III
Poirots Anruf war gerade gekommen, als Mrs Hubbard eine angemessene Dosis Beruhigungsmittel aus ihrem privaten Medikamentenschrank in ihrem Zimmer geholt hatte. Als sie den Hörer aufgelegt hatte, ging sie zurück zu Mrs Nicoletis, die sie schreiend und vor Wut stampfend auf dem Sofa ihres Zimmers zurückgelassen hatte.
»Jetzt trinken Sie das«, sagte Mrs Hubbard. »Danach werden Sie sich besser fühlen.«
»Gestapo!«, sagte Mrs Nicoletis, die jetzt ruhig aber, mürrisch war.
»Wenn ich Sie wäre, würde ich nicht länger darüber nachdenken«, sagte Mrs Hubbard besänftigend.
»Gestapo!«, wiederholte Mrs Nicoletis. »Gestapo! Das ist es, was sie sind!«
»Aber die tun doch nichts als ihre Pflicht«, sagte Mrs Hubbard.
»Ist es etwa ihre Pflicht, meine privaten Schränke aufzubrechen? Ich sage ihnen noch extra: ›Da dürft ihr nicht ran.‹ Ich schließe ab. Ich trage den Schlüssel an meinem Busen. Wenn Sie nicht als Zeuge dabei gewesen wären, hätten die mir noch ohne jede Scham das Zeug vom Leib gerissen.«
»Ach nein, ich glaube wirklich nicht, dass sie das getan hätten«, sagte Mrs Hubbard.
»Das sagen Sie! Stattdessen holen sie einen Meißel und brechen meine Tür auf. Das ist Sachbeschädigung in dem Haus, für das ich verantwortlich bin.«
»Na ja, wenn Sie ihnen den Schlüssel gegeben hätten …«
»Warum sollte ich ihnen den Schlüssel geben? Es ist mein Schlüssel. Mein privater Schlüssel. Und dies ist mein privates Zimmer. Mein privates Zimmer, und ich sage zur Polizei: ›Draußen bleiben!‹, und sie bleiben nicht draußen.«
»Ja, aber denken Sie daran, Mrs Nicoletis, immerhin ist ein Mord passiert. Und nach einem Mord muss man schon gewisse Dinge in Kauf nehmen, die einem unter anderen Umständen unangenehm wären.«
»Von wegen Mord!«, sagte Mrs Nicoletis. »Die kleine Celia, die hat Selbstmord begangen. Sie hat eine dumme Liebesaffäre und sie nimmt Gift. So was passiert immer wieder. Wenn es um Liebe geht, sind sie so dumm, diese Mädchen – als ob Liebe wichtig wäre! Ein, zwei Jahre, und sie ist vorbei, die große Leidenschaft! Ein Mann ist genau wie der andere! Aber diese dummen Mädchen, die wissen das nicht. Sie nehmen Schlafmittel oder Kloreiniger und drehen den Gashahn auf, und dann ist es zu spät.«
»Na ja«, sagte Mrs Hubbard und kam zum Ausgangspunkt der Unterhaltung zurück. »Ich würde mir darüber jetzt weiter keine Gedanken machen.«
»Für Sie ist das alles schön und gut. Aber ich, ich muss mir Gedanken machen. Ich fühle mich hier nicht mehr sicher.«
»Nicht sicher?« Mrs Hubbard sah sie überrascht an.
»Es war mein privater Schrank«, beharrte Mrs Nicoletis. »Niemand hat gewusst, was in meinem privaten Schrank ist. Ich habe nicht gewollt, dass es irgendjemand weiß. Und jetzt wissen sie es. Ich bin sehr besorgt. Sie werden denken – was werden sie denken?«
»Wen meinen Sie mit sie?«
Mrs Nicoletis zuckte eingeschnappt mit ihren breiten, stattlichen Schultern.
»Sie verstehen das nicht«, sagte sie. »Aber es macht mir Sorgen. Große Sorgen.«
»Sie sollten mir alles erzählen«, sagte Mrs Hubbard. »Vielleicht kann ich Ihnen dann helfen.«
»Zum Glück muss ich nicht hier schlafen«, sagte Mrs Nicoletis. »Die Schlösser an diesen Türen hier sind ja alle gleich. Jeder Schlüssel passt überall. Nein, dem Himmel sei Dank, ich muss nicht hier schlafen.«
Mrs Hubbard sagte: »Mrs Nicoletis, wenn Sie vor irgendetwas Angst haben, wäre es dann nicht besser, Sie würden mir das erzählen?«
Mrs Nicoletis warf ihr einen flackernden Blick aus ihren dunklen Augen zu und sah dann wieder weg.
»Sie haben es doch selbst gesagt«, sagte sie ausweichend. »Sie haben gesagt, dass hier ein Mord passiert ist, in diesem Haus. Natürlich fühlt man sich unbehaglich. Wer wird der Nächste sein? Man weiß ja nicht einmal, wer der Mörder ist. Die Polizei ist einfach zu dumm, oder vielleicht ist sie auch bestochen worden.«
»Das ist alles Unsinn, und das wissen Sie«, sagte Mrs Hubbard. »Aber sagen Sie, wenn Sie einen echten Grund haben, sich wirklich zu ängstigen…«
Mrs Nicoletis bekam einen ihrer Anfälle.
»Ach, Sie glauben also, ich hätte keinen Grund, mich zu ängstigen? Sie wissen natürlich wieder alles besser! Sie wissen alles! Sie sind so wundervoll; Verpflegung, Management, Sie schmeißen das Geld für Essen zum Fenster raus, damit die Studenten Sie gern haben, und jetzt mischen Sie sich auch noch in meine Angelegenheiten! Aber das ist zu viel! Ich kümmere mich selbst um meine Angelegenheiten, und niemand steckt seine neugierige Nase da rein, hören Sie? Niemand, Mrs Naseweis.«
»Ganz wie Sie wollen«, sagte Mrs Hubbard verärgert.
»Sie sind eine Schnüfflerin – ich habe es immer gewusst.«
»Wonach sollte ich denn wohl schnüffeln?«
»Nach nichts«, sagte Mrs Nicoletis. »Hier gibt es nichts zu schnüffeln. Wenn Sie etwas anderes glauben, dann ist das nur ein Ergebnis Ihrer regen Phantasie. Und wenn man hier Lügen über mich verbreitet, dann weiß ich sehr wohl, wer sie verbreitet.«
»Wenn Sie wünschen, dass ich gehe«, sagte Mrs Hubbard, »brauchen Sie das nur zu sagen.«
»Nein, Sie dürfen nicht gehen. Das verbiete ich. Nicht jetzt. Nicht solange ich all diese Sorgen mit der Polizei, mit dem Mord und mit all diesen anderen Sachen am Hals habe. Ich lasse nicht zu, dass Sie mich jetzt im Stich lassen.«
»Na gut«, sagte Mrs Hubbard hilflos. »Aber es ist wirklich schwierig zu wissen, was Sie eigentlich wollen. Ich glaube, manchmal wissen Sie das selber nicht. Legen Sie sich jetzt lieber hin und schlafen Sie erst einmal…«