Es war Tamara Quinn höchstpersönlich, die mir erzählte, dass sie das Blatt Papier bei Harry entwendet hatte. Sie gestand es mir einen Tag nach unserer Unterhaltung im Clark’s. Da ihr Bericht meine Neugier angestachelt hatte, nahm ich mir in der Hoffnung, dass sie noch mehr für mich hätte, die Freiheit, sie zu Hause zu besuchen. Sie empfing mich im Wohnzimmer und war sehr aufgeregt wegen des Interesses, das ich ihr entgegenbrachte. Ich wiederholte, was sie zwei Wochen vorher bei der Polizei ausgesagt hatte, und fragte sie, woher sie von der Beziehung zwischen Harry und Nola gewusst hatte. Daraufhin berichtete sie mir von ihrem Besuch in Goose Cove am Sonntagabend nach der Gartenparty.

»Von diesem Text, den ich auf seinem Schreibtisch gefunden habe, ist mir kotzübel geworden«, sagte sie. »Lauter Scheußlichkeiten über die kleine Nola!«

Aus ihrer Ausdrucksweise schloss ich, dass sie eine Liebesgeschichte zwischen Harry und Nola nicht für möglich hielt.

»Sind Sie nie auf die Idee gekommen, dass die beiden sich lieben könnten?«, fragte ich.

»Sich lieben? Reden Sie keinen Unfug. Quebert ist ein notorischer Lüstling, und damit basta. Ich glaube nicht eine Sekunde, dass Nola auf seine Avancen eingegangen ist. Gott weiß, was er ihr alles zugemutet hat! Die arme Kleine.«

»Und dann? Was haben Sie mit dem Blatt Papier gemacht?«

»Ich habe es mitgenommen.«

»Wozu?«

»Um Quebert zu schaden. Ich wollte, dass er ins Gefängnis kommt.«

»Haben Sie mit jemandem über dieses Blatt Papier gesprochen?«

»Selbstverständlich!«

»Mit wem?«

»Mit Chief Pratt. Ein paar Tage nach meinem Fund.«

»Nur mit ihm?«

»Nachdem Nola dann verschwunden war, habe ich auch noch andere eingeweiht. Immerhin war Quebert eine Spur, die die Polizei nicht vernachlässigen durfte.«

»Wenn ich es richtig sehe, haben Sie also herausgefunden, dass Harry in Nola verschossen war, aber erst darüber gesprochen, nachdem das betroffene Mädchen verschwunden war, also etwa zwei Monate später.«

»So ist es.«

»Mrs Quinn«, sagte ich. »Ich kenne Sie zwar kaum, aber ich verstehe nicht ganz, warum Sie sich Ihren Fund nicht sofort zunutze gemacht haben, um Harry zu schaden. Schließlich hat er sich Ihnen gegenüber sehr schlecht benommen, als er nicht zu Ihrer Gartenparty kam … Ich meine, bei allem Respekt, aber ich hätte Sie eher so eingeschätzt, dass Sie mit so einem Fund sämtliche Wände der Stadt plakatieren oder es allen Nachbarn in den Briefkasten werfen.«

Sie schlug die Augen nieder. »Verstehen Sie denn nicht? Ich habe mich so geschämt! So geschämt! Harry Quebert, der große Schriftsteller aus New York, hatte meiner Tochter eine Fünfzehnjährige vorgezogen. Meiner Tochter! Was glauben Sie, wie mir zumute war? Ich fühlte mich so gedemütigt! Ich hatte das Gerücht in Umlauf gebracht, dass es zwischen Harry und Jenny etwas Ernstes war. Nun stellen Sie sich die Blicke der Leute vor! Außerdem war Jenny so verliebt. Sie wäre gestorben, wenn sie davon erfahren hätte. Deshalb habe ich beschlossen, es für mich zu behalten. Wenn Sie meine Jenny in der Woche darauf am Abend des Sommerballs gesehen hätten! Sie sah ganz traurig aus, selbst an Travis’ Arm.«

»Und Chief Pratt? Was hat er gesagt, als Sie ihm davon erzählt haben?«

»Dass er der Sache nachgehen würde. Als die Kleine dann verschwunden war, habe ich ihn noch einmal darauf angesprochen, und er meinte, das könnte eine Spur sein. Das Problem war nur, dass das Blatt Papier in der Zwischenzeit verschwunden war.«

»Verschwunden? Wie das?«

»Ich hatte es im Clark’s im Safe verwahrt, ich war die Einzige, die den Schlüssel hatte. Doch dann war dieses Blatt Papier Anfang August 1975 unerklärlicherweise verschwunden. Kein Blatt, kein Beweis gegen Harry.«

»Wer könnte es an sich genommen haben?«

»Keine Ahnung! Das ist wirklich ein Rätsel. Es ist ein riesiger Safe aus Gusseisen, ich bewahrte darin die gesamte Buchhaltung des Clark’s, die Lohngelder und ein paar Barmittel für die Bestellungen auf. Eines Morgens ist mir aufgefallen, dass das Blatt nicht mehr da war. Nichts deutete auf einen Einbruch hin. Alles war da, bis auf dieses gottverdammte Blatt Papier. Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie das passieren konnte.«

Ich machte mir Notizen: Die Sache wurde immer interessanter. Dann fragte ich: »Unter uns, Mrs Quinn: Als Sie von Harrys Gefühlen für Nola erfuhren, was haben Sie da empfunden?«

»Wut. Und Ekel.«

»Sie haben nicht vielleicht versucht, sich an Harry zu rächen, indem Sie ihm anonyme Briefe geschickt haben?«

»Anonyme Briefe? Sehe ich so aus, als würde ich solche Schweinereien machen?«

Ich hakte nicht nach, sondern fuhr mit meinen Fragen fort. »Glauben Sie, Nola könnte noch mit anderen Männern aus Aurora etwas gehabt haben?«

Fast hätte sich Tamara an ihrem Eistee verschluckt. »Sind Sie noch gescheit? Nie und nimmer! Sie war ein nettes, hübsches kleines Ding, immer hilfsbereit, fleißig und aufgeweckt. Was bezwecken Sie mit dieser Frage nach unschicklichen Bettgeschichten?«

»Es war einfach nur eine Frage, nichts weiter. Kennen Sie einen gewissen Elijah Stern?«

»Natürlich«, erwiderte sie, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Dann schickte sie hinterher: »Er war der Vorbesitzer.«

»Harrys Vorbesitzer? Wovon?«

»Von dem Haus in Goose Cove, jawohl. Es hat früher Elijah Stern gehört, und er war damals oft dort. Ich glaube, es war alter Familienbesitz. Eine Zeit lang ist man ihm häufig in Aurora begegnet, aber nachdem er die Geschäfte seines Vaters in Concord übernommen hatte, fehlte ihm die Zeit herzukommen. Also hat er Goose Cove vermietet und schließlich an Harry verkauft.«

Ich traute meinen Ohren nicht. »Goose Cove hat früher Elijah Stern gehört?«

»Aber ja. Was ist mit Ihnen, Sie New Yorker? Sie sind ja ganz blass …«

In New York traf sich Roy Barnaski am Montag, den 30. Juni 2008, um halb elf mit seiner Sekretärin Marisa im einundfünfzigsten Stock des Schmid-&-Hanson-Towers in der Lexington Avenue zur wöchentlichen Besprechung.

