3
Wie der Drachenmeister es von mir verlangt hatte, kehrte ich in die leere Stallbox zurück, die mir als Quartier zugewiesen worden war.
Es war bereits weit nach Mitternacht, und ein eisiger Hauch fuhr durch die Dunkelheit. Die Sterne blinkten so feindselig wie tausend Augen, starrten mich aus ihren seidenen nächtlichen Laken an, als hätte ich sie, nur weil ich unter ihnen daherging, aus ihrem sorgenfreien Schlaf gerissen. Die Nacht wirkte wie ein pechschwarzer Umhang, luftig und feucht wie durchnässte Seide, geschmückt mit der hauchdünnen Sichel des Mondes; sie erinnerte mich an die Pidi-nos der Clans, die kostbaren Streifen aus begehrter schwarzer Seide, mit denen die Handgelenke der Frauen an den Chancobie gefesselt wurden, den Thron der Unterwerfung, auf dem eine Frau während der Erwählungszeremonie sitzt.
Die Stallhöfe, die ich durchquerte, sahen einer wie der andere aus: gemauerte Ställe umgaben einen viereckigen Hof, und in jeder Stallbox schlief hinter einem Eisengitter ein Drache. Die schuppigen Bestien schlummerten unbesorgt, geborgen in der Domäne des Drachenmeisters. Ihre Schnauzen ruhten wie brütende Vögel auf ihren mit Kinnlappen geschmückten Hälsen. Oder sie hatten den Hals zwischen den Vorderläufen ausgestreckt, so dass die Schnauze auf dem Boden ruhte, oder ihn, was etliche Drachen taten, auf den Rücken gelegt, den Kopf unter eine Schwinge geschoben. Wieder andere Drachen standen aufrecht, während ihr Kopf herunterhing, dass ihre festen Lippen fast den Boden berührten. Ihre Rippen hoben und senkten sich unter ihren Atemzügen. Manchmal zuckte ein Glied im Schlaf, ein Magen knurrte, oder ein Schweif schlug im Traum gegen die Steine.
Mir war bewusst, dass auf mich kein solch friedlicher Schlaf wartete, denn ich fürchtete die Feindseligkeit meiner Stallgefährten und fragte mich, ob sie es wagen würden, mich noch in dieser Nacht aus der Domäne des Drachenmeisters zu vertreiben, trotz der Präsenz des Komikon in den Stallungen.
Also legte ich mich zunächst nicht in meine grobe Hängematte, sondern lief unruhig in meinem Stall umher. Das Stroh strich mir um die Knöchel, der Schiefer unter dem Stroh fühlte sich kalt und feucht unter meinen nackten Fußsohlen an.
Irgendwann kurz vor dem Morgengrauen zwang mich die Erschöpfung jedoch in die Knie. Ich suchte mir einen Stein von der richtigen Größe, drückte ihn an meine Brust und kletterte in meine Hängematte. Die alten Stricke knarrten unter meinem Gewicht.
Ich starrte in die Sterne, die im trüben Grau des heraufdämmernden Tages zur Farbe des Regens verblassten, und schwor mir, meine schweren Lider nicht zu schließen.
Viel später fuhr ich aus dem Schlaf hoch, als der Stein, den ich umklammert hatte, zu Boden fiel. Mit pochendem Herzen blinzelte ich in die grelle Sonne. Benommen lauschte ich denselben Geräuschen der Arbeiter, die mich am Tag zuvor neben dem Getreidesilo noch in den Schlaf gelullt hatten.
Es ging bereits auf die Mittagszeit zu. Die Schüler des Drachenmeisters von Brut Re waren bereits bei ihrer harten Arbeit. Ich hatte seit dem Morgengrauen geschlafen, von ihnen ignoriert und unangetastet.
Behutsam, der Striemen auf meinem Rücken eingedenk, richtete ich mich auf. Aber von den Streifen aufgeplatzten Fleisches war nur noch ein Zickzackmuster geschwollener Haut übrig. Ich fuhr vorsichtig mit den Fingern über das schlangenähnliche Narbengewebe. Es tat nicht weh. Langsam kletterte ich aus meiner Hängematte und streckte mich. Gesunde Muskeln zogen sich unter der von der Feder geheilten Haut zusammen.
