Kapitel 6

ICH WILL NICHT STÖREN«, sagte jemand mit einer unglaublich sanften und süßen Stimme – der Art von Stimme, die man mit Moderatoren von Sendungen für Kinder im Vorschulalter in Verbindung bringt, »aber wäre es vielleicht möglich, mit Josie zu sprechen?«

»Jo!«, rief Amber lustlos. Unser Verhältnis hatte sich heute merklich abgekühlt, nachdem ich ihr zu verstehen gegeben hatte, sie sollte doch bitte mehr Zeit mit Arbeit verbringen, statt bei Trade Me Kleider zu ersteigern.

Ich legte den Katalog weg, in dem ich herumgeblättert hatte, und ging zum Empfang. »Hallo, Mrs King.«

Matts und Kims Mutter erschauerte leicht. »Oh, bitte nenn mich nicht Mrs King, Josie, Liebes. Da komme ich mir so alt und gesetzt vor. Nenn mich Hazel, bitte.« Sie streckte beide Hände aus und umschloss meine sacht. »Wie geht es dir, meine Liebe?« Hazel war das genaue Gegenteil von ihrer Schwester – klein, zierlich und immer unschlüssig, mit einer sanften Stimme, die dazu neigte, am Ende eines Satzes zu verhallen, als fehle ihr die Kraft, ihn zu vollenden.

»Sehr gut, danke. Und dir?«

»Es geht«, seufzte sie. »Ich wollte schon längst einmal bei dir vorbeischauen – meine Kleine spricht andauernd von dir.«

»Oje«, murmelte ich.

»Nur in den höchsten Tönen«, versicherte sie mir. »Anscheinend übst du einen vorbildlichen Einfluss auf sie aus. Aber versprich mir, sie wegzuschicken, wenn dir der Quälgeist auf die Nerven geht.«

»Kim geht mir nicht auf die Nerven. Sie ist sehr unterhaltsam.«

Kims Mutter schien diesbezüglich leise Zweifel zu hegen. »Lieb von dir, das zu sagen«, murmelte sie. »Nun, Josie … wann könntest du zum Dinner zu uns kommen?«

»Wann immer du willst. Mein Privatleben ist zurzeit nicht sonderlich turbulent.«

»Nun ja, nach dem, was du durchgemacht hast, brauchst du ein bisschen Zeit, um deine Wunden zu lecken.«

Ich musste ein etwas verwirrtes Gesicht gemacht haben, denn sie fügte hinzu: »Rose hat mir von deinem … Partner erzählt. Das ist doch die richtige Bezeichnung, oder?«

Ich persönlich hätte ein anderes Wort gewählt, aber Leute, die einen vorbildlichen Einfluss auf andere ausüben, benutzen diese Art Sprache wohl nicht.

»Wie wäre es mit Freitag?«, schlug sie vor.

Roeschen.tif

Folglich ließ ich Andy am Freitagabend um halb sieben auf der Couch zurück, wo er zur Stärkung Chips futterte, bevor er seine Freundin zum Essen ausführen wollte (sowohl in der Küche als auch im Wohnzimmer brannten sämtliche Lampen, da Sara übers Wochenende verreist war), und fuhr das Tal weiter hinauf.

Das Haus der Kings war ein hässlicher weißer Kasten mit scheußlichen Aluminium- anstelle von Holzrahmen für die Türen und Fenster mit getönten Glasscheiben. Umgeben war es von abwechselnd mit roten und lila Petunien bepflanzten Beeten, und an den Ecken wuchsen sorgfältig gestutzte gelbe Koniferen.

Rose parkte ihren alten Ford Falcon direkt hinter mir. »Schauderhaft, nicht wahr?«, murmelte sie mit einem Blick auf den Garten, bevor sie mir eine Flasche Portwein reichte und sich aus dem Auto wuchtete.

»Stimmt«, pflichtete ich ihr bei. »Wem gehört denn dieses Monster da?«

Rose musterte den riesigen silbernen Pick-up-Truck vor der Garage. »Cilla, glaube ich.«

»Aha.«

»Kennst du sie?«, fragte Rose.

»Flüchtig«, erwiderte ich. »Sie ist ein paarmal mit Schmerzen in der Schulter in die Praxis gekommen. Ein hübsches Mädchen, findest du nicht?«

»Ja, schon«, erwiderte Rose knapp.

