Kapitel 4
WIE LÄUFT ES bei der Arbeit?«, erkundigte sich meine Mutter, als sich mein erster Monat in der Praxis dem Ende zuneigte.
»Gut.« Ich klemmte mir das Telefon zwischen Ohr und Schulter, um mir beim Sprechen die Nägel feilen zu können. »Es ist eine Umstellung, alleine zu arbeiten, aber ich kann jederzeit die Mädels im Krankenhaus anrufen, wenn ich nicht weiterweiß.«
Cheryl hatte vor zwei Wochen endlich ihr Baby auf die Welt gebracht. Seitdem bekam sie kaum noch Schlaf. Außerdem war ihre Schwiegermutter für längere Zeit zu Besuch gekommen, um sie in die Geheimnisse der korrekten Kinderaufzucht einzuweihen, und somit war die arme Frau nicht in der Verfassung, schwierige Fälle mit mir zu besprechen.
»Und wie ist die Wohnung?«
Ich seufzte. »Soweit ganz in Ordnung. Aber ich denke, ich werde mir etwas anderes suchen, wenn meine Möbel jemals hier ankommen. Sara folgt mir auf Schritt und Tritt durchs Haus, knipst überall das Licht aus und achtet darauf, dass ich nicht mehr Wasser aufsetze, als ich für eine Tasse Tee brauche.«
»Sie legt eben großen Wert auf Umweltschutz«, bemerkte Mum.
»Gestern Abend habe ich mein Handy an die Ladestation angeschlossen und im Wohnzimmer liegen lassen, und sie hat den Stecker herausgezogen. Eine halbe Stunde nachdem ich heute das Haus verlassen hatte war der Akku leer.«
»Ah, das erklärt alles. Graeme hat uns heute Nachmittag angerufen und gefragt, wie er dich erreichen kann. Er sagt, auf deinem Handy läuft nur die Mailbox. Ich habe ihm deine Festnetznummer gegeben – du hast doch hoffentlich nichts dagegen?«
»Nein«, erwiderte ich traurig. Was wollte er wohl schon von mir? Dieser Tage rief mich mein Exfreund nur an, wenn eine größere Ausgabe anstand – die Raten fällig waren oder die Badezimmerdecke einen bedrohlichen Riss aufwies. »Was machen die Ziegen?«
»Oh, denen geht’s gut«, sagte Mum. »Gestern ist allerdings eine mittelschwere Panik ausgebrochen, weil der Traktor liegengeblieben ist, aber zum Glück lag es nur an einem geplatzten Schlauch.«
»Was macht ihr bloß, wenn er mal endgültig den Geist aufgibt?«, fragte ich.
»Das weiß der Himmel. Vielleicht könnte ich mich bei einem Escort-Service bewerben.«
»Ich glaube nicht, dass ich meine Mutter in Minirock und kniehohen Stiefeln an einer Straßenecke herumlungern sehen möchte. Ich kaufe euch einen neuen Traktor.«
»Wir können von unserer einzigen Tochter doch kein Geld annehmen. Normalerweise läuft das andersherum.«
»Das geht schon in Ordnung«, versicherte ich ihr. »Ich vertraue darauf, in ungefähr fünfzig Jahren eine Farm zu erben, die Millionen wert ist.«
»Das wäre eine Lösung«, sagte Mum. »Vielleicht sogar schon früher, wenn dein Vater so weitermacht.«
»Was ist denn mit ihm?«
»Er spielt im Bett Gitarre, das ist mit ihm«, entgegnete sie grimmig. »Wenn ich noch ein einziges Mal ›Rhinestone Cowboy‹ hören muss, füge ich ihm eine ernsthafte Verletzung zu.«
An diesem Abend entfloh ich den TV-Shows und dem Kampf im Wohnzimmer um genügend Licht zum Lesen und fuhr zu meiner alten Schulfreundin Clare zum Abendessen. Sie hatte vor fünf Jahren einen Anwalt aus Hamilton geheiratet, ihn in ihre Heimat mitgenommen und seitdem ein Kind nach dem anderen in die Welt gesetzt.
Brett und Clare lebten auf einem Gehöft am Stadtrand. Sie hielten Hühner und Enten, Schweine, Alpakas, Miniponys und einen bösartigen Ziegenbock namens Alfred. Die Kinder waren alle weißblond, hatten große blaue Augen, rosige Wangen und waren reichlich anstrengend.