Also gut.
Ich stand da, körperlich gesund, im Geiste jedoch noch längst nicht wiederhergestellt, und starrte ausdruckslos in den Tag, der mich erwartete.
Was sollte ich jetzt tun?
Die ungeheure Aufgabe anpacken, die ich mir selbst gestellt hatte: Nämlich nicht nur den Zorn des Tempels zu überleben, weil ich in die Lehre des Drachenmeisters eingetreten war, sondern selbst ein Drachenmeister zu werden, mit dem Ziel, den Einfluss und die Macht eines Cinai Komikon zu nutzen, um die Sitten und Traditionen eines ganzen Landes zu verändern.
Großer Re! Ist es ein Wunder, dass mir diese Aussicht jegliche Kraft raubte, ich mich wie angewurzelt fühlte angesichts meines sicheren Scheiterns?
Erneut schoss mir die Erkenntnis durchs Hirn, dass mir der Kopf längst von einem Scharfrichter vom Hals geschlagen worden wäre, hätte ich an meinem ursprünglichen Vorhaben festgehalten und Kratt beim Mombe Taro getötet. Mich fröstelte, als mich die Sehnsucht durchzuckte, der Gedanke, wovor mich die Flucht in den Tod bewahrt hätte.
Ich drückte die Ellbogen an meinen Körper, schloss die Augen und atmete einmal tief durch, um diese düsteren Gedanken aus meinem Verstand zu vertreiben.
Das verführerische Aroma des Drachengifts lastete wie Blei über den Stallungen, und als ich tief einatmete, drang der Duft in meine Nase und ließ mein Herz erglühen wie Holzkohle. Der beißende und doch so honigsüße Geruch tanzte auf meiner Zunge, trieb mir eine Gänsehaut über die Arme, sang in meinen Adern, ließ mein Herz anschwellen und brannte in meiner Seele.
Ja, oh ja! Dieses so begehrenswerte Aroma von Süßholz und Limonen: Drachengift. Ich konnte nicht genug davon einatmen, sehnte mich danach, verlangte zitternd danach, war benommen und erregt, wurde von der Gier danach fast verzehrt. Ich konnte nichts dagegen tun; ich öffnete weit den Mund und inhalierte tief und immer wieder, genoss den warmen Duft als Ersatz für das flüssige Gift.
Eine Flut von Erinnerungen überschwemmte mich: die verfallene Rotunde des Konvents; uralte, unfruchtbare Drachenbullen; das Kratzen von schuppiger Haut an meinen Schenkeln; eine Drachenzunge, die schwarzes Gift über meinen Unterleib schmierte.
Diese Erinnerung lieferte mir am Ende einen triftigen Grund, mich in den Tag zu stürzen: Die Möglichkeit, Gift zu mir nehmen zu können. Es war ein verachtenswerter Grund, gewiss, und eine Krücke, auf die ich mich viel zu eifrig stützte. Doch sobald ich begriff, dass meine Gier nach Drachengift mir einen stärkeren Anreiz gab, mich dem Tag zu stellen, als das bloße Bedürfnis, zu überleben, unterdrückte ich diese fürchterliche Erkenntnis.
Ich atmete immer wieder durch den offenen Mund ein, trank das Aroma des Drachenfeuers, und erst als mir vom schnellen Atmen schwindlig wurde, hörte ich auf und öffnete die Augen wieder. Mit unscharfem Blick und rasendem Puls musterte ich meine Umgebung.
Ein beeindruckender Hof erstreckte sich vor mir, umringt von Mauern aus Granitquadern, die von wer weiß wo hertransportiert worden waren. Die Hälfte der Ställe waren leer, und die jungen Männer schwitzten, als sie verbissen den Dung hinausschaufelten. In den Stallboxen, die belegt waren, hockten die wundervollen Drachen von Roshu-Lupini Re, Jährlinge und Reitdrachen mit unbeschnittenen Flügeln, allesamt Weibchen, die entweder noch zu jung waren, um Eier legen zu können, oder zu angespannt dafür waren.
