Kapitel 28
ZWANZIG MINUTEN SPÄTER hackte ich mit Percy an meiner Seite auf der hinteren Veranda Feuerholz, als Matts Auto die Auffahrt hochkam. »Bist du noch gar nicht im Haus gewesen?«, fragte er, als er den Kiesplatz überquerte.
»Doch«, erwiderte ich. »Aber der Ofen ist ausgegangen – Kim ist wohl nach der Schule nicht vorbeigekommen.«
»Wie geht es Rose?«
Ich strich mir eine nasse Haarsträhne, die sich aus meinem Pferdeschwanz gelöst hatte, aus dem Gesicht. »Nicht sehr gut. Könntest du hineingehen und dich um sie kümmern, während ich hier weitermache? Vielleicht isst sie etwas, wenn du sie fütterst.«
Er tätschelte das Schwein, hob das gehackte Holz auf und öffnete die Hintertür. Ich folgte ihm in die Küche. Am Spülbecken blieb er stehen und betrachtete einen Moment den Haufen nasser, schmutziger Bettwäsche, dann seufzte er, rieb sich mit den Händen übers Gesicht und ging durch den Flur.
Ich öffnete die Ofentür und suchte in der Holzkiste nach einem großen Scheit, das eine Weile vorhalten würde. Als ich Zeitungspapier zusammenknüllte, kam Matt in die Küche zurück. »Sie schläft. Ich mache das – geh du duschen.«
Ich stand auf. »Danke.«
»So geht das nicht weiter«, sagte er wie zu sich selbst. »Du hast schon einen Vollzeitjob, und dann kommst du nach Hause und schuftest hier weiter.«
»Das macht mir nichts aus«, erwiderte ich. »Du arbeitest viel länger als ich. Aber sie lag da im Dunkeln, weinte und konnte nicht aus eigener Kraft aufstehen …« Ich kämpfte mit den Tränen. »Wir müssen uns etwas einfallen lassen.«
»Dann muss entweder Mum die Tagespflege übernehmen, oder Rose muss ins Krankenhaus.« Er knüllte das Zeitungspapier heftiger als nötig zusammen. Hazel würde wahrscheinlich einwilligen, aber ungefähr siebzehn Mal am Tag ausführliche Lobeshymnen erwarten und ihren Pflichten mit einer solchen Duldermiene nachkommen, dass es nicht mit anzusehen wäre.
»Ich könnte meinen Job kündigen. Cheryl kann einspringen. Es wäre ja nicht für sehr l … lange.« Meine Stimme brach, und die Tränen ließen sich nicht mehr zurückhalten.
»Jose, das geht nicht«, widersprach er sanft. »Du musst eine Hypothek abzahlen.«
Ich wischte mir mit meinem feuchten Ärmel die Tränen ab. »Vielleicht ist das Haus ja inzwischen verkauft. Und wenn nicht, würde Graeme wahrscheinlich auch eine Weile allein die Kosten übernehmen – im Moment ist er ganz umgänglich.«
»Geh erst mal unter die Dusche, dann reden wir weiter.«
Als ich danach wieder in die Küche kam, füllte er gerade den Kessel, und vor dem wieder brennenden Ofen saß Spud mit vorwurfsvoller Miene, die deutlich besagte, was er von Leuten hielt, die das Feuer ausgehen ließen.
»Das Essen ist in der Mikrowelle«, sagte Matt. »Kaffee?«
»Ja, gerne.« Ich hatte drei Schichten Wollpullover übereinander angezogen, fühlte mich aber immer noch wie ein Eiszapfen.
»Wie viele Würfelzucker nimmst du heute?«
Ich überlegte. »Zwei, bitte.« Dann nahm ich die Milchflasche aus dem Kühlschrank, schraubte den Deckel ab und schnupperte argwöhnisch daran. Sie war sauer. »Verdammt. Ich hasse Milchpulver.«
»Ich bring es dir«, bot er an.