»Marcus Goldman hatte bis heute Zeit, Ihnen sein Manuskript zu schicken«, erinnerte ihn Marisa.

»Ich nehme an, Sie haben nichts von ihm bekommen …«

»Nichts, Mr Barnaski.«

»Das dachte ich mir. Ich habe noch am Samstag mit ihm telefoniert. Der Kerl ist wirklich stur wie ein Esel. So ein Mist!«

»Was soll ich jetzt tun?«

»Informieren Sie Richardson. Sagen Sie ihm, dass wir rechtlich gegen ihn vorgehen.«

In diesem Augenblick erlaubte es sich Marisas Assistentin, die Besprechung zu unterbrechen, indem sie an die Bürotür klopfte. Sie hielt ein Papier in Händen. »Ich weiß, dass Sie in einer Besprechung sind, Mr Barnaski«, entschuldigte sie sich, »aber Sie haben gerade eine E-Mail erhalten, und ich glaube, sie ist sehr wichtig.«

»Von wem ist sie?«, fragte Barnaski genervt.

»Von Marcus Goldman.«

»Goldman? Her damit!«

Von: m.goldman@nobooks.com
Gesendet: Montag, 30. Juni 2008 – 10 : 24

Lieber Roy,
dies ist kein Schundroman, der vom allgemeinen Wirbel profitiert, um sein Publikum zu finden.

Es ist nicht das Buch, das Sie verlangen.

Es ist kein Buch, mit dem ich meine Haut retten will.

Es ist ein Buch, das etwas zu erzählen hat. Es ist ein Buch, das die Geschichte eines Mannes aufgreift, dem ich alles verdanke.

Anbei finden Sie die ersten Seiten.

Wenn es Ihnen gefällt, rufen Sie mich an.

Wenn nicht, rufen Sie Richardson an, und wir sehen uns vor Gericht.

Gute Besprechung mit Marisa, und richten Sie ihr meine Grüße aus.

Marcus Goldman

»Haben Sie das angehängte Dokument ausgedruckt?«

»Nein, Mr Barnaski.«

»Dann tun Sie das sofort!«

»Jawohl, Mr Barnaski.«

DER FALL HARRY QUEBERT
(provisorischer Titel)
von Marcus Goldman

Im Frühjahr 2008, etwa ein Jahr nachdem ich zum neuen Star der amerikanischen Literaturszene geworden war, geschah etwas, das ich tief in meinem Gedächtnis zu vergraben beschloss: Ich fand heraus, dass mein siebenundsechzigjähriger Professor Harry Quebert, einer der angesehensten Schriftsteller des Landes, im Alter von vierunddreißig Jahren eine Beziehung zu einer Fünfzehnjährigen gehabt hatte. Und zwar im Sommer 1975.

Diese Entdeckung machte ich an einem Tag im März während eines Aufenthaltes in seinem Haus in Aurora, New Hampshire. Als ich in seiner Bibliothek herumstöberte, stieß ich auf einen Brief und einige Fotos. Nie hätte ich geahnt, dass dies der Auftakt zu einem der größten Skandale des Jahres 2008 sein sollte.

[…]

Auf die Spur von Elijah Stern hatte mich eine ehemalige Klassenkameradin von Nola gebracht, eine gewisse Nancy Hattaway, die nach wie vor in Aurora lebt. Angeblich hatte Nola ihr seinerzeit anvertraut, dass sie eine Affäre mit einem Geschäftsmann aus Concord namens Elijah Stern habe. Dieser habe immer seinen Fahrer, einen gewissen Luther Caleb, nach Aurora geschickt, um sie abzuholen und zu ihm zu bringen.

Über Luther Caleb liegen mir keinerlei Informationen vor. Was Stern betrifft, weigert Sergeant Gahalowood sich vorerst noch, ihn zu befragen. Er ist der Ansicht, dass es zum jetzigen Zeitpunkt keinen Grund gebe, ihn in die Ermittlungen einzubeziehen. Also werde ich ihm allein einen kurzen Besuch abstatten.

Im Internet habe ich gefunden, dass er in Harvard studiert hat und nach wie vor in einigen Alumni-Organisationen aktiv ist. Anscheinend ist er ein großer Kunstliebhaber und angesehener Mäzen, also offenbar in jeder Hinsicht ein respektabler Zeitgenosse. Ein besonders prekärer Zufall: Harrys Haus in Goose Cove hat früher ihm gehört.

Dies waren die ersten Absätze, die ich über Elijah Stern schrieb. Kaum hatte ich sie fertig, fügte ich sie der Textdatei an, die ich Roy Barnaski an diesem Vormittag des 30. Juni 2008 per Mail schickte. Danach machte ich mich sofort auf den Weg nach Concord, denn ich wollte unbedingt diesen Stern aufsuchen und herausfinden, was ihn mit Nola verbunden hatte. Ich war eine halbe Stunde unterwegs, als mein Handy klingelte.

»Hallo?«

»Marcus? Hier ist Roy Barnaski.«

»Roy? Sieh einer an! Haben Sie meine Mail bekommen?«

»Ihr Buch, Goldman, wird phantastisch! Wir bringen es!«

»Wirklich?«

»Absolut! Es gefällt mir! Donnerwetter, und ob es mir gefällt! Man will unbedingt wissen, wie es ausgeht.«

»Darauf bin ich selbst ziemlich gespannt.«

»Hören Sie, Goldman, Sie schreiben dieses Buch, und wir lösen den alten Vertrag auf.«

»Ich mache das Buch, aber auf meine Art. Ich möchte mir keine unanständigen Vorschläge von Ihnen anhören müssen. Und ich will auch keine Ratschläge und keine Zensur.«

»Machen Sie es so, wie Sie es für richtig halten, Goldman. Ich stelle nur eine einzige Bedingung, nämlich dass das Buch im Herbst erscheint. Seit Obama zum Kandidaten der Demokraten gekürt wurde, geht seine Biografie weg wie warme Semmeln. Wir müssen also schleunigst ein Buch über diesen Fall herausbringen, bevor wir im Hype rund um die Präsidentschaftswahlen untergehen. Ich brauche Ihr Manuskript Ende August.«

»Ende August? Das sind gerade mal zwei Monate.«

»Richtig.«

»Das ist ziemlich wenig.«

»Dann halten Sie sich ran. Ich will Sie zur Sensation dieses Herbstes machen. Ist Quebert im Bilde?«

»Nein, noch nicht.«

»Dann informieren Sie ihn – kleiner Rat unter Freunden. Und halten Sie mich über Ihre Fortschritte auf dem Laufenden.«

Ich wollte gerade auflegen, als er sagte: »Goldman, warten Sie!«

»Was ist?«

»Warum haben Sie es sich anders überlegt?«

»Ich habe Drohungen erhalten, und zwar wiederholt. Irgendjemanden scheint ziemlich zu beunruhigen, was ich herausfinden könnte. Also habe ich mir gesagt, dass die Wahrheit vielleicht ein Buch vertragen könnte. Ich tue das für Harry und für Nola. Das gehört auch zum Beruf eines Schriftstellers, oder nicht?«

Barnaski hörte mir schon nicht mehr zu. Er war bei den Drohungen hängen geblieben.

