Kapitel 20
AM MONTAG SASS ich in Ambers Mittagspause hinter ihrem Schreibtisch und betrachtete gelangweilt ihre umfangreiche Nagellacksammlung, während ich auf meinen nächsten Patienten wartete. Wäre es nicht mitten im Winter gewesen, hätte ich sicher nur zu gerne einmal »Tangerine Dream« auf meinen Zehennägeln ausprobiert.
Als die kleine Glocke über der Tür bimmelte, blickte ich auf. »Hey.«
»Hey.« Matt schloss die Tür hinter sich.
»Welcher gefällt dir besser?« Ich hielt zwei Fläschchen hoch. »Hellrosa mit Glitzer oder kräftiges Pink ohne?«
Er überlegte kurz. »Kräftiges Pink.«
»Hmm. Stimmt. Aber auf den Nägeln sieht die Farbe nie so schön aus wie in der Flasche. Was gibt’s?«
»Du hast gesagt, ich soll vorbeikommen und einen Termin ausmachen«, erwiderte er. »Deswegen bin ich hier.«
»Brav, der Mann.« Ich legte die Nagellackfläschchen in die Schublade zurück und warf einen Blick auf den Computerbildschirm. »Wann würde es dir denn passen?«
»Jetzt geht es nicht?«
Ich schüttelte den Kopf. »Der nächste Patient kommt gleich, und der Nachmittag ist voll. Tut mir leid. Morgen vielleicht – ach nein, da bringst du Tante Rose ja zur Chemo. Mittwoch?«
»Am besten nachmittags.«
Ich rief die Mittwochstermine auf. »Um zwei?«
»Okay.«
Ich griff nach einem Kärtchen, um die Zeit auf die Rückseite zu schreiben.
»Das verlier ich doch nur«, sagte er. »Keine Angst, ich vergesse es nicht.«
»Ausgezeichnet. Hast du deiner Schwester verziehen?«
Matt lächelte sein träges Lächeln. »Als ich heute Morgen zum Füttern gefahren bin, lag eine Hackfleisch-Käse-Pastete auf dem Traktorsitz.«
»Es tut ihr unendlich leid, dass sie dich enttäuscht hat«, sagte ich. Ein größeres Bild des Jammers als Kim am Sonntagmorgen beim Frühstück war schwer vorstellbar – ihr waren unaufhörlich Tränen über die Wangen gerollt und in ihre Haferflocken getropft.
»Ich weiß.«
»Wenigstens geht sie nicht mehr mit diesem miesen Taugenichts aus.«
»Dreckiger kleiner Scheißkerl«, knurrte Matt. »Ich war noch nie im Leben so nah daran, jemandem die Nase einzuschlagen.«
»Warum hast du es nicht getan?«, fragte ich.
»Ich habe ihm stattdessen einen Schlag in die Magengrube verpasst.«
»Du Held«, sagte ich bewundernd. »Einen harten, hoffe ich.«
»Er hat ihn zu Boden geschickt«, gab er zu.
»Hervorragend.«
»Ich dachte, du verurteilst Gewalt, Jose.«
»Bei Leuten, die ihre minderjährigen Freundinnen zu Partys mitschleppen, sie abfüllen und dann mit einer anderen in einem Schlafzimmer verschwinden, mache ich eine Ausnahme.«
Matt verzog einen Moment lang angewidert das Gesicht, dann hellte sich seine Miene auf. »Mit etwas Glück heißt das, dass er meine kleine Schwester nicht angerührt hat. Für solche Sachen ist sie noch viel zu jung.«
»Du Heuchler«, versetzte ich. »Wenn ich mich recht erinnere – und da bin ich mir ziemlich sicher –, hast du in Kims Alter alle möglichen unanständigen Dinge getrieben.«
»Stimmt ja gar nicht!«
»Du warst jedenfalls viel unanständiger als ich.«
»Jose, da waren ja sogar die Nonnen unanständiger als du damals auf der Highschool.«
»Auch wieder wahr«, gab ich betrübt zu.
»Erinnerst du dich an die Silvesterparty bei Wilsons, wo du eine halbe Dose Lion Red getrunken hast und in die Wollpresse gefallen bist?«
»War das die Party, auf der Alicia Beaumont dir die ganze Nacht am Hals gehangen hat? Mann, war das eine Nervensäge.«
»Ich war ja nicht an ihrer Persönlichkeit interessiert«, erwiderte er milde.