Sehnig und nervös, ausgebildet, bei der zartesten Berührung mit den Sporen in die Luft zu springen und mit anderen Drachen zu kämpfen, waren sie Kampfdrachen. Im Unterschied zu der matten Haut der schwingenamputierten Brutdrachen, deren Zahl in Brutstätte Re vorherrschte, und der verblassten, räudigen Haut der sterbenden Bullen, die ich im Konvent Tieron versorgt hatte, strotzte die schuppige Haut von Roshu-Lupinis Kampfdrachen vor Gesundheit und glänzten in schillernden Farben.
Während die Haut eines Brutdrachen meist von einem fleckigen Rotbraun und Moosgrün ist, schimmerte die Haut von Roshu-Lupinis Kampfdrachen in Walnussbraun und dem satten Grün nassen Dschungellaubs. Stand ein Brutdrache zumeist mit hängendem Kopf da, mürrisch und gleichgültig, schnaubten die Kampfdrachen lebhaft in ihren Ställen, und ihre langen, gegabelten Zungen zuckten hervor, schwarz von Gift. Sie grollten, warfen die Köpfe und stemmten sich immer wieder gegen die Eisenstäbe, die sie in ihren Stallboxen hielten. Es kratzte, wenn sie mit ihren tödlich scharfen Krallen an den Steinen entlangfuhren.
Ich liebte diese Drachen, wirklich, das tat ich.
Jetzt, da mein Körper auf wundersame Weise geheilt worden war und der Duft des Gifts durch meinen Körper rann, liebte ich diese Drachen. Begeisterung durchströmte mich, und ich hatte das Gefühl, fliegen zu können, wenn ich nur meine Arme ausbreitete.
Auf dem Hof herrschte ein lärmendes Treiben. Mistgabeln blitzten in der Sonne, als die Schüler Stallungen ausmisteten, den Dung auf Karren wegfuhren und frische Streu und Futter herankarrten. In einer schattigen Ecke bedienten zwei hagere Jungen den rostigen Schwengel einer Pumpe; das Wasser spritzte aus dem Rohr in eine Art offenen Aquädukt, der am Ende jedes Stalls entlangführte. Flüche flogen hin und her, gebrüllte Befehle hallten von den Steinmauern wider. Schlangenstäbe und Maulstöcke glitzerten im kühlen Schatten, von Jünglingen geschwungen, die entweder rittlings auf einem Drachen saßen oder versuchten, ihn ruhigzustellen, damit er gepflegt werden konnte.
Am anderen Ende des Hofs standen zwei windschiefe, halb verfallene Schuppen, die Latrinen der Schüler. Ein Haufen Holz und ein Berg von Ziegelsteinen lag daneben. Ah, ich verstand. Das war das Material, aus dem ich auf Befehl des Drachenmeisters eine Latrine bauen sollte. Daneben befand sich auch eine Kiste mit den benötigten Werkzeugen.
Ich blähte meine Nasenflügel, pikiert von der unverhüllten Herausforderung, die er mir da stellte. Wie jeder Mann nahm auch er einfach an, dass ich als Frau keine Ahnung hätte, wie man eine Latrine baute. Aber eine solch einfache Aufgabe konnte mich nicht einschüchtern, heho! Ich hob das Kinn. Ich würde ihm beweisen, dass ich keine gewöhnliche Frau war!
Ich setzte mich in Bewegung; die rote, von der Sonne gebackene Erde fühlte sich unter meinen nackten Sohlen so warm an wie Blut.
Am selben Ende des Hofes, an dem sich die Latrinen und der Holzstapel befanden, führte auch ein Durchgang unter einem gewaltigen Sandsteinbogen zu einem weiteren Stallhof und dahinter zum nächsten. Eine Reihe von Schülern marschierte gerade unter diesem Bogen hindurch. Jeder von ihnen führte mit einem Maulstock, dessen Haken fest in einem der Nüstern des Drachen befestigt war, ein Tier neben sich, dessen Schwingen gefesselt waren. Sie brachten sie irgendwohin, wahrscheinlich zur Ausbildung.
Ich blieb einen Moment stehen, mitten auf dem Hof, und sah den Schülern und ihren geflügelten Mündeln nach, als sie durch den Torbogen verschwanden.
