Kapitel 16

KIMS DISZIPLINARANHÖRUNG fand am Montagnachmittag nach der Schule statt. Laut Matt hatte man ihr mit Schulverweis gedroht, und sie hatte dagesessen wie ein jämmerliches Häufchen Elend, bevor ihre Strafe verkündet wurde – jedes Nachschlagewerk in der Bibliothek der Waimanu Highschool neu zu katalogisieren. Dazu würde sie jeden Tag von halb vier bis fünf in der Schule bleiben müssen, bis die Putzfrauen mit ihrer Arbeit durch waren und abschlossen.

»Ich bringe sie anschließend nach Hause«, bot ich an. Matt war während Ambers Mittagspause in die Praxis gekommen. Er lehnte an der Theke und entfernte sich mit seinem Taschenmesser Distelstacheln aus den Fingerkuppen. Stacheln herauszupulen ist eine dankbare Aufgabe – mir juckten die Finger, sie ihm abzunehmen, aber seit jenem unseligen Tag vor ungefähr fünfzehn Jahren, an dem ich mit einer Lanzette seinen entzündeten Zehnagel eröffnet und dabei eine größere Ader getroffen hatte, durfte ich nicht mehr mit einem scharfen Instrument in seine Nähe kommen. »Obwohl sie im Moment wahrscheinlich lieber zu Fuß geht, als mit mir irgendwo hinzufahren.«

Er grinste. »Armes kleines Hascherl«, sagte er. »Du hast sie angebrüllt, ich habe sie angebrüllt, Rose hat sie angebrüllt, und Mum hat gestern Abend eine Stunde lang hysterisch geschluchzt, dass sie dem Namen King Schande gemacht hat.«

»Arme Kim«, sagte ich voller Mitgefühl.

»Sie darf nicht mehr zum Gitarrenunterricht gehen, und Mum hat ihr verboten, sich weiter mit diesem Versager Jonno zu treffen.«

Ich rieb mir nachdenklich über die Nase. »Hast du keine Angst, dass sie das eher dazu ermuntert, abzuhauen und mit ihm zu schlafen?«

»Wahrscheinlich«, erwiderte er düster. »Widerlicher kleiner Bastard. Ich wette, dass er ihr den Stoff überhaupt erst gegeben hat.« Er seufzte. »Es war verdammt gedankenlos von Dad, sich ausgerechnet dann zu verabschieden, als sie ins Teenageralter kam.«

»Du machst deine Sache gut. Sie kann sich glücklich schätzen, dass sie dich hat.« Als ich spürte, wie mir das Blut ins Gesicht stieg, fügte ich hastig hinzu: »Wann muss sie denn ihre Strafarbeit antreten?«

»Heute«, entgegnete Matt. »Ich hab ihr schon gesagt, dass sie danach hierherkommen und sich selbst bemitleiden soll, bis du sie nach Hause fährst.«

»Ich hoffe, sie lässt sich blicken.«

»Ganz sicher.« Matt richtete sich auf und steckte sich sichtlich zufrieden mit dem Ergebnis seiner Bemühungen das Taschenmesser in die Hosentasche zurück. »Hey, Jo – danke.«

»Ich muss sowieso in die Richtung«, sagte ich.

»Nicht nur dafür. Für – na ja, für alles.«

Ich musste einen Seufzer unterdrücken. Es war zwar besser, wenn Matt mich als die gute alte, hilfsbereite Jo betrachtete und nicht etwa als die alte Nervensäge Jo, die sich überall einmischt, aber nichtsdestotrotz fand ich es ziemlich deprimierend.

Roeschen.tif

Kim erschien um zehn nach fünf und machte ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter. Amber war schon gegangen – sie hatte sogar ihren Computer ausgeschaltet, was an ein kleines Wunder grenzte –, und ich kramte in einer Schachtel mit fast zu Ende aufgebrauchten Elastoplastrollen herum. Warum Cheryl diese letzten Zentimeter immer aufhob, statt sie bis zum Ende um Knöchel von Patienten zu wickeln, war mir ein Rätsel.

»Matt hat gesagt, du würdest mich nach Hause fahren.« Kim starrte zu Boden.

»Natürlich tue ich das.« Ich stellte die Schachtel in den Schrank zurück und schloss die Tür. »Hey, Kim?«

»Nein!«, kreischte sie hysterisch. »Keine Vorträge mehr – ich halte das nicht mehr aus!«

Sie wirkte so klein und elend, dass ich sie umarmte, bevor mir einfiel, dass ich im Moment auf ihrer Liste potentieller Trostspender wahrscheinlich nicht sehr weit oben stand. Trotzdem vergrub sie den Kopf an meiner Schulter und brach in Tränen aus. Ich tätschelte ihr eine Weile beruhigend den Rücken. Als sie endlich aufhörte zu schluchzen und einen Schluckauf bekam, gab ich ihr die Schachtel mit Papiertaschentüchern, die ich strategisch günstig auf die Theke gestellt hatte, damit Amber sich nicht ständig die Nase mit dem Handrücken abwischte. (Es hatte nicht funktioniert; Amber benutzte die Tücher nur, um ihren Nagellack zu entfernen. Unsere Patienten warteten dann in einem Acetonnebel auf ihren Termin.)