»Drohungen?«, wiederholte er. »Das ist ja phantastisch! Das gibt eine Wahnsinns-PR! Stellen Sie sich vor, jemand verübt einen Mordanschlag auf Sie, dann können Sie an die Verkaufszahlen glatt eine Null dranhängen! Und locker zwei, wenn Sie dabei draufgehen!«

»Vorausgesetzt, ich kriege das Buch vorher fertig.«

»Selbstredend. Wo sind Sie gerade? Die Verbindung ist miserabel.«

»Auf der Autobahn, unterwegs zu Elijah Stern.«

»Sie glauben also wirklich, dass er etwas mit der Sache zu tun hat?«

»Genau das will ich herausfinden.«

»Sie sind total verrückt, Goldman. Das mag ich an Ihnen.«

Elijah Stern bewohnte eine herrschaftliche Villa auf den Hügeln über Concord. Das Eingangstor zu seinem Anwesen stand offen, also fuhr ich hinein. Eine gepflasterte Auffahrt führte zu dem steinernen, von sensationellen Blumenbeeten eingerahmten Haus, vor dem auf einem Platz mit einem Brunnen in Gestalt eines Bronzelöwen ein livrierter Chauffeur gerade die Rückbank einer Luxuslimousine auf Hochglanz brachte.

Ich ließ meinen Wagen mitten auf dem Platz stehen, grüßte den Fahrer, als wäre er ein guter Bekannter, und ging voller Tatendrang zum Hauptportal, um zu klingeln. Eine Hausangestellte öffnete mir. Ich nannte meinen Namen und verlangte Mr Stern zu sehen.

»Haben Sie einen Termin?«

»Nein.«

»Dann ist das leider nicht möglich. Mr Stern empfängt keine unangemeldeten Besucher. Wer hat Sie durchgelassen?«

»Das Tor stand offen. Wie bekommt man einen Termin bei Ihrem Chef?«

»Mr Stern macht seine Termine selber.«

»Lassen Sie mich ein paar Minuten zu ihm. Es dauert nicht lange.«

»Ausgeschlossen.«

»Sagen Sie ihm, ich bin wegen Nola Kellergan hier. Ich denke, der Name sagt ihm etwas.«

Die Angestellte ließ mich draußen warten, war aber gleich darauf zurück. »Mr Stern empfängt Sie«, ließ sie mich wissen. »Sie müssen wirklich wichtig sein.« Sie führte mich im Erdgeschoss zu einem holzgetäfelten und mit Wandbehängen geschmückten Arbeitszimmer, in dem ein sehr eleganter Mann in einem Sessel saß und mich mit gestrenger Miene taxierte. Es war Elijah Stern.

»Ich heiße Marcus Goldman«, stellte ich mich vor. »Danke, dass Sie mich empfangen.«

»Goldman? Der Schriftsteller?«

»Ja.«

»Was verschafft mir die Ehre Ihres Überraschungsbesuchs?«

»Ich ermittle im Fall Kellergan.«

»Mir war nicht bekannt, dass es einen Fall Kellergan gibt.«

»Sagen wir, es gibt ein paar ungeklärte Fragen.«

»Ist das nicht Aufgabe der Polizei?«

»Ich bin ein Freund von Harry Quebert.«

»Und inwiefern habe ich damit zu tun?«

»Man hat mir erzählt, dass Sie früher in Aurora gewohnt haben und das Haus, in dem Harry Quebert heute lebt, vorher Ihnen gehört hat. Ich wollte mich vergewissern, ob das stimmt.«

Er bot mir einen Platz an. »Diese Auskunft ist korrekt«, sagte er. »Ich habe es ihm 1976 verkauft, kurz nach seinem großen Erfolg.«

»Dann kennen Sie Harry Quebert also?«

»Kaum. Ich bin ihm, als er nach Aurora gezogen war, ein paarmal begegnet, aber wir haben keinen Kontakt gehalten.«

»Darf ich Sie fragen, was Sie mit Aurora verbindet?«

Er sah mich leicht beunruhigt an. »Ist das ein Verhör, Mr Goldman?«

»Keineswegs. Ich frage mich nur, warum jemand wie Sie ein Haus in einer Kleinstadt wie Aurora besitzt.«

»Jemand wie ich? Sie meinen, jemand, der so reich ist wie ich?«

»Ja. Im Vergleich zu anderen Küstenstädten ist Aurora nicht gerade aufregend.«

»Mein Vater hat das Haus bauen lassen. Er wollte ein Haus am Meer, nicht zu weit entfernt von Concord. Davon abgesehen, ist Aurora eine hübsche Stadt. Und sie liegt zwischen Concord und Boston. Als Kind habe ich dort viele schöne Sommer verbracht.«

»Warum haben Sie das Haus verkauft?«

»Als mein Vater starb, habe ich ein beträchtliches Vermögen geerbt. Ich hatte keine Zeit mehr, das Haus in Goose Cove zu nutzen. Also habe ich beschlossen, es zu vermieten. Das habe ich etwa zehn Jahre lang getan, aber dann sind die Mieter ausgeblieben, und das Haus stand allzu oft leer. Als Harry mir vorgeschlagen hat, es zu kaufen, habe ich sofort eingewilligt. Ich habe es ihm übrigens zu einem guten Preis überlassen, denn es ging mir nicht ums Geld. Ich war glücklich, dass das Haus wieder mit Leben erfüllt war. Irgendwie habe ich Aurora immer gemocht. Als ich geschäftlich noch viel in Boston zu tun hatte, habe ich dort oft haltgemacht. Übrigens habe ich lange den dortigen Sommerball finanziert. Und das Clark’s macht die besten Hamburger weit und breit, zumindest war es damals so.«

»Und Nola Kellergan? Haben Sie sie gekannt?«

»Vage. Sagen wir so: Jeder in diesem Staat hat von ihr gehört, als sie verschwunden ist. Eine entsetzliche Geschichte! Und dass man jetzt ihre Leiche in Goose Cove gefunden hat! Und dann dieses Buch, das Quebert für sie geschrieben hat … Das ist wirklich abscheulich. Ob ich es bereue, ihm Goose Cove verkauft zu haben? Ja, natürlich. Aber wie hätte ich das ahnen sollen?«

»Rein rechtlich gesehen, gehörte Ihnen Goose Cove zum Zeitpunkt von Nolas Verschwinden noch.«

»Was wollen Sie damit andeuten? Dass ich etwas mit ihrem Tod zu tun habe? Wissen Sie, seit zehn Tagen frage ich mich immer wieder, ob mir Harry Quebert das Haus womöglich nur abgekauft hat, um sicherzugehen, dass niemand je die im Garten vergrabene Leiche findet.«

Stern behauptete also, Nola nur vage gekannt zu haben. Ob ich ihm verraten sollte, dass es eine Zeugin gab, der zufolge die beiden ein Verhältnis gehabt hatten? Ich beschloss, diese Karte vorerst noch im Ärmel zu lassen, aber um ihn ein wenig zu reizen, brachte ich den Namen Caleb ins Spiel.