»Unsinn. Tu einfach drei Zucker hinein.«
Er musterte mich belustigt. »Wie du willst.« Er nahm einen pinkfarbenen Porzellanbecher mit Goldrand vom Regal und vermischte Milchpulver mit Wasser. Ich trat neben ihn und hielt die Milchflasche verkehrt herum über die Spüle. Lange tat sich nichts, dann rutschte ein weißer, geronnener Klumpen aus der Öffnung und blieb wie ein Wackelpudding im Becken liegen. Eindeutig ungenießbar.
»Wie war dein Tag?«, fragte ich.
»Für diese Jahreszeit fast normal. Eine Kuh steckte im Morast fest, zwölf neue Kälber wurden geboren, und fünf von den kleinen Bastarden musste ich mit der Flasche füttern, weil sie bei der Mutter nicht trinken wollten. Dann noch ein großes Loch im Regenmantel – solche Sachen eben.« Die Mikrowelle piepste. »Futter ist fertig.«
»Danke.« Ich schob die geronnene Milch mit einem Holzlöffelstiel in den Abfluss. »Du bist der Größte.«
»Ich weiß«, nickte Matt. »Es war ziemlich anstrengend. Und du wirst staunen, wenn du siehst, wie raffiniert ich das Essen verteilt habe, damit es gleichmäßig warm wird.«
Ich nahm einen riesigen Teller mit perfekt erhitzter Lasagne aus der Mikrowelle. »Hey, Matt, ich hab mir da was überlegt – wenn deine Mum morgens herüberkommen kann, könnte ich in Zukunft schon um zwei oder drei mit der Arbeit aufhören. Ich muss das mit Cheryl abklären, aber sie hat bestimmt nichts dagegen.« Sie würde zwar sicher nicht begeistert sein, aber eine Teilzeitangestellte war immer noch besser als gar keine.
»Und ich spreche mit Mum.« Der Kessel pfiff, und Matt goss heißes Wasser in zwei Becher.
Ich stellte den Teller ab und suchte nach einer Gabel. »Danke. Ich glaube, es ist besser, wenn du sie fragst.«
Matt seufzte. »Yeah.« Er begann meinen zu süßen Kaffee nachdenklich umzurühren. »Jo …«
»Mhm?«
Er drehte sich um, umschloss mit seiner großen Hand meine Wange und senkte den Kopf, um mich zu küssen. Mein Herz hörte ungefähr eine halbe Sekunde lang auf zu schlagen, dann fiel es mir wie ein Stein in die Magengrube.
»Tu das nicht«, bat ich unglücklich und wandte mich von ihm ab.
Matt stand einen Moment lang ganz still da. »Sorry«, murmelte er dann. »Ich dachte – ach, vergiss es.« Er klang erschöpft und elend.
»Du hast eine Freundin«, sagte ich bitter. »Schon vergessen?«
»Nein, habe ich nicht«, erwiderte er. »Zwischen Cilla und mir ist es schon seit Monaten aus.«
»Seit Monaten?«
»Seit der Nacht, als sie dachte, wir hätten eine Affäre.«
Ein kleiner, schmerzhafter Anflug von Hoffnung keimte in mir auf. Eine Weile öffnete und schloss ich den Mund wie ein Goldfisch, dann stieß ich krächzend hervor: »Warum hast du mir das denn nicht gesagt?«
»Ich … ich dachte, du wüsstest es«, sagte Matt. »Ich dachte, Kim hätte es dir erzählt.«
»Aber ich habe gesehen, wie Cilla im Supermarkt ein Brautmagazin gekauft hat«, sagte ich, den Blick auf den Boden gerichtet.
Einen Moment herrschte Schweigen, dann begann er zu lachen. »Ach, Jo«, sagte er liebevoll. »Du kleine Idiotin.«
Bei diesen romantischen Worten leuchtete der zaghafte Hoffnungsschimmer in mir hell auf. Ich sank abrupt auf einen Küchenstuhl und brach in Tränen schierer Erleichterung aus.