»Magst du sie nicht?«, erkundigte ich mich. Zu Tante Roses besten Eigenschaften zählte seit jeher ihre Weigerung, sich negativ über unsere Partner zu äußern, daher kam mir ein solcher Mangel an Wärme bei ihr ganz ungewöhnlich vor.

»Ich weiß nicht das Geringste über das Mädchen«, entgegnete sie, und nachdem sie mich so in die Schranken gewiesen hatte, schritt sie entschlossen den Weg zur Hintertür hoch.

Als ich Rose den Flur entlang folgte, erklang von der Küche her silbriges Lachen – so, als würden zwei zarte kleine Elfen sich zarte Elfenwitze erzählen. »Guten Abend, Hazel.« Tante Rose stellte ihre Portweinflasche auf die Küchentheke. »Hallo, Cilla.«

»Rosie und Josie«, begrüßte uns Hazel lebhaft. »Das wäre aber nicht nötig gewesen, ihr Lieben.« Dabei nahm sie mir das in braunes Papier gewickelte Päckchen ab, das ich ihr reichte, und hauchte mir einen Kuss auf die Wange. »Ooh, Käse. Köstlich.«

»Josephine!«, rügte Rose.

»Aus dem Supermarkt«, beruhigte ich sie.

»Dem Himmel sei Dank.«

»Kennt ihr Mädchen euch schon?« Hazel blickte von mir zu Cilla.

»Ja«, sagte ich. »Hi, Cilla. Was macht die Schulter?«

»Wird besser«, erwiderte Cilla. Sie trug eine puderblaue Hemdbluse mit hochgestelltem Kragen und eine enge Moleskinhose, tropfenförmige Perlenohrringe und hatte stark glänzenden Lipgloss aufgetragen. Bewusst ländlich, entzückend weiblich und mit einem Hauch – oder schon mehr als einem Hauch – Privatschulflair. »Kann ich dir helfen, Hazel?«

»Du kannst Matthew beim Grillen zur Hand gehen«, erwiderte Hazel, und als Cilla durch die Schiebetür und um die Hausecke verschwand, bemerkte sie: »So ein reizendes Mädchen. Ihre Eltern sind auch ganz bezaubernde Leute – ihnen gehört der Besitz nördlich der Stadt mit der Allee blühender Kirschbäume. Ich bin ja so froh, dass Matthew jemanden gefunden hat, der seine Interessen teilt.«

Rose sah sie mit leisem Unglauben an. »Sein Interesse an kriegsgeschichtlichen Dokumentationen und seine Vorliebe für Hackfleischpastete?«, fragte sie.

»An der Farm und den Kühen«, berichtigte Hazel sie vorwurfsvoll. »Die Vorliebe für Hackfleischpasteten gilt ja nicht unbedingt als Freizeitbeschäftigung, oder?«

»Aber in puncto Pasteten ist Matt ein echter Experte«, warf ich ein, wechselte jedoch das Thema, als ich sah, wie Hazels Gesichtszüge erstarrten. »Wo steckt denn Kim?«

»Hier.« Kim erschien in einem übergroßen T-Shirt und äußerst knappen Shorts auf der Türschwelle.

»Oh, Süße, geh doch bitte und zieh dir etwas an«, bat ihre Mutter gequält.

»Ich habe etwas an.« Ein gefährlich geduldiger Unterton schwang in Kims Stimme mit.

»Zum Glück hast du ja schöne Beine«, sagte ich zu ihr.

»Danke. Wo ist denn unsere kleine Miss Ich-kann-ein-Leck-im-Dach-nur-mit-meiner-Nagelfeile-reparieren?«

»Kimmy!«, jammerte Hazel. Rose und ich wechselten einen Blick und brachen gleichzeitig in Lachen aus. »Ihr solltet sie nicht auch noch ermutigen«, wandte sich Hazel an uns.

»Stimmt.« Rose wischte sich über die Augen. »Kim, benimm dich. Du kannst mir beim Tischdecken helfen.«

Roeschen.tif

»Das sieht köstlich aus«, lobte Cilla höflich, als wir auf dem hinteren Teil der Rasenfläche unter der großen, von Unmengen von Käfern bewohnten Ulme am gedeckten Tisch Platz nahmen.

Kim lümmelte sich auf ihrem Stuhl und sah aus, als läge ihr eine bissige Antwort zu dieser harmlosen Bemerkung auf der Zunge. Ich versetzte ihr unter dem Tisch einen Tritt.