»Und Luther Caleb?«, warf ich ein.

»Was ist mit Luther Caleb?«

»Kennen Sie jemanden dieses Namens?«

»Wenn Sie mich so fragen, wissen Sie sicher, dass er über viele Jahre mein Fahrer war. Worauf wollen Sie hinaus, Mr Goldman?«

»Eine Zeugin hat Nola in dem Sommer, in dem sie verschwunden ist, des Öfteren in seinen Wagen steigen sehen.«

Er drohte mir mit dem Finger. »Wecken Sie die Toten nicht, Mr Goldman. Luther war ein anständiger, tapferer und ehrlicher Bursche. Ich dulde nicht, dass man seinen Namen verunglimpft, noch dazu, wo er sich nicht mehr verteidigen kann.«

»Er ist tot?«

»Ja, schon lange. Man wird Ihnen bestimmt erzählen, dass er oft in Aurora war, und das stimmt auch: Er hat sich um das Haus gekümmert, als ich es noch vermietet habe. Er hielt es in Schuss. Er war ein gutmütiger Kerl, und ich lasse nicht zu, dass Sie hier aufkreuzen und sein Andenken beschmutzen. Ein paar kleine Scheißer aus Aurora werden Ihnen auch erzählen, dass er ein Sonderling war. Gut, er war anders als die anderen, in jeder Hinsicht. Er sah zum Fürchten aus: Sein Gesicht war schrecklich verunstaltet, und seine Kiefer hatten eine Fehlstellung, was dazu führte, dass man ihn nur schlecht verstehen konnte. Aber er hatte das Herz am rechten Fleck und war hochsensibel.«

»Und Sie glauben nicht, dass er etwas mit Nolas Verschwinden zu tun hatte?«

»Nein, und da bin ich kategorisch. Für mich ist Harry Quebert der Täter. Wenn ich richtig informiert bin, sitzt er derzeit im Gefängnis …«

»Ich bin von seiner Schuld nicht überzeugt. Deshalb bin ich hier.«

»Ich bitte Sie, dieses Mädchen wurde in seinem Garten gefunden, und das Manuskript eines seiner Bücher lag bei der Leiche! Ein Buch, das er für sie geschrieben hat … Was brauchen Sie denn noch?«

»Schreiben ist nicht dasselbe wie Töten, Sir.«

»Sie scheinen bei Ihren Ermittlungen gehörig auf der Stelle zu treten, wenn Sie bis hierher kommen, um mit mir über die Vergangenheit und den guten Luther zu reden. Die Unterhaltung ist hiermit beendet, Mr Goldman.« Er rief die Hausangestellte, damit sie mich zum Ausgang begleitete.

Ich verließ Sterns Arbeitszimmer mit dem unangenehmen Gefühl, dass dieses Gespräch zu nichts geführt hatte. Es ärgerte mich, dass ich ihn nicht mit Nancys Behauptungen konfrontieren konnte, aber es gab nicht genügend Anhaltspunkte, um ihn zu beschuldigen. Gahalowood hatte mich gewarnt: Nancys Zeugenaussage allein reichte nicht, ihr Wort würde gegen das von Stern stehen. Ich brauchte einen handfesten Beweis, und deshalb sagte ich mir, dass es vielleicht angebracht wäre, mich ein wenig in seinem Haus umzusehen.

In der riesigen Eingangshalle fragte ich die Hausangestellte, ob ich die Toilette benutzen dürfe, bevor ich ging. Sie führte mich zur Gästetoilette im Erdgeschoss und erklärte, die Diskretion in Person, dass sie am Eingang auf mich warten würde. Kaum war sie verschwunden, eilte ich den Flur entlang, um den Flügel des Hauses zu erkunden, in dem ich mich gerade befand. Ich wusste nicht, wonach ich suchte, ich wusste nur, dass ich mich beeilen musste. Es war meine einzige Chance, einen Hinweis auf die Verbindung zwischen Stern und Nola zu finden. Mit klopfendem Herzen öffnete ich auf gut Glück ein paar Türen und betete insgeheim, dass niemand in den Zimmern dahinter war. Aber sie waren allesamt leer. Ich kam durch eine Flucht üppig dekorierter Salons. Durch die großen Fenster sah man den herrlichen Park. Mit gespitzten Ohren setzte ich meine Erkundungstour fort. Eine weitere Tür führte zu einem kleinen Büro. Rasch schlüpfte ich hinein und öffnete die Schränke: Darin befanden sich Aktenordner und Papierstapel, doch die Unterlagen, die ich durchsah, waren für mich nicht von Interesse. Ich suchte etwas, nur was? Was würde mir in diesem Haus dreißig Jahre später ins Gesicht springen und mir weiterhelfen? Die Zeit drängte: Die Hausangestellte würde bestimmt zur Toilette kommen und nach mir sehen, wenn ich nicht bald zurückkehrte. Ich landete in einem zweiten Flur und ging ihn entlang. Er endete vor einer einzigen Tür. Ich fasste mir ein Herz und öffnete sie: Sie führte zu einem riesigen Wintergarten, der durch einen Urwald aus Kletterpflanzen gegen indiskrete Blicke abgeschirmt war. Ich erblickte mehrere Staffeleien, einige unvollendete Gemälde und auf einem Pult verstreute Pinsel. Dies war ein Malatelier. An den Wänden hingen mehrere Gemälde, die alle sehr gelungen waren. Eines von ihnen zog meinen Blick auf sich: Sofort erkannte ich die Hängebrücke, die sich kurz vor Aurora am Meer befand. Wie sich herausstellte, zeigten sämtliche Bilder Ansichten von Aurora: Da war der Grand Beach, die Hauptstraße, ja sogar das Clark’s. Sie wirkten verblüffend realistisch und trugen allesamt die Signatur L.C. sowie ein Datum, das über das Jahr 1975 nicht hinausging. Da bemerkte ich noch ein Gemälde, es war größer als die anderen und hing in einer Ecke. Ein Sessel stand davor, und es war als Einziges angeleuchtet. Es handelte sich um das Porträt einer jungen Frau. Sie war nur bis knapp über den Brüsten abgebildet, doch es war offensichtlich, dass sie nackt war. Ich trat näher. Ihr Gesicht kam mir irgendwie bekannt vor. Ich betrachtete es eine Weile, und plötzlich wurde mir klar: Es war ein Porträt von Nola. Ich war wie vom Donner gerührt. Das war sie, ohne jeden Zweifel. Rasch machte ich mit meinem Handy ein paar Fotos und verließ fluchtartig den Raum. An der Eingangstür trat die Hausangestellte bereits von einem Fuß auf den anderen. Höflich verabschiedete ich mich und suchte zitternd und schweißgebadet das Weite.