Als ich ankam, wälzten sich die beiden großen Jungen in einem menschlichen Knäuel über den Rasen und versuchten offenbar, sich gegenseitig zu erwürgen. Da es ein ausgeglichener Kampf zu sein schien, griff ich nicht ein, blieb aber an der Hintertreppe stehen, wo die zweijährige Lucy sorgsam eine ganze Reihe frisch gepflanzter Stiefmütterchen an den Wurzeln aus der Erde riss. »Hey, Lucy, ich glaube, das ist keine gute Idee«, rief ich. »Komm, wir pflanzen sie lieber wieder ein.«
Lucys schöne Augen wurden schmal, als sie mich ansah. Sie strich mit einer schmutzigen Hand ihre Locken zurück und erklärte kategorisch: »Nein.«
»Das sollten wir aber besser tun«, beharrte ich. »Wenn du die Blumen ausreißt, können sie nicht wachsen und bekommen auch keine schönen Blüten.«
»Neinneinneinneinneinnein! Geh weg!«
Clare kam zur Tür. Sie wirkte erhitzt und ein wenig verlegen. »Lucy«, sagte sie ohne große Hoffnung. »Lass meine Blumen in Ruhe und sag Josie hallo.«
Lucy warf sich auf den Boden und schlug mit dem Kopf auf den Weg. Ich trat erschrocken einen Schritt vor, aber Clare hielt mich müde zurück. »Lass sie. Wir dürfen sie bloß nicht beachten, dann hört sie von selber auf.«
»Okay«, erwiderte ich skeptisch und bückte mich, um die jungen Stiefmütterchen wieder in die Erde zu setzen.
»Ach, lass sie liegen«, sagte Clare. »Ich weiß nicht, warum ich mir überhaupt die Mühe mache. Michael! Charlie! Seid so gut und hört auf, euch gegenseitig die Augen auszukratzen – ach, schon gut. Komm rein, Josie, und erzähl mir, was es Neues gibt.«
Clare hat ein schönes Haus, oder zumindest macht es von außen einen schönen Eindruck. Aber der Fußboden war heute zentimeterhoch mit billigem Plastikspielzeug übersät, und jemand hatte erfolgreich versucht, bis zu einer Höhe von circa einem Meter die Tapete von der Wand zu reißen. Ein Kätzchen mit lauerndem Blick beobachtete uns von seinem Platz oben auf der Mikrowelle, und die Küchenbank verschwand unter Stapeln von schmutzigem Geschirr.
»Setz dich«, forderte Clare mich auf. »Nein, nicht dorthin! Charlie ist heute Nachmittag ein kleines Missgeschick passiert. Hier.« Sie hob einen Stoß alter Zeitungen von einem anderen Stuhl und legte sie auf den Tisch, von wo sie langsam zu Boden glitten. »Lass nur«, stöhnte sie. »Wirklich. Wein?«
»Ja, bitte.« Ich gab ihr die mitgebrachte Flasche. »Hoffentlich ist der hier okay – ich habe ihn gekauft, weil mir das Etikett bekannt vorkam, aber dann hatte ich den schrecklichen Verdacht, dass es mir bekannt vorkam, weil wir den schon mal getrunken haben und er wie Terpentin geschmeckt hat.«
»Wen stört’s?«, versetzte Clare. »Hauptsache, er enthält Alkohol. Wie geht es dir übrigens so?«
»Gut.« Ich setzte mich an den Tisch und schuf Platz für zwei Weingläser. Es war ein stiller, sonniger Abend, und die mit Büschen bewachsenen Hügelketten hinter der Glastür waren in goldenes Licht getaucht und wirkten zum Greifen nah. Sie bildeten eine hübsche Kulisse für die zwei kleinen Jungen, die jetzt in der Mitte des Rasens ein Loch buddelten. Lucy konnten wir nicht sehen, aber sie kreischte immer noch mit bemerkenswerter Ausdauer. »Wie war das Kindergartenpicknick?«
»Oh, bestens.« Clare grinste. »Michael hat sich im Auto übergeben, und Lucy hat Maureen Staceys kleinen Sohn gebissen und musste in der Ecke stehen, aber sonst lief alles rund. Gott, der Wein ist himmlisch.«
»Da fällt mir ein Stein vom Herzen.«
»Fehlen dir die funkelnden Großstadtlichter nicht?«
»Nein. Wenn du in der Stadt lebst, dann redest du dauernd von Restaurants und Theatern, in die du gehen könntest, und am Ende kaufst du dir auf dem Nachhauseweg irgendetwas Fertiges und setzt dich vor den Fernseher.«
»Trotzdem stelle ich es mir herrlich vor, das tun zu können, wenn dir danach ist. Bevor ich Kinder hatte, habe ich meine Freiheit nie zu schätzen gewusst. Mittlerweile ist es schon ein größeres Unterfangen, loszugehen und etwas zum Anziehen zu kaufen.«
»Du hast doch hoffentlich nicht auf Heather Anne’s zurückgegriffen?«
»Noch nicht«, erwiderte Clare düster. »Nur auf das Kaufhaus. Und letzte Woche habe ich bei Farmlands eine richtig schicke Jeans gefunden.«
Michael erschien schwer atmend auf der Türschwelle. »Ich will ein Sandwich«, verlangte er.
