Kapitel 7
AM NÄCHSTEN MORGEN erwachte ich unmenschlich früh von dem Krach, den irgendein sadistischer Bastard direkt vor meinem Fenster mit einer elektrischen Heckenschere veranstaltete. In der Hoffnung, der Trottel möge vom Blitz erschlagen oder von einer plötzlichen Flutwelle weggespült werden, blieb ich noch eine Weile liegen. Weder das eine noch das andere geschah, also wälzte ich mich stöhnend aus dem Bett.
Mein Schädel war offenbar so geschrumpft, dass das Gehirn Gefahr lief, aus den Ohren herausgequetscht zu werden, meine Zähne schienen mit Wolle überzogen zu sein, und die Zunge war entschieden zu groß für meinen Mund. Ich taumelte in die Küche und stürzte ungefähr zwei Liter Wasser hinunter. Dann musterte ich benommen die leeren Flaschen auf dem Tisch. Ich erinnerte mich schwach daran, dass Andy und ich irgendwann zu dem Schluss gekommen waren, Gin und Kakao würden eine köstliche Mischung abgeben, und als uns dieses Gourmetgetränk ausgegangen war, hatten wir uns über die Flasche Kokoslikör hergemacht, die Andy ganz hinten im Schrank über der Mikrowelle gefunden hatte.
Auf dem Rückweg vom Bad spähte ich für den Fall, dass er bewusstlos in seinem Erbrochenen lag, kurz bei Andy herein. Der Geruch nach schalem Bier, gepaart mit ungewaschenen Socken, ließ mich entsetzt zurückzucken; die Luft war zum Schneiden dick.
»Lebst du noch?«, rief ich aus sicherer Entfernung im Flur.
»Unnghh«, kam die geknurrte Antwort.
»Wenigstens etwas.« In der Hoffnung, dass frische, sauerstoffreiche Luft zu ihm hereinwehte, ließ ich die Tür weit offen.
Eigentlich wollte ich nichts anderes, als in mein Bett zurückkriechen, aber ich hatte Clare versprochen, mit ihr und den Kindern zum Strand zu fahren, also schluckte ich stattdessen zwei Kopfschmerztabletten und machte mir ein Rühreisandwich. Rühreisandwiches aus Vollkorntoast waren Chrissies todsicherer Katerkiller gewesen, und obwohl ich ihr von ganzem Herzen scheußliche, entstellende Flechten im Gesicht wünschte, wäre es kindisch gewesen, die Wirksamkeit ihrer Medizin zu leugnen. Ich setzte mir die Sonnenbrille auf und nahm das Sandwich mit nach draußen auf die Hintertreppe, dabei verwünschte ich meine Dummheit. Welcher Idiot besoff sich ausgerechnet am Abend vor einem Tag, an dem er mit drei kleinen Kindern an den Strand fahren sollte, fast bis zur Besinnungslosigkeit?
Als Clare mich um neun Uhr abholte, hatte sich mein Zustand zum Glück so weit gebessert, dass mir nur noch ein wenig flau im Magen war. Sie hielt in der Auffahrt und drückte auf die Hupe, was einen Schwall gestammelter Flüche aus Andys Zimmer zur Folge hatte.
Die drei Kleinen waren auf Kindersitzen auf der Rückbank angeschnallt, umklammerten jedes ein Sandwich und hatten klebrige Münder. »Tante Jo!«, krähte Charlie.
»Guten Morgen, ihr Drei«, begrüßte ich sie so fröhlich, wie ich es zustande brachte.
Lucy bewarf mich zur Antwort mit ihrem Sandwich, begriff dann, dass sie es nun nicht mehr weiteressen konnte, und begann zu brüllen.
Bis zum Strand brauchten wir eine Stunde; wir fuhren eine landschaftlich wunderschöne Straße entlang, die sich durch eine Felsschlucht wand und zweimal den Waimanu River überquerte. Leider musste sich Michael nach zehn Minuten bereits übergeben. Clare hatte diese Möglichkeit vorhergesehen und ihm vorsorglich ein Handtuch umgebunden und ihm eine Schüssel in die Hand gedrückt. Die Aufgabe, die gefüllte Schüssel zu leeren, fiel mir zu, und bei unserer Ankunft am Ziel war mein Befinden von »etwas flau im Magen« auf »ziemlich elend« zurückgefallen.
»Bist du okay, Jo?«, fragte Clare, als sie einen Kindersportwagen aus dem Kofferraum holte und ihn auseinanderklappte.
»Da bin ich mir nicht so sicher.« Ich holte tief Luft und befreite mühsam einen wild zappelnden Charlie aus seinem Kindersitz.
Es war ein hübscher Strand mit einem langen Streifen aus schwarzem Sand, der sich von der Flussmündung küstenabwärts zu ein paar Felsblöcken am Fuß einer Klippe erstreckte. Zwischen den Felsen gab es interessante Wassertümpel und Treibholzstapel, und der nasse Sand fühlte sich unter unseren Füßen wie Seide an. Die Jungen stürzten sich sofort ins knietiefe Wasser, doch Lucy fand schon den Sand fast so furchteinflößend wie das Meer. Sie kauerte verschreckt in ihrem Buggy und kreischte jedes Mal entsetzt auf, wenn sich kleine Wellen Gischt versprühend am Wasserrand brachen.
Clare bückte sich, wühlte in einer Tasche am Buggy herum, fand ein Päckchen Rosinen und drückte es ihrer Tochter in die Hand. Diese hörte auf zu schluchzen und begann, mit der Präzision eines Hirnchirurgen Rosinen aus der Packung zu klauben und sie durch eine kleine Lücke zwischen Sitz und Rahmen des Buggys zu schieben.