Der arme Matt verstand die Welt nicht mehr. »Oh, verdammt«, stöhnte er hilflos. »Jo, es tut mir leid. Ich bin ein Trottel, und du möchtest mich wahrscheinlich am liebsten zum Teufel jagen – aber ich liebe dich so sehr.«
Als Antwort weinte ich nur noch heftiger und barg das Gesicht in den Händen. Ich hatte mit aller Kraft versucht, mich mit der traurigen Wahrheit abzufinden, dass Matt nie dasselbe für mich empfinden würde wie ich für ihn – ich hatte sogar beschlossen, nach Roses Tod besser ans andere Ende des Landes zu ziehen, damit ich ihn wenigstens nicht mehr jeden Tag sehen musste. Und jetzt hatte er plötzlich alles auf den Kopf gestellt, und es war einfach zu viel für mich.
Nach einer Weile trat er zu mir, zog meinen Kopf wortlos an seinen warmen, beruhigenden Körper und streichelte mein feuchtes Haar. Ich konnte nicht aufhören zu weinen, aber ich schlang die Arme um seine Taille und drückte ihn fest an mich.
»Schsch«, sagte er sanft. »Komm schon, Liebling, es ist alles gut.«
»T … tut mir leid«, stammelte ich. »Ich versuche es ja …«
Er schob mich sacht von sich weg und betupfte meine Augen mit dem Saum seines Shirts. Dann zog er mich auf die Füße und küsste mich.
Seit jener Nacht vor all diesen Jahren, der Nacht, bevor er nach Übersee gegangen war, war Matt mein Kussmaßstab gewesen. Er hatte mich mit einem erfahrenen, sinnlichen Vergnügen geküsst, das mich auf ein zitterndes Bündel von Nervenspitzen reduziert hatte. Danach hatte niemand mehr je diese Wirkung auf mich gehabt. Heute Abend war alles ganz anders. Er zeigte sich nicht lässig und erfahren, sondern fast wild – er hielt mich zu fest, und ich konnte spüren, dass er zitterte, als seine Lippen die meinen fanden –, und das löschte meine neun Jahre alte Erinnerung vollständig aus.
Ich nahm sein Gesicht zwischen die Hände und erwiderte seinen Kuss mit der Art von Leidenschaft, die man von einem feurigen Fernsehevangelisten erwartet. Und ungefähr dreißig Sekunden später flog die Küchentür auf, und Kim stolperte mit Andy im Schlepptau aus dem Regen herein.
Dabei ertappt zu werden, wie eine Napfschnecke an Kims Bruder zu kleben, brachte mich mit Lichtgeschwindigkeit auf den Boden der Tatsachen zurück. Ich versuchte mich loszumachen, aber mein Rückzugsversuch – vorzugsweise bis zum anderen Ende des Hauses, wenn nicht gleich des Distrikts – wurde von Matts Armen vereitelt, die mich unerbittlich wieder an seine Brust zogen. Ich sah ihn verwirrt an, dann begriff ich, dass er zwar nicht gerade glücklich darüber war, mit mir in den Armen überrascht worden zu sein, es ihm aber noch peinlicher wäre, wenn seine kleine Schwester seine Erektion bemerken würde. Ich gab es auf, mich befreien zu wollen, und legte die Stirn gegen seine Schulter.
»Sieh an«, sagte Kim. »Sieh an, sieh an, sieh an.«
»Oh, halt die Klappe«, knurrte ihr sie liebender Bruder.
»Kim, lass die beiden in Ruhe«, bat Andy zutiefst verlegen, aber Kim erkannte keine Verlegenheit, nicht mal wenn sie davon angesprungen und in die Nase gebissen würde. Sie schüttelte Regentropfen aus ihrem braunen Schopf, kauerte sich auf die Tischkante und fragte neugierig: »Wie lange geht das denn schon so?«
»Ungefähr eine Minute«, entgegnete ich nicht ohne Bitterkeit. Es wäre nett gewesen, es wenigstens noch ein bisschen länger genießen zu können.