»Es ist fast Zeit fürs Abendessen«, entgegnete seine Mutter.
»Will ein Sandwich!« Er trat mit einem schmutzigen Gummistiefel gegen den weiß gestrichenen Türrahmen. »Mum! Sandwich! Mum! Sandwich! Mum!«
»Um des lieben Friedens willen.« Clare stand mit grimmiger Miene auf. »Also schön! Am besten nimmst du auch gleich eins für deinen Bruder mit.«
»Er hat Aa in die Hose gemacht«, teilte Michael ihr schadenfroh mit. »Es läuft an seinem Bein herunter.«
»Na großartig«, stöhnte Clare.
»Ich mache das Sandwich, wenn du dich um die andere Bescherung kümmerst«, bot ich mich an.
»Danke.«
Ich machte Michael ein Erdnussbuttersandwich, das er angeekelt musterte, weil ich es in Quadrate statt in Dreiecke geschnitten hatte. Also teilte ich die Stücke nochmals diagonal, und jetzt lehnte er sie ab, weil die Dreiecke zu klein waren. Charlie saß auf dem Knie seiner Mutter, quengelte unaufhörlich und hielt ein Buch zwischen Clare und mich, so dass wir uns nicht sehen konnten. Lucy fiel die Stufen hinunter und schürfte sich das Knie auf – aber man hätte denken können, ihr Bein wäre abgetrennt worden, so ein Spektakel veranstaltete sie –, und zur Schlafenszeit musste Clare sich zu jedem der drei abwechselnd ins Bett legen, bis sie einschliefen.
»Die Freuden des Elternseins«, bemerkte Brett, der mit geschlossenen Augen auf der Couch lag, säuerlich. Clare war seit einer Dreiviertelstunde verschwunden, und ich fragte mich allmählich, ob sie überhaupt zurückkommen würde. »Seit vier Jahren haben wir kein richtiges Gespräch mehr geführt.«
»Wie um alles in der Welt habt ihr es dann geschafft, die letzten beiden zu zeugen?«, fragte ich.
»Weiß ich nicht mehr. Vermutlich haben wir uns ein oder zwei Mal im Flur getroffen.« Er schlug die Augen auf und grinste mich an – er hatte ein ausgesprochen anziehendes Grinsen. »Na ja, in ungefähr fünfzehn Jahren wird sich das alles einrenken.«
»Und überleg mal – wenn man sich so gut wie nie sieht, kehrt auch kein Alltagstrott ein. Das hält die Romantik am Leben«, scherzte ich.
»Und ist wahrscheinlich einfacher, als eine Affäre zu haben«, sagte er, dann fuhr er mit einem Ruck hoch. »Scheiße, tut mir leid!«
»Schon gut«, beschwichtigte ich ihn. »Wirklich, Brett. Sieh mich nicht so erschrocken an.«
Ich kam gegen neun nach Hause und fand Andy in der Küche vor, wo er sich ein Sandwich machte. Er hob grüßend den Kopf und murmelte: »Irgendein Typ hat für dich angerufen.«
»Er heißt Graeme, hat er gesagt«, mischte sich Sara hilfsbereit ein und wuchtete sich von der Couch hoch (es war gerade Werbepause). »Du sollst ihn zurückrufen, es sei dringend.«
»Danke.« Ich griff nach dem Wasserkessel. Vor dem unterhaltsamen Gespräch mit meinem Ex brauchte ich dringend einen starken Kaffee.
»Nimmst du etwa warmes Wasser?«, fragte Sara entsetzt. »Das ist doch unnötige Energieverschwendung!«
Andy sah mich eine Sekunde lang mit stummem Mitgefühl an, dann drehte er sich um und schlurfte aus der Küche. Sara entwand mir den Kessel, kippte das warme Wasser in die Spüle und drehte den Kaltwasserhahn auf. Ich erwog flüchtig, sie mit der Suppenkelle zu erschlagen, bevor ich widerwillig zu dem Schluss kam, dass eine solche Tat zwar überaus befriedigend wäre, aber die darauffolgenden dreißig Jahre Gefängnis nicht aufwiegen würde. Stattdessen griff ich nach dem Telefon und zog mich in meine winzige Kammer zurück, wobei ich rachsüchtig jedes Licht auf dem Weg anknipste.