Eine halbe Stunde nach meiner Entdeckung platzte ich in Gahalowoods Büro im Hauptquartier der State Police. Natürlich war er stinksauer, dass ich Stern aufgesucht hatte, ohne mich mit ihm abzusprechen. »Sie sind unmöglich, Schriftsteller! Unmöglich!«

»Ich habe ihm doch nur einen Besuch abgestattet«, verteidigte ich mich. »Ich habe geklingelt, darum gebeten, ihn sprechen zu dürfen, und er hat mich empfangen. Ich weiß nicht, was daran verkehrt sein soll.«

»Ich hatte Ihnen gesagt, dass Sie damit warten sollen!«

»Warten worauf, Sergeant? Auf Ihren Segen? Darauf, dass die Beweise vom Himmel fallen? Sie haben gejammert, dass Sie sich nicht mit ihm anlegen wollen, also habe ich die Sache in die Hand genommen. Sie jammern, ich handle! Schauen Sie mal, was ich bei ihm gefunden habe!« Ich zeigte ihm die Fotos auf meinem Handy.

»Ein Gemälde?«, schnaubte Gahalowood verächtlich.

»Sehen Sie genau hin.«

»Großer Gott, man könnte meinen, das wäre …«

»Nola, ja! Es gibt ein Gemälde von Nola Kellergan bei Elijah Stern!«

Ich schickte Gahalowood die Fotos per Mail, und er druckte sie großformatig aus. Die Qualität der Bilder war zwar nicht gut, aber jeder Zweifel war ausgeschlossen.

»Tatsächlich, das ist sie! Das ist Nola«, konstatierte er, als er sie mit den alten Fotos aus seiner Akte verglich.

»Es gibt also tatsächlich eine Verbindung zwischen Stern und Nola«, sagte ich. »Nancy Hattaway behauptet, dass Nola ein Verhältnis mit Stern hatte, und – zack, finde ich in seinem Atelier ein Porträt von Nola. Und das ist noch nicht alles. Harrys Haus hat bis 1976 Elijah Stern gehört. Als Nola verschwunden ist, war Stern also noch Eigentümer von Goose Cove. Was für ein wunderbarer Zufall, oder? Kurzum, beantragen Sie einen Durchsuchungsbefehl, und rufen Sie die Kavallerie: Wir führen bei Stern eine Haussuchung durch und lochen ihn ein.«

»Einen Durchsuchungsbefehl? Sind Sie jetzt völlig übergeschnappt, Sie armer Irrer? Auf welcher Grundlage? Ihren Fotos? Die sind illegal! Als Beweisstücke besitzen sie keine Gültigkeit: Sie haben unerlaubt in einem fremden Haus herumgeschnüffelt. Mir sind die Hände gebunden. Wir brauchen etwas anderes, um uns Stern vorzuknöpfen, und bis wir das haben, hat er das Gemälde bestimmt schon verschwinden lassen.«

»Er weiß nicht, dass ich es gesehen habe. Als ich ihn auf Luther Caleb angesprochen habe, hat ihm das gar nicht gepasst. Nola hat er angeblich nur vage gekannt, dabei besitzt er ein Gemälde von ihr, auf dem sie halb nackt ist. Ich weiß nicht, wer das Bild gemalt hat, aber im Atelier gab es noch mehr, und die waren alle mit L.C. signiert. Luther Caleb vielleicht?«

»Diese Sache entwickelt sich in eine Richtung, die mir nicht gefällt, Schriftsteller. Wenn ich mir Stern vorknöpfe und mich blamiere, bin ich erledigt.«

»Ich weiß, Sergeant.«

»Reden Sie mit Harry über Stern. Versuchen Sie, mehr über die Sache herauszubekommen. Und ich nehme mir den Lebenslauf von diesem Luther Caleb vor. Wir brauchen eindeutige Hinweise.«

Auf der Fahrt vom Polizeihauptquartier zum Gefängnis hörte ich im Radio, dass Harrys Bücher in den meisten Bundesstaaten allesamt von den Lehrplänen gestrichen werden sollten. Der absolute Tiefpunkt war erreicht: In kaum zwei Wochen hatte Harry alles verloren. Er stand jetzt als Autor auf dem Index, war als Professor entlassen worden und wurde von der ganzen Nation gehasst. Egal, wie die Ermittlungen und der Prozess ausgehen würden: Sein Name war für immer besudelt. Künftig würde man nicht mehr über sein Werk sprechen können, ohne seine moralisch zweifelhafte Sommerliebe mit Nola zu erwähnen, und aus Angst vor einem Skandal würde bei kulturellen Veranstaltungen sicherlich niemand mehr das Wagnis eingehen, Harry Quebert als Vortragenden einzuladen. Dies kam dem intellektuellen elektrischen Stuhl gleich. Das Schlimmste war, dass Harry sich der Situation voll und ganz bewusst war. Als ich den Besuchsraum betrat, lautete seine erste Frage an mich: »Was ist, wenn sie mich töten?«

»Niemand wird Sie töten, Harry.«

»Bin ich denn nicht schon tot?«

»Nein, Sie sind nicht tot. Sie sind der große Harry Quebert! Von der Wichtigkeit, fallen zu können – erinnern Sie sich? Das Entscheidende ist nicht der Sturz, denn der ist unvermeidlich. Entscheidend ist, dass man wieder aufsteht. Und wir werden wieder aufstehen.«

»Sie sind ein feiner Kerl, Marcus, aber die Scheuklappen der Freundschaft versperren Ihnen den Blick auf die Realität. Im Grunde geht es nicht so sehr darum, ob ich Nola oder Deborah Cooper oder gar Präsident Kennedy getötet habe. Das Problem ist, dass ich eine Beziehung zu diesem Mädchen hatte, und das ist unverzeihlich. Und dann dieses Buch! Was hat mich nur geritten, dieses Buch zu schreiben?«

Ich wiederholte: »Wir werden uns wieder aufrappeln, Sie werden sehen. Erinnern Sie sich an die Prügel, die ich damals in Lowell in dieser zu einem illegalen Boxclub umfunktionierten Lagerhalle eingesteckt habe? Ich habe mich wieder aufgerappelt und bestens davon erholt.«

Er rang sich zu einem Lächeln durch und fragte: »Was ist mit Ihnen? Haben Sie neue Drohungen erhalten?«

»Sagen wir es so: Jedes Mal, wenn ich nach Goose Cove zurückfahre, frage ich mich, was mich dort wohl erwartet.«

»Finden Sie heraus, wer dahintersteckt, Marcus. Finden Sie den Kerl und verpassen Sie ihm eine gehörige Abreibung. Ich ertrage die Vorstellung nicht, dass Ihnen jemand droht.«

»Machen Sie sich keine Sorgen.«

»Und Ihre Recherchen?«

»Kommen voran … Harry, ich habe angefangen, ein Buch zu schreiben.«

»Das ist ja phantastisch!«

»Es ist ein Buch über Sie. Ich erzähle darin auch von uns und Burrows. Und von Ihrer Geschichte mit Nola. Es ist ein Buch über die Liebe. Ich glaube nämlich an Ihre Liebesgeschichte.«

