Spuren von Menschen — Menschenfresser — Errettung eines der Schlachtopfer

Die Zeit schlich dahin. Unaufhörlich arbeitete Robinson an seinem Vorhaben, das Schiff fertigzustellen. Mit großer Mühe war es ihm gelungen, den Stamm zu fällen, aber es erwies sich als unendlich schwer, ihn auszuhöhlen. Wie viele Jahre würde ihn diese Arbeit noch beanspruchen?

Einmal kam ihm der Gedanke, daß er die Insel nun schon so lange bewohnte und trotzdem nur den kleinsten Teil kannte. Wenn er auch am Anfang Bedenken hatte, so wollte er sich jetzt nicht mehr davon abhalten lassen, sie einmal ganz zu durchstreifen. Wie leicht wäre es möglich, daß er in den anderen Teilen der Insel wesentliche Entdeckungen machte.

Diese Idee packte ihn so sehr, daß er besthloß, sich in der Frühe des folgenden Tages auf Wanderschaft zu begeben. Noch am Abend bereitete er alles vor, bepackte am anderen Morgen eines der Lamas mit Marschverpflegung und legte seine Ausrüstung an. Er wollte sich dicht am Strand halten, um sich vor wilden Tieren zu schützen, die vielleicht im Innern der Wälder hausten.

Je weiter Robinson vordrang, desto mehr konnte er erkennen, daß sich in der unfruchtbarsten Gegend der Insel niedergelassen hatte. An vielen Stellen stieß er auf Bäume, die ihm ganz unbekannt waren. Er konnte feststellen, daß nahrhafte und wohlschmeckende Früchte darauf wuchsen. Das Lama trottete geduldig hinter ihm her, während er dem Strand entlangging, der hier mit weichem Sand bedeckt war.

In der Ferne bemerkte er eine Landzunge. Sicherlich war diese das äußerste Südende der Insel.

Plötzlich zuckte Robinson zusammen und stand wie vom Donner gerührt. Was er hier nie vermutet hatte, bot sich seinen Augen dar: Fußstapfen eines Menschen im Sand! Es war die Spur eines nackten Fußes. Er konnte genau die Zehen und die Ferse erkennen.

Entsetzen packte Robinson. Er stellte sich das Wesen, das diese Eindrücke hinterlassen hatte, nicht als einen Freund vor, der ihm Hilfe bringen könnte, sondern als einen wütenden Feind, der ihn töten wollte. Er dachte an einen menschenfressenden Kannibalen.

Verschüehtert blickte Robinson in die Runde. Er lauschte auf das Rauschen der Blätter, und plötzlich raffte er sich auf. Wie ein verfolgtes Tier rannte er dahin. Er lief, so schnell er konnte, zu seinr Behausung. immer wieder wandte er sich in seiner Verzweiflung um, und es gab kaum einen Strauch oder einen Busch, den er in seiner Angst nicht für einen Verfolger gehalten hätte. Wieder verbrachte er die Nacht auf einem Baum. Aber natürlich fand er keinen Schlaf. Schreckensbilder jagten ihn. Bisweilen bildete er sich ein, der Teufel selber verfolge ihn. Wie sollte denn ein menschliches Wesen hier auf die Insel kommen?

Robinson zwang sich zur Ruhe, um die unsinnigen Gedanken zu verscheuchen. Sicherlich hätte der Teufel tausend andere, weitaus bessere Wege, ihn zu erschrecken. Er würde doch niemals so einfältig sein, seine Spur ausgerechnet an einem Ort zu hinterlassen, wo Robinson sie nach normaler Berechnung nie zu Gesicht bekommen würde. Die erste Welle könnte die Fußspur verwischen, die alltäglichste Brise müßte sie verwehen.

Nein, der Teufel konnte es nicht sein.

Waren es also doch Menschen? Wilde vielleicht, die von dem Festland herübergekommen waren, die Spuren von dem unbekannten Menschen gefunden hatten und in größerer Zahl wiederkehren würden, um ihn aufzufressen?

Robinson, sonst beherzt und entschlossen, war völlig mutlos. Sollte er seine Hofanlage einreißen und die Haustiere in die Wälder treiben, damit die Feinde sie nicht fänden? Sollte er seinen Garten zerstören, damit ein Beutezug sich nicht für sie lohnte?

Am nächsten Tag verwarf er seine übereilten, törichten Pläne, die die Furcht ihm eingegeben hatten, rasch wieder. Er hatte bald eingeseen, daß seine Angst nicht gerechtfertigt war. Etwa fünfzehn Jahre lebte Robinson nun schon auf seiner Insel, und er konnte nicht annehmen, diese fruchtbare Gegend sei so gänzlich unbekannt, wie er sich eingebildet hatte. Sicherlich landeten zuweilen einige Boote.

