Kapitel 24
WIE HAST DU geschlafen?«, fragte ich Stu, als er am nächsten Morgen in die Küche kam. Es regnete immer noch, aber nicht mehr so heftig, und der Wind hatte nachgelassen. Draußen sah alles grau und nass und trostlos aus.
»Es geht.« Er reckte die Arme über den Kopf und gähnte. »Gegen zwei Uhr hat irgendjemand direkt unter meinem Fenster äußerst geräuschvoll die Nase hochgezogen …«
»Percy«, erklärte ich, als ich ihm einen Becher Kaffee reichte.
»Ein älterer Einheimischer?«
»Tante Roses Hausschwein.«
»Da fällt mir ein Stein vom Herzen. Und als ich mitten in der Nacht pinkeln musste, bin ich gegen einen riesigen Topf geprallt.«
»Der steht wegen dem Loch in der Decke da.«
»Aha. Der Kaffee ist gut.«
»Danke.«
»Und du hattest recht – ich hätte die Handschuhe und die Mütze gut gebrauchen können.«
»Tut mir leid«, entschuldigte ich mich. »Ich will schon lange einen Ölheizofen kaufen.«
»Nein, nein«, wehrte Stu ab. »Ich bin froh, dass ich die Nacht tapfer durchgehalten habe. Ich komme mir vor wie dieser Bursche, der die höchsten Berggipfel überquert und dabei seinen eigenen Urin trinkt.«
»Du kannst auch Urin statt Kaffee haben, um das Überlebensexperiment zu vervollständigen«, bot ich an.
»Irgendetwas muss ich mir doch für meinen nächsten Besuch aufheben.«
Ich lächelte ihn an. »Danke, dass du gekommen bist. Ich habe dich vermisst.«
Stu erwiderte das Lächeln. »Gern geschehen«, sagte er. »Soll ich Graeme erzählen, dass du eine heiße Affäre mit deinem sexy Jugendfreund hast?«
Einen Moment lang war ich versucht, einzuwilligen – im Halbschlaf hatte ich Graeme einmal im Bett »Matt« genannt, was er mir die nächsten drei Jahre lang bei jeder Auseinandersetzung vorgehalten hatte. Aber bei meiner derzeitigen Pechsträhne würde dann sicher Graeme bei Tante Rose anrufen, um mir zu sagen, das Haus sei eingestürzt oder explodiert oder etwas ähnlich Kostenintensives sei passiert, und Matt würde ans Telefon gehen und meine Lügengeschichte auffliegen lassen. »Nein«, entgegnete ich. »Sag ihm nur, dass ich sehr glücklich bin und wie eine Göttin aussehe.«
Stu brach am späten Morgen zum Flughafen auf. »Danke, dass ich hier übernachten durfte, Rose«, sagte er, als er nach seiner Reisetasche griff.
Rose erhob sich, prächtig anzusehen in ihrem roten Morgenrock und an diesem Tag mit einer wasserstoffblonden Perücke auf dem Kopf. »Mein lieber Junge, es war mir ein Vergnügen.«
»Wir sehen uns, wenn ich das nächste Mal zu Besuch komme.«
Sie lächelte. »In diesem Fall solltest du ziemlich schnell wiederkommen.«
Stu legte behutsam die Arme um sie und küsste sie auf die Wange. »Die Ungerechtigkeit des Lebens widert mich an«, sagte er.
»Mich auch«, stimmte ihm Rose zu. »Aber es hat keinen Sinn, sich darüber zu beklagen. Und fahr vorsichtig, junger Mann. Heute Morgen dürfte es eigentlich nicht glatt sein, aber die Straßen weiter südlich könnten unter Wasser stehen.«
Nachdem er fort war, holte ich Roses alten Staubsauger aus dem Schrank und begann widerwillig mit der Hausarbeit. Ich hasste diesen Staubsauger, und er hasste mich; es war ein uralter Tellus, der an jedem Türrahmen hängenblieb, umkippte und die Schnur aus der Steckdose riss, nur um mich zu ärgern. Das Haus war zugig und kalt, und mir wurde auf einmal der eklatante Gegensatz zwischen dem Schrubben altmodischer Toilettenschüsseln in Waimanu und meinem sonntagmorgendlichen Aerobickurs und dem anschließenden Brunch mit Freunden in Melbourne deutlich bewusst. Vor Stus Besuch hatte ich fast vergessen, dass ich einmal schicke Kleider gekauft, Cappuccino getrunken und in einem modernen Krankenhaus mit geistreichen, intelligenten Kollegen gearbeitet hatte.