Wie groß waren die Stallungen von Roshu-Lupini? Ich konnte es nicht sagen, jetzt, da ich in der Mitte dieses Hofs stand, aber nach meinem fieberhaften Herumirren am Vortag wusste ich, dass eine ockerfarbene Sandsteinmauer die gesamten Stallungen umfasste, ganz gleich, wie groß sie sein mochten. Diese Mauer war zweimal so hoch, wie ich groß war, und in ihren oberen Rand waren scharfe Tonscherben eingelassen – eine notwendige Sicherheitsmaßnahme, um Rishi und Bayen gleichermaßen davon abzuhalten, die Drachen und den heiligen Re, den erlauchten Drachenbullen unserer Brutstätte, zu belästigen, sie um ihren Segen für ihr Glück, um Fruchtbarkeit und reichlich Nahrung zu bitten.
Drachen waren Gottheiten. Allein aufgrund ihrer intakten Schwingen und ihrer Giftdrüsen wurden die Drachen von Roshu-Lupini als besonders göttlich angesehen und von daher für fähig gehalten, die Gebete der Gläubigen zu erhören. Natürlich steckte in dieser Annahme keinerlei Logik, aber Aberglaube und Mythen besaßen unter den Rishi eine große Bedeutung.
Ich setzte meinen Weg über den Hof fort, in Richtung des Holzstoßes, der neben den Schüler-Latrinen aufgeschichtet war. Das Holz war frisch geschlagen und mit Hagi behandelt, einem Pech, das in Malacar benutzt wurde, um Holz vor der Witterung zu schützen. Als ich mich dem Stapel näherte, vermischte sich der Teer-und Essiggeruch des Hagi auf sehr angenehme Weise mit dem Duft des Giftes, der aus den Stallungen drang.
Die Bretter waren gerade, wiesen die bräunliche Farbe von Hartholz und kaum Astlöcher auf. Nie zuvor hatte ich mit so schönem Holz arbeiten können, denn das Holz, das wir im Konvent von Tieron benutzten, um unsere Mühle zu reparieren, war grob und verwittert, Ausschuss, den uns der Ranreeb, der als Oberster Tempelvorsteher der Dschungelkrone für das Heiligtum in Tieron zuständig war, huldvoll zukommen ließ.
Auf dem Holzstoß stand eine blaue Kiste, die mit dem groben Abbild eines Drachenkopfs verziert war. Ich hockte mich hin und öffnete den Deckel.
»Heho!«, murmelte ich erstaunt. »Was haben wir denn hier?«
Die unordentlich in der Kiste verstauten Werkzeuge waren ein Schatz. Ehrfürchtig berührte ich einen der scharfen Sägezähne und nahm einen Hammer in die Hand. Als Frau hätte ich eigentlich nur wenig über den Gebrauch dieser Werkzeuge wissen sollen. Aber mein Leben im Konvent von Tieron war sehr ungewöhnlich gewesen.
Ich stand da, sprach das übliche Gebet, die Bitte an den Drachen, dass der ausgesuchte Ort Gnade vor den Augen des Bullen fand, und sah mich nach einer Schaufel um, mit der ich die Grube für die Latrine ausheben konnte.
Einer der jungen Novizen, welche die Ställe ausmisteten, bemerkte mich und rief einem der Schüler etwas zu, einem stämmigen Burschen, der auf einem Karren mit frischem Drachenfutter stand. Der stämmige Jüngling kletterte herunter und ging auf mich zu. Ich erkannte ihn sofort: Es war Eierkopf, der Einfaltspinsel, den Dono dazu anzustacheln versucht hatte, mich zu besteigen.
Rasch zog ich Kratts Umhang enger um meinen Körper, der schief von meinem Hals herunterhing.
Eierkopf kam mit finsterer Miene auf mich zu. Ein Schatten flog über ihn hinweg, als er noch mehrere Schritte entfernt war. Er blieb unvermittelt stehen und sah zum Himmel hinauf. Ich folgte seinem Blick.
