Unwiderstehlicher Drang in die Ferne
Mehrere Jahre waren vergangen.
Für Robinson war es nicht leicht, sich nach dem langen Einsiedlerleben wieder an zivilisierten Umgang zu gewöhnen. Zwar sorgte ein wohlmeinendes Schicksal für sein äußeres Wohlergehen, denn ihm fiel durch Erbschaft ein so hoher Geldbetrag zu, daß er sein Leben ganz nach seinem Gutdünken gestalten konnte.
Er nahm eine Frau, gründete einen Hausstand und hatte nun neben seinem getreuen Freitag einen weiteren lieben Lebensgefährten. Jetzt schien ihm zu seinem Glück nichts mehr zu fehlen. Sollte Robinson einundsechzig Jahre zählte er nunmehr — jetzt nicht das Verlangen haben, daheim zu bleiben und Leben und Vermögen keiner weiteren Gefahr auszusetzen?
Aber alles, was das Leben ihm in der Heimat bot, konnte ihm nur wenig Befriedigung geben. Robinson dachte oft an seine Insel im Karibischen Meer. Eines Nachts träumte er von seinem Kastell. Ihm war, als stünden der alte Spanier und Freitags Vater leibhaftig vor ihm. Sie redeten ihm zu, auf sein Besitztum zurückzukehren. Die beiden erzählten ihm, wie barbarisch sich die drei auf der Insel zurückgelassenen Meuterer aufgeführt hätten, wie sie alle Spanier ermordet und den Vorrat an Lebensmitteln verbrannt hätten, um sie alle Hungers sterben zu lassen. Tief betroffen über die Klagen des ehrlichen Spaniers zog Robinson die üblen Burschen vor Gericht und verurteilte sie zum Tode. Am nächsten Morgen, als Robinson erwachte, stand alles noch so deutlich vor seinen Augen, daß er glaubte, es sei wirklich geschehen.
Robinsons Drang in die Ferne hielt auch dann noch an, als seine Frau ihm zwei Söhne und eine Tochter schenkte. Aber sie zeigte sich voller Verständnis für seine Seelenstimmung. Einmal, als er sich wieder schlaflos auf seinem Lager wälzte, sagte sie sehr ernst zu ihm: »Ich glaube, der Trieb in die Ferne ist in dir so stark, daß du ihm, obgleich du eine Familie hast, nachgeben solltest.« Robinson spürte, daß der tapferen Frau bei diesen Worten Tränen in den Augen standen.
Diese verständige und liebevolle Haltung bewirkte, daß Robinson seine Ruhe wiederfand. Er erwarb in der Grafschaft Bedford ein kleines Gut, das er selber bewirtschaftete. In kurzer Zeit wurde aus dem von Fernweh verzehrten Robinson ein richtiger Landedelmann, dessen Gedanken ganz seiner Familie und dem Gedeihen seines Besitztums galten.
Doch inmitten dieses friedlichen Glückes traf ihn unvermutet ein schwerer Schicksalsschlag, der ihm alle Ruhe raubte. »Ich sah die einzige Rettung, aus diesem Elend herauszukommen, wieder in der Stillung meines Wandertriebes«, erklärte Robinson später.
Dieser schwere Schlag war der plötzliche Tod seiner lieben Frau. Mit ihr, die ihn verstand wie niemand sonst auf der Welt, war er glücklich gewesen, und durch ihren Verlust fühlte er sich nun verlassener als je zuvor. Die Arbeit auf dem Gutshof erschien ihm so sinnlos, daß Robinson Schließlich sein Hauswesen auflöste, den Besitz verkaufte und mit den Kindern nach London zog.
Doch auch in der großen Weltstadt wurde es mit Robinson nicht besser. Nichts wollte ihm gefallen, und wenn er als Müßiggänger umherschlenderte, wurde ihm klar, daß er weder seiner Familie noch sich selbst irgendwie von Nutzen war.
Da geschah es — es war im Jahre 1693 —, daß Robinsons Neffe, den er selber zum Schiffseigner und Schiffskapitän gemacht hatte, von einer seiner großen Seereisen zurückkehrte und den betrüblichen Zustand seines Onkels erkannte.
»Wie wär’s, Onkel«, meinte er, »wenn du mit mit in See stechen und auf deiner alten Insel an Land gehen würdest? Das ließe sich auf meiner nächsten Brasilienreise leicht einrichten.«
Der junge Seemann ahnte nicht, daß sein Vorschlag Robinsons geheimste Wünsche genau traf. Schnell wurden Onkel und Neffe sich einig wegen seiner wertvollen Rückfracht würde der Kapitän ihn zwar auf dem Heimweg nicht wieder abholen können, doch auch hier fand sich ein Ausweg: Robinson ließ ein zerlegbares Fahrzeug anfertigen, das mit Hilfe von einigen Zimmerleuten in wenigen Tagen seetüchtig gemacht werden konnte.
Seine Kinder übergab Robinson einer treuen Haushälterin; er versäumte auch nicht, sein Testament zu machen und alles Vermögen für seine Kinder anzulegen.
Zu Beginn des Jahres 1695 war das Schiff klar zum Auslaufen.