Kapitel 29

AM NÄCHSTEN TAG saß ich während Ambers Mittagspause hinter dem vorderen Schreibtisch in einem wohligen Gemütszustand, an dem auch das Wetter nichts ändern konnte. Das Zischen der durch die Pfützen fahrenden Autoreifen war so ein vertrautes, angenehmes Geräusch, und das Schild von Heather Anne nebenan schwang freundlich knarrend an seinen rostigen Haken. Rose hatte zum Frühstück fast einen ganzen Becher Joghurt hinuntergebracht, und heute Nachmittag würde die Gemeindeschwester vorbeischauen, eine gute Freundin von ihr. Noch nicht einmal der unselige Umstand, dass Amber auf dem Weg nach draußen Nagellackentferner über die Schublade mit dem Schreibpapier verschüttet hatte, konnte meinem Tag den Glanz nehmen.

Ich blickte auf die Uhr an der Wand – zehn nach zwölf. Nachdem ich einen Moment überlegt hatte, griff ich zum Telefon.

Matt meldete sich nach dem dritten Klingeln. »Hallo?« Ich konnte das Rattern der Füttermaschine hinter dem Traktor hören, das langsamer wurde, als er sie abschaltete, um besser hören zu können.

»Hey«, sagte ich. »Ich bin’s.«

Seine Stimme wurde sofort erfreulich herzlicher. »Hey. Was gibt’s?«

»Ich habe mich gerade gefragt, ob wohl die Chance besteht, dass du heute Zeit für eine Mittagspause hast.«

»Nur vier Kälber heute Morgen«, sagte er. »Und bislang noch keine Katastrophe, also ist es nicht unmöglich.«

»Soll ich dir so um zehn nach eins herum eine Pastete bringen?«, fragte ich.

»Zwei, bitte.«

»Hackfleisch und Käse?«

»Natürlich.«

»Und ein Vanillecremetörtchen?«

»Musst du wirklich fragen?«

»Gut. Dann bis gleich.«

Sowie Amber die Tür öffnete, sprang ich auf und stürmte aus dem Gebäude. In der Bäckerei musste ich endlose zwei Minuten warten, während die Frau vor mir vergeblich in ihrem Portemonnaie nach dem passenden Betrag suchte – ich konnte mich nur mühsam davon abhalten, »Karte! Hast du noch nie von Kartenzahlung gehört, du dumme Kuh!« zu rufen. Ich kaufte zwei Hackfleisch-Käse- und eine Kartoffelpastete, ein Cremetörtchen sowie eine Apfeltasche, gab vor, Clare nicht zu sehen, die auf der anderen Straßenseite ein kleines Kind in einem Buggy festschnallte, und sprang wieder ins Auto.

Es war sechzehn Minuten nach eins, als ich bei Matt ankam. Er öffnete die Hintertür, als er mich über den Rasen laufen sah.

»Hallo.« Ich reichte ihm die Lunchtüte und bekam mit einem Mal furchtbare Angst.

»Hallo.« Er nahm meine Hand und zog mich aus dem Regen in das Innere des Hauses.

Ich war seit ungefähr zwanzig Jahren nicht mehr hier drinnen gewesen. Damals war das Haus an ein älteres Ehepaar vermietet, das auf dem Rasen Angorakaninchen gehalten hatte – sie ließen uns die Tiere füttern und gaben uns Kekse und Plastikbecher mit Tonic Water, was ich herrlich exotisch fand.

Viel hatte sich nicht verändert. Matts Gummistiefel und Overalls stapelten sich neben der Tür, und an einer Reihe in die Wand geschlagener Nägel hingen Hüte und Mäntel. Der Waschraum führte in eine winzige Küche, gekachelt mit diesen fiesen kleinen olivgrünen Fliesen, die eine unmöglich sauber zu haltende unebene Fläche bildeten. Hinter der Tür konnte ich eine Ecke eines genauso kleinen Wohnzimmers mit einer Tapete mit orangefarbenen geometrischen Mustern erkennen. Solche Scheußlichkeiten waren in den Siebzigern modern gewesen.