Kim nahm die Tücher und schnäuzte sich die Nase. »Tut mir leid«, flüsterte sie.

»Mir auch. Ich hatte kein Recht, dich anzuschreien – manchmal vergesse ich, dass du nicht meine Schwester bist.«

»Ich wünschte, ich wäre es«, sagte Kim.

»Das ist vielleicht das Netteste, was ein anderer jemals zu mir gesagt hat.« Ich wühlte in meiner Tasche herum. »Hier, ich hab etwas für dich.«

Sie wickelte das kleine Päckchen aus, betrachtete die silbernen Kreolenohrringe, die ich an diesem Nachmittag während der zehnminütigen Mittagspause, die Amber mir zugebilligt hatte, gekauft hatte, und begann erneut zu weinen. »Sie sind wunderschön«, schluchzte sie. »Und aus echtem Silber – ach, Josie

»Schon gut, Kimlet. Komm, wir fahren nach Hause.«

Roeschen.tif

Hazel, die sich wie eine frühchristliche Märtyrerin gebärdete, fuhr Tante Rose zu ihrer Brustamputation ins Waikato Hospital. Uns Übrigen hatte Rose strikt untersagt, sie zu besuchen.

»Ihr verschwendet nur eure Zeit«, sagte sie. »Ich bleibe nur einen oder zwei Tage dort. Es wird eine angenehme Abwechslung sein, etwas Zeit für mich zu haben, statt euch drei Wilden ständig Benehmen beibringen zu müssen.«

Matt grinste mich an. »Wenn ich du wäre, würde ich das bei Jo und mir aufgeben. Wir sind zu alt, um uns erziehen zu lassen. Konzentriere dich auf die Kröte.«

Sie blieb drei Tage im Krankenhaus, und Hazel brachte sie am Samstag wieder nach Hause. Es stellte sich heraus, dass Hazels neue Schlafzimmervorhänge dann fertig waren und ebenfalls in Hamilton abgeholt werden konnten. Bei diesem zeitlichen Zusammentreffen fiel es mir sehr schwer, bei Hazel an uneigennützige Motive zu glauben.

Sie kamen gegen sechs Uhr an, nachdem sie stundenlang auf die Entlassungspapiere gewartet hatten. Rose ging mit unsicheren Schritten über den Kiesweg zum Kücheneingang. Dabei war sie umringt von einem ängstlichen Gefolge aus vier Hunden und einem Schwein, die sich alle vergewissern wollten, dass Rose sie nie wieder allein lassen würde.

»Wie ich sehe, hast du die Tiere in meiner Abwesenheit schlecht behandelt«, sagte sie.

Ich bückte mich und half ihr, die Schuhe auszuziehen. »Spud hat letzte Nacht in der Küche vor dem Ofen geschlafen, und ich habe Percy eine Stunde lang den Bauch gekrault. Glaub ihnen kein Wort.«

Rose strich mir leicht über den Kopf. »Du hast so viele Fehler, dass ich sie gar nicht alle aufzählen kann, Kindchen, aber du meinst es gut.«

»Danke. Möchtest du eine Tasse Tee?«

»Trägt der Papst einen komischen Hut?«

Hazel sank mit erschöpfter Miene auf einen Küchenstuhl. »Was für ein Tag«, murmelte sie. »Und wer kommt denn jetzt noch, um dich zu behelligen, Rosie?«

Tante Rose ließ sich vorsichtig auf die Chaiselongue sinken. Ich hörte aus dem Hundechor das vertraute Stottern von Matts Auto heraus und sagte: »Es ist nur Matt.«

»Wo ist denn Kimmy, Liebes?«

»Zu Hause. Ich habe sie vor einer halben Stunde dort abgesetzt.«

»Wie geht es unserer jungen Übeltäterin?«, erkundigte sich Rose.

»Sie wird von Reue zerfressen«, erklärte ich. »Hoffentlich legt sich das in ein oder zwei Tagen. Es ist nicht mit anzusehen.«

»Ich hoffe, es hält an«, entgegnete die Mutter der jungen Übeltäterin scharf. »Wie konnte sie so gefühllos sein, uns gerade in dieser schweren Zeit solche Sorgen zu machen – und denk nur mal an die Auswirkungen auf deine Gesundheit, Rose, meine Liebe.«

»Großer Gott«, stöhnte Rose. »Das hast du doch hoffentlich nicht auch zu Kim gesagt?«

»Nun, sie muss wissen, was für Folgen ihre Gedankenlosigkeit für andere hat.«

»Um Himmels willen«, murmelte Rose. »Josephine, erinnere mich daran, dass ich das arme Kind anrufe. Hallo, mein lieber Junge.«

»’Tach«, sagte Matt in dem gedehnten Nuscheln, das er immer anschlug, wenn er seine Tante provozieren wollte. »Schön, dass du wieder zu Hause bist.« Er küsste sie auf die Wange. Farmer-Barbie blieb ihm dicht auf den Fersen. An diesem Abend trug Cilla ein schneeweißes Top und eine leichte schlüsselblumengelbe Strickjacke über ihren Jeans. Das Haar fiel ihr offen über den Rücken, und sie sah, wie ich verbittert feststellte, wie eine Porzellanpuppe aus.