Ein Aasvogel glitt nicht allzu hoch über unseren Köpfen über den Himmel, sank herab und landete flügelschlagend auf der großen Sandsteinmauer, welche die Stallungen umgab. Eierkopf schüttelte sich erleichtert, getäuscht von der unauffälligen Erscheinung eines, wie er glaubte, einfachen Truthahngeiers, drehte sich zu mir um und musterte mich finster. Der Vogel sah mich von seinem erhöhten Platz aus an und schüttelte sein Gefieder aus.
»Wurde auch Zeit, dass du aufwachst«, knurrte Eierkopf anklagend. »Das geht nicht, weißt du, lange schlafen, während wir anderen arbeiten. Das darfst du nicht. Und du darfst auch nicht so herumlaufen.« Er deutete auf mich, während die Röte über seinen fleischigen Hals kroch. »Du musst Kleidung tragen, die dich ganz bedeckt …«
Er unterbrach sich und riss erstaunt seine weit auseinanderstehenden Augen auf.
»Was ist mit deinen Wunden passiert?«, quiekte er. Jetzt klang er nicht mehr wie ein Bär, sondern wie ein in die Enge getriebenes Wildschwein. »Dreh dich um, dreh dich herum!«
Ich gehorchte ihm widerwillig.
Ein ersticktes Stöhnen entrang sich seiner Kehle, und er trat mehrere Schritte zurück. »Wo sind sie hin? Wie sind die Wunden verschwunden?«
Ich wog seine Reaktion ab und kalkulierte meine Möglichkeiten. Dabei beobachtete ich aus den Augenwinkeln den Aasvogel auf der Sandsteinmauer.
»Ich bin die Dirwalan Babu«, erwiderte ich langsam und deutlich.
»Die was?«
»Die Tochter des Himmelswächters.«
Seine Augen wanderten, wie ich erwartet hatte, zu dem Vogel, und er zuckte unwillkürlich zusammen, als er sich an das furchteinflößende Auftauchen des Himmelswächters auf der Straße der Geißelung erinnerte.
»Ich genese immer so rasch«, sagte ich im Brustton der Überzeugung. »Es ist eine Macht, über die ich verfüge.«
Eierkopfs Blick zuckte über mich hinweg, wie ein Wassertropfen über eine heiße Herdplatte tanzt. Sein übergroßes Mondgesicht schien langsam in sich zusammenzufallen. »Warum müssen die Novizen immer mir zugewiesen werden?«, jammerte er; dann wedelte er mit den Händen, als würde er Wäsche ausschlagen. »Wir haben viel Arbeit zu erledigen, heho! Wir bekommen heute Abend nichts zu essen, wenn unsere Arbeit nicht getan ist, und anschließend wird er uns mit einer Peitsche züchtigen, an der kein Gift ist.«
»Ich muss eine Latrine bauen.«
»Du bist mir zugewiesen worden; hast du nicht verstanden, was ich gesagt habe?«
»Doch, habe ich.«
Er starrte mich an, während seine dicken Lippen zitterten. Ich weigerte mich, den Blick zu senken, wie eine Frau es vor einem Mann tun sollte.
Schließlich packte er seine öligen Locken und rollte sie um einen Finger. »Du bist kein Veteran, weißt du! Du kannst nicht tun, was du willst. Du bist nicht mal ein Diener. Du bist ein Novize. Also tust du, was ich dir sage: Du mistest die Ställe aus.«
»Nein.«
Sein Gesicht lief so rot an wie Granatäpfel, und einen Moment glaubte ich, dass er sein Kinn anlegen und mich angreifen würde wie ein Bär. Stattdessen jedoch erschauerte er nur, warf erneut einen Blick zum Himmel und gurgelte: »Wir werden alle ausgepeitscht.«
Dann drehte er sich um und schlurfte zu den Jungen, welche die Ställe ausmisteten.
»Schneller«, blaffte er sie an, während er sich auch selbst eine Mistgabel schnappte. »Ihr seid zu langsam, arbeitet schneller!«
Seine Schreie scheuchten eine Schar brütender Tauben auf. Der Aasvogel auf der Mauer schüttelte sein Gefieder und kreischte ärgerlich.
Ich nahm eine Schaufel und machte mich daran, meine Latrine zu bauen.