»Du hattest Glück«, sagte ich zu ihm, während ich meine Schuhe von den Füßen schleuderte. »Ich habe das letzte Cremetörtchen ergattert.«

»Vielen Dank.« Er hatte den Tisch mit zwei Tellern, zwei Messern und einem Plastikkännchen mit Milch gedeckt, und auf der Bank neben dem Kessel warteten zwei Becher, in denen bereits Teebeutel hingen. Ein großer Stapel Rechnungen und Fachzeitschriften, die mit Sicherheit den Tisch bedeckten, wenn er keine Gäste hatte, waren in einer Ecke auf dem Boden aufgeschichtet worden. Von dieser Aufmerksamkeit gerührt, schob ich eine Hand über die Küchentheke und verhakte meinen kleinen Finger mit seinem.

Er schlang augenblicklich die Arme um mich, und ich ließ mich mit einem glücklichen Seufzer an ihn sinken. Er hob mein Kinn an und küsste mich lange. »Jose?«

»Mhm?«

»Hast du großen Hunger?«

»Nein«, erwiderte ich träumerisch. »Oh – hast du schon mit deiner Mutter gesprochen?«

»Noch nicht.«

»Ich auch noch nicht mit Cheryl. Wir sind ziemlich nachlässig.«

»Du hast recht, aber müssen wir jetzt darüber reden?«

»Sorry.« Ich küsste ihn erneut. Seine Bartstoppeln hatten die Stoppelphase schon fast überschritten – während der Kälbersaison rasierten sich Farmer nur zu besonderen Gelegenheiten –, und als seine Hände über meine nackten Arme glitten, fühlten sich die Schwielen an seinen Handflächen rau auf meiner Haut an. Graeme hatte weiche Hände mit sorgfältig manikürten Fingernägeln gehabt, und ich fragte mich aus irgendeinem Grund, wie ich sie je hatte ertragen können.

»Wann musst du wieder los?«, fragte er einige Minuten später.

»Hmm? Oh – Viertel vor, denke ich.«

Er blickte auf seine Uhr. »Jetzt ist es zwanzig nach eins«, stellte er nachdenklich fest. »Das ist Zeit genug.«

Ich lächelte. »Zeit genug wofür?«

»Bett«, erwiderte Matt lakonisch.

Roeschen.tif

Später stellte ich fest, dass sein Schlafzimmer genauso klein und schmuddelig und fürchterlich tapeziert war wie der Rest des Hauses, aber an diesem Tag bemerkte ich es gar nicht. Als wir die Türschwelle erreichten, hatte er mir bereits meine Waimanu-Physiotherapie-Weste und meine Bluse abgestreift, und ich versuchte mit frustrierend zitternden Händen, den Reißverschluss seiner Jeans zu öffnen. Wir fielen rücklings auf sein ungemachtes Bett und versuchten, uns zu küssen, uns aus unseren Kleidern herauszuwinden und uns so eng wie möglich aneinander zu schmiegen, und das alles gleichzeitig.

»Nicht so hastig.« Er rollte sich von mir weg. »Lass uns Zeit. Das können wir besser.«

»Mir macht es Spaß«, protestierte ich.

Er setzte sich lachend auf. »Ich habe mir das hier wirklich lange in allen Farben ausgemalt, und ich möchte jetzt nichts falsch machen.« Seine Hände glitten über meinen Rücken und tasteten nach dem Verschluss meines BHs.

»Ich glaube, in so einem Moment kann man gar nichts falsch machen.« Ich strich über seine kräftigen, braungebrannten Unterarme, ertastete die harten Muskeln und Sehnen. Wenn ich ehrlich sein soll, hätte es mich auch nicht gestört, wenn er mit dem Kinn auf mich gedeutet und: »Du da! Beine breit!« gebellt hätte.

