I
Auf der Polizeiwache blickte Nigel nervös in die strengen Augen von Inspektor Sharpe. Mit leichtem Stottern hatte er gerade seine Erzählung zu Ende gebracht.
»Ihnen ist natürlich bewusst, Mr Chapman, dass das, was Sie uns da erzählt haben, sehr ernst ist? Es ist wirklich sehr ernst.«
»Natürlich ist mir das bewusst. Ich wäre ja auch nicht hergekommen und hätte es Ihnen erzählt, wenn ich nicht gedacht hätte, dass es dringend ist.«
»Und Sie sagen, dass Miss Lane sich nicht genau daran erinnern kann, wann sie die Natronflasche mit dem Morphium zuletzt gesehen hat?«
»Sie ist ganz durcheinander. Je mehr sie darüber nachdenkt, desto unsicherer wird sie. Sie sagt, dass ich sie nervös mache. Sie versucht, ihre Gedanken zu ordnen, während ich hier bei Ihnen bin.«
»Wir gehen am besten direkt in die Hickory Road.«
Während der Inspektor sprach, läutete das Telefon, und der Polizist, der Nigels Geschichte protokolliert hatte, streckte die Hand aus und hob den Hörer ab.
»Es ist Miss Lane«, sagte er, während er zuhörte. »Möchte Mr Chapman sprechen.«
Nigel lehnte sich über den Tisch und nahm ihm den Hörer ab.
»Pat? Hier ist Nigel.«
Die Stimme des Mädchens klang atemlos, eifrig, die Worte überschlugen sich: »Nigel. Ich glaube, ich hab’s! Ich meine, ich glaube, ich weiß jetzt, wer es genommen hat – du weißt schon – aus der Schublade mit den Taschentüchern. Ich meine – da kommt ja nur eine Person in Frage…« Ihre Stimme brach ab.
»Pat. Hallo? Bist du noch dran? Wer ist es gewesen?«
»Ich kann jetzt nicht sprechen. Später. Kommst du her?«
Der Hörer war nahe genug, dass der Polizist und der Inspektor die Unterhaltung klar hatten verfolgen können. Durch ein Nicken antwortete der Inspektor auf Nigels fragenden Blick.
»Sagen sie ihr ›sofort‹.«
»Wir kommen sofort«, sagte Nigel. »Wir sind schon unterwegs.«
»Ja, gut! Ich warte in meinem Zimmer.«
»Bis gleich, Pat.«
Auf der kurzen Fahrt zur Hickory Road wurde kaum ein Wort gesprochen. »War dies am Ende der Durchbruch«, fragte sich Sharpe. Würde Patricia Lane konkrete Beweise haben, oder ging es nur um Vermutungen? Ganz offensichtlich hatte sie sich an irgendetwas erinnert, das ihr wichtig erschien. Er nahm an, dass sie vom Flur aus telefoniert hatte, und dass sie deshalb vorsichtig mit ihren Worten sein musste. Um diese Zeit würden viele Leute durch den Flur gehen.
Mit seinem Schlüssel öffnete Nigel die Haustür zur Hickory Road 26, und sie gingen nach drinnen. Durch die offene Tür des Gemeinschaftsraums konnte Sharpe den zerzausten Rotkopf von Leonard Bateson erkennen, der über einige Bücher gebeugt saß.
Nigel führte sie die Treppe hinauf und über den Gang zu Pats Zimmer. Er klopfte kurz an und trat ein.
»Hallo, Pat. Hier sind…«
Seine Stimme brach ab; sie versiegte in einem langen, erstickten Atemzug. Er stand bewegungslos. Über seine Schulter hinweg sah Sharpe, was zu sehen war.
Patricia Lane lag zusammengekrümmt am Boden.
Der Inspektor schob Nigel sanft zur Seite. Er trat vor und kniete neben dem zusammengekrümmten Körper des Mädchens nieder. Er hob dessen Kopf, fühlte nach dem Puls, dann ließ er den Kopf sanft wieder in seine vorige Position zurückgleiten. Er erhob sich, sein Gesicht grimmig und entschlossen.
»Das ist nicht wahr!«, sagte Nigel mit unnatürlich hoher Stimme. »Nein. Nein. Nein.«
»Doch, Mr Chapman. Sie ist tot.«
»Nein, nein. Doch nicht Pat! Liebe, dumme Pat. Wie…«
»Hiermit.«
Es war eine einfache, rasch improvisierte Waffe. Ein Briefbeschwerer aus Marmor, der in einer Wollsocke steckte.
»Von hinten auf den Kopf geschlagen. Eine sehr wirksame Waffe. Wenn es irgendeine Art von Trost für Sie ist, Mr Chapman, ich würde sagen, sie hat es nicht einmal kommen sehen.«
Nigel setzte sich, am ganzen Körper zitternd, auf das Bett. Er sagte:
»Das ist eine von meinen Socken… Sie hatte sie stopfen wollen… O Gott, sie hatte sie stopfen wollen…« Plötzlich begann er zu weinen. Er weinte wie ein Kind – hemmungslos und hingegeben.
Sharpe setzte inzwischen seine Rekonstruktion des Tathergangs fort.
»Es muss jemand gewesen sein, den sie gut kannte. Jemand, der einfach eine Socke aufheben und den Briefbeschwerer hineingleiten lassen konnte. Kennen Sie den Briefbeschwerer, Mr Chapman?« Er rollte die Socke so zurück, dass der Stein frei lag.
Nigel, der noch immer weinte, sah auf.
»Pat hatte ihn immer auf ihrem Schreibtisch stehen. Ein steinerner Löwe aus Luzern.« Er barg sein Gesicht in den Händen. »Pat – oh, Pat! Was soll ich ohne dich machen!« Plötzlich setzte er sich aufrecht hin und warf sein wirres blondes Haar zurück. »Den bringe ich um, der das getan hat! Ich bringe ihn um! Dieses Mörderschwein!«
»Ruhig, Mr Chapman. Ja, ja, ich weiß, wie Sie sich jetzt fühlen. Eine brutale Tat.«
»Pat hat nie jemandem etwas getan…«
Indem er ihm besänftigend zusprach, brachte Inspektor Sharpe Nigel dazu, den Raum zu verlassen. Dann ging er selbst zurück in das Schlafzimmer. Er beugte sich über das tote Mädchen. Ganz sanft löste er etwas aus seinen Fingern.