»Sehr gut«, bemerkte Kim zufrieden. »Lange genug habt ihr zwei ja gebraucht, aber andererseits ist ja auch keiner von euch beiden sonderlich helle.«
»Verschwinde, Kim, sonst verdresche ich dich mit einem Besenstiel«, drohte ich.
»Sie meint es nicht so«, versicherte Kim Andy.
Matt drückte mich kurz an sich, um mir zu verstehen zu geben, dass jetzt alles in Ordnung war, und ich gab ihn frei.
»Josie, du siehst verheerend aus«, teilte seine Schwester mir mit.
»Ich weiß.« Ich wandte mich ab und verließ den Raum. Im Bad drehte ich den Kaltwasserhahn auf, blickte in den kleinen Spiegel über dem Waschbecken und zuckte zusammen. Das Gesicht, das mir entgegenstarrte, war rot und aufgedunsen, das Haar zerzaust, die Augen verschwollen – ich sah aus wie jemand, der gerade eine ausgiebige chinesische Wasserfolter überstanden hatte. Mir das Gesicht zu waschen würde nicht ausreichen, um mich in einen halbwegs präsentablen Zustand zu versetzen, aber ich tat es trotzdem, versuchte mein Haar mit einer Bürste in Ordnung zu bringen und ging, um einen Blick in Roses Schlafzimmer zu werfen.
Sie schlief immer noch, hatte den Kopf zur Seite gewandt, und ihre Haut war wachsbleich. Nachdem ich fünf Minuten lang in dem Wunder gefangen gewesen war, dass Matt meine Liebe tatsächlich erwiderte, war es ein neuerlicher Schock, sie so zu sehen. Ich rückte ihr Wasserglas in Reichweite und klopfte ein Kissen auf, und dann kehrte ich, weil ich es nicht länger aufschieben konnte, in die Küche zurück.
»Josie.« Kim stocherte angewidert in der kalt werdenden Lasagne herum. »Warum gibt’s bei dir Sülze zum Abendessen?«
»Dinner«, berichtigte ihr Bruder und lächelte mich über ihren Kopf hinweg mit einem Ausdruck an, der beinahe bewirkt hätte, dass ich mich ungeachtet unseres Publikums wieder in seine Arme geworfen hätte.
»Ist das nicht ein und dasselbe?« Andy bückte sich, um Spud zwischen den Ohren zu kraulen.
»Rose verbessert uns immer«, erklärte ich ihm. »Und sie sorgt dafür, dass wir ›weiß‹ und nicht ›wais‹ und ›Milch‹ statt ›Mülch‹ sagen. Und wenn du sie wirklich auf die Palme bringen willst, musst du sie und ihre Gäste nur mit ›Hallo, Leute‹ begrüßen.«
»Wie geht es ihr?«, fragte Kim.
»Sie schläft.«
»Weiß sie über euch zwei Bescheid?«
»Nein.«
Kim schien zu überlegen, und Matt warnte sie rasch: »Weck sie auf und stirb, Kröte.«
»Das würde ich nie tun«, protestierte sie, ganz gekränkte Würde.
»Komm jetzt.« Andy stand wieder auf. Spud stupste hoffnungsvoll mit der Nase gegen seinen Knöchel und forderte weitere Streicheleinheiten.
Sie verzog das Gesicht. »Nö, lass uns noch ein bisschen bleiben.«
Ich hatte Verständnis für sie; von der reizenden Hazel beaufsichtigt zu werden war kein Zuckerschlecken.
»Ich bezahle dich, wenn du sie mir vom Hals schaffst«, sagte Matt zu Andy. »Bring sie, wohin du willst, von mir aus auch zu dir – irgendwo hin, nur weg von hier.«
Andy grinste. »Okay. Lass uns gehen, Kim, ich glaube, wir stören.«
»Gut«, willigte Kim ein. »Ich kann Winke mit dem Zaunpfahl verstehen.« Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste Matt auf die Wange. »Geh sanft mit ihm um, Josie.«
Ich legte die Arme um sie und drückte sie an mich. »Manchmal weiß ich wirklich nicht, warum ich dich mag, Kimlet.«
»Manchmal weiß ich nicht, ob ich sie mag«, kam es von Matt.