Was jedoch der wirkliche Grund für die Besuche der Wilden war, erkannte Robinson, als er es wagte, sich wieder dem Strand zu nähern. Mit Bestürzung und Entsetzen stand er plötzlich vor einem Haufen von Knochen, menschlichen Hirnschalen, Händen und Füßen, die auf dem Strand verstreut lagen. Eine erloschene Feuerstätte war in der Nähe, an der die unmenschlichen Besucher offenbar ihre grausige Mahlzeit gehalten hatten.

Die Angst wollte den Einsiedler lähmen, aber rasch überwand er dieses Gefühl. Hatte ihn die Spur im Sande zuerst erschreckt, so packte ihn jetzt flammender Zorn.

Ihm wurde klar, daß diese Unmenschen nicht wegen der Beute seine Insel ansteuerten, sondern sie brachten ihre Beute mit, menschliche Beute, um sie in aller Ruhe am Strand zu verzehren. Natürlich ahnten sie nichts von Robinsons Anwesenheit und glaubten sich hier völlig unbeobachtet.

In seiner Wut hatte Robinson nur den einen Gedanken, den Kannibalen entgegenzutreten und ihre armen Opfer aus ihren Händen zu befreien. Aber diesen Vorsatz verwarf Robinson rasch wieder, denn er mußte ja erkennen, wie wenig er als einzelner gegen vermutlich eine ganze Horde würde ausrichten können. Er beschloß, sich künftig auf die Verteidigung einzurichten, mehr Bäume zum Schutz um seine Behausung zu pflanzen und die Erdwälle zu erhöhen. Auf jeden Fall wollte er sein Leben so teuer wie möglich verkaufen, wenn etwa Wilde ihn aufstöbern und zum Kampfe stellen sollten.

Mit seiner Anpflanzung konnte er zufrieden sein. Die weidenargigen Büsche würden bei ihrem schnellen Wachstum bald ein um unentnwirrbares Dickicht bilden, und mit Absicht pflanzte Robinson sie so regellos, daß das Ganze nicht nach einer geplanten Anlage aussah.

Vom Innern der Höhle aus grub er einen Gang bis zur anderen Bergseite, um sich hier einen Notausgang zu sichern. Sollte seine Behausung von Feinden umstellt werden, so blieb ihm immer noch die Möglichkeit, sich nach rückwärts zu retten. Diese Arbeiten waren unendlich mühselig, und natürlich fand Robinson nun keine Zeit mehr für seinen Einbaum.

Alle Möglichkeiten rechnete Robinson mit ein. Wie aber sollte er sich verhalten, wenn ihn die Feinde richtig belagern würden? Auch für diesen Fall mußte er gerüstet sein, und so beschloß er, immer ein milchgebendes Lama in seiner Hofanlage zu halten und für das Tier einen Heuvorrat bereitzulegen, den er nur im Notfall angreifen durfte. Auch Käse, Früchte und Kokosnüsse lagerte er in seinem Keller.

Wieder gingen die Jahre dahin. Robinson hatte an einem Morgen, wie er es zu tun pflegte, den Aussichtshügel erstiegen, als er zu seiner Bestürzung einige Meilen entfernt einen Feuerschein entdeckte. Es war eine Gegend, in der er die Wilden nie vermutet hätte. Schrecken wollte ihn packen, doch dann überwog die Neugier. Von dem Berg hinter seiner Wohnung hielt er Ausschau. Er legte sich flach auf den Boden und spähte angestrengt hinüber. Etwa dreißig Wilde waren zu sehen. Einige hockten um ein Feuer. Um sich daran zu wärmen, konnten sie es nicht angezündet haben, denn die Luft war bereits ziemlich heiß. Das Feuer konnte ihnen wohl nur dazu dienen, ihr Mahl aus Menschenfleisch zu bereiten. Die anderen tanzten mit allerlei barbarischen Gebärd’en um das Feuer herum. Fünf Kanus lagen auf dem Strand. Offenbar wollten die Barbaren die Flut abwarten.

Robinson, von dessen Anwesenheit die Menschen nichts ahnten, wollte das Herz stehenbleiben, als er Zeuge war, wie zwei unglückliche Gefangene aus den Booten geholt und. zum Feuerplatz geschleppt wurden. Ein paar dieser grausamen Eingeborenen schlugen den einen Gefangenen mit einer Keule nieder, andere stürzten sich sogleich auf ihn um ihn für das furchtbare Mahl vorzubereiten. Währenddessen sah der andere diesem unmenschlichen Schauspiel zu und wartete, bis er an die Reihe kam. Doch offenbar erwachte in ihm die Hoffnung, er könne einen unbewachten Augenblick dazu benutzen, sein Leben zu retten. Urplötzlich ergriff er die Flucht. Er rannte mit so unglaublicher Geschwindigkeit davon, daß er im Nu seinen Verfolgern weit voraus war. Sein Weg führte am Strand entlang, unmittelbar in Richtung auf , Robinsons Behausung zu.

