Kapitel 36
ICH WURDE VON einem langgezogenen Geräusch geweckt, das an über eine Tafel kratzende Fingernägel erinnerte und das Hintergrundgetöse des Sturms übertönte. Ein paar Sekunden lag ich da und lauschte dem beharrlichen Klappern eines Wellblechstücks, das sich losgerissen hatte und jetzt drohte, vom Dach gerissen zu werden. Dann schlug ich die Augen auf, aber ich sah dadurch keinen Deut mehr als mit geschlossenen Augen, und tastete nach dem Schalter der Nachttischlampe.
Nichts passierte. Ich knipste den Schalter ein paar Mal an und aus, bevor ich klar genug bei Verstand war, um zu begreifen, dass sich nichts tun würde. Also stand ich auf und tastete mich zur Tür des Rosa Zimmers. Der Hauptlichtschalter neben dem Türrahmen funktionierte auch nicht, was bedeutete, dass wohl der Strom ausgefallen war. Vermutlich lag mindestens ein Baum auf der Leitung.
Ich tastete mich an der Wand entlang in die Küche. Natürlich gab es auch hier kein Licht, aber hinter dem Glasfenster des Ofens schimmerte Glut und erfüllte den Raum mit einem flackernden rötlichen Schein. Windböen pfiffen durch den Schornstein. Spud empfing mich an der Tür und schob mir seine feuchte Nase in die Hand.
»Ich hoffe, wir verlieren nicht das ganze Dach«, sagte ich zu ihm, und er bellte ein Mal kurz und heiser auf.
Ich würde hinausgehen und nachsehen und wahrscheinlich Matt anrufen und ihn bitten müssen, vorbeizukommen und mir zu helfen, das Dach wieder festzunageln. Aber zuerst wollte ich nach Rose sehen – trotz Tabletten konnte sie nicht so fest geschlafen haben, dass sie den ohrenbetäubenden Lärm nicht gehört hatte.
Ich nahm die große Taschenlampe aus dem Schrank über der Mikrowelle und schaltete sie ein, dann ging ich zu dem Schlafzimmer am Ende des Flurs.
»Tante Rose«, zischte ich, öffnete die Tür und nahm mir zum ungefähr dreihundertsten Mal vor, sie zu ölen, damit sie nicht so quietschte wie die im Haus der Addams Family. Ich richtete den Lichtstrahl auf ihre Füße, um die arme Frau nicht zu blenden. »Bist du wach?«
Ihre Augen waren geschlossen, und ihr mit der Satinkappe bedeckter Kopf lag schlaff nach hinten geknickt auf dem Kissen. Es sah furchtbar unbequem aus.
Und dann bemerkte ich die umgefallene Flasche auf dem Boden, die in einer kleinen, dunklen Pfütze lag und den Raum mit starkem Portweingeruch erfüllte. Den Bruchteil einer Sekunde später sah ich die auf der Bettdecke neben ihrer rechten Hand verstreuten leeren Tablettenstreifen. Gütiger Gott, dachte ich. Das kann nicht sein. Das würde Rose nie tun … Die Taschenlampe entglitt meiner schockstarren Hand. Ich bückte mich, um die Lampe aufzuheben, aber es dauerte, bevor es mir gelang, sie mit meinen klammen Fingern zu fassen zu bekommen. Dann richtete ich mich auf, fasste Rose an der zerbrechlichen, knochigen Schulter und schüttelte sie sanft.
Sie blieb schlaff liegen; zeigte keine Reaktion. »Tante Rose!«, sagte ich scharf.
Irgendwo über mir ertönte ein weiteres kreischend metallisches Getöse, als sich das lose Stück Wellblech vermutlich endgültig vom Dach verabschiedete. Im selben Moment prasselte ein Regentropfenschwall gegen das Fenster.
Ich legte die Taschenlampe auf den Nachttisch, griff nach Tante Roses Hand und fühlte ihren Puls. Er war nicht zu spüren, aber vielleicht lebte sie ja trotzdem noch. Ich könnte es mit Herzmassage und Mund-zu-Mund-Beatmung versuchen und einen Krankenwagen rufen … Ich hatte schon beide Hände übereinander auf ihre Brust gelegt, da erkannte ich, wie töricht ich war.