Ich schuftete, vertraut mit der Arbeit durch mein Los während meiner Jahre im Konvent von Tieron, denn von den beiden wackligen Latrinen, über die wir im Konvent verfügten, musste ständig eine repariert werden. Als der jüngsten Onai fiel diese Aufgabe stets mir zu.
Bis zum späten Nachmittag hatte ich die Grube für die Latrine ausgehoben und recht ungeschickt zwei der vier Wände aufgebaut.
Kratts Umhang war meine einzige Bekleidung; ich hatte ihn am Saum zusammengeknotet, damit er mich besser bedeckte, aber das Kleidungsstück bot so gut wie keinen Schutz gegen die Sonne. Schwindlig vor Hitze, hungrig und ausgetrocknet, stolperte ich zur rostigen Pumpe des Hofs.
Eierkopf und die anderen Novizen, die bunt zusammengewürfelten jungen Burschen, die er den ganzen Morgen über angeschrieen hatte, während sie die Ställe ausmisteten, waren längst in den angrenzenden Hof weitergezogen. Ich war allein, konnte Eierkopf jedoch in der Ferne schreien hören; er trieb die Novizen gnadenlos an, schneller zu arbeiten.
Ich war allein, das heißt, bis auf die Drachen, welche die Veteranen vor einiger Zeit von ihrer Ausbildung zurückgebracht hatten; sie standen jetzt ruhig in ihren sauberen Ställen, wiederkäuten ihr Fressen oder verzehrten das frische Futter in ihren Trögen. Einige putzten sich, spreizten einen gefesselten Flügel so weit, wie sie konnten, schoben ihre Schnauze unter die dünne Haut und rieben Insekten und den allgegenwärtigen roten Staub unserer Brutstätte weg.
Bis auf die Drachen störte nur noch einer meine Einsamkeit: Der Geist meiner Mutter.
Der verfluchte Vogel erhob sich lautlos in die Luft, als ich über den Hof zur Pumpe ging, um zu trinken. Ich fühlte, wie sich sein hasserfüllter Blick in meinen Rücken bohrte, nahm den Willen meiner Mutter wahr, der in meinen Schläfen pochte wie ein Kopfschmerz. Sie wollte, dass ich die Stalldomäne verließ, oh ja. Sie wollte, dass ich diesen Unfug mit der Lehre aufgab und meine Tage der Suche nach Waivia widmete, die sehr wahrscheinlich längst tot war. Kiyu, Sexsklavinnen, lebten nicht sehr lange, und Waivia war vor mehr als zehn Jahren in eine solche Sklaverei verkauft worden.
Ich stolperte, als versuchte eine Hand meine Füße in eine andere Richtung zu lenken als die, in welche ich strebte. Ich zog die Schultern hoch und ging entschlossen weiter. Als ich mich der Pumpe näherte, stolperte ich erneut, heftiger diesmal, taumelte die letzten Schritte und musste mich an dem kühlen Eisen der Pumpe festhalten, damit ich nicht stürzte. Hinter mir hockte sich der Geist meiner Mutter auf den geschwungenen Giebel eines Stalles.
Ihr Wille pulsierte fiebernd hinter meinen Augen. Geh hier weg. Such sie.
Meine Knöchel liefen rosa an, als ich die Pumpe umklammerte. Ich kniff die Augen zu, als könnte ich damit ihre Stimme ausschließen.
Geh hier weg. Such sie. Ihr Wille war hartnäckig, so scharf und eindringlich wie ein hartes Korn, das sich in einen entzündeten Zahn bohrte.
Ich biss die Zähne zusammen, bewegte den Schwengel der Pumpe auf und ab und hielt meinen Kopf unter das kühle Wasser, das aus dem Rohr rauschte.
Ich hielt meinen Kopf unter Wasser, in der Hoffnung, dass das Rauschen sie abwehren, ihre tückischen Worte übertönen würde. Aber dem war nicht so. Natürlich vermochte das Wasser das nicht. Ihre Präsenz war wie ein unerwünschter und unsichtbarer Besucher, der sich in meinen Körper geschlichen hatte, mich in Besitz nahm, drohte, mich ins Koma fallen zu lassen und mich ins Nichts zu stürzen.