»Damit ist sie wenigstens beschäftigt«, seufzte Clare müde.
»Wie vertreibt sich denn Brett den heutigen Tag?«, erkundigte ich mich.
»Als wir losgefahren sind, hat er sich im Internet über Vasektomien informiert.«
»Keine schlechte Idee«, bemerkte ich.
»Hmm.«
Wir schlenderten über den feinen schwarzen Sand hinter den Jungen her, die unter ausgelassenem Gejohle am Wasserrand hintereinander herjagten. Sie wirkten wie der Inbegriff glücklicher, gesunder Kinder, die an der frischen Luft toben, statt sich mit vor Konservierungsmitteln strotzenden Fertiggerichten vollzustopfen oder sich stumpfsinnige Fernsehprogramme anzuschauen. Ein Anblick, der das Herz aller Eltern erwärmt.
»Michael hat gestern den Tank des Rasenmähers mit Farbe aufgefüllt«, erzählte Clare.
Unwillkürlich musste ich lachen. »War das der Auslöser für die Idee zur Vasektomie?«
»Nicht ganz«, erwiderte Clare mit einem verschmitzten Lächeln. »Der entscheidende Auslöser war, glaube ich, dass die Sky-Karte im Decoder fehlte, als Brett sich gestern das Rugbyspiel ansehen wollte.« Verträumt fügte sie hinzu: »Ich hab sie heute Morgen in der Backofenschublade gefunden.«
Wir planschten in den seichten Stellen zwischen den Felsen und suchten Einsiedlerkrebse (Michael ließ sich nur schwer davon abbringen, eine Sammlung davon in seinen Hosentaschen mit nach Hause zu nehmen), bevor wir uns am Fuß der Dünen zu einem Picknick niederließen. Ein frischer, mit Sand durchsetzter Wind kam auf, als wir gerade unsere Sandwiches auspackten. Charlie gelang das Kunststück, den Schokoladenkuchen mit der Glasur nach unten auf den Boden fallen zu lassen, so dass die Mahlzeit vernehmlich zwischen unseren Zähnen knirschte. Die Kinder wurden langsam müde, begannen zu frieren und zu quengeln und wollten in ihren nassen Sachen über den Strand zurückgetragen werden. Lucy fand einen verrotteten Kugelfisch, drückte ihn liebevoll an ihre Brust und bekam einen Wutanfall, als wir ihr nicht erlaubten, ihn mit nach Hause zu nehmen. Aber all das waren nur kleinere Zwischenfälle, die einen ansonsten wunderbaren Tag kaum trüben konnten.
Auf dem Rückweg kehrten wir bei McDonald’s ein und verspeisten Chicken-Nuggets und Pommes frites (Lucy kam mit verdächtig feuchtem Höschen von der Spielecke zurück, aber Clare und ich sind schreckliche Gäste, und wir verzichteten mit der Begründung, in solchen betont kinderfreundlichen Restaurants müsse mit derartigen Malheurs gerechnet werden, darauf, uns auf die Suche nach einer Pfütze zu machen und sie wegzuwischen). Es war fast sechs, als Clare mich zu Hause absetzte. Ich ging durch die Hintertür in die Küche und fand dort Andy und zwei andere Typen vor, die Playstation spielten. Zwischen ihnen stand ein halbleerer Kasten Bier.
»Hey.« Andy nuschelte bereits ganz leicht. »Hey, Jo! Bier?«
»Um Gottes willen, nein«, lehnte ich nachdrücklich ab. »Wie kannst du nur!« Schon vor zehn Jahren war ich nicht wild darauf gewesen, mich zwei Abende hintereinander volllaufen zu lassen, und heute würde ich eine solche Orgie vermutlich nicht mehr überleben.
»Der Kater muss zu trinken haben«, erklärte er lässig. »Wade, Euan – das ist Jo. Sie ist schwer in Ordnung.«
Den Rest des Abends verbrachte ich damit, mit ihnen Gran Turismo zu spielen, während sie den letzten Flaschen den Garaus machten, und es war der lustigste Abend, den ich bislang in dieser Wohnung erlebt hatte. Als gegen zehn das Bier ausging, erbot ich mich, die Jungs nach Hause zu fahren, doch sie lehnten ab und sagten, sie würden auf der Couch schlafen, wenn ihnen nicht mehr nach einem Fußmarsch zumute wäre. Also zog ich mich mit einer Sammlung von Autoschlüsseln und dem Gefühl, reif und verantwortungsbewusst zu handeln, in mein Zimmer zurück und ging zu Bett. Dass man mir unterstellt hatte, einen vorbildlichen Einfluss auf andere auszuüben, war mir offenbar zu Kopf gestiegen.
Irgendwann mitten in der Nacht teilte mir eine undeutliche, biergeschwängerte Stimme mit, die Couch sei nicht allzu bequem und der Besitzer der Stimme würde mein Bett vorziehen. Als ich endlich ganz zu mir gekommen war, war bereits ein viel zu spärlich bekleideter Spargeltarzan zu mir unter die Decke gekrochen. Ich warf ihn sofort wieder raus, war aber über die nächtliche Störung weniger verärgert als vielmehr erleichtert. Ich war nämlich mitten in einem unangenehmen Traum gefangen gewesen, in dem Matt mir mit herablassendem Mitleid erklärte, es sei kein Wunder, dass Graeme mir den Laufpass zugunsten von Chrissie gegeben habe, so hübsch wie sie sei. Wenn ich jemals auf Männer attraktiv wirken wolle, solle ich besser anfangen, Lipgloss zu benutzen und enge Moleskinhosen zu tragen.