»Josephine, wisch den Fußboden nicht mit Spülmittel«, sagte Tante Rose, als sie an der Badezimmertür vorbeikam. »Das hinterlässt Streifen. Unter der Spüle neben der Waschmaschine steht Ammoniak.«
Ich hatte während der letzten zehn Jahre Böden stets mit etwas Spülmittel in heißem Wasser gewischt und nie Probleme mit Streifen gehabt. Wenn man daran gewöhnt ist, erwachsen und Hausbesitzer zu sein, fällt es schwer, sich vorschreiben zu lassen, was man zu tun hat – heutzutage halte ich es gerade einmal ein Wochenende mit meiner Mutter aus, ohne wahnsinnig zu werden. »Prima«, murmelte ich. »Dann riecht das ganze Haus wie ein Urinal.« Trotzdem griff ich nach dem Eimer und ging Ammoniak holen.
Rose kam in die Küche, als ich das Wischwasser gerade in das altmodische Betonspülbecken neben der Waschmaschine kippte.
»Kindchen.« Sie lehnte sich steif gegen den Türrahmen. »Mach dir wegen des Bodens keine Gedanken, er sieht gut aus.«
Heiße Tränen brannten hinter meinen Lidern. »Es tut mir leid, Tante Rose.«
»Ich weiß, dass es nicht leicht für dich ist.«
Ich drehte mich zu ihr um. »Für mich ist es sehr viel leichter als für dich, und du führst dich nicht wie ein schmollender Teenager auf.«
Rose ließ sich langsam auf die Chaiselongue sinken. »Das kommt wahrscheinlich noch. Ich bin sicher, dass ich mit Bitterkeit, Wut und Depressionen rechnen muss, bevor sich Resignation einstellt. Wird das nicht lustig?«
Ich versuchte mir ein Lächeln abzuringen. »Ich kann es kaum erwarten.«
»Warum gehst du nicht ein bisschen spazieren? Nimm einen Stock und drisch auf irgendetwas ein – dann geht es dir besser, du wirst sehen.«
Ich wollte gerade etwas erwidern, bemerkte aber, dass meine Kehle wie zugeschnürt war und ich keinen Ton herausbringen konnte, und nickte stattdessen.
Ich erklomm den steilen Hügel hinter dem Haus in einem Zwischending von Klettern und Laufen. Es war schwierig, sich durch das nebelfeuchte Gestrüpp welken Farns vom letzten Jahr hinaufzukämpfen, und der Hang war von Schaftrampelpfaden durchzogen. Nach ungefähr vier Schritten waren meine Jeans bis zu den Knien durchnässt und klebten mir unangenehm an den Beinen.
Auf dem Hügelkamm blieb ich im eisigen Wind, der von den Bergen herunterwehte, stehen und blickte ins Tal. Die mit Büschen bewachsenen Hügel, die sich bis zur Bergkette erstreckten, zeigten mindestens tausend verschiedene Schattierungen von Grün, und als ich wieder zu Atem kam und versuchte, sie zu zählen, ließ mein schwelender Groll allmählich nach. Sicher, es war furchtbar, dass Tante Rose starb, dass ich nicht mehr das Recht hatte, diesen Ort als meine Heimat zu bezeichnen und dass Matt mich nicht wollte, aber irgendwie verändern Berge die Sichtweise auf die Dinge. Sie sind so beständig und grandios und gleichmütig, dass menschliche Probleme im Vergleich dazu banal erscheinen. Ein gutes Stück unter mir quälte sich Spud mühsam den Hügel hoch, um mir Gesellschaft zu leisten. Er war zu alt für solche Anstrengungen. Seufzend köpfte ich mit einem Tritt einen unglücklichen Fingerhut und ging zu dem Hund hinunter.
