zu machen, was mir guttut. Das nennt man Selbstzerstörung. Er sagt, dass ich Angst vor dem Tod habe und es vielleicht damit zusammenhängt. Was weiß ich! Aber ich weiß, dass ich leide. Und dass ich meinen Robert liebe. Ich liebe nur ihn. Was wäre ohne ihn aus mir geworden?
Robert klappte das Tagebuch zu. Er weinte. Was seine Frau ihm nie hatte sagen können, hatte sie hier hineingeschrieben. Sie liebte ihn. Sie liebte ihn wirklich. Sie liebte nur ihn. Er fand, dass dies die schönsten Worte waren, die er je gelesen hatte. Er wischte sich die Tränen weg, damit sie die Seiten nicht benässten, und las noch ein Stück. Arme Tamara! Seine Tamy litt still vor sich hin. Warum hatte sie ihm nichts von Dr. Ashcroft gesagt? Wenn sie litt, wollte er ihr Leid mit ihr teilen, dazu hatte er sie doch geheiratet. Als er mit dem Lichtkegel der Taschenlampe über das letzte Fach strich, stieß er auf Harrys Blatt Papier und wurde jäh in die Realität zurückgeholt. Er erinnerte sich wieder an seinen Auftrag, er erinnerte sich daran, dass seine Frau, mit Schlaftabletten vollgepumpt, im Bett lag und er dieses Papier verschwinden lassen musste. Plötzlich befielen ihn Gewissensbisse. Er war kurz davor, die Sache bleiben zu lassen, als ihm der Gedanke kam, dass sich seine Frau vielleicht weniger um Harry Quebert und mehr um ihn kümmern würde, wenn er diesen Zettel verschwinden ließ. Schließlich war er ihr wichtig, und sie liebte ihn. Das hatte sie geschrieben. Also schnappte er sich kurzerhand das Papier und verschwand in der Stille der Nacht aus dem Clark’s, nachdem er sich vergewissert hatte, dass er keine Spuren hinterlassen hatte. Er fuhr mit dem Rad durch die Stadt und hielt in einer stillen Gasse, um Harry Queberts Brief mit seinem Feuerzeug anzuzünden. Er sah zu, wie das Stück Papier zu brennen begann, sich braun verfärbte, in einer zuerst goldenen, dann blauen Flamme wand und langsam zu Asche wurde. Dann fuhr er nach Hause, befestigte den Schlüssel wieder an der Kette zwischen den Brüsten seiner Frau, legte sich neben sie und umarmte sie lange.
Es dauerte zwei Tage, bis Tamara bemerkte, dass das Papier nicht mehr da war. Im ersten Moment dachte sie, sie spinne. Sie war sich sicher, dass sie es in den Safe gelegt hatte, aber da war es nicht. Da niemand Zugang zum Safe hatte, sie immer den Schlüssel bei sich trug, und ihn auch niemand aufgebrochen hatte, musste sie es im Büro verlegt oder gedankenverloren woanders hingeräumt haben. Stundenlang durchwühlte sie ihr Büro, blätterte Ordner und Papiere durch und sortierte sie neu – vergeblich: Das lächerliche Blatt war und blieb unerklärlicherweise verschwunden.
Robert Quinn erklärte mir, dass seine Frau wegen dieser Sache ganz krank wurde, als Nola ein paar Wochen später verschwand. »Ständig hat sie gesagt, wenn sie dieses Blatt noch hätte, könnte die Polizei gegen Harry ermitteln. Und Chief Pratt hat zu ihr gesagt, dass er ohne es nichts unternehmen kann. Sie war regelrecht hysterisch. Hundertmal am Tag hat sie zu mir gesagt: ›Quebert war es! Quebert war es! Ich weiß es, du weißt es, wir alle wissen es! Du hast diesen Wisch doch genauso gesehen wie ich, oder nicht?‹«
»Warum haben Sie der Polizei nicht erzählt, was Sie wussten?«, fragte ich ihn. »Warum haben Sie nicht gesagt, dass Nola Sie aufgesucht und Ihnen von Harry erzählt hat? Das hätte doch eine Spur sein können, oder nicht?«
»Ich wollte es ja, ich war hin- und hergerissen. Könnten Sie das Aufnahmegerät ausschalten, Mr Goldman?«
»Natürlich.« Ich schaltete das Gerät ab und steckte es in die Tasche. Er fuhr fort: »Als Nola verschwand, habe ich mir Vorwürfe gemacht. Ich habe es bereut, dass ich das Papier verbrannt hatte, das sie mit Harry in Verbindung gebracht hatte. Die Polizei hätte Harry aufgrund dieses Beweisstücks befragen, sich mit ihm befassen und gegen ihn ermitteln können. Falls er sich nichts vorzuwerfen hatte, hatte er auch nichts zu befürchten. Unschuldige Menschen müssen sich keine Sorgen machen, stimmt,s? Auf jeden Fall hatte ich ein schlechtes Gewissen. Deshalb habe ich angefangen, ihm anonyme Briefe zu schreiben und an die Tür zu stecken, wenn ich wusste, dass er nicht zu Hause war.«