»Wenigstens …«, er brach ab, um meine Halsbeuge zu küssen, wobei ich mich am liebsten wie in einem schmierigen B-Movie gewunden und gestöhnt hätte, obwohl ich diese Stelle nie für besonders empfindlich gehalten hatte, »… möchte ich dich ganz ausziehen und so lange wie möglich anschauen. Du bist so schön.«

Ich blickte zu ihm auf, und mein Herz zersprang fast vor Sehnsucht. Natürlich hatte ich Graeme auch geliebt – man zieht nicht mit jemandem zusammen, an dem einem nichts liegt, oder zumindest sollte man das nicht tun –, aber mein alter Jugendfreund mit seiner bedächtigen Sprechweise und dem trägen, schiefen Lächeln war der liebevollste, attraktivste, beste Mann, der mir je begegnet war. »Alles, was du willst«, flüsterte ich. »Du brauchst es nur zu sagen, Matt. Ich tue alles, was du willst.«

Seine Pupillen weiteten sich, so dass seine Augen plötzlich fast schwarz wurden. »Oh Gott, Jo«, murmelte er und zog mich fester an sich.

Roeschen.tif

»Wie spät ist es?«, fragte ich matt.

»Weiß nicht«, nuschelte Matt. Er klang, als befände er sich zu drei Vierteln im Tiefschlaf. »Kann nichts sehen, kann mich nicht bewegen.«

Unter Aufbietung all meiner Willenskraft zog ich meinen linken Arm unter seinen Schultern hervor und warf einen Blick auf meine Uhr. Scheinbar war es kurz vor zwei. »Mist!« Ich sprang wie ein Olympiahochspringer aus dem Bett und begann fieberhaft nach meinen Kleidern zu suchen.

»Wie spät ist es denn nun?«, fragte Matt, ohne sich zu rühren.

»Zehn vor zwei. Matt, hilf mir, ich kann meine Bluse nicht finden.«

»Im Flur«, murmelte er und wälzte sich auf den Bauch.

Als ich mich in meine Kleider gekämpft hatte, hatte er es zumindest geschafft, sich auf die Bettkante zu setzen. »Komm her.«

»Ich kann nicht – ich komme zu spät …«

»Jo, Süße, so kannst du nicht zur Arbeit zurückgehen.« Er zog mich zu sich, knöpfte meine Bluse auf und dann in der richtigen Reihenfolge wieder zu. »Mit deinem Haar solltest du auch lieber etwas machen.«

»Wo ist deine Bürste?« Ich zerrte an dem verzottelten Haarbüschel, das vor einer halben Stunde noch ein ordentlicher, professioneller Knoten am Hinterkopf gewesen war.

»Hab keine.«

»Aha. Das erklärt diesen sexy ungekämmten Stil, den du pflegst.«

Er grinste. »Danke. Du siehst im Moment selbst ziemlich sexy und ungekämmt aus.«

»Eine große Hilfe bist du wirklich nicht«, tadelte ich ihn, band meine Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen, nahm sein Gesicht zwischen die Hände und küsste ihn. »Ich liebe dich.« Dann wandte ich mich ab und eilte den Flur entlang.

Als ich den Motor anließ, kam er die Stufen hinuntergestürmt. Er trug seine Jeans, aber kein Hemd, und hielt zwei kleine Papiertüten in den Händen. Ich kurbelte das Fenster hinunter, und er reichte mir meine Apfeltasche. »Du kannst sie unterwegs essen«, sagte er und beugte sich vor, um mich zu küssen. »Wir sehen uns heute Abend.«

Ich setzte den Wagen zurück, schaltete in den ersten Gang, blickte auf und sah, wie Bob McIntosh, das Gesicht zu einer Maske des Schocks erstarrt, die Tür seines kleinen Lasters öffnete. Scheiße, dachte ich, gefolgt von: Aber ich weiß nicht, wie ich ihn sonst je hätte loswerden sollen. Trotzdem fühlte ich mich wie jemand, der zum Spaß junge Hunde mit Fußtritten traktiert. Ich winkte schwach, als ich an ihm vorbeifuhr.