Tante Rose hatte die Würdelosigkeit ihrer Krankheit gehasst – sie hatte nur so lange mit diesem Schritt gewartet, weil sie ihre und unsere Angelegenheiten zu ihrer Zufriedenheit hatte ordnen wollen. Und dann hatte sie uns auf jene geordnete, souveräne Weise verlassen, die sie in allen Dingen des Lebens (mit der offensichtlichen Ausnahme des Kochens) an den Tag gelegt hatte. Selbst wenn es möglich wäre, sie wiederzubeleben – und wie ich Rose kannte, hatte sie dafür gesorgt, dass dies nicht möglich war –, konnte ich es nicht tun.
Ich trat zurück, richtete den Lichtstrahl auf ihre Brust und betrachtete sie lange, während der Sturm um das alte Haus heulte, konnte aber unter der pfauenblauen Bettdecke kein Heben und Senken mehr erkennen. Ich drehte ihren Kopf leicht zur Seite und rückte ihre Kappe sorgfältig zurecht, bevor ich mich bückte und die Flasche vom Boden aufhob.
Neben der Portweinflasche, halb unter den Satinfransen der Tagesdecke verborgen, lag ein zusammengefalteter Zettel. Spud bellte im Flur, und ein weiteres Wellblechstück schlug unaufhörlich gegen das Dach, aber ich achtete nicht auf den Lärm, sondern sank in den Sessel, um die Notiz zu lesen.
Seit ich von zu Hause fortgegangen war, um zu studieren, hatte Tante Rose mir regelmäßig geschrieben und mich über ihre Scharmützel mit dem Bürgermeister (»Der Mann ist ein kompletter Idiot, Josephine!«), Matts neueste Abenteuer und den Zustand ihrer Tomatenpflanzen auf dem Laufenden gehalten. Ihre Briefe waren stets mit energischer Handschrift auf diesem dünnen blauen Luftpostpapier verfasst, das in der heutigen Zeit der E-Mails fast Sammlerwert hat, und dank der Angewohnheit der Schreiberin, ihre Korrespondenz beim Frühstück zu erledigen, für gewöhnlich mit Toastkrümeln verklebt war. Die Schrift dieses Briefes war jedoch schwach und zittrig, als wäre die Anstrengung, den Stift zu halten, für die Verfasserin fast zu groß gewesen.
Meine liebe Josephine,
dies ist kein Selbstmord, lediglich der Wunsch, uns allen die Unannehmlichkeiten meines endgültigen Sturzfluges ins Grab zu ersparen. Ich habe mein Leben in vollen Zügen genossen und eigentlich damit gerechnet, es noch weitere dreißig Jahre lang genießen zu können, aber es kommt bekanntlich oft anders, als man denkt.
Nachdem ich schon mehr von Dir verlangt habe, als ich Dir zumuten durfte, scheue ich mich nicht, Dich um noch etwas zu bitten. Vernichte das Beweismaterial, bevor du Rob Milne rufst, damit er den Totenschein ausstellt. Ich glaube nicht, dass er unliebsame Fragen stellen wird, aber wenn er es tut, zeig ihm diesen Brief. Er ist ein anständiger Bursche und zu vernünftig, um Euch alle einer Untersuchung durch den Coroner auszusetzen.
Matthew wird das Haus und das Land erben, Kim meinen Schmuck und meine Ersparnisse. Mein einziges Vermächtnis an Dich besteht aus vier Hunden und einem Schwein, aber in Gedanken habe ich Dich ohnehin mit Matthew zusammengebracht. Ich gebe zu, dass ich Dich schon eine ganze Zeit lang in Gedanken mit Matthew verkuppelt habe.
Alles Liebe für Euch alle.
Rose
Ich lachte durch meine Tränen hindurch, faltete den Brief sorgfältig wieder zusammen und verstaute ihn in der Tasche meines vielgeschmähten Onesies. Es sah Tante Rose ähnlich, mit einem Paukenschlag aus dem Leben zu gehen, statt langsam dahinzusiechen. Nie habe ich einen Menschen mit so viel Mut, so viel Mitgefühl und so grenzenloser Toleranz gekannt – und mit einem solchen Fassungsvermögen für Wein. Wir werden sie furchtbar vermissen.
Mit der Taschenlampe in der Hand begab ich mich in die Küche, holte einen Plastikmüllsack, ein Stück Seife, einen Arm voll Handtücher und den Wasserkessel und ging in Roses Zimmer zurück, um die Spuren zu beseitigen.