»Wofür war der denn, Josie?«, fragte sie zuckersüß. »Hast du mich aus einem bestimmten Grund getreten? Wolltest du mir irgendetwas zu verstehen geben?«

»Nein«, entgegnete ich. »Ich hab manchmal solche unwillkürlichen Muskelkrämpfe. Tut mir leid.«

Matt warf mir über den Tisch hinweg einen flüchtigen, dankbaren Blick zu. »Ich glaube, diese Muskelkrämpfe sind ein häufig auftretendes Problem, wenn man erst mal die dreißig überschritten hat.«

Mein Geburtstag lag gerade mal eine Woche zurück – ich hatte von meiner Mutter ein Buch über Kübelpflanzen, von Tante Rose einen taubenblauen Porzellankrug, einen Anruf von Grandma und E-Mails von verschiedenen Freunden bekommen. Aus dem vagen Plan, zusammen mit meiner Freundin Chrissie eine gemeinsame Geburtstagsparty zu feiern, war nichts geworden, da: a) ich das Land verlassen und b) sie begonnen hatte, mit meinem Freund zu schlafen.

»Ja«, stimmte ich zu. »Von da an geht es nur noch bergab. Du solltest deine letzten acht Monate genießen.«

»Ihr Kindsköpfe«, schalt Rose. »In zehn Jahren blickt ihr zurück und erkennt, dass ihr mit dreißig noch junge Hüpfer wart.«

»Das tröstet mich nicht sonderlich«, gab ich zurück.

»Nun, wenn du beschlossen hast, Trübsal zu blasen, tu dir keinen Zwang an.«

»Ganz sicher nicht.«

»Aber Josie, du musst dir doch jetzt noch keine Gedanken machen«, sagte Hazel. »Du bist längst noch nicht zu alt, um einen netten Mann zu finden und eine Familie zu gründen.«

»Meine Tante hat ihr erstes Kind mit achtunddreißig bekommen«, warf Cilla hilfsbereit ein.

Diese wohlmeinenden Worte bewirkten jedoch eher, dass ich mich am liebsten schluchzend unter dem Tisch verkrochen hätte – denn nichts ist deprimierender als mitfühlende Bemerkungen zu einem Thema, über das man sich partout nicht mehr den Kopf zerbrechen wollte.

Matt grinste teilnahmsvoll und füllte mein Weinglas erneut bis zum Rand.

Roeschen.tif

Nach dem Essen förderte Kim eine Sammlung alter Fotoalben zutage. »Ich dachte, du möchtest vielleicht gern mal ein paar Bilder von Matt sehen.« Sie ließ sich neben Cilla aufs Sofa fallen.

Angesichts dieser offenbar ganz neuen Freundlichkeit reagierte Cilla zunächst überrascht, dann lächelte sie. Sie war wirklich ausgesprochen hübsch. »Ja, gerne«, nickte sie.

»Dann bekommst du auch eine Vorstellung davon, wie eure Kinder aussehen werden«, fuhr Kim fort. »War nur ein Scherz.« Sie blätterte die Seiten rasch um. »Du liebe Güte, Mum, das ist das scheußlichste Outfit, das ich je gesehen habe!«

Ich beugte mich über die Sofalehne, um besser sehen zu können. Das besagte Foto zeigte eine hochschwangere Hazel in einem voluminösen orangefarbenen Kittel. Das Haar fiel ihr in einem langen Zopf über den Rücken. Sie sah sehr jung aus – was sie ja damals auch gewesen war. Sie hatte Matt mit neunzehn bekommen.

»Die Mode ändert sich eben«, sagte Rose. »In zwanzig Jahren erinnerst du dich vielleicht an deine Shorts und fragst dich, welcher Teufel dich damals geritten hat.«

»Da ist Matt.« Kim deutete auf ein pummeliges Kleinkind mit einem beunruhigend leeren Gesichtsausdruck, das auf dem Knie seines Vaters saß.

»Dein Äußeres hat sich entscheidend verbessert«, murmelte Cilla, dabei schenkte sie Matt ein gewinnendes Lächeln. »Ist das dein Dad?«

»Ja«, bestätigte er. »Ich glaube, seine Shorts waren sogar noch kürzer als Kims.«

»Du siehst ihm sehr ähnlich.«

»Da haben wir sie ja alle«, triumphierte Kim. »Matt auf dem Traktor, Matt in der Badewanne, Matt noch einmal in der Badewanne, Matt ohne Hosen …«

»Das wundert mich nicht«, mischte sich Rose vom Sessel auf der anderen Seite des Raumes ein. »Dieses Kind konnte seine Kleider einfach nicht anbehalten. Wir haben überall auf der Farm kleine Hosen gefunden.«

Kim blätterte weiter. »Matt und Josie beide in der Badewanne«, verkündete sie.