»Nein!«, schrie ich, riss meinen nassen Kopf unter der Pumpe heraus. Wassertropfen flogen in hohem Bogen durch die Luft und schillerten im Sonnenlicht wie Scherben eines zerplatzten Regenbogens, flogen höher, als die Schwerkraft es eigentlich hätte zulassen sollen.
Der Truthahngeier riss den Schnabel auf und zischte mich böse an.
»Lass mich in Ruhe!«, zischte ich zurück, während das Wasser aus meinem Haar troff und Kratts Umhang durchnässte.
Geh hier weg!, konterte der Geist; sein Wille prallte wie ein Hammerschlag auf meinen Kopf. Ich presste die Hände auf meine Ohren und stolperte weg, weg von ihr und der Wasserpumpe. Ich kam nicht weit, bevor ich am Eisengitter einer Stallbox zusammenbrach und dagegen sank.
»Re hilf mir«, keuchte ich.
Ich brauchte Gift, um den Geist fernzuhalten.
Dann fühlte ich den Blick anderer Augen auf mir. Ich hob den Kopf und begegnete dem Blick eines Drachen in seinem Stall. Die schrägen Augen der Drachenkuh glühten vor animalischer Intelligenz; ich hielt den Atem an. Ihre Pupillen, die in den gelben Iriden schwammen, die wie von einem inneren Feuer erleuchtet schienen, weiteten sich kurz und zogen sich dann rasch zusammen. Ihre gegabelte Zunge zuckte zwischen ihren festen, grünlichen Gaumen hervor. Ein Tropfen Gift fiel von ihrer Zunge auf das gelbe Stroh. Dort blieb er liegen, unmittelbar am Rande meines Blickfeldes, wie ein feuchter Obsidian.
Die dunkel schimmernden Kinnlappen der Drachenkuh blähten sich. Ihre gefalteten braunen Schwingen zitterten. Die schwarzen Krallen an den Spitzen ihrer Schwingen zuckten.
Wenn ich noch sehr viel länger an dem Tor zu ihrem Stall blieb, würde sie mit ihrer von Gift überzogenen Zunge nach mir schlagen.
Das Verlangen, das diesem Gedanken folgte, erregte mich, und dann flößte es mir Entsetzen ein.
Ich stieß mich von dem Stallgitter ab und stolperte wieder auf den Hof zurück, weg von dem Drachen. Der Geier, der immer noch auf dem Giebel hockte, klapperte mit dem Schnabel.
Mit einem wütenden Schrei klaubte ich Steine, kleine Felsbrocken und Dreck vom Boden des Hofs auf.
»Verschwinde hier, los, verschwinde!«, kreischte ich und schleuderte Steine und Staub auf den Geist. »Verschwinde, lass mich in Ruhe!«
Einer der Steine traf den Vogel mitten gegen die Brust. Er kreischte und schüttelte wütend den Kopf in meine Richtung. Ein anderer Steinbrocken landete auf dem Dach direkt hinter ihm. Mit einem weiteren Schrei erhob sich der Geier in die Luft.
Ich lief hinter ihm her, dem Geist meiner Mutter, schleuderte ihm Steine und Schimpfworte nach. Er stieg höher, langsam, gemächlich. Mit trägen Flügelschlägen überquerte er die Grenzen der Stalldomäne und verschwand.
Ich stand keuchend auf dem Hof, die Faust um einen letzten Stein gekrampft.
Ich musste etwas essen. Das würde mich sicherlich kräftigen und mir helfen, mich dem gnadenlosen Willen meiner Mutter zu widersetzen.
Ganz bestimmt würde es das tun.
Ich musste mich mit irgendetwas behelfen, und es durfte nicht das Gift sein. Ich durfte niemals wieder in diesem verführerischen, geistesschwachen Abgrund versinken, aus dem ich mich vor knapp einem Jahr mit so viel Mühe befreit hatte.
Zitternd ging ich zurück zur Pumpe, neben der ein Haufen frisches Futter lag. Fast panisch durchwühlte ich ihn, auf der Suche nach essbaren Nüssen und Samen.