»Lebt sie noch hier in der Gegend?«, fragte ich.
Matt nickte. »Ich sehe sie manchmal in der Stadt. Sie hat sich ziemlich gehenlassen. Und sie hat mindestens drei Kinder.«
»Keins davon von dir?«
Er verzog schmerzlich das Gesicht.
»Das war während deiner Kurt-Cobain-Phase«, erinnerte ich mich. »Als du dir hellblonde Strähnchen gefärbt und Löcher in deine Jeans gerissen hast.«
»Und Tante Rose hat sie immer wieder geflickt.«
»War Alicia auch noch hinter dir her, als du keine sexy gebleichten Haare mehr hattest?«
»Natürlich«, nickte Matt. »Ich war ein toller Kerl.«
»Mhm«, stimmte ich zu und bemerkte dann entsetzt, dass ich das nicht nur gedacht hatte.
Er lächelte breit. »Danke. Du hast gerade dieselbe Farbe angenommen wie dieser Nagellack.«
»Ein netter Mensch hätte so getan, als hätte er das nicht bemerkt«, erwiderte ich bitter.
»Wahrscheinlich.« Er ging durchs Wartezimmer und öffnete die Eingangstür. »Du warst übrigens auch nicht übel.«
Und so war es seine Schuld, dass meine nächste Patientin mir, als sie endlich eintraf, als Erstes erklärte, dass meine roten Wangen vermutlich von unausgewogener Ernährung herrührten, und mir eine Chelationstherapie empfahl.
Tante Rose umklammerte die Lehnen des Brokatohrensessels im Wohnzimmer und zog sich mühsam auf die Füße. Ich kämpfte mich durch den Besuch der Hobbits bei Tom Bombadil in Der Herr der Ringe, das ich sogar noch langweiliger fand, als ich es in Erinnerung hatte, blickte auf und sah sie mit einem leisen Schmerzenslaut den Atem anhalten. »Was tut weh?«, fragte ich.
»Der Rücken«, erwiderte sie mit zusammengebissenen Zähnen.
»Soll ich dich massieren?«
Sie schüttelte den Kopf und richtete sich langsam ganz auf. »Das würde nicht helfen, es ist kein Muskelproblem. Ich werde ein paar Tabletten nehmen.«
Ich schnitt eine mitleidige Grimasse. »Übelkeit und Rückenschmerzen ist ein bisschen viel auf einmal. Oberer oder unterer Bereich?«
»Unterer«, erwiderte Rose.
»Es gibt ein paar Dehnübungen, die helfen könnten.«
»Physiotherapeut ist zweifellos ein angesehener Beruf, Josephine, aber bei einer Geschwulst an der Wirbelsäule kann die Behandlung nicht viel ausrichten«, sagte sie trocken und ging langsam aus dem Zimmer; dann hörte ich das Knirschen und Zittern der alten Rohre, als sie sich ein Bad einließ.
Eine Geschwulst an der Wirbelsäule? Heilige Scheiße! Ich ließ mein Buch zu Boden gleiten, stand auf und holte das Telefon vom Couchtisch. Stus Telefon war entweder abgeschaltet oder der Akku war leer; ich erreichte nur die Mailbox: »’allo, Stuart ’ier, ’interlassen Sie eine Nachricht, und ich rufe zurück.« Diese Woche strich er scheinbar seinen ländlichen Yorkshireakzent heraus – erstaunlich, wenn man bedenkt, dass Stu die Meinung vertritt, es wäre kein Verlust, wenn ganz Nordbritannien in ein tiefes Loch fallen würde. Einen Moment lang nagte ich unschlüssig an meiner Unterlippe, dann wählte ich Graemes Handynummer.
Er meldete sich nach dem dritten Freizeichen. »Graeme Sunderland hier.« Ich hatte vergessen, was für eine schöne Stimme er hatte – tief und sahnig wie Karamell.
»Hi«, sagte ich. »Ich bin’s.«
Eine längere Pause entstand. »Was kann ich für dich tun?«
»Ich brauche deine professionelle Meinung.«
Noch eine Pause. »Schieß los.«
Es war ein Fehler gewesen, ihn anzurufen. Wenn er mich anrief, hatte ich irgendwie die moralische Oberhand. Aber ich hatte es nun einmal getan, also fragte ich: »Wenn ein Brustkrebs streut und während der Chemo Metastasen in der Wirbelsäule bildet, wie ist dann die Prognose?«
»Das ist nicht mein Fachgebiet«, erwiderte Graeme.