Die beiden schlugen den Kragen hoch und traten in die nasse Dunkelheit hinaus. Andy steckte den Kopf noch einmal zur Tür herein und stotterte verlegen: »Ich … äh … ich mache nichts, was …«
»Viel Glück dabei.« Matt versuchte, ein Lächeln zu unterdrücken, was ihm gründlich misslang.
Andy murmelte etwas Unverständliches und schloss die Tür.
Ich überlegte flüchtig, in welchem Zustand sich Andys neue Wohnung wohl befinden mochte. Als ich noch mit ihm zusammengewohnt hatte, hatten sich seine schmutzigen Socken in den Ecken seines Zimmers getürmt und gemüffelt, und Kim ist in solchen Dingen ziemlich heikel. Doch dann nahm Matt mich wieder in die Arme, und ich hörte auf, an etwas anderes zu denken als an ihn.
»Das wollte ich tun, seit du wieder da bist«, flüsterte er endlich.
»Was zum Teufel wolltest du dann mit Cilla?«
Er zuckte zusammen. »Das war nichts Ernstes«, sagte er. »Und ich dachte, du hättest ohnehin kein Interesse. Du warst verdammt nah daran, diesen Schwachkopf zu heiraten.«
Ich erschauerte, da ich in der Tat nah daran gewesen war, Graeme zu heiraten – letztes Jahr hatten wir halbherzig begonnen, über die Gründung einer Familie zu sprechen. Und Graeme pflegte meine Garderobe zu überwachen, war bezüglich der Auswahl seiner Weine ein Snob, und wenn wir zum Dinner ausgingen, ließ er zwei von drei Malen sein Essen zurückgehen. Und er äußerte sich abfällig über Dolly Parton. Nein, ich gönnte ihn Chrissie. »Was für eine grässliche Vorstellung.« Ich lehnte den Kopf in die bequeme Höhlung seiner Schulter.
Draußen stimmten die Hunde ihren Willkommenschor an, und mir wurde bewusst, dass sich der Wind gelegt haben musste, wenn wir sie hören konnten. »Warum können sie nicht alle verschwinden und uns in Ruhe lassen?«, entrüstete ich mich.
Matt gab mich lächelnd frei. »Du musst ohnehin etwas essen. Also setz dich an den Tisch.«
Als seine Mutter die Tür öffnete, schob ich mir Gabeln voll lauwarmer Lasagne in den Mund, während Matt in der anderen Ecke der Küche die saubere Wäsche aus der Maschine zog.
»Hallo, meine Lieben.« Sie wischte sich Regentropfen von den Schultern eines sehr schicken roten Wollmantels. »Ich komme gerade von meinem Reikikurs, und ich konnte einfach nicht nach Hause fahren, ohne vorbeizuschauen und nach Rosie zu sehen.«
»Sie schläft«, sagte Matt. »Sie hatte einen sehr schlechten Tag.«
»Oh«, entgegnete Hazel vage. »Oje. Dann komme ich morgen früh wieder, vielleicht geht es ihr dann besser.«
Keiner von uns erwiderte etwas darauf – auf welchem Planeten lebte diese Frau eigentlich? Matt hatte den Wäschekorb mit sauberen Laken gefüllt und begann, schmutzige in die Maschine zu stopfen.
»Himmel, Josie, das ist ja eine Riesenportion!«
»Ich habe ziemlichen Hunger«, verteidigte ich mich, dabei kam ich mir vor wie eine dralle Bauernmagd. »Wie war dein Reiki?«
»Herrlich. So beruhigend. Es ist mir ein großer Trost.« Sie lächelte schwach. »Kimmy ist zu Hause, oder?«
»Sie ist bei Rachel«, erwiderte Matt ohne zu zögern. »Sie hat mich angerufen und mich gebeten, es dir zu sagen.«
»Das ist gut. Es wird sie vielleicht von der armen Rosie ablenken.«
»Hoffentlich«, murmelte ich, als ich merkte, dass Matt sich nicht die Mühe machen würde, ihr zu antworten.