Spud schnaufte heftig, und als ich ihn erreicht hatte, ließ er sich mit hängender Zunge auf meine Füße fallen. Ganz offensichtlich wünschte er keine weiteren törichten Abenteuer mehr. Ich bückte mich, um ihn hinter den Ohren zu kraulen. Dabei fiel mein Blick in die andere Richtung zu unserer alten Farm hinüber und über das weiß verschalte Haus hinweg, in dem ich aufgewachsen war (wobei ich registrierte, dass das neue Gewächshaus wirklich ein Schandfleck war), und von dort bis zu dem Kuhstall der Kings auf der anderen Seite der Straße.
Matt hatte die hochträchtigen Kühe schon vor Stunden gefüttert, und eigentlich hätten sie jetzt wiederkäuend daliegen und über das nachdenken sollen, was wiederkäuende Kühe normalerweise beschäftigte (vermutlich nicht viel). Aber sie lagen nicht geruhsam da; sie standen alle in einer Ecke und wurden von einem kleinen schwarzen Wildschwein immer enger gegen den Zaun getrieben.
Dieses Wildschwein sah aus, als hätte es den Spaß seines Lebens; es lief hin und her und scheuchte jede arme Kuh, die einen Ausbruchsversuch unternahm, in die Gruppe zurück. Aber auch wenn es ihm noch so viel Spaß machte – ich konnte nicht zulassen, dass wichtigtuerische Wildschweine trächtigen Kühen Todesangst einjagten, also schob ich Spud von meinen Füßen und rannte schlitternd den Hügel hinunter.
Dabei ging ich über unser altes Grundstück, nicht über das von Tante Rose. Das Betreten war vermutlich verboten, aber der Weg, den ich einschlug, war vom Haus aus nicht zu sehen. Ich öffnete das Holztor für Spud – und freute mich unsinnigerweise, dass es noch immer schief in den Angeln hing und mit einem kleinen Ruck angehoben werden musste. Dann trabte ich zu dem Flüsschen hinunter, um an der schmalsten Stelle darüber hinwegzuspringen. Am anderen Ufer standen ein paar Adlerfarnbüsche und ein glatter, mit Flechten überzogener Felsen, auf dem ich oft mit einem Buch und einer Angel gesessen hatte, obwohl es mir nie gelungen war, den riesigen Aal zu fangen, der angeblich dort im Fluss hausen sollte.
Spud versuchte noch nicht einmal, den Sprung zu wagen, sondern blieb am Ufer sitzen und sah mich bekümmert an. »Nutzlose Töle!« Ich watete bis zu den Knien ins Wasser und hob ihn auf die andere Seite. Er wog gut vierzig Kilo, war klatschnass und roch wie alte, feuchte Socken. »Na komm schon.« Gemeinsam stiegen wir das steile Ufer zu dem Zaun hoch, der entlang der Straße verlief.
Ich hob Spud über den Grenzzaun und ging die Straße entlang zu den Koppeln der Kings. Die Wolken hingen tief, und es hatte wieder zu regnen begonnen – dieser feine Nieselregen, der einen bis auf die Haut durchweicht. Ich schritt rasch aus und hielt den Kopf gesenkt, daher hätte ich fast vor Schreck aufgeschrien, als Matt mir plötzlich zurief: »Schöner Morgen für einen Spaziergang, nicht wahr?«
Er stand am Rand einer großen Wasserlache auf seiner vorderen Koppel, die Hände in den Hosentaschen vergraben, und machte ein nachdenkliches Gesicht.
»Nette Seenlandschaft«, rief ich zurück.
»Du kannst gerne hingehen und das Abflussrohr frei machen, wenn du dir das Ganze aus der Nähe ansehen willst.« Er seufzte und streifte seine wasserdichten Gamaschen ab.