Zwanzig Minuten später kauerte ich auf den Fersen und richtete die Taschenlampe auf den Portweinfleck auf dem Teppich. Ich hatte ihn eingeweicht, mit Seife eingerieben und ein Handtuch darauf gelegt, auf dem ich dann auf und ab gesprungen war, um die Feuchtigkeit aufzusaugen, und nun war nichts mehr davon zu sehen. Ich fand, dass ich eine gute Komplizin abgab – wenn ich die Physiotherapie satthatte, konnte ich vielleicht auf Verbrechen umsatteln. Oder – etwas realistischer – auf Teppichreinigung.
Ich sammelte die leeren Schmerzmittelpackungen und die Portweinflasche auf, spähte unters Bett, um mich zu vergewissern, dass ich keine Folienstreifen übersehen hatte, und leuchtete dann mit der Lampe langsam durch den Raum. Alles wirkte ordentlich und friedlich, die Pailletten auf der Tagesdecke schimmerten sanft im Licht. Ich bückte mich, küsste das reglose Gesicht, wischte mir mit dem Handrücken über die nassen Augen und schloss die Tür hinter mir. Ich würde die Handtücher in die Waschmaschine und die Tablettenpackungen zum Abfall werfen und dann um sieben den Leichnam finden und den Arzt rufen.
Draußen erklang ein weiteres gespenstisches Kreischen, das klang, als versuche jemand, ein Schwein bei lebendigem Leibe mit einer Säge zu zerlegen, aber ich hatte jegliches Interesse am Zustand des Dachs verloren.
Als ich in die Küche kam, stand Spud immer noch bellend an der Tür. »Schon gut, Spud, ich höre es auch.« Ich schob den Riegel zurück, öffnete die Tür und trat mit dem Müllsack in der einen und der Taschenlampe in der anderen Hand auf die Veranda hinaus.
Spud drängte sich an mir vorbei, blieb wie angewurzelt stehen und knurrte.
»Spud!«, schimpfte ich, schlüpfte in meine Gummistiefel und zerrte Roses alte Öljacke vom Haken. Eine Windbö erfasste sie, als ich sie anziehen wollte, und ließ sie wild flattern. »Beweg dich gefälligst, du dummer Köter!« Der Lichtstrahl wanderte über den hinteren Rasen, während ich mit der Ölhaut kämpfte, erfasste eine Gestalt, die sich vom Licht wegduckte, und ich schrie erschrocken auf.
Sie sah kaum menschlich aus, eher wie eine Art bösartiger Troll, und daneben kauerte ein formloser dunkler Fleck, der dem Gebbeth aus Die Saga von Erdsee glich. Ich legte wie eine der Heldinnen aus Graemes Horrorfilmen die Hand auf die Brust, dann erkannte ich, dass der Fleck mit ingwerfarbenen Borsten übersät war. Es war nur Percy, und Percy würde sich nie mit den Mächten des Bösen verbünden. Meine Hand mit der Taschenlampe hörte auf zu zittern, und der Troll verwandelte sich in einen völlig durchnässten Bob McIntosh, der im Lichtstrahl vor der Tür des Holzschuppens stand.
»Bob!«, rief ich, ließ den belastenden Sack fallen, trat von der Veranda hinunter in den strömenden Regen hinaus und schlang Roses Öljacke eng um mich.
Einen Moment lang dachte ich, er würde herumwirbeln und flüchten, doch stattdessen wich er bis zur Seite des Holzschuppens zurück. Spud stand steifbeinig neben mir, und Percy watschelte auf mich zu, um in der Hoffnung auf einen Leckerbissen an der Tasche meiner Öljacke zu schnuppern. Als Wachschwein war er eine absolute Fehlbesetzung; Regel Nummer eins lautet doch sicherlich, sich nicht mit dem verdächtigen Eindringling zu verbünden! Aber der Preis für Percys Kooperation ist gering – ich schätze, ein Schokoladenkeks würde genügen.
»Was tun Sie hier?«, fragte ich, dabei richtete ich die Taschenlampe direkt auf Bob. Er legte eine zitternde Hand vor seine Augen, um sie vor dem Lichtstrahl zu schützen, und ich ließ die Lampe ein kleines Stück sinken.
»Ich … ich bin nur vorbeigekommen, um zu sehen, ob bei Ihnen alles in Ordnung ist«, stammelte er.