»Das weiß ich, aber du kennst dich weit besser aus als ich. Rose hat sechs Wochen Chemo bekommen, dann wurde die befallene Brust amputiert, dann stellte sich heraus, dass die Werte nicht in Ordnung waren, und jetzt hat sie wegen einer Geschwulst an der Wirbelsäule Rückenschmerzen.«
»Jo, ich weiß nicht, von was für einer Krebsart genau du sprichst …«
»Von einem duktalen Karzinom.«
Er fuhr fort, als hätte ich ihn nicht unterbrochen: »… oder was für eine Art Chemotherapie sie bekommt oder was für Tumormarker sie gesetzt haben. Ich kann nicht Spekulationen über einen Fall anstellen, über den ich nichts weiß.«
»Graeme«, gab ich erschöpft zurück, »könntest du mal eine halbe Minute lang versuchen, dich wie ein netter Mensch zu benehmen? Ich weiß, dass du keine genaue Diagnose stellen kannst – ich will nur ungefähr wissen, woran ich bin.«
Graeme seufzte. »Hat der Krebs schon vor Beginn der Chemo gestreut? Haben sie gleich zu Anfang eine Computertomographie gemacht?«
»Ja. Soweit ich weiß, war alles in Ordnung.«
»Dann gibt es wenig Hoffnung, fürchte ich.«
»Das habe ich auch befürchtet.«
»Tut mir leid, JD.«
Sein Ton hatte sich von pompös und herablassend zu relativ freundlich verändert. Heiße Tränen stiegen mir in die Augen. »Ja, das Leben erspart einem nichts. Danke.«
»Gern geschehen. Und, Jo?«
»Ja?«
»Alles andere tut mir auch leid.«
Ich wäre vor Überraschung fast vom Stuhl gefallen. Das aus dem Mund von Graeme, dem Mann, der sich eher eigenhändig seine sorgfältig manikürten Fingernägel ausgerissen hätte, als sich für irgendetwas zu entschuldigen. »Äh … danke.«
»Dieses Wochenende veranstalte ich wieder eine Hausbesichtigung. Ich rufe dich an und erzähle dir, wie es gelaufen ist.«
»Das wäre nett«, sagte ich. »Wir hören dann voneinander.«
»Ja«, erwiderte Graeme. »Du fehlst mir, JD.« Und dann hängte er ein.
Es ist seltsam, wie sich manche Dinge ändern. Noch vor ein paar Monaten hätte ich viele Stunden, die ich besser zum Schlafen verwendet hätte, damit verbracht, über die mögliche Bedeutung der Worte »Du fehlst mir, JD« nachzugrübeln. Hieß das, dass ihm ein Licht aufgegangen war? Bereute er die ganze Geschichte? Wünschte er vielleicht inzwischen, er hätte mich nicht durch eine Frau ersetzt, die ohne Make-up keinen Fuß vor die Tür setzt? Stand er im Begriff, nach Waimanu zu kommen, sich mir zu Füßen zu werfen und mich anzuflehen, ihm noch eine Chance zu geben? Und so weiter und so fort.
Aber wer zum Teufel scherte sich um Graeme und seine Entschuldigungen, wenn all die Chemos und die Übelkeit – wenn diese ganze Scheiße für die Katz war?
»Warum ziehst du keine Gummihandschuhe an, wenn du Zwiebeln schneidest?«, schlug Hazel vor. »Dann hast du nicht diesen Geruch an den Händen.«
Man kann sich ebenso gut auch hinterher die Hände waschen. Aber ich sagte nur: »Das ist eine gute Idee«, weil es einfacher ist, Hazel beizupflichten.
Kim lag wie eine Steinfigur auf einem mittelalterlichen Grab mit auf dem Bauch gefalteten Händen auf der Chaiselongue. »Was kochst du denn?«, fragte sie.
»Leber mit Speck.«
»Pfui Teufel.«
Ich lächelte ihr zu. »Ich tue nur, was man mir aufgetragen hat.« Dann spülte ich mir die Hände ab und gab einen großzügigen Klumpen Butter in die Pfanne.
»So viel Butter, Josie?«, tadelte Hazel sanft. »Du weißt doch – das geht sofort auf die Hüften.«
»Sie hat keine Hüften«, protestierte Kim.