»Das ist eine schöne Würdigung.«

»Sie geben mir also Ihren Segen?«

»Selbstverständlich, Marcus. Wissen Sie, Sie sind vermutlich einer meiner engsten Freunde gewesen. Und Sie sind ein wunderbarer Schriftsteller. Es schmeichelt mir sehr, dass es in Ihrem nächsten Buch um mich geht.«

»Warum sprechen Sie in der Vergangenheit? Warum sagen Sie, ich sei einer Ihrer engsten Freunde gewesen? Das bin ich doch immer noch, oder etwa nicht?«

Sein Blick wurde traurig. »Das habe ich nur so dahingesagt.«

Ich fasste ihn an den Schultern. »Wir werden immer Freunde sein, Harry! Ich werde Sie nie hängen lassen. Dieses Buch ist der Beweis für meine unverbrüchliche Freundschaft.«

»Danke, Marcus, ich bin gerührt. Aber Freundschaft darf nicht der Auslöser für dieses Buch sein.«

»Warum nicht?«

»Erinnern Sie sich noch an unsere Unterhaltung an dem Tag, an dem Sie in Burrows Ihr Diplom bekommen haben?«

»Ja, wir haben einen langen Spaziergang über den Campus gemacht und sind zum Boxraum gegangen. Sie haben mich gefragt, was ich jetzt vorhabe, und ich habe geantwortet, dass ich ein Buch schreiben will. Daraufhin haben Sie mich gefragt, warum ich schreibe. Ich habe gesagt, dass ich schreibe, weil es mir Spaß macht, und Sie haben mir geantwortet …«

»Genau, was habe ich Ihnen geantwortet?«

»Dass das Leben nur wenig Sinn hat und das Schreiben dem Leben einen Sinn gibt.«

»So ist es, Marcus. Und genau das ist der Fehler, den Sie vor ein paar Monaten begangen haben, als Barnaski ein neues Manuskript von Ihnen wollte. Sie haben sich ans Schreiben gemacht, weil Sie ein Buch schreiben mussten, und nicht, um Ihrem Leben einen Sinn zu geben. Etwas zu tun, weil es getan werden muss, hatte noch nie einen Sinn. Es ist also überhaupt nicht verwunderlich, dass Sie keine einzige Zeile zustande gebracht haben. Schriftstellerisches Talent ist nicht etwa deshalb eine Gabe, weil man vernünftig schreiben, sondern weil man seinem Leben dadurch einen Sinn geben kann. Tag für Tag sterben Menschen und werden Menschen geboren. Tag für Tag strömen Scharen von namenlosen Arbeitern in große graue Gebäude hinein und wieder hinaus. Und dann sind da die Schriftsteller. Ich glaube, Schriftsteller leben ihr Leben intensiver als andere. Schreiben Sie nicht im Namen unserer Freundschaft, Marcus. Schreiben Sie, weil es Ihre einzige Möglichkeit ist, diese winzige, unbedeutende Sache, die man Leben nennt, zu einer brauchbaren, befriedigenden Erfahrung zu machen.«

Ich sah ihn lange an. Es war, als würde ich der letzten Lektion meines Lehrmeisters beiwohnen. Der Gedanke war unerträglich.

Schließlich sagte er noch: »Sie hat die Oper geliebt, Marcus. Erzählen Sie das in Ihrem Buch. Ihre Lieblingsoper war Madama Butterfly. Sie hat immer gesagt, die schönsten Opern sind die traurigen Liebesgeschichten.«

»Wer? Nola?«

»Ja. Dieses kleine fünfzehnjährige Mädchen hat die Oper über alles geliebt. Nach ihrem Selbstmordversuch hat sie zehn Tage in Charlotte’s Hill in einer Erholungseinrichtung verbracht. Heute nennt man so etwas psychiatrische Klinik. Ich habe sie heimlich besucht und ihr Opernplatten mitgebracht, die wir uns auf einem tragbaren Plattenspieler angehört haben. Sie war zu Tränen gerührt und hat gesagt, wenn sie keine Schauspielerin in Hollywood wird, dann eben Sängerin am Broadway. Und ich habe ihr gesagt, sie wird die größte Sängerin in der Geschichte Amerikas. Wissen Sie, Marcus, ich glaube, Nola Kellergan hätte es weit bringen können …«

»Glauben Sie, ihre Eltern hätten ihr etwas antun können?«

»Nein, das halte ich für unwahrscheinlich. Außerdem ist da diese Widmung auf dem Manuskript … Jedenfalls kann ich mir David Kellergan nicht wirklich als Mörder seiner Tochter vorstellen.«

»Immerhin wurde sie verprügelt …«

»Ja, das mit der Prügel ist eine merkwürdige Geschichte …«

»Und was ist mit Alabama? Hat Nola mit Ihnen über Alabama gesprochen?«

»Über Alabama? Ja, die Kellergans kamen aus Alabama.«

»Das meine ich nicht, Harry. Ich glaube, dass in Alabama etwas vorgefallen ist und dieser Vorfall mit ihrem Umzug zu tun hat. Aber ich weiß nicht, was es ist. Und ich habe auch keine Ahnung, wer mir da weiterhelfen könnte.«

»Armer Marcus, ich habe den Eindruck, je tiefer Sie graben, desto mehr Rätsel fördern Sie zutage …«

»Ihr Eindruck täuscht Sie nicht, Harry. Übrigens habe ich herausgefunden, dass Tamara Quinn über Sie und Nola Bescheid wusste. Das hat sie mir selbst gesagt. Als Nola versucht hat, sich das Leben zu nehmen, ist Tamara wutentbrannt zu Ihnen gefahren, weil Sie sie bei einer Gartenparty, die sie an dem Tag gegeben hat, versetzt hatten. Aber Sie waren nicht zu Hause, und sie hat in Ihrem Arbeitszimmer herumgeschnüffelt. Dort ist sie auf einen Text gestoßen, den Sie über Nola geschrieben hatten.«

»Jetzt, wo Sie es erwähnen, fällt mir wieder ein, dass ich eine Seite mit Notizen vermisst habe. Ich habe lange vergeblich danach gesucht und mir dann gesagt, dass ich sie wohl verlegt habe. Das hat mich damals ziemlich gewundert, weil ich schon immer ein sehr ordentlicher Mensch gewesen bin. Was hat sie damit gemacht?«

»Angeblich ist sie ihr abhandengekommen …«

»Und die anonymen Briefe, hat sie die geschrieben?«

»Das bezweifle ich. Sie wäre nicht im Traum auf die Idee gekommen, dass zwischen Ihnen und Nola etwas sein könnte. Sie dachte einfach nur, dass Sie Ihren Phantasien über Nola freien Lauf gelassen haben. Apropos, hat Chief Pratt Sie eigentlich im Rahmen seiner Ermittlungen nach Nolas Verschwinden befragt?«

»Chief Pratt? Nein, nie.«

Das war seltsam: Warum hatte Chief Pratt Harry im Zuge seiner Ermittlungen nie befragt? Tamara hatte behauptet, sie hätte ihm erzählt, was sie wusste. Ohne Nola und die Gemälde zu erwähnen, wagte ich es nun, Sterns Namen zu nennen.