Tödlicher Schrecken packte Robinson. Wenn der Fliehende die Richtung beibehielt, würde er den ganzen Haufen nach sich ziehen und ihn in Gefahr bringen. Zugleich aber sah Robinson zu seiner Erleichterung, daß der Gehetzte seinen Feinden im Laufen weit überlegen war und daß nur noch drei hinter ihm her waren. Jetzt lag zwischen ihm und den Wilden noch die Bucht, die mußte er durchqueren, wenn er sich nicht gefangengeben wollte. Kaum hatte er den Rand des Wassers erreicht, als er sich ohne das geringste Zaudern hineinwarf, und mit ganz erstaunlicher Geschwifnigkeit schwamm er zum gegenüberliegenden Ufer. Die beiden, die die Spitze hielten, schwammen ihm wütend nach, der dritte schien sich nicht zu trauen. Er blieb zurück und verschwand in Richtung auf das Lagerfeuer.

Jetzt ist es an der Zeit, einen Kameraden zu gewinnen, sagte sich Robinson entschlossen. Ich werde diesem armen Kerl das Leben retten. In aller Eile stieg er von seinem Ausguck auf dem Felsen hinunter und rannte zur Bucht hinüber.

So laut er konnte, rief er dem Flüchtenden nach. Der Mann blickte sich um, aber offenbar erschrak er vor der Gestalt, die gänzlich in Felle gehüllt war, nicht weniger als vor seinen Feinden. Robinson winkte ihn zu sich heran, um ihm seine friedlichen Absichten zu bekunden, und rannte dann gegen die Wilden an. Den vordersten traf er mit seinem Spieß so schwer in den Leib, daß der Mann niederstürzte. Der andere, der mit Pfeil und Bogen ausgerüstet war, hob schnell seine Waffe, doch Robinson kam ihm zuvor und streckte auch ihn mit einem Lanzenstich zu Boden.

Obwohl der Flüchtling sich durch Robinsons Eingreifen plötzlich von seinen Feinden befreit sah, war er über das überraschende Auftauchen des seltsamen Fremden, der ihm wie ein übermenschliches Wesen vorkommen mochte, so betroffen, daß er wie angewurzelt dastand und keinerlei Versuch machte, seine Flucht fortzusetzen. Dabei war an seinem ängstlichen Zittern unschwer zu erkennen, daß er sich gern blitzschnell davongemacht hätte.

Robinson winkte ihm mit der Hand und rief ihm zu, er solle herbeikommen. Der Mann schien die Gesten zu verstehen, lief ein paar Schritte vorwärts, zauderte dann wieder und blieb stehen, lief wieder vorwärts und blieb wieder stehen. Er bebte vor Angst, als sei er noch immer gefangen und sollte nun ebenso wie die beiden Verfolger grausam getötet werden.

Robinson versuchte, ihm seine freundschaftlichen Absichten deutlich zu machen, winkte wieder und rief mit sanfter Stimme. Der Mann kam immer näher, warf sich aber alle zehn, zwölf Schritte zu Boden, als wolle er seine Dankbarkeit für sein gerettetes Leben bekunden.

Als er Robinson dann ganz erreicht hatte, legte er sich platt auf die Erde und küßte den Boden, ergriff Robinsons Fuß und setzte ihn auf seinen Kopf, um anzudeuten, daß er sich ganz als Sklave des mächtigen Herrn fühle.

Da zog Robinson ihn mit freundlichen Worten und Zeichen zu sich empor und gab sich Mühe, dem erregten Mann Mut zuzusprechen. Der erste Wilde, den Robinson niedergestoßen hatte, war nicht tot. Er erwachte aus seiner Betäubung, befrachtete seine furchtbare Wunde und schien wieder zu sich zu kommen. Als Robinson mit der Hand auf ihn wies, um seinen Gefährten darauf aufmerksam zu machen, stieß dieser ein paar Worte hervor. Natürlich verstand Robinson sie nicht, aber der Klang ergriff ihn wie Himmelsmusik. Waren es doch die ersten Laute einer menschlichen Stimuie, die er seit mehr als fünfundzwanzig Jahren wieder vernahm.

Wie aber sollte er sich gegenüber dem Verwundeten verhalten? Der Mann hatte sich bereits so weit erholt, daß er aufstehen konnte. Zur Flucht durfte Robinson es nicht kommen lassen, denn die Kannibalen am Strand durften von dem, was sich hier ereignet hatte, nichts erfahren. Als der Wilde wieder eine Bewegung machte, um sich aufzurichten, und Robinson seine Lanze hob, gab sein neuer Gefährte ihm durch Gebärden zu verstehen, er werde die Sache klären. Blitzschnell ergriff er die Waffe und löschte mit einem einzigen Stoß das Leben seines Feindes aus. Robinson wandte sich traurig zur Seite, als der Mann ihm die blutige Waffe vor die Füße legte.

Als Robinson dem neuen Gefährten ein Zeichen machte, nahm dieser Pfeil und Bogen des Toten an sich, verscharrte die beiden Feinde und folgte nun seinem Herrn auf dem Wege zu der Wohnung. Ihre Lage war immer noch gefährlich, denn sicherlich würden die Wilden nach ihrer Mahlzeit die ausgebliebenen Gefährten und den entronnenen Gefangenen vermissen.