Kapitel 3
GLEICH AN MEINEM ersten Arbeitstag bekam ich es mit einem von Cheryls Hypochondern zu tun, einem dicklichen Mann um die dreißig, der, wie er mir mitteilte, in der Highschool als Hausmeister arbeitete – wenn die Säule glühenden Schmerzes, die andere als sein Rückgrat bezeichneten, es zuließ. Er konnte es einfach nicht ertragen, untätig dazusitzen, er gehörte zu der Sorte Mensch, die sich noch zur Arbeit schleppte, wenn der Tod schon an ihre Tür klopfte, nur um ja niemanden im Stich zu lassen.
Auf dem Weg zur Tür sagte er zu Amber, er würde die Rechnung nächste Woche begleichen; er würde zum Arzt gehen, sich das erforderliche Rezept holen und es bei seinem nächsten Termin mitbringen. Sie lächelte ihn mit kinnlosem Charme an und erwiderte, das wäre nett, es wäre überhaupt kein Problem, ihm das Geld zurückzuerstatten, und in der Zwischenzeit mache das vierzig Dollar. Karte oder bar, Ron? Schönen Tag noch, und passen Sie gut auf sich auf.
»Idiot«, stellte sie leidenschaftslos fest, als sich die Tür hinter ihm schloss.
»Das war ja gekonnt«, lobte ich fast ehrfürchtig. »Ziemlich gute Vorstellung.«
»Nö«, sagte sie. »Der Typ ist so dumm wie Brot. Hat in seinem ganzen Leben keinen Tag richtig gearbeitet.«
»Das hab ich mir gedacht.«
»Ich hab dich aber sagen hören, du könntest sehen, dass er normalerweise ziemlich aktiv ist, und das sei ein Glück, denn es sei für seinen Rücken besser als Stillsitzen«, hielt sie mir vorwurfsvoll vor.
»Glaubst du, es funktioniert?«, fragte ich.
»Oh.« Amber dämmerte offenbar im Zeitlupentempo, was ich beabsichtigt hatte. »War das eine Art psychologisches Umkehrprinzip?«
»Das war die Idee.«
Mittwochabend zog ich in meine neue Wohnung ein, nachdem ich Cheryls Schwägerin ein Bett abgekauft hatte, das im Gegensatz zu dem, das im Waimanu Second-Hand-Palast zum Verkauf stand, keine verdächtigen dunklen Flecken in der Mitte der Matratze aufwies oder einen leichten Uringeruch verströmte. »Aber Sie beziehen es doch mit einem Laken!«, hatte die Ladeninhaberin protestiert. »Und der Preis ist überaus günstig.« Ich weigerte mich trotzdem, es zu kaufen, und überlegte, ob mich das Leben in der Großstadt vielleicht ein bisschen zimperlich gemacht hatte.
Cheryls Mann (er heißt entweder Ian oder Alan, ich kann mir den richtigen Namen einfach nicht merken) brachte mein neues Bett netterweise mit seinem Kleintransporter zum Haus und half, es die vorderen Stufen hoch und durch die Schiebetür ins Wohnzimmer zu wuchten. »Wohin jetzt?«, erkundigte er sich.
»Bis zum Ende des Flurs und dann links«, sagte ich.
»Ich hoffe, du hast nicht noch mehr Möbel gekauft«, bemerkte er, als er die Matratze an die Wand stellte. »Das ist kein Schlafzimmer, sondern ein Besenschrank.«
Sara, die klein und rundlich war und einen großen Busen hatte, den ihr tief ausgeschnittenes Oberteil nur notdürftig verhüllte, gesellte sich zu uns und lehnte sich gegen den Türrahmen, als ich meine beiden Taschen neben einem kleinen Stapel Handtücher und Bettzeug – eine Leihgabe meiner Mutter – auf den Boden stellte. Mein gesamter Besitz befand sich – so hoffte ich zumindest – irgendwo auf dem Seeweg zwischen Australien und Neuseeland. Obwohl es laut meinem Freund Stu, der seine Habseligkeiten vor Jahren von England nach Melbourne verschifft hatte, wahrscheinlicher war, dass die Sachen auf irgendeinem Kai von Papua-Neuguinea standen und entweder in einem tropischen Unwetter durchweicht oder von Ratten angenagt wurden – oder beides.
»Mehr Sachen hast du nicht?«, fragte Sara; dabei hielt sie zweifellos verstohlen nach einem Tubakoffer Ausschau.