»Was? Die anonymen Briefe haben Sie geschrieben?«
»Ja, das war ich. Ich habe sie in Concord in der Handschuhfabrik auf der Schreibmaschine meiner Sekretärin getippt und mir einen kleinen Vorrat zugelegt: Ich weiß, was Sie dem fünfzehnjährigen Mädchen angetan haben. Und bald weiß es die ganze Stadt. Ich habe die Briefe in meinem Auto ins Handschuhfach gelegt und bin jedes Mal, wenn ich Harry in der Stadt begegnet bin, schnell nach Goose Cove gefahren, um dort einen Brief zu hinterlassen.«
»Aber warum?«
»Um mein Gewissen zu beruhigen. Meine Frau hat immerzu behauptet, dass er der Täter ist, und ich hielt das für plausibel. Ich habe gedacht, wenn ich ihm zusetze und ihm Angst mache, wird er sich schon irgendwann stellen. Das ging ein paar Monate so, dann habe ich damit aufgehört.«
»Was hat Sie veranlasst, damit aufzuhören?«
»Seine Traurigkeit. Nach Nolas Verschwinden war er so traurig … Er war nur noch ein Schatten seiner selbst. Ich habe mir gesagt, dass er es nicht gewesen sein kann. Also habe ich damit aufgehört.«
Ich staunte nicht schlecht über das, was er mir da erzählte. Auf gut Glück fragte ich: »Sagen Sie, Mr Quinn, Sie haben nicht zufällig auch das Haus in Goose Cove angezündet?«
Er lächelte. Meine Frage schien ihn fast zu amüsieren. »Nein. Sie sind ein netter Kerl, Mr Goldman, so etwas würde ich Ihnen nicht antun. Ich habe keine Ahnung, was für ein kranker Geist dahintersteckt.«
Wir tranken unser Bier aus. »Am Ende haben Sie sich doch nicht scheiden lassen«, stellte ich fest. »Hat sich das mit Ihrer Frau wieder eingerenkt, nachdem Sie im Safe all diese Erinnerungsstücke und ihr Tagebuch entdeckt hatten?«
»Es wurde immer schlimmer, Mr Goldman. Sie hat mich auch weiterhin andauernd heruntergemacht und mir nie gesagt, dass sie mich liebt. Nie. In den Monaten und Jahren danach habe ich sie immer wieder mal mit Schlaftabletten ruhiggestellt, um in ihrem Tagebuch zu lesen, unseren gemeinsamen Erinnerungen nachzutrauern und darauf zu hoffen, dass alles irgendwann besser wird. Darauf hoffen, dass alles irgendwann besser wird – vielleicht ist das Liebe.«
Ich nickte. »Ja, vielleicht«, pflichtete ich ihm bei.
In der Suite im Regent’s Hotel schrieb ich mit neuem Schwung weiter. Ich erzählte, wie Nola Kellergan mit ihren fünfzehn Jahren alles getan hatte, um Harry zu beschützen; wie sie sich hingegeben, ja kompromittiert hatte, damit er das Haus behalten und schreiben konnte und sich keine Sorgen machen musste; wie sie nach und nach zur Muse und zugleich Hüterin seines Meisterwerks geworden war; wie sie es geschafft hatte, ihn von der Außenwelt abzuschirmen, damit er sich ganz aufs Schreiben konzentrieren und das Werk seines Lebens hervorbringen konnte. Ich ertappte mich bei dem Gedanken, dass Nola Kellergan vermutlich eine dieser außergewöhnlichen Frauen gewesen war, von denen sicher alle Schriftsteller auf dieser Welt träumen. Denise rief mich eines Nachmittags aus New York an, wo sie mit beispielloser Hingabe und Effizienz meine Seiten in Form brachte, und sagte: »Marcus, ich glaube, ich muss heulen.«
»Warum?«, fragte ich.
»Wegen der Kleinen, dieser Nola. Ich glaube, ich liebe sie auch.«
Ich antwortete schmunzelnd: »Ich glaube, alle haben sie geliebt, Denise. Alle.«
Zwei Tage später, am 3. August, erhielt ich einen Anruf von Gahalowood. Er war ganz aus dem Häuschen. »Schriftsteller!«, brüllte er. »Ich habe die Ergebnisse aus dem Labor! Herrgott, Sie werden es nicht glauben! Die Schrift auf dem Manuskript stammt von Luther Caleb! Zweifel ausgeschlossen. Wir haben unseren Mann, Marcus! Wir haben ihn!«