»Nur weiter so«, murrte ich. »Reib noch Salz in die Wunde.«
»Das war ein Kompliment!«
»Eine knochige Figur zu haben ist nicht gerade einfach, das kann ich dir sagen. Hast du eine Ahnung, wie schwer es ist, Hosen zu finden, die richtig sitzen?« Ich streute die Zwiebeln in die Pfanne. »Ich denke, je mehr Kalorien wir in Tante Rose hineinstopfen können, desto besser.«
Hazel seufzte. »Diese schreckliche Krankheit. Rosie, wie geht es dir heute?«
Rose kam gerade langsam in die Küche geschlurft. »Ganz gut«, erwiderte sie, was ganz offensichtlich nicht der Wahrheit entsprach – ihr Gesicht wies eine ungesunde gelblich grüne Färbung auf, und unter ihren Augen lagen dunkle Schatten. »Kimlet, rutsch mal ein Stück.«
Kim setzte sich auf. »Möchtest du ein Glas Ginger Ale?«, erkundigte sie sich eifrig.
»Das wäre wunderbar.« Rose sank auf ein Ende der Chaiselongue und legte den Kopf aufs Polster. »Wer ist das denn, Josephine?«
Durch das Fenster über der Spüle sah ich einen kleinen Lastwagen den Hügel hinauffahren. Die Hunde erhoben sich von der hinteren Veranda und schossen davon, um ihn in Empfang zu nehmen. »Bob McIntosh«, stöhnte ich. »Lieber Gott, nein.«
»Was will denn der hier?«, wunderte sich Hazel.
»Josie«, kicherte Kim.
»Ich Glückskind. Kannst du die Tür aufmachen?« Ich tat so, als hätte ich sein schüchternes Winken nicht bemerkt, wandte mich vom Fenster ab und holte die Lammleber aus dem Kühlschrank.
»Guten Abend, die Damen.« Bob nickte uns von der Türschwelle aus zu. »Wie geht es uns allen denn?«
»Ausgezeichnet, danke«, erwiderte Kim sittsam. »Und Ihnen?«
»Oh, ganz gut.« Bob trat seitwärts wie eine Krabbe in den Raum. »Irgendetwas riecht hier ganz köstlich, Josie.«
»Leber und Speck«, warf Rose schroff ein. »Was kann ich für Sie tun, Bob?«
Er ging nicht auf ihre Frage ein. »Leber und Speck«, wiederholte er. »Wunderbar. Gute altmodische Hausmannskost. Gibt es irgendetwas, das Josie nicht kann?«
»Schafe scheren.« Rose nahm ihr Glas Ginger Ale entgegen.
»Das ist unfair«, protestierte ich. »Ich wollte die widerlichen Schafe überhaupt nicht scheren.« Ich nahm ein scharfes Messer aus der Schublade und schnitt die Leber in hauchdünne Scheiben. Leber wird auf der Liste meiner Lieblingsgerichte nie ganz oben stehen, aber wenn man sie so dünn schneidet, dass sie fast durchsichtig ist, und sie mit viel Speck und Zwiebeln in einem halben Pfund Butter brät, schmeckt sie gar nicht so schlecht – vor allem nicht im Vergleich zu dem Rezept meiner Großmutter: große Würfel Ochsenleber in brauner Soße. Ich erinnere mich, mit etwa acht Jahren einmal in der festen Überzeugung auf einen Teller mit diesem Zeug hinuntergeblickt und erwartet zu haben, dass es mir, selbst wenn ich es herunterbrächte, sofort wieder hochkäme.
»Wir sollten jetzt auch gehen, Kim, und uns um unser eigenes Dinner kümmern«, sagte Hazel.
»Kann ich nicht hierbleiben?«, fragte Kim.
»Ich dachte, du magst keine Leber«, entgegnete ich.
»Ich könnte Spaghetti auf Toast essen.«
Rose lächelte ihr zu. »Von mir aus gerne«, sagte sie. »Nun, Bob, womit können wir Ihnen helfen?«
Bob hüstelte nervös. »Ich wollte nur fragen, ob die junge Josie an diesem Wochenende vielleicht Lust zu einem kleinen Ausflug hätte. Irgendwo auswärts essen. Ich weiß, dass sie Sie abends nicht allein lassen möchte, aber Lunch wäre doch möglich.«
»Nein, danke, Bob.« Mit fast übermenschlicher Anstrengung hielt ich mich davon ab, »aber das ist sehr nett von Ihnen« hinzuzufügen, was ihn nur ermutigt hätte.