»Nein«, erwiderte ich. »Ziemlich minimalistisch, nicht?«
»Ich koche heute Abend«, sagte Sara. »Magst du Huhn Chow Mein?«
Das Abendessen entpuppte sich als ein Gemisch aus Fertigsauce, Hühnchenteilen, Tiefkühlgemüse und Kochbeutelreis, das in einer Müslischüssel serviert wurde. Es gab nichts daran auszusetzen, aber mich beschlich dennoch das Gefühl, irgendwo einen falschen Weg eingeschlagen zu haben. Wenn mein Exfreund das Kochen übernommen hatte, hatte er Pasta mit Kalamar in eigener Tinte und Garnelen gezaubert und zusammen mit einem Glas Pinot Gris auf der Veranda aufgetragen. Und hier saß ich auf einer schäbigen Couch, die nicht mir gehörte, balancierte eine Schüssel auf den Knien und schaute Shortland Street im Fernsehen, während draußen jugendliche Möchtegern-Rennfahrer ihre Runden um das Wohngebiet von Waimanu drehten.
Andy, der andere Mitbewohner, war Anfang zwanzig und Viehmakler. Während des Essens brachte er kaum ein Wort heraus, danach verschwand er in seinem Zimmer und tauchte für den Rest des Abends nicht mehr auf. Und als Sara die Fernbedienung auch weiterhin fest umklammert hielt, sich langweilige Reality-TV-Shows anschaute und dabei ununterbrochen knirschend Bonbons zerkaute, bis sie gegen zehn ins Bett ging, fing ich an, ihn zu verstehen.
Nach den ersten vierzehn Tagen gewöhnte ich mich allmählich an die Art, wie die Dinge in der Waimanu-Physiotherapie gehandhabt oder – von Amber – auch nicht gehandhabt wurden.
Am Dienstagnachmittag tippte ich Notizen über eine Patientin (ein zierliches blondes Mädchen namens Cilla, die sich einen Schultermuskel gezerrt hatte; sie hatte mir stolz mitgeteilt, sie sei bei einer großartigen Party vom Dach einer Scheune gefallen) in den Computer, als jemand den Kopf zur Tür hereinsteckte und »Josie!« rief.
Ich drehte mich auf meinem Stuhl um und sah ein junges Mädchen mit rundem Gesicht, Grübchen und glänzenden dunkelbraunen, zu einer Ponyfrisur geschnittenen Haaren. Sie trug die Uniform der Waimanu Highschool und schwang einen abgewetzten Lederranzen von ihrer Schulter.
»Kim!«, entfuhr es mir. »Himmel, bist du hübsch geworden. Aber ich dachte, du gehst in Hamilton ins Internat?«
»Nicht mehr«, entgegnete Matts kleine Schwester zufrieden. »Ich habe Mum gedroht, ich würde alles hinschmeißen und bei Woolworth arbeiten, wenn sie mich nicht nach Hause kommen lässt. Und jetzt bin ich seit einer Woche wieder hier.«
Ich grinste. Schon als kleines Mädchen war ihre Mutter Kim nicht gewachsen gewesen. Alle anderen natürlich auch nicht. Ich musste es wissen, denn ich hatte oft genug bei ihr Babysitter gespielt. »Hat deine Entscheidung etwas mit Aaron Henderson zu tun?«
»Nein.« Sie schüttelte energisch den Kopf und erklärte in sachlichem Ton: »Es ist bewiesen, dass reine Mädchenschulen die soziale Entwicklung behindern.« Dann verdarb sie die sachliche Erklärung allerdings dadurch, dass sie hastig hinzufügte: »Woher weißt du das mit Aaron?«
»Matt erwähnte, dass du dich mit jemandem triffst.« Seine genauen Worte hatten gelautet: »Das hirnlose Küken hat sich in einen pickeligen kleinen Strohkopf verguckt«, aber ich bin schließlich für mein Taktgefühl bekannt.
Kim trat nun ganz in den Raum und schloss die Tür hinter sich. »Also«, flüsterte sie. »Was hältst du von der süßen Cilla?«
»Es wäre unprofessionell, über eine Patientin zu sprechen«, erwiderte ich bestimmt. »Woher kennst du sie überhaupt?«
»Sie ist Matts Freundin.«
»Tatsächlich?«, vergewisserte ich mich erstaunt. Irgendwie hätte ich nicht gedacht, dass sie sein Typ sein könnte.
»Yeah«, bestätigte Kim. »Wenn du mich fragst, müsste man ihm mal ordentlich den Kopf zurechtrücken. Sie hält sich für die Krone der Schöpfung – macht auf ›Ich bin ja so ein zupackendes Mädchen vom Land, ich kann Zäune aufbauen und fahre einen dicken fetten Pick-up-Truck‹. Aber ich bin sicher, er geht nur mit ihr aus, weil er sie flachlegen will.«
»Kim, so solltest du nicht reden«, rügte ich sie. »Außerdem ist Matt schon ein großer Junge, er kann ausgehen, mit wem er will.«
»Hmm«, machte sie düster. »Das wird sich alles finden. Deine Shorts sehen übrigens super aus, Josie.«
»Danke.«
»Deine Schuhe auch. Ich wünschte, ich wäre so groß und blond und athletisch.«
Ich lächelte, obwohl mir klar war, dass sie mit dieser Schmeichelei für den wahrscheinlichen Fall vorsorgte, mich für irgendetwas einzuspannen – vermutlich brauchte sie ein Alibi für ihre Treffen mit dem pickeligen Strohkopf. Kim hatte es schon immer ausgezeichnet verstanden, ihre Mitmenschen zu manipulieren.