Das Foto musste bei Rose aufgenommen worden sein, denn ich erkannte die pinkfarbenen Fliesen an der Badezimmerwand. Meine Mutter hatte mir offensichtlich kurz zuvor mit geschlossenen Augen den Pony geschnitten, und ich war eifrig damit beschäftigt, Matts dicken Händchen eine Gummiente zu entwinden. Sein Gesicht war hochrot angelaufen, der Mund zu wütendem Gebrüll aufgerissen.

»Wir müssen die hässlichsten Kinder im ganzen Land gewesen sein«, lachte Matt.

»Du nicht«, widersprach seine Mutter. »Du warst hübsch

»Sie ist deine Mutter, klar, dass sie dich hübsch findet«, erwiderte ich.

Rose lachte. »Irgendwo müsste doch auch das Bild von Matthew sein, das du bei einem Babyfotowettbewerb eingereicht hast, Hazel. Ich glaube, da liegt er auf einem Schaffell.«

»Hier ist eines«, rief Kim. »Klein Matt ohne Haare und in einer grünen Latzhose.«

»Das meinte ich«, bestätigte Rose. »Er ist noch nicht mal über die erste Runde hinausgekommen.«

»Das wundert mich nicht«, grinste ich. »Er sieht aus wie eine fette weiße Made.«

Zur Antwort auf diese Bemerkung nahm mich mein Freund aus Kindertagen kräftig in den Schwitzkasten.

»Autsch!« Ich versuchte, sein Ohr zu packen, verfehlte es aber.

»Schluss jetzt!«, befahl Hazel scharf. »Nicht im Wohnzimmer!«

»Ja, was soll denn Cilla denken?« Kim blätterte die nächste Seite um. »Habt ihr zwei eigentlich jemals Hosen getragen?« Sie betrachtete das Bild zweier kleiner, nur mit T-Shirts und Gummistiefeln bekleideter Gestalten, die sich fasziniert über etwas auf dem Rasen beugten. Die Hinterteile schimmerten rosig in der Sonne.

»Offenbar nicht«, stellte Matt fest.

»Das war in den Achtzigern«, gab ich zu bedenken. »Kein Farmer hatte damals Geld. Dad hat uns aus Sparsamkeit einmal pro Woche nur Kaninchen oder Wildente essen lassen.«

»Stimmt, ich erinnere mich.« Matt grinste. »Deine Mutter hat ganz oft Ente Chow Mein gemacht.«

»Es hat grauenhaft geschmeckt«, schwärmte ich, in Nostalgie schwelgend.

»Das alles dürfte Cilla nicht sonderlich interessieren«, mahnte Hazel.

»Doch, doch«, wehrte Cilla höflich ab, aber ihr Lächeln wirkte ein wenig starr.

»Es gibt nichts Schlimmeres, als sich langatmige Erinnerungen an Vorfälle anzuhören, bei denen man selbst nicht dabei war«, sagte ich. »Alle schütten sich aus vor Lachen, und du selbst sitzt dabei und musst so tun, als würde dich die Geschichte von der Grillparty vor zehn Jahren, bei der Onkel Phil die Hähnchenschenkel nicht richtig durchgebraten hat und alle eine Lebensmittelvergiftung bekamen, brennend interessieren.«

»Richtig«, stimmte Matt zu und tätschelte Cillas Schulter. »Möchte jemand was Heißes trinken?«

Roeschen.tif

Wir brachen alle gemeinsam auf. (Matt hatte sich nach seiner Rückkehr aus Europa trotz der Bitten seiner Mutter geweigert, wieder bei seinen Eltern einzuziehen. Er wohnte nebenan, in dem Arbeitercottage unterhalb des Kuhstalls, und ich bin sicher, dass ihm das an Nähe reicht.) Kim, deren Laune von einer Sekunde auf die andere umgeschlagen war und die nun die Rolle der charmanten Gastgeberin spielte, begleitete uns zu unseren Autos.