»Stern?«, fragte Harry. »Ja, den kenne ich. Ihm gehörte früher das Haus in Goose Cove. Ich habe es ihm nach dem Erfolg von Der Ursprung des Übels abgekauft.«

»Kennen Sie ihn gut?«

»Nein. Ich bin ihm im Sommer 1975 ein- oder zweimal begegnet. Das erste Mal beim Sommerball. Wir saßen am selben Tisch. Ein sympathischer Mann. Danach habe ich ihn noch ein paarmal getroffen. Er war großzügig und glaubte an mich. Er hat sich um die Kultur sehr verdient gemacht und ist ein grundanständiger Mensch.«

»Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?«

»Zuletzt? Das muss beim Verkauf des Hauses gewesen sein, also Ende 1976. Aber warum zum Teufel haben Sie eigentlich von ihm angefangen?«

»Einfach nur so. Sagen Sie, Harry, dieser Sommerball, den Sie gerade erwähnt haben – war das der, bei dem Tamara Quinn gehofft hatte, Sie würden der Begleiter ihrer Tochter sein?«

»Genau der. Ich bin dann allein dort gewesen. Was für ein Abend! Stellen Sie sich vor, ich habe bei der Tombola den ersten Preis gewonnen: einen einwöchigen Aufenthalt auf Martha’s Vineyard.«

»Sie sind hingefahren?«

»Aber sicher.«

Als ich an diesem Abend nach Goose Cove zurückkam, fand ich eine Mail von Roy Barnaski vor, in der er mir ein Angebot unterbreitete, das man als Autor einfach nicht ausschlagen konnte.

Von: r.barnaski@schmidandhanson.com
Gesendet: Montag, 30. Juni 2008 – 19:54

Lieber Marcus,
Ihr Buch gefällt mir. Im Nachgang zu unserem Telefonat von heute Morgen sende ich Ihnen im Anhang einen Vertragsentwurf, den Sie wohl kaum ablehnen werden.

Schicken Sie mir so schnell wie möglich mehr Text. Wie schon gesagt, plane ich die Veröffentlichung für Herbst. Ich glaube, es wird ein großer Erfolg. Besser gesagt, ich bin mir sicher. Warner Bros. ist angeblich an einer Verfilmung interessiert. Die Filmrechte wären freilich noch mit Ihnen auszuhandeln.

Im Anhang befand sich ein Vertragsentwurf, in dem er mir einen Vorschuss in Höhe von einer Million Dollar zusicherte.

Abends konnte ich nicht einschlafen, weil mir tausend Dinge durch den Kopf gingen. Punkt zweiundzwanzig Uhr dreißig rief meine Mutter an. Im Hintergrund waren Geräusche zu hören, und sie flüsterte.

»Mama?«

»Markie! Du errätst nie, mit wem ich hier bin!«

»Mit Papa?«

»Ja, das heißt, nein! Stell dir vor, dein Vater und ich haben beschlossen, uns einen schönen Abend in New York zu machen, und sind zum Essen zu diesem Italiener am Columbus Circle gegangen. Und wem laufen wir am Eingang in die Arme? Denise! Deiner Sekretärin!«

»Sieh einer an!«

»Spiel nicht das Unschuldslamm! Glaubst du, ich wüsste nicht, was du getan hast? Sie hat mir alles erzählt! Alles!«

»Was denn?«

»Dass du sie vor die Tür gesetzt hast!«

»Ich habe sie nicht vor die Tür gesetzt, Mama. Ich habe ihr eine gute Anstellung bei Schmid & Hanson verschafft. Ich hatte ihr nichts mehr zu bieten, kein Buch mehr, kein Projekt mehr, nichts! Ich musste doch irgendwie sehen, dass es für sie weitergeht, oder nicht? Also habe ich ihr einen Superjob in der Marketingabteilung besorgt.«

»Ach, Markie, wir sind uns in die Arme gefallen! Sie sagt, du fehlst ihr.«

»Verschone mich damit, Mama!«

Sie redete jetzt noch leiser. Ich hörte sie kaum noch. »Ich habe eine Idee, Markie.«

»Was für eine Idee?«

»Kennst du den großen Jack London?«

»Den Schriftsteller? Ja, aber was hat er damit zu tun?«

»Ich habe gestern Abend einen Dokumentarfilm über ihn gesehen. Was für ein himmlischer Zufall, dass ich die Sendung gesehen habe! Stell dir vor, er hat seine Sekretärin geheiratet. Seine Sekretärin! Und wen treffe ich heute? Deine Sekretärin! Das ist ein Zeichen, Markie! Sie ist gar nicht so übel, und vor allem strotzt sie vor Östrogenen! Ich weiß das, wir Frauen spüren das. Sie ist fruchtbar und gefügig und wird dir alle neun Monate ein Kind schenken! Ich werde ihr zeigen, wie man Kinder großzieht, dann werden alle so, wie ich sie haben will! Wäre das nicht wundervoll?«

»Kommt nicht infrage. Sie gefällt mir nicht. Sie ist zu alt für mich und hat schon einen Freund. Außerdem heiratet man seine Sekretärin nicht.«

»Aber wenn es sogar der große Jack London gemacht hat, ist es statthaft! Gut, sie hat jemanden dabei, aber der Kerl ist ein Waschlappen. Er riecht nach billigem Eau de Cologne. Du bist ein großer Schriftsteller, Markie. Du bist Der Fabelhafte

»Der Fabelhafte ist von Marcus Goldman besiegt worden, Mama. Und seitdem habe ich endlich angefangen zu leben.«

»Was willst du damit sagen?«

»Nichts, Mama. Aber lass Denise bitte in Ruhe zu Abend essen.«

Eine Stunde später kam eine Polizeistreife vorbei, um nachzusehen, ob alles in Ordnung war. Es waren zwei junge, sehr sympathische Beamte in meinem Alter. Ich bot ihnen Kaffee an, und sie sagten, sie würden sich noch eine Weile draußen vor dem Haus aufhalten. Es war eine laue Nacht, und durchs offene Fenster hörte ich sie plaudern und scherzen, während sie auf der Motorhaube ihres Wagens saßen und eine Zigarette rauchten. Beim Klang ihrer Stimmen fühlte ich mich mit einem Mal sehr einsam und der Welt entrückt. Man hatte mir gerade einen kolossalen Betrag für ein Buch angeboten, das mich unweigerlich wieder ins Rampenlicht befördern würde, ich führte ein Dasein, von dem Millionen Amerikaner nur träumen konnten, und doch fehlte mir etwas: ein echtes Leben.