»Matthew, mein Lieber«, begann seine Mutter, »mein Wasserhahn in der Küche tropft. Könntest du vorbeikommen und ihn dir ansehen?«
»Wie wäre es, wenn du einen Klempner anrufst?«
»Es ist bestimmt nur eine Kleinigkeit«, beharrte sie. »Wenn ich nachts aufwache, höre ich es, und es stört mich ganz furchtbar.«
»Mum«, erwiderte er gepresst, »ich bin heute Morgen um halb fünf aufgestanden. Ich hatte zehn Minuten Mittagspause, und ich muss noch nach einer Färse sehen, bevor ich zu Bett gehen kann. Ruf einen Klempner!«
Hazels Unterlippe zitterte bedrohlich. Ich glaubte nicht, dass wir an diesem Abend noch weiteres herzzerreißendes Schluchzen ertragen konnten – mein Tränenausbruch war wirklich genug gewesen.
»So etwas zerrt an den Nerven, nicht wahr?«, warf ich mitfühlend ein. »Man liegt da, wartet darauf, dass der nächste Tropfen fällt, und kann nicht wieder einschlafen. Aber wenn man ein Tuch in die Spüle legt, hört man nichts mehr.«
Matt verdrehte die Augen, griff nach dem Holzkorb und verzog sich nach draußen.
»Er begreift nicht, wie sehr es mich verletzt, wenn er so kurz angebunden ist«, bemerkte seine Mutter kummervoll.
»Er meint es nicht so«, sagte ich. »Es ist nur die Kälberzeit. Ich glaube, im Moment springt jeder Milchfarmer im Land etwas grob mit seiner Mutter um.«
»Es liegt auch an Rosie«, sagte sie. »Er ist ein so lieber Junge, Josie, er erträgt es kaum, sie so leiden zu sehen. Vielleicht …« Sie hielt inne und musterte mich mit einem madonnengleichen Ausdruck geduldigen und liebevollen Vorwurfs, »… vielleicht wäre es hilfreich, wenn du nicht von ihm erwarten würdest, in jeder freien Minute für dich parat zu stehen, hmm?«
Meine Hand schloss sich fester um den Griff meiner Gabel, als ich erwog, sie wie einen Speer nach ihr zu schleudern. Ich kann ziemlich gut zielen – vielleicht würde es mir gelingen, sie von meinem Platz aus seitlich in den Kopf zu treffen. Aber die Folgen würden die flüchtige Befriedigung nicht aufwiegen. Ich blickte auf meinen Teller hinunter und nickte.
»Du bist ein liebes Mädchen. Ich weiß, dass du nicht egoistisch sein willst.« Matt öffnete die Tür wieder, und sie reckte sich, um ihn auf die Wange zu küssen, was ziemlich unpassend schien, da er mit einem Haufen schwerem Eukalyptusholz beladen war. »Gute Nacht, mein Junge. Ich hoffe, du fühlst dich morgen früh besser.« Und mit diesen Worten trottete sie davon.
»Fühle ich mich etwa nicht wohl?«, fragte er, als er den Holzkorb abstellte.
»Schon möglich, sonst würdest du deine vergötterte und dich vergötternde Mutter nicht so unfreundlich behandeln.«
»Aha.« Er öffnete die Ofentür und warf ein paar Holzscheite hinein. Spud klopfte zustimmend mit der Rute auf den Boden.
»Wir sollten besser Kim anrufen und ihr sagen, dass sie bei Rachel ist, damit sie sich eine glaubwürdige Geschichte zurechtlegen kann«, erinnerte ich ihn.