»Und wie bringen Sie das in Erfahrung, wenn Sie um das Haus herumschleichen?«
»Ich wollte nur überprüfen …«
»Was überprüfen?«, herrschte ich ihn an.
»Das Dach«, sagte Bob, dessen Blick aus einer plötzlichen Eingebung heraus zum Haus hinter mir gewandert war. »Da haben sich ein paar Wellblechbahnen gelöst. Es wird hineinregnen.«
»Ja«, bestätigte ich kalt. »Vielen Dank. Und jetzt gehen Sie bitte.«
Er trat unverhofft einen Schritt vor, woraufhin ich erschrocken einen zurückwich. »Sie sollten sich bei diesem schlechten Wetter nicht draußen aufhalten, Josie. Ich denke, wir gehen jetzt hinein und trinken eine schöne Tasse Tee, hmm?« Er streckte eine Hand aus, als wolle er sie auf meinen Arm legen, und ich trat noch einen Schritt zurück.
»Josie, ich habe mir nur Sorgen um Sie gemacht.«
»Bob«, erwiderte ich fest, »wenn man sich Sorgen um jemanden macht, schleicht man nicht heimlich um dessen Haus herum. Das ist doch krank! Machen Sie, dass Sie wegkommen!« Ich glaube, ich habe sogar mit dem Fuß aufgestampft, um meinen Worten Nachdruck zu verleihen.
Sein Lächeln blieb unverändert, obwohl ihm der Regen von der Nasenspitze tropfte und sein schütteres Haar an seiner Kopfhaut klebte. »Aber, aber, Josie. Wir wollen uns doch nicht aufregen, wir könnten ja Ihre arme kranke Tante wecken. Und das wollen wir doch nicht, oder? Wir wollen der armen Frau keine Angst einjagen.«
Bei diesen Worten lief mir die Galle über. »Mach, dass du wegkommst!«, zischte ich giftig. »Verschwinde, du widerlicher kleiner Wurm, oder ich rufe die Polizei!«
»Das Telefon dürfte nicht funktionieren«, erwiderte Bob selbstgefällig. »So, Josie …« Er packte mich am Ellbogen, und ich versetzte ihm einen kräftigen Tritt in den Unterleib. Als er auf dem nassen Gras zusammensackte, empfand ich nichts außer tiefer Befriedigung.
Bob stieß einen hohen, pfeifenden Laut aus, dann zog er sich mühsam auf Hände und Knie, bevor er sich ganz hochrappelte. Er schwankte um den Holzschuppen herum und torkelte durch das hölzerne Tor unter dem Walnussbaum. Ich sah ohne den geringsten Anflug von Reue zu, wie er in der verregneten Dunkelheit verschwand.
Dann marschierte ich zum Haus zurück, hob den Müllsack auf, trug ihn zum Abfallloch, zog den schweren Betondeckel weg und ließ den Sack hineinfallen. Beweisstücke vernichtet.
Ich drehte mich um und richtete den Lichtstrahl aufs Dach. Mindestens zwei Wellblechbahnen waren weggerissen worden und hatten die nackten Balken freigelegt, und ein Stück Regenrinne flatterte daran wie ein Schal im Wind. Es war, als brächte das alte Haus ohne seine Besitzerin nicht mehr die Kraft auf, den Elementen noch länger zu trotzen, und würde den ungleichen Kampf aufgeben. Ich fröstelte; fühlte mich plötzlich entsetzlich verloren und den Tränen nah statt von wütender Tatkraft beseelt. Spud presste seinen nassen Körper tröstend gegen mein Bein.
Ich streichelte den breiten, grau gesprenkelten Kopf, folgte ihm über den Rasen zur Küchentür und öffnete sie. Er trottete in den Raum, blieb in der Mitte stehen, um sich zu schütteln, und zog sich dann auf seine Spiderman-Decke neben dem Ofen zurück. Ich griff nach meinen Schlüsseln und meinem Handy und rannte zum Auto. Auf der anderen Seite der Straße wohnte Matt, Wärme und Geborgenheit verheißend und Herr jeder Lage. Er würde wissen, was bezüglich des Dachs zu tun war, und wenn sich Bob doch noch von meinem Tritt in seine Eier erholen und er, auf Rache sinnend, zurückkommen sollte, würde er auch mit ihm fertig werden.