»Kannst du noch fahren?«, fragte Matt, als seine Freundin die Tür ihres riesigen silbernen Pick-ups öffnete.

»Netter Versuch, Matt.« Sie stieg bereits ein, wobei sich Steigeisen mit Sicherheit als hilfreich erwiesen hätten. »Schönen Abend noch allerseits. Und danke.«

Wir murmelten höfliche Abschiedsfloskeln, und Matt winkte, als er auf den Beifahrersitz kletterte. »Hey, Tante Rose, ich komme morgen vorbei und flicke das Loch im Zaun, wenn du mich zum Lunch einlädst.«

»Abgemacht«, erwiderte seine Tante prompt.

Cilla startete dröhnend den Motor und gab zweimal Gas. Kies spritzte auf, als sie die Auffahrt hinunterschoss.

»Was findet er bloß an ihr?«, sinnierte Kim.

»Ich weiß wirklich nicht, was du gegen das arme Mädchen hast, sie ist doch sehr nett«, rügte ich, obwohl ich mir offen gestanden diesbezüglich nicht ganz sicher war.

»Nein, das ist sie ganz und gar nicht«, widersprach Kim mit ausdrucksloser Stimme. »Sie hängt sich nur an ihn, weil er Farmer ist und er in ihren Augen ein nettes … Accessoire abgibt.«

»Er ist erwachsen und kann auf sich selbst aufpassen«, mahnte Rose.

Kim seufzte. »Aber er vermasselt alles. Josie wird sich einen anderen suchen, wenn er nicht aufhört, mit solchen Tussen rumzumachen.«

»Jetzt reicht es aber, Kim!«, fuhr ich sie scharf an. »Du bringst mit deinem Gerede nur alle in Verlegenheit – und Matt ist einer meiner besten Freunde. Ich hätte gern, dass das so bleibt.«

»Tut mir leid«, murmelte Kim.

»Das Problem besteht darin, Kimlet, dass du die Sache falsch angehst.« Rose öffnete die Tür ihres Autos. »Wenn du immer wieder darauf herumreitest, dass die beiden füreinander bestimmt sind, dann werden sie nur noch hartnäckiger auf stur schalten – und das, obwohl es für jeden, der auch nur einen Funken Verstand hat, gar nicht zu übersehen ist.«

»Um Himmels willen, gebt doch Ruhe!«, schnaubte ich empört, stürmte über den Kiesplatz zu meinem Wagen, ließ mich auf den Fahrersitz fallen und legte den Gang ein. Allerdings wäre mein Abgang wesentlich eindrucksvoller verlaufen, wenn ich statt des ersten nicht den dritten Gang erwischt und den Motor prompt abgewürgt hätte.

Roeschen.tif

Als ich nach Hause kam und die Stufen zur Hintertür hochstapfte, war mein Ärger kein bisschen verflogen. Die Lichter in Küche und Wohnzimmer brannten noch. Andy probte offenbar wirklich den Aufstand, wenn er ausgegangen war, ohne sie auszuschalten. Doch als ich in die Küche kam, saß er immer noch dort, umgeben von leeren Bierflaschen, den Laptop vor sich auf dem Tisch. Es war halb zehn, und das Restaurant, in dem er für diesen Abend einen Tisch reserviert hatte (ein Nobelschuppen, an den sich eine Art Jagdreservat anschloss; dieser zog hauptsächlich übergewichtige amerikanische Geschäftsmänner an, die sich nicht schämten, auf einer Koppel zahme alte Hirsche zu schießen), lag vierzig Autominuten entfernt.

»Ich dachte, du warst zum Dinner verabredet?«, fragte ich. Rose hätte meine Wortwahl wohlwollend zur Kenntnis genommen – aber sie zufriedenzustellen stand auf meiner momentanen Prioritätenliste nicht gerade an oberster Stelle.

»Bin hiergeblieben.« Andy kippte eine halbe Flasche Speight’s mit einem Zug hinunter, schob seinen Stuhl zurück und stand auf. »Wie war dein Abend?«

»Beschissen.«

»Bier?«, fragte er auf dem Weg zum Kühlschrank. Er schwankte leicht.

»Warum nicht?« Ich nahm die angebotene Flasche und lehnte mich gegen die Bank. »Dein Abend war also auch ein Reinfall?«

»Kann man wohl sagen.« Andy drehte die Kappe von der Bierflasche und trank grimmig einen großen Schluck – wie ein Mann, der sich in Rekordzeit die Lichter ausblasen will.