Die Intensität meiner Abneigung überraschte mich selbst, und um mein Gewissen zu beschwichtigen, sagte ich herzlicher, als nötig gewesen wäre: »Hi, Cilla. Du siehst gut aus.«

»Ja, nicht wahr?«, flötete Hazel. »Was für eine hübsche Jacke. Und die schönen Blumen, Liebes.«

»Danke«, erwiderte Cilla bescheiden. »Miss Thornton, wie schön, dass Sie wieder zu Hause sind.« Sie überreichte Rose einen Strauß gelber und cremefarbener Chrysanthemen – sie passten perfekt zu ihrer Strickjacke.

»Sehr hübsch«, sagte Rose. »Danke.«

»So aufmerksam«, murmelte Hazel. »Was für ein nettes Mädchen.«

Du lieber Himmel, sie hat sie an der Tankstelle gekauft, dachte ich so beißend wie ein ganzes Fass voll Säure. Es ist nicht so, als hätte sie sie selbst gepflanzt und gepflückt. »Bleibt noch jemand zum Abendessen?«

»Nein«, wehrte Hazel ab. »Ich muss nach Hause. Ich habe von der Fahrt furchtbare Kopfschmerzen bekommen.«

Cilla setzte als Einzige eine mitfühlende Miene auf. Matt konnte sich auf dem Weg zur Erdnussdose ein leichtes Grinsen nicht verkneifen, und ich wandte mich rasch ab und holte eine Vase für die Blumen. »Kann ich dich vielleicht für ein Sandwich mit Rührei begeistern, Tante Rose?«, fragte ich.

»Hmm«, machte sie. »Weißt du, Josephine, was ich wirklich gern hätte, wäre ein ganz weich gekochtes Ei mit Toast.«

Während ich gemäß Roses präzisen Anweisungen – »Streich die Butter bis zum Toastrand, Liebes« und »Wenn das Wasser kocht, lass die Eier genau vier Minuten und zwanzig Sekunden im Topf« – das Dinner zubereitete, verschwand Matt mit dem leeren Holzkorb nach draußen, und Cilla betrieb betont höflich Konversation.

Sowie er zurückkam, schob sie eine Hand in die seine und murmelte: »Schatz, deine Tante möchte sich bestimmt etwas ausruhen.«

»Ich komme morgen früh wieder«, versprach Matt. Er küsste Rose auf die Wange, lächelte mir zu und verließ mit Cilla, die immer noch an seiner Hand hing, den Raum.

Ich zwinkerte ein paar Mal, sagte insgeheim Denk noch nicht mal drüber nach zu dem Kloß in meiner Kehle und fragte: »Vermutlich solltest du zu deinem Ei lieber kein Glas Sauvignon Blanc trinken?«

»Vermutlich nicht«, sagte Rose, »aber ich kann mir kaum was Schöneres vorstellen.« Sie schwieg einen Moment, während ich unsere Eier vorsichtig köpfte und den Wein aus dem Kühlschrank holte, dann sagte sie mit sanfter Stimme: »Josie, Liebes, komm her.«

Ich ging zu ihr, sank neben ihr auf den Boden und lehnte den Kopf gegen ihr Knie. Ich wusste nicht, ob Mum es ihr erzählt oder ob sie es selbst gemerkt hatte, aber ich empfand es als unerwartet tröstlich, dass sie Bescheid wusste. Sie strich mir übers Haar, während der Greif gelangweilt über unsere Köpfe hinwegstarrte, und endlich sagte sie: »Wahrscheinlich bekommen wir Schwierigkeiten, wenn wir diese Blumen direkt auf den Kompost werfen.«

Ich lachte leise, stand auf und schenkte uns beiden ein Glas von dem hellen, klaren Wein ein, um die Eier damit hinunterzuspülen. »Matt würde es nie merken. Aber seine Mutter bestimmt.«

Rose stand langsam mit schmerzlich verzogenem Gesicht auf und setzte sich an den Tisch. »Die beiden sind sich sehr ähnlich«, bemerkte sie. »Cilla und Hazel, meine ich.«

»Mhmm«, nickte ich nachdenklich. Das waren sie allerdings. Sanft und süß und klebrig wie duftende rosafarbene Kletten.