»Ich schicke ihr von unterwegs eine SMS.« Er gähnte laut. »Jetzt gehe ich besser und schaue nach meiner kalbenden Färse. Bist du noch auf, wenn ich in ungefähr einer Stunde zurückkomme?«
»Vermutlich«, sagte ich. »Aber du solltest ins Bett gehen, du schläfst sonst noch auf deinem Traktor ein.« Ich stand auf, ging zu ihm und schlang die Arme um ihn.
»Ich könnte zurückkommen und hier schlafen«, flüsterte er in mein Haar, und mir lief ein Schauer über den Rücken.
»Wie viel Schlaf würden wir dann wohl bekommen?«
»Ein bisschen sicher«, erwiderte Matt diplomatisch, dann seufzte er. »Besser nicht. Es ist nicht unser Haus.« Er küsste mich erneut, diesmal fast feierlich. »Also schön. Wir sehen uns morgen.«
»Nacht«, sagte ich mit leicht zittriger Stimme. Und dann, als er zur Küchentür hinausging: »Matt?«
Er drehte sich um und sah mich an. »Ja?«
»Ich liebe dich.«
Er erwiderte nichts darauf, sondern lächelte nur langsam; ein Lächeln puren, unkomplizierten Glücks. Dann schloss er die Tür hinter sich.
Als ich um zehn Roses Schlafzimmertür aufstieß, lag sie wach mit einer Gedichtanthologie in der Hand da, den Blick auf nichts Besonderes gerichtet.
»Hallo, Liebes«, sagte sie.
»Hallo.« Ich zog den für Besucher bestimmten Küchenstuhl an der Wand zu mir heran und setzte mich neben sie. »Du konntest wieder nichts essen, stimmt’s?«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich esse morgen früh. Versprochen.«
»Hast du deine Tabletten schon genommen?«
»Noch nicht. Ich will erst ein bestimmtes Gedicht finden.«
Ich zog ein Onesie-bekleidetes Knie unters Kinn. »Irgendetwas so Bedeutungsschwangeres wie ›Crossing the bar‹?«
»Ich konnte Tennyson noch nie ausstehen«, erwiderte sie schwach. »Schlimm, das zugeben zu müssen. Nein, ›Das Walross und der Zimmermann‹. Mein Großvater hat es mir vorgelesen, als ich klein war.«
»Ich erinnere mich, dass du es auch Matt und mir vorgelesen hast.«
»Ja.«
»Danke«, sagte ich. »Wir verdanken dir so viel Schönes.«
»Ich wollte immer schöne Erinnerungen für euch Kinder schaffen. Die Dinge sind viel magischer, wenn man sie entdeckt, solange man noch klein ist.«
Wir hatten imaginäre Woozles gejagt und Lebkuchenhäuser gebaut und Mimosen berührt und dann zugesehen, wie sich die Staubblätter blitzschnell schlossen, hatten Grashalme in kleine Löcher in der Erde gesteckt und gewartet, bis sie zitterten, bevor wir behutsam ein kleines, ungehaltenes Insekt herauszogen.
»Das ist dir gelungen.« Ich spürte, wie mir Tränen in die Augen stiegen. »Tante Rose, du hast gesagt, du willst nicht, dass wir uns … so an dich erinnern. Aber das werden wir nicht – wir werden uns daran erinnern, wie wir Fallen gegraben und Kuchenteigschüsseln ausgeleckt haben – und an Gin Tonic ohne Tonic.«
»Gut.« Sie schloss die Augen.
»Nimm erst deine Tabletten«, bat ich. »Sind die Kissen in Ordnung?«
»Ja.«
Sie schluckte die Tabletten, und ich lehnte mich zurück, um zu warten, bis sie eingeschlafen war.
»Geh zu Bett, Josephine«, flüsterte sie ein paar Minuten später.
»Gleich. Tante Rose?«
»Mhm?«
»Matt liebt mich auch.«
Sie drehte schläfrig den Kopf auf dem Kissen. »Natürlich tut er das. Schon seit Jahren. Dumme Kinder.«