»Die korrekte Beschreibung für mich lautet wohl eher ›stramme Deern‹«, berichtigte ich sie. »Zu mir kommen große, fette Männer mit Rückenschmerzen und sagen: ›Schätzchen, wer soll es schaffen, mich wieder einzurenken, wenn nicht du?‹ Das ist ausgesprochen deprimierend.«
In sehr optimistischen Momenten hoffe ich darauf, künftig einmal eine Art heitere Gelassenheit zu erlangen; zu anderen Zeiten tröste ich mich mit dem Gedanken, dass ich Leute, die mir auf die Nerven gehen, auch zu Boden ringen und auf ihnen herumtrampeln könnte, bis sie um Gnade winseln.
»Matt findet dich hübsch«, murmelte Kim, dabei schielte sie durch die Wimpern zu mir herüber, um zu sehen, wie ich auf diese Mitteilung reagierte.
»Wirklich?«
»Aber du gehst nur mit Ärzten aus, nicht wahr?«
»Wie bitte?«
»Das hat er gesagt, als ich wissen wollte, warum er nicht einmal mit dir ausgeht?«
»Er wollte dich vermutlich nur schnell zum Schweigen bringen. Schade, dass es ihm nicht gelungen ist.«
»Aber du würdest mit ihm ausgehen, oder nicht?«
»Nun … nein, das nicht.«
Kim wirkte gekränkt. »Warum denn nicht?«
»Menschenskind, Kim, lass mir doch Zeit, über den letzten Reinfall hinwegzukommen!«
»Aber ihr wart euer ganzes Leben lang so gute Freunde«, wandte sie ein. »Ihr wärt das perfekte Paar.«
»Ich denke, du verrennst dich da ein bisschen«, seufzte ich. »Wir haben uns früher ständig gestritten. Wie Hund und Katze. Außerdem hat der Mann schon die ideale Freundin.«
»Viel Kampfgeist hast du nicht, oder?«
Ich begann, Matts zahlreiche Teenagersünden an den Fingern abzuzählen: »Er hat meinen Nagellack umgekippt, er hat die Bänder aus meinen Kylie-Minogue-Kassetten gezogen, er hat meine BH-Träger verknotet und dann zu allem Überfluss noch behauptet, ich bräuchte gar keinen BH.« Was in meinem zarten Alter von dreizehn nicht ganz aus der Luft gegriffen war – aber er hätte es trotzdem nicht sagen sollen. »Und er hat mich jedes Mal links liegenlassen, sobald er einen Jungen zum Spielen da hatte …«
Kim kicherte. »Er sagt, du hättest ihn einmal fast zum Eunuchen gemacht.«
»Nicht mit Absicht«, protestierte ich.
»Wie kann man jemandem unbeabsichtigt in die Eier treten?«
»Es war ein Unfall«, beharrte ich. »So lautet meine Version der Geschichte, und dabei bleibe ich. Außerdem hat er angefangen.«
Amber klopfte an die Tür und steckte den Kopf herein. »Dein Vier-Uhr-Termin ist da«, verkündete sie.
»Brauchst du eine Mitfahrgelegenheit?«, fragte ich Kim.
»Nein, ich habe Mums Auto. Schön, dass du wieder da bist, Josie.« Sie warf sich ihre Tasche über die Schulter und schlenderte aus dem Raum.
Meinem nächsten Patienten und seinem steifen Hals habe ich bedauerlicherweise nicht meine komplette und ungeteilte professionelle Aufmerksamkeit widmen können; ich war zu sehr mit Nachgrübeln darüber beschäftigt, was Matt King wohl an der kleinen blonden Barbie-Puppe fand. Vermutlich hielt er sich für einen Glückspilz, aber ich fand, er sollte trotzdem lieber nach einer Frau Ausschau halten, die besser zu ihm passte. Nach einer Frau wie … wie …
Mir, schlug eine leise Stimme tief in meinem Inneren vor.
Nein. Nein!
Der arme Ralph Godwin stieß zischend den Atem aus, und ich richtete meine Gedanken schuldbewusst wieder auf seinen Trapezmuskel, den ich unnötig fest massiert hatte.