Die letzten Jahre hatte ich damit verbracht, meine Ambitionen zu befriedigen, die nächsten begann ich mit dem Versuch, diese Ambitionen aufrechtzuerhalten, aber bei genauerem Nachdenken fragte ich mich, ab wann ich eigentlich vorhatte, einfach nur zu leben. Ich ging in meinem Facebook-Account die Tausende meiner virtuellen Freunde durch, aber es war kein Einziger dabei, den ich hätte anrufen können, um mit ihm ein Bier trinken zu gehen. Ich sehnte mich nach einer Clique guter Freunde, mit denen ich mir die Hockeymeisterschaften ansehen und am Wochenende zum Zelten fahren konnte. Ich sehnte mich nach einer netten, süßen Freundin, die mich zum Lachen und auch ein bisschen zum Träumen brachte. Ich wollte nicht länger allein sein.

Lange sah ich mir in Harrys Arbeitszimmer die Fotos an, die ich von dem Gemälde gemacht und von denen Gahalowood mir eine Vergrößerung überlassen hatte. Wer war der Maler? Caleb? Stern? Auf jeden Fall war das Bild sehr schön. Ich schaltete meinen Minidisc-Player ein und hörte mir noch einmal mein heutiges Gespräch mit Harry an.

»Danke, Marcus, ich bin gerührt. Aber Freundschaft darf nicht der Auslöser für dieses Buch sein.«

»Warum nicht?«

»Erinnern Sie sich noch an unsere Unterhaltung an dem Tag, an dem Sie in Burrows Ihr Diplom bekommen haben?«

»Ja, wir haben einen langen Spaziergang über den Campus gemacht und sind zum Boxraum gegangen. Sie haben mich gefragt, was ich jetzt vorhabe, und ich habe geantwortet, dass ich ein Buch schreiben will. Daraufhin haben Sie mich gefragt, warum ich schreibe. Ich habe gesagt, dass ich schreibe, weil es mir Spaß macht, und Sie haben mir geantwortet …«

»Genau, was habe ich Ihnen geantwortet?«

»Dass das Leben nur wenig Sinn hat und das Schreiben dem Leben einen Sinn gibt.«

Harrys Rat befolgend, setzte ich mich an den Computer, um weiterzuschreiben.

Goose Cove, Mitternacht. Durch das offene Fenster des Arbeitszimmers weht die sanfte Meeresbrise herein. Es riecht wohltuend nach Ferien. Draußen ist alles in hellen Mondschein getaucht.

Die Ermittlungen kommen voran. Zumindest erschließt sich Sergeant Gahalowood und mir allmählich die Tragweite dieses Falls. Ich glaube, es steckt viel mehr dahinter als nur eine verbotene Liebesgeschichte oder ein niederträchtiges Verbrechen, bei dem eine junge Ausreißerin an einem Sommerabend einem Herumtreiber zum Opfer fiel. Es gibt noch zu viele ungeklärte Fragen:

– 1969 sind die Kellergans aus Jackson in Alabama weggezogen, obwohl David, der Vater, dort eine florierende Kirchengemeinde leitete. Warum?

– Im Sommer 1975 durchlebt Nola eine Liebesgeschichte mit Harry Quebert, die ihn dazu inspiriert, Der Ursprung des Übels zu schreiben. Gleichzeitig hat Nola aber ein Verhältnis mit Elijah Stern, der sie nackt malen lässt. Wer ist sie wirklich? Eine Art Muse?

– Welche Rolle spielt Luther Caleb, der Nola, wie Nancy Hattaway mir anvertraut hat, wiederholt in Aurora abgeholt hat, um sie nach Concord zu bringen?

– Wer außer Tamara Quinn wusste von Nola und Harry? Wer könnte Harry die anonymen Briefe geschickt haben?

– Warum befragt Chief Pratt, der nach Nolas Verschwinden die Ermittlungen leitet, Harry nach Tamara Quinns Enthüllungen nicht? Hat er Stern befragt?

– Wer zum Teufel hat Deborah Cooper und Nola Kellergan getötet?

– Und wer ist dieser flüchtige Schatten, der mich davon abhalten will, diese Geschichte zu erzählen?

Auszüge aus: DER URSPRUNG DES ÜBELS
von Harry L. Quebert

Das Drama hatte sich an einem Sonntag ereignet. Sie war unglücklich und hatte sterben wollen.

Ihr Herz hatte nicht mehr die Kraft zu schlagen, wenn es nicht für ihn schlug. Sie brauchte ihn zum Leben. Seit er das begriffen hatte, kam er jeden Tag zum Krankenhaus, um sie heimlich zu beobachten. Wieso hatte sich eine so hübsche Person wie sie nur umbringen wollen? Er machte sich Vorwürfe. Es war, als hätte er ihr etwas angetan.

Tag für Tag setzte er sich verstohlen auf eine Bank im großen öffentlichen Park rund um die Klinik und wartete darauf, dass sie herauskam, um die Sonne zu genießen. Er sah ihr beim Leben zu. Es war so wichtig zu leben. Er nutzte dann die Tatsache, dass sie draußen war, um in ihr Zimmer zu gehen und einen Brief unter ihr Kopfkissen zu legen.

Mein liebster Schatz,
Sie dürfen nicht sterben. Sie sind ein Engel. Engel sterben nicht.

Sehen Sie? Ich bin nie weit von Ihnen entfernt. Trocknen Sie Ihre Tränen, ich flehe Sie an. Ich ertrage es nicht, Sie traurig zu sehen.

Ich küsse Sie, um Ihren Schmerz zu lindern.

Liebster,
was für eine Überraschung, beim Zubettgehen Ihre Nachricht zu finden! Ich schreibe Ihnen heimlich. Abends dürfen wir nach dem Zapfenstreich nicht mehr auf sein, und die Schwestern sind die reinsten Furien. Aber ich konnte nicht widerstehen. Nachdem ich Ihre Zeilen gelesen hatte, musste ich sofort darauf antworten, nur um Ihnen zu sagen, dass ich Sie liebe.

Ich träume davon, mit Ihnen zu tanzen. Ich bin mir sicher, Sie tanzen besser als jeder andere. Ich würde Sie gern fragen, ob Sie mich auf den Sommerball mitnehmen, aber ich weiß ja, dass Sie das nicht wollen. Sie werden sagen, wenn man uns zusammen sieht, sind wir verloren. Wahrscheinlich werde ich bis dahin sowieso noch nicht entlassen. Doch wozu leben, wenn man nicht lieben darf? Diese Frage habe ich mir gestellt, als ich es getan habe.

Ich gehöre auf ewig Ihnen.

Mein wunderbarer Engel,
irgendwann werden wir zusammen tanzen, das verspreche ich Ihnen. Es wird der Tag kommen, an dem die Liebe siegt und wir uns in aller Öffentlichkeit lieben können. Und wir werden tanzen, wir werden am Strand tanzen. Am Strand, wie am ersten Tag. Sie sehen am Strand so schön aus.

Werden Sie schnell gesund! Irgendwann werden wir am Strand tanzen.

Liebster,
am Strand tanzen – ich träume von nichts anderem.

Sagen Sie mir, dass Sie mit mir zum Tanzen an den Strand gehen werden, nur Sie und ich …