»Das mach ich doch glatt. Ich bin sowieso schon nass.«
»Nur zu«, erwiderte er. »Vielleicht wirst du von einem Aal gebissen und verklagst mich hinterher auf Schmerzensgeld.«
Ich kletterte über den Zaun. »Niemals. Ein Vorschlag zur Güte – ich mache das Rohr sauber, und du gehst den Hügel hoch und kümmerst dich um das Wildschwein, das deine Kühe terrorisiert.«
»Ist da denn eins?«, fragte er verdutzt.
»Vor zehn Minuten war es jedenfalls noch da. Ich habe es vom Hügel aus gesehen. Es ist nicht sehr groß, aber die Kühe wirkten trotzdem nicht gerade glücklich.«
Er wandte sich zu seinem Quad, das am Wegrand geparkt war. »Dann sehe ich besser mal nach dem Rechten dort. Mach dir wegen des Rohrs keine Gedanken.«
Ich blickte ihm nach, bis er außer Sichtweite war, dann watete ich in das trübe Wasser, tastete nach dem Abflussrohr und entfernte den Haufen schleimiger, verrotteter Pflanzen, die das Endstück verstopften. Was man eben so aus Liebe tut.
Als ich die Küchentür öffnete, rümpfte Kim angewidert die Nase. »Na, haben wir wieder Zwiesprache mit der Natur gehalten?«
»Du solltest es auch einmal versuchen«, schlug ich vor. »Es könnte dir gefallen.«
»Ich habe es versucht. Und es hat mir nicht gefallen. Was möchtest du auf dein getoastetes Sandwich?«
»Ananas und Käse bitte. Wo ist Tante Rose?«
»Füttert die Meute.«
Als ich zehn Minuten später geduscht und mit einem Arm voll nasser, schlammbespritzter Kleider in die Küche zurückkam, war sie voller Menschen. Matt durchstöberte die Speisekammer, Rose deckte den Tisch, und Andy bestrich Toastscheiben mit Butter, die Kim dann belegte.
»Hi, Andy.« Ich öffnete die Klappe der Waschmaschine und stopfte meine Kleider hinein. »Wie läuft es denn so bei dir?«
»Nicht schlecht. Habe ich jetzt genug Brote fertiggemacht?«
»Für den Anfang reicht es«, sagte Kim. »Tante Rose, meinst du, das Hühnerfleisch im Kühlschrank eignet sich für Sandwiches?«
»Es schmeckt köstlich«, erwiderte sie. »Und wir hätten es noch mit Oliven und getrockneten Tomaten verfeinern können, wenn Josephine geruht hätte, alles zu besorgen, was auf der Einkaufsliste stand.«
»Ich würde sie entlassen«, riet Matt. »Es sind auch keine Erdnüsse mehr da, das ist viel schlimmer.«
»Ah«, entfuhr es mir. »Ich wusste, dass ich im Supermarkt noch etwas anderes kaufen wollte, aber dann habe ich Sara mit ihrem neuen Freund herumknutschen sehen und alles andere vergessen. Jetzt kann ich verstehen, warum du ausgezogen bist, Andy.«
»Es lag nicht nur an der öffentlichen Zurschaustellung von Gefühlen«, erklärte er. »Sondern auch daran, dass manche Mädchen eben in Hotpants und engen Tops gut aussehen und andere nicht.«
»Und sie gehört zu der letzten Gruppe?« Matt stellte die leere Erdnussdose zurück und griff stattdessen nach einer Tüte Sultaninen.
»Genau«, bestätigte Andy.
»Das ist ein echtes Problem mit Hotpants«, sagte Matt. »Den meisten Frauen sollte es gesetzlich verboten werden, welche zu tragen, und einigen wenigen sollte verboten werden, etwas anderes zu tragen.«
»Andy ist vorbeigekommen, um dir deine Post zu bringen«, teilte mir Rose mit. Ihre Augen funkelten unter der wasserstoffblonden Perücke belustigt. »Ist das nicht nett von ihm?«
»Sehr nett«, stimmte ich zu. Kim sah erst mich und dann ihre Tante scharf an, aber wir gaben den Blick einmütig mit einem unschuldigen Lächeln zurück. Ich sah die Post durch: ein Versandhauskatalog, eine Karte von Reader’s Digest, die mich informierte, dass ich irgendein Geschenk im Wert von ein paar Tausendern gewinnen könnte, und ein Brief von der Bank, die mir anbot, mein Kreditkartenlimit zu erhöhen.