Ich musterte ihn nachdenklich; unschlüssig, ob ich weiter nachbohren sollte. Vielleicht würde er sich gerne aussprechen. Er könnte aber auch sauer werden, wenn eine Mitbewohnerin, die er kaum kannte, ihre Nase in seine Privatangelegenheiten steckte. Ach, zum Teufel, dachte ich. »Was ist denn los?«

»Bronwyn meint, wir sollten uns eine Auszeit nehmen. Wie hat sie sich doch gleich ausgedrückt? ›Es liegt nicht an dir, sondern an mir.‹ Und dann: ›Ich liebe dich immer noch, ich bin einfach nur nicht in dich verliebt.‹«

»Ziemlich abgedroschen«, entfuhr es mir.

»Sie hätte wenigstens was Originelles sagen können«, grollte Andy, trank sein Bier leer und blinzelte dann verwirrt in die leere Flasche, als könne er sich nicht erklären, wo ihr Inhalt geblieben war.

»Ein schwacher Versuch«, stimmte ich zu. »Du schreibst ihr doch nicht gerade betrunken eine E-Mail, oder?« Sich am nächsten Morgen daran zu erinnern, dass man jemandem eine in furchtbarer Grammatik verfasste Tirade geschickt und ihm entweder ewige Liebe geschworen oder sich über seine Bettqualitäten lustig gemacht hat (oder beides), kann ausgesprochen deprimierend sein.

»Nee, ich bring nur meinen Facebookstatus auf den neuesten Stand.« Er setzte sich wieder vor den Laptop und fuhr fort, mühsam mit dem rechten Zeigefinger zu tippen. »Single. Das war’s.« Er blinzelte den Bildschirm mit leerem Gesichtsausdruck an.

Ich nahm einen großen Schluck Bier. »Willst du mal sehen, was ich heute bei Facebook gefunden habe?«

»Okay.«

»Dann rutsch mal ein Stück zur Seite.« Ich zog einen weiteren Küchenstuhl heran und setzte mich neben ihn. »Bist du fertig?«

»Ja.«

Ich loggte ihn aus und mich ein. »Wo ist es denn gleich? Ah, hier.« Endlich fand ich den Kommentar, den Chrissie de Villiers gepostet hatte. Das Profilfoto daneben zeigte eine verschämt durch einen Vorhang blond gesträhnter Haare spähende Chrissie – man sah nichts außer reichlich aufgetragenem Eyeliner und ausgeprägten Wangenknochen.

Vielen, vielen Dank an alle für die vielen Geburtstagsglückwünsche. Tolles Wochenende, tolle Party, tolle Freunde, toller Mann … Kater danach nicht ganz so toll. Nicht leicht, wieder auf den Boden zurückzukommen, nachdem man so verwöhnt wurde.

»Hast du’s gelesen?«, fragte ich Andy.

»Äh … ja.«

»Warte, da ist noch mehr.« Ich klickte die neuen Fotos an, die Chrissie ins Netz gestellt hatte und auf denen glückliche, lachende Menschen mit Gläsern in der Hand im hellen Sonnenlicht in die Kamera blinzelten. Sie saßen entspannt in ihren Stühlen, trugen alberne Hüte, und die Gesichter wurden zunehmend röter und die Augen glasiger, je weiter der Abend voranschritt.

»Freunde von dir?« Andy überlegte ganz offensichtlich, warum ich ihm in seiner schwärzesten Stunde Bilder betrunkener Partygäste zeigte.

»Allerdings. Und das ist mein Haus – na ja, größtenteils das Haus der Bank, aber ich zahle die Hälfte der Hypothek. Und das sind alles meine Freunde, und das ist mein Exfreund, und die Frau, die da mit ihm knutscht, ist meine ehemals beste Freundin. Und das Ganze sollte eine gemeinsame Geburtstagsparty für sie und mich werden, nur dass ich vor einiger Zeit nach Hause gekommen bin und die beiden beim Sex in einem Sessel erwischt habe.« Um das Maß voll zu machen, auch noch in meinem Lieblingssessel.

»Schöne Scheiße«, entgegnete Andy feierlich.

»Das dachte ich mir auch.« Ich loggte mich mit einem vehementen Mausklick bei Facebook aus. »Weißt du was?«

»Was?«

»Ich denke, wir brauchen was Stärkeres als Bier. Was haben wir denn da?«