»Oh«, murmelte er traurig. »Na gut, vielleicht ein andermal. Und jetzt lasse ich die Damen wohl besser in Ruhe essen.« Er hielt hoffnungsvoll inne, nur für den Fall, dass ihn irgendjemand zum Bleiben auffordern würde, und ließ die Schultern sinken, als alle schwiegen. »Na dann … gute Nacht.«
Als er über den Kiesweg zu seinem Laster zurückging, bemerkte Hazel: »Armer Kerl.«
»Ist das dein Ernst?«, fragte Kim. »Ich finde ihn ganz schön unheimlich.«
Ich seufzte. »Er ist harmlos, aber ich wünschte, er würde mich in Ruhe lassen.«
»Setz dich mit ihm auseinander und erkläre ihm, dass du nicht interessiert bist«, riet Hazel.
»Das habe ich schon getan. Klar und deutlich.«
»Hab nur nicht zu viel Mitleid mit ihm«, sagte Rose. »Er weiß ganz genau, dass er dir Schuldgefühle einimpft – das ist eine ziemlich subtile Form des Bedrängens. Wie ist es, Hazel, bleibst du zum Essen?«
»Nein, nein«, wehrte Hazel ab. »Kim, Liebes, musst du noch Hausaufgaben machen?«
»Nichts Wichtiges«, erwiderte sie. »Keine Sorge, Mum, ich habe alles im Griff.«
»Bist du sicher, dass du diesen Plagegeist dabehalten willst, Rosie?«
»Ich mag sie«, erwiderte Rose. »Weiß Gott, warum.«
»Wenn wir sie nicht mehr ertragen können, bringen wir sie zurück«, versprach ich.
Wir aßen am Küchentisch, dann wuschen Kim und ich ab, was Tante Rose mit hochgelegten Füßen überwachte. »Das gefällt mir«, bemerkte sie. »Es macht wirklich Spaß, euch beiden beim Arbeiten zuzusehen. Kim, Süße, der Tisch muss noch abgewischt werden.«
»Hast du die Hunde schon gefüttert?«, fragte ich.
»Nein. Das kannst du übernehmen, wenn du möchtest.«
Ich nahm eine neue Hundewurst aus dem Schrank über der Holzkiste und schnitt sie auf. »Bekommt Percy auch was, oder ist er wieder auf Diät?«
»Besser wäre es für ihn. Der arme Bursche bewegt sich am Rande der Fettleibigkeit.«
Matts Auto kam den Hügel herauf, als ich gerade die Hundewurst verteilte (und dem Schwein eine Karotte gab, wofür ich einen vorwurfsvollen Blick erntete).
»Hi«, sagte er, als er den Kiesplatz überquerte.
»Hi. Ist das nicht schön heute?« Draußen war es eiskalt und still. Eine dünne Rauchsäule kräuselte sich in der Luft, und der Himmel war mit Sternen übersät. In der Stadt hatte ich Winternächte wie diese vergessen, wo die Sterne am Himmel funkelten und die Luft klar und frisch war. Die Art von Nacht, in der man sich vorstellt, die Sterne mit hohen, reinen Stimmen singen zu hören, und sich fest vornimmt, sich mit Astronomie zu beschäftigen und Mondscheinspaziergänge zu unternehmen. Und dann geht man ins Haus zurück und sieht fern und denkt nicht mehr daran.
»Wenn der Wind auffrischt, bekommen wir mörderischen Frost«, sagte Matt. »Auf den Futtertrögen war heute Morgen Eis.«
»Ich glaube, auf meinem Kissen auch.«
»Das würde mich nicht wundern«, erwiderte er. »Dieses Haus muss das kälteste der Welt sein.«
»Ich mag besonders, wie der Wind durch die Wände pfeift und die Tapete von unten anhebt.« Ich kraulte Percy zwischen den Ohren. »Ich erwäge ernsthaft, mir einen Onesie zuzulegen.«
»Einen was?«
»Einen dieser coolen Schlafanzüge aus Polarfleece, mit Füßlingen und einem Reißverschluss in der Mitte. Sieht aus wie ein überdimensionaler Babystrampelanzug. Und man kriegt auch welche mit einer Öffnung am Hinterteil, die muss man noch nicht mal ausziehen, wenn man auf die Toilette geht.«
»Jo«, sagte Matt, »du bist verrückt.«
Wir gingen in die warme, schäbige Küche zurück, wo Kim vier Teetassen auf den Tisch gestellt hatte. Sie stand auf Zehenspitzen in der Speisekammer und angelte nach einer Packung Schokoladenkekse. »Tee, Matt?«, fragte sie.
Er zwinkerte erstaunt. »Ich sollte dich wohl öfter mal zusammenstauchen.«
»Aber nicht zu oft, sonst wird sie immun dagegen«, gab ich zu bedenken. »Es ist schwierig, das richtige Maß zu finden.«
»Du brauchst mich in Zukunft überhaupt nicht mehr zusammenzustauchen«, sagte Kim. »Ich bin fertig mit den Männern. Wahrscheinlich ein für alle Mal.«
»Ausgezeichnet«, fand Matt. »Vermutlich hält dieser Zustand nur eine Woche an, aber es wird sicher eine angenehm ruhige Woche werden.« Er küsste Tante Rose, und sie legte ihm eine klauenähnliche Hand an die Wange.
»Benehmen sich die Kühe, mein Junge?«, fragte sie.
»Zwei haben letzte Nacht gekalbt«, antwortete er. »Das sind insgesamt schon fünf – ich bin mental noch gar nicht darauf vorbereitet.«
»Wann sollte es denn losgehen?«
»Erst in ungefähr zehn Tagen.«
»Dann bringe ich dich nächste Woche zur Chemo«, sagte ich zu Rose.
»Das kann ich auch machen«, widersprach Matt.
»Ich habe gestern mit Cheryl gesprochen. Sie möchte gern wieder arbeiten, und ihre Schwiegermutter brennt darauf, Max zu übernehmen, also ist das gar kein Problem.«
»Nein, das geht schon in Ordnung«, beharrte er. »In der nächsten Woche habe ich noch nicht ganz so viel zu tun.«
»Kinder«, meldete sich Rose zu Wort. »Ich gehe nicht mehr zur Chemo.«
Wir starrten sie beide an. »Was soll das heißen?«, fragte Matt.
»Ich will keine Chemotherapie mehr«, entgegnete sie ruhig.
»Aber du hast noch vier Wochen vor dir«,
wandte er
ein.
»Nein.«
»Aber …«, begann ich und brach dann ab.
Rose lächelte mir zu. »Seht ihr, das Ganze ist jetzt wirklich nur noch palliativ, und was zum Teufel nutzen mir ein paar Wochen oder Monate mehr, wenn ich mich die ganze Zeit total beschissen fühle, wie Josephine es so treffend auszudrücken beliebt.«
Eine entsetzte Stille trat ein, die nur vom Zischen herabfallender Glut im Ofen unterbrochen wurde. Endlich flüsterte Kim: »Was bedeutet ›palliativ‹?«, und ihre Augen wirkten in ihrem totenblassen Gesicht riesig.
»Dass sie nur noch die Beschwerden etwas lindern, die Krankheit aber nicht heilen können.«
Kim rang nach Atem und barg das Gesicht in den Händen.
»Ach, Süße«, sagte Tante Rose. »Komm her.« Sie breitete die Arme aus und drückte Kim gegen die Stelle, wo einst ihre Brust gewesen war.
»Du kannst nicht einfach aufgeben«, fauchte Matt ärgerlich. »Es gibt genug andere Spezialisten – ich habe im Internet über eine neue Behandlungsmethode in Amerika mit beeindruckenden Resultaten gelesen.«
»Nein«, wiederholte sie.
»Aber …«
»Matthew, sei still und hör zu.« Er gehorchte, doch es kostete ihn eine solche Anstrengung, dass es weh tat, ihn anzusehen. »Wir haben alles versucht, aber der verdammte Krebs hat sich jetzt auch in die Lunge und in die Knochen gefressen. Ich würde es vorziehen, die Zeit, die mir noch bleibt, zu genießen, statt im Land herumzureisen und von einem Dutzend verschiedener Onkologen dieselbe Diagnose zu bekommen.« Sie streckte die Hand nach ihm aus, und Matt, den ich angesichts schlechter Nachrichten noch nie die Fassung hatte verlieren sehen, sank plötzlich neben ihr auf den Küchenfußboden und verbarg das Gesicht in den Falten ihres Morgenmantels.
Ich rutschte von der Tischkante, auf der ich gekauert hatte, und tastete mich wie blind durch den Raum. Kim und Matt sollten etwas Zeit allein mit ihr verbringen. Sie hatten schon ihren Vater verloren, und nun würde auch noch die Frau von ihnen gehen, die ihnen in vieler Hinsicht die Mutter ersetzt hatte. Es gab wirklich lausige, elende, ungerechte Schicksalsschläge im Leben – ich wollte nur noch raus hier und auf irgendetwas eintreten.
»Josephine«, sagte Rose sanft, als ich die Tür zum Flur erreicht hatte. Ich blickte über meine Schulter, und sie winkte mich mit der Hand zu sich, mit der sie Kims schmalen braunen Kopf gestreichelt hatte. Ich ging langsam durch die Küche zurück, setzte mich neben sie auf den Boden, lehnte den Kopf gegen ihr freies Knie und atmete den vertrauten Duft ihres Parfüms ein. Kim weinte leise, das Gesicht in einem Kissen vergraben, und Matt saß still auf ihrer anderen Seite. Ich konnte nicht anders, ich berührte seine Hand, und er tastete ohne aufzublicken danach und umschloss meine Finger fest mit seinen.
Tante Rose tätschelte uns eine Weile abwechselnd den Rücken, dann sagte sie: »Ihr Lieben, das ist ja alles sehr schmeichelhaft, aber ihr rührt mich allmählich zu Tränen.«
»Tapfer«, sagte Matt gepresst, setzte sich auf und wischte sich mit dem Hemdsärmel über sein nasses Gesicht. Ich stand auf, nahm eine Rolle Papiertücher von der Bank, riss eines ab, um mir die Nase zu putzen, und reichte die Rolle dann weiter.
»Schon besser«, lobte Rose. »Tapfere kleine Soldaten.«
Dass Matt und ich trotz unserer stattlichen Körpergröße als klein bezeichnet wurden, entlockte mir unwillkürlich ein schluchzendes Lachen.
»Josephine, ist noch etwas von dem Sherry da?«
»Nein … nicht von dem guten. Nur von diesem scheußlichen Kochsherry.«
»Besser als nichts«, entgegnete Rose resolut. »Wir können alle einen vertragen.«
»Der wird uns wahrscheinlich den Rest geben«, sagte ich, holte die Flasche aber trotzdem aus dem Schrank über der Mikrowelle und füllte vier der besten Kristallgläser.
»Himmel.« Matt nippte misstrauisch daran. »Bist du sicher, dass das kein Abbeizmittel ist?«
»Gut ist er nicht«, stimmte Rose zu. »Aber das macht nichts – ex und hopp!«
»Wie lange weißt du es schon?« Kim erschauerte, als ihr der Sherry die Kehle hinunterrann.
Tante Rose seufzte. »Ich habe es euch nicht gesagt, aber die Prognose war von Anfang an nicht gut, und die letzte Untersuchung hat ergeben, dass sich während der ersten Chemo eine ganze Anzahl Metastasen gebildet hat. Ich fand, eine zweite Chemo würde alles nur noch schlimmer machen. Also habe ich letzte Woche ein langes Gespräch mit dem Spezialisten geführt, und er stimmte mir zu, dass wir keine großen Fortschritte machen und es eine vernünftige Entscheidung ist, keine teuren Medikamente mehr an Tumore zu verschwenden, die nicht darauf reagieren.«
»Wie lange noch?«, fragte Matt.
»Wer weiß?«
»Eine grobe Schätzung.«
»Ein paar Monate. Vielleicht.«
»Und wie lange hättest du, wenn du die zweite Chemo zu Ende bringen würdest?«
»Sechs Monate, denken sie«, erwiderte Tante Rose und seufzte erneut. »Ich muss sagen, es kommt mir alles schrecklich ungelegen. Ich hätte zu gerne noch eure Kinder gesehen. Obwohl eine Horde schlecht erzogener Rangen mit ständig laufenden Nasen und klebrigen Händen dabei herauskommen wird.«
»Hör bitte auf, uns aufheitern zu wollen.« Ich betupfte mir die Augen erneut mit einem Papiertuch. »Es ist unerträglich.«
Rose lächelte mich liebevoll an. »Undankbares Biest«, murmelte sie.