»Nichts davon kam mir wirklich wichtig vor«, sagte Andy leicht verlegen, »aber man kann ja nie wissen.«
»Vielen Dank.« Ich registrierte belustigt, dass der Brief von der Bank vom Juni stammte. »War dieses Wildschwein noch da, Matt?«
»War es. Jetzt ist es im Schweinehimmel.«
»Gut. Das wird ihm eine Lehre sein.«
»Ich habe einen Warnschuss abgefeuert«, verteidigte sich Matt. »Allerdings direkt zwischen die Augen. Man kann ein Wildschwein mit einer Vorliebe für das Schikanieren von Kühen nicht einfach frei herumlaufen lassen. Und jetzt muss ich mir überlegen, was ich mit dem verdammten Vieh mache.«
»Wie groß ist es?«, fragte Andy.
»Wiegt ungefähr fünfzig Pfund. Kein übles Tier.«
»Wenn du dir nicht die Mühe machen willst, es zu zerlegen – ein Bekannter von mir hat einen großen Kühlraum und alle nötigen Gerätschaften dafür«, sagte Andy.
»Ausgezeichnet«, erwiderte Matt. »Es gehört dir.«
»Ich bringe es handlich zerlegt zurück.«
»Nicht nötig. Ich war versucht, es in einen Brombeerstrauch zu werfen, aber das habe ich dann doch nicht fertiggebracht. Nur habe ich keine Lust, eine Stunde damit zu verbringen, ein Wildschwein zu zerstückeln.«
»Mir macht es Spaß«, sagte Andy. »Zu Hause bin ich oft auf die Jagd gegangen, aber hier habe ich keinen Hund.«
»Wo ist ›zu Hause‹?« Tante Rose brachte eine schwere, mit Ranken von warzenähnlichen Trauben verzierte Silberplatte für die Sandwiches.
»In der Nähe von Gisborne. Dad und mein Bruder haben da eine Schaffarm.«
»Und Farmarbeit ist nicht dein Ding?«
Andy schüttelte den Kopf. »Ich bin der Niedrigste in der Hackordnung, deswegen musste ich immer nur Disteln ausgraben.«
»Ich glaube, der Spaß am Ausgraben von Disteln lässt sehr schnell nach«, sagte Tante Rose. »Also hast du beschlossen, deinen eigenen Weg zu gehen. Eine weise Entscheidung.«
Nach dem Essen schob Matt seinen Stuhl zurück. »Ich schätze, dieser Abfluss wird nicht von selbst wieder frei. Willst du das Wildschwein heute holen, Andy? Es hängt im Fleischhaus – Kim kann dir zeigen, wo das ist, wenn du sie nett darum bittest.«
Angesichts dieses Vorschlags hellte sich Andys Miene so offensichtlich auf, dass Tante Rose einen längeren, nicht sehr überzeugenden Hustenanfall bekam. »Ein Krümel im Hals«, murmelte sie. »Entschuldige, Matthew, aber gibt es einen Grund, warum Andy sich nicht ein bisschen auf eurer Farm und dem Umland umsehen sollte, wenn er ein so begeisterter Jäger ist?«
»Überhaupt keinen.«
Mit einer herzerwärmenden Vortäuschung von müder Gleichgültigkeit erbot sich Kim: »Ich kann dich hinbringen, wenn du willst. Aber du hast wahrscheinlich Besseres zu tun.«
»Ich nehme das Angebot gern an«, sagte Andy. »Wenn du Zeit hast.«
»Klar.« Kim zuckte die Achseln – die Lässigkeit in Person.
»Ihr könnt mein Auto nehmen«, sagte Matt. »Ich brauche es heute Nachmittag nicht.«
»Ich hätte nichts dagegen, zu Fuß zu gehen«, sagte Andy. »Da sieht man mehr, und die Landschaft hier ist faszinierend.«
»Es ist ein schöner Spaziergang«, bestätigte Kim. »Man hat einen herrlichen Blick auf die Berge.«
Ich sah sie an, erlaubte mir aber angesichts dieser noch nie dagewesenen Begeisterung für frische Luft noch nicht einmal den Anflug eines Lächelns, sondern stellte die Teller auf das Silbertablett, auf dem zuvor die Sandwiches gelegen hatten. Matt und Tante Rose stürzten sich in ein unverfängliches Geplänkel über den Verbleib ihrer Leiter, und trotzdem bedachte uns Kim alle drei mit der Art von Blick, die normalerweise Leuten vorbehalten ist, die im Restaurant Besteck mitgehen lassen.
»Du bist ein ausgesprochen verständnisvoller Bruder«, bemerkte ich, als ich mit einer leeren Schüssel unter dem Arm über den Rasen zurückkam. Zumindest Percy hatte das Gemüse von gestern Abend geschmeckt.
»Na ja.« Matt sprang mühelos vom Dach auf den Wassertank und von dort auf den Boden. Tante Roses hölzerne Leiter hatte sich als Brutstätte für Holzwürmer entpuppt, und so hatte er über den Pflaumenbaum vor dem Badezimmerfenster auf das Dach steigen müssen. »Er scheint ein netter Bursche zu sein.«
»Ist er.«
Er wischte sich die Hände an seinen Jeans ab. »Danke übrigens, dass du mein Abflussrohr frei gemacht hast.«
Ich musste kichern, und er blickte einen Moment lang verwirrt drein, bis er den Grund für mein kindisches, jegliches ernsthafte Gespräch ins Lächerliche ziehende Gackern erkannte. Mein Sinn für Humor ist etwas unterentwickelt.
Ein Lächeln umspielte seine Lippen. »So wie in ›Hey, Baby, möchtest du gern mein Abflussrohr reinigen?‹ Irgendwie glaube ich nicht, dass dieser Satz als Anmache taugt.«
»Wer darauf eingehen würde, den würdest du nicht wollen«, stimmte ich zu.
»Vermisst du Melbourne?«, fragte er unverhofft.
Ich dachte über diese Frage nach. »Manchmal. Stus Besuch hat mich daran erinnert. Ich vermisse meinen Job und meine Freunde und das Leben in meinem eigenen Haus. Und Schuhgeschäfte.« Ich vermisste es auch, die eine Hälfte eines Paares zu sein und mich daher nicht schuldig fühlen zu müssen, wenn ich den Freitagabend lieber lesend in der Badewanne verbrachte, statt bis zum Morgengrauen auf einer Party zu feiern. »Aber in Melbourne kann ich weder Abflussrohre saubermachen noch Dallas’ Füße massieren«, fügte ich hinzu.
»Das ist ein Argument«, gab Matt zu. »Wer braucht schon die Lichter der Großstadt, wenn er Dallas’ Füße hat?«
»Ganz genau. Vermisst du eigentlich die Lichter der Großstadt nicht?«
»Nicht mehr«, erwiderte er. »Ich wusste immer, dass ich eines Tages auf die Farm zurückkommen muss, weil es Dad sonst das Herz gebrochen hätte – nur kam es etwas schneller dazu als erwartet.«
»Es war sicher schwer für dich, dass du dich nicht verabschieden konntest«, tastete ich mich zaghaft vor. Wie sich die Familie King hatte einbilden können, sie würden Matt damit einen Gefallen tun, ihm zu verheimlichen, wie es um seinen Vater stand, war mir ein Rätsel.
Matts Lippen verzogen sich zu etwas, das sich mit viel gutem Willen als ein Lächeln deuten ließe. »Es war sehr schwer für alle anderen, ihn sterben zu sehen. Und er hat mir einen Brief geschrieben.« Wieder lächelte er, diesmal etwas überzeugender. »Er sagte, ich wäre alles in allem keine allzu große Enttäuschung gewesen, und ich solle mich gut um meine Schwester kümmern. Und er hat mir alle Arbeiten aufgelistet, die ich auf der Farm erledigen sollte, wenn die Kühe nicht gemolken werden müssen.«
Ich lachte ebenfalls, weil ich sonst hätte weinen müssen.
»Rosie, Liebes, ich weiß, du denkst dir nichts dabei …« Hazel brach ab, legte den Kopf schief und lächelte gewinnend. Wäre sie sechs Jahre alt gewesen, hätte es niedlich gewirkt.
»Wobei denke ich mir nichts?«, fragte Rose. Sie zog die Wolldecke hoch, die ihre Knie bedeckte, und ich ließ den Abwasch im Stich und schob ein weiteres Holzscheit in den Ofen. Draußen war es dunkel und regnete wieder, aber in Roses Küche mit den Samtvorhängen und den fröhlichen rosafarbenen Wänden war es warm und gemütlich. Ich hatte immer gedacht, unsere Küche in Melbourne wäre der Inbegriff von allem, was eine Küche darstellen sollte – modern und glänzend, mit einem Kühlschrank mit Eiswürfelbereiter (Graemes ausdrücklicher Wunsch) und einer Mittelinsel mit vier Stühlen (mein Wunsch), aber diese hier war tausend Mal schöner. Was allerdings nicht zuletzt daran liegen mochte, dass sie Rose mit ihrem roten Satinmorgenrock, der grünen Satinkappe, den schweren Ringen und dem schwachen Duft nach Chanel No. 5 beherbergte.
»Lieber Himmel, Josie«, stöhnte Hazel. »Hier drinnen ist es ja so warm wie in einem Backofen.« Sie lächelte, um zu zeigen, dass sie es nicht böse meinte, und fügte hinzu: »Mir ist klar, dass man mit dem Feuerholz anderer Leute sehr leicht großzügig umgehen kann.«
»Sie hat es gehackt«, erwiderte Rose trocken. »Worauf willst du hinaus, Hazel?«
»Ich bin mir nicht sicher, ob es sich für mein kleines Mädchen schickt, einen verwahrlosten Wildschweinjäger auf der Farm herumzuführen.«
»Einen verwahrlosten Wildschweinjäger …«, grübelte Rose, dabei runzelte sie mit vorgetäuschter Verwirrung die Stirn. »Ach, du meinst den jungen Andy Morrison?«
»Nach seinem Namen habe ich ihn nicht gefragt«, versetzte Hazel steif. »Aber ich nehme an, du hast Kim nicht erlaubt, mehr als einen Wildschweinjäger durch die Gegend zu fahren. Wirklich, Rose, ist dir nie der Gedanke gekommen, dass der Junge wahrscheinlich das Haus für eine Diebesbande ausspioniert und mitten in der Nacht wiederkommen wird, um uns alle in unseren Betten zu ermorden?«
Wenn Rose noch Augenbrauen hätte, wären sie jetzt bis zu ihrem Haaransatz hochgeschossen. Wenn sie noch einen Haaransatz hätte. »Nein, ich kann nicht behaupten, dass mir ein so absurder Gedanke gekommen wäre«, murmelte sie.
»Andy war mein Mitbewohner«, warf ich hilfsbereit ein. »Er ist ein netter Kerl – Viehmakler bei Wrightson’s.«
»Viehmakler?«, wiederholte Hazel in einem Ton, in dem sie vielleicht auch »Zuhälter?« gesagt hätte. »Nun, ich äußere mich nicht gern negativ über einen Freund von dir, Josie, aber ich habe klargestellt, dass er sich mit einem jungen, unschuldigen Mädchen wie meiner Tochter nicht abzugeben hat. Natürlich so freundlich wie möglich.«
»Natürlich«, murmelte ich.
»Andy gehört zu den Morrisons von Hawkes Bay«, bemerkte Rose obenhin. »Eine sehr wohlhabende Familie – besitzt eine dieser wirklich riesigen Farmen. Er ist die vierte Generation, nicht wahr, Josephine?«
»Die fünfte, glaube ich«, erwiderte ich, obwohl Andys Vater, soweit ich wusste, nur hundert Schafe auf einem Fleck Buschland züchtete und nebenbei Dope anbaute, um sein Einkommen aufzubessern. Aber wenn Kim zur Abwechslung einmal Interesse an einem anständigen jungen Mann zeigte, dann sollte man diese